Das gelang auch vollkommen und etwa vier- oder fünfhundert Schritt tiefer unten näherten wir uns endlich dem wirklichen Rand der Klamm, der gerade an dieser Stelle von einem mit Laatschen bewachsenen Felsenvorsprung überhangen wurde.

Zum Abäugen gab es keinen bessern Platz, und vorsichtig krochen wir, die Hüte und Stöcke abgelegt, ich nur mit der Büchse im Anschlag hinaus, die untere Schlucht von hier zu übersehen.

Dort stand ein Bock – da drüben an der Wand, gleich unter ein paar kleinen mit gelbem Laub noch spärlich bedeckten Espen. Das wenige Gras abäsend, das in der Spitze von zwei dort von verschiedenen Seiten niederspringenden Bächen wuchs, ging er langsam umher, vorsichtig dabei oben hinauf windend, und den Blick zugleich, mit dem halb schräg gedrehten Kopf, nach der Tiefe drehend. Aber er schien das mehr aus alter Gewohnheit zu thun, als daß er wirklich eine Gefahr gefürchtet hätte. Der Morgen war so still, die Schlucht lag so ruhig, und so lange hatte Nichts den Frieden hier gestört – armer Bock – es geht uns Menschen eben so. Die Gefahr naht gerade da am liebsten, wo wir sie am allerwenigsten erwarten, und gut für uns dann, wenn sie uns gerüstet findet.

Unser Schlachtplan war bald entworfen. Ragg wollte zwar gern, wie es gewöhnlich die Jäger in den Bergen thun wenn zwei zusammen pirschen gehn, mich hinunter auf den Wechsel schicken, und dann selber oben hinum schleichen und dem Bock in den Wind kommen, oder sich auch zeigen, wodurch er ihn mir dann vielleicht hinunter getrieben hätte. Durch das Anpirschen an den verwünschten Spießer war aber schon ein guter Theil des Morgens verloren gegangen, und da er einen tüchtigen Umweg hätte machen, und ich selber an die andere Seite der Klamm hinüber klettern müssen, an der der Wechsel lag, blieb es immer die Frage, ob wir nicht doch zu spät kommen würden. Ueberdies äste sich der Bock gegen den Wind hinauf. So beschloß ich denn mein Glück mit Anschleichen zu versuchen und rasch zogen wir uns jetzt von unserem Ausguck zurück, unterhalb desselben eine gedeckte Stelle zu finden an der ich in die schroffe Klamm hinabsteigen konnte.

Das gab ein bös Stück Arbeit. Durch einen ziemlich weit hineinragenden Vorsprung gleich unterhalb verdeckt, war allerdings hier keine Gefahr daß uns der Bock hätte sehn können, und den Wind bekam er eben so wenig, denn der wehte noch scharf und stät die Klamm nieder, aber wie an einer Wand ging es hinab, und mit der Büchse auf dem Rücken, die den Ungeübten oft im Klettern hindert, war die Sache doch viel leichter berathen als ausgeführt. Ueberdem steigt es sich zehnmal besser bergauf, als in die Tiefe nieder. Aber dort stand der Bock und hinunter mußte ich; so die Zähne zusammen beißend und den Bergstock, als treuen Helfer fest in den steinigen, mit lockerem Geröll bedeckten Boden stemmend, ging die Fahrt zu Thal. Manchmal löste sich, trotz aller Vorsicht, ein kleiner Stein, und rollte polternd in die Tiefe, aber theils waren wir noch zu weit von der Gemse entfernt, theils achten auch die Thiere auf dies Geräusch, das sie in den Bergen gewohnt sind, nicht sonderlich viel. Fortwährend lösen sich in diesen steilen Hängen, besonders nach feuchtem Wetter, kleine und größere Steine los, und auf den größeren Reißen klappern sie fast ununterbrochen fort.

Hier nun eine Laatsche ergreifend, mit Hülfe ihrer zähen Zweige ein Stück hinab zu kommen, dort mit dem eingestemmten Stock niederrutschend und jeden vorspringenden Stein aufmerksam benutzend, den Fuß darauf zu ruhen, kamen wir endlich glücklich unten an. Ob der Bock freilich noch oben stand oder nicht, ließ sich von da aus nicht mehr erkennen. Da er sich aber dicht an dem sprudelnden Bach geäst, wo das Geräusch des Wassers schon selber Vieles übertäubt, hatten wir die Hoffnung daß er unsere Niederfahrt nicht gehört, und folgten nun selber dem Bach rascher und zuversichtlicher aufwärts.

So leicht und glatt jedoch dieser Theil des Weges von oben ausgesehn hatte, so schwierig fanden wir ihn hier. Riesige Felsblöcke lagen überall umher zerstreut, und hie und da schlossen die Wände diese so eng ein, daß sich das Wasser über sie hin den Weg bahnte – und diesem schlüpfrigen Pfad mußten wir folgen. Was that's – wenn nur der Fuß und Bergstock sich da einklammern konnte, die Nässe kümmerte uns Nichts, und mühselig aber doch ziemlich rasch arbeiteten wir uns aufwärts.

»Dort stehn die Espen,« flüsterte mir da mein Begleiter zu; und schon konnten wir die Wipfel der beiden kleinen Bäume, dicht über denen wir den Bock zuletzt gesehn, auf ungefähr zweihundert Schritt Entfernung erkennen.

Wie mir das Herz da an zu klopfen fing – wie der Athem so schwer wurde – aber vorwärts. Jeder Augenblick nutzlosen Säumens konnte uns das Wild verlieren lassen, und der ganze mühselige Weg wäre umsonst gewesen.

Hier lief die Schlucht auf kurze Strecke glatt und gerade aus, und gleich darüber zog sich ein kleiner, spärlich mit Laatschen und Erlen bewachsener Hang empor. Dem mußten wir folgen. Der Boden war auch weich hier und zum Anpirschen trefflich, und von dem oberen Theil des Hangs blieb höchstens noch eine Strecke von etwa sechzig Schritt bis zu den Espen. In wenigen Minuten war die zurückgelegt. –

Jetzt hatte ich den höchsten Punkt erreicht – ein paar Felsblöcke dicht vor mir sperrten noch die Aussicht auf den kleinen Grasfleck auf dem der Bock stehen mußte, wenn er nicht schon vorher das Weite gesucht; aber zu ihnen anpirschend brachten sie mich ihm auch soviel näher. – Mir war dabei zu Muthe, als ob mir Jemand die Kehle mit Gewalt zuschnüre; ich konnte keine Luft bekommen und drückte mich hinter dem einen Felsen nieder, erst wieder ruhig zu werden.

