»Ihr sollt keine Steine mehr oben herunter gewerf!« schrie Martin jetzt wieder, sobald das Geröll unten anlangte, indem er vorsprang den Befehl hinaufzurufen.
»Ja!« lautete die, wie ärgerlich gegebene Antwort und mit dem Ruf zugleich donnerte es auch auf's Neue von oben wieder, und jagte Martin eben so rasch unter die Wand, um welche die zerschellenden Stücken herum spritzten.
»Ihr sollt nicht mehr werfen!« schrieen jetzt andere Jäger hinauf, und Martin wollte eben einen neuen verzweifelten Versuch machen dem Steinhagel Einhalt zu thun, denn die Lage seines Gebieters fing dort unten an gefährlich zu werden; wieder aber schickte ihn eine neue Ladung zurück, und ich selber konnte von der Stelle aus auf der ich stand deutlich erkennen, wie sich der oben stehende und hitzig gewordene Rainer die größte Mühe von der Welt gab, nur recht rasch noch ein paar frische Steinbrocken aufzutreiben, oder von der Wand loszutreten und nieder zu senden. Er hatte keine Ahnung davon welch Unheil er anrichten konnte. Nur mit entsetzlicher Mühe brachten wir ihn auch endlich, durch vereintes Geschrei dahin, von seinem Bombardement abzustehen, denn während ihm von unten aus zugerufen wurde mit Werfen aufzuhören, hielt er das fortwährend für eine Aufforderung mehr Baumaterial herunter zu lassen, weil er, seiner späteren Aussage nach, glaubte man hätte irgendwo an der Wand einen alten hartnäckigen Bock entdeckt, der nicht heraus zu bringen wäre, und »den wollen wir schon kriegen, dacht' ich.«
Der erlegte Bock wurde jetzt zum Eingang der Delpz und auf den scharfen Rand gebracht, der direkt zum Scharfreuter herunterläuft. Dort sammelten wir uns alle, von da aus ein zweites Treiben das am Wisinger Berg gemacht werden sollte, zu umstellen – aber vorher ein wenig zu frühstücken.
Eine zweite Gemse die unten geschossen worden, war jetzt auch herbei gebracht und Martin beschrieb gerade wie er von oben hereingekommen, und den erlegten Bock an der Wand hinaufklettern gesehn, als er seinen Bericht plötzlich mit dem halbunterdrückten aber ängstlich hervorgestoßenen »Ein Bock!« unterbrach, und zu gleicher Zeit deutete der Arm mitten in den Kessel hinein, derselben Wand zu, von der Rainer sich vor noch kaum einer halben Stunde die größte Mühe gegeben hatte Alles niet- und nagellose nieder zu senden.
Und er hatte recht; trotz dem Lärm, trotz dem Rufen und Schreien, trotz dem vielen Schießen endlich, da wir nach dem Treiben unsere Büchsen abgefeuert, kam da schon wieder ein Bock in's Thal herein, und schien die Wand entlang die Richtung gerade auf uns zu zu nehmen.
Noch war er allerdings so klein, als ob eine Maus auf der Schneebahn hinliefe; die Thiere äugen aber ganz vortrefflich und wir wußten Alle daß wir uns nicht rühren durften, wenn er nicht augenblicklich umdrehen und den Rückwechsel annehmen sollte.
»Was thun wir jetzt?«
»Ich laufe hinten herum und schneid' ihm den Weg ab,« rief Martin schnell bereit, »wenn die Anderen dann wieder oben auf den Rand gehn und die paar Pässe besetzen, muß er hier heraus.«
»Aber es sind außen herum zwei Stunden Wegs bis zu der Wand dort drüben,« sagte Einer.
»Ich lauf's in einer halben,« versicherte Martin, und versprach keinesfalls mehr als er leisten konnte.
»Sowie wir hier aufstehn sieht uns der Bock,« flüsterte Ragg.
»Wir brauchen nicht aufzustehn,« lachte der Herr und gab das Beispiel zum allgemeinen Rückzug, indem er sich langsam hinten überbog. Ohne den Körper oben wieder zu zeigen glitt er so nach hinten, und rasch, aber mit nur mühsam unterdrücktem Lachen folgten Alle in derselben Art. Komisch genug muß es auch ausgesehn haben, und wenn Jemand hätte oben vom Berg aus diese plötzliche wunderbare Bewegung der ganzen Jagdgesellschaft beobachten können, ohne die Ursache zu wissen, wäre er mit Recht erstaunt gewesen. Das Manoeuvre hatte jedoch vollständigen Erfolg; der Bock gewahrte nicht das Mindeste und Alle eilten jetzt, von dem Hang gedeckt, den ihnen bestimmten Plätzen zu. Es konnte auch wahrlich kaum eine halbe Stunde gedauert haben als Martin, der die Ausdauer eines Windhundes hat, sich an dem entgegengesetzten Felsvorsprung zeigte und der Bock, also beunruhigt rasch dem bequemsten Ausgang zueilte der gerade vor ihm lag. Da freilich mußte er in etwa hundertfünfzig Schritt von dem Felsblock vorbei hinter dem unser Gastherr geschickt sich verborgen hatte. Daß er in voller Flucht ging half ihm ebenfalls Nichts. Er bekam die Kugel seines Namenvetters [3] mitten auf's Blatt, lief noch etwa sechzig Schritt, und brach dann zusammen.
[3]: Die doppelläufigen Büchsen in denen die Läufe übereinander liegen, werden Böcke genannt.
Durch dieses Intermezzo war nun freilich der Tag für ein zweites Treiben zu weit vorgerückt, und Martin wurde mit Pirschmann auf meinen kranken Bock geschickt. Leider brachte er von der Nachsuche blos meinen Hut zurück, denn der Bock der jedenfalls hoch und hohl durchgeschossen worden, hatte den Berg angenommen und war, obgleich tüchtig schweißend, über die Grenze gegangen. – Gemsen sind überhaupt entsetzlich hart, und laufen, selbst bei tödtlichem Schuß, oft noch eine lange Zeit. Eine hoch geschossene Gemse, wenn die Kugel nicht gerade das Rückgrat zerschlägt, kommt fast immer durch, oder ist wenigstens in den meisten Fällen für den Jäger verloren.
Daß sich die Böcke übrigens, wie wir heut mehre gesehn, schon von den Rudeln abhielten und einzeln umher zogen, war ein Zeichen daß die Brunft bei ihnen begonnen hatte. In der Zeit ist der Gemsbock ein so eigenthümliches wie merkwürdiges Thier. Ehe er sich wieder mit seines Gleichen einläßt, scheint er sich erst eine Zeitlang in sich selbst zurückzuziehn, stellt sich ganz allein, und nur mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt in steile Wände und Klammen ein, nimmt sehr wenig Nahrung zu sich, und spielt mit einem Wort den ächten »Oansiedl vom Berge.« Sowie aber die wirkliche Brunftzeit beginnt verläßt er diese verdeckten Orte und steigt auf die Joche, am liebsten zu schmalen Stellen auf, von wo er nach beiden Seiten hinab und nach den vorbeiziehenden Rudeln niederschauen kann. Auch auf einzelne vorspringende Felsen geht er gern hinaus, einen besseren Ueberblick über die Thäler zu gewinnen. Schließt er sich endlich einem Rudel an, so setzt es gewöhnlich hartnäckige Kämpfe zwischen den schon dabei befindlichen Böcken, wo dann natürlich das Recht des Stärkeren entscheidet.
Laute giebt er in dieser Zeit nicht von sich, ein leises, nur in geringer Entfernung hörbares Mekkern ausgenommen. Er soll aber dann, besonders wenn die Jahreszeit weiter vorgerückt ist, außerordentlich neugierig werden, und herbei kommen sobald er etwas Ungewöhnliches sieht – vorausgesetzt natürlich, daß er keinen Feind wittert.
