Title: Jüdische Flieger im Kriege, ein Blatt der Erinnerung
Author: Felix A. Theilhaber
Release date: November 5, 2015 [eBook #50393]
Most recently updated: October 22, 2024
Language: German
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Zur Geschichte der Juden und über ihre Anteilnahme an den großen Kriegen des vorigen Jahrhunderts erschien zu Beginn des Weltkrieges eine eingehende Untersuchung von Professor Dr. Ludwig Geiger. Den Anteil an den napoleonischen Kämpfen leitet ein Jude namens Berck ein, der unter Kosziuszko ein Freikorps errichtet und zum Chef eines Reiter-Regiments avanziert. Dieser Umstand beeinflußte den preußischen Minister Schrötter, einen unbedingten Gegner der Juden, im Jahre 1808 seinem König einen Entwurf vorzulegen, der sich also anließ:
»Der Jude hat orientalisch-feuriges Blut und eine lebhafte Imagination. Alles Anzeichen einer männlichen Kraft, wenn sie benutzt und in Tätigkeit gesetzt wird.
Er ist in der älteren und auch in der mittleren Zeit sehr tapfer gewesen und man hat selbst in ganz neuerer Zeit, sowohl im amerikanischen als französischen Revolutionskriege auffallende Beispiele von Juden gehabt, welche sich ausgezeichnet haben ...«
Eine amtliche Denkschrift der preußischen Regierung ermittelte Jahrzehnte später die Anteilnahme der Juden an den Befreiungskämpfen. Bei einzelnen Armeekorps war keine konfessionelle Erfassung der Kriegsteilnehmer mehr möglich.
»Indessen« kommt die offizielle Untersuchung nach Geiger zu diesen Schlüssen, »hat sich doch ergeben, daß beim 2., 3. und 5. Armee-Korps etwa je 40 Mann, beim 6. 60 Mann und beim 4. 80 Mann jüdischen Glaubens gedient haben, und es ist besonders angeführt, daß sie beim 2. und 3. Armeekorps fast sämtlich resp. größtenteils, beim 5. Armeekorps wenigstens die Hälfte, beim 4. Armeekorps unter den überhaupt 80 Mann 2 Mann als freiwillige Jäger eingetreten sind, während beim 1. Armeekorps, obschon die Listen fehlen, doch als feststehend bezeichnet wird, daß sich im Kriege mehr freiwillige als im Frieden gemeldet haben. Ihre Führung im Kriege wird beim 2. und 3. Armeekorps als gut bezeichnet und beim letzteren, wie beim 2. Armeekorps wird anerkannt, daß sie zum Teil mit besonderer Auszeichnung gedient haben, wie denn auch beim 7. Armeekorps ihnen das Zeugnis gegeben wird, sich dem Feinde gegenüber sehr brav benommen zu haben und vom Generalkommando des 1. Armeekorps angeführt ist, daß ihre im Kriege geleisteten Dienste gelobt würden.«
Die amtliche Untersuchung gibt daher in den bezeichnenden Worten Ausdruck:
»Faßt man den Inhalt dieser Ermittelungen zusammen, so darf man als erfahrungsmäßiges Resultat annehmen, daß die Juden des preußischen Heeres von den Soldaten der christlichen Bevölkerung im allgemeinen nicht erkennbar unterschieden sind, daß sie im Kriege gleich den übrigen Preußen sich bewährt.«
Ueber einzelne Heldentaten jüdischer Krieger sind bei Geiger wertvolle Dokumente gesammelt, ebenso wie Stimmen nichtjüdischer Autoren, die die Tapferkeit der jüdischen Soldaten und die vaterländische Treue der ganzen israelitischen Bevölkerung anerkennen.
Eine kleine Zahl von Juden brachte es deshalb auch zum Offizier. Ein Jude Siegmund Plessner aus Pleß bekam beim Abschied den Hauptmannsrang (er war später Mathematiklehrer in Erfurt), Meno Burg wurde sogar aktiver Major. Seine Autobiographie hat Geiger ebenfalls neu herausgegeben. Eine Reihe von Juden erhielten Auszeichnungen, Eiserne Kreuze und andere Orden. Sogar den Orden Pour-le-Mérite erhielt ein Jude, Simon Kremser aus Berlin. Er muß dem Heere und dem Fürsten Blücher wertvolle Dienste in schweren Zeiten erwiesen haben. Eine Jüdin Louise Grafemus (nach der Vossischen Zeitung vom 9. Dezember 1815) machte den Feldzug als Freiwillige mit und wurde dabei zweimal verwundet; auch sie erwarb sich das Eiserne Kreuz.
1866 und 1870 haben sich nach Geiger u. a. die Juden auf dem Schlachtfelde vollauf bewährt.
Auf diese und andere historische Tatsachen wird hier nicht eingegangen, da unsere Darstellung der heutigen Zeit gilt. Die folgenden Blätter dienen einem erstmaligen Versuch, einige Lebensläufe jüdischer Soldaten unseres Krieges zu sammeln, die Erinnerung an sie festzuhalten, an der Hand objektiver und subjektiver Dokumente ihrer Wesensheit nachzugehen und damit jenen Bestrebungen, den Juden generell Mannesmut, Pflichterfüllung und Selbstaufopferung abzusprechen, entgegenzutreten. Nicht nur der Kampf gegen den Antisemitismus erfordert diese Aufgabe. Die heranwachsende Generation junger Juden darf und muß von der Art der jüdischen Soldaten die volle Wahrheit erfahren, muß von Männern hören, die Seite an Seite mit ihren nichtjüdischen Kameraden Gut und Blut freudig und stolz der Staatsidee geopfert haben.
