Bettina von Arnim:
Die Reise nach Darmstadt

Vorbemerkung des Herausgebers:

Diese kleine liebenswürdige Geschichte der Bettina von Arnim ist ihrer berühmten im Jahre 1849 erschienenen Schrift »Dies Buch gehört dem König« entnommen, die eine Reihe »der Erinnerung abgelauschter Gespräche und Erzählungen von 1807« enthält. Das Buch umschließt im wesentlichen sozialpolitisch reformatorische Anschauungen der Bettina von Arnim, die sie sämtlich der alten Frau Rat, Goethes Mutter, in den Mund legt. Eingeschachtelt in diese heute wenig mehr interessierenden sozialpolitischen Betrachtungen ist die köstliche Erzählung von der plötzlichen Reise der Frau Rat nach Darmstadt, wo sie von der Königin Luise von Preußen mit großen Ehrungen empfangen wurde. Indem Bettina von Arnim die Schilderung dieser Begegnung durch Goethes Mutter selbst geschehen läßt, gelingt es ihr, im lebendigen Frankfurter Dialekt, die feine Klugheit, die herzhafte Urwüchsigkeit und die sonnig lächelnde Heiterkeit der Frau Rat auf das anschaulichste aufzuzeichnen.

Die Frau Rat erzählt:

Es war an einem recht sommerlichen Tag; ich denk nach, was aus dem lieben Sonnenschein all werden soll, den ich da so mutterselig allein in mich fressen muß: – es wird Mittag, die Türmer blasen derweil den Ablaß meiner Sünden vom Katharinenturm herunter. – In dieser Welt, wo Böses und Gutes oft in so herzlicher Umarmung einander am Busen liegen, da haben irdische und himmlische Angelegenheiten gar einen künstlichen Verkehr; an so einem melancholischen Feiertag, da verschmäht der Teufel auch eine falsche Trompet nicht, um den Menschen aus seinem geduldigen Seelenheil herauszublasen; opfre den Verdruß, den du davon spürst, Gott auf, und die Kreide von der Rechnungstafel deiner Sünden ist heruntergewischt, denn lieber als das Sündegestöhn, was falscher klingt als die Sünd selber, will Gott den Teufel falsch blasen hören. Die Langeweil ist nun ganz apart an einem Sonntag in der Stadt Frankfurt, aber gar an so einem lange staubige Sommertag, wo man sich in die Sonn stellt und denkt wie ein angezünd't Licht am hellen Tag: »Vor was bist du da? – Alles kann bestehn ohne dich!« oder: »Alles geht ja doch konfus«, und mit dem Zweifel, ob der blaue Dunst da oben wohl doch der Himmel sein könnt, streckt man sich am End seiner Erdentage aus den Erdensorgen heraus mit den Himmelssorgen auf dem Herzen und bedenkt nicht, daß alle Sorge Irrtum ist.

An so einem langweiligen Tag also, wie der Türmer wirklich in einer der Musik sehr mißgünstigen Stimmung in die Stadt herunterblies – ich meint als, wenn mir der jung Wein nur nicht auf dem Faß säuerlich wird – eine rauhe Halsarie wie heut, und die Sonn schien mir auf die Nas, daß ich nießen mußt, und die Lieschen bekomplimentiert mich da drüber, da schellts – ich ruf: »Guck einmal, wers ist.« – »Ei, es ist der Frau Bethmann ihr Bedienter; ob Sie wollte heunt Nachmittag mit ins Kirschenwäldchen fahren?« – Ei was? – Ei freilich! Was werd ich nicht wollen fahren an diesen einzigen Pläsierort, vor allen schönen Orten in ganz Deutschland, wo die Kirschen wie die schönste Rubinen im smaragdnen Blätterschmuck an den Bäumen hängen, wo die Frankfurter Sonnenstrahlen ein Goldnetz durchwirken und der Himmel sein blaues Zelt mit silbernen Wolken drüber spannt.

Jetzt sag ich: »Wir wollen präzis zwölf Uhr essen, dann wird alles zurechtgemacht zum Abend, wann ich heim komm; da wird meine Wasserflasche hingestellt, das Bett zurecht gemacht, damit mir die Zeit vergeht, bis die Füchserchen angetrabt komme, dann setz ich meine Haub auf, bloß die mit den Spitzen.« – »Ei, wollen Sie net die mit den Sternblume aufsetzen, die steht schöner!« – »Nein, die will ich nicht aufsetzen, man muß bescheiden sein in der schönen Natur und sie nicht überstrahlen wollen, es gelingt einem doch nicht. Was meint sie denn, daß so ein Kranz von papierne Blume zu sagen hätt da draußen auf der grünen Wies? Ei, ich setz den Fall, ich könnt der Stadtherd begegnen, so könnt mich ja der Brummelochs mit einem einzige Maul voll Dotterblume, die er vom Weidanger mit seiner lange Zung in einem Hui zusammenrafft und wegschnappt, in die größt Beschämung versetze, daß er frißt und verdaut, was die Frau Rat in Papier nachgemacht zum Putz auf dem Kopf trägt.« – Jetzt ohne weiter Federlesen die Spitzehaub eweil auf der grünen Bouteille aufgepflanzt, dann die Filethandschuh ohne Daumen, daß ich sie nicht brauch auszuziehen beim Kirschenessen, das Körbchen nehm ich mit, daß ich kann Kirschen mitbringen – die kleine schwarze Salopp und den Sonneparaplü, denn um die jetzig Sommerzeit kommt häufig so ein klein erquicklich Regenschauerchen mitten durch den Sonnenschein. Da lachts und flennts zu gleicher Zeit am Himmel.