Ragg sah aber die Bewegung, und als ich den Kopf nach ihm umdrehte geberdete er sich, ohne jedoch den geringsten Laut von sich zu geben, wie ein Rasender. Vorsichtig auf den Boden niedergedrückt, gesticulirte er nämlich mit beiden Armen auf alle mögliche Art und Weise daß ich schießen solle; er hatte jedenfalls den Bock gesehn. – Zeit war auch in der That nicht mehr zu verlieren, und die Zähne aufeinander beißend, spannte ich rasch und geräuschlos die Büchse, nahm sie in Anschlag und – da prasselte und polterte es in den Steinen, der Bock ging flüchtig, und wie ich jetzt mit einem verzweifelten Satz hinter dem mich bergenden Steine vorsprang, sah ich eben noch, wie einen Schatten, den schwarzen Körper des Wildes im Laatschendickicht verschwinden.

»Jesus Maria und Joseph!« hörte ich hinter mir die verzweifelte Stimme meines Begleiters, aber ohne mich nach ihm umzusehn, übersprang ich rasch den kleinen Grasfleck, von dort aus vielleicht den Bock noch irgendwo an der Wand, wenn auch flüchtig, erkennen zu können. So rasch vermochte er doch nicht daran hinauf zu laufen, daß ihn die Kugel nicht noch erreicht hätte. Da bröckelte gerad' über mir ein Stein, und wie ich aufschaute sah ich den Bock der eben an der Spitze einer niederlaufenden Laatschenzunge einen kleinen Vorsprung erreicht, dort einen Augenblick hielt und seinen scharfen warnenden Pfiff ausstieß. Gerade als er sich wandte, mit einem Satz das schützende Laatschendickicht, das ihn jeder weiteren Verfolgung entzogen hätte, zu gewinnen, schickte ich ihm meine Kugel hinauf. Als sich der Rauch verzog, war er verschwunden.

»Den haben Sie heilig gefehlt!« schrie aber jetzt der herbeispringende Ragg, und machte Bewegungen dabei als ob er sich nur erst geschwind die Arme ausrenken wollte, ehe er aus der Haut führe.

Ich hatte zu rasch gezielt meiner Sache ganz sicher zu sein, und mochte wohl etwas kleinlaut aussehn.

»Aber um Gottes Willen, haben Sie ihn denn nicht gesehn, wie er da hinter dem Steine stand? – breit – so Sie hätten ihn mit einem Stein todtwerfen können.«

»Aber ich stak ja auch hinter den Steinen, Ragg, und konnte ihn von dort aus nicht sehn.«

»O Jesus, o Jesus!« lamentirte der Jäger und schlenkerte den Kopf herüber und hinüber.

Der scharfe Pfiff einer Gemse, oben aus den Laatschen antwortete ihm.

»Na ja, da geht er hin – dem thut kein Haar weh!«

»Aber wollen wir nicht einmal auf den Anschuß sehn? Ich muß ihn getroffen haben.«

Ragg erwiederte Nichts, seufzte nur tief auf, drückte den Hut – den er abgenommen hatte sich bequemer kratzen zu können – wieder auf den Kopf, warf sich die Büchse um und stieg mit einer Miene die steile Wand hinauf, als ob er hätte sagen wollen: – »Na ja, nachsehn muß ich, das ist meine Schuldigkeit, aber die Gemse die ich da oben finde, freß ich mit Haut und Haar.«

»Und soll ich nicht mitgehn, Ragg?«

Er schüttelte mit der Hand – das gewöhnliche Zeichen für nein unter den Jägern und setzte dann, sich halb umdrehend hinzu – »es geht sich hier nicht besonders bequem, und wir müssen doch nachher an die andere Seite der Klamm hinüber.« –

»Es geht sich hier nicht besonders bequem,« – es war eine völlig senkrechte, etwa sieben Fuß hohe Wand, an der er sich nur mit Hülfe einiger kleiner Laatschenbüsche hinaufarbeitete. Ueber dieser hatte er aber etwas bequemere Bahn, und während ich ihm von unten zusah, und meine Büchse dabei wieder lud, erreichte er den Platz auf dem die Gemse, als ich feuerte gehalten. Er blieb oben aufrecht stehn, und sah sich rings am Boden um.

»Ein klein wenig mehr links, Ragg!«

Das fatale Schütteln mit der Hand war die einzige Antwort. Gefehlt! es war wirklich zum aus der Haut fahren, und damit die ganze schöne Morgenpirsche verdorben, denn hier in der Klamm war nun Nichts mehr zu machen. Plötzlich bog er sich auf den Boden nieder und hob ein Blatt auf, das er genau besah, und mit dem Finger abwischte. Um mein Leben gern hätt' ich gerufen »Schweiß?« – aber ich fürchtete das nichtswürdige Handschütteln. In dem Augenblick war Ragg auch in den Laatschen verschwunden, und in peinlicher Ungewißheit blieb ich in der Klamm zurück.

Da bröckelte weiter oben ein Stein. – Etwa hundert Schritt höher die Klamm hinauf, wo sich ein Arm derselben rechts ab und in das Joch hineinzog, war ein anderer kahler Vorsprung – dort hing Ragg am oberen Rande und schwenkte den Hut.

»Der Bock?«

»Hier liegt er!«

Wie ich die Wand hinaufgekommen bin weiß ich heute noch nicht, aber oben war ich, und dort lag der Bock – ein prächtiger starker, etwa vierjähriger Bursche, gerade auf's Blatt geschossen – aber ohne Bart. Die langen Rückenhaare schienen gänzlich zu fehlen. Freilich auf sehr natürliche Art, denn Ragg hatte sie schon, wie sein Vetter früher, in Papier gewickelt in der Tasche – mußte sie indessen ebenfalls wieder herausgeben.

Den Bock schafften wir jetzt zusammen zum Wasser hinunter, hingen ihn dort mit den Krickeln an einen niedergebogenen Erlenbusch, und waideten ihn aus. Ragg schnürte ihn dann in seinen Bergsack, und still dabei vor sich hinlachend daß wir ihn doch erwischt – denn die Jäger setzen einen Stolz darein, wenn sie mit Jemand pirschen gehn ihn auch zum Schuß zu bringen – kletterten wir auf der anderen Seite der Klamm hinaus, nach einer Nachbarschlucht hinüberzuhalten, und dort unser Glück noch einmal zu versuchen.