Wenn wir so Juden als Helden reklamieren, so sind wir uns bewußt, daß der Beweis nicht einfach zu erbringen ist. Der Begriff des Heldentums hat wenig objektive Merkmale. Mancher Held der Geschichte verlor durch neue Enthüllungen oder hielt den Maßstäben andrer Zeiten nicht mehr stand. Bekannt ist die Börnesche Kritik an dem Schillerschen Nationalheros Tell, dessen Tat dem Frankfurter ehemaligen Polizeibeamten aus dem Hinterhalt heraus wenig ansprechend schien. Vielleicht paßt hierher das Wort Friedrich des Großen, daß Alexander der Große ein Straßenräuber gewesen sein mag, den aber zum mindesten sein Biograph geschickt zum Helden, zum göttlichen Heros gemacht hat. Das Urteil der Umwelt, die Macht eines großen Schriftstellers kann das Verdienst vergrößern. Außerdem beeinflussen die verschiedene Beurteilung des Beschauers, die schwankende Vorstellung des Moralischen unserer Taten, der Wechsel des Maßstabes, und der ausgelösten Wirkungen den Wert und die Benennung der Dinge. Die Taten eines Götz von Berlichingen, eines Don Carlos, einer Corday, ja eines Napoleon, wechselten als heroisch im Lichte des Tages und der Geschichte. Jeanne d'Arc gilt den einen als ein hysterisches Mädchen, als Typus psycho-pathologischer Weiblichkeit, auf der anderen Seite wurde ihr nicht nur der Heiligenschein verliehen, sondern an ihren Namen die Gloriole des höchsten Heldentums geknüpft.
Und trotzdem begeben wir uns auf dieses schlüpfrige Parkett. Weil wir glauben, daß unbeschadet all dieser Einwände eine Summe von Energie, selbstloser Hingabe und Todesverachtung immer wieder Bewunderung wecken muß. Aber wo können wir diese nachweisen. Wo müssen wir sie suchen und wo können wir sie darstellen?
Leistungen Hunderttausender sinken ins Namenlose. Die nächste Umgebung übersieht sie. Die Historie erfährt nichts von dem Elan der Tapfersten, weil ihrem Vorwärtsdrängen der Erfolg ausblieb und ihnen das Glück nicht blühte, daß beredte Zeugen ihre Tat schildern — oder der Tod sie überraschte, ehe sich Wirkungen auslösen konnten. Der geerntete Ruhm erhöht das geleistete Opfer. Wer die feindliche Fahne entriß, die mit Kanonen bespickte Bastion als erster besteigt: — ist — der Held; und der Kamerad, der zehn Schritte vor ihnen als vorderster tödlich getroffen niedersinkt — ein unbeachtetes Opfer. Neben der Leistung ist das praktische Resultat und ihre Anerkennung eine Voraussetzung für das öffentliche Lob. Was alles in diesem Krieg auf Vorposten und in Patrouillen in dunkler Nacht, im Hagelschauer des Trommelfeuers, beim offenen Sturmangriff, geleistet wird, kann nicht gezählt werden. Die Welt will das Heldentum amtlich sozusagen festgestellt haben. Die Auszeichnung und die Beförderung für bewiesene Geistesgegenwart und Wagemut sind objektive Prüfsteine oder gelten wenigstens als solche. Sie nehmen der Kritik die Handhabe, an den starken Qualitäten eines Mannes zu zweifeln. Unsere Sammlung wird daran anknüpfen müssen und auf diese äußerlichen Erscheinungen einen gewissen Wert legen. Sie wird aus dem großen wechselvollen Spiel dieses Krieges eine bleibende Erinnerung schaffen, uns einen Ausschnitt bieten: das Bild jüdischer Flieger. Bei der Relativität der Werttheorie, bei dem Mangel der Statistik, verzichten wir darauf, erschöpfendes Material zu bieten. Wen die Frage des jüdischen Soldaten interessiert, dem wird dieser Ausschnitt einiges geben ....
Heldentum und Tapferkeit sind der Ausdruck einer hochgeschraubten, individuellen Natur, sind starke, persönliche, womöglich bewußte Impulse in Hinblick auf das Wohl der Allgemeinheit, somit für das soziale Ganze. Von jedem Soldaten wird diese restlose Hingabe verlangt und vorausgesetzt. Trotzdem gibt es Nüanzierungen, Differenzen in der Tapferkeit der Soldaten. In der Ausgabe der verschiedenen Orden und Ehrenzeichen anerkennt jede Heeresleitung ihr Vorkommen.
Nicht mit Unrecht haben Infanterieoffiziere oft bittere Klage geführt, daß ihr Opfersinn, das grauenhafte Leiden, was sie mit Heroismus ertragen, der viele der berühmten Muster, die wir in unserer Schulzeit bestaunten und bewundern mußten, übertrifft, nicht genug Anerkennung findet. Gleichwohl! Die Stellung des Linienoffiziers kann einen passiven Einschlag haben. Anthaeus fand in der Berührung mit der Erde stetig neue Kraft. In der Masse entwickelt mancher Infanterist sein Talent, fast jeder stärkt an der Umwelt seine Triebe und wächst im Bewußtsein des Siegeswillens der Nachbarn.
Die Welt des Fliegers ist eine abgeschlossene. Auf sich selbst ist der Flieger angewiesen; von seiner Umsicht hängt das eigene Schicksal ab; nirgends ist der Zufall auf die Dauer so ausgeschaltet wie beim Fliegerkampf. Die Tat des Fliegers ist eine individuell-aktive, die Einflüsse der Außenwelt sind stärker reduziert, die Erfolge persönlicher, sichtbarer. Das soll das Leben des Liniensoldaten nicht herabsetzen; uns gilt es eine Waffe zu sichern, bei der die Zahl der Mitläufer, der Helden aus dem Augenblick, aus dem eisernen Muß heraus auf ein Minimum beschränkt wird, wo tatsächlich das klare Bewußtsein und das Vollgefühl der eigenen Tat als Voraussetzung gelten dürfen. Und noch an eines möchten wir erinnern. Der Dienst bei der Fliegertruppe ist ein freigewählter, das Menschenmaterial ein ausgesuchtes. Ein Volk von physisch minderwertigen Elementen stellt kein starkes Kontingent von tüchtigen Fliegern.
Aus solchen Gesichtspunkten heraus erschien die Darstellung des jüdischen Einschlags an dem Ruhmesblatt der Fliegerwaffe berechtigt. Erinnerungen an das Wirken von Juden bei anderen Waffengattungen sollen folgen. Auf allen Kriegsplätzen sind Judengräber geschaufelt. Tausende und Abertausende haben für Deutschland geblutet und selbst dort, wo man von Juden keine Ausstrahlungen ihres Mutes erwarten konnte, stoßen wir auf wundersame Beispiele. Wer hätte an ihre Mitwirkung an den Taten der Flotte gedacht? Aus dem Material ihres Wirkens auf U-Booten und der Hochseeflotte darf vielleicht ein Dokument Zeugnis ablegen. Es ist dies der Brief des Prinzen von Hohenzollern (datiert: Malta, den 1. März 1915) an die Angehörigen des Matrosen Levi (zitiert nach dem Hamburger »Israelitischen Familienblatt«).