Nun ist alles in Ordnung – so wird der Tisch gedeckt und aufgetragen – denn zwölf Uhr ist schon vorbei. »Was gibts heut?« – »Brühsupp«. – »Fort mit, ich mag keine.« – »Aber Frau Rat, Ihne Ihr Magen!« – »Aber ich will keine Supp, sag ich; komm sie mir nicht an so einem schöne Sommertag mit ihren Magensorgen an, – was gibts noch?« – »Stockfisch, aufgewärmt von gestern, und Kartoffel.« – »Den Stockfisch laß mir vor der Nase weg, der paßt nit zu meiner Stimmung; ich mag mir keinen Stockfischgeruch in den Vorgeschmack aufdampfen lassen, den ich von dem Blumenduft drauß auf der Wies schon in Gedanken genieß; aber die Kartoffel bring sie, an denen verunreinigt man die erhabenen Gedanken nicht, die könnt so ein indischer Priester in seiner Verzückung ungestört genieße. – Ich glaub gewiß, die sind aus dem Manna gewachse, das vom Himmel fiel, wie die Juden in der Wüst in der Hungersnot waren, das war so ein verzettelter Mannasame, aus dem sind dann die Kartoffeln gewachsen, die vor aller Hungersnot bewahren. Ja, damals hatten die Juden noch eine Wüst, wo sie sich niederlassen konnten; jetzt ist keine Wüst mehr da, und wann die närrische Häns nicht fliegen lerne wie die Raubvögel, daß sie als manchmal auf eine vorüberfahrende Segelstang sich könne setzen wie die Zugvögel, so weiß ich nicht, wo sie werden bleiben, in der Wüste waren sie nit so gierig; hätten sie damals alles verschlungen, so wär kein himmlischer Mannasamen übrig geblieben, und ich wüßt nicht, was ich heut essen sollt, und jetzt geb nur künftig ohne Widerred allemal dem Betteljud zwei Kreuzer, so oft er kommt. Denn wir könne den Juden das nicht genug Dank wissen, daß wir Kartoffeln essen.« – Nun war das Essen noch nicht all, es kam noch eine gebratne Taub. – Ich hatte Appetit, fliegt mir grad eine lebendige Taub vors Fenster und rucksert mir lauter Vorwürf ins Herz. Ich fahr ins Kirschenwäldchen, und das arme Tier mit verschränkte Flügel, mit denen es sich hätt können in alle Weltfreude schwingen, liegt in der Bratpfann. Der Christ jagt die halb Natur durch den Schlund, damit er auf der Erd kann bleibe, um sein Seelenheil zu befördern, und dann macht ers grad verkehrt. – Nun kurz, der Vorwurf von der Taub am Fenster lastet mir auf dem Herzen, ich kann keinen Bissen essen. – Die Taub wird unberührt wieder in die Speiskammer gestellt; ich ziehe mich derweil an, um der Ungeduld etwas weiß zu machen, die Spitzehaub wird von der Bouteille herunter genommen, aufgesetzt, und die Nachtmütz wird drauf gestülpt, damit ich sie heut abend, wenn ich nach Haus komm, gleich auswechsle kann, noch eh Licht kommt; das ist so meine alte Gewohnheit.