Ragg schwamm jetzt in seinem Element und erzählte eine Jagdanekdote nach der andern: wie er mit dem und jenem Herrn gepirscht wäre und das und das erlebt, und wenn ich ihn bat ruhig zu sein, da wir hier doch vielleicht Gemsen antreffen könnten, beruhigte er sich stets mit einem zuversichtlichen – »ah, hier ist Nichts.«

Die Folge davon war daß uns bald darauf wieder ein einzelner Bock anpfiff, und den Hang hinauffloh. Auf etwa fünf Minuten brachte ihn das zum Schweigen, dann aber fing er von vorne an, und ließ sich auch nicht wieder irre machen. Einmal über das andere lobte er aber dabei meine Fertigkeit im Steigen – die gewöhnliche Bergschmeichelei. Wenn ein Schütz aus dem flachen Lande mit einem Bergjäger zusammengeht, und nur einigermaßen vom Fleck kommt, macht ihm schon der Mann die größten Elogen was er für ein vortrefflicher Steiger sei, und denkt sich dabei: »na Du solltest einmal mit mir da und dort hin gehn, da würdest Du schön hängen bleiben.« – Es ist das gewissermaßen ihr Kleingeld im Verkehr mit der Civilisation, mit dem sie sich Cigarren und Guldenstücke eintauschen.

Ich will ihnen aber auch nicht Unrecht thun; bei Manchen mag es wirklich Ernst sein, und sie haben sich die flachen Landbewohner so steif und ungeschickt gedacht, daß sie schon auf's Aeußerste erstaunt sind wenn sie außer den Pirschpfaden nur mit fortkommen und deshalb rechnen sie ihnen das geringste Außergewöhnliche vielleicht schon so hoch an.

»Und ich dachte heilig Sie hätten ihn gefehlt,« wiederholte er wieder und wieder. – »Er sprang mir gar so geschwind in die Laatschen hinein. Es wär' aber eine Schand gewesen, wenn wir den Bock nicht gekriegt hätten.«

Seine Last im Bergsack schien ihn nicht im Geringsten zu stören, und rasch und munter, viel zu rasch und munter für einen Pirschgang, schritten wir vorwärts bis zur nächsten Klamm.

Die Sonne war indessen höher gestiegen und warf auf die ziemlich dünn bewachsene Seitenwand des Berges ihren vollen Strahl. Wir hatten uns auch die letzte Stunde höher und höher hinaufgehalten, den Vortheil des jetzt aufziehenden Windes zu haben. So erreichten wir den oberen Theil der Nachbarschlucht, und mit ihr den Pirschweg wieder, der drüben hinlief, postirten uns gedeckt an den Rand und äugten mit unseren Gläsern den inneren Theil der Klamm sorgfältig ab.

Ragg hatte aufmerksam den unteren Theil abgesucht aber Nichts gefunden, als ich zufällig gerade hinunter schaute und dort, etwa sechshundert Schritt unter uns, einen alten Bock mitten in der Wand stehen sah, der hier schon heraufgestiegen schien seine Siesta nach eingenommenem Mahl zu halten. Ein Wink genügte für den Jäger, und wir Beide beobachteten jetzt aufmerksam den alten Burschen, der gar so ernst und ehrbar den weiß gestreiften Kopf nach rechts und links und in die Tiefe drehte, nur nicht ein einziges Mal nach oben blickte.

Ragg war mit seinem Plan bald fertig.

»Wenn wir Zeit hätten,« sagte er, nach seiner dicken silbernen Taschenuhr sehend, »so blieben wir hier ruhig bis um zwei Uhr liegen. Der Bock thut sich jetzt nieder und steht bis dahin wieder auf, wo er dann leicht überredet werden könnte hier herauf zu kommen. Wenn wir aber um vier Uhr in der Riß sein wollen, müssen wir früher Anstalt machen. Erst können wir indessen abwarten was er vor hat; ob er da gedenkt sitzen zu bleiben, oder nicht.«

Ohne Weiteres warf er jetzt seinen Bergsack mit dem Bock zu Boden, seinen Hut und sich selbst daneben und holte aus der Tasche das mitgenommene Frühstück hervor, die Zeit die uns hier blieb, wenigstens so zweckmäßig als möglich zu verwenden. Ich folgte seinem Beispiel.

7.
Ragg's Erzählung vom Wilderer.

»Sehn Sie die Laatsche da drüben?« nahm da Ragg das Gespräch, das aber jetzt mit unterdrückter Stimme geführt wurde, wieder auf – »gleich die da drüben; die, wo das Dickicht bis zum Abgrund hinläuft, hinüber hängt?«

»Ja, Ragg – aber ich kann da drüben Nichts erkennen.«

»Ist auch jetzt nichts mehr da zu sehn« sagte er, leise dabei vor sich hin lachend, »fünf Jahre sind's aber jetzt, da hat die eine Laatsche, die dort über die steile Wand hinüber hängt, einem Malefizkerl von Wilderer einmal einen großen Gefallen gethan.«

»Einem Wilderer?«

»Ich und der Wastel« erzählte Ragg jetzt weiter, nachdem er erst noch einmal einen vorsichtigen Blick nach unten geworfen, ob der Bock noch dastände, »waren drüben am Scharfreuter gewesen, und an der Grenze hingegangen, theils zu sehn ob das Wild dort viel herüber wechsele, theils auch umzuschauen ob wir keine fremde Fährten finden könnten, denn daß hier Wilddiebe von Baiern herüber kämen hatten wir schon gehört. Den Morgen um neun Uhr etwa war ein leichter Schnee gefallen, und es schneite noch in dünnen, einzelnen Flocken, als wir oben an der Luderstauden, gerade wo die oberste Klamm gegen das Joch vorläuft, eine ganz frische Mannsfährte fanden, die keiner von uns kannte. Das konnte niemand anders als ein Wilderer sein, und während Einer die Fährte hielt, während der Andere scharf umher schaute, ob er den Burschen nicht vielleicht so, aus freier Hand entdeckte, folgten wir so rasch und leise wir konnten.

»Das ging nun allerdings gut, so lange wir oben am Joch blieben, denn dort lag wenigstens Schnee genug zum Spüren, der Malefizkerl hatte das aber auch wohl bedacht und war in eine der nächsten Klammen hinein, und Gott weiß wie darin herum gestiegen, so daß wir auf den kahlen Steinen zuletzt die Spur verloren, und nun nicht wußten wo er geblieben war. Wastel wollte nun zwar wir sollten uns trennen und nach verschiedenen Seiten suchen. Hatte er sich aber irgend wo eingedrückt und sah uns anpirschen, so wäre ein Einzelner verloren gewesen; auf zwei schießen die Schufte aber nicht so gleich.«

»Hanthiert nur nicht so mit den Händen, Ragg, Ihr liegt überhaupt zu nah an der Wand, und wenn der Bock einmal den Kopf hier herauf dreht, muß er ja die helle Hand in der Sonne herum fahren sehn.«

»Der steht noch baumfest« erwiederte der Jäger, indem er einen Blick hinunter warf, und dann einen halben Schritt von dem Rand des Hanges wegrutschte.