Der Brief lautet:
»In dem Gefecht bei der Kokosinsel, wo die Tätigkeit der »Emden« ihr Ende fand, starb auch den Heldentod fürs Vaterland der Matrose Levi. Ich bin vom Kommandanten des Schiffes, Herrn Fregattenkapitän von Müller beauftragt, Ihnen zu dem schweren Verlust, sein herzlichstes und wärmstes Beileid auszusprechen. Auch im Namen der übrigen Offiziere, Deckoffiziere, Unteroffiziere und Mannschaften der »Emden« und ebenfalls für mich persönlich versichere ich Sie unserer aufrichtigsten Teilnahme. Wir alle bedauern mit Ihnen den so frühzeitigen Tod des tapferen Heimgegangenen, dessen junges Leben zu den schönsten Hoffnungen berechtigte und der durch seinen großen Diensteifer und sein kameradschaftliches Wesen bei Vorgesetzten und Kameraden gleich beliebt war. Im Endgefecht der »Emden« hat er auf seiner Gefechtsstation als Geschützmatrose sein Bestes getan und tapfer ausgehalten bis ihm eine englische Granate einen kurzen und schmerzlosen Tod bereitete. Im Herzen der Ueberlebenden von Sr. Majestät Schiff »Emden« wird das Andenken an den tapferen und beliebten Kameraden alle Zeit unvergessen bleiben.«
Ein Antisemit hat bekanntlich im Reichstage sich einen Zwischenruf gestattet, der wohl nur eine rhetorische Frage darstellte: »Zeigen Sie mir doch einmal einen jüdischen Flieger!« Ich weiß nicht, ob er eine Antwort darauf bekam. Tatsache ist, daß viele Leute glauben, es gäbe keine jüdischen Flieger, weil ....
Selbst die Juden wissen nichts von den jüdischen Fliegern und ahnen nicht deren Bedeutung. Täglich lesen wir irgendwo von tapfren Bayern, oder sogar von den tapfren Bayern — als ob jeder Bayer ein zweiter Schmied von Kochel wäre — von dem erprobten schlesischen Landsturm, dem zähen Märker, den braven Ostpreußen. Und wenn ich jetzt in der Zeit des Burgfriedens, noch mitten im Krieg, wo eigentlich jeder sich von den Tatsachen überzeugen könnte, etwas von den Juden in der allgemeinen Presse lese, dann steht es in der verbreiteten »Täglichen Rundschau« oder in der »Deutschen Tageszeitung« und liest sich wahrlich nicht zu unseren Gunsten. Jede Stadt, jede Volksschicht, ja selbst kaufmännisch-technische Unternehmungen, Straßenbahnen oder Kabelwerke, Handlungsgehilfenvereine und Studentenkorporationen feiern ihre Toten und weisen — obgleich es niemand je anzweifeln würde — auf ihre schweren Opfer und ihre vielen im Felde stehenden Anhänger, Mitglieder und Freunde hin.
Von den mutigen Juden scheint kein Wort, kein Lied jetzt und später zu klingen. Der jüdische Dichter Lissauer hat dazu keine Zeit, er muß die Wiederkehr von Luthers Geburtstag besingen. Und wo wir anläßlich der famosen Judenzählung auf Fürsprache stießen, da fanden wir Redensarten, allgemeine Phrasen, appellierend an unser Recht oder allgemeine Hinweise auf schwere Opfer, die der Gutgläubige akzeptierte und der Altdeutsche skeptisch bezweifelte.
Und doch könnten wir reichhaltiges Material bieten, das den Opfermut unserer jüdischen Soldaten scharf umreißt, Beispiele davon geben, daß auch wir Männer sind, die in nichts denen anderer Stämme Deutschlands nachstehen. Wenn wir das Verdienst der jungen Juden an die Oeffentlichkeit bringen, dann folgen wir nur dem Beispiel der allgemeinen Presse, dem System der Heldentafeln, wir mehren zwar unseren eigenen Ruhm, kommen aber nur der historischen Gerechtigkeit nach, indem wir der Helden gedenken, die ihr junges Leben freudig für uns alle dahingegeben haben. Ob ihr Name fortleben darf und das Gedächtnis ihrer Taten aufgezeichnet werden soll, darüber eine Debatte zu eröffnen, erscheint mir mehr als überflüssig. Neben deren Größe verliert die Anschuldigung an Boden, als ob die jüdische Jugend sich nur aus »Muß«-, »Auch«- oder gar »Nicht«-Soldaten zusammensetze.
Einen guten Ausschnitt liefert der Beitrag »jüdische Flieger«. Im Felde ist es schwer, sich als Privatmann einen guten Ueberblick über die ruhmvolle Beteiligung der Juden an dieser Waffe zu verschaffen. Meine Sammlung ist deshalb nur ein Torso, der aber doch schon eine gewisse Orientierung gestattet und vor allem die Erinnerung an einige Juden festhält, deren Namen nicht klanglos zu ersterben brauchen.
Im Gewühl des Weltenbrandes ist die Erfüllung dieser Aufgabe nicht ganz einfach, um so mehr, als die Abfassung dieses Buches in die Kämpfe der Frühjahrsoffensive des Jahres 1918 fiel, in eine Zeit, in der ein Truppenarzt eines Regiments unter Tausend Widrigkeiten nur in Eile das Material, das sonst zerflatterte, zu Papier bringen konnte. Der Leser wird daher den Mängeln der Arbeit nachsichtig sein!
Den, der dieses gesungen, nahm der Tod aus reichem dichterischen Schaffen auf dem Schlachtfeld vor Soissons, am 8. Februar 1915 und seine dankbare Heimat schuf ein Denkmal an sein Wirken an der ewig-brandenden Ostsee, an den jungen Walther Heymann; zu früh traf ihn die feindliche Kugel, als daß er noch selbst hätte Flieger werden können. Aber nach ihm kamen Söhne seiner Rasse, die Jünger des Merkur, all die, die vordem auf dem Kontorsessel gethront hatten, mit Maß und Elle hantiert oder den Böcken in den Kontobüchern nachgejagt hatten, tauschten ihren Beruf ein und saßen am Motor und Maschinengewehr, vergaßen die geblümten und getipfelten Kattuns, Aktien und Kupons und wurden Genossen der Abkömmlinge, die seit Geschlechtern in der Jagd, in der Körperkultur und im Militär Lebensberuf oder Lebensfreude gefunden hatten.
