»Werd' ich zum Augenblicke sagen
Verweile doch, du bist so schön!
Dann sollst Du mich in Fesseln schlagen,
Dann will ich gern zu Grunde gehn!«

ist nur ein Ausspruch dieses ewigen Drängens und Treibens, dieser rastlosen Ungenügsamkeit. Goethe war freilich kein Jäger; er hat nie die Wonne gekannt, nach dem blitzenden Schuß die scheue Gemse auf ihrer sicher geglaubten Höhe zusammenzucken, und prasselnd, klammernd in die Tiefe rollen zu sehn. Ich wenigstens wäre nach solchem Packt meinem Contrahenten schon verschiedene Male verfallen gewesen.

Kein Wunder denn daß es den müssigen Jäger, selbst aus dem reizenden Thal, aus dem freundlichen Schloß fort, und wieder hinauf in die Berge zieht, und wir segnen den Abend, der uns mit freundlichem Nicken und Sonnengruß den Bergstock auf's Neue in die Hand drückt, und unseren Pfad mit seinem schönsten Glanz, mit seinen rosigsten Tinten überstreut. Mir ging es da immer wie Jean Pauls gemüthlichem Schulmeisterlein Wuz, wenn der als Schulknabe noch in die Ferien zog – ich hatte Mitleiden mit allen Menschen die zurückbleiben mußten.

Und diesmal geht es nicht in ein bequemes Pirschhaus hinauf, sondern in den wildesten Theil der Berge, in die sogenannte Delpz, einen rauhen Thalkessel, in dessen Nähe ein Hochleger mit einer ziemlich geräumigen Almhütte liegt. Nur ein kleines Häuschen, etwa von der Größe eines zweischläferigen Schilderhauses, um ein Bett und einen Tisch hinein zu stellen, war dort aufgerichtet.

Die Leckbach aufwärts führt dorthin der wilde Weg, und rauheren Bergstrom giebt es wohl kaum in der Welt, wie jenes Thal. Der innere Kessel nämlich ist fast ganz durch das Abbröckeln und Niederbrechen der hinteren Wand, bei dem die Lawinen redlich mit halfen, vollgeschüttet worden, und riesige Felsblöcke sind von den mächtigen Schneestürzen weit thalab geschleudert, während der ganze Thalboden wie die Hänge, mit entsetzlichem Geröll (von den Bergbewohnern Reißen genannt) bedeckt liegen.

Diese Berghänge sind in steter Bewegung, denn steil und schroff ausgerissen, löst sich fortwährend locker hängendes Gestein, am meisten bei nasser Witterung und Thauwetter, ab von der Wand, und rollt und springt in's Thal nieder. Die Gemsen die dort stehn sind auch an solch Geräusch gewohnt, und achten gar nicht mehr darauf.

Oben im Baumgarten-Joch liegt die Almhütte, und selbst der Name »Baumgarten« klingt hier wie Schmeichelei, denn es wächst kein einziger Baum dort bei den Hütten, während nur von Osten her der aus dem Thal heraufdrängende Wald bis in die Nähe reicht. Der Nacken des Jochs und der benachbarten Hänge ist aber mit gutem, nahrhaftem Gras bedeckt, und nach der Delpz hinüber läuft die Lanne bis zum höchsten schroffen Rand.

Das ist überhaupt eine Eigenthümlichkeit dieser Gebirge daß sie an ihrer Nord- und Südseite einen durchaus verschiedenen Charakter zeigen. In der gewöhnlichen Bergregion und bis etwa zu 4500 Fuß tritt dieser allerdings noch nicht so augenscheinlich hervor; wie sich aber die Gebirge über diese Höhe aufstrecken, nimmt die Nordseite, während an der Südseite die Graslannen fast ununterbrochen bis zum Gipfel laufen, ihren wilden trotzigen Charakter an. Fast bei all diesen Bergen besteht der Nordhang aus schroffen, meist senkrechten Wänden die grau und starr emporragend der ganzen Landschaft etwas unbeschreiblich Großartiges, Kühnes geben, das sich aber, sowie man das Auge nach Süden wendet, ganz verliert.

Allmählig steigt man deshalb auch an der Südseite dieser meisten Berge, ohne weitere Schwierigkeit als hie und da eine etwas steile Lanne, empor, und sieht sich plötzlich, sowie man den höchsten Gipfel erreicht, an einem oben scharf abgebrochenen furchtbaren Abgrund, der jäh unter den Füßen wegsinkt, und an vielen Bergen nicht einmal von der Gemse begangen werden kann.

So steigt zum Beispiel die Carwendelwand, wie die Nordseite des Carwendelgebirgs mit Recht genannt wird, so steil und glatt empor, daß keine Gemse dort hinüber kann, und meilenweit thalab oder aufwärts wandern müßte, ehe sie einen schmalen Paß fände, der an einer oder der anderen Stelle, meist durch nieder gebrochenes Gestein begünstigt, ein Aufklimmen möglich machte – aber wir kommen dort noch hin.

Wir haben jetzt das Baumgarten-Joch betreten, und schreiten noch kurze Strecke den Hang hinab, wo die niederen flachen Almhütten, Schildkröten nicht unähnlich, auf dem Bauche liegen. Der Boden ist hier merkwürdig vom Vieh mishandelt worden, das sehr thörichter Weise immer wieder in seine eigenen Fußtapfen tritt, und die Wiese dadurch in eine künstliche Sammlung von Schlammlöchern und Grasknollen verwandelt. Im Dunkeln ist es kaum möglich über solche Stellen fortzukommen, ohne Hals und Beine, wenn auch nicht zu brechen, doch jedenfalls zu riskiren. Unterwegs war übrigens kein Wild zu sehn, da die Jäger und Lastträger etwa eine Stunde früher (Einige davon überholten wir noch unterwegs) hier eingetroffen waren. Nur dicht an der Alm angekommen, sahen wir die Jäger unter der Thür der großen Hütte stehn, und mit ihren »Bergspectiven« nach dem grasigen Rand des Delpzkessels hinaufschauen, wo sich sechs oder acht Gemsen, unbekümmert um die sich unten bewegenden Menschlein ästen. Sie waren jedenfalls Leute da unten an der Alm gewöhnt, und wußten recht gut daß ihnen die Delpz, sowie sie nur irgend Jemand gegen sich ankommen spürten, jeder Zeit einen sicheren Rückzug bot.

Die Baumgarten-Alm ist ebenfalls ein Hochleger der Sennen, und diese Art Hütten werden hier in den Alpen in Hoch-, Mittel- und Unterleger eingetheilt. In die Unterleger, die am tiefsten unten am Berg liegen, ziehen die Sennen im Frühjahr, oder Anfangs Sommer, sobald der Schnee dort gewichen ist, während die höher liegenden Strecken dem Vieh noch nicht zugänglich sind. Wie der Schnee schwindet, rücken ihm die Hirten nach, und nehmen dann im Mittelleger ihre Wohnung, bis sie im hohen Sommer mit ihren Heerden die oberen Alpen beziehen, und sich dann, freilich nur für kurze Zeit, im Oberleger einquartieren können. Der eintretende Winter oder Herbst treibt sie wieder hinab, und Anfang Oktober verlassen sie die Alpen ganz, in die tiefer gelegenen Thäler, meist nach Lenggries, Tölz und die dortige Umgegend zurückzukehren. Die meisten dieser Hirten die jene Almen pachten, sind bairische Unterthanen.