Die Jäger bethören ihn auch wohl manchmal, indem sie, dicht versteckt hinter einem Fels oder Busch, ihren Hut mit dem weißen Stoß von Schneehuhn oder Birkwild daran, langsam hin und her bewegen, worauf der Bock gar nicht selten herbei kommen soll, zu sehn was es gäbe. Einzelne haben sich auch schon schwarze wollene Mützen mit einem breiten weißen Streifen an jeder Seite stricken lassen, die sie dann über den Kopf ziehn, und diesen an irgend einem Felsenvorsprung oder aus einem Busch heraus zeigen. Merkwürdig ist, daß sich in dieser Zeit, dicht hinter den Krickeln des Bocks, am oberen Theil des Kopfes, eine eben nicht ambraduftende Anschwellung, der sogenannte Brunftknopf bildet, der etwa zu der Größe einer Haselnuß anwächst.
So scheu der Bock im Allgemeinen ist, und so sehr er besonders den Menschen fürchtet, ist doch in der Riß schon einmal ein Fall vorgekommen, wo eine Gemse unten im Thal, und auf dem Fahrweg, einen dort vorbeikommenden Menschen aus freien Stücken angefallen, und bös gestoßen hat.
Merkwürdig bleibt das überhaupt in der Naturgeschichte der Thiere, und für uns ein bis jetzt noch keineswegs aufgeklärtes Geheimniß, daß ausnahmsweise, und in einem uns nicht erklärbaren Zustand von Aufregung und Wuth sonst ganz friedliche und furchtsame, wenigstens den Menschen fürchtende Geschöpfe diesen anfallen, und dann auch nicht eher ablassen bis sie getödtet oder unschädlich gemacht werden. Ich weiß solche Beispiele von Füchsen, Wieseln, Mardern, wilden Katzen, ja selbst mit dem Hasen soll es vorgekommen sein, und jener Gemsbock liefert ebenfalls den Beweis dafür.
Von großen Thieren bieten Elephanten und Rhinocerosse ähnliche Beispiele, diese aber meist in der Brunftzeit, wenn sie von einem stärkeren Gegner besiegt wurden und nun in höchst verdrießlicher Laune allein den Wald durchziehn. Sie fallen dann Alles an was ihnen in den Weg kommt. Die Wallfischfänger ebenfalls kennen die Gefahr der ihre Boote ausgesetzt sind, wenn sie einen einzeln umherstreifenden Pottfisch (Cachelot, Spermfisch) angreifen. Ist ja doch schon der Fall mit dem englischen Schiff Essex vorgekommen, daß es ein einzelner Spermfisch selber ungereizt angefallen und in Grund gebohrt hat.
Ueberhaupt kennen wir bis jetzt nur erst leider die alleräußersten Umrisse des Familienlebens der wilden Thiere, denn die eingefangenen leben in einem ganz unnatürlichen Zustand, und können keinen Maßstab geben, während in der Wildniß selber eine genauere Beobachtung unmöglich ist. Es fehlt uns der Schlüssel zu ihren Handlungen, wir verstehen ihre Sprache nicht, und begnügen uns gewöhnlich mit dem einen nichtssagenden Wort Instinkt das, was wir Außergewöhnliches von ihnen zu sehn bekommen, zu erklären.
Der Bock in Sicht.
Die Nacht wehte ein fliegender Sturm, und der Mundkoch behauptete am nächsten Morgen, daß ihm gerade um Mitternacht die Mütze, die er im Bett aufbehalten, im Bett vom Kopf geflogen sei. Rein und wolkenlos brach aber der nächste Morgen wieder an, und da hier nicht weiter gejagt werden sollte, wurde das Lager zum Abend auf die Grasberg-Alm beordert. – Weiter war Nichts nöthig, und der Kammerdiener besorgte das Uebrige.
Auf dem Weg dorthin sollten einige, zwischen der Baumgart- und der Grasberg-Alm liegende Gräben geriegelt werden. Gemsen zeigten sich hier überall, und wenn auch natürlich die wenigsten zum Schuß kamen, wurden doch wieder vier erlegt; drei von des Herzogs eigener Hand.
Ich saß unten, ziemlich tief im Graben in einer schattigen Felsspalte drin, da die Sonne warm auf die Berghänge schien, und die Luft dort aufzog. Völlig gedeckt mußte ich übrigens Alles, was mir etwa hätte schußmäßig kommen können, schon zeitig genug hören oder sehen, mich fertig zu machen. Ich vertrieb mir also damit die Zeit, durch mein Perspektiv zwei alte Kitzgeisen zu beobachten die sich an einem grasigen Abhang ästen, während die beiden kleinen niedlichen Kitzen, die eben die kurzen Krickeln etwa zwei Zoll hoch zeigten, lustig um sie herumsprangen, auf den beiden Hinterläufen tanzten, die kleinen kaum bewehrten Köpfchen gegeneinander andrückten, und sich gerade so benahmen, wie sich ein paar junge übermüthige Ziegenböckchen an ihrer Statt benommen haben würden. Obgleich die Gemse nicht zum Ziegen-, sondern zum Antilopengeschlecht gehört, hat sie in der Bewegung und Lebensart doch manche Aehnlichkeit mit ihr. Sonst halten sich die beiden aber in den Bergen, wo sie doch manchmal zusammentreffen, ziemlich entfernt von einander, und man soll eher Gemsen zwischen Schafheerden auf der Aesung finden, als zwischen Ziegen, obgleich das erstere ebenfalls sehr selten geschieht.
Von da wo ich lag konnte ich den oberen Pirschweg ziemlich deutlich erkennen, der sich wie ein matt-lichter Streifen hie und da über nacktes Gestein hinzog, bald zwischen Laatschenbüschen verschwand und an einer kleinen Lanne oder sonst offenen Stelle wieder zum Vorschein kam. Wie ich zufällig einmal den Blick hinaufwarf, sah ich sich etwas bewegen, und das Fernrohr dorthin richtend erkannte ich bald einen geringen Hirsch – es mochte ein Sechs- oder Achtender sein – der, von einem Thier gefolgt, langsam den Pirschweg hin und zwar nach Osten zuhielt. Der Hirsch blieb dabei manchmal stehn und äugte zurück, trollte aber dann immer wieder rascher vorwärts, als ob ihm da hinten etwas nicht recht gefalle.
Ich zerbrach mir noch den Kopf darüber, was ihn in aller Welt könne beunruhigt haben, da er sich vollständig außerhalb des Treibens befand, als ich plötzlich zur Linken, auf demselben Pfad, etwas Weißes aus den Büschen vorleuchten sah. Rasch richtete ich mein Glas dorthin, und erkannte bald zu meiner innigen Freude den Kammerdiener und den Koch die, Beide in Hemdsärmeln – und der heiße Tag rechtfertigte vollkommen eine solche Erleichterung – die Röcke durch den linken Arm gesteckt Einer hinter dem Anderen in angenehmer Unterhaltung daher kamen, und den Hirsch mit dem Thier ebenfalls zu einem, wahrscheinlich gar nicht beabsichtigten Spatziergang nöthigten. Der Mundkoch trug dabei etwas in der Hand, das hin und her schaukelte und eigenthümlich in der Sonne blitzte, was es sei, ließ sich indeß in solcher Entfernung nicht gut erkennen. Es war dies übrigens das friedlichste Hirschtreiben das ich je gesehn, und hätte der Hirsch ebensowenig von seinen Treibern gewußt, wie diese von ihm, wären sie beide jedenfalls näher zusammen gekommen. So ließ sich das Wild noch eine Zeitlang den Pirschweg gefallen, und verschwand dann endlich in einem, nach unten in den Graben führenden Dickicht.