Nicht immer ging diese Metamorphose leicht vor sich: manch einer zahlte schon sein Leben, ehe er den Flugplatz verließ.
Gedenken wir zuerst einiger Toten, denen nur eine kurze Fliegerlaufbahn beschieden war. Einer der ersten von diesen war der Leutnant d. Reserve Josef Zürndorfer aus Rexingen, vor dem Kriege Kaufmann in Bochum. Er hatte 1910 seiner Dienstzeit beim 6. württembergischen Inf.-Reg. als Einjähriger Genüge geleistet und rückte mit dem 154. Inf.-Reg. ins Feld, wo er als einer der Ersten das »Eiserne« und die Württembergische Verdienstmedaille erhielt, sowie zum Offizier-Stellvertreter aufrückte. Bei Combres, während eines Sturmangriffes verwundet, meldete er sich, kaum genesen, zu den Fliegern. In einem Briefe nach Hause jubelte er laut: »Meine Wünsche sind erfüllt, ich habe ein glückliches Los gezogen«. Frühzeitig erliegt er einem Unfall.
»Ich bin als Deutscher ins Feld gezogen, um mein bedrängtes Vaterland zu schützen. Aber auch als Jude, um die volle Gleichberechtigung meiner Glaubensbrüder zu erstreiten«, heißt sein Bekenntnis in seinem Testament.
Ebenso verunglückte der Kriegsfreiwillige Jakob Lichtenstein bei der Fliegerabteilung Elsenmühle. Lichtenstein stammte aus Neustadt bei Pinne.
In Gotha stürzte der Sohn des Stuttgarter Buchhändlers Karl Levi, der 21jährige Eugen Levi ab. Ein elsässischer Jude Martin Bloch aus Markirch erlitt 1916 dasselbe Geschick.
Dasselbe Los fand ein ausländischer Jude, der — wie viele andere — die Sympathien für Deutschland mit dem Leben büßte.
Der Flugzeugführer Arthur Chasanowicz (im Jahre 1892 geboren) studierte auf der Technischen Hochschule in Charlottenburg, wo er auch sein Diplom-Ingenieur-Examen ablegte. Bei Ausbruch des Krieges meldete er sich, obwohl er Russe war — sein Vater stammt aus Grodno, — freiwillig als Motorradfahrer bei verschiedenen Truppen, wurde aber abgewiesen, da er herzkrank sei. Er ließ sich in der Kgl. Charité in Berlin daraufhin untersuchen und hierbei wurde festgestellt, daß zwar eine beträchtliche Herzneurose aber kein ausgeprägter Herzfehler vorliege. Daraufhin meldete er sich nochmals bei der Fliegerabteilung in Adlershof-Johannisthal; er wurde zum 1. Februar 1915 eingestellt. Zuerst wurde er als Infanterist in Alt-Glienicke bei Adlershof ausgebildet. Auf der Fliegerschule in Johannisthal machte er seine Pilotenexamen und wurde dann als Flugzeugführer zur Art.-Beobachterschule nach Jüterbog, Altes Lager, abkommandiert. Von dort aus unternahm er größere Ueberlandflüge. Auf einem solchen Fluge verunglückte er am 26. September 1915 beim Aufstieg auf dem Flugplatz in Breslau (Gandau) und starb im dortigen Lazarett am 1. Oktober 1915. Ueber diese Fahrt gibt sein letzter Brief vom 25. September 1915 näheren Aufschluß. Die Beerdigung nach erfolgter Ueberführung nach Berlin war am 5. Oktober 1915 in Weißensee.
Breslau, den 25. August 1915.
Liebe Eltern!
Nach einer durch wunderschönes Wetter begünstigten Fahrt von vier Stunden bin ich glücklich in Breslau angekommen. Eine solch schöne Fahrt habe ich noch nie gemacht, denn heute konnte ich recht die Freuden des Luftsportes kennen lernen. Ich flog über den Spreewald, über die Schlesische Seenplatte und die großen schlesischen Städte, die sich endlos an den Chausseen entlangziehen. Doch den schönsten Anblick genoß ich, als sich am Himmel, immer deutlicher werdend, das Riesengebirge dunkelblau schimmernd vom hellblauen Himmel abhob. Hoch hinaus ragte die Schneekoppe, der ich zu gern einen Besuch in der Luft abgestattet hätte. Wunderschön kam dann hinter dem Riesengebirge das Glatzer Bergland und die Böhmischen Höhenrücken hervor, so daß ich das schönste Panorama genoß. Als ich die Oder erreichte, auf der die Schiffe wie kleine Punkte aussahen, wurde es zwar schlechtes Wetter, doch kam ich glücklich in Breslau an. Wenn auch der Flug etwas anstrengend war, so war er doch der schönste, den ich bis jetzt gemacht habe. Ich habe einen Leutnant mit, der gerade nicht allzu nett ist, aber das stört mich nicht. Er kam nämlich auf diese Weise per Flugzeug zu seiner Großmutter zu Besuch, um ihr zu ihrem heutigen 75. Geburtstage zu gratulieren. Er wird sich sicherlich schon genug dort aufgeblasen haben, was er alles kann; sich sein Flugzeug anspannen lassen und dann »Kutscher auf, nach Breslau geflogen« ...
Den zweiten Genuß bot mir nun die Stadt Breslau. Ja, wenn ich nun hier längere Zeit bleiben könnte, um das alles in mich aufzunehmen, was die Stadt architektonisch bietet, und was ich jetzt erst richtig verstehen und schätzen kann, dann würde ich unendlich viel lernen. Vielleicht, daß ich bitte, mich für einige Wochen nach Breslau zu versetzen. So konnte ich nur alte Erinnerungen auffrischen und konstatieren, daß ich recht viel behalten habe, so daß ich sogar die Straßen und die Lage der einzelnen Gebäude noch wußte. Hier merkt man auch sehr wenig vom Krieg. Die Leute bummeln auf den Hauptstraßen wie auf der Tauentzien, und auch ich werde mir heute Abend den Rummel ansehen. Ich wohne direkt fürstlich gegenüber einem Soldatenquartier in dem feinsten Hotel, in einem Damensalon mit Waschtoilette, Frisierspiegel und Toilette, Spiegelschrank und noch ein paar Spiegel, Damenschreibtisch mit zierlichen Möbeln, elegantes Bett mit wundervollen Gobelin-Dekorationen darüber und lauter feine Sachen, natürlich elektrisch, Telefon, Bad, das ganze Zimmer mit Friesteppich ausgelegt, also wie ein Fürst und das ganze auf Rechnung meines Leutnants, als Kutscherlohn für die Reise. Morgen früh geht es nach Dresden weiter und werde dort den Sonntag über bleiben. Vor allem danke ich für das Paket und die »süßen« Wollsachen, die leider schon alle sind.
Nun seid alle vielmals gegrüßt und geküßt von Eurem
Arthur
Königl. Luftkutscher.
Während der Ausbildung, z. T. auch schon vor dem Feinde, fanden folgende Flieger den Tod:
Aus Berlin der Referendar Dr. August Moser (Sohn des Kommerzienrat Moser), der im Besitz des »Eisernen Kreuzes« I. Klasse war, stud. med. Fritz Mecklenburg, Mitglied des akademisch medizinisch-naturwissenschaftlichen Vereins, Bruder des H. Gustav M., Berlin, Friedrichstr. 227. Mecklenburg hatte es als Jude beim Dragoner-Regiment 26 zum Reserveoffizier gebracht. Mecklenburg ist mit mehreren anderen jüdischen Fliegern im Herbst 1917 in Weißensee beigesetzt.
Aus Köln stammte der Leutnant Falk, dessen Vater der Stadtrat und Major Falk ist; Falk stand bei einer bayerischen Fliegertruppe; aus Hannover kam der Unteroffizier Cassel; aus Dresden der Leutnant Fritz Gerstle. Gerstle hat, wie mir seine Mutter die Freundlichkeit hatte mitzuteilen, sich taufen lassen, um anscheinend besser Karriere zu machen, bereute aber diesen Schritt und trat bald wieder aus der christlichen Religionsgemeinschaft aus. Gerstle war, wie so mancher andere jüdische Flieger, vor dem Kriege Student der Medizin gewesen. In seiner Zugehörigkeit zum Judentum nicht sicher gestellt, ist der verunglückte Kriegsfreiwillige Dr. Alexander Lippmann von der Fliegertruppe Dresden-Kaditz, vor dem Krieg Geschäftsführer der Gesellschaft zur Gründung eines Observatoriums in Oberhof.
Tödlich verunglückt ist ferner der Flieger Hemmerdinger, der ursprünglich einem Infanterie-Regiment 28 angehörte, nähere Personalien fehlen über den in den K. C. Blättern von Dr. Mainzer angeführten Perlhöfter. Gestorben ist während der Ausbildung bei der Feldfliegerabteilung Bromberg, der 19jährige Georg Hecht. Seine Familie lebt in Charlottenburg.
Ueber die Tätigkeit einer Reihe anderer Flieger liegt uns keine nähere Mitteilung vor. Wir nennen, soweit sie uns bekannt wurden: Leutnant Kurt Lämmle (in einem bayerischen Fliegerbataillon, Patent vom 1. Mai 1915), Leutnant Aronheim, Leutnant und Flugzeugführer Siegfried Wittkowsky, Sohn des H. Leopold W. aus Ansbach, Leutnant Kurt Königsberger (Sohn des Herrn Karl Königsberger aus Fürth); Leutnant Mayer früher bei dem 1. bayr. Fuß-Artill.-Reg., sodann bei einer bayerischen Fliegerformation, Leutnant Alex Wetzlar (nach Mitteilung des »Jüd. Echo«).
Aus Frankfurt a. M. stammen: Leutnant d. R. Fritz Haas und die Brüder Adolf und Otto Neumann. Dieser Fall, daß Brüder bei der Flugzeugwaffe dienen, ist keine Ausnahme. Aus Hannover kommen die Brüder Block. Hans Block, Leutn. d. Res. (Alter Herr des K. C.), wohnte vor dem Krieg in Köln, sein Bruder ist der Unteroffizier und Flugzeugführer Fritz Block; aus Freiburg die Gebrüder Rosin. Von Fliegern, die es als Juden zum Offizier brachten, seien ferner erwähnt: Leutnant d. R. Leopold und Leutnant d. R. Alfred Kann, Rechtsanwalt in Zempelburg, früher beim 34. Inf.-Regiment.
Der nichtjüdische Reserveoffizier, der vor dem Kriege das Offizierspatent erhielt, hat sich diese Beförderung durch seine anscheinende Eignung als tapferer Soldat erwirkt. Der Jude, der im Frieden bei keiner preußischen Formation in das Offizierkorps aufsteigen konnte, hat sich sein Avancement infolgedessen durchweg als Soldat vor dem Feinde erkämpft. Darin liegt ein offenkundiger Beweis seines Mutes, wie seiner übrigen Fähigkeit. Statistiken ergeben bis zum Frühjahr 1918 etwa 2000 jüdische Offiziers-Beförderungen, während naturgemäß mindestens ebensoviel von jüdischen Einjährigen vorher gefallen oder so schwer verwundet wurden, daß sie ausschieden. Außerdem waren noch Tausende durch widrige Umstände, Krankheiten, Versetzungen usw., an der Beförderung behindert, Hunderte litten unter dem schwer überwindbaren Vorurteil, das Jahrzehnte hindurch als feststehendes Dogma von allen preußischen Offizierkorps restlos gepflegt und gehegt, nicht urplötzlich aus den Vorstellungen und Erinnerungen der Vorgesetzten schwinden konnte. Dazu kam, daß die Identifizierung der Juden als einheitliche Masse, der notorische Minderwert einzelner — den wir übrigens in allen Volksschichten treffen — die Leistungen und Fähigkeiten der geeigneten Juden ungünstig beeinflußte. Einer Gemeinschaft, die ihr Leben vorweg in den Büros der Großstädte zubrachte, die körperlich von zu Hause wenig entwickelt, in ihren Berufen wenig mit schwerer physischer Arbeit zu tun hatte, mußte es schwer fallen, die Arbeiten, welche der Schützengrabenkrieg erforderte, zu lösen, der einfache Soldat war hier nicht vor allem im offenen Kampfe mit dem Feind, wo er seinen Mut zeigen konnte, sondern er hatte zu graben und zu schaufeln, Lasten und schwere Tornister zu tragen, Hunger und Kälte auszuhalten. Jeder einfache Bauarbeiter beschämte den Bankprokuristen täglich und stündlich. Daß energielose, schwächliche jüdische Kaufleute um so stärker aus dem Rahmen fielen, ist kein Wunder. Wenn der jüdische Soldat trotzdem vielen als wenig vorbildlich erscheint, so stammt das Urteil daher, daß ein krummer jüdischer Soldat mehr schlecht macht als ein Dutzend vorzüglicher gut machen können. Ein unfähiger nichtjüdischer Soldat fällt nicht auf. Wenn aber Cohn oder Levi schlapp ist, heißt es im Urteil der Vorgesetzten und Kameraden: »Der Jude ist schlapp«, seine Unfähigkeit schädigt sozusagen den Ruf des jüdischen Soldaten im allgemeinen.
Beispiele für die Wahrheit dieser Dinge gibt es genügend. Für die Beurteilung des jüdischen Soldaten wirkt ferner ungünstig, daß bei vielen prächtigen jüdischen Erscheinungen die Umwelt oft nicht weiß, daß sie Juden sind, oder sie eo ipso als Ausnahmen betrachtet, während der Unglückswurm H. oder Y. als Muster erkannt und deklariert wird. So erlebte ich selbst, daß von dem ersten Träger des Eisernen Kreuzes 1. Klasse unter den Mannschaften meines Regiments des Vizef. Gotthold Sender bei seiner Offizierswahl die Mehrzahl der Offiziere annahmen, daß Sender Nichtjude sei und daß bis zu seinem Tode wenige Kameraden über seine Zugehörigkeit zum Judentum unterrichtet waren.
Die Juden betragen knapp ein Prozent der Bevölkerung und sind somit nur in ein bis zwei Exemplaren in den Kompagnien anzutreffen. Ist der Jude, der oft im Frieden als untauglich nach Hause geschickt wurde, kein besonders günstiger Repräsentant der jüdischen Gemeinschaft, dann verstärkt er bei 100 bis 200 Leuten das mißfällige Urteil über die Juden. Im anderen Falle wird über seine jüdische Abstammung stillschweigend hinweggesehen, der weiße Rabe gibt keine Veranlassung das verallgemeinernde Urteil zu ratifizieren. Schopenhauer sagt einmal in seinen »Aphorismen zur Lebensweisheit«: »Die menschliche Beschränktheit, Verkehrtheit und Schlechtigkeit erscheint in jedem Lande in einer anderen Form und diese nennt man den Nationalcharakter. Jede Natur spottet über die andere und alle haben Recht«. Die Bemerkung hat einen richtigen Kern. Der konservative Offizier entrüstet sich leicht über den sozialistischen Städter und neigt dazu, ihnen weniger Vaterlandsliebe zuzutrauen. Der evangelische Orthodoxe traut dem orthodoxen Zentrumsmann nicht allzusehr. Von der Ueberhebung der Franzosen, Engländer, Italiener, der vielen anderen Völker gegenüber dem Deutschen können wir das eine ersehen, wie leicht es ist, ein Volk als minderwertig hinzustellen, wie rasch unwahre Auswürfe über eine Masse, die nicht sofort die Macht hat, sich derlei Lügen zu verbitten, nachwirken. Die Verleumdungen der Antisemiten haben daher, wiewohl der größte Teil sich nachträglich als haltlos erwies, doch nach dem bekannten Satz Erfolg: »Verleumde fest drauf los, ein Manko bleibt immer an dem Verleumdeten hängen«, gewirkt. Noch immer bringt man dem Juden Mißtrauen entgegen. Viele jüdische Soldaten haben dagegen gekämpft und haben trotz mannigfacher Beweise ihrer soldatischen Fähigkeiten das Vorurteil nicht überwinden können. Einzelne ließen sich, wie wir sehen werden sogar taufen, um diesem Vorurteil zu entgehen!
Protektion, Zufall oder Friedenstüchtigkeit, waren also keine Faktoren, die der Beförderung jüdischer Offiziere zu Hilfe kamen. Restlos war es ihre Bewährung im Felde und vor dem Feinde. Die ganze jüdische Bevölkerung Deutschlands beträgt 500 000 Seelen (die Ausländer abgerechnet). Ein Teil davon ist naturgemäß nur die männliche Bevölkerung im militärpflichtigen Alter und hiervon ein Bruchteil wiederum hat die Einjährigen-Berechtigung. Darnach ist die Zahl der jüdischen Offiziere (ohne die Sanitätsoffiziere) wohl entsprechend. Das ist ein Beitrag für ihre Bewährung, ein anderer, daß wie das »Hamburger Israelitische Familienblatt« in den 4 Jahren aufzeichnen konnte, hunderte Eiserne Kreuze I. Klasse an schlichte jüdische Soldaten verliehen wurden. Otto Flake spielt in seinem Logbuche über mißliebige Deutsche im Ausland: »Es ist nutzlos über diese Art Landsleute hinwegzusehen; sie ist darum doch noch immer in der Welt.« Ueber die wenig erfreulichen Exemplare der Judenheit haben die Reden im Reichstag, im Herrenhaus und in den Zeitungen genug gestanden. Diese Exemplare lassen sich nicht wegexemplizieren. Aber die Tausende, die auf den weiten Fronten ein frühes Grab gefunden oder zu Krüppeln geschossen wurden, die Zehntausende, die begeistert als Kriegsfreiwillige sich gestellt haben, die nicht unbeträchtliche Zahl der Offiziere und die Träger der Eisernen Kreuze erster und zweiter Klasse auch nicht. Sie müssen jeden Vorstoß gegen die Anteilnahme der Juden im Kriege, die verallgemeinernd absprechend ist, zugleich als eine Gefahr empfinden, die ihr Verdienst herabsetzt. In einer Zeit, wo allerlei zweifelhafte Elemente ihrem Ich auf Kosten der Nebenmenschen rücksichtslos huldigen, wo der Eigennutz einzelner in allen Bevölkerungsschichten kraß zutage tritt, wirkt jede judengegnerische Behauptung direkt lächerlich und selbst überhebend. Denn die Tatsache, daß altgediente Berufssoldaten sich zu Hause oder in der Etappe herumzudrücken verstanden, darf ebensowenig auf alle ausgedehnt werden wie die, daß Juden, die bisher nicht gedient hatten, die im Heere in den langen Friedensjahren einer starken Zurücksetzung begegneten, eine starke Zuneigung zu Schreiberposten faßten. Es wäre ein Wunder, wenn es anders wäre, wenn auf einmal die deutschen Juden nur Helden aufzuweisen hätten. Wer aber die großen Verdienste und die starke Anteilnahme der jüdischen Jungens an dem Kriege bestreitet, der betreibt eine Verleumdungspolitik, über die wir angesichts der Tatsachen zur Tagesordnung übergehen können ....
So sind unter den Fliegern nicht nur die geistigen Juden aus den berühmten guten Häusern, die zur modernen Waffe streben, sondern ganz einfache schlichte Jungens, aus dem breiten Volke, denen wir im Fliegerdienst begegnen. Es handelt sich also nicht um wenige Ausnahmefälle, daß Juden zur Fliegerei übergingen.
Die israelitische Erziehungsanstalt Dahlem, welche ihre Zöglinge vor allem der Bodenkultur und dem Handwerk zuführt, kann allein auf zwei Flieger hinweisen. Der eine ist ein Flieger Paul Goldmann. Der zweite, Edgar Hirsch, im Frieden Elektro-Monteur in Walsrode i. d. Heide, trat gleich bei der Fliegerwaffe ein. Er erhielt am 28. August 1915 bei Arras einen Schuß, der ihn zum Niedergehen zwang, wobei er sich ernstlich verletzte. Hirsch hatte infolge nebeligen Wetters tief herabgehen müssen, um seinen Auftrag durchzuführen. Hirsch ist ein Beispiel dafür, daß wir schlichte Jungens haben, die technisch und physisch ihren Platz ausfüllen.
Eine glückliche Synthese dieser Art verkörpert der Flugobermaat Rund aus Gleiwitz. Bei Ausbruch des Krieges in Amerika lebend, weiß sich Rund auf kühne Weise als »Amerikaner« nach Deutschland durchzuschlagen und tritt dann als Marineflieger bei der Wasserflugstation in Seebrügge ein. Ueber seine Fahrt brachte die deutsche Presse (»Hamburger Fremdenblatt« u. a.) ein längeres Feuilleton. In Seebrügge tat er zwei Jahre seinen Dienst, wurde Inhaber des Fliegerabzeichens u. a. Auszeichnungen. In einem Korpstagesbefehl I a, Nr. 31 von 1916, heißt es:
Anerkennung!
... ebenso zolle ich meinen Dank und hohes Lob dem Leutnant zur See B., den Flugmeistern K. und J. und dem Flugobermaaten Rund für den kühnen Angriffsflug am 23. Januar 1916 auf die Luftschiffhallen in Hongham.
gez. v. Schröder.
Die Richtigkeit obiger Anerkennung bescheinigt: Fabr.-Oberltn.
Rund ist später in engl. Gefangenschaft geraten. Der Schauspieler Moissi, von Geburt italienischer Staatsbürger, ist übrigens gleichfalls auf einem Fluge gefangen genommen worden.
Eine Reihe weiterer jüdischer Soldaten wurden mir im Flugwesen angegeben: Ein Flieger Fritz Koppel, Hans Rothschild-Göppingen, Erich Lewy, Kriegsfreiwilliger, Unteroffizier, Sohn des Direktors Hugo Lewy-Berlin, Otto Cohn aus Fraustadt, Adolf Fechenbach aus Eilenburg, Berthold Krämer-Osterode (gestorben), Flugzeugführer Karl Fromm (A. H. der Viadrina), Flieger Haußdorf, Bordfunker aus Berlin; Flugzeugführer Gefr. Hermann Schmidt aus Stuttgart, Flugmaat Ernst Steinitz, Fluglehrer bei einer Flug-See-Station, Gefr. Unger, Berthold Gutmann (Bavariae, K. C. Verbindung) und Flugzeugobermaat Rosenberger (Viadrina im selben Verband).
Lilienthal-Berlin, Neffe des Syndikus der jüdischen Gemeinde;
Unteroffizier Maier, Sohn des Großh. Bezirkstierarztes Dr., Konstanz, Luftschiffer;
Flieger Hugo Kaplan, Berlin, Brunnenstraße 181;
Flieger Warschauer, Sohn des Archivrates in Danzig,
Vizfw. Bruno Offenbacher, Sohn des Fabrikbesitzers O. in Fürth, Flugzeugführer.
Flieger Albert Bär, stud. med. aus Windsbach in Bayern;
Flieger Siegfried Nossek.
Fluglehrer und Flugdienstleiter war vom April 1917-1918 in Köslin, jetzt in Schneidemühl, Erich Oswald, der bereits August 1914 als Kriegsfreiwilliger bei der Fliegertruppe eingetreten ist und später als Beobachtungsflieger auf mehreren Kriegsschauplätzen verschiedene Ehrungen u. a. auch das Fliegerabzeichen sich erwarb. Von den übrigen Fliegern ist mir nichts Näheres bekannt geworden. Es ist z. Z. nicht möglich, das Schicksal jedes einzelnen zu erforschen und zu prüfen, ob unter den aufgeführten der eine oder andere aus der Zusammenstellung auszuscheiden hat. Hoffentlich ist es bei einer Neuauflage möglich, völlig genaue Angaben hier zu bieten. Der Verlag dieses Buches ist gern erbötig, alle Hinweise für uns zu sammeln, damit später einmal nach dem Krieg eine möglichst restlose Darstellung gegeben werden kann.
Der jüdische Lyriker Arthur Silbergleit hat einmal ein kleines Fliegerlied gedichtet, das launig endet:
Diese Behauptung gilt — wie gesagt — cum grano salis. Aber wer für Leistungen da oben, wo es fürchterlich sein kann, sein Eisernes Kreuz I. Klasse abbekommen hat, hat es sich ehrlich »ersessen«. Wie manche Auszeichnung fällt sie oft Offizieren zu, die bei den hohen Stäben Intelligenz und treueste Pflichterfüllung als Aequivalent aufwiesen; der Dienst bei der Flugzeugwaffe erfordert eiserne Energie und täglichen Todesopfermut! Da es bekanntlich keine jüdischen aktiven Offiziere gibt und nur in Bayern vor dem Kriege Reserveoffiziere angetroffen wurden, gibt es keine bei höheren Stäben sitzenden jüdischen Offiziere. Die jüdischen Träger des »Eisernen Kreuzes« haben sich diese Auszeichnung redlich und mühselig im Feuerregen geholt, keine Anciennität, kein Schatten eines höheren wohlwollenden Vorgesetzten, keinerlei Beziehung hat ihnen diese Auszeichnung eingebracht. In der vordersten Linie hat er viel erkämpft nach Schillers Spruch »und setzet Ihr nicht das Leben ein«, ein Spruch der neben dem Grabenoffizier vor allem dem Flieger gilt. Wenn also allein Dutzende von »Eiserner erster« von Juden erflogen wurden, dann ist das wohl nicht der letzte Beweis ihrer Ertüchtigung. Nennen wir hier einige: Den Fliegerleutnant Richard Scheuer aus Mainz, den Fliegerleutnant Hermann Back, Sohn des Snichower Rabbiners Dr. S. Bach (jetzt in Prag). Vor dem Kriege war Back Prokurist der Firma Orosdi-Back, Konstantinopel. Die Schreibfeder und den Kontorsessel beherrschte ehedem der Beamte der Dresdner Bank Martin Jacobowitz, Sohn des Kaufmanns Hermann Jacobowitz in Breslau. Im Frühjahr erkämpfte der Vizefeldwebel Jacobowitz das »E. K. I.« in Mazedonien in einem heißen und erbitterten Ringen in der Luft, J. war in den ersten Mobilmachungstagen als Kriegsfreiwilliger beim Leib-Kürass.-Reg. schles. Nr. 1, eingetreten. Eine schwere Verwundung machte die Absetzung des einen Beines nötig, so daß J. jetzt Kriegsinvalide ist. Ein Landmann von ihm ist der Unteroffizier Hans Lustig, Sohn des Simon Lustig aus Radzionkau in Oberschlesien, der neben dem Eisernen Kreuz das Fliegerabzeichen besitzt. Als Flugzeugführer erwarben sich das Eiserne »erster« der Vizefeldwebel Kurt H. Weil, Sohn des Lehrers B. Weil in Kirn an der Nahe und der Unteroffizier Siegfried Heimann, der Sohn der Witwe Clotilde H. in Oberdorf-Bopfingen. Reich dekoriert sah einer meiner Gewährsleute einen bayrischen Fliegerleutnant Marx, der in Oesterreich wohnhaft war, auf Albatros oder L.V.G.-Doppeldecker als Flugzeugführer (zuerst als Vizefeldwebel) fliegen. »Er kam von der Fliegerschule Schleißheim bei München, mit ihm wurde ein jüdischer Unteroffizier ausgebildet, dessen Name nicht in Erfahrung zu bringen war«. Marx ist vermutlich identisch mit dem jüdischen Fliegerleutnant Adolf Marx der 5. bayerischen Feldfliegerabteilung. — Hierher gehört auch der Sohn des Zigarrenfabrikanten L. Wolff in Hamburg, der Ltn. d. Res. Wolff. — Auch die folgenden sind Ritter des E. K. I.
Ein Frankfurter ist der Flugzeugführer Edgar Rosenbaum (Sohn des Alex Rosenbaum), Fliegerschütze der Vizefeldwebel Alfred Regensburger, Sohn des Fabrikbesitzers Max R. in Fürth. Der Fliegerleutnant Paul Stadthagen aus Berlin, ist der Sohn des verstorbenen Justizrats Stadthagen. Bei der Fliegerabteilung steht ein jüdischer Oberleutnant Fränkel; die Nummer des »Hamburger Fremden-Blattes« vom 13. 12. 17 bringt das Bild des Fliegerltn. Rüdenberg aus Hannover. Vom Frieden her Flieger ist der Leutnant Willy Rosenstein aus Gotha, früher Fluglehrer in Gotha und Johannisthal, jetzt bei der Feldfliegerabteilung. Bei den Feldluftschifferabteilungen sind eine Reihe weiterer Träger des Eisernen Kreuzes I. Klasse, unter ihnen bei der Abteilung der Weilburger Kaufmann Berthold Jessel, der Referendar aus Berlin K. Rudolf Cohn und der Kaufmann Hermann Jonas aus Aplerbeck, Sohn des verstorbenen Kaufmann Abraham Jonas, sämtlich Leutnants der Reserve. Bei der Feldluftschifferabteilung steht der Oberleutnant Dr. Benno Öttinger, Patentanwalt seines Zeichens aus Berlin, ein Kaufmann und ein Leutnant d. Res. Max Strauß aus Frankfurt a. M. und Leutnant d. R. Erich Eliel, Kaufmann aus Köln, Sohn des Stadtverordneten L. Eliel. Aus Emmerdingen stammt der Leutnant Otto Erich Bloch, Führer einer Luftschiffertruppe. Bloch ist der Sohn des Emmerdinger Zigarrenfabrikanten Max Bloch. Und last not least: der Führer eines Zeppelin, der Leutnant d. R. Max Elias, Ingenieur von der Zeppelinwerft in Friedrichshafen, Max Elias ist der Sohn des Herrn D. Elias in Hannover. Er erhielt das Eiserne Kreuz II. als Luftschiffer bereits Anfang September 1914, das I. Klasse ziemlich bald nachher. (Ein Dr. Hermann Elias stammt aus Berlin[1]) Aber auch das Alter wollte der Jugend nicht nachstehen: ein Veteran der deutschen Luftschiffahrt, der 62jährige Herr Paul Spiegel aus Chemnitz trat August 1914 als Kriegsfreiwilliger beim Königlichen bayrischen Luftschifferbataillon in München ein. Spiegel ist nachweislich heute der Altmeister der deutschen Luftschiffahrt, ein Mann, der hunderte erfolgreiche Flüge mit dem Luftballon ausgeführt hat und als Bahnbrecher auf allen Gebieten der Aeronautik Jahrzehnte gewirkt hat. Da seine Bedeutung außerhalb der Geschichte des Flugzeugwesens im Kriege liegt, müssen wir es uns versagen, den eingehenden Lebenslauf dieses Veteranen zu bringen.