»Und der Wilddieb?«

»Warten Sie nur – die Fährten nahmen im Ganzen die Richtung nach dem Leckbach zu. Wastel glaubte nun freilich nicht daß er sich soweit von der Grenze weggemacht hätte. Das blieb sich aber ganz gleich, Grenze oder nicht, denn drüben auf königlichem Gebiet hatte er jedenfalls eben so wenig Recht zu jagen wie hier, und erwischten ihn die Jäger, so ging's ihm nicht um ein Haar besser, als wenn wir ihn kriegten. Wir äugten also aus dem Wald heraus, die ganze Leckbach sorgfältig ab, spürten noch einmal über das Joch hinüber, auf dem Schnee, und mußten endlich glauben, er habe uns vielleicht irgendwo auf seiner Spur gesehn, und sei wieder in das andere Revier, wohin wir ihm nicht folgen durften, zurückgewechselt. Viel Zeit hatten wir übrigens auch nicht mehr zu verlieren, denn wir wollten die Nacht noch nach der Grasberg Alm, und mit dem Umhersuchen war der Tag ziemlich drauf gegangen. So stiegen wir denn rasch hinter einander her aufwärts, als mich der Wastel plötzlich, ohne ein Wort zu sagen, am Arm packt, und dort hinauf zeigte, etwa in die Gegend, wo der dürre Baum da oben auf der schmalen Lanne steht. Ich guckte hin, und kauerte da nicht der verdammte Hallunke so ruhig auf einem umgefallenen Baum, und kaute an einer Brodrinde, oder irgend etwas anderem, als ob er daheim in seiner Hütte, und nicht mit der Büchse auf einem fremden Revier säße?«

»Der kann nicht mehr fort« flüsterte mir dabei der Wastel zu – »ich springe hier unten herum, Du von der Seite hinauf, und dann haben wir ihn in der Mitte – vorn ist die Klamm, und da kann nicht einmal ein Gemsbock hinunter!«

»Wie wir ihn nur erst gewahr wurden, hatten wir uns gleich hinter einen Laatschenbusch gedrückt, und ohne weiter ein Wort zu reden, rutschte der Wastel ein Stück auf der Erde fort, bis er in einen kleinen Graben kam. Den annehmend, schnitt er dem Wilderer den Weg von jener Seite ab, denn hätte der's erzwingen wollen, braucht' er ihn ja nur über den Haufen zu schießen. Mir konnt' er auch nicht mehr wegkommen, und wie ich sah daß der Wastel war wo er sein sollte, pirscht ich mich noch vorsichtig auf etwa hundert Schritt von dem Burschen an, legte dann meinen Hut, Bergsack und Stock ab, nahm die Büchse herunter, und sprang was ich springen konnte den Berg hinauf.

»Ich hatte noch keine drei Sätze gethan, da fuhr er schon mit dem Kopf herum – der Art Gesellen haben ein schlecht Gewissen – und mich sehn, aufspringen und die Büchse an den Backen reißen, war das Werk eines Augenblicks. Zu gleicher Zeit schrie ihm aber auch Wastel sein drohendes »Halloh« entgegen und wie er den zweiten Mann sah, und nun wohl merkte daß es ihm an den Kragen ging, setzte er die Büchse erschrocken ab. Ich hätte ihn jetzt bequem umschießen können,« fuhr Ragg ruhig fort, »aber wir wollten ihn gern lebendig haben, und – wenn's nicht gerade sein muß, ist's doch immer eine häßliche Geschichte. So also schrie ich dem Burschen zu: seine Büchse fort zu werfen, oder er wäre ein todter Mann, und sprang zu gleicher Zeit wieder rasch auf ihn ein. Daran dachte er aber nicht, und umdrehn und in die nächsten Laatschen hineinfahren, war im Nu geschehn.

»An manchem andern Platz wäre das nun vielleicht recht gut gegangen, denn Jemanden durch die Laatschen zu verfolgen, ist ein verzweifelt mühselig Ding; hier aber mußte er keinesfalls wissen, wohin die führten. Der ganze Laatschenstreifen war keine zwanzig Fuß breit, und unter ihnen weg sank der Abgrund, während der Wastel und ich den einzigen Ausweg, der nach rechts und links abführte, leicht überschießen konnten.

»Jetzt haben wir ihn« schrie Wastel auch, als er vorwärtssprang und in die Laatschen mit hinein setzte, – »pass' nur da draußen auf, Ragg, daß er nicht über die Lanne springt!« – Aber er kam nicht weiter – ein furchtbar gellender Schrei tönte plötzlich vom Rand der Klamm herüber und als wir erschreckt und lautlos halten blieben, hörten wir erst unten etwas hartes gegen die Felsen schlagen, und gleich darauf schallte der Schuß der durch den Sturz losgegangenen Büchse zu uns herauf.

»Gott sei seiner armen Seele gnädig« sagte der Wastel und drehte sich schaudernd um. – Wir Beide standen jetzt still und horchten, aber Nichts ließ sich hören.

»Ob man wohl hinunter sehen kann?« sagte ich endlich.

»Ich mag's nicht sehn« meinte der Wastel – »ich hab' genug an dem Schuß.«

»Ich arbeitete mich jetzt durch die Laatschen durch, wo ich gleich vorn den Hut des Wilderers fand. Wie ich aber an den Rand kam, hingen die Zweige tief darüber hinunter und zwischen der Wurzel der einen durch, bröckelte das Gestein los, und stürzte mit hohlem Fall in den Abgrund nieder. Ich stand auf den Zweigen schon über der Tiefe. Es wurde mir unheimlich da draußen und ich kroch zum Wastel zurück.

»Wollen wir hinunter klettern und nachsehn?« sagte ich endlich. Der Wastel erwiederte Nichts, wir warfen unsere Büchsen über den Rücken und stiegen thalab, mußten auch einen großen Umweg machen unten hinein zu kommen, und es mochte immer eine Stunde darüber hingegangen sein, eh' wir den Platz erreichten. Indessen hatte es stärker an zu schneien gefangen, und der Wind heulte so häßlich durch die hohle Klamm – es war ein gar so fatales Gefühl, da unten nach einem zerschmetterten Menschen zu suchen. Wir hatten ihn aber doch nicht umgebracht, er war selber dahinunter gesprungen, und wenn wir ihn auch dazu getrieben, ei, was zum Teufel hatte er auf fremdem Revier zu suchen.«