Nun sitz ich da mit meinem Sonnenschirm in der Hand, im besten Humor, und lach die Lieschen aus, mit ihrer Angst wegen meinem leeren Magen. Ich guck auf die Uhr – der Wagen kommt gerappelt; den alten Johann, ein ganz gescheuter Kerl, hör ich schon an seinem gewohnten Gange die Trepp herauf kommen. – »Lieschen, geschwind lauf sie hinaus, auf den Vorplatz an die Tür, ehs schellt.« Da schellts schon, die Lieschen macht die Tür auf, da steht ein goldbordierter Herr mit einem dreieckigen Hut und guckt mir ins Gesicht, und mein alter Johann kommt hinten nach. – Ich sag zu dem fremde Wundertier: »Sie sind wohl einen unrechten Weg gangen!« – und will mich an ihm vorbeimachen; aber weil er sagt: »Ich bin geschickt von Ihro Majestät der Frau Königin von Preußen an die Frau Rätin Goethe«, so guck ich ihn an, ob er wohl nicht recht gescheut wär – »Und«, fährt er fort, »die königlich Equipage werden um zwei Uhr kommen, um die Frau Rätin nach Darmstadt abzuholen; mit Ihrer Majestät sollen Sie den Tee trinken im Schloßgarten!« – Ich sag: »Johann! Jetzt hör er einmal, was das vor Sachen sind! Wenn einem eine Bomeranz aus dem blauen Himmel grad auf die Nas fällt, da soll man gleich sein Verstand bei der Hand haben und sie auffangen, das will viel heißen!« – Ei, wem hatt ich denn die Kontenance zu verdanken als bloß dem Johann? Der stellt sich an die Seit aus lauter Respekt vor dem unvorhergesehenen Ereignis und guckt mich so feierlich an, daß ich mich gleich besinn, was ich mir und der Einladung schuldig bin; ich guck ihn mit einem Feuerblick an, daß der Kerl in sich geht, denn er war nah dran, zu lachen. Ich sag: »Mein Herr Kammerherr, oder was Sie vor ein höflicher Beamter sein mögen, rennen Sie nur wieder spornstreichs zur Frau Königin und melden, die Frau Rat werden ihrerseits die Ehre haben, die von der Frau Königin ihr zugedachte Auszeichnung anzunehmen. Und machen Sie nur, daß die Kutsch hübsch akkurat kommt, damit ich auch nicht zu spät komm, da das Warten und Wartenlassen meine Sach nicht ist.« – Dabei macht ich so große Augen, daß der preußisch Hoflakei gewiß seine Verwundrung wird gehabt haben über den besondern Schlag Madamen aus der freien Reichsstadt Frankfurt. Man muß seine Zuflucht nehmen zu allerlei Künsten, um seine Würde zu behaupten. Wer kann sonst Religion in die Menschen bringen? Daß so ein Hofschranz Respekt hätte vor einem Bürger, dazu ist er einmal verdorben; da muß man auf Mittel denke, wie er den Kopf ganz verliert und nicht weiß, was er dazu sagen soll. Da fiel mir der Türklopper ein von unserm Aderlaßmännchen, dem Herrn Unser; das ist so ein Löwenfratz, wie sie an Salomon seinem Thronsessel zur Verzierung angebracht sind. Den mach ich nach; – damit jag ich meinen Herold in die Flucht; er nimmt die Bein an den Hals und rennt die Trepp herunter. Ich bleib stockstill stehn, die Lieschen bleibt stehn, der Johann rührt sich nicht vom Fleck, bis wir die Haustür zumachen hören. »Frau Rat«, sagt der Johann, »Sie werden also jetzt unmöglich ins Kirschenwäldchen fahren, und da werd ich dann bestelle, warum Sie nicht mit könne fahren?« – »Ja, lieber Johann, und bestell ers doch gleich im Vorbeigehen beim Perückenmacher Heidenblut, der soll gleich kommen, und erzähl ers unterwegs alle Leut, so was muß stadtbekannt werden.« – »Ja, das ist gewiß«, sagt der Johann, »und wenn mir nur das Herz nit bersten wird, bis ich heraus geplatzt bin dermit« – fort ist der Johann. – Nun guck ich mein Lieschen an; die steht vor mir wie nicht recht gescheut und zittert an alle Glieder. »Ei, Lieschen«, sprech ich voll Verwunderung, »wie kommt es, daß ihr die Haub hinderst der vörderst sitzt, das war doch vorher nicht.« – Und ich weiß nicht, wie das möglich war! Es ist doch wunderlich, wie bei überraschende Gelegenheiten die Spukgeister sich allerlei Schabernack erlauben mit solchen Leut, die der Sach nicht gewachsen sind. Das war nun mein Lieschen wirklich nicht. Sie konnts nicht finden, weder Zwickelstrümpf noch Schuh noch sonst ein Kleidungsstück, kein Rock konnt sie mir ordentlich über den Kopf werfen. Wenn ich nun auch den Kopf verloren hätt, ich wär nicht fertig geworden. Jetzt sag ich: »Bring sie mir einmal die gebratne Taub wieder herein, denn ich verspür über die königlich Geschicht ein schreiende Hunger. Und nun schmeiß sie die Nachthaub von der Bouteille herunter – ich werd auch noch meiner Seel den ganzen Stockfisch herunter fressen. Nun schenk sie mir ein Glas Wein ein, ich muß Feuer in den Adern haben.« Der Perückenmacher war gleich herbei; über die unbegreiflich Nachricht hat er in seinem stumme Erstaune mich aufgedonnert, und nun mußt er mir die Haub aufsetze mit den Sternblumen. Es war ein Heidenpläsier, fingerdick Schmink hat er mir aufgelegt. »Die Frau Rat sehn superb aus,« sagt der Herr Heidenblut. Und die Liesche stand wie eine Gans vor mir, als ob sie mich nicht mehr kennte. – Nu, wir verbringe noch so ein Zeitchen vor dem Spiegel, links die Lieschen mit der verkehrte Haub, denn die hat sie noch nicht Zeit gehabt herum zu kriegen, rechts der Herr Heidenblut mit dem Kamm hinterm Ohr, ganz verzückt in mein Lockenbau, ich in der Front mit einem feuerfarbne Schlepprock mit doppelte Florspitzen, Diamantbracelett, echte Perlen um den Hals, ein Schlupp von Diamante vorgesteckt. Nun, es war zum Malen, die drei Personagen da aus dem Spiegel herauslachen zu sehen. Wir wurden ganz lustig und dachten nicht, wie die Zukunft mir auf den Hals gerückt kommt. Wenn ich doch an all die charmante Witze vom Heideblut mich noch erinnern könnt, er mußt sich hinstellen, und ich macht mein Probekompliment vor ihm; er verstehts. Er frisiert ja die allerhöchste Theaterprinzesse. – Da kommts aber wie ein Sturm angerennt und hält still vor der Haustür. Rutsch – vier Pferd und zwei Lakaie hinten drauf noch ohne den Kutscher. – Jetzt kommen sie herbei gestolpert, faßt mich ein jeder unterm Arm und tragen mich schwebend in die Kutsch. Schad, daß die Fahrt nicht mit meine vier Pferd durch die Bockheimergass geht am Haus vom Herrn Bürgermeister vorbei – aber das Glück bescherte mir unser Herrgott noch, denn kaum biege wir im volle Trab um die Eck, stoßen wir auf die Bürgermeisterskutsch mit samt dem Herrn Bürgermeister von Holzhausen drin, mit seine zwei Lakaien hinten drauf mit ihre alte abgelebte Haarbeutel, – ich auch – aber meine Haarbeutel waren ganz neu. In vollem Rand fahren wir vorbei am Herrn Bürgermeister, ich grüß feierlich mit dem Fächer und hab das Pläsier, zu sehn, daß mein Herr von Holzhausen im Wagen sitzen, versteinert, und sehn mich nicht mit ihre Glotzaugen; er streckt den Kopf heraus, aber umsonst, wir flogen wie der Wind vorbei.