Einen eigenthümlichen Anblick hatten wir an dem Abend, als wir, schon etwas nach Dunkelwerden, die Grasberg-Alm-Hütte erreichten. Unten die Thäler lagen schon in tiefer Nacht, und selbst die Berge zeichneten sich düster gegen den noch hellen Horizont ab. Dicht hinter den Häusern stieg eine kahle, nur von breiten Streifen, fast wie angelegten Beeten von Alpenrosen bedeckte Anhöhe hinauf, und lief, nach dem Kumpar hinüberführend, mit ziemlich ebenem Rücken etwa tausend Schritt von Nord nach Süd. Der kahle Rand stach jetzt desto auffallender gegen den noch lichtgrauen Himmel ab. Oben aber, daß der ganze Körper bis zu den Klauen hinunter deutlich sichtbar blieb und fast so aussah, als ob er zierlich aus schwarzem Papier geschnitten wäre, stand ein Hirsch, spitz gegen uns gekehrt, und beobachtete aufmerksam den Einzug der ihm jedenfalls unwillkommenen Gäste. Regungslos verharrte er dabei in seiner Stellung und man konnte mit dem Fernglas deutlich das ausgreifende Geweih erkennen, bis wir durch eine Senkung des Hügelhangs seinen Blicken entzogen wurden. Aber selbst dann beruhigte er sich noch nicht, und wenige Secunden später tauchte der schlanke Körper wieder auf einer anderen etwas vorragenden Stelle des Hügelrückens auf, von wo aus er die Häuser selber überschauen konnte. Dort stand er bis es so dunkel geworden war, daß man ihn kaum noch erkennen konnte, und verschwand endlich, wie in den Berg hinein.
Das Wetter blieb die letzten Tage ziemlich schwankend. Den Tag über hatte es manchmal ein wenig geregnet, manchmal die Höhen mit dichtem Nebel umzogen; auch der Wind war eben nicht zum Besten gewesen. In der Nacht drehte er sich indessen nach Südost herum, die Luft wurde kalt und rein, vom Himmel funkelten Myriaden Sterne, und gegen Morgen deckte leichter Reif den Boden.
Ich war früh aufgestanden, in erster Morgendämmerung die Aussicht nach den gegenüberliegenden Bergen zu haben. Von hier aus hatten wir den Blick auch in ein anderes Thal, dessen Pulsader, der klare muntere Bergstrom, wie der Johannisbach, an der Carwendelwand entsprang, und sein Wasser von Nord nach Süd in die Riß hinein jagte. Laut aufjauchzen hätte ich aber mögen, als ich hinaus vor die Thür der Hütte trat und von dem nächsten, kaum dreißig Schritt entfernten Grashang das zu meinen Füßen liegende Thal, die gegenüber liegende Berggruppe überschaute.
Ich will versuchen den Anblick zu beschreiben aber, lieber Gott, wie weit bleiben da Worte hinter dem wundervollen zauberschönen Bild zurück das sich hier, wie durch den Stab eines Magiers heraufbeschworen, vor meinen Blicken entrollte, und mir die Seele mit Lust und Jubel füllte. Das ganze Rißthal unter uns, soweit das Auge darin nach rechts hinunter, nach links hinauf schweifen konnte, wie das schmale, zwischen dem Falken und Roßkopf nach der Carwendelwand zulaufende Laritter Thal war in der Tiefe mit dichtem milchweißem Nebel angefüllt, aus dem die grünen bewaldeten Wände wie die dunklen Ufer eines Nebelstroms emporstiegen. Darüber hoch hinaus ragten die starren Kuppen der ewig schönen Berge vor uns, mit den kühn gerissenen Gipfeln des Gemsjochs während links der Kumpar sein spitzes Haupt in die blaue Luft hineinreckte. Ein Duft lag dabei über dem Allen, wie er sich weder mit Farbe noch Feder schildern läßt, und wie die Sonne höher und höher stieg, und der Nebel da unten Leben und Bewegung bekam, wie es den Wiederschein von den Gipfeln in's Thal hinunterwarf, wie sich die schneeigen luftigen Schichten anfingen zu rollen und ineinander zu drängen, und ihre Ränder jenen eigenen wunderbaren fast durchsichtigen Rosenschimmer annahmen – wie es da endlich mehr und mehr zu wogen begann, als ob die Bergriesen dadrinnen die Schultern gegengestemmt hätten, und die weiße Fluth mit aller Macht zum Thal hinaus schöben, wie hie und da ein kleiner Bergesvorsprung inselgleich und dunkel daraus empor stieg, daß ihm die weißen Schwaden durch die Wipfel seiner Bäume schwindend, schmelzend über den Nacken flossen und die ganze Pracht des morgenglühenden Thales jetzt plötzlich sichtbar ward, da wußte ich gar nicht mehr wie mir geschah, so leicht, so froh, so glücklich fühlt' ich mich, und hätt' ich mich nicht vor den Jägern geschämt, ich glaube, ich wäre dem nächsten Baum um den Hals gefallen, und hätte laut geweint.
Es giebt ja aber auch nichts Edleres, nichts Reineres als die Natur. Wer sich ihrer freut, wem Gott Empfänglichkeit dafür in's Herz gelegt, der hat ein Recht sich den bevorzugt Glücklichen zu zu zählen, denn überall auf dieser weiten wunderschönen Welt sind ja Genüsse für ihn ausgestreut.
Eigenthümlicher Weise erfaßte mich hier ein ganz ähnliches Gefühl als damals, als ich das erste Rauschen der Palmen über mir hörte. In jener heiligen Ruhe der Tropenwelt unter den mächtigen wunderbaren Bäumen vermochte ich den Eindruck unwillkürlich nichts Anderem zu vergleichen, als dem stillen heimischen Schneefall in einem Fichtenwald, wenn die großen Flocken so langsam und sanft hernieder sinken, zwischen den grünen schützenden Zweigen durch, und mit der weichen reinen Decke den Boden warm belegen. So zitterte mir hier, den wilden trotzigen Alpen, dieser gigantischen, kühn gerissenen Bergesschönheit gegenüber, dasselbe selige Gefühl durch's Herz das ich empfand, als ich vom Megamendong in Java nieder das herrliche Preanger Thal mit seinen einzelnen Fruchtbaum-Oasen, seinen dichten Wäldern und all seiner tropischen Pracht vor mir ausgebreitet sah – und doch wie ganz verschieden sind die beiden Scenen.
Dichter und compakter sammelte sich indeß, während die Sonne höher stieg, der Nebel, rollte langsam, ein Zeichen guten Wetters, zum Thal hinaus und weiter in's flache Land –, und unsere Jagd begann.
Aber ich darf den Leser auch nicht mit Wiederholungen ermüden. Wohl hätt' ich ihm freilich gewünscht das wundervolle Schauspiel mit zu genießen, das uns noch einmal über Tag am Heimjoch der Nebel in seinen eigenthümlichen Schatten und Formen gab, oder ihn einmal über einen der dortigen Pirschwege in die Bockgräben, und so mitten in die wilde Fels- und Schluchtenwelt da eingeführt, doch versäumen wir leider zu viel Zeit dabei.
Diese Pirschwege, so behaglich das Wort Weg auch in den Bergen klingt, darf man sich übrigens nicht etwa zu bequem denken. Sie sind meist immer nur angelegt vollkommen unerreichbare Klammen und Wände passiren zu können, und dort hinein zu pirschen, oder – wenn man auf die andere Seite will – weite, oft stundenlange Umwege, zu sparen. Das würde aber einestheils sehr viel und hier in den Bergen äußerst werthvolle Zeit kosten, und dann ist auch ein Anschleichen an die scheuen, mit so scharfen Sinnen begabten Gemsen an solchen Stellen ohne derartige Hülfe fast ganz unmöglich – wenn man nicht eben Tagelang darauf verwenden will und kann, sie zu durchkriechen. Die Spitzhacke hat dabei oft nur in sehr rauher Weise eine natürliche Ader des Felsens benutzt, dem Fuß geringen Halt zu bieten, oder das Jagdmesser über die Klippen hier nur einfach durch die Laatschen Bahn gehauen. Gar nicht selten aber ziehn sich diese sehr schmalen Pfade an schroffen wilden überhängenden Wänden schwindelnd hin, und der Wanderer muß sich wohl hüten dem Steine nicht nachzuschauen der von seinem Fuß berührt mit dumpfem langem – langem Fall die blaue Tiefe sucht.