»Da liegt die Büchse« sagte der Wastel plötzlich, – der Kolben war abgebrochen, und das Gewehr durch den Sturz losgegangen – aber wo war der Wilderer? Gerad in die Höh' konnte man bis oben hinauf unter die überhängenden Laatschen sehn, an ein Anhalten unterwegs war nicht zu denken, die Wand bog sich dort sogar nach innen, und selbst der Bergstock lag etwa zehn Schritt von der Büchse entfernt – aber kein Blutfleck, auf dem der dünne fallende Schnee in keinem Fall liegen geblieben wäre. Oben durch war er auch nicht gekommen, so lange wir oben standen, und wir zerbrachen uns jetzt den Kopf, was aus dem Burschen geworden sein könne. Gewißheit mußten wir aber darüber haben. Wastel nahm deshalb das zerbrochene Gewehr, ich den Stock, und wir ließen uns die Müh' nicht verdrießen und kletterten noch einmal hinauf. Hol's der Deixel, der Vogel war ausgeflogen, und zwar seit wir den Fleck verlassen hatten, denn die ganz frische Spur im »Neuen« ließ auch nicht den mindesten Zweifel darüber. Todesangst mußte er aber in der Zeit daß wir oben suchten ausgestanden haben, denn wie wir jetzt Alles ablegten und vorsichtig dahinauskrochen, woher die Spur kam, fanden wir daß er die ganze Zeit über, und bis wir fort waren, da draußen über dem Abgrund, an den Zweigen des Laatschenbusches gehangen haben mußte. Außen an der Wand waren die Spuren seiner Fußspitzen, als er sich wieder hinaufgearbeitet, und wenn einer von den dünnen Zweigen gebrochen oder ihm nur die Hand ausgerutscht oder »verkrampft« wäre, lag er unten bei seinem Gewehr, den Hals wie den Kolben gebrochen.«

Ragg hatte die ganze Geschichte in einem, nur ihm allein von allen Jägern eigenthümlichen, schauerlichen Bergdialekt und mit flüsternder Stimme erzählt, wobei man wirklich mit peinlicher Aufmerksamkeit zuhören mußte, zu verstehn was er meinte. Vorsichtig schaute er dabei dann und wann über den Hang hinunter, den Bock nicht aus den Augen zu verlieren. Der stand aber noch baumfest da unten und rührte und regte sich nicht.

»Und habt Ihr nie erfahren wer der Wilderer war?«

Ragg schüttelte den Kopf und meinte, still dabei vor sich hinlachend: »Der ist damals mit ausgerupften Federn davongekommen, wird aber wohl an der Lektion über dem Abgrund dadrüben genug gehabt haben. Wir haben ihn hier drüben wenigstens nie wieder gespürt. Uebrigens« – setzte er, leise mit dem Finger dabei drohend hinzu – »wußte er auch wohl warum, und daß wir ihn jetzt kannten. Wo er sich wieder hätt' sehn lassen, wär' ihm eine Kugel gewiß gewesen.«

Ragg prahlte nicht im Mindesten; es herrscht zwischen den Jägern und Wilderern im Gebirge noch ein so romantisches und vollkommen ausgebildetes Faustrecht, wie es sich der Dichter, der die Poesie ganz aus der Wirklichkeit verschwunden wähnt, gar nicht besser wünschen könnte. Wo sich Jäger und Wildschütz im Berg begegnen, ist es zwischen Beiden eine Sache auf Tod und Leben, und wer am schnellsten die Büchse an den Backen reißt, und den Anderen über den Haufen schießt, hat gewonnen. Der Jäger ist allerdings stets im Vortheil, denn er hat für alle Fälle das Gesetz auf seiner Seite; draußen auf Gottes freier Alm aber, und mit den wilden Bergen um sich her, wo alle »Civil- und Militairbehörden umsonst ersucht werden dem mit rechtsgültigen Paß Reisenden, nöthigenfalls Schutz angedeihen zu lassen,« hülfe ihm das oft gar wenig, wenn er nicht, außer dem Gesetz auch noch die eigene Waffe bei sich führte, mit der er den auf ihn anlegenden Wilderer rasch und für immer unschädlich macht.

Daß er es thut, kann ihm auch Niemand verdenken, denn sein eigenes Leben ist in jedem Fall, wo er einem Wilderer begegnet, mehr als bedroht – es ist ernstlich gefährdet. Ob der Mann da drüben, den er mit der Kugel in den Abgrund wirft, daheim Weib und Kind hat, die ohne dem Ernährer verderben müssen, was kümmert's ihn – auch er hat Weib und Kind daheim, und denen sich zu erhalten ist ihm erste Pflicht.

Das klingt nun vielleicht im ersten Augenblick recht schwer und schrecklich, daß, einer einzigen Gemse wegen, so manches Leben genommen, so manche Familie unglücklich und elend gemacht wird, aber wollen wir nicht alle Gesetze von Mein und Dein aufheben, soll überhaupt noch ferner ein Eigenthumsrecht auf der Welt bestehn und dies vom Staat geschützt werden, so darf den Leuten eben das Wilderen nicht gestattet werden, und sanfte Mittel reichten nimmer aus, es zu verhindern. Wo so ein Gemsjäger den eigenen Hals mit Vergnügen riskirt in Nacht und Nebel in den Gebirgen umher zu klettern, ein Gemsthier zu erlegen, würde er sich wahrlich durch ein paar Wochen darauf gesetzte Strafe nicht abhalten lassen – und in wenigen Jahren wären die Berge leer.

»Und welch ein Unglück wäre das?« hör' ich Viele sagen, »lieber alle Gemsen der Welt, als ein einziges Menschenleben.« Es ist das eine von den Phrasen, die scheinbar die ganze Humanität auf ihrer Seite haben und doch nicht wahr sind. Die Burschen die sich einmal an das Leben eines Wilderers gewöhnt haben, sind, so lange ihnen solch wildes Treiben ihr Dasein fristen kann, zu jeder anderen ruhigeren und stäten Beschäftigung verdorben, und fehlten ihnen die Gemsen oder das Wild in den Bergen, so nehmen sie Anderes, was sie grad' bekommen können. Gestattet man ihnen aber das Recht Gemsen und Wild zu schießen, warum denn nicht auch Ziegen, Schafe und Rinder? Das Rothwild muß so gut im Winter gefüttert werden, als das zahme Vieh und warum soll der Besitzer von wilden Heerden nicht ebenso in seinem Recht geschützt sein wie der von zahmen? Der Polizeidiener, der in irgend einer Stadt einen Dieb auf frischer That ertappt und den Gerichten, dem Zuchthaus überliefert, ruft über die Häupter der unschuldigen Familie des Unglücklichen eben so viel Noth und Elend herein, mit Schande noch dazu in den Kauf, als der Jäger, der den Wilddieb niederschießt. Der Polizeidiener sah dabei nicht einmal sein eigenes Leben gefährdet, und trotzdem wird es Niemandem einfallen ihn zu tadeln und zu verdammen.

Das ist übrigens eine Sache, die Jäger und Wilddiebe ganz allein unter einander ausmachen. Der Letztere, wenn er mit der Büchse in die Berge geht, weiß ganz genau welcher Gefahr er sich aussetzt, und ist meist von vornherein entschlossen ihr eben mit den Waffen in der Hand zu begegnen. Wie der Dieb, der Nachts in ein Haus einbricht und das Messer dabei im Gürtel stecken hat, verübt er gewiß keinen Mord, wenn er bei seinem Geschäft nicht gestört wird. Ertappt man ihn aber und will ihn festhalten, oder sieht er selbst nur die Gefahr erkannt und verrathen zu werden, dann wird aus dem einfachen Räuber auch ein Mörder.