Beim Hinuntersteigen ist es indeß schon fast ganz dunkel geworden. Oben am Hang sah es freilich so aus, als ob die Hütten dicht darunter lägen, und doch, wie lange braucht man jetzt sie zu erreichen. Und die verzweifelten Grasknollen! sie sind kaum noch zu erkennen, stauchen aber den Körper bei jedem Fehltritt. Ja, es wird Nacht – nur auf den höchsten Jochen liegt noch das Dämmerlicht des scheidenden Tages.

Der Platz selber sah auch wild und abenteuerlich genug aus. Fünf oder sechs zu den verschiedensten Zwecken benutzte Almhütten lagen bunt zerstreut, die Ecken nach jeder Richtung durch einander kehrend, an dem nackten Hügelhang, und kein einziger Baum versprach gegen den Wind Schutz, für die Sonne Schatten. Der Boden selber zwischen den einzelnen, aus rohen Stämmen roh aufgerichteten Gebäuden, war von dem Vieh zu einem sanften Brei getreten, und hatte nur oberflächlich Zeit bekommen wieder abzutrocknen. Die eingedrückten Klauenspuren machten ihn dabei rauh und holperig, während er zugleich eine gewisse ängstliche Elasticität bewahrte.

Hell leuchtete indeß das Feuer aus dem inneren Raum der größten Hütte, die einem, aus Versehn platt gedrückten gewöhnlichen hölzernen Wohnhaus nicht unähnlich war. Etwa dreißig Fuß lang und zwanzig breit begann das mit Steinen reichlich beschwerte Schindeldach schon etwa sieben Fuß vom Boden, und hob sich in der Mitte höchstens bis zwölf Fuß hoch. – Wie aber sah es da im Innern aus.

Wenn noch vor ein paar Monaten, vielleicht vor Wochen, stille Hirten ihren Käse und »Schmarren« hier gekocht und hölzerne Löffel und andere friedliche Werkzeuge der Butter- und Käsebereitung auf den Querbalken der Hütte gelegen, so hatte diese jetzt dafür ein ganz anderes Aussehn gewonnen, und sich sehr zu ihrem Vortheil verändert.

Statt der schläfrigen Sennerinnen, die damals ihre Blechpfanne auf den Kohlen herumgestoßen haben mochten, wirthschaftete jetzt der Koch in schneeweißer Jacke, Mütze und Schürze zwischen dem, so gut als möglich untergebrachten Vorrath und Geschirr. Die friedlichen Hirten hatten rüstigen bärtigen Jägern Platz gemacht, und auf den Querbalken lag eine wackere Reihe von vierzehn bis sechzehn Stück Doppelbüchsen und Büchsflinten drohend ausgestreckt.

Das Eigenthümlichste in dem weiten, sonst eben nicht eleganten Raum waren aber zwei mächtige Feuerplätze, rechts und links von der Thür in den nächsten Ecken, und die Feuerstellen nur durch aufgesetzte Steine von der rohen Balkenwand, etwa drei Fuß hoch getrennt, während die Flammen lustig gegen die schon glänzend schwarz gebrannten, und wie glasirten Balken aufloderten.

Um das Feuer rechts sammelt sich jetzt die Schaar der Jäger und Träger, die kurzen Pfeifenstummel im Mund, erzählend und lachend und die Vorgänge der letzten Tage besprechend, während an dem Feuer links die Jagdgesellschaft Platz nimmt. Aber einzelne der Jäger drücken sich auch mit seitwärts an dies Feuer an. – Sie wissen schon wie freundlich man mit ihnen ist, und lauschen gar zu gern dem was dort gesprochen wird, und sie oft weit hinweg aus ihren Bergen führt.

Und merkwürdige Gestalten sieht man dabei, von denen der Leser erst die wenigsten kennt.

Weinseisen heißt einer von ihnen, ein Bursche in den besten Jahren noch, wenn auch schon mit mancher Falte in Wange und Stirn. Ihm fehlt ein Auge – aber Niemand weiß das, denn eine ziemlich breite, nach innen gekrümmte Locke hat er so trefflich über das fehlende hinüber gezogen, daß es die Lücke auch nicht auf einen Moment sichtbar werden läßt. Er gilt dabei als Einer der besten Jäger im Revier, und ist still und schweigsam; vermißt auch das eine Auge nicht, denn das andere ist so scharf, als ob es einem Jochgeier gehörte.

Ein anderer ist Michel, unstreitig der hübscheste von allen; ein junger Bursch von sechsundzwanzig Jahren, mit einem gar so offenen ehrlichen und guten Gesicht, und so treuen blauen Augen, denen das freundliche Lächeln prächtig steht. Ein guter Jäger und kecker Steiger wie Alle, hat er eine besondere Vorliebe, einen besonderen Blick für Blumen, und vom Edelweiß, das oben in den schroffen Nordwänden der steinigen Gebirge steht, bis zum blau und rothen Vergißmeinnicht das an den Bächen der hochgelegenen und geschützten Thäler keimt, sucht und findet er die einzelnen Blüthen, die der einbrechende Herbst bis dahin noch verschont. War sein Weg den Tag über noch so rauh und wild, prangt sein Hut gewiß, kehrt er Abends zurück, von einem Blumenflor.

Wie wohl thut es Einem, wenn man sich lang wieder in der civilisirten Welt herumgetrieben, und dort die ausgemergelten, faden, geputzten nur vom Schneider zusammengehaltenen Menschenbilder geschaut hat, auf so kräftige Glieder, in so ehrliche Augen zu blicken.

Die Leute da oben, ob sie fast durchaus in einer Wildniß leben, und wenig mit Menschen zusammen kommen, haben auch gar nichts Aehnliches mit dem Bauer des flachen Landes, und gleichen weit eher den ungezwungenen wilden Gestalten der amerikanischen Backwoodsmen. Der deutsche Bauer ist nur zu oft denen gegenüber die er über sich weiß, scheu, täppisch und unbeholfen, oder gar kriechend; gegen die die ihm gleich stehn und seine Untergebenen, oder gegen Aermere grob und hochfahrend. Der Bergbewohner hat dagegen eine ihm angeborene Natürlichkeit, ja ich möchte sagen Grazie, die sich in allen seinen Bewegungen ausspricht. Er ist nie scheu und verlegen, selbst nicht den Höchsten gegenüber, er ist aber auch nie grob und unverschämt, und sein natürliches Gefühl führt ihn fast stets den richtigen Weg – den Weg eines Mannes der da weiß daß er das leistet in der Welt was man von ihm verlangt – verlangen kann.

Alle diese Leute hängen dabei mit einer unendlichen Liebe an ihrem hohen Jagdherrn, und die Zeit die der bei ihnen zubringt, ist ihnen nicht eine Zeit der Mühe und Arbeit, trotz den beschwerlichen und gefährlichen Wegen die sie in den Tagen zu durchsteigen haben, sondern mehr wie ein fröhliches Fest auf das sie sich das ganze Jahr schon freuen, und das ihnen, neben der fröhlichen Jagdlust, ja auch Verdienst und Nutzen bringt. Ihr Stolz ist dabei der waidmännische Betrieb der Jagd, das Schonen des edlen Wildes, das ausgenommen, was jährlich in einem so tüchtig besetzten Revier nun einmal abgeschossen werden muß. Und daß der Herr sich dem mit solcher Lust und Liebe hingiebt, und so wacker mit ihnen über die schroffen Pfade, in die steilsten Hänge hineinsteigt, und eben so wenig die dichten ungeleckten Laatschen, wie die bröcklichen Wände scheut, das freut sie vor allem Anderen.

Und wie traulich sitzt es sich an den knisternden Flammen, die selber toll und lustig ihre goldenen sprühenden Funken zum schwarz gebrannten Dach emporwirbeln, und welchen wunderlichen Schein werfen sie auf die bunt darum gruppirten malerischen Gestalten. Es ist gerad kein fürstliches Gemach das uns umgiebt, und die rauhen Stämme die die Wand bilden, der nackte Boden, der etwas wackelige Tannentisch der in der Mitte steht, die wunderlichen »Lehnstühle« selbst am Feuer, die aus halbdurchgebrochenen rund hölzernen Schüsseln bestehn – in denen es sich aber ganz vortrefflich sitzt, – das an die Wand gehangene Tischtuch selbst, den ärgsten Zug mit abzuhalten, der doch noch außerdem Zugang genug hat, ließen vielleicht in Hinsicht der Eleganz Manches zu wünschen übrig, aber – es ist ein ächtes Waidmannslager in den Bergen, und wer daran Lust und Freude findet wie der Herzog, und nicht verweichlicht genug ist gepolsterten Sitz und mit den gewohnten Bequemlichkeiten ausgestattete Umgebung zu vermissen, dem geht das Herz hier auf, und sendet seine knisternden sprühenden Funken hinan in Kopf und Auge, wie die Flamme da.

Das ist dann die Zeit für die Erzählungen und Berichte der Jäger aus den angrenzenden, und zum ganzen Revier noch gehörenden Distrikten, denn nicht der dritte Theil vom ganzen Jagdgrund wird wirklich bejagt.

Wo in den Bergen ein verdächtiger Schuß gehört ist, wird besprochen, und wo die meisten Gemsen stehn; wie es sich mit dem Rothwild stellt, und dem Raubzeug, und ob kein Luchs wieder in den Bergen gespürt worden.

Raubzeug giebt es in der That nur noch sehr wenig im Gebirg, und wohl kann man sagen leider, daß dem so ist, denn wie viel interessanter würde die Jagd dadurch. Ließe sich aber wirklich einmal wieder ein Bär da sehn, da wär' der Teufel auch sicherlich in den Bergen los, denn Alles würde in der ganzen Umgegend aufgeboten werden ihn zu erlegen oder zu vertreiben. Begnügte er sich freilich mit Wild und Gemsen, ließen ihn die Hirten wohl gern in Frieden, aber die alten schwarzpelzigen Burschen setzen es sich in den Kopf auch manchmal ein Rind todt zu schlagen, oft aus lauter Uebermuth, oder um sich nach Tisch ein wenig Bewegung zu machen, und das können die Hirten nicht vertragen.

Auch kein Luchs läßt sich mehr in den Bergen sehn, von denen die Schweiz doch noch einige aufzuweisen hat. Nur der Fuchs treibt in ziemlicher Anzahl die hohe Jagd auf Hasel-, Schnee-, Birk- und Steinhühner, lauert dem weißen Alpenhasen auf, wenn er zu Nacht um die verlassenen Sennhütten spazieren geht, und wagt sich auch wohl, wenn ihm die Gelegenheit dazu wird, an ein Gemskitz.

Mitten zwischen den Jägern steht, um einen halben Kopf größer als irgend einer der anderen, trotz der etwas in einander gedrückten Stellung, eine rauhe, eben nicht übermäßig reinliche, aber enorm kräftige stattliche Figur, mit rothem Gesicht, blondem Haar, gutmüthigen blauen Augen, riesigen Fäusten und einem alten Maserkopf im Mund.

Braver, ehrlicher Jackel, wie manche schwere, schwere Last hast Du auf Deiner »Kraxen« unermüdet, unverdrossen immer willig, immer guter Laune hinauf zu Berg getragen, wie manche Gemse, und zwei und drei manchmal zu gleicher Zeit, hinunter in das Thal. Aber Du verdienst auch eine nähere Beschreibung, und sie soll Dir werden.

Jackel ist ein Original, aber eins, an dem man seine rechte Freude haben kann. Von kräftigem, breitschulterigem, knochigem Körperbau, stark und muskulös, und dabei viel größerer Gestalt, als man es seiner Breite gleich ansieht, eignet er sich vortrefflich für das Geschäft dem er sich, während der Jagd wenigstens, unterzogen zum Lasttragen, und es ist wirklich kaum glaublich was der Mann öfters die steilen hohen Berge auf seinen Schultern stundenweit hinauf schafft. Er theilt dabei, nicht zu seinem Vortheil, den, ich möchte fast sagen Aberglauben der Leute seines Standes und Gewerbes wie auch mancher anderer Arbeiter im Gebirg (bei den Jägern selber hab' ich es nie bemerkt), den Aberglauben nämlich, daß ihm ein reines Hemd zur Schande gereiche. – »Die Leut' müssen ja denken man arbeitet Nichts, wenn man immer wie Sonntags herumgeht« sagt er, und übertreibt seine Gewissenhaftigkeit, selbst den Schein zu vermeiden, sogar bis über den Sonntag hinüber und in und durch die nächste Woche.

Seine Lebensbedürfnisse sind dabei eben so einfacher Art. – Vom Revier kauft sich z. B. Jackel in der Herbstjagd einen starken Gemsbock – zwei Winter liefern ihm dabei zwei Gemsdecken, was gleichbedeutend mit einer ledernen Hose ist. – Das Wildpret davon wird aber, bis auf das letzte Genießbare, getrocknet und für den Winter aufbewahrt, und »in kleinen Stücken« zur Mahlzeit »daß es recht lange reicht« verzehrt. Dazu gehört aber noch Schmarren – das einzige wirkliche Bedürfniß der Bergbewohner, denn ohne Schmarren könnten sie nicht bestehn. Er ist ihnen, was der Reis dem Indier, der Damper dem australischen Schäfer, die Eichel dem californischen Indianer, die Brodfrucht dem Südseeländer, das Maniokmehl dem Neger, die Kartoffel dem Deutschen, der Mais dem Amerikaner – und die Bereitung dabei einfach genug. Sie besteht aus Mehl mit Schmalz oder Butter in der Pfanne gebraten oder geschmort. Mehl mit Milch oder Wasser angerührt kommt nämlich als Brei, wie zu einem Pfannkuchen, in die Pfanne. Hier aber wird ihm nicht gestattet sich zu einem abgerundeten Ganzen zu formiren, sondern die brodelnde, zischende, backende Masse fortwährend mit einem Messer oder anderen Instrument gestoßen und geärgert, bis es endlich zu einer bröcklichen, von dem Fett je mehr desto besser durchdrungenen Masse quillt. Mit ein paar Pfund Mehl und ein wenig Schmalz ziehen diese Leute auch im Winter, wo besonders die Jäger die entlegenen Reviere begehen müssen, wochenlang in dem Schnee der Berge umher, lagern in den einsamen öden Almhütten und behaupten daß ihnen der Schmarren mehr Kräfte gebe als selbst das Fleisch.

Eine Anekdote von Jackel wird aber ein viel besseres Bild von ihm entwerfen, als ich im Stande wäre hier mit bogenlanger Beschreibung zu liefern.