Sollt ich nun alle Gedanken erzählen, die mir auf meiner Reis bis Darmstadt eingefallen sind, so müßt ich lügen, denn ich war so zu sagen auf einer Schaukel, die schlecht in Schwung gebracht war, bald flog ich dort hinaus, bald wieder nach der andren Seit, bald dreht sich alles mit mir im Durmel herum, dann dacht ich wieder, wie ichs alles meinem Sohn wollte schreiben, und da fing mir das Herz an zu klopfen. Ich konnts vor Ungeduld nicht behaglich finden in der Kutsch – ich fing an, die Kastanienbäum zu zählen in der Allee, ich wollt probieren, ob ichs könnt bis hundert bringe, aber ich bracht keine zehn Bäum zusammen, da waren meine Gedanken wieder wo anders. Einmal kam mir ein gescheuter Gedanken, ich dacht, was hab ich dervon? ist mir die Geschicht angenehm? – sollt sie mir nur noch ein einzig Mal wieder begegnen, da würd ich mich schon besinne, daß sie mir langweilig wär. Was war das heunt morgen vor eine Komödie, was ist mir vor eine Hitz in den Kopf gestiegen und nun steck ich in einer zweifelhaften Unbequemlichkeit – wo ich da hingeh zu fremde Leut, die gar nicht dran denke, wer da angerumpelt kommt. – – »Ohne Kurage kein Genie,« hat mein Sohn immer gesagt, und will ich oder nicht, so muß ich doch einmal die höfliche Schmach auf mich nehmen, mit gesundem Mutterwitz dort in dem Fürstensaal vor einer eingebildten Welt zu paradieren und bloß für eine Fabelerscheinung mich betrachten zu lassen. Ja, die Welt steht auf einem Fuß, wo keiner an die Wirklichkeit vom andern glaubt und sich doch selber vergnügt fühlt, wenn er nur von so einem Scheinheiligen bescheinigt ist.

Nun, alleweil kamen wir wie ein Sturmwind angerasselt, ganz erschrocken, daß ich schon da bin, wie ich eben vor Ungeduld mein, es wird nie dazu kommen. Ich steig aus, die Bediente renne wie ein Lauffeuer vor mir weg. Ei, ich kann da nicht wie eine Lerch mich ihnen nachschwingen, ich seh den Augenblick kommen, wo ich weder Bediente noch Weg mehr finden kann. Ich hatt mich ein bißchen versäumt gehabt, die Krumplen aus meinem Staatskleid herauszuschütteln, da waren sie unterdessen in einer Allee verschwunden wie ein paar Irrlichter; wir waren auseinanderkommen. Ich geh so dem Gehör nach, immer im Kreis ums Hofgezwitscher herum, immer näher, bis ich endlich aus meinem Schattenreich heraus unter den aufgepolsterte Hoftroß trete. Ich hielt mich im Hintergrund mit meinen Beobachtungsgaben, grad wie ein General bei einer Position, die er dem Feind abluxen will. Denn überraschen laß ich mich nicht, Mut hab ich, womit ich den Leuten, wenn sie den Kopf verlieren, ihn oft wieder zurecht gesetzt hab. Ja, bei Gelegenheiten, von denen eine Frau keinen Verstand zu haben behaupt wird, da steht als dem Mann derselbig ihm allein zugemessne Verstand still, daß er wehklagt: »Ach, was fangen wir an?« – Da antwort die Frau und schlägt den Nagel auf den Kopf. – Die Welt wird immer hinkend bleiben, wenn der Verstand auf dem Mann seiner Seit hinüber hinkt, mit dem er die verrückte Weltangelegenheiten so schwermütig hinter sich drein schleppt. Was batts den große Weltgeist, daß er das Eheprinzip in sich trägt, wenn der männliche Verstand ein Hagestolz bleibt. – Also die erst Bemerkung, die ich mach in den mich umgebenden Hofzirkel, ist die, daß meine amarantfarbne Schleppe nicht grad ein guter Passepartout ist, denn nicht Ich mit meinem Vierundzwanzigpfünderblick, nicht meine Person wird mit neugierigen Augen betracht, nein, die wird übergesehn, aber meine Falbelas, meine Taille, meine Frangen, von unten herauf, immer höher und höher werd ich scharf examiniert, bis sie endlich zur Florfontange kommen, wo die Sternblumen drauf gepflanzt waren, da halten sie an und entdecken, daß auch ein Gesicht mit kommen war; da prallen sie wie der Blitz auseinander und melden meine Erscheinung der Frau Königin. Die kommt mit einem ehrfurchtsvoll gehaltnen Schritt auf mich los, ich – gleich salutiere mit einem Feuerblicke vom erste Kaliber, und nun mache alle Leut Platz, und die Frau Königin wie eine schöne Götternymph führt mich an ihrer Hand, und der Wind spielt in dem schneehagelweiße Faltengewand und ein Lockenpaar, das spielt an auf jeden Tritt, den sie tut, und die blendende Stirn und die wunderschön blaßrote Farb von ihrem Gesicht, und der freundlich Mund, der ganz voll allerlei Geflüster mich anspricht. Verstanden hab ichs nicht, ich war durmlich von Vergnügen und konnt auch nichts weiter vorbringen als: »Hochgeschätzter Augenblick und liebwerteste Gegenwart und wundernswert vor Götter und vor Menschen –« und wie sie erst die Kett vom Hals sich losmacht und hängt sie mir um, und der ganze Hofkreis trippelt und guckt. Ich hab innerlich den Apoll und den Jupiter angerufen, diese menschenbegreifende Götter sollen mir beistehn, daß ich vernünftig bleib und nicht alles um mich her für wunderliche Tiere halt, denn alle diese vornehmen Hofchargen kamen mir vor wie ein heraldischer Tierkreis. Löwen, Büffel, Pfaue, Paviane, Greife; aber auf ein Gesicht, das menschlich schön zu nennen wär, besinn ich mich nicht. Das mag davon herkommen, weil diese Menschengattung mehr eine Art politischer Schrauben oder Radwerk an der Staatsmaschine und keine rechte Menschen sind. Harthörig, hartherzig, kurzsichtig, stolz und eigensinnig Volk, und es gehört immer der Zufall und ein Verdienst um sie, absonderlich aber ihre eigne Laune dazu, und noch gar viel andre Künste, um von ihnen bemerkt und gehört zu werden. Schreien und Poltern oder gar Recht haben hilft gar nichts bei ihnen, ja, besonders das Recht haben, das kommt der politische Staatsmaschine ihrer hochtragenden Nas immer in die Quer. »Was soll das heißen, daß man mit seim Recht an die widerrennen tut?« – Sollte das Schicksal diese Nas ausersehen haben, daß sie drauf falle, das wär kein Schaden; darum muß man ihr Platz machen. Ja, von solchen ist kein christlich Gesinnung zu erwarten, das ist übrig. Man soll seines Bestallungsbriefes an die Natur sich erinnern, wenn man was mit ihne zu verhandeln hat, damit man an der doppel-schneidig-weltbürgerliche Politur nicht auch mit seinen edleren Gesinnungen als ausglitscht. Das fehlte noch, daß man wie ein Lauskerl vor sich selber dasteht und darf nicht in den Spiegel gucken vom eignen Gewissen. –

Solche Gedanke hatte ich in dem Tierkreis, wo die Ordensbänder und Stern und goldblitzende Staatsröck rund um mich herum blinkerten wie im Traum, und wie im Traum dacht ich: wenn ich König wär, ich hielt mir eine aparte Insel vor das heraldische Tiervolk, da könnten sie so fortleben, bis sie sterben wollten, aber mir jederzeit unter den Füßen herum zu grabeln, daß man alle Augenblicke über sie stolpern müßt, das litt ich nicht.

Nun, während ich über den Darmstädter Tierkreis meine Glossen mach, wovon ein nicht unbedeutender Teil mit besterntem Bauch, mit übereinander schielenden Blicken und überlegenden Mienen des Menschenwohls da unter der Herd herumstolpern, spür ich deutlich, daß ich in dem Verwunderungsstrudel dagesessen hatte wie ein Schaf. Ich schäme mich, daß ich sollte mit einem so unscheinbare Antlitz die freie Reichsstadt vertreten, ich such mir eine andere Physiognomie aus, den Frankfurter Adler. No! – wie der Adler, wenn er Donner und Blitz bewacht, so sitz ich da, und die lieb Sonn, ohne Urlaub zu nemme, setzt sich auf den Reisefuß und ging hinter denen schöne Linde bergab spazieren, und der Mond kam herauf, auf den mit allerlei poetische Spekulatione angespielt wurde, ich mußt lachen über die empfindungsvolle Tonarte, in welche die Gesellschaft da überging. Nun, ich kann nicht alles aus dem Gedächtnis hervorkrame. Ich schwieg in meiner stolze Position still, denn kein Mensch hatte mir ein Wort zu sagen, seit die Paradeszen vorbei war. Ich machte daher meine olympische Adlersmiene ohne Unterbrechung fort, und da war auch nicht ein Augenblick, wo ich mir nachgegeben hätt und hätt meinen Alletagsgesicht auch nur erlaubt durchzublinzeln. – Auf emal! schlägt mir ein Trompetegeschmetter durchs Ohr, ich fahr aus einem tiefen Schlaf, in dem ich aller Herrlichkeiten, der um mich her vorgingen, vergessen, träume dem Herrn Heideblut und der Jungfer Lieschen meine erlebte Abenteuer zu erzähle, und ganz vergnügt bin, daß alles überstande ist. – Ja, der vermeint Adler hat den Kopf in sein Spitzekragen gesteckt und war unbewußt seiner entschlummert über dem viele Geschwärm von alle bedeutungsvolle Momente, die mir da in eim Hui ins Alltagsleben hereingestoben kamen, und ich, als in der Meinung, meinen olympischen Götterglanz fortzubehaupten, fall aus der Roll heraus und in Schlaf. Mit natürliche Dinge wars zugegangen; denk sich einer die verschiedene Motionen, dene ich vom frühen Morgen an ausgesetzt gewesen war; es war ja alles wie ein Traum, wars da ein Wunder, daß ichs am End für ein Traum hielt und ruhig weiter schlief? – Und die Nachtdämmerung – und ich saß ja da für gar keine weitere Geschäfte, als bloß Betrachtung anzustelle, was doch die Parze vor eigensinnige Begebenheiten einem in den Lebensfaden einspinne. No! – Als ich mit einem Schrecke durch alle Eingeweide aufwach, hat sich die Szen verändert, das Gebüsch wirft keinen Schatten mehr auf den leeren Platz, weil alles Tageslicht gewichen war, der Trompetenstoß, der mich von meinem tiefe Schlaf auferweckt hatte, war aus dem Tanzsaal erschallt, wo helle Fackeln brenne, wo die ganze Hofnympheschar in einem schwebende Tanz mit dene heraldische Cavaliere herumhüppen; aus den unterirdische Kellerhäls dampft ein köstlicher Speisegeruch; in denen sieht man die Herrn Köche mit weißen Zipfelmützen munter und allert Fett in das Feuer werfe, daß es hell aufflackert; die Champagnerflasche hört man im Plotonfeuer losknalle und die Frau Rat, die zu diesem Göttermahl feierlichst eingeholt waren mit vier weiße Schimmel, die sitzen unter einem Vogelkirschbäumche, welche Frucht man bekanntlich nicht esse kann, und spüren Hunger.

Die Nacht war eingebrochen, und ich, unbekannt mit der Hofetikett, und doch mit einem Schicklichkeitsgefühl, was vielleicht grad aus grader, herzlicher Aufrichtigkeit den entgegengesetzte Weg hätt eingeschlagen von dem, was statuiert wär, ich stand in der Klemm, wie ich mich zu verhalten hätt, aber ich wurde sehr bald herausgerissen. Die gute Frau Königin hat mich in all dem Trubel nicht vergessen. Wie sie ihren ersten Tanz ausgemacht hat, da sieht sie sich um nach mir, und wie sie mich nicht finden kann, da gibt sie gleich Order. Das konnt ich durch die Fensterscheiben bemerken; – kaum hat sie nach mir gefragt, da laufen die Kammerherren, die Lakaien durch den ganzen Saal im Kringel herum, um mich zu finden. Aber, dacht ich, sucht ihr nur. – Wie sie mich nicht finden können, da fällt ihnen doch ein, daß ich vielleicht könnt im Garten geblieben sein. Nun kommen sie heraus und verteilen sich in alle Regionen; ich drück mich dicht bei der Tür an die Wand, denn im Garten wollt ich mich nicht finden lassen, da hätt ich mich zu sehr geschämt. Nun dacht ich, jetzt ist der wichtige Moment, da muß ich einen energischen Streich machen und mich auf gut Glück wieder ins Meer stürzen, unter die Hofwogen, und mich da um die Wett mit denen aufbauschen. Wie also ein Hoflakai wie ein Schuß Pulver von der Tür abblitzt in den Garten hinaus, um mich im Gebüsch zu suchen, so fahr ich an dem blinde Hans vorbei, grad in den Saal herein, wo mir glücklicherweis alle Leut den Rücken drehten. – Ach!! – Gott sei Dank!! – Denn das Herzklopfen, was ich nach überstandner Katastrophe empfand – nun, – wer sich das denken kann! – bis ich mich so allmählich wieder beruhigte. – Denk sich einer, wenn die Windbeutel, die Kammerherren und Kammerdiener, da die Frau Rat unter dem Vogelkirschbäumchen gefunden hätten und hätten mit ihre Windlichter mir unter mein schlafend Angesicht geleucht. Nein, ich frag alle gute Freund, ob einer sich das gewünscht hätt? – Antwort: Nein! – Aber was man sich nicht wünscht, das soll man andern nicht gönnen. Ich auch hab mirs nicht gewünscht und hätts meinem Feind nicht gegönnt.

Wie ich mich etwas erleichtert fühlte, so rückte ich allmählich hinter den vielen Leuten hervor, die an der Tür standen, und kam so ganz nah an die Frau Königin heran; die winkt mir, und nun kommen die Kammerjäger von ihrer Jagd durchs Buschwerk zurück und wollen eben mein Verschwinden melden, da sehn sie zu ihrer Verwundrung, wie ich eben mit denen Prinzen von Gotha, noch ein paar ganz jungen Bürschercher, Bekanntschaft mach. Die erzählen von meinem Sohn, weil sie ihn sehr gut kenne vom Weimarer Hof, und ich erzähl auch mein Bestes, und das war eine ganz vergnügte halbe Stund, wo ich mich ganz mit meinem Schicksal wieder aussöhnte. Auch hatte sich meine Verlegenheit nach und nach beschwichtigt über meine Toilette, denn ich hatte mir gleich vorgenommen gehabt, nur in keinen von denen großen hell erleuchtete Wandspiegel zu gucken; das war gar nicht so leicht. – Daß, wenn allenfalls was an mir in Unordnung geraten wär, daß ich nicht auch noch den Schreck auf mein gepreßt Herz laden müßt, weil aber die Leut all ganz vernünftig mich ansehn und keiner eine zum Lachen gestimmte Miene macht, da wag ich's und tu einen Seitenblick und finde mich nicht nur ganz menschlich, sondern ich gefalle mir auch sehr wohl mit meinem kuraschierten Aug, das da thront über alle verkehrte Eingebildheiten, mit dem sie mich rund umher zu überschauen meinten. Ich schaute auf sie wieder herab, wie ein Wetterdach, das sie in Schutz genommen hat gegen den erfrischenden Regen und den kühlenden Wind, dem sie sich auszusetzen Bedenken tragen, und so ließ ich sie mich umirren mit ihren nichtssagende Blicke, als bloß wie dürres Laub, was im Wind dahinfliegt.

Die gute Frau Königin sah mirs an, daß es Zeit wär, mich zu entlassen; sie nahm da mein Dank recht freundlich auf und erinnert mich an die Zeiten, wo sie in meinem Haus unter meinem Schutz gewohnt hatte und tausend lustige Spielstunden in meinem Hof sich gemacht. –

Da ich nun entlassen war, so kam gleich wieder so ein dienender Geist von morgens früh und frägt mich, ob ich vielleicht den Wagen bestellen wollt lassen? – »Nichts lieber wie das«, sag ich, »bester Freund, verdienen Sie sich einen Lohn im Himmel, und helfen Sie mir über die königlich Schwell hinüber in mein bürgerlich Dasein.« Wie ich nun wieder im Wagen saß, wer war froher wie ich? – Ich hatte vor allen überraschenden Verlegenheiten und Sorgen gar nicht können an meine goldne Kett denken; jetzt beguck ich sie im Mondschein, und sie machte mir doch großes Pläsier. – Denn alle Auszeichnungen, die mir werden, das weiß ich, die hab ich doch meinem Sohn zu danken, und wie soll das eine Mutter nicht freuen? –

Ja, es war eine pläsierliche Fahrt in der Kastanienallee heimwärts. Alle Baumschatten flogen im Vorbeifahren mir über meine geblendeten Augen, die ganz in tiefen Gedanken mit der in den Mondstrahlen blinkenden Kett sich beschäftigten.

Es muß ein Weltengeist geben, der alle wahre und kräftig natürliche Gefühle nicht in den Lüften verschwirren läßt. So ein Seufzer aus dem Mutterherzen, auf der Darmstädter Chaussee, ist nicht dort geblieben als irrender Geist herumzuschweifen. Er wird sein Ziel gefunden haben, auch war mein Herz ganz feurig, und ich dacht, so wird auch heut nacht die Frau Königin eine vergnügliche Ahnung von mir haben, daß sie mich hat so in einen feurigen Rapport gesetzt mit meinem Sohn, daß ich ihn da im Mondschein zwischen dem Baumgeflüster vor mir schweben sehe, und kann die schönste Rede führen mit ihm, weil da allerlei Meldungswürdiges mir begegnet ist. Ach was man sich nicht vor unschuldige Unmöglichkeiten einbilden kann! – Aber Muttergefühl ist eine Wünschelrut, die schlägt in allen weiblichen Herzen an. Und die Frau Königin auch wird nicht ohne Absicht das Verdienst als Mutter in mir belohnt haben, sie wird gedacht haben: wenn sie doch auch so ein Sohn möcht zur Welt bringen, der diese mit seiner Unsterblichkeit könnt ausfüllen. – So ein Wunsch ist kein schlecht Gebet für eine erhabne Landesmutter – er begreift das Wohl des ganzen Menschengeschlechts in sich und es kann erhört werden, eben weil es der Müh wert ist so zu beten, so lohnt es auch dem Schicksalsgott die Erfüllung. – – –

Frankfurter Bürgertum ist der best Adel, der sich bis jetzt noch in alle Zeiten Respekt erworben hat. Welcher Staat kann sich des rühmen? Nun, ich kann Euch sagen, als ich in der Nacht vors Tor kam, so freut ich mich über die Maßen: »Sie müssen die Sperr bezahlen!« – »Königlich Equipage!« ruft der Lakai vom Bock herunter. – Schildwach ruft: »Heraus!« – »Ei was!« sag ich, »freilich will ich die Sperr bezahlen. Stecken Sie Ihnen Ihr Seitengewehr ein, Herr Leutnant, ich bins nur und sonst niemand!« – »Ei, um so besser, vor Ihnen präsentiere mer das Gewehr mit Vergnüge.« – Nun, als wir durch den Orkus durchgerumpelt waren und endlich vor meinem Haus stillhalten, so kommt mir ein ganzer Trupp von Basen und Vettern entgegen gestürzt. – Ich sag: »Ei, was wollt ihr dann? – Es ist nachtschlafende Zeit!« – »Ach, Gott seis gedankt, daß wir Sie wieder vor unsern Augen sehen, lieb Frau Rat; wir hatten gedacht, Sie wären arretiert! Die Jungfer Lieschen hat uns in große Ängste zusammen getrummelt, es wär eine Order kommen von Ihre Königliche Majestät von Preußen, grad wie Sie hätten wollen ins Kirschenwäldchen fahren mit der Frau Bethmann; und kaum daß Sie sich hätten was anziehen können, so wären Sie mit Eskorte von drei Mann in einem zuenen Wagen mit vier Pferd forttransportiert worden. Und so sitzen wir hier schon drei Stund und wissen nicht, was wir sollen anfangen, und eben wollten wirs dem Herrn Bürgermeister melden, und wir wären Ihnen nachgeeilt, aber die Jungfer hatte den Ort vergessen, wo Sie waren hintransportiert worden.« – –

»Nun, um Gotteswillen! Was sind das vor Sachen! – Das Rätsel will ich Euch morgen lösen; heunt will ich Euch nur eins sagen, daß die Jungfer Lieschen eine Hahlgans ist, und ich seh wohl ein jetzt, daß ihr die Haub heunt morgen nicht verkehrt auf dem Kopf gesessen hat, daß ihr aber der Kopf verkehrt unter der Haub sitzt, davor will ich Euch stehn. Ich bedank mich übrigens vor die Teilnahme; und wenn Sie einmal arretiert werde sollten, so werd ich auch mein Bestes tun, Sie wieder einzuholen. Übrigens, wer meine große Abenteuer genauer will erfahren, der muß morgen kommen, heunt sind die Tore gesperrt.« –

Nun, wie ich die gute Nachbarn los war – so mach ich der Lieschen erst Vorwürf, wie sie so dumm könnt sein und mir die Leut über den Hals trummelt.

Nun nehm ich meine Sternblumenhaub vom Kopf herunter und stülp sie über die Bouteille. Die hat heunt was mit mir erlebt – ich eröffne meine Enveloppe, die Lieschen erstarrt vor der goldnen Kett! – Sie macht mir Vorwürf, daß ich nicht gleich hab vor den Nachbarn, die um meine Abwesenheit waren in Sorgen gewesen, meinen Mantel aufgemacht. »Und«, sagt sie, »das war einmal nichts, daß die Frau Rat nicht gleich es gesagt haben, und morgen bei Tag wird das lang so kein Effekt machen.« – »Nun!« sag ich, »es ist nun emal geschehen, nun wollen wir uns ins Negligé werfen und ins Bett legen und von denen viele Strabatzen uns ausruhen!« –

Nun kommts endlich so weit, daß ich im Bett liege. – Die Frau Bethmann haben einen Korb mit den schönsten Kirsche mitgebracht aus dem Kirschenwäldchen, und wenn mirs recht wär, so wollte sie mir zulieb morgen noch einmal mit mir hinfahren. »Ei, freilich ist mir das recht! Jetzt stell sie mir die treffliche Herzkirschen an mein Bett und die Wasserflasche dabei, so werd ich wie eine Prinzeß mirs wohl sein lassen und die ganze Nacht Kirschen fressen.« –

Aber die Lieschen hat keine Ruh, sie persuadiert mir noch über die weiß Nachtjack die goldne Kett um den Hals – und nun bewundert sie und bedauert, daß es die Nachbarn von rechts und links und gegenherüber nicht gesehn haben! »Nun!« sag ich, »schweig sie mit ihrem Lamento, es ist emal vorbei; hätt ich ehnder dran gedacht, so hätt ichs freilich ihne zeigen können, es würde sie im ersten Augenblick, wo sie noch den Schreck in alle Glieder hatten über meine bewußte Arretierung, noch mehr gefreut und überrascht haben!« – »Ach!« ruft die Lieschen, »die hab ich gleich wieder beisammen, es ist ja nit weit hin!« und eh ich ihr auf ihre Dummheit Kontraorder geben kann, klappt sie mit ihre Pantoffel die Trepp hinunter, ich hör die Haustür gehn, ich lieg da in der Nachtjack im Bett mit meiner goldne Kett, mit meine Kirschen; ich denk: Was soll das werden, alle Leut liegen um ein Uhr in der Nacht im tiefsten Schlaf; seit wieviel Jahr hat ein gesunder Frankfurter die Stern am Himmel um diese Zeit nicht gesehn; und nun poltert mir die Lieschen die Menschen zusammen! – Ja, richtig, da kommen sie schon mit angepoltert! – Nun, morgen wird die ganze Stadt sagen, ich wär nicht recht gescheut. – Jetzt, der erst Gesell, der die Tür aufmacht, sein der Herr Doktor Lehr. »Ei, um Gottes wille, wie kommen Sie daher?« – »Ei, wie ich eben in Wagen steigen will bei der Frau Schaket, die eben mit einem kleinen Sohn niedergekommen sind, da kommt Ihr Hausjungfer Lieschen Hals über Kopf daher gerennt, und im Vorbeirenne frägt sie, ob ich nicht wollt die schöne Kett sehen, die Ihne der König von Preußen mit eigne Hände hat um den Hals gehängt!« – Ei, die Lieschen ist ja imstand und redet die ganz Stadt auf, um die Kett zu sehn, und morgen werden die Leut sagen, ich war nicht recht gescheut! – Nun, weil der Doktor Lehr in Bewundrung über meine Kette dastehn, so kommen die andern nachgepoltert, die all von der Lieschen und ihrer Neugierd wieder aus dene Betten getrummelt waren, und ich hat nicht weniger wie zehn Personen im Zimmer und ein fürchterlich Geschnatter! Ich sagt aber nichts und ließ sie gucken und Glossen machen und aß ruhig meine Kirschen auf, und mit der letzte Kirsch da sagt der Doktor Lehr: »Nun werd ich meine Kindbetterin, noch eh ich nach Haus fahr, besuchen, und werd von der golderne Kett noch erzählen!« – »O«, sag ich, »schicke Sie mir nicht auch noch die Stadthebamm übern Hals!« – Jetzt, kaum war der Doktor Lehr fort, so empfehle sich auch die Nachbarsleut und bedanke sich, und ich mach meine Entschuldigungen, daß die Lieschen ohne mein Wille sie hat wieder aus den Betten geholt, sie gaben aber dem Lieschen ganz recht! – Nun, wie sie der Tür drauß waren und ich hör die Haustür gehn, war ich froh, daß ich endlich bei mir allein war. Aber da knistert was an der Tür! – Mein Schrecken! – ich denk, da ist am End heimlich ein Spitzbub hereingeschlichen, ich schrei um Hilf, ich will eben ans Fenster springen und die Nachbarsleut wieder herbeirufen, die noch nicht weit sein könne, da ich die Absätz von ihre Schuh deutlich in der Fern widerhallen hör auf dem Straßenpflaster. Aber da kommt ja wahrhaftig die Frau Ahleder herein, die Stadthebamm, und sagt, der Herr Doktor Lehr hätts ihr gesagt, ich hätts erlaubt, daß sie noch dürft komme und die goldern Kett sehn! – »Ja«, sag ich, »Frau Ahleder, sehe Sie nach Gefallen, aber ich bitt Sie um Gottes willen, sagen Sies heut niemand wieder, damit ich doch noch einen Teil von der Nachtruh genießen kann!« – Nun, die war auch die letzt Nachtvisit, aber acht Tag hintereinander strömte alle Leut zu mir, und ich mußte viele alte Bekanntschafte erneuern und viel neue machen wegen der Kett und mußt meine Geschicht von alle Seite erzähle, wo ich dann unendlich viel Variation dabei angebracht hab und hab denen besuchende Neugierigen einem jeden noch apart mit eingeflochten, was ich meint, daß ihm not wär zu bedenken. Den ersten Tag war ich durchgewitscht ins Kirschenwäldchen, da sind sie mir ja all nachkommen zu Fuß und zu Wagen, und das ganze Kirschenwäldchen war gestopft voll Zuhörer, und die Gassenbuben haben Spalier gemacht um mich herum, und ich mußt eine Prachterzählung machen, und ich wärs beinah satt geworden, ich war froh, wie sich der erst Sturm gelegt hatte. Nun, heunt hab ich wieder einmal die alt Geschichte mit besonderm Pläsier aufgewärmt, und ich hoffe, daß sie Euch wird eingeleuchtet haben.