Daß die Gefahr des Steigens in den Bergen, und die Möglichkeit eines zufälligen Sturzes der Leidenschaft wilder Herzen auch wohl dann und wann Vorschub leistet, und manche rasche dunkle That befördert und verdeckt, ist wohl leicht erklärlich. Die tiefen oft vollkommen unzugänglichen Schluchten sind dabei ein sicheres Grab, das nur der Jochgeier und Kolkrabe findet und heimsucht, ekle Stücken Beute von dort seinem Horste zuzutragen.

Aber der Bock?

Dort unten stand er noch so still und regungslos, was den Körper wenigstens betraf, wie ein wirklich künstlich ausgestopfter und aus irgend einer Liebhaberei gerade hier hergestellter Gemsbock. Nur der weiß gestreifte Kopf schien Leben zu haben, und bewegte sich langsam bald nach dieser bald nach jener Seite.

»Da unten stehn jedenfalls Gemsen« flüsterte Ragg endlich, nachdem wir ihn wieder eine ganze Zeit lang schweigend beobachtet hatten, »es wird doch am Ende besser sein ich steige hinunter, und sehe zu daß ich ihn hier herauf bringe – der Wechsel ist gleich dort drüben an der kleinen Kiefer.«

Ragg ging nicht gern fort, denn er liebte es sich auszusprechen. Der Wunsch den Bock noch zu bekommen war aber doch stärker und überwand seine Schwatzhaftigkeit. So seinen Bergsack wieder schulternd, und Hut, Stock und Büchse vom Boden aufgreifend, gab er mir noch eine unbestimmte Anzahl von Vorsichtsmaßregeln, und verschwand dann im Dickicht, den nöthigen Umweg zu machen und dem Wild später unten in der Klamm in den Wind zu kommen.

Ich lag indessen oben, unter dem dichten Laatschenbusch auf der Brust und hatte jetzt Zeit und Muße genug den Bock zu betrachten. Drei Viertelstunden blieb er auch noch etwa auf derselben Stelle, den Platz nur manchmal um einen Schritt zur rechten oder linken wechselnd. Ein paar Mal kratzte er sich mit dem Hinterlauf vorn am Hals und hinter dem Gehör. Die Gemsen unten mußten aber verschwunden sein, denn er sah nicht mehr hinab, und es war fast als ob er sich nieder thun wollte, als er plötzlich rasch und aufmerksam den Kopf emporhob. Jedenfalls hatte er den nahenden Jäger in den Wind bekommen, oder auch gesehn, denn er schaute jetzt still und unverwandt nach der einen Richtung nieder.

Wieder verfloß eine volle Viertelstunde, und ich begriff schon gar nicht wo Ragg nur blieb, als ich diesen plötzlich in der Klamm, unterhalb dem Bock heraufkommen sah, ohne daß dieser auch nur gewichen wäre.

»Halloh!« rief der Jäger unten, und stieß mit seinem eisenbeschlagenen Stock auf die Steine – der Bock regte sich nicht – »halloh – huh – ah!« – er rührte sich nicht von der Stelle. Erst wie der Jäger höher und immer höher stieg, und schon fast in Schußnähe an ihn angekommen war, drehte er sich langsam ab, und nahm den Wechsel an.

Ich hatte mir indessen einen Platz ausgesucht auf dem ich gut hinüber schießen konnte, sobald der Bock nur hoch genug kam, und die Wand sah aus, als ob er möglicher Weise gar keinen anderen Weg nehmen könne. Was kann aber ein Gemsbock nicht, wenn er es sich einmal in den Kopf setzt. Plötzlich, ohne daß er im Stande gewesen wäre Witterung von mir zu haben, nahm er seitwärts eine ganz steile Wand an, an der er hin galopirte, als ob er auf breiter Straße gewesen wäre. Ragg schrie und gesticulirte unten, aber Alles umsonst, das störte ihn gar nicht, und an einer Wand von etwa siebzig Fuß Höhe, die scheinbar nicht den geringsten Halt selbst für den Fuß einer Gemse bot, glitt er, halb auf den Hinterläufen rutschend, hinab, sprang unten über den Bach, setzte die andere Wand hinauf, und war wenige Minuten später im Dickicht verschwunden.

Was ihm Ragg unten nachwünschte weiß ich nicht, aber ich selber hatte jetzt da oben auch nichts weiter zu thun, und kletterte thalab, sobald als möglich die Riß zu erreichen.

8.
Ein Sonntag Morgen.

Wie freundlich das Schloß da tief im Thale liegt; wie rasch und munter der klare schnelle Strom vorüber springt, und wie so lustig die Flaggen auf den zierlichen Thürmen wehn. Die hellen Mauern und der dunkle Wald vom blauen Aether sonnig überspannt, so recht im Herzen des edlen Waidwerks mitten drin; die kräftigen Gestalten dann darum her, die Jäger – die Hunde, und dann vor Allem – kein Gasthaus in der Nähe in dem sich eine Schaar schwärmerischer Städter concentriren könnte, von dort aus ihre Picknickparthieen in die Berge hinauf zu senden – oh es ist ein wonniges – ein unbeschreibliches Gefühl der Sicherheit und Lust.

Aber nicht allein die Jagd lockt dort die Leute zusammen. Am Sonntag Morgen ziehen die Jäger und nächsten Nachbarn des Klosters nach der kleinen Klosterkirche, die sie hier mitten in die Berge eingebaut, und auch manch liebes Mädchengesicht lächelt da unter dem spitzen grünen Hut das freundliche »Gott grüß Dich« vor. – »Gott grüß Dich« – wie lieb und hold das klingt. Es giebt doch keine Sprache in der weiten Welt die noch so herzlich grüßte als die deutsche – wenn die Leute nur nicht alle das verwünschte »Regendach« trügen. Gestalten findet man unter den Bergbewohnern wie man sie sich nicht edler und kräftiger wünschen könnte, und Alle fast ohne Ausnahme mit den ehrlichen, gutmüthigen Gesichtern, und den treuen wenn auch ein Bischen verschmitzten Augen. Die Tracht ist dabei so malerisch, und selbst den Mädchen steht der grüne Männerhut so lieb auf den vollen blühenden Gesichtern, aber – gebt einem Apollo, gebt einer Venus einen rothbaumwollenen Regenschirm unter den Arm, und die ganze Poesie ist zum Teufel.