Ein älterer Herr aus der Jagdgesellschaft sah eines Tages, als er eben an einer ziemlich steilen, wenigstens sehr rauhen Wand hinpirschte, einen Mann dieselbe, nur mit einem Stock und einem Bergsack auf dem Rücken, herunterkommen. Er blieb stehn, und erkannte bald zu seinem Erstaunen Jackel der, mit einem Schuh an, und den andern Fuß nackt, über das scharfe Geröll unbekümmert niederstieg und ganz ruhig, auf die überraschte Frage des Herrn wo er den anderen Schuh gelassen, erwiderte, er habe ihn nach Lengries, der sieben Stunden entfernten Stadt, zum Schuhmacher gebracht, und müßte nun so lange bis er gemacht sei, so herumgehn. Der Schütze äußerte dabei sein Befremden daß Jackel hier in den rauhen Bergen solcher Art umherliefe, während er selber kaum mit seinen kräftigen Schuhen fortkomme. »Ja, es geht klein gut da hier« meinte Jackel ruhig, »nicht wahr es wird Ihnen sauer hier oben? – ja, wer nicht daran gewöhnt ist kommt schlecht fort – aber ein Stück weiter unten ist's schon ein Großes besser, und – wenn's Ihnen recht ist, trag ich Sie da hinunter.«

Die Proposition wurde im gutmüthigsten Ernst gemacht, und hätte es der Schütze angenommen, Jackel würde ihn mit der größten Freundlichkeit, und ohne irgend etwas Außerordentliches darin zu finden, den steilen steinigen Hang trotz seinem einen nackten Fuß wirklich hinunter getragen haben.

Heller knistert und flackert das Feuer, von neu aufgeworfenen Bränden genährt, und Jackel kommt eben mit einem Kübel frischen Quellwassers herein, den er aus dem nahen, durch eine Rinne gefangenen Quell geholt – das ist ein Trunk. Ich bin gerade sonst kein besonderer Freund von Wasser, und eigentlich der Meinung, daß der liebe Gott dies Element den Menschen nur eigentlich als Urstoff geliefert habe, es zu anderen Getränken, hauptsächlich jedoch zum Waschen zu verwenden. Dort oben in den Bergen aber, und ganz vorzüglich in der Baumgarten-Alm, quillt eine so wundervolle crystallhelle und wohlschmeckende Fluth, als ich sie noch nirgends in der weiten Welt gefunden. Ich weiß das Wasser dort wirklich mit nichts Anderem als mit Champagner zu vergleichen.

»Nun, Jackel, wie steht es mit dem Wetter?« frug man den Eintretenden – »sieht es noch gut aus?«

»Nun, es ist nur klein hübsch draußen« erwiderte Jackel, den Kübel sorgfältig in die Ecke stellend »es macht recht dunkel, und Sterne sind auch keine zu sehn – aber warm und ruhig ist's sonst.«

»Wenn nur ein Bischen Schnee käme« sagte der kleine Ragg. – »Es wäre schon recht – die Gemsen zögen sich dann alle lieber in die Joche hinauf.«

»Aber in der Delpz liegt doch Schnee?«

»Es liegt schon etwas drin, aber es dürft' mehr sein.«

»Jetzt kam's mir beinah draußen vor, als wenn ich einen Schuß danüber gehört hätt',« sagte der Jackel, »es schallte g'rad so –«

»Nun ein Wilddieb war's bei der Dunkelheit nicht,« lacht der Ragg – »es kann auch ein Stein gewesen sein, der sich irgendwo losgebrochen hat. Manchmal schallt das gerad' so wie ein Schuß.«

»Von Wilddieben habt Ihr doch hier in der letzten Zeit nichts weiter gespürt?«

»Nichts wieder, seit der Mann im vorigen Jahr drüben im Bairischen von dem Soldaten erschossen wurde – es ist überhaupt hier lange Nichts vorgekommen.«

»Aber doch der Mann der damals in den Bockgräben gefunden wurde – hat man nie erfahren wie er dahin gekommen, und wer er gewesen?«

»Nein,« sagt der große Ragg etwas zögernd – »er hatte auch schon zu lange gelegen und – war so zerfallen von dem Sturz die Wand 'nunter. Ist wahrscheinlich im Nebel verunglückt.«

»Der wurde damals gleich draußen begraben, nicht wahr?«

»Nein, ich hab' en 'nunter in's Kloster getragen,« sagte Jackel ruhig.

»Getragen? – auf den Schultern?«

»Auf der Kraxen, ja – oh er war nicht mehr so schwer denn er hatte schon seine acht oder neun Monat gelegen, aber« – setzte Jackel hinzu, und es schien doch, als ob ihm die Erinnerung schaudernd durch die Seele liefe – »'s war g'rad keine hübsche Ladung, und ich trag' Gemsen lieber.«

»Zwei Menschen sind doch auch wieder im letzten Jahr die Wand hineingefallen« sagt da der kleine Ragg, indem er die Augenbrauen so in die Höhe zieht, als ob er das, was er sagte, selber nicht glaube – »ein Mann und ein Mädchen.«

»Ein Mädchen?«

»Des Haßlich Tochter, von der hohen Alm. Sie schnitt Gras an einer steilen Lanne, unter der die Wand gerad hinunter sank, und hatte Steigeisen an den Füßen. Beim Bücken muß sie's aber versehen haben, sie kommt in's Fallen und kann sich nicht mehr halten. Ihr Bruder war dicht bei ihr, und wie er sie hinunter gleiten sieht, mit ein paar Sätzen bei ihr. Ehe er aber den Rock fassen kann, und dicht unter seiner Hand hin schießt sie fort – es war gerade schrecklich tief wo sie fiel.«

»Und der Andere?«

»War ein Enziansucher, der vom Roßkopf hinunter gefallen ist. Wie er's versehen hat, weiß man nicht. Er kam Abends nicht zu Haus, und am anderen Tag ging sein Bruder aus, ihn zu suchen – er hat ihn auch gefunden, drin in einer von den Schluchten aber – er soll schrecklich ausgesehn haben – was er noch vom Körper finden und zusammenlesen konnte, hat er im Nasentüchel nach Haus getragen.«

»Von der Scharfenwandkar ist auch ein Fremder hinunter gefallen, hat ihm aber weiter Nichts gethan,« sagte der Wastel.

»Das war ein Algäuer« schmunzelte der große Ragg.

»Ja, das kann schon sein« sagte Jackel auf seine gewohnte bedächtige, und ganz ernste Weise. Die Anderen lachten.

»War der Mann bekannt hier?«

»Oh Jackel hat seine besondere Art, wie er die Algäuer kennt« lachte der kleine Ragg.

»Ich nicht« vertheidigt sich Jackel, »aber mein Wirth meint, einen Algäuer könnt' man immer kennen. – Wenn man ihn mit einem Stück Holz auf die Nasen schlägt und er nießt nicht, so ist's gewiß Einer.«

Lautes Lachen schallte von allen Seiten der Hütte, brach aber plötzlich, wie mit einem Schlag, kurz ab, während Aller Gesichter im ganzen Raum den Ausdruck scharfer gespannter Erwartung zeigten. Nur Jackel sah sich verwundert um, und wußte nicht was plötzlich geschehen sein könne.

»Das war ein Hirsch,« flüsterte Weinseisen.

»Ja – ich glaub's auch,« sagte Ragg mit ebenso vorsichtig gedämpfter Stimme.

»Hu – ah – h – h – h!« tönte da draußen, kaum vier hundert Schritt vom Haus entfernt der Ruf auf's Neue klar und deutlich herüber, und mit einem freudigen Lächeln in den Zügen horchten alle dem wohlbekannten, so gern gehörten Laut – aber keiner regte sich.

»Hu – ah – h – h – h – h!« noch einmal der wunderbare Schrei – leider waren aber jetzt die Hunde ebenfalls aufmerksam geworden – Bergmann der mit am Feuer lag, hatte schon lang geknurrt – und Pirschmann, der draußen war, schlug an. Das mochte dem Hirsch doch nicht angenehm sein, denn er wurde nicht wieder laut.

»So was könnt' ich die ganze Nacht zugehör',« sagte Martin.

Das Gespräch lenkte indessen bald wieder in die frühere Bahn ein – in das was eben das praktische Leben der Jäger und ihre alltäglichen Erlebnisse, und dann auch wohl einmal ein außergewöhnliches Abenteuer betraf.

Merkwürdiger Weise existiren in diesen wilden Bergen nämlich gar keine Sagen, während die Schweiz deren so viele birgt. Alles was die Menschen hier umgiebt, ist reelle Wirklichkeit, und wie fast jedes andere europäische Volk seine Kobolde oder Wichtelmännchen, seine Nymphen oder Nixen, oder wo die fehlen wenigstens irgend das eine oder andere anständige Gespenst hat, das dann und wann einmal sich sehen läßt oder Glück oder Unglück bedeutet, sind diese schönen Berge hier jedes solchen geheimnißvollen Zaubers beraubt. Man hat die armen Geister mit der trockenen Vernunft sauber hinausgefegt aus Schlucht und Klamm und von den hohen Jochen nieder, auf denen sie doch gewiß einmal in früherer Zeit gehaust.

Gespenstergeschichten sind aber auch eigentlich in den Bergen nichts nütz. Der Mann braucht dort seine fünf gesunden Sinne, den Gefahren die ihm seine schwere Bahn schon ohnedies in den Weg wirft, kaltblütig die Stirn zu bieten. Es ist keineswegs gesagt, daß das Herz, das der augenscheinlichsten Todesgefahr ohne ängstliches Klopfen entgegengeht, nicht stillstehn würde, wo es sich um irgend ein abgeschmacktes, wenn nur übernatürliches Schreckniß handelt – wir haben davon auf See und Land zu viele Beispiele. Hat es der Mann allein mit der Natur zu thun, und wenn sie ihm in allen ihren Schrecken entgegenträte, kann er sich mit kaltem Blut und festem Muth noch manchmal retten – kommen übernatürliche Schrecken, kommt irgend ein toller Aberglaube dazu, so ist er fast immer verloren.

»Ist nicht neulich einmal Einem von Euch hier ein Unglück auf der Jagd passirt? – Wenn ich nicht irre, hat sich Einer geschossen.«

»Von uns nicht,« nahm Wastel das Wort. »Kaltschmidt's Bruder ging die Büchse los, und er hat sich zwei Finger zerschossen.«

»Durch Unvorsichtigkeit?«

»Nein. Er hatte einen Gemsbock erlegt, läd't seine Büchse wieder und steigt dann hinüber ihn zu holen. Dort angekommen, wo der Bock im Feuer zusammen gestürzt war, bricht er ihn auf, packt ihn in den Bergsack und hebt sich den auf den Rücken. Wie er aber die neben ihm lehnende Büchse über die linke Schulter wirft, reißt ihm der Büchsenriemen ab, oder das Leder geht aus der Schraube, und als er unwillkürlich mit der Hand zufährt, sie zu halten, greift er dabei vor den Lauf, der Hahn trifft wahrscheinlich auf einen Stein, der Schuß fährt heraus, und die Kugel schlägt ihm den vierten Finger ganz und den dritten halb weg. Nun hat er erst eine ganze Weile nach seinem Finger gesucht, ihn aber nicht wieder gefunden, und mußte ihn draußen lassen.«

»Er war doch nah bei Menschen?«

»Das gerade nicht,« sagte Wastel lachend – »er mußte drei Stunden gehn bis er zu Hause kam. Seinen Bock hat er aber darum nicht im Stich gelassen, und ist glücklich damit heim gekommen.«

Es war nichts Uebertriebenes in dem Bericht. Mit der furchtbar verstümmelten Hand hatte der Mann die schwere Gemse, die doch etwa ihre 50 östr. Pfund wiegt, den weiten Weg allein zurückgetragen, und war nachher glücklich geheilt worden.

»Und solche Fingerwunden sind gar schlecht«, meinte Weinseisen – »der Waldwart weiß auch davon zu erzählen.«

»Ja, aber ich habe mich nicht geschossen,« fiel der Angeredete in's Wort, – »mich hat ein Wilderer hinein gebissen.«

»Ein Wilderer?«

»Es sind nun schon ein paar Jahre her, da hört' ich, als ich vom Heimjoch eines Tages nieder stieg, in der Laures einen Schuß. Ich machte daß ich hinüber kam und ungefähr in der Gegend, wo ich glaubte daß es gewesen sein könnte, vorsichtig herumpirschend, sah ich plötzlich einen fremden Kerl mit einer grauen Joppe, und einem schwarzen Bergsack neben sich, auf einem Stein sitzen und ganz behaglich frühstücken. Dicht bei ihm lehnte sein Stutzen und vor ihm lag eine Geis, die er eben geschossen hatte. Der Wind ging gerade ziemlich stark und ich konnte dicht an ihn hinankommen. So, eh' er sich's versah, sprang ich auf ihn, und drohte ihn über den Haufen zu schießen wenn er die Hand nach der Büchse ausstreckte. Was wollte er machen – ich war im Vortheil und er mußte thun was ich von ihm verlangte. Ich nahm ihm also vor allen Dingen den Stutzen weg und hing ihn über, ließ ihn die Geis einpacken und aufhucken, und dann mußte er mit mir zu Hause gehn. Er jammerte freilich ich sollte ihn laufen lassen, aber das durfte ich nicht, und so waren wir bis vielleicht eine Viertelstunde vor meinem Haus gekommen, als er mich bat ich möchte ihn einen Augenblick niedersetzen lassen – er sei so müde. Er legte den Bergsack ab, und ich blieb neben ihm stehen. Wie ich nun dachte daß er gerastet, sagt' ich ihm wir wollten weiter gehn, und er gehorchte auch und that als ob er den Sack wieder aufnehmen wollte. Als er sich aber danach niederbarg, erwischte er einen Stein, den er sich wahrscheinlich schon vorher dazu ausgesucht hatte, fuhr wie der Blitz wieder in die Höh', und schlug mich damit an den Kopf. Nun glaubt' er freilich er hätt' mich, aber damit war's gefehlt. Ich packte ihn bei der Schulter und Kehle, und wenn's auch ein junger Kerl war, wär' er mir doch nicht fortgekommen. Da erwischt er meinen Daumen hier zwischen die Zähne daß ich glaubte, er hätt' ihn mir schier abgebissen, und wie ich ihn im ersten Schmerz losließ, stieß er mich von sich, und war im Augenblick nachher in den Laatschen drin. Das war das letzte was ich von ihm gesehn habe, und mein Finger wurde nachher gar arg schlimm.«

»Wie Jackel noch gewilddiebt hat, soll ihm auch einmal ein Jäger die eine Fingerkuppe weggeschossen haben,« sagte auf einmal der Kammerdiener ganz ernsthaft aus dem Hintergrund vor.

»Wer? ich?« rief Jackel, dem die Pfeife beim Zuhören wohl zwanzig Mal ausgegangen war, ganz erstaunt. »Aber schon nicht. Den hab' ich mir mit einem Handbeil weggeschlagen.« – Die anderen Jäger lachten.

»Hat nicht der Rainer vor ein paar Jahren einmal dem Jackel ein Gewehr weggenommen?« frug ich, das Bergmännle vor mir auf dem Schooß haltend und es langsam streichelnd.

»G'raubt hat er's!« rief aber Jackel, dem die Frage eine höchst fatale Erinnerung weckte – »heimlicher Weise aus der Hütte 'raus.«

»Was hatt'st Du mit einem G'wehr in der Hütte zu thun?« vertheidigte sich aber Rainer – »Du bist kein Jäger.«

»Das weiß ich,« sagte Jackel, und zieht vergebens an der ausgegangenen Pfeife, »aber damals, 48, wie die Welschen herüber kommen sollten, da hatt' ich mir ein gutes G'wehr gekauft – es kostete mich fünf Gulden, aber es schoß auch gut, und weil ich's nicht zu Haus lassen wollt', wo sie mir schon einmal mit Schroten drauß geschossen hatten, nahm ich's mit auf die Alm zum Holzhacken. Der Rainer aber der war mir nachgeschlichen und hat sich hinter 'en Busch gelegt, bis wir an die Arbeit 'gangen waren, und dann ist er hergekommen und hat es heimlich g'raubt und mit fortgenommen – und ich soll's heute noch wiedersehn.«

Jackel stand übrigens in der That in dem Verdacht früher manchen eben nicht nöthigen Spaziergang in den Bergen gemacht zu haben. Die Zeit lag indessen hinter ihm, und er läugnete das jetzt hartnäckig. So gutmüthig diese Bursche dabei sind, so schlau sind sie, und als ihm der Herzog einmal in den Bergen befahl seine Büchse zu laden, stellte er sich so ungeschickt dabei an, als ob er gar nicht wisse, was unten hin gehöre, die Kugel oder das Pulver.

Der Jagdplan auf den morgenden Tag wurde jetzt besprochen, und da wir vor Tag ausbrechen mußten, unseren Stand noch vor der Morgendämmerung zu besetzen, stand der Herzog auf, die Nacht auf seiner mit Heu gestopften Matratze unter einer wollenen Decke zu verbringen.

»Wie viel Uhr ist's? – es muß schon spät geworden sein.« Rainer hat rasch nach seiner silbernen Uhr gesehn.

»Zehn Uhr, Hocheit.«

»Zehn Uhr?«

»Point du tout, zehn Uhr!« versichert Rainer.


Die meisten Jäger schliefen in einer anderen Almhütte, in der noch Heu vorräthig lag, und krochen dort hinein. Der Kammerdiener hatte mit dem Mundkoch sein »Bett« in einer Ecke der Hütte hier gemacht, und während ein Theil der Jäger ebenfalls in's Lager kroch, sammelte sich ein anderer noch um das Feuer, stopfte sich eine frische Pfeife, und sprach sich über seine morgenden Jagdhoffnungen aus.

Auch Jackel hatte, da der Raum frei wurde seine Pfeife wieder frisch gestopft und angezündet, und ging jetzt daran seine nächtliche Arbeit zu beginnen.

Ihm war nämlich das Amt übertragen sämmtliche Schuhe der Schützen wie des Kammerdieners und Kochs zu schmieren und etwa herausgebrochene Nägel, sogenannte Zahnlücken nachzusehn und wieder auszubessern. Das hielt ihn allerdings manchmal bis spät in die Nacht beschäftigt, verhinderte ihn aber nie, Morgens der Erste wieder am Platz zu sein und Feuer anzumachen.

»Nun Jackel, wie ist es den letzten Sommer hier oben gegangen, gut?«

»Ih, muß ja wohl gut sein – ich bin ja halt immer gesund gewesen.«

»Aber er hat Aerger mit seinem Wirth gehabt,« sagt Martin, mit einem Blinzeln des linken Auges, »der hat ihm zu viel für Miethe abgefordert.«

»Ih nun ja,« sagt Jackel gutmüthig – »aber er braucht sein Bischen auch – vorigen Winter hat er mir's aber ganz geschenkt, weil ich ihm soviel erzählt habe, was die Herren hier untereinander gesprochen.«

»Und was zahlt Ihr jährlich Miethe?«

»Zwei Gulden,« erwiederte Jackel, mit einer starken Betonung des Zahlworts, und paßte einen neuen Nagel in den vor ihm auf dem Knie liegenden Schuh.

»Zwei Gulden?« ist die erstaunte Gegenfrage, »jährlich?« –

»Ja, aber ich hab' auch frei Holz dafür,« ergänzt Jackel, seine Extravaganz in Miethe doch etwas zu mildern.

»Aber das muß Er sich selber klein machen?« vertheidigt ihn der Kammerdiener wieder mit komischem Ernst, den Eigennutz des Wirths in recht grelles Licht zu setzen.

»Ih nun ja, das thu' ich gern,« sagt Jackel gutmüthig.

»Und mit was beschäftigt Ihr Euch nun den Sommer über?«

»Mit Allem was vorkommt, eigentlich aber bau' ich Cithern und Geigen.«

»So? und die sind wohl theuer?«

»Nu ja,« sagt Jackel, und zieht die Augenbrauen hoch in die Höh' – »eine recht gute Geige, was sie eine Tanzmeistergeige nennen, die kann ich doch schon nicht unter sechs Gulden zusammenbringen, und eine hübsche Wiener Cither kostet auch so viel – sie sind ein Bischen theuer, aber es ist auch große Arbeit d'ran.«

»Und die gewöhnlichen sind billiger?«

»Ei ja schon – aber doch auch immer zwei bis drei Gulden – unter dem ist's nicht möglich. – Oh ich verdien' ein recht hübsches Geld und Viele haben's noch schlimmer wie ich, in den Bergen –«

Ehrlicher Jackel – wie wohlthätig wäre es Manchem der seine Einnahme nach Tausenden zählt, und immer noch nicht zufrieden ist, immer nicht auskommt, und mit dem Schicksal murrt, sich einmal mit einem solchen Mann zu unterhalten. Wie wenig braucht der Mensch und wie viel braucht er eigentlich. – Mit wie wenigem können Leute glücklich und zufrieden sein, und wie häufig laden wir uns selber da draußen in dem tollen Treiben das wir die Welt nennen, neue und neue Lasten, neue und neue Bedürfnisse auf, keuchen unter dem thörichten Gewicht, das wir freiwillig mitschleppen, und klagen das Schicksal an, daß es uns nicht zu Hülfe kommt.

Es ist Nacht – schon halb im Schlaf hör' ich noch das Klopfen Jackels, der die pyramidenköpfigen Randnägel in die geschmierten Schuhe schlägt. Der Wind hat sich dabei aufgemacht und heult über das Joch, und der Regen schlägt kaltpeitscheud auf das Dach nieder. – Dort steigt der Jackel, mit einem Schuh an, den halbverwesten Leichnam auf der Kraxen, die steile Wand hinunter, und statt dem Bergstock trägt er eine Cither unter dem Arm. – Und wie das prasselt und donnert um uns her. – Das ist ein Rudel Gemsen das über die Reißen setzt und hier hernieder stürmt – und jetzt ist die Büchse abgeschossen. Rasch das Pulver hinein, und die Kugel mit dem Pflaster obendrauf – heiliger Gott sie steckt fest – der Ladstock bringt sie nicht hinunter, und dort steht das ganze Rudel und starrt uns an. – Ha – jetzt geht's – langsam rutscht sie nieder – der kalte Schweiß läuft mir von der Stirn – jetzt sitzt sie – der Ladstock springt – und nun ein Kupferhütchen. – Das eine rutscht aus den Fingern und fällt zwischen die Steine – die Gemsen sehen die Wand hinunter – in der Tasche muß doch noch eins stecken – keins mehr zu finden – und da auch nicht – da wieder nicht – halt hier ist richtig noch eins im Futter drin und nun nach. Noch können die Gemsen nicht aus Schußweite sein, und wenn ich jetzt hinab nach jenem Absatz springe – ha, wie die Steine unter dem flüchtigen Fuß hinwegstieben und nieder, nieder rollen in die Tiefe – weiter und weiter – und jetzt – der ganze Berg rollt. Wie eine furchtbare Fluth schiebt sich die ganze Decke in's Thal hinab dem steilen Abgrund zu, und dort gähnt schon die furchtbare Tiefe schwarz herauf. – Die überhängende Laatsche faßt noch die zitternde Hand, das Gewehr poltert nieder und unten – tief unten in der Nacht hör' ich den dumpfen Knall und wenn der Zweig jetzt – er knackt – er dreht sich in der Hand – hinab – ha – – Gott sei Dank – es war nur ein Traum! Was man für Dinge in den Bergen träumt.

Die Almhütte.

10.
Die Delpz.

Draußen ist's still geworden. Durch das kleine Fenster schaut das Siebengestirn freundlich herein und der Sturm scheint vorüber zu sein. – »Schritte vor der Thür?« – wahrhaftig schon Morgendämmerung, der Kammerdiener kommt zu wecken.

Wie die kalte frische Luft durch die Nerven zieht und die Haut prickelt, aber den Schlaf auch dafür im Nu von den Lidern scheucht. Und was für ein wunderbares Dämmerlicht, da oben auf die hohe Rasenwand der Delpz fällt, und wie nah und niedrig jetzt die Berge aussehn. – – Fangt aber nur an zu steigen und sie dehnen und strecken sich und ihre Gipfel wollen nicht näher kommen, stundenlang.

Jetzt Gesicht, Brust und Hände im kühlen Quell gebadet – nun hinein an das knisternde Feuer so rasch als möglich eine Tasse Kaffee zu bekommen und dann fort, denn eine tüchtige Strecke haben wir zum heutigen Treiben noch zu machen.

Der Mundkoch, zwischen einer Quantität Töpfe und Kannen ist indessen emsig beschäftigt das Frühstück für die Jäger herzustellen, und der Kammerdiener besorgt das Gleiche für die Jagdgesellschaft.

Ueberhaupt ist dieser das Factotum in den Bergen, das Kammrad um das sich die ganze Maschinerie des inneren Ministeriums wenigstens dreht. Stände er einmal still, es gäbe eine Heidenconfusion. Er hat für Alles zu sorgen und sorgt für Alles; die ganze Einrichtung verschwindet auf dem einen Pirschhaus und taucht auf dem anderen wieder auf. – Niemand wüßte wie, wenn nicht die Träger hie und da beim Treiben oben an einer Wand dem Pirschpfad folgend sichtbar würden, und gewissermaßen die Fäden zeigten, an denen sie bewegt werden.

Aber von all den tausend Kleinigkeiten, an die zu denken ist, vergißt er selten oder nie etwas. – Alles ist besorgt, alle Träger sind zur rechten Zeit bestellt und an den rechten Ort gewiesen – Erkundigungen sind schon vorher eingezogen ob an dem neuzuwählenden Platz Heu vorhanden ist, Matratzensäcke und Kopfkissen damit auszustopfen, wie es mit dem Proviant gehalten wird, den der Haushofmeister vom Jagdschloß aus hinauf befördern läßt. – Die Träger die das Essen heraufbringen, nehmen denn auch gewöhnlich die erlegten Gemsen mit, und Boten wechseln dabei herüber und hinüber. Er ist zugleich Tafeldecker und Kammermädchen, Haushofmeister und Kammerdiener, bessert erlittene Schäden aus und beugt neuen vor – hat Alles von Instrumenten und Utensilien in Vorrath was man sich nur denken kann, ein ganzes Arsenal von Knöpfen, Nadeln, Zwirn, Nägeln, Bändern etc. etc. etc.

In seiner ärgsten Geschäftigkeit trägt er dabei einen weißen Hut; nur Morgens nach dem Frühstück wenn Alles abgefertigt, wenn die ganze Jagd hinausgezogen ist in die Berge, und ihm das Feld allein überlassen wurde, dann hat er eine gestrickte Mütze die er aufsetzt, und die Beruhigungsmütze nennt. Dann ist Frieden im Reich, und höchstens Jackel mit den übrigen Trägern zurückgeblieben, seine Anordnungen auszuführen.

Aber fort – fort; draußen hellen sich schon die Höhen und der Morgen bricht sonst an, ehe wir die, noch ziemlich ferne Schlucht erreichen. Kalt und frostig schickt ein scharfer Nordost seinen eisigen Hauch herüber, und die Glieder müssen wir durch Gehn erwärmen. Das ist auch leichte Arbeit in den Bergen, denn jetzt an steiler Lanne hin, den kaum sichtbaren Pirschpfad folgend, jetzt thalauf und ab, fühlt man die Kälte bald nicht mehr, und gar nicht lange, so zeigen die fallenden Schweißtropfen und die heiße Stirn eine ganz andere Temperatur, als die beim Ausgang war.

Die Nacht, oder vielmehr gegen Morgen hatte es etwas geschneit und in dem Delpzkessel selber, an der Nordwand, lag auch noch Schnee von einem früheren Fall her. Dort wurde ich hinaufgeschickt, und zwar so weit, daß ich bis dicht unter die steil anlaufende Wand und auch eine Strecke nach unten – wo außerdem noch gegenüber eine Wehr hinkam, schießen konnte. Die Parole war dabei: ruhig und still liegen zu bleiben und sich nicht zu rühren, denn das Geringste was sich regt, gewahrt die Gemse.

Der einzige günstige Platz den ich mir da oben, wo auch nicht der geringste Busch, nicht die kleinste Laatsche stand, aussuchen konnte, war in einem flachen Erd- oder vielmehr Schneekessel, denn der ganze Hang lag dicht mit gefrorenem Schnee bedeckt. Im Bergsack hatte ich allerdings den für solche Fälle höchst nöthigen Mantel und war auch noch von dem raschen Marsch warm genug, trotz den nackten Knieen eben keinen Frost zu fühlen – aber das Treiben wollte nicht beginnen. Eine Viertelstunde verging – eine halbe – eine ganze Stunde – und noch regte sich nicht das Geringste, weder auf der Höhe von Treibern, noch im Kessel drin von einer Gemse.

Die Zähne fingen mir jetzt an zusammen zu schlagen und ich kauerte mich eine Weile so eng ich konnte auf dem nichtswürdig kalten Schnee zusammen. Die Neugierde läßt den Menschen aber auch da nicht ruhn, und vorsichtig wieder den Kopf hebend, schaute ich mit abgenommenem Hut über den Rand der kleinen Höhlung in der ich lag, ob sich denn noch gar Nichts sehen ließ. Zu hören war nicht das Mindeste.

Einen wunderbaren Anblick bot, als der Tag völlig angebrochen war und die Sonne das hohe pyramidenförmige Joch des Scharfreuters beschien, der Kessel selber. Die Dämmerung hatte sich aus diesem noch nicht ganz hinausarbeiten können, und der Schnee der auf den Reißen der Nordseite lag, schillerte in bläulich matter Farbe. Kein einziger Busch war zu erkennen; nur drüben unter dem Scharfreuter der die südliche Grenze desselben bildet, wuchsen kleine verkrüppelte Laatschen. Links hob sich dabei die vollkommen kahle schroffe Wand viele hundert Fuß empor und grad' aus lief sie zu einem engen niederen Passe nieder.

Wenn man so da lag und hineinschaute, sah es auch aus als ob der ganze Platz kahl, und leicht zu übersehen wäre, nicht eine Ratte hätte sich ja darin verbergen können, außer vielleicht hie und da hinter einem niedergebröckelten Stein. – Ich war aber mistrauisch gegen diese Augentäuschung geworden, die mich schon einige Mal irre geführt, und untersuchte vorsichtig auch den kleinsten dunklen Punkt mit meinem Fernrohr.

Wenn es nur nicht so furchtbar kalt gewesen wäre – und dann der Schweiß vorher. Wunderbarer Weise hat aber ein Temperaturwechsel, der im flachen Lande und in der dicken schweren Luft da unten die schlimmsten Krankheiten nach sich ziehen müßte, hier nicht die geringsten Folgen. Man friert eben oder wird heiß, und mit der Ursache ist auch die Wirkung vorbei.

Zwei volle Stunden mochte ich so auf der einen Stelle gelegen haben, da klapperte ein Stein! – noch in weiter Entfernung zwar, aber es war da jedenfalls etwas unterwegs. Oben auf der Wand wurde auch jetzt ein Jäger sichtbar – nicht größer wie ein Fingerglied stand er oben, und nur sein ha – ho! schallte klar und deutlich nieder. Da donnerte ein Schuß durch den Kessel, und brach sich rasselnd an der rauhen Wand – ich sah auch den blauen Dampf in einem kaum erkennbaren Wölkchen aufsteigen, weiter war aber nichts zu sehn. Da – dort waren Gemsen, sieben – acht – neun Stück, klein wie die Ameisen die an einer Kalkwand hinlaufen, sprangen sie über den weißen Schnee der Reißen, gerad' nach mir zu. Die kamen sicher hier herüber. Jetzt sind sie plötzlich verschwunden – das was ich von hier für ebenen Grund gehalten, sind tiefe Schluchten und Spalten und einer von diesen folgend haben sie sich dem inneren Kessel zugewandt, dort vielleicht hinunter und in das Thal nieder zu brechen. Aber dort steht auch ein Schütze der sie schon empfangen wird.

Es sieht wundervoll aus, wenn die kleinen winzigen Dinger so flüchtig über die Steine wegsetzen. Was für einen Spektakel sie dabei auf dem Geröll machen – und doch sind sie so weit entfernt. Jetzt kommen sie dort plötzlich, als ob sie aus der Erde herausdrängten, wieder zum Vorschein. Hei, wie sie dem Engpaß zuspringen an dem – Wie von einer Kugel getroffen, knickte ich zusammen und in den Schnee hinein, denn dort vor mir – kaum vierhundert Schritt entfernt, und in schnurgerader Linie auf mich zu, kam ein alter pechschwarzer Bock langsam über den knatternden Schnee daher getrollt. Vorsichtiger Weise hatte ich mir heute Morgen ein weißes Tuch mitgenommen, das ich jetzt über den Kopf band, die dunklen Haare zu verdecken, dann die Büchse spannte und mich nun langsam aufrichtete, den Bock zu empfangen, oder wenn er zu weit nach unten einbiegen sollte, anzuspringen. – Er war stehn geblieben, und schaute jedenfalls nach dem Rudel hinunter das jetzt durch den vom Schnee freien Kessel setzte. Wie er so dastand sah er wahrhaftig aus wie ein dreijähriger Keuler, so schwarz und zottig und anscheinend plump auf den Füßen.

Ich fing jetzt vor Kälte und Aufregung an zu zittern, daß mir die Glieder ordentlich am Leibe flogen, aber das dauerte nur wenige Momente, und jetzt drehte sich auch der Bock langsam nach mir um und – verschwand. Im Schnee war er auf einmal wie geschmolzen, und da ich fürchtete daß er auch am Ende, wie das Rudel, irgend eine Spalte angenommen haben könnte und dieser dann thalab folgte, sprang ich in die Höh' und aus meiner Höhlung heraus auf den höheren Rand, dort jedenfalls mehr Uebersicht zu haben, und einen freieren Schuß zu bekommen. Unwillkürlich sah ich dabei nach unten hin, als es über mir wieder krachte und der Bock jetzt, der dort auf's Neue zum Vorschein gekommen war, und mich jedenfalls gesehen hatte, in voller Flucht über den Schnee fort und dem steilen Felsrand zusauste, der ihn vor meiner Kugel gesichert hätte. Die wurde ihm aber, ehe er noch zwanzig Sätze gemacht; die Kugel schlug auch vortrefflich und der Bock zeichnete; nichts destoweniger setzte er mit unverminderter Schnelle seinen Lauf fort, und mein zweites Rohr – versagte.

Das todte Niederschlagen des Hahns auf das Hütchen ist unter allen Umständen ein fataler Laut, hier aber, nachdem man ein paar Stunden im Schnee gelegen hat und bald erfroren ist, bringt es Einen wirklich zu gelinder Verzweiflung und man faßt unwillkürlich die Büchse, als ob man ihr etwas zu Leide thun wollte – man thut ihr aber Nichts.

»Piff – paff« – ging es jetzt auch unten im Thal, und als ich den Kopf dorthin wandte, sah ich wie das Rudel den schmalen Engpaß angenommen, und trotz dem dort stehenden Schützen forcirt hatte.

Mir machte jetzt indeß mein eigner Bock zu schaffen, und vor allen Dingen den abgeschossenen Lauf wieder ladend, und dem anderen ein frisches Zündhütchen aufdrückend, nahm ich meinen Hut und Bergstock, und kletterte an dem harten Schnee hinauf, den Anschuß zu untersuchen. Der Bock selber war lange um die Felswand verschwunden.

Schweiß! – beim Himmel! ein großer dunkler Tropfen, gleich dort wo ich die Fährte fand, und weiter zurück wo die Kugel in den Schnee gefahren, lagen abgeschossene Haare. Der Bock hatte hier gleich vom Anfang an auf beiden Seiten geschweißt; und war jedenfalls durchgeschossen. Für jetzt ließ sich indessen weiter Nichts thun als den Anschuß zu verbrechen – aber womit? Kein Busch stand auf tausend ja vielleicht zweitausend Schritt. Ich that endlich das Einzige was mir übrig blieb, ich legte meinen Hut auf den Schweiß und stieg nun in's Thal hinab wo sich die Schützen schon sammelten. Oben auf der Wand halloten die Treiber noch, und warfen dann und wann Steine nieder. Lärm genug machten die allerdings, wenn sie mit hohlem Sausen in's Thal hinab donnerten; nützen konnten sie aber für den Augenblick Nichts weiter.

Nach halbstündigem Marschiren näherte ich mich endlich der Stelle wo unser Jagdherr einen starken Bock erlegt hatte. Er lag dicht unter der Wand und der glückliche Schütze stand neben ihm. Martin kam eben seitwärts vom Treiben herein. Da löste sich oben ein kleiner Stein von der Wand, kam herunter gesprungen, und schlug etwa zehn Schritte vom Herrn ein. Er kam übrigens hoch genug nieder, dem unten Stehenden den er traf, noch ein tüchtiges Loch in den Kopf zu werfen, – wenn nicht mehr zu thun.

»Werft keine Steine mehr da oben 'runger!« rief Martin hinauf, und hielt sich den Hut hinten, um besser nach oben sehn zu können.

»Ja!« lautete die Antwort und gleich darauf donnerte und krachte es oben, als ob ein Felsblock nieder käme. Ich war noch ein Stück davon entfernt, konnte aber deutlich sehn wie Herr und Diener eben noch Zeit behielten unter einen vorhängenden Felsblock zu springen, als die etwa kopfdicken Brocken niederprasselten.