Die Jäger sagen daß ein solcher Stein den Menschen nachziehe, und Unglücksfälle dadurch herbeigeführt, sollen allerdings schon vorgekommen sein, ja nicht einmal zu den Seltenheiten gehören. Die Ursache liegt aber auch dafür klar auf der Hand, denn während der Stein senkrecht an der Wand niederfällt muß er allmälig, je tiefer er fällt, mehr und mehr aus dem Gesichtskreis des Nachschauenden kommen der, um ihm mit den Augen zu folgen, gezwungen ist sich weiter und weiter nach Außen zu biegen. Dadurch kommt er mit dem schweren Oberkörper unmerklich über den Abgrund, und mag er so schwindelfrei sein wie er will, er muß das Gleichgewicht verlieren. Ueberhaupt ist das Steigen da oben an den Wänden herum manchmal wirklich, wie der Amerikaner sagt »viel zu interessant, um angenehm zu sein.«
Stillleben.
Ein Pirschpfad.
Dem Grasberg gegenüber, und der steilen Carwendelwand zu, zieht sich ein enges, von steilen Wänden eingedrängtes Thal. Die Scenerie ist hier viel wilder wie an der Riß, weil die Felshänge viel schroffere und deshalb auch weit weniger und nur stellenweis bewaldete Vorsprünge, zum unten vorbei quillenden Bach hinunter schieben. Sieht man dabei von dort zu ihnen auf, so hält man es auch wahrlich nicht für möglich, daß weder die Gemse, noch viel weniger ein keckes Menschenkind an ihnen fußen und sich ihren fast senkrechten Schluchten anvertrauen dürfe. Und doch bieten sie dem kühnen Gemsjäger nur geringes Hinderniß. Mit dem scharfen Eisen unter dem Fuß, den spitzen starken Stock in der Hand, laufen diese Bergmenschen furchtlos die schmale Bahn entlang, jede Hülfe die ihnen hie und da der Boden bietet mehr in einer Art von Instinkt als mit Vorbedacht benutzend. Ihre Uebung in dergleichen Werk, die ähnlichen Hindernisse die ihnen überall entgegenstehen, geben ihnen auch schon den raschen und höchst nöthigen Ueberblick, die besten – oft die allein möglichen – Stellen zum Uebergang rasch und unverzagt zu wählen und zu behaupten.
Dort zogen wir hinauf, dem engen Thal folgend, das hier durch die breiten Wände des kleinen Falken und Gemsjochs rechts und links gebildet wurde. Dicht an den Ufern eines ziemlich starken rauschenden Bergbachs, dessen breites steiniges Bett von der furchtbaren Gewalt Kunde gab mit der diese Wasser im Frühjahr nieder stürzen, und Alles mitnehmen, was sie in ihrem Wege finden, lag unser Pfad. Da plötzlich, wie durch Zauberei, war der Strom verschwunden, selbst unter unseren Füßen fort, und nur die gähe Stille um uns her, machte uns erstaunt niederschauen in das noch allerdings eben so breite und steinige, aber vollkommen trockene Strombett. Dies plötzliche Verschwinden war so merkwürdig, daß wir zwanzig oder dreißig Schritt zurückgingen, wo wir den hier etwa drei Fuß breiten, mächtig quellenden Bach von der kleinen Falkenwand herüber unter dem Geröll vorbrechen sahen, während ein schwächerer Zufluß von oben her, aber ebenfalls tief unter dem Gestein hervor zu kommen schien. So eigenthümlich es auch aussah und so sehr es uns im Anfang überraschte, so leicht erklärte es sich doch, denn diese steilen Wände lösen durch Lawinen und Thauwetter ununterbrochen kleinere oder größere Massen Steine los, und schleudern sie in das Thal hinab. Diese sogenannten Reißen, die aus Nichts als wilden unfruchtbaren toll durcheinander gestreuten Felsmassen und kleinerem Geröll bestehn und an manchen Stellen hunderte von Fußen hoch liegen, nehmen deshalb auch schon einen ungeheueren Flächenraum im Gebirge ein, und scheinen sich von Jahr zu Jahr zu vergrößern. Es läßt sich denken, daß sie dadurch oft ganze Bäche verschütten, die sich jetzt unter der lockeren Decke die Bahn suchen müssen. Eben so wenig unterliegt es einem Zweifel, daß durch diese ewigen Bergstürze und Abscheidungen des Gesteins die scharfen und schroffen Gipfel der höchsten Kuppen mit der Zeit eine Veränderung erleiden, und niedriger werden müssen; ihr Umfang ist nur zu gewaltig, als daß ein einzelnes Jahrhundert es auffallend bemerkbar machen sollte. So sieht die vollkommen senkrechte Carwendelwand, an deren Fuß ungeheuere Reißen, ja wirklich Berge von Steinen liegen, die das Herz eines Chausseesteinklopfers mit Entzücken füllen würden, gerade so von unten aus, als ob sie durch diese Abbrüche jährlich wenigstens einen Fuß an Höhe verlieren müsse. Kommt man aber an die Südseite der grasbewachsenen, allmählig aufdachenden Hänge hinauf, und berechnet erst ihre Höhe, dann begreift man freilich, wie eines einzigen Zolles Dicke, von der Wand abgeschält, ganze Berge von Geröll in's Thal hinab schleudern müssen. Wären es aber auch selbst zwanzig Fuß so würden sie doch kaum den oberen Rand verändern können.
Aufwärts jetzt, Freund Leser, aufwärts! Das ist ein mühsamer, langer Stieg das Gemsjoch hinan. Wetter nocheinmal, wie massenhaft sich das Gebirg hier aufthürmt und in Lanne und Felsgeröll aus dem bewaldeten Thal empor sich hebt. S'ist auch am Besten man sieht sich gar nicht um, und steigt nur ruhig, unverdrossen fort; einmal erreicht man den Gipfel doch.
Das Gemsjoch sollte getrieben werden und ich selber war – beiläufig gesagt der beste Platz – auf die höchste Kuppe hinauf beordert worden. Aufgescheuchte Gemsen nahmen gern gerad' dort hinüber ihren Wechsel. Schweres Steigen hatten indeß bei diesem Treiben die Jäger, die sich ihre Bahn an den steilen schroffen Hängen suchen mußten. Es dauerte auch lange, bis sich das Mindeste zeigte oder hören ließ, und ich lag wohl anderthalb Stunden lang ungestört auf der achttausend Fuß hohen Kuppe des Jochs – in deren Nachbarschaft alle Fenster und Thüren auf sein mußten, denn es zog furchtbar. Die Aussicht war aber wundervoll, und ich ließ den Blick frei über die herrlichen, mit Schnee dicht bedeckten Alpenriesen, den Großglockner und seine Nachbaren hinausschweifen, die unter ihrer weißfunkelnden Hülle in unbeschreiblicher Pracht die zackigen wilden Gipfel gen Himmel reckten.
Hinter mir, nach Norden hinauf, öffneten sich dagegen die Berge; das weite flache Land mit einzelnen weißen hervorragenden Gebäuden und kleinen Städtchen, wurde sichtbar, und im Süd-Westen lagen wild und zackig die steyrischen Alpen dazwischen, ein weites Meer von Felsenjoch und Graten. Was für ungeheuere Wogen reckten da die weißen Häupter, züngelnd, wie wirkliche schaumdurchwühlte Wellen empor.