Ein solcher Sonntag Morgen in dem Thal ist auch das schönste was man sich in stiller traulicher Waldeinsamkeit nur denken kann. Noch hat die Sonne kaum die hohen Joche mit ihrem ersten Strahl gegrüßt, da mischt sich schon in das fröhliche Plätschern des Bergbachs, in das leise Rauschen der mächtigen Waldeswipfel, das harmonische Geläut der Glocken, und wenn der Himmel dann so rein und blau herniederschaut, und mit den weißen duftigen Nebelschleiern wie zum Schmuck die wundervollen Berge überhängt, dann geht das Herz dem Menschen auf, dann zwingt es ihn zur Andacht, dann wird die ganze wundervolle Welt zur Riesenkirche, und jedes rauschende Blatt, jede flüsternde Welle predigt die Allmacht, predigt die Liebe Gottes.

Die Berge sind auch der eigentliche Tempel des Herrn, denn nirgends fühlt der Mensch sich seinem Gott so nah – nirgends so klein und unbedeutend, dem Allmächtigen gegenüber.

Die Kirche ist aus. Die Andächtigen kommen einzeln und langsam aus dem Gotteshaus – nur die Frauen eilen, denn sie haben den Mittagstisch zu besorgen, und die Männer bleiben hie und da auf den Wegen plaudernd zusammen stehn. Sie haben heute Nichts zu versäumen, und es wäre auch schade, wenn sie so rasch wieder nach Haus in die engen Stuben gingen, und ihren blinkenden Sonntagsstaat nicht erst ein wenig in der warmen hellen Sonne lüfteten und – zeigten.

Wetter noch einmal wie blank sie aussehn, mit den neuen hellgrünen Hüten, den reinen Hemden und den sauber geputzten Gürtelschlössern. Manche von ihnen, den Tag recht feierlich zu begehn, tragen auch lange Hosen, aber das steht ihnen nicht; sie schlenkern auch darin die Beine beim Gehn, und bewegen die Knie herüber und hinüber. Es sitzt ihnen unbequem, und sie wissen's vielleicht selber nicht; die Knie wollen hinaus in's Freie, und da sie das nicht können, halten sie sich steif und ungelenk.

Dort aus dem Schloß kommt ein alter Mann. Er trägt, ungleich den Anderen, die nur höchstens, und trotz dem sonnigen Wetter, ihr roth oder blaues Regendach unter dem Arm haben, ein paar blecherne Milchkannen, die er heut Morgen gefüllt heruntergebracht, und jetzt wieder mit heim nimmt, oder zurück trägt wohin sie gehören.

Das ist ein Charakter, von dem wir in unserem Eisenbahn durchzogenen und durchflogenen Flachland kaum noch einen Begriff haben – giebt es ja doch selbst in den Bergen nur wenige seines Gleichen, ja kaum einen zweiten alten Gori. Es ist eine untersetzte kräftige Gestalt mit frischer Farbe und von mittler Größe, und unterscheidet sich in seinem Aeußeren durch wenig oder Nichts von den Uebrigen, aber kein Mensch sieht ihm an daß er schon zweiundsiebzig Jahre zählt, obgleich nicht soviel graue Haare auf seinem Haupte sind, und daß er sechzig davon hier in dem Thale zugebracht. Sechzig Jahre hier in den Alpen, in den engen Felsenkessel eingezwängt, ohne ein einziges Mal den Fuß hinausgesetzt zu haben in's flache Land, oder hinüber über die Alpen »auf die andere Seite.« Sechzig Jahre, und was seitdem geschehn da draußen, davon hat der Mann keine Ahnung; er kennt es nicht, er kümmert sich nicht drum. Als Knabe kam er her, auch nicht von weit, und was die nächsten Joche hier umspannen, ist für ihn die Welt. Andere haben ihm von der Herrlichkeit draußen, von den Wundern des flachen Landes, vom Dampf und seiner Kraft, vom Telegraphen, von weiten ebenen Flächen erzählt, über die man Tage lang marschiren könne, ohne den Fuß nur mehr als vom Boden zu heben; von Eisenbahnen, von Schiffen – von Amerika – er hört das auch recht gern, und nickt dazu mit dem Kopf und lächelt – aber all die Sachen haben für sein Ohr nur ein und denselben Klang: sie gehören der Welt nicht an in der die Riß fließt und existiren deshalb nicht für ihn. Amerika – das liegt »im flachen Land« – was soll er draußen?

Abgeschlossener sitzt kein Südseeländer auf seiner kleinen Insel mitten im Weltmeer, und lebt von seiner Brodfrucht und seinen Cocosnüssen, als der alte Gori hier im einsamen Thal, von Käse, Butter und Milch, und da ihm das Bedürfniß fehlt hinaus zu kommen, ist auch kein Grund vorhanden anzunehmen, daß er sich nicht vollkommen glücklich fühle. Trotz seinem Alter arbeitet er dabei noch rüstig fort, und hat sich auch wohl ein paar hundert Gulden gespart, oder hat er sie geerbt, ich weiß es nicht; in ihrem Besitz ist er aber, und das Capital scheint ihm die einzige Sorge zu machen, die er überhaupt im Leben kennt. Vorsichtiger Weise steckte er sein kleines Vermögen allerdings nicht in unzuverlässige Aktien sondern in einen alten Strumpf, die Welt aber, die er nun schon zweiundsiebzig Jahre kennt, scheint sich in dieser langen Zeit seine unbedingte Achtung doch nicht erworben zu haben, und Mistrauen bildet einen nicht unbedeutenden Theil seines sonst so einfachen Charakters. Demnach verbirgt er seinen Schatz auch bald hier bald da, ohne daß irgend Einer seiner Hausgenossen eine Ahnung hat, welcher Ort der bevorzugte sei; ja man kannte vor einiger Zeit den alten Gori noch nicht einmal als Capitalisten, bis die Sache auf eine wunderliche Art zu Tage kam. Einer der Arbeiter nämlich räumte eines Nachmittags den Holzkasten aus, und fand unten drin, zu seinem nicht geringen Erstaunen einen Strumpf mit Geld. Der alte Gori meldete sich da etwas bestürzt als Eigenthümer, und der Strumpf verschwand auf's Neue.

In früheren Jahren soll der alte Mann ein vortrefflicher Birkwildjäger gewesen sein, und da das, neben seinem Strumpf eigentlich die einzige sichtbare Leidenschaft war die er hatte, wurde ihm die Erlaubniß – die sonst nur die wirklich angestellten Jäger haben – jährlich in der Balzzeit einen Spielhahn zu schießen. Von der machte er denn auch Gebrauch, und erlegte richtig jedes Jahr den gestatteten Hahn. Vor zwei Jahren nun, doch fühlend daß er alt würde, und in einer Art von Ahnung, daß das vielleicht der letzte sein möchte den er schösse, beschloß er seine Jagd auf würdige Art zu beschließen, kaufte sich den erlegten Hahn um 48 Kreutzer, lud sich eine alte Köchin vom Schloß, die er achtete, zu Gast, und verzehrte mit ihr die muthmaßlich letzte Jagdbeute seines Lebens. Eigenthümlich muß dem alten Mann dabei zu Muthe gewesen sein.

So verging wieder ein Jahr – die Balzzeit kam auf's Neue heran, und der Greis fühlte zu seiner Freude, daß er die letzte Jagdfeier doch etwas zu voreilig angestellt habe und die Berge noch immer steigen, die Büchse noch immer führen könne. Wieder schulterte er die alte treue Waffe, suchte sein gewöhnliches Revier auf, lockte den balzenden Hahn und – das Gewehr versagte. Beim Anpirschen war ihm das Zündhütchen vom Piston gefallen, und kein zweites fand er in den ängstlich durchsuchten Taschen. Da ist er wieder zu Thal hinabgestiegen, und hat die Jagd aufgegeben, – wundern sollt' es mich aber nicht, wenn er es trotzdem dies Jahr noch einmal versuchte. Wir klammern uns ja Alle an das Leben und Keiner, mag er den Tod auch noch so ruhig und Gott ergeben erwarten, gesteht sich's gern und freiwillig ein: »ich bin jetzt fertig!«

Die Jäger, die nicht ihr Dienst gerade an ein entferntes Terrain fesselt, haben sich meist hier unten eingefunden; denen aber sieht man's an daß ihnen eine Beschäftigung, daß ihnen die Büchse auf der Schulter fehlt. Nach der Kirche schlendern sie müßig umher – und der Blick den sie manchmal zur Sonne hinaufwerfen, scheint die Zeit herbei zu sehnen, in der sie ihr fröhliches Werk auf's Neue beginnen dürfen. Auch der kleine Ragg ist unter ihnen, weiß aber von seiner Zeit besseren Nutzen zu ziehn als die Kameraden, und sucht Spielhahnfedern, kunstgerecht gebundene Gemsbärte, Stöße von Hasel-, Schnee- und Steinhuhn, und anderen Jägerschmuck zu ziemlich hohen Preisen an den Mann zu bringen.

Eigenthümlich an ihm ist selbst der Gang, mit dem er auf der belebten Straße oder im Hof dahin schreitet. Wie auf der Pirsche haftet sein Blick nicht zwei Secunden lang an ein und derselben Stelle, und sucht herüber und hinüber, bald auf den Boden hin nach den Fährten, bald nach links bald nach rechts hinüber. Wie ein Stück Wild, das draußen in den Bergen eine friedliche Heerde angenommen hat und mit ihr eine Strecke dahin zieht, scheu und mistrauisch aber der geringsten Bewegung, dem schwächsten fremden Laut mit Aug' und Ohr begegnet, während die zahmen Thiere friedlich und unbekümmert ihr Gras von der Lanne zupfen, so wandert der kleine, falkenäugige Gesell hier zwischen den ruhigen, sonntägigen Gestalten umher, und ordentlich erwartet hab' ich's oft, daß er bei dem ersten ungewöhnlichen Geräusch blitzschnell im Wald verschwinden würde.

Dort unter der hohen, breitästigen Tanne stehn zwei Männer in eifrigem, und wie es scheint, heimlichem Gespräch; wenigstens schweigt der kleinere von ihnen, der etwas ihm höchst Aergerliches vorzutragen scheint, jedesmal still wenn eine Gruppe der Jäger grüßend an ihnen vorübergeht, und wirft auch wohl einen mistrauischen, unzufriedenen Blick hinter ihnen drein. – Es ist Bandey, allerdings auch in der Jägertracht, aber doch kein rechter Jäger und mit mehr weichlichen, nicht so sonnverbrannten derben Zügen wie die Anderen, die ihn sich auch größtentheils nicht ebenbürtig halten. Er aber, der von seinem Geschäft eine ganz andere Meinung trägt, hat die Fischerei unter sich und den Forellenteich, und klagt heute Morgen dem Haushofmeister des Schlosses, einer langen würdigen Gestalt mit einer Feder hinter dem Ohr und einer Brille auf, sein schweres Leid. Sein Forellenteich ist ihm nämlich in der letzten Zeit, und nächtlicher Weise, arg geplündert worden, und er hat jetzt auf alle Welt Verdacht und traut Keinem mehr.

»Aber lieber Bandey, wer von den Jägern sollte es denn hier wagen, und Angesichts vom Schloß den Teich bestehlen? Das thäten sie ja schon nicht einmal dem Herrn zu Leide.«

»Die nicht?« sagt Bandey, der eine ganz andere Meinung von der Sache hat, »was machen die sich drauß? – sind doch die Hälft' von Allen nur zahmgemachte Wilderer. Aber ich krieg' sie. – Den Bandey lachen sie aus daß er nicht schießen könnt' – ich will's ihnen zeigen ob ich's kann oder nicht.«

»Bandey – Du wirst doch nicht des Teufels sein und wegen einem paar lumpigen Forellen ein Menschenleben –«

»Da haben sie's Menschenleben nicht sitzen wo ich sie hinschießen werde,« sagt Bandey determinirt, »aber soviel weiß ich, heute Abend setz' ich mich mit der Schrotflinten an, und die ganze Woche durch. Der Schlaf soll mich nicht verdrießen, bis ich ihn habe, und daß mir der dann nicht zum zweiten Male kommt, darauf können Sie sich verlassen.«

»Und hast Du denn auf irgend Jemand Verdacht hier herum?«

»Sie taugen Alle mitsammen Nichts,« brummt der Bandey verdrießlich vor sich hin – »die Malefizkerle die. Wo sie Einem einen Schabernack spielen können thun sie's gewiß. So ein Jäger hat einen Stolz im Kopf, das ist ganz was Erschreckliches, und glaubt, weil er mit dem Stutzen auf'm Buckel, und den Spielhahnfedern am Hut in den Bergen herumsteigen darf, er sei der liebe Herrgott. – Na Euch will ich beforellen!«

Der Haushofmeister suchte den Mann noch einmal von seinen bösen Gedanken abzubringen, aber Bandey's Groll saß zu tief, und ärgerlich über die ganze Welt, ging er heim. Was kümmerten ihn die im Sonnengold leuchtenden Berge, der blaue Himmel und das grüne Thal; daheim lud er die Flinte mit feinem Vogeldunst, und in der Nacht schon begann er seine Wacht, den Uebelthäter zu belauern und – zu strafen.

9.
Die Baumgart-Alm.

Wir Menschen sind ein ungenügsam Volk. Wenn es uns gut geht, verlangen wir's besser, und daß das nun einmal in unserer Natur liegt, mag nur ein leidiger Trost sein. Goethe kannte auch die Menschen im Allgemeinen recht gut, und daß er seinen Faust beim Packt mit dem Teufel die Bedingung stellen läßt: