Ist es die Erinnerung an diese Worte, welche Tiecks Karl Martell veranlasst, die sonst ganz unmotivierte Äußerung zu thun, das Recht der Gesandten sei den Heiden heiliger als den Christen? Kannte Tieck dieses Stück Calderons, so fand er hier auch Vorbilder für die Schilderung seiner Visionen. Jedoch allzuviel Gewicht soll auf diesen letzteren Punkt nicht gelegt werden. Wenngleich die Visionen bei beiden Dichtern ähnlich dargestellt werden, so kann daraus noch nicht auf eine besondere Abhängigkeit geschlossen werden, da Dichter und Maler oft und oft Visionen mit ähnlichen Zügen ausstatten, die wir in der „Genoveva“ finden, und Tieck und Wackenroder standen vor manchem Gemälde, das eine himmlische Vision, eine Madonna in Licht und Glorie, von Engeln umgeben, vorführt. — Auf eine Kleinigkeit mag noch hingewiesen werden. Wenn Tieck die „Andacht zum Kreuz“ las, so musste ihm auffallen, dass hier zu verschiedenenmalen mit so großem Nachdruck auf die Wichtigkeit der Beichte vor dem Tode hingewiesen wird und durch ein Wunder wird Eusebios letzter Wunsch nach der Beichte erfüllt. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Tieck so durch Calderon auf jene sonderbare Unterredung Othos mit Siegfried über das Thema, ob der gefallene Krieger wohl ohne „Sacrament und Ölung“ selig werden könne, gekommen ist.
Ob Tieck noch ein paar solche kleine Züge mehr oder weniger von Calderon nahm, macht keinen großen Unterschied. Die bemerkenswerteste Neuerung, die Tieck, von den Spaniern geleitet, unternahm, ist entschieden die Einführung der verschiedenen südländischen Strophenformen in sein Drama. Tieck entlehnt die Formen, behält sich aber über die Verwendung derselben im einzelnen Falle meist seine eigene Entscheidung vor. Die Allegorie tritt in der „Genoveva“ nur im bescheidensten Maße auf. Höher anzuschlagen ist jedenfalls der mächtige Gesammteindruck dieser eigenartigen, von den Ideen der Ehre, Liebe und Religion beherrschten spanischen Poesie auf Tieck sowie der musikalischen Formenfülle und großen Künstlichkeit, die trotz aller Mannigfaltigkeit und Buntheit in diesen Dichtungen herrscht.[390] Dieser Eindruck lässt sich aber nicht wägen und nicht deutlich fassen. Er kann nur aus Tiecks eigenen Worten, die seine hohe Freude an dieser Poesie ausdrücken, erschlossen werden und eine Bestätigung ist noch Köpkes Bericht:[391] „Diese Gedichte passten ganz zu den religiösen Bewegungen, welche den Dichter mehr als je ergriffen hatten.“ Trotz aller Schwärmerei für Calderon gelang es Tieck aber nicht, von diesem Meister das Geheimnis zu erlauschen, wie der religiöse Dichter einen wirklich religiösen Charakter, etwa einen tiefgläubigen „standhaften Prinzen“, überzeugend schildert. Vielleicht war dies niemals Tiecks Absicht und vielleicht ist Tiecks poetische Art gar nicht auf strenge und klare Charakterzeichnung gerichtet. Beachtung verdient Tiecks Anlehnung an die Spanier schon deshalb, weil gerade er wieder mit seinem Beispiele in unserer Literatur vorangeht, wo es gilt, eine Periode spanischen Einflusses auf unser deutsches Drama einzuleiten, eines Einflusses, der unserer dramatischen Dichtung nicht durchwegs zum Heile gereichen sollte.
In der Maurer’schen Buchhandlung in Berlin fand Tieck (um 1798) das alte Büchlein eines Mannes, der den Aufklärern als ein Urbild alberner Schwärmerei, als der Inbegriff von Abgeschmacktheit, Barbarei und Aberwitz erschien. Das Büchlein war Jakob Böhmes „Morgenröthe“. Tieck hatte noch nichts von dem merkwürdigen Manne gesehen und glaubte (diesmal dem allgemeinen Urtheile der Welt folgend) einen neuen Gegenstand für seinen übermüthigen Witz gefunden zu haben. Beim Lesen aber begegnete ihm das Seltsame, dass der philosophische Schuster von Görlitz den übelgesinnten Leser derart überraschte und gefangen nahm, dass dieser nimmer von ihm loskommen konnte und bald aus einem Spötter ein eifriger Bewunderer der geheimen Offenbarungen J. Böhmes wurde. Zu den übrigen religiösen Antrieben, die auf Tieck wirkten, gesellte sich nun noch dieses unscheinbare alte Büchlein, in dem Tieck am wenigsten eine so siegreiche Macht vermuthet hätte.[392]
Nach Köpkes Erzählung scheint es, als ob Tiecks geistiges Wesen bereits vor der Abfassung von „Genoveva“ und „Octavian“ ganz und gar in der Mystik Böhmes aufgegangen sei, und auch Haym[393] spricht von Tiecks Böhmestudium vor der Entstehung der „Genoveva“ so, dass man weit mehr von dem mystischen Geiste des „philosophus teutonicus“ in dieser romantischen Dichtung suchen möchte, als sich darin thatsächlich findet. Die Sache klärt sich einigermaßen auf, wenn man die Briefe an Solger, in welchen Tieck sein Verhältnis zur Mystik selbst darlegt, zurathe zieht. Etwa um 1798 muss Tieck die „Morgenröthe“ aufgefunden haben. Über den Eindruck schreibt er später an Solger:[394] „Weil ich keinen dialogischen Philosophen bis dahin gefunden hatte, und mich die verschiedenen Systeme nicht befriedigten, besonders allen meinen Instinct zur Religion verletzten, so glaubte ich oft gar nicht für Speculation Sinn zu haben: meine Liebe zur Poesie, zum Sonderbaren und Alten führte mich anfangs fast mit frevlem Leichtsinn zu den Mystikern, vorzüglich zu J. Böhme, der sich binnen kurzem aller meiner Lebenskräfte bemächtigte: der Zauber dieses wundersamsten Tiefsinns und dieser lebendigsten Poesie beherrschte mich nach zwei Jahren so, dass ich von hier aus nur das Christenthum verstehen wollte, das lebendigste Wort im Abbild der ringenden und sich verklärenden Naturkräfte...“ Von hier aus betrachtete Tieck Fichte und Schelling, mit unheimlicher Leidenschaft überließ er sich seinem Triebe zur Mystik, leidenschaftliche Zustände und unerwartete Erfahrungen, über die er uns nichts weiter verräth, gesellten sich dazu, sein ganzer Geist ward so verschattet und verdunkelt, dass ihm die Lust zur Poesie und an Bildern als etwas Verwerfliches, Verfehltes erschien; „... so gab es nun viele Stunden, wo ich mich in die Abgeschiedenheit eines Klosters wünschte, um ganz meinem Böhme und Tauler und den Wundern meines Gemüths leben zu können. Dies hatte sich schon im Zerbino leicht poetisch, in der Genoveva dunkler und im Octavian verwirrter geregt. Meine Productionskraft, mein poetisches Talent schien mir auf immer zerbrochen. Ich kämpfte schmerzhaft, da sich mir die heitere Welt und mein Gemüth so mit Finsternis bedeckte, die mir anfangs im helleren Glanze geschienen hatten.“ Diese Selbstschilderung lässt einen Einblick thun in den merkwürdigen Aufruhr, den Jakob Böhme (mit diesem beschäftigt sich Tieck zuerst und am eifrigsten) in der Seele des Dichters allmählich heraufbeschwor. Nach und nach geräth sein Geist immer mehr in die mystischen Dinge hinein. Das allmähliche Hereinbrechen der Dunkelheit im Gemüthe des Dichters tritt aus dessen Erzählung nicht ganz scharf hervor, muss aber doch erschlossen werden. Erstlich bemächtigen sich die Mystiker und Jakob Böhme „binnen kurzem“ aller Lebenskräfte Tiecks und ein paar Zeilen danach dauert es wieder zwei Jahre, bis er so von Böhme beherrscht wird, dass er das Christenthum nur von Böhme aus verstehen wollte. Die erste Wendung darf darum nicht allzu wörtlich genommen und nur als ein sehr reges und lebendiges Interesse am neuentdeckten Mystiker verstanden werden; die Poesie Tiecks in „Zerbino“, „Genoveva“ und „Octavian“ und in den gleichzeiligen kleineren Dichtungen ist keineswegs so energisch von Jakob Böhme beherrscht; von einer Modifikation des Christenthums im Geiste Jakob Böhmes ist in „Genoveva“ und „Octavian“ nur wenig, in „Zerbino“ nichts zu spüren. Dass diese Betrachtungsweise des Christenthums auch in seine Poesie übergegangen sei, behauptet Tieck eigentlich auch nirgends ausdrücklich. Am liebsten verknüpft er an gewissen Stellen naturphilosophische Gedanken mit denen Jakob Böhmes. Dies alles ließe sich mit einem völligen Untergehen aller Lebenskräfte in der Mystik unmöglich vereinbaren. Das Zusammenbrechen der poetischen Productionskraft unter dem Drucke mystischer Speculation, das Tieck wie eine unmittelbare Folge seiner Lectüre noch in die Zeit vor der Vollendung des „Octavian“ zu rücken scheint, kann vor dem Abschluss dieser Dichtung, dem dann allerdings viele fast unfruchtbare Jahre folgen, nicht gut angenommen werden. Im weiteren Verlaufe des Briefes spricht Tieck ohnehin wieder so, als ob die verdüsterten Stunden in den ersten Jahren nur sich zeitweise einstellten und nicht gleich eine dauernde Gemüthsverdüsterung herbeiführten. Dazu stimmt auch eine spätere Äußerung an Solger, nach welcher die düstersten und gedrücktesten Zeiten für Tieck in die Jahre 1801–1802 fallen, als er bereits in Dresden lebte. Erinnern wir uns auch noch der schönen Freundschaft, die ihn vor dieser Zeit mit Novalis verband, so haben wir einen Grund mehr, diese dunkeln Gemüthszustände nicht vor das Jahr 1801 zurückzuverlegen. Und hätte vorher Jakob Böhme Tiecks Stimmungen verdüstert, so könnte der „Altfrank“ im „Autor“ (1800) kaum sagen:
Wir müssen also annehmen, dass Tieck erst Schritt für Schritt in die Regionen der Mystik, in das „herrliche und furchtbare Gebirge“ vordrang, nach dem „Octavian“ (1802) aber sich auf einige Jahre ganz in den dunklen Bezirken verlor. Tiecks Ausdrücke sind und bleiben dunkel und unpräcis. Nach siebzehn Jahren mochte sich ihm seine mystische Periode leicht ein wenig perspectivisch verengen und verschieben und wohl als Erlebnis im ganzen, nicht aber chronologisch klar und scharf gesondert nach allen Stadien in Erinnerung sein. Welches Gedächtnis wäre auch für solche vor längerer Zeit durchlebte Gemüthszustände absolut verlässlich?