Auf dem Gemsjoch selber lag, trotz der Höhe desselben noch kein Schnee, denn der darauf gelegene war durch die letzten warmen Tage wieder fortgeschmolzen. Merkwürdig ist es auch, daß dieser Theil der Alpen keine Gletscher hat – ein einziger kleiner ausgenommen der dort in der Nähe sein soll, den ich aber nicht sah. Ihre Höhe berechtigt sie vollkommen dazu, denn in der Schweiz reichen die Gletscher viel tiefer hinab, und sieben und achttausend Fuß hohe Kuppen sind dort drei Viertheile des Jahres mit Schnee bedeckt. Dazu mag aber auch wohl die zusammengedrängte Masse höherer Gebirge, die fortwährend ihre Schneekronen tragen und deshalb eine viel größere Kälte um sich her verbreiten, mit beitragen.
Eine große Anhäufung von Schnee und Eis muß in sehr natürlicher Folge eine solche Wirkung hervorbringen, wie wir den Unterschied z. B. außerordentlich auffallend in den beiden Continenten von Europa und Nordamerika sehn. Europa, das im Norden einen weit größeren Flächenraum an eisfreiem Meer, und deshalb die eigentliche Eisregion auf einem weit kleineren Raum zusammengedrängt hat, ist deshalb auch viel wärmer als Nordamerika, dessen breite Basis nach Norden zu, mit den ausgedehnten Süß-Wasser-Binnenlandseen und dem enormen Flächenraum Eis und Schnee bedeckter Regionen den Unterschied um viele Grade spüren läßt. Philadelphia z. B. das mit Neapel auf einem Breitegrad liegt, hat eben so strenge und strengere Winter, als wir im höchsten Norden von Deutschland. In Louisiana, das mit der Wüste Sahara gleiche Breite hat, ist leichter Schnee nichts Seltenes. Stehendes Wasser friert oft selber in New-Orleans das, nur wenige Fuß über der Meeresfläche, auf einer Breite mit Cairo liegt.
Von Gemsen war noch Nichts zu sehn, als ich aber so dalag fest in meinem Regenmantel gewickelt, die kalte Zugluft abzuhalten, konnte ich nicht umhin die kleinen dichten Büschel außerordentlich zarten feinen Grases zu bemerken, die um mich her ziemlich reichlich wuchsen. Ich pflückte von dem zunächst stehenden etwas ab, kostete es, und fand es nicht allein außerordentlich weich, sondern auch zuckersüß – so süß und angenehm in der That von Geschmack daß ich Alles, was ich um mich her erreichen konnte, rein abäste und Nebucadnezars Geschmack, der bekanntlich den Salat erfunden, ganz begreiflich fand – wenn er nämlich dort so treffliche Weide hatte.
Dicht neben mir, denn ich lag auf dem allerhöchsten gar nicht etwa sehr breiten Gipfel, ging es steil und bergetief hinab. Wie wild und furchtbar sah es dort unten aus. Die steile Nordwand dieses Jochs, die vielleicht einige tausend Fuß hoch ohne Absatz niederging, bestand allerdings nicht aus einem glatten Fels, sondern aus bröcklichem zerrissenem und zerklüftetem Gestein. Man hätte selber hineinklettern können, wäre den Zacken eben nur zu trauen gewesen; aber unter dem Fuß oder Griff brachen die wettermürben Brocken los, und dann – es schwindelte mir als ich in die dunkle, Wind durchbrauste fürchterliche Tiefe hinabsah, und ich wandte mich schaudernd ab.
Und doch giebt es Menschen die an diesen Wänden an denen ihr Leben wie an dünner Faser hängt, ihre kärgliche Nahrung suchen. Die Enzianwurzelgräber klettern dort, an die Gefahr gewöhnt und gegen sie vollkommen abgestumpft, mit einem Sack, die gefundenen Wurzeln hinein zu thun, und einer kleinen Hacke, sie aus ihrem rauhen Bett heraus zu heben, sorglos herum, und die Gemse selbst hebt staunend den Kopf, wenn sie an solchen Stellen einen Menschen sieht. Kameraden finden auch wohl dann und wann eine alte verrostete Hacke, einen halb verfaulten Sack, und werfen einen scheuen Blick in den Abgrund nieder. Selbst unter dem leisen Ave Maria aber, für die Seele des Verunglückten, dessen Gebeine dort in irgend einem Abgrund bleichen, schauen sie sich schon wieder nach neuen Wurzeln um – der da unten ist wohl aufgehoben.
Das waren Gemsen – vorsichtig hob ich den Kopf zwischen den wild umhergestreuten Steinen empor, und sah eins der schönsten Schauspiele, das sich der Gemsjäger nur wünschen und ersehnen kann.
Der Gipfel des Gemsjochs theilte sich in drei ungleiche Spitzen, von denen die beiden westlichsten die höchsten, die östlichste, die vielleicht tausend Schritt von der westlichsten entfernt ist, etwas, aber nur wenig niedriger liegt und in einen kleinen spitzen Kopf aufläuft.
Auf dieser Spitze, die vier Läufe dicht zusammengedrängt, den schönen Kopf hoch und sichernd gehoben, stand eine Gemse und etwa zwanzig Schritt weit unter ihr, während noch andere über den Rand des Abhangs, scheinbar aus der blauen Luft, heraufstiegen, befand sich das Rudel, im Ganzen vielleicht zwölf oder dreizehn Stück.
Die Wachtgemse stand voll und klar gegen den lichtblauen Himmel abgezeichnet, und die sichere Ruhe mit der das prachtvolle Thier den weiten Plan, auf dem es jede nahende Gefahr leicht und rasch erkennen konnte, als Schildwache oben für das ihr anvertraute Rudel überschaute, war ein Anblick, den ich im Leben nicht vergessen werde. Das Rudel selber, das jedenfalls durch einen der unten durchgehenden Treiber heraufgescheucht worden, schien sich indessen auch ganz auf seine Wache zu verlassen, und vollkommen sicher zu fühlen. Die jungen Thiere spielten mit einander, und die Alten pflückten hie und da an den süßen Grasbüscheln herum – mehr wahrscheinlich zum Desert und aus Naschhaftigkeit, als aus wirklichem Hunger.
Endlich stieg die Wachtgemse, gewöhnlich eine Geis, von ihrem hohen Standpunkt langsam nieder. Ob sie da unten wieder etwas Verdächtiges gewittert, oder sonst mehr Verlangen nach der Seite trug, auf der ich lauernd mit gespannter Büchse lag, aber plötzlich setzte sie sich an die Spitze des Zuges, und kam in kurzem Galop auf dem äußersten Rand des Berges ein Stück hin, verschwand dann in einer scharf eingeschnittenen Schlucht, die die beiden Kuppen von einander trennte, mit dem ganzen Rudel, und stieg klappernd und die lockeren Steine hinter sich ausstoßend, den kleinen Hang herauf, an dessen äußersten Rand ich, vollständig gedeckt, ihrer herzklopfend harrte.
Nun ist es eine alte Gemsjägerregel, die mir von allen Seiten wieder und wieder gegeben worden, nie auf ein ankommendes Rudel zu schießen. Erstlich kommen sie spitz, – immer schon ein böser Schuß; dann ist die erste im Zug jedesmal eine alte Geis, während die Böcke nachfolgen, und dann – ist es eben gar nicht nöthig. In solchem Fall, besonders wenn man gedeckt ist, muß man die ersten des Rudels erst vollständig vorüber lassen, ja womöglich ein Dritttheil desselben, und sich dann erst einen Bock heraussuchen, auf den man in solchem Fall auch viel ruhiger und sicherer schießt. Außerdem hat man bei solchem Verfahren auch noch die Gewißheit, daß die schon vorbeigesprungenen Gemsen unter keiner Bedingung wieder umkehren, und die anderen, die noch zurück sind, folgen ihnen, es mag auf sie geschossen werden so viel da will. Der zweite Schuß ist daher eben so sicher anzubringen als der erste.
Hätt' ich also dort oben meine Zeit ruhig abgewartet, so mußte das ganze Rudel auf kaum zehn Schritt an mir vorbei, und an Ausweichen war auf dem schmalen Kamm gar nicht zu denken. Wie ich aber das immer stärker werdende Klappern auf den Steinen hörte, das gerade so klang, als ob es links und rechts um mich her in allen Ecken und Spalten lebendig würde, da ging mir der Athem aus, das Herz fing an zu hämmern als ob es mit hinaus wollte, ebenfalls zuzusehn was da passire, und alle Warnungen und Rathschläge, alle guten Vorsätze, alle Erfahrungen selbst, waren in dem einen Moment unbeschreiblicher Aufregung und Leidenschaft vergessen. Die Büchse im Anschlag richtete ich mich in meinem Versteck auf, und wie die ersten Krickeln nur hinter den Steinen vorsahen, und ich den dunklen Schatten eines Körpers erkennen konnte, gab ich Feuer.
Ich weiß nicht einmal ob es geknallt hat – weiter Nichts als das wilde Hals-über-Kopf-Hinabstürzen der erschreckten Thiere hörte ich, die aber auch im nächsten Augenblick in der Schlucht verschwunden waren, und als ich dort nachsprang, und noch einmal hinter den Flüchtigen auf etwa zweihundertfünfzig Schritt – und ich muß zu meiner Schande gestehn, nachfeuerte, stob das ganze Rudel auseinander, und eilte wieder der Stelle zu, auf der ich sie zuerst gesehen hatte.
Allerdings sonderte sich ein Bock vom Rudel ab und rutschte, zu meiner innigen Freude, ein ganzes Stück den ziemlich steil da ablaufenden Hang hinunter, ob er aber vielleicht nur ausgerutscht war – und warum sollte das einer Gemse nicht auch geschehen können – oder mich gar damit verhöhnen wollte, ich weiß es nicht, spätere Nachsuche auf der Fährte ergab nicht einen Tropfen Schweiß, der auf dem grauen Geröll überall deutlich sichtbar gewesen wäre. Bald darauf schloß er sich auch wieder seinem Rudel an.
Gleich nach dem Schuß kam ein ganzer Flug Alpendohlen – sonst entsetzlich scheue Vögel, die den Jäger nicht auf hundert Schritt hinanlassen – um den Gipfel des Jochs herum. So wie sie mich da oben aufrecht stehen sahen flogen sie auf mich zu, kreisten mir, auf kaum zwanzig Schritt um den Kopf und stießen sogar nach mir, wobei mir ein paar so nahe kamen, daß ich sie fast hätte mit der Flinte schlagen können.
Die Alpendohle, oder auch Schneekrähe genannt, ist ein wunderhübscher zierlicher Vogel, etwa von der Größe einer Elster, wenn nicht noch etwas stärker, nur ohne die langen Schwanzfedern, mit bläulichem Schiller auf ihrem schwarzen Gefieder, hellgelbem Schnabel, grellrothen Ständern und gar so munteren braunen Augen. Ihr Pfeifen klingt auch fast melodisch, und wie sie munter und gesellig in den Alpen herumtummeln und in der Luft kreisend zusammen spielen, hab' ich sie immer gern gehabt. Jetzt aber kamen sie mir ungelegen. Das Pfeifen nach dem schlechten Schuß behagte mir auch nicht. Ich zielte auf den rasch über mir hinstreichenden Vogel, und schoß ihm mit der Kugel eine seiner Flügelfedern durch. Das nahmen jedoch die anderen sehr übel, begannen einen Heidenlärm, wobei sie sich übrigens in weiterer Entfernung hielten, und strichen dann nach unten. Gleich darauf fiel dort auch ein Schuß und unser Jagdgeber hatte einer der ebenfalls nach ihm stoßenden Krähen mit der Kugel Kopf und Hals abgeschossen.
Das ist Alles recht schön und gut – übereilt hat sich schon mancher sonst vollkommen ruhige alte Jäger und vorbeigeschossen auch. Der Schütze soll noch geboren werden, der da sagen kann er habe nie gefehlt, aber der Heimweg – der Abend nach solchem Fehlschuß. Wenn man gleich mit einem Satz darüber hinweg auf den nächsten Tag und in das nächste Treiben hinein springen könnte möcht's noch gehn, aber so überdenkt man die letzte unglückliche Scene wieder und wieder, hört den ganzen Abend, die ganze Nacht das Rudel über die Steine klappern, weiß jetzt ganz genau wie man es hätte machen sollen, und daß trotzdem der Augenblick im ganzen Leben nicht wiederkehrt, und ist mit einem Wort, in einer verzweifelten Stimmung.
Kalt und trübe brach der nächste Morgen an, und dicker undurchdringlicher Nebel lag im Thal, in dem er erst etwa um zehn Uhr Morgens ein wenig in Bewegung kam. Nichts ist aber peinlicher, als in den Bergen durch schlechtes Wetter einen Jagdtag zu verlieren, und wie sich deshalb auch nur die Luft ein klein wenig günstiger gestaltete, und die Jäger ihr »Ich meinet halt doch es sollt' schon etwas besser werden,« herausgegeben, wurde der Aufbruch bestimmt.
Unser Ziel lag an diesem Tag an dem oberen Theil des Engthals, das vom Laritterthal, in dem wir uns befanden, nur durch einen sogenannten »Hügelrücken« getrennt war, und leicht erreicht werden konnte.
»Leicht erreicht werden,« ja. Der Paß lag allerdings dicht unter der Carwendelwand, und bestand aus nicht sehr steilen Grashängen, was aber hier zu Land ein Hügel heißt, ist anderswo ein Berg – wie ja die Leute auch ein stundenbreites Thal einen Graben nennen. Wir mußten auch, immer noch im dicken Nebel, wacker zusteigen den höchsten Kamm zu erreichen und waren tüchtig warm dabei geworden. Oben wurden wir dann angestellt, und den angeblichen Kessel vor uns – denn sehen konnte man keine fünfzig Schritte weit – die Jäger abgeschickt ihn einzuriegeln. Standen Gemsen darin so mußten sie Wind von den Treibern bekommen, in welchem Fall sie dann rascher flüchtig werden, als wenn sie den Feind erkennen konnten.
Der kalte Luftzug der aus dem Thal heraufstieg that mir im Anfang, nach dem scharfen Steigen wohl – von Erkältung weiß man ja hier überhaupt Nichts. – Ich nahm also meinen Mantel aus dem Bergsack, hing ihn um, drückte mich hinter einen einzelnen Stein von der Größe eines mäßigen Elephanten, der allein zu meiner Bequemlichkeit dort von irgend einem Bergriesen hingeschleudert schien, und erwartete geduldig den Beginn der Jagd – d. h. das Klappern der Steine, das die heranprellenden Gemsen verrathen würde.
Es war ein wunderlicher Platz – der Nebel lag voll und schwer auf dem ganzen Thal, in das der Hügel, auf dessen Kamm ich saß niedersenkte. Der Phantasie blieb dabei der weiteste Spielraum gelassen, sich dort hinein den Horizont des Auges nach Gefallen auszudehnen. Wie ich deshalb so träumend auf das ungewisse milchige Dämmerlicht hinausschaute, aus dem nur, von den Wänden zurückgeworfen, das dumpfe Rauschen des Bergbachs herüber tönte, kam es mir plötzlich vor, als ob ich am kahlen felsigen Strand des Meeres sitze, das an dem Fuß desselben Hügels seine Wellen peitschte, und seiner Brandung Donnern im dumpfen hohlen Brausen zu mir herübersandte.
Lebhafter hab' ich wachend noch nie geträumt, und in der Erinnerung an frühere ähnliche Scenen, konnt' ich mir jetzt schon gar keine Berge dort hinein mehr denken. Das mußte Meer sein. Wie das dumpf kochte und rauschte, und wenn der Nebel sank und dort hinaus dem Auge Freiheit gab, dann lag auch sicher die blaue See vor mir, und einzelne weiße Segel zogen wie leuchtende Punkte darüber hin.
Wenn es nur nicht so schmählig kalt gewesen wäre.
Jetzt wurde der Nebel oben lichter; die Sonne brach sich mit einem einzelnen Strahl wenigstens Bahn, und im Zenith erschien der blaue Himmel. Endlich! Jetzt zog auch der Wind schärfer aus dem Thal herauf – er schnitt im wahren Sinn des Worts durch Mark und Bein – und dort – ich vergaß Gemsen und Jagd über das Schauspiel das sich plötzlich, als ob ein riesiger Vorhang mit einem Wurf zurückgeschleudert würde, vor meinem Blick entfaltete. Mit Windesschnelle öffnete sich der Nebel und wich nach beiden Seiten so zurück, daß er wie durch ein gigantisches Medaillon den Blick hinausgestattete. Vor mir aber – so dicht daß meiner Meinung nach die Armbrust einen Bolzen hätte hinübertragen müssen stieg dunkel und massenhaft, eine Riesenmauer, die Carwendelwand empor, und blaue zerfließende Lichter schossen dabei, wie nach einem Brennpunkt, in der Mitte dieses wunderbaren Bildes zusammen und schmolzen für jetzt noch die einzelnen Theile ineinander. Allmählig löste sich aber auch dies – das Bild wurde rein und klar, und scharf gezeichnet lag plötzlich dort drüben, wo ich die See geträumt und so hoch aufragend daß ich empor schauen mußte ihre dunklen Ränder in dem sich wieder mit Nebel bedeckenden Himmel zu suchen, die schroffe Wand, mit allen ihren einzelnen Spalten und Rissen vor mir da. Während aber fast den vierten Theil der ganzen Höhe, die Reißen einnahmen, die sich der Berg in's Thal hinabgeschüttelt, lag auf diesen Reißen wieder, noch immer von dem jetzt lichter gewordenen blauen Schein übergossen, ein breiter Streifen Schnee den dort der letzte Winter noch gelassen.
Wunderbarer Weise zog sich der Nebelrahmen jetzt mehr und mehr zusammen, die schärfsten Lichter auf die Mitte werfend und dort – auf dem Schnee – deutlich konnte ich es mit bloßem Auge erkennen – regte sich ein dunkler Gegenstand, und kroch langsam und gerade, dem Zug der Wand folgend, darüber hin.
Ich würde es für eine einzelne Gemse gehalten haben, wenn es mir nicht so entsetzlich klein vorgekommen wäre – aber was konnte es sonst sein – vielleicht ein Fuchs? Ich nahm das Fernrohr rasch aus seinem Futteral, richtete es und erkannte in dem kleinen Punkt – einen Menschen – einen Jäger der dort an der scheinbar senkrechten Wand in solcher ungeheueren Entfernung noch seine mühsame Bahn verfolgte.
Als ob der Nebel sich aber nur geöffnet mir das zu zeigen, flossen in diesem Augenblick wieder breite glänzende Strahlen nach der Mitte zu – das Medaillon schloß sich, und dichter als vorher lagerte die weiße Nacht auf Berg und Thal.
Und was für ein kalter Zug mit dem Nebel wieder von da unten herauf und über den Hügel strich – die Zähne fingen mir an zu klappern und in der Aussicht jetzt, daß wir hier sitzen müßten bis der Jäger, den ich eben erst als kleinen dunklen Punkt gesehn, seinen Bogengang um den Kessel her vollendet hätte, wickelte ich mich nur fester und verzweifelter in meinen Mantel.
Wie lange ich so gesessen weiß ich nicht; der Nebel wurde aber immer dichter, und das einzige Vergnügen das ich mir unter der Zeit machen konnte war, an eine recht gut geheizte Stube zu denken. Wie die Aufregung dieses plötzlichen Phänomens, – ich kann es kaum anders nennen – vorüber war, kam der Frost mit verdoppelter Schärfe wieder, und ich fror, wie nur ein unglückseliges auf einem kalten Stein, in einem solchen Nebel und auf solcher Höhe sitzendes Menschenkind frieren kann.
Das Treiben nahm auch kein Ende – der Nebelvorhang war wieder gefallen, und auf's Neue träumte ich mich an der Seeküste – irgendwo in der unmittelbaren Nähe des Eismeers. Endlich – Gott sei Dank das war ein Geräusch – endlich doch ein Wild zum Schuß, denn wenn es hier nur sichtbar wurde hätt' ich es auch mit einem Blasrohr treffen können. Ich machte mich rasch fertig, konnte aber kaum den Hahn der Büchse spannen, so steif war ich gefroren. Da kam's über das lockere Gestein herauf – mit Gewalt brachte ich den Kolben an den Backen – schon sah ich, über den Büchsenlauf hin, sich einen dunklen Schatten bewegen – sobald sich das als ein alter Bock auswies. – Erschrocken setzte ich die Büchse ab und den Hahn in Ruh – der Schatten gehörte einem der Jäger und der Mann stieg in Schweiß gebadet, den rauhen mühseligen Hang herauf. – Ich konnte ihn nur um seine Temperatur beneiden.
Das Treiben war vorbei; die Schützen kamen, ohne daß ein einziger Schuß gefallen wäre, auf dem Hügelrücken zusammen und wie froren sie. Wir sahen alle blau und roth marmorirt im Gesicht aus, und wenigstens eine halbe Stunde scharfen Marschirens war nöthig, mich nur einigermaßen wieder biegsam zu machen.
Heute blieb freilich nicht mehr viel zu thun. Nichts destoweniger wäre es Schade gewesen den ganzen übrigen Tag ohne weiteren Versuch aufzugeben.
Bei dem gestrigen Auszug hatten wir an einer der, dicht unter der Carwendelwand liegenden Reißen zwei starke Böcke gesehen. Wenn die alten Burschen jetzt noch dort oder in der Nähe standen, war es vielleicht möglich ihnen mit Hülfe des Nebels anzukommen. Die Luft schlug abwärts, und wenn die Schützen unten und seitwärts vorgestellt wurden, konnte sie nachher ein einziger Treiber losgehn.
Vorsichtig schlugen wir deshalb, von einem der Treiber geführt, einen schmalen Vieh- und Gemspfad ein, der quer unter den Reißen, aber noch in ihrem Bereich hinführte, und merkwürdig war in der That diese wilde Welt, durch die wir jetzt hinschritten. In eine Wolke von Nebel gehüllt, blieb nur die nächste Nähe sichtbar, und diese bestand einzig und allein aus Steinen die von der Größe eines mäßigen Wohnhauses, bis hinunter zu der eines Chausseesteines in toller Mischung durcheinander lagen. Kein Busch, kein Grashalm war dabei zu sehn, nur Nebel und Felsgeröll und das Rücktheil des vor Einem hinschreitenden Jägers. Und wie mußte das hier donnern und schmettern wenn die Felsstücke von der mehre tausend Fuß hohen steilen Wand unter der wir hinschritten, zu Thal stürzten. Und wenn nun gerade jetzt ein solcher Brocken sich losgebrochen und seinen Weg hierher gefunden hätte? An ein Ausweichen wäre gar nicht zu denken gewesen, denn wie Kanonenkugeln prellen solche Stücke, nur einmal in Schwung gebracht, bergab. Störend war in der That der Gedanke, daß wahrscheinlich in diesem selben Augenblick hunderte solcher Blöcke über uns, nur vielleicht noch durch ein wenig Erdreich gehalten, hingen, und von der geringsten Ursache losgestoßen werden konnten. Wenn die jetzt niederbrachen, über uns – um uns her – –
Es ist ein unbehagliches Gefühl an solchen Stellen hinzugehn, an denen das Leben eigentlich nur an einem nicht zu verhindernden Zufall hängt – es hat Aehnliches mit dem Spatzierengehen in den Straßen einer verpesteten Stadt, wo man kaum zu athmen vermag.
Alle Wetter – da oben ging's schon los! –
Wie wir eben an einer Stelle vorüberschritten die solch unnöthiges Baumaterial in außergewöhnlicher Masse geliefert zu haben schien, polterte es plötzlich über uns in den Steinen, und einzelne kleine Carwendelwandsplitter, von der Größe eines gewöhnlichen Kinderkopfes kamen springend nieder.
Das waren jedenfalls Gemsen – deutlich konnten wir sie auch, vielleicht nur wenige hundert Schritt von uns entfernt, davon klappern hören – aber zu sehn war weiter Nichts, als die unerbittliche weiße Decke, die uns umhüllte. Rasch wurden jetzt die nöthigen Befehle ertheilt den Platz auf dem die Gemsen plötzlich zu halten schienen, zu umstellen, und sie doch vielleicht noch zum Schuß zu bekommen. Martin, dem der Boden schon lange unter den Füßen brannte, sprang dann in seinem wolfsähnlichen langen Galop zurück, den äußersten Vorposten so rasch als möglich zu besetzen, während unser Jagdherr selber sich noch weiter vorpirschte, um später mit Rainer die beschwerlichen Reißen hinan bis unter die Wand zu klettern. Waren die Gemsen noch darin, so mußten sie jetzt einem der Schützen kommen, denn die steile vielleicht mehre tausend Fuß hohe Carwendelwand konnten selbst diese Thiere nicht empor. Was nicht Flügel hatte kam da nicht hinüber.
Der hohe Herr stand senkrecht über mir, und als der Windzug einmal auf Momente die oberen Nebelschichten in Bewegung setzte, daß der düstere Schatten der nahen Wand wie eine drohende Gewitterwolke über uns stand, konnt' ich seine hohe dunkle Gestalt, nur eben wie fast in der Luft schwebend, erkennen. Tiefer im Thal stand ein jüngerer Anverwandter desselben, der schon einige Tage mit in den Bergen gejagt hatte, und neben ihm, seinen schottischen Plaid über der Schulter und seinen breiträndigen Hut auf, der ihm den Namen eines »falschen Spaniers« zugezogen, der Zeichner dieser Skizzen.
Ich hatte mich in einen Laatschenbusch gedrückt, und Platz genug zum Schießen – wenn eben nur etwas kam – auch heute zwei Büchsen neben mir, da die Erinnerung an das gestrige Rudel den Verdacht in mir hatte aufsteigen lassen, daß mir heute etwas Aehnliches wiederfahren würde. Der Mensch giebt sich manchmal solchen angenehmen Träumen hin.
Ein paar Mal schwankte der Nebel, und es schien fast als ob er sich zerstreuen wolle – das wäre für die Jagd prächtig gewesen. Jedenfalls hatte sich der Wind gedreht, und kam jetzt mehr von Norden als heut Morgen – aber der Nebel wich und wankte nicht. Da fing es plötzlich über mir an in den Steinen zu donnern und zu prasseln, daß ich glaubte, der ganze Berg käme herunter. Piff – paff, gingen dabei oben die Schüsse rechts und links – eine Kugel konnte ich auf die Steine aufschlagen hören – und ein ganzes Rudel mußte dort irgend wo aufgestanden und nach allen Richtungen gleich hin flüchtig geworden sein.
Wie als ob Jemand auf dünnem Eise geht, es plötzlich links und rechts um sich knackern hört, und nun in Todesangst, die Augen rasch hinüber und herüber wirft, von welcher Seite die Gefahr, der schlimmste Riß zuerst wohl kommen könne, so hing ich in der Laatsche. Nebel daß man keine dreißig Schritt weit sehen konnte, und jetzt rings um das tolle Poltern, ja sogar soweit das Auge nach rechts und links schauen konnte, niederspringende Steine – es war ein Augenblick der peinlichsten Spannung und Erwartung, einer der wenigen Momente im Leben, in denen man auf jeder Schulter und besonders auf dem Rücken noch ein Gesicht mit ein paar Augen haben möchte, und sich fast den Kopf in den vollkommen nutzlosen Versuchen abdreht, überall hin, zu gleicher Zeit zu schauen.
Schüsse jetzt nach allen Richtungen – Schreckschüsse wie sich später auswies, die Gemsen die oben durchbrechen wollten zurückzubringen und springende Steine von allen Seiten her. – Wie Rettung aus dieser Noth, brachen da plötzlich drei dunkle Schatten quer vor mir hinüber. Wenn ich aber auch ziemlich deutlich sah daß es Gemsen waren durfte ich doch nach der Richtung hin nicht schießen, da leicht schon ein Treiber hier herüber gekommen sein konnte, und die Kugeln auf den eckigen Steinen oft nach ganz verkehrten Richtungen abprallen. Ehe ich aber auch nur hätte anlegen können, waren sie von einer Schlucht oder vom Nebel verschlungen, und ich hörte nur noch, wie sie bergab und der Richtung zusprangen, in der Prinz C. stand.
Paff! knallte ein Schuß, kurz und trocken von dort herüber, und es fiel mir jetzt auf, was ich schon bei den früheren Schüssen bemerkt hatte, wie wenig Schall sie nämlich in solchem Nebel haben. Bei klarem Wetter hätte die rauhe mächtige Wand das Echo sicherlich mit donnerndem Getös hinab in's Thal geworfen.
Aber ich brauchte meine fünf Sinne jetzt zu etwas Anderem, als naturhistorischen Studien. Links von mir hatte ich einen, nur mit Alpenrosenbüschen bewachsenen Hügelhang, den ich eben, als der Nebel vom Wind darüber hingejagt wurde, erkennen konnte. Dorthin hörte ich auch Getrappel und entdeckte gleich nach dem Schuß ziemlich deutlich die dunklen Gestalten zweier Gemsen – so groß dem Anschein nach wie Kälber –, die am Hügelhang flüchtig aufwärts gingen. Das mußten jedenfalls Böcke sein, und das war die letzte Gelegenheit für mich. Wenn sie mir auch in den dichten Nebelschichten ein paar Mal unter den Augen weg verschwanden, schickte ich ihnen doch, sobald sie wieder sichtbar wurden, rasch hintereinander drei Kugeln nach.
Nach jedem Schuß – und das Einschlagen der Kugeln mußten sie an dem steilen Hang hören – blieben sie allerdings einen Moment wie erstaunt stehn, setzten aber auch dann eben so ungenirt ihre Flucht fort, bis mir Hügelhang und Gemsen und Nebel vor den Augen zu einer grauen unbestimmten Masse zusammenschmolz.
Bei der Nachsuche später fanden wir übrigens keinen Tropfen Schweiß, und ein älterer erfahrener Schütze der mit unten gestanden und das Wild weit näher gehabt als ich, aber nicht geschossen hatte, weil er behauptete es sei eine Geis und Kitz gewesen, versicherte: die alte Geis wäre nach jedem Schuß stehen geblieben, hätte sich nach dem Kleinen umgesehn und zu ihm gesagt, »komm nur mit, mein Kindchen, du hast gar Nichts zu fürchten.«