Der Betrachter des geistigen Entwickelungsganges Tiecks muss sich außer dessen „Instinkt zur Religion“ vor allem wieder den Wackenroder’schen Einfluss und die religiösen Eindrücke der Erlanger Zeit lebendig vor Augen halten, um zu begreifen, dass der „Meister Klügling“, der mit ironischen Absichten die „Morgenröthe“ zur Hand nimmt, so schnell ein ehrfürchtiger Verehrer des mystischen Buches werden konnte. Vom Dichter der Straußfederngeschichten und des „Gestiefelten Katers“ bis zum mystischen Grübler scheint es ein gar weiter Weg zu sein. Tiecks Briefwechsel mit Solger erklärt es jedoch ziemlich genügend, wie gerade die Art von Jakob Böhmes Denken seinem inneren Wesen entgegenkam. Zum Theile sagten uns schon die früher angeführten Worte, was Tieck in Böhmes Büchlein Bewundernswertes vorfand. Mit Jacobi und Fichte hatte sich unser Dichter nicht verständigen können.[396] Der Mann, dessen Geist fast ganz und beständig von Phantasie und Gemüthsstimmung gelenkt erscheint, verlangte von jeher ein philosophisches Denken, das auf Anschauung gegründet ist und wieder zur Anschauung zurückkehrt. Philosophie und Religion müssen ineinander fallen. Alles wahre Erkennen kann nur ein intuitives Erkennen sein, ein Erkennen durch Offenbarung und Begeisterung, das in allen Dingen die lebendige Gegenwart Gottes (= des Unendlichen) schaut. Dieses schauende Eindringen in das Wesen der Dinge ist aber der poetischen Begeisterung und religiösen Hingabe nach Solger sehr nahe verwandt und damit erräth Solger so recht die längstgehegten, intimen Gedanken Tiecks, der ihm darauf hocherfreut erwidert: „Längst war ich mit Ihrer Inspiration der Philosophie, mit der nahen Verwandtschaft derselben, ja Blutsfreundschaft und Selbstheit mit der Religion einverstanden, was mich nur einen kurzen Kampf kostete: denn die poetische Begeisterung erklärte mir ja das Factum hinlänglich, und dass ich es mehr wie einmal an mir selbst erlebt hatte, machte mir ja eben immer mein Sprechen mit den Philosophen von der Schule unmöglich.“[397] Dieser horror des Tieck’schen Geistes vor allem abstracten und formalistischen und systematischen Denken ist sicher der letzte und tiefste psychologische Grund, warum sein ganzes Wesen, das den eigentlichen großen Philosophen bisher beharrlich fern geblieben war, sich so widerstandslos gerade von Jakob Böhme fesseln ließ. Bei Böhme fließen wirklich religiöse Hingabe, dichterische Anschauung und philosophische Speculation in wunderlichster Weise ineinander. Es gibt bei ihm kein abstractes Grübeln, sondern Phantasie und Gemüth greifen immer auch werkthätig mit ein und L. Feuerbach trifft in den Kern der Sache, wenn er sagt:[398] „Die Grundlagen und Anhaltspunkte seiner (Böhmes) Gedanken sind die das reine Himmelslicht des Denkens an dem dunkeln Wolkengrunde des Gemüthes in die Regenbogenfarben der Phantasie zerstreuenden, theologischen Vorstellungen der früheren Zeit...“ Der phantastische Theosoph konnte für Tieck, als er sich hernach mit Schleiermachers „Reden“ befasste, eine Art Ergänzung des abstracten Theologen abgeben. Die Art und Weise, wie Böhme die Religionsgeschichte unter dem Bilde des mächtigen Fruchtbaumes skizziert,[399] zeigt, dass seiner barocken Phantasie ein großer Zug nicht fremd ist und die Schilderung der Geister und Geisterlein, die im einfachen Halme wirken und schaffen und das Gewächs in all seinen Theilen formieren, ist wieder von einer naiven Lieblichkeit, die in ihrem kindlich herzlichen Tone fast an wirkliche Märchendichtungen gemahnt. Die Art des Anschauens der Natur ist im Grunde bei Böhme und beim Märchendichter dieselbe, nur dass es Böhme nicht um die Poetenfreude am Märchenhaften zu thun ist, sondern ihm ist das Beleben, Beseelen und Verbildlichen der Naturvorgänge zugleich eine Entschleierung ihres innersten Wesens, ein metaphysisches Erkennen. Hier findet also Tieck jeden Gedanken über Natur und Welt und Gott bildlich, poetisch eingekleidet. Hier konnte er sein philosophisches Bedürfnis nach seiner Weise befriedigen. Wie Tieck der Sinn für Geschichte durch die Poesie aufgeht,[400] so nähert sich ihm das Religiöse und die Philosophie auch zumeist durch Kunst und Poesie oder in Form von Poesie.
Was Tieck an den Volksbüchern entzückte, der schlichte, fromme, rührende Ton der Darstellung: das fand er auch in den theosophischen Phantasien Böhmes wieder. Böhme musste in jeder Weise der Liebe Tiecks zur Poesie, zum Sonderbaren und Alten entsprechen. Im „Autor“ ist es wieder der „Altfrank“, die verkörperte Liebe zum Alten, Sonderbaren und Poetischen, der den „großen deutschen Jakob Böhme“ preist.[401] Das Mitleid mit den alten, verkannten, missachteten Volksbüchlein wurde daher auch hier lebendig und zog ihn mit inniger Gewalt zum ungerecht verkannten armen Philosophen in der Handwerkerstube. Dieser Ton des Mitleids spricht auch aus dem Gedichte Hardenbergs „An Tieck“.[402] Hier redet nämlich Böhmes Geist zu Tieck:
„Verkündiger der Morgenröthe, des Friedens Bote sollst du seyn“, ruft Novalis seinem Freunde zu und diese „Morgenröthe“ Böhmes ist es, von der einzelne ungewisse Strahlen in Tiecks „Genoveva“ hineinspielen.[403]
Die „Morgenröthe“[404] (1612) ist Böhmes erstes Werk und behandelt, wenn auch noch weit unklarer als die folgenden Schriften, die Grundzüge seiner ganzen Weltanschauung und nennt sich „die Wurtzel oder Mutter der Philosophiae, Astrologiae und Theologiae, Aus rechtem Grunde“. In der „Philosophia“ soll Gottes Wesen erschlossen werden, die Beschaffenheit aller Dinge in Gott und ihr Ursprung aus Gott, sowie die Herrschaft der beiden „Qualitäten Gut und Bös“ in der Natur. Die „Astrologia“ handelt von den Kräften der Natur, den Sternen und Elementen, wie daraus alle Creaturen herausgekommen sind, also von der Entstehung und Bildung der Welt. Die „Theologia“ enthüllt das Reich Christi und der Hölle, die sich bekämpfen und spricht davon, wie sich die Menschen zu beiden Reichen verhalten und verhalten sollen.
Die Gedanken Böhmes hier weiter zu verfolgen oder in Form eines Systemes (wenn es überhaupt möglich ist) zu skizzieren, ist unnöthig, weil Böhmes Anschauungen für Tiecks „Genoveva“ als System nicht in Betracht kommen.[405] Die Vorstellungen Böhmes, die Tieck in seine Dichtung einstreut, sind nur losgerissene Splitter, die keineswegs unter einheitlichem Gesichtspunkte erscheinen.
Die ersten Spuren von Böhmes Gedanken in der „Genoveva“ begegnen uns in der prophetischen Rede des „Unbekannten“.[406] Das geheime Wissen, das er vorträgt, bevor er seine Weissagung über Karls Zukunft beginnt, lässt den Gedanken der damaligen Naturphilosophie durchblicken, dass das Universum ein zusammenhängender Organismus sei, in dem durch alle Gebiete hin sich dieselben Kräfte in sicherer Gesetzmäßigkeit bethätigen. Diese Vorstellung hatte bereits Schelling entwickelt und Tieck fand sie in Schleiermachers „Reden“ wieder; sie wurde überhaupt bald Gemeingut aller Literaturkundigen. Mit der Naturphilosophie gewann Tieck auch durch seinen Verkehr mit Steffens, dem Schellingjünger, einige Fühlung.[407] Der Gedanke der geschlossenen Natureinheit, der in der Rede des „Unbekannten“ wiederholt durchbricht, begegnet uns auch schon bei J. Böhme, wenn auch ohne die präcise Formulierung, die er bei Schelling fand. So war für Tieck die Möglichkeit gegeben, moderne naturphilosophische Ideen mit Anschauungen Böhmes zu verschmelzen.
Wenn hier der Prophet die Wahrheit seiner geheimen „Weisheit“ („Kunst“) betheuert und die Spötter strenge verurtheilt, so fühlt man sich schon an Böhme erinnert, der sich nicht selten energisch gegen die Verächter seiner Offenbarungen wendet. „Darumb schawe zu und spiele nicht zu hönisch an diesem orthe / oder Du wirst für GOTT ein spötter erfunden werden / und darf Dir wohl gehen / wie dem König Lucifer.“[408] Während Böhme nur mit der Rache Gottes („des Himmels“) droht, gibt Tieck noch die „Natur“ als zweite Rächerin bei.
J. Böhme legt auf den Zusammenhang zwischen Sternenlauf und Menschenschicksal wiederholt Gewicht. „Dan der Planeten und Sternen anfang / instehen / lauff und wesen ist anders nicht als der anfang und trieb oder das Regiment im Menschen. Wie nun das Menschliche Leben auffgehet / also ist auch die geburth der 7 Planeten und Sternen auffgangen / und ist in diesem gar kein unterscheidt.“[409] Ein andermal kehrt der nämliche Gedanke in pantheistischer Färbung wieder.[410] Der Lauf und die Beschaffenheit der Gestirne ist ein Abbild des Menschendaseins, was in den Himmelskreisen vorgeht, waltet also auch bei Böhme „bildlich“ auf Erden. — „Das wird auch in des Menschen Brust erregt.“ Nicht bloß die äußeren Schicksale der Erdbewohner gleichen den Schicksalen der Gestirne: das Innenleben des Menschen wird sogar durch die Sterne regiert. Der Mensch ist nach Böhme ein Abbild des Weltalls,[411] ein Mikrokosmos. Die Sterne wirken in seinen Adern und Eingeweiden. „Die Adern bedeuten die krafft-gänge der sternen / und seind auch die krafft-gänge der sternen / dan die sternen mit ihrer krafft herrschen in den Adern / und treiben den Menschen in ihre gestalt. Das eingeweide oder därmer bedeut der sternen wurckung oder verzehrung / alles was aus ihrer krafft worden ist / was sie selber gemacht haben / das verzehren sie selber wieder / und bleibet in jhrer krafft: und die därmer seind auch die verzehrung alles des / was der Mensch in seine därmer scheubet / alles was aus der sternen krafft gewachsen ist.“[412] Ein andermal „qualifizieren“ die Sterne und Elemente in den fünf Sinnen des Menschen.[413] Der Einfluss der Gestirne auf den Menschen, der in J. Böhmes Vorstellung in erster Linie als ein physiologischer erscheint, konnte in dieser rohen Form den neueren Dichter nimmer ansprechen. Tieck lässt darum lieber die Kräfte „in des Menschen Brust“ durch das nämliche geheime Etwas erregt werden, das in den Sternen wirkt, und überträgt so den astrologischen Gedanken vom physiologischen auf das psychologische Gebiet. Das konnte er nicht mehr gut anders und besser einrichten, da, wie wir bemerkt haben, schon Shakespeare,[414] Calderon und Schiller durch ähnliche dichterische Vorstellungen für ihn eine gewisse ehrwürdige Tradition geschaffen hatten,[415] und „die Astrologie ist für die Poesie eine unentbehrliche Idee“, wie A.W. Schlegel behauptet.
Wahrscheinlich will der Dichter sagen, dass ein wirkendes Princip in der Natur nicht auf ein Gebiet beschränkt bleibt, sondern in wechselnder Form im ganzen Universum wirkt. Die räthselhaften Zeilen lassen sich kaum klar durchblicken. Die Phrase vom „Blitz aus dem Centro“ stammt jedenfalls aus J. Böhme. Der Blitz, d.i. der Lichtschein, der vom Feuer ausgeht, kann bei Böhme verschiedenes bedeuten. In der Trinität heißt der heilige Geist der „Blitz“, der vom Herzen der Gottheit, vom Sohne ausgeht und die ganze Gottheit durchstrahlt.[416] Im Universum ist die Sonne ein Centrum, von dem aus der „Blitz“ die ganze Welt erleuchtet. Der „Blitz“ und der „Ton“ wirken auch mit bei der Bildung der irdischen Creaturen und da heißt es einmal:[417] „Der klangk aber oder stimme steiget im mittlern Centro auff in dem plitze / wo das liecht aus der hitze gebohren wird / da der plitz des lebens auffgehet.“ Hier haben wir „Blitz“ und „Ton“ verbunden, die uns auch bei Tieck nebeneinander begegnen. Der „Blitz“ erscheint endlich im Geistesleben des Menschen als eine psychologische Kraft und in erster Linie meint Böhme damit das intuitive mystische Erkennen.[418] Böhme gebraucht dabei auch wieder die Wendung vom „plitz, der im Centro auffgehet.“[419] Es ist nicht recht herauszubekommen, welche Wirksamkeit Tieck dem „Blitze“ eigentlich zudenkt. Es muss vor allem das eindringliche Bild und der höchst mystische Sinn, den J. Böhme damit verbindet, Tiecks Phantasie gefesselt haben. — Die Vorstellung, dass „sich Gestirn und Mensch und Erde schwinget gleichmäßig fort und eins des andern Spiegel“ stammt wohl aus Schleiermacher, der von Spinoza sagt:[420] „Ihn durchdrang der hohe Weltgeist, das Unendliche war sein Anfang und Ende, das Universum seine einzige und ewige Liebe, in heiliger Unschuld und tiefer Demuth spiegelte er sich in der ewigen Welt, und sah, wie auch Er ihr liebenswürdigster Spiegel war.“ Daran reiht sich wieder die Böhme’sche Vorstellung vom „Ton“ in den Creaturen, der für Tieck wahrscheinlich noch den Sinn von der Harmonie des Weltalls in sich schließt. Von Jakob Böhme wird der „Ton“, der uns schon in Verbindung mit dem „Blitze“ begegnete, als schaffendes Princip für alles Tönende in der Welt (Gold, Silber, Kupfer u.s.w.) geschildert und einmal heißt es:[421] „auch so ist derselbe Schall in allen creaturen auf Erden / sonst were alles stille.“ Das deckt sich dem Wortlaute nach mit dem Verse Tiecks, nur dass bei diesem der Sinn in eine höhere Sphäre gerückt worden ist.
Hier stehen wir wieder auf modernem romantischen Boden. Die Naturphilosophie lehrt, dass jede Idee unendlich ist. Unter diesem Gesichtswinkel schaut der Weise die Welt in jedem Zeichen. „Eine jede Idee ist als ein Unendlich-Endliches ein Abbild des ganzen Universums, und das Universum spiegelt sich in ihrer Form ganz, so dass nichts als ein abgesonderter Theil außer ihr gesucht werden darf.“[422] So Steffens. Ähnlich heißt es bei Schleiermacher:[423] „... und so alles Einzelne als einen Theil des Ganzen, alles Beschränkte als eine Darstellung des Unendlichen hinnehmen, das ist Religion.“
Hier schwenkt Tiecks Phantasie wieder zum eigentlich Religiösen zurück. Nur der mit Gott verbundene Mensch erkennt jene überweltliche Weisheit; löst er seine Verbindung, dann bleibt er an der Scholle kleben und verfällt sammt seiner Weisheit dem Teufel. Das ist wieder aus Böhmes Anschauung heraus gesprochen, der seine Erkenntnis zunächst auf directe Erleuchtung durch das Licht Gottes zurückführt. „... nur so lange als der geist in mir beharret / weiter erkenne ich nichts / als nur von elementischen und irdischen Dingen dieser Welt / aber der geist sihet biß in die tieffe der Gottheit.“[424] „Solches (sc. die Gewächse und Figuren des himmlischen Lustgartens) ist meinem Leibe auch ganz verborgen / aber meinem animalischen (Seelischen) Geiste nicht / so lange er mit Gott inqualieret, so begreift ers / wan er aber in Sünden fället / so wird ihm die Thür verriegelt / welche ihm der Teuffel zuriegelt / die muß durch grosse Arbeit des Geistes wieder auffgemacht werden.“[425] Diese Sätze der „Morgenröthe“ enthalten genau den Sinn der Tieck’schen Terzine. Das pietistisch gefärbte „irdisch Bangen“ scheint Tiecks eigenster Seelenstimmung anzugehören.[426]
Wie der „Unbekannte“ nicht aus eitlem Verlangen nach den tiefen Geheimnissen forschte, so betont auch Jakob Böhme stets seine Demuth und reine Absicht und sieht in dieser Demuth alle Erkenntnis nur als Gnade Gottes an. „Den allen (Spöttern und Verächtern nämlich) gebe ich zur antwort / daß ich nicht in die Gottheit bin gestiegen / dann mir / als einem geringen Menschen / solches auch nicht müglich wäre zu thun / sondern die Gottheit ist in mich gestiegen / und ist mir solches auß seiner Liebe offenbahr welches ich in meiner halbtodten fleischlichen Geburth sonst wol würde müssen lassen bleiben.“[427] Ähnlich redet er in der „Vorrede“. Die geschraubten Wendungen „die Brust zu den Sphären erheben“, „des Himmels Wangen küssen“ sowie das vorausgehende: „Zur Sternenwelt trägt ihn der kühne Flügel“, mit denen Tieck den Aufschwung des betrachtenden Geistes umschreibt, erinnern an die weltenüberfliegenden Bilder des jungen Schiller.
Die Wendung vom „Ton“ und „Blitz“, der das Innere „durchblickt“, nimmt Karl Martell in seiner Antwort[428] wieder auf, jedoch in einem gewöhnlichen, verständlichen poetischen Sinne.
Der Grundcharakter des „Unbekannten“ ist das Geheimnisvolle. Schon sein Erscheinen als Unbekannter, von dem niemand weiß, woher er kommt und wohin er geht, sein Prophetenthum, seine feierliche Rede in den langhinhallenden Terzinen (die für Tieck noch eigens den Eindruck des Alterthümlichen erwecken[429]), erhöhen die Stimmung des Geheimnisvollen. Gerade diesem Zwecke scheint auch die Verbindung moderner naturphilosophischer Vorstellungen mit den alten theosophischen Gedanken Jakob Böhmes zu dienen. Die naturphilosophischen Ideen erscheinen zunächst verständlich, ihre Formulierung mit Hilfe Böhme’scher Worte und Wendungen macht sie zugleich mystisch und dunkel und so oscilliert der Geist des Lesers bei diesen Strophen immer zwischen Verstehen und Nichtverstehen hin und her. So versetzt Tieck den Leser in jenes Dämmerlicht des Halbbewussten, Unbestimmten, das in der romantischen Dichtung so beliebt ist.[430]
Nach langem finden wir Jakob Böhmes Weisheit wieder in den Reden der Straßburger Hexe.[431] Wenn Winfreda Golo erklärt:
so hat sie diese Wahrheiten aus Böhmes „Morgenröthe“ geschöpft. Denn hier lesen wir:[432] „Das haupt (des Menschen) hat in sich die 5 sinnen / als sehen / hören / riechen / schmäcken und fühlen / darinnen qualificieren die sternen und elementa, und entstehet darinnen der Siderische / Sternen- und Natur-geist in Menschen und Thieren / in diesen quillet böses und gutes / dann es ist ein hauß der sternen. Solche krafft nehmen die sternen vom himmel / dass sie im fleisch können einen lebendigen und bewegenden geist machen in Menschen und Thieren.“ Der Einfluss der Sterne auf die Menschen zum Guten und Bösen sowie die Vorstellung, dass jeder ein „siderisch Haus“ ist, finden wir hier und bei Tieck ganz ähnlich ausgesprochen. Mit seiner Neigung zum Fatalistischen weicht Tieck wieder von J. Böhme ab. Böses und Gutes in den Creaturen rührt nach Böhme[433] aus den Sternen her. Allein nur Engel und Teufel sind in entschiedener guter und böser Qualität. Für diese Geschöpfe gibt es kein Schwanken mehr. Im Menschen und in den anderen Creaturen kämpfen beide Qualitäten und der Mensch kann sich selbst dem Guten oder Bösen zuwenden. Während Böhme entschieden die freie Selbstbestimmung des Menschen aufrecht erhält, macht Tieck den Menschen zum „Samenkorn, in dem des Schicksals Zorn reift“.[434]
Winfreda sagt zu ihren Besuchern:[435]
Die Hexe benimmt sich hier demüthig wie Jakob Böhme. Auch er erzählt, wie er, obwohl ein sündhafter Mensch, die Geheimnisse der Welt durch göttliche Erleuchtung durchschauen durfte.[436] „In diesem Liechte hat mein geist alsbald durch alles gesehen / und an allen Creaturen / sowohl an kraut und graß Gott erkennt / wer der sey / und wie der sey / und waß sein willen sey: Auch so ist alsbald in diesem liechte mein willen gewachsen mit grossem trieb / das Wesen Gottes zu beschreiben.“ Von seiner Sündhaftigkeit spricht Böhme besonders auch in der „Vorrede“ zur „Morgenröthe“. Auch hier verquickt Tieck wiederum Naturphilosophie mit Jakob Böhme. Schleiermachers folgende Worte bezeugen es:[437] „Eine größere Ausbeute gewährt sie (die Natur) freilich uns, denen ein reicheres Zeitalter tiefer in ihr Innerstes zu dringen vergönnt hat; ihre chemischen Kräfte, die ewigen Gesetze, nach denen die Körper selbst gebildet und zerstört werden, diese sind es, in denen wir am klarsten und heiligsten das Universum anschauen. Sehet wie Neigung und Widerstreben alles bestimmt und überall ununterbrochen thätig ist; wie alle Verschiedenheit und alle Entgegensetzung nur scheinbar und relativ ist und alle Individualität nur ein leerer Name...“ Während Jakob Böhme christlich-religiös denkend alles von dem nämlichen Geiste Gottes formieren, erhalten und tragen lässt, schiebt Tieck hier die naturphilosophische Anschauung des Universums ein,[438] führt aber den Gedanken gleich wieder in Böhmes Vorstellungsweise weiter.
„Also auch die Erde brächte keine Frucht / auch so wüchse darinnen kein Metall / weder gold / silber / kupfer / eißen noch stein / so die sternen nicht darinnen würketen / es wuchse auch kein gräselein daraus ohn würkung der sternen.“[439]
Jakob Böhme erklärt das Wachsthum des Baumes und sagt unter anderm:[440] „... alsbald aber der Frühling kompt / daß die Sonne mit ihren strahlen die Erde erreichet und erwärmet die / so wird der Geist in der hitze / in dem baume lebendig / und heben die geister des baumes an zu grünen / wachsen und blühen: dan der geist gehet in der hitze auff / und alle geister freuen sich darinnen / und ist eine hertzliche liebe zwischen ihnen.“ Ein andermal[441] schildert Jakob Böhme das merkwürdige Wesen, das die Qualitäten (d.i. die formierenden Geister) in den Gewächsen treiben, wie sie Halme, Knoten, Blätter, Blüten und Früchte bilden. „Alsdan wächst aus allen qualitäten / die in dem corpus seind / eine kolbe oder kopff / und wird ein newer leib in der kolben oder kopfe / und wird figuriret gleich wie erstlich die wurtzel in der Erden / allein daß es nun eine andere subtilere form krieget.“ Hier fand also Tieck auch sein alterthümliches Reimwort, das sich auch sonst ebenso wie der Terminus: „corporieren“ oft in der „Morgenröthe“ einstellt. Wenn letzterer auch nicht gerade in Verbindung mit „Gedank’ und Wille“ erscheint, so ist doch die Art, wie Gedanke und Wille entstehen, bei Böhme erörtert. Wenn die Hitze das Licht gebiert, so „entstehen die sinnen und gedanken, das eine qualität die andere / die auch in ihr und mit ihr selber temperiret ist, siehet und mit ihrer schärffe approbiret / daß es ein wille wird / der in dem corpus auffsteiget in dem ersten quellbrunn in die herbe qualität.“[442]
Das intuitive Erkennen durch die Phantasie ist es, auf das auch Jakob Böhme immer wieder zurückkommt; „thue die augen deines geistes auff“,[443] „thue die Augen deines gemutes auf“,[444] ruft er gerne dem Leser zu. Das Erkennen und Sehen „im geiste / im trieb und wallen GOttes“ ist ihm neben der Bibel eine Quelle von Offenbarungen;[445] wenn er sich an Gottes Trieb und Wallen hingibt, so werden ihm „alle große geheimnusse offenbar“.[446] Die Phantasie lässt ihn Unergründliches erkennen, also Unmögliches gelingen. (Romantische Hochschätzung der Phantasie.)
Der Vers „Alle Dinge nur sind der Geisterwelt ein Kleid“ scheint ein Compromiss der Worte des Erdgeistes im „Faust“: „... und wirke der Gottheit lebendiges Kleid“ mit Böhmes Anschauung, dass „die gantze Natur der gantze leib GOttes“ sei.[447] Gott und Geisterwelt sind nach manchen Äußerungen Böhmes auch identisch.
Im weiteren Verlaufe der Hexenscene gilt es, für Siegfried Phantome zu schaffen. Diese Schöpfung, die Winfreda vollbringt, könnte man als „frei nach Jakob Böhme“ bezeichnen. Jakob Böhme abstrahiert aus der Anschauung der Natur verschiedene Qualitäten von dieser und macht diese Qualitäten wieder zu genetischen Principien, welche die Dinge in der Natur schaffen und einmal „Qualitäten“, das anderemal „Quellgeister“ oder „Geister“ allein genannt werden. Winfreda will Phantome schaffen. Dazu braucht sie nicht so viele „Qualitäten“ aufzubieten, als zur Schöpfung wirklicher Dinge nöthig wären, sie braucht nur drei: Gestalt, Farbe und Leben. Diese drei Dinge werden zusammengebraut und auf den Ruf der Zauberin erscheinen die gewünschten Gebilde.
Für die Einführung des ersten constitutiven Elementes, der Linien nämlich, welche die Gestalt der Phantome umschreiben müssen, ließe sich eine Anregung durch die „Morgenröthe“ vermuthen. Der „animalische Geist“, heißt es daselbst, der von den 7 Quellgeistern ausgeht, muss diesen, wenn ein Ding geschaffen werden soll, zuerst die Form weisen. Denn gerade wie der Zimmermann, der ein künstliches Haus baut oder der Handwerker, der ein künstliches Werk macht, nicht zuerst mit den Händen zugreift, sondern sich im Geiste die Form vorstellt, so „weiset der animalische Geist den 7 Geistern die Form. Alsdann bilden es die 7 Geister und machen es begreiflich / alsdan arbeiten erst die Hände nach dem Bilde / dann must ein Werk vorhin erst in sinn bringen / wilstu es machen.“[448] Es ist hier nicht nur vom Linienumriss, sondern vom „model“ überhaupt die Rede. Eine gewisse Ähnlichkeit des Vorgehens dieser Geister und der Hexe ist immerhin vorhanden.
Die Farben werden als zweites bildendes Princip von der Hexe gebraucht. Das Linienschema, der Umriss wird durch sie erst lebendig. Die seltsame Vorstellung von erstorbenen Geistern scheint Tieck aus Böhme genommen zu haben, welcher schreibt:[449] „Wan der zornige Feuer-Plitz die Geister der Natur / welche in der Erden im Tode stehen / mit seinem grimmen schrack auffwecket / und beweglich macht / so fangen die Geister an nach ihrem eigenthumblichen Göttlichen Rechte sich zu gebähren / wie sie von der Ewigkeit gethan haben / und figurieren einen Leib zusammen nach desselben Orths instehenden qualitäten.“ Gleichnisweise wird an anderer Stelle von einem „todten Geiste“ gesprochen. Die Verse, die von den „Unsichtbaren“ sprechen, die vom Nichtsein in den Lichtschein kommen, scheinen auch noch von der Vorstellung der „erstorbenen Geister“ auszugehen.[450]
Im dritten Zauberspruche Winfredas wird das Feuer als belebendes Princip angesprochen, das den aus Linien und Farben geschaffenen Gebilden „Atem, Seele, die Natur“ gibt. Verwandt ist damit, was Jakob Böhme über die Hitze sagt.[451] Der Grundstoff zu einem Lebewesen wird von der herben, sauren und süßen Qualität zusammengefügt, muss aber erst durch die Hitze zum organischen Leben erweckt werden... „und die hitze ist der geist / oder die anzündung des Lebens / davon der geist im corpus entstehet / der in den ganzen corpus quallet / und außer dem corpus leuchtet / und macht die lebendige Bewegung in allen qualitäten des corpus.“ Hier ist die Anlehnung an Böhme wieder deutlicher.
Ein klein wenig Licht fällt auch noch auf diese hypermystische Hexenkunst, wenn man den Abschnitt „die Farben“ aus den „Phantasieen über die Kunst“,[452] in denen sich auch schon Böhmes Einfluss zeigt, heranzieht. Formen, Farben und Töne in ihrem schönen Zusammenwirken entzücken (so phantasiert Tieck unter anderem) den sinnigen Naturbeobachter. Die menschliche Kunst trennt Sculptur, Malerei und Musik und jede dieser Künste wandelt ihren eigenen Weg. Aber wie schön müsste auch in der Kunst eine Vereinigung sein, wenn sich z.B. zu einem Gemälde das verbrüderte Tonstück fände und es belebte. Da wäre dann die Kunst die höchst verschönerte Natur. Wenn Tieck Umriss Farbe und Töne zu einem belebten Kunstwerke zusammenwirken sehen will, so ist es klar, dass er hier die Schlegel’sche Universalpoesie zu einer Art Universalkunst potenzieren möchte. Die Hexe belebt die Gebilde, die aus Umriss und Farbe sich entwickeln, durch die geheime Kraft des Feuers und ruft sie mit Hilfe der Töne vollends ins Dasein. Wie diese Geister, welche die Hexe ruft, so schweben auch die Urbilder der Kunstwerke irgendwo „körperlos in den schönsten Formen“. Wie das magische Liniennetz die Farben einfängt, so „spreitet die ganze Natur dem Sonnenglanze ihre Netze entgegen, um die funkelnden Schimmer festzuhalten und aufzufangen“. Es scheint also, dass das Thun der Hexe auch ein Zerrbild vom Schaffen des romantischen Idealkünstlers sein soll, und wie früher die Naturphilosophie wird hier noch zugleich eine ästhetische Gedankenreihe der Romantiker mit Gedanken Jakob Böhmes verquickt.
In den Versen[453] „das muss das Leben in sie führen u.s.w.“ arbeitet Winfreda mit den nämlichen Vorstellungen und der „schwangere Drang“ stammt auch wahrscheinlich aus Böhme; denn der Vergleich mit dem schwangeren Weibe ist bei ihm beliebt.[454]
Die Worte: