Adolph Bayersdorfer:
Die militärpflichtige Tante.

Der einzige Mensch, den ich noch mit einem Haarbeutel gesehen habe, mit einem solchen nämlich, wie man sie vor Zeiten außen am Kopfe trug, war mein alter Großoheim, welcher vordem beim deutschen Reichs-Kammergericht in Wetzlar angestellt gewesen und zugleich mit diesem berühmten Institut in eine wohlverdiente Pension gegangen war. In dem komplizierten Räderwerk des obersten deutschen Gerichtshofes hatte er ein ganz kleines Federchen, Rädchen oder Kettchen vorgestellt als ein versteckter Unterbeamter einer untergeordneten Registraturskanzlei, welche ihrerseits wieder die Unterabteilung einer anderen war. Wenn ich nun meines Großoheims ganzen Titel herschreiben wollte – eine einzige monströse Namen-Kumulation, welche in pünktlicher Fixierung die Titulaturen aller Stellen von oben herab gewissenhaft mit einschloß, bis sie bei seinem bescheidenen Posten angelangt war – so müßte ich mindestens einmal dazwischen frisch Tinte schöpfen, gleichwie die Leute, die so viel Zeit hatten, ihn bei seinem ganzen Titel rufen zu können, einmal Atem holen mußten unter der Absagung dieses einzigen Wortes.

Der gesegnete Träger dieser Titelschleppe, deren Länge, wie herkömmlich, im umgekehrten Verhältnisse zum Gehalte ihres Eigentümers stand, war ein hagerer, schweigsamer Mann mit knochigem Gesichte, der gleich der verkörperten Theorie immer ganz grau und altväterlich gekleidet einherging, bis an den Hals zugeknöpft. Pedanterie in allen Dingen war wohl seine einzige Passion. Er fand einen Genuß in der Pünktlichkeit, mit welcher er jeden Tag zu den gleichen Stunden das Gleiche tat, und auf seinen Spaziergängen, die den größten Teil seiner Mußestunden (er hatte deren täglich vierundzwanzig) in Anspruch nahmen, sah man ihn immer mit denselben Glockenschlägen um dieselben Ecken biegen. Der Spaßmacher des Städtchens richtete solange seine Uhr scherzweise nach meines Großoheims Spaziergängen, bis er endlich für gut fand, diese Art der Zeitregulierung in vollem Ernste beizubehalten.

In der mediatisierten Reichsstadt, woselbst er seine Pension verzehrte, war er zur Zeit meiner Schuljahre, wie gesagt, der einzige Mensch mit einem Haarbeutel und deswegen für uns reichsstädtische Jugend eine besonders interessante Gestalt, welche wir gleich einer Reliquie halb mit ehrwürdiger Scheu, halb mit dem aufkeimenden Spotte eines zweifelnden Gemütes, das sich der verderblichen Aufklärung zuneigt, anzustaunen gewohnt waren.

Mein Großoheim war mit meiner Großtante verheiratet, ein Umstand, dessen Zufälligkeit mir als Kind viel zu denken gab. Die Großtante war eine altmodische Frau und hatte ihrem Manne drei Töchter beschert, welche auch nie recht in die Mode kommen wollten. Die dritte, welche fast zwei Jahrzehnte jünger war als ihre Schwestern, hatte den seltenen Namen Mauritia und war als meine Tante bei allen Wendepunkten meines jungen Lebens, von der Taufe angefangen bis zur Erlangung der Toga virilis, mein religiöser Beistand. In ihren späteren Tagen bekam sie dasselbe verblichene Kanzlei-Aussehen, wie es ihr Vater gehabt hatte, und glich ihm überhaupt mehr, als ihrer Weiblichkeit gut stand.

Das mochte mit den ersten Eindrücken zusammenhängen, welche sie in ihrer Jugend erfahren hatte, denn die Geburt meiner Tante fiel in die wüsten Kriegsjahre am Anfange unseres Jahrhunderts, und Trommeln und Schießen war ihren kleinen Ohren geläufiger geworden, als Wiegenlieder. So war sie denn unter dem Zeichen des Mars zur Welt gekommen und konnte sich diesem planetarischen Einflusse so wenig entziehen, daß sie sogar in ihrem einundzwanzigsten Jahre konskribiert wurde.

Das kam aber so. Als sie ungefähr drei Jahre alt war, nahm der schreckliche Kriegslärm, der mit Feuer und Schwert über die Länder gezogen war und wie manche Gegend, so auch meines Großoheims Wohnsitz doppelt und dreifach heimgesucht hatte, ein ersehntes Ende, und ein zaghafter Friede, an den niemand recht glaubte, kam schüchtern ins Land geschritten. Mit ihm aber auch eine Anzahl kaiserlicher, königlicher, kurfürstlicher und anderer Kommissäre, welche die vielen Gemeinde- und Kirchenbücher, Taufregister und Steuerlisten, die von der Kriegsfurie waren vernichtet oder verschleudert worden, so gut es eben gehen wollte, mit oder gegen den Willen der geliebten Untertanen wiederherstellen sollten.

Von dem ersten und wichtigsten Punkte nun, dem der Steuern, abgesehen, lag es den huldreichen Landesvätern am Herzen, durch eine sorgfältige Aufnahme des Familienstandes ihrer Landeskinder die verloren gegangenen Standesregister zu ersetzen, um in späteren Jahren nicht der langen Konskriptionslisten entbehren zu müssen und so um die schönen blankgeputzten Soldaten betrogen zu werden, die so herrlich »Präsentiert's Gewehr« machen können. Die Leute aber hatten in ihrer Untertanentreue den väterlichen Kunstgriff bald losbekommen und verleugneten ihre männliche Nachkommenschaft, wo und wie sie nur immer konnten. Und weil hie und da einer auf dem Betruge ertappt wurde, so wurden die mit diesem Geschäfte betrauten Regierungs-Kommissare immer strenger und mißtrauischer, kontrollierten ihre Bezirke öfter und schrieben manchen zweimal auf, der später nur einmal konskribiert werden konnte.

Eines Tages nun erschien ein solcher Regierungsbeamter in Begleitung eines Schreibers in der Wohnung meines Großoheims, der eben in einem alten vergessenen Buche über ein altes vergessenes Rechtsverfahren las und die eintretende Gesellschaft nicht eher bemerkte, als bis ihn das plötzliche Stillstehen der schnurrenden Spinnräder seiner Frau und Töchter aus dem träumenden Nachdenken weckte. Er klappte also bedächtig das Buch zu, nachdem er vorsichtigerweise durch ein eingebogenes Eselsohr die Stelle bezeichnet hatte, wo er in einem endlosen Fiskalatsprozeß die interessante Lektüre hatte unterbrechen müssen, und fragte die Herren nach ihrem Begehr. Die Frau und die beiden Töchter standen wie bei jedem Besuche, der in den Hafen ihrer Häuslichkeit verschlagen wurde, verlegen und mit überflüssigen Gesichtern in den Ecken, als ob sie sich selbst im Wege wären, während sich die kleine Mauritia, in der Familie herkömmlich »Moritz« geheißen, hinter die geöffnete Tür des Schlafzimmers geflüchtet hatte.

Der Herr Kommissarius nun, der eine Uniform anhatte und für andere Leute streng, für sich selbst aber selbstgefällig schlau aussehen wollte und aufs Haar einem Narren glich, fragte mit geheimnisvoller Weitschweifigkeit vorerst den Familienvater um seinen Namen und Stand, dann um Frau und Kinder, worauf ihm der Großoheim die beiden Töchter vorstellte. Diese traten, nicht eben reizende Gestalten, mit plastischer Unweltläufigkeit, linkisch und hocherrötend, vor und hatten ein Ansehen, als erwarteten sie mit schuldbewußten Mienen, aber heroisch gefaßt, einen grausigen Urteilsspruch. Doch es wurden bloß ihre Namen in die Liste geschrieben, gleichwie vorher die Namen von Vater und Mutter. »Habt ihr sonst keine Kinder?« fragte nun der fremde Mann sehr strenge. »Doch noch ein kleines«, antwortete die Frau, welche ihrem Manne zuvorkommen wollte, »aber Sie werden entschuldigen, es ist noch gar nicht gewaschen und ordentlich angezogen.« – »Das hat nichts zu sagen,« erwiderte der Mann mit wunderbarer Mischung von Herablassung und Strenge. Die kleine Mauritia mußte also vorgestellt werden, und während die Großtante rief: »Moritz, Moritz wo bist du denn, komm einmal her und gib dem Herrn Vetter die Hand,« stürzten die beiden Töchter mit Häscherschritten hinter die Tür, zogen Fräulein Mauritia, die sofort ihr Kriegsgeheul anstimmte, ziemlich gewalttätig hervor, putzten ihr mit einer Schürze die Nase und sahen sie drohend und grimmig an, froh, daß das unbekannte Verhängnis über ihre eigenen Häupter hinweggezogen. Tantchen Moritz aber, in dem beneidenswerten Stadium der Erscheinung sich befindend, in dem es auch dem geprüftesten Kenner nicht möglich wird, sei es aus der Gesichtsbildung, sei es aus der Tracht einen Schluß zu ziehen auf das Geschlecht, dem ein kleiner Weltbürger künftig angehören solle – konzertierte ruhig weiter, während der Großoheim dem Beamten Zeit und Ort der Geburt des kleinen Schreihalses gewissenhaft angab. Schließlich schrieb dieser strenge Mann eigenhändig noch eine Bemerkung in die von seinem Schreiber ausgefüllte Liste und empfahl sich. Der Oheim setzte sich wieder an seinen Prozeß, nachdem er noch für seine Frau und Töchter die erklärenden Worte hatte vernehmen lassen: »Das waren die Herren von der neuen Volkszählung,« und Frau und Töchter setzten sich wieder an ihre Spinnräder, und der kleine Moritz schluchzte sich in einem Winkel in großen Pausen langsam in den Schlaf.

Nach Verlauf von achtzehn Jahren hatte sich manches geändert. Meine Großtante hatte das zeitliche gesegnet, und eine ihrer unmodischen Töchter, die gewiß zeitlebens eine reine Jungfrau gewesen, war ihr nachgefolgt und als grobknochiger Engel und gute Seele zum Himmel aufgeflogen. Die andere war bei ihrem alten Vater geblieben, welcher, wie es schien, so lange leben wollte, bis die Haarbeutel wieder in die Mode kämen. Durch seine geringe Pension allein ließ sich wenigstens sein hohes Alter nicht zureichend erklären. Noch jahrelang sah man seine melancholische Figur als ungestorbenes Gespenst um den Stadtgraben spazieren gehen.

Tante Moritz, »das Jüngste«, war schon mit ihrem zwanzigsten Jahre in die Residenzstadt ihres bundespflichtigen Großstaates und engeren Vaterlandes gekommen. Durch des Schicksals Gunst war sie die Erzieherin der ungezogenen Backfische eines befreundeten Land-Adeligen geworden, der infolge einer unerwarteten und unverdienten Erbschaft in die Stadt und in die Nähe des Hofes übergesiedelt war, wo er sich und seine Söhne in der höheren Kutscherei ausbilden konnte. Da erschien nun eines Tages bei meinem Großonkel ein Magistratsbote mit einer geschriebenen Aufforderung, daß der militärpflichtige Moritz N., Sohn des Reichskammergerichts- usw. usw.-Registraturs-Kanzlisten N., mit 11 Gulden 29 Kreuzern und 2 Pfennigen Strafgeld für versäumte Konskriptions-Anmeldung auf dem Bureau Nr. X zu erscheinen habe. Der alte Mann betrachtete kopfschüttelnd das Papier, zog dann seinen längsten grauen Rock an, auf dessen hohem Kummetkragen sich der Haarbeutel ein fettiges Widerlager zurechtgewetzt hatte, und ging ganz gegen seine gewohnte Stundenordnung auf das Amt. Nachdem er dort infolge des vorschriftsmäßigen Schreibversehens in der Vorladung aus einigen Zimmern hinaus- und in andere hineingebrüllt worden war, kam er, der dieses Verfahren aus eigener Praxis kannte und deshalb ohne Nebengedanken hinnahm, endlich zu dem richtigen Eisenfresser, dem seine Angelegenheit zustand. Mein Großonkel, dem auf dem Wege ein Licht über dem Dunkel aufgegangen war, legte nun Rätsel und Auflösung zugleich vor, indem er die Vermutung begründete, daß seine Tochter Mauritia weiland durch irgendein Versehen als Knabe möchte in die Familienliste eingetragen worden sein. Doch er fand sehr ungnädiges Gehör und die ungläubige Miene eines unduldsamen Besserwissers. Hatte mein Großonkel einen Haarbeutel, so hatte der Beamte einen mächtigen Zopf. Mit beleidigender Genauigkeit ließ dieser seine Aussagen zu Protokoll nehmen und gab ihm nicht undeutlich zu verstehen, daß er ihn für den Mitwisser eines abgekarteten Betruges halte. So wurde er fürs erste mit Unheil verkündender Kälte entlassen. Der Mann mit dem Zopf war schnell hinter der Sache her. Noch ehe mein Großonkel seine Tochter von dem Vorfalle in Kenntnis gesetzt hatte, bekam diese in der Residenz eine Vorladung auf die Polizei. Sie wußte freilich nicht, was sie dort zu schaffen haben sollte; weil aber mit dem hochlöblichen Institute nicht zu spaßen ist, so setzte sie ihren Sonntagshut auf, sah noch einmal in den Spiegel und ging befriedigt über ihr Äußeres – sie die einzige, die es je war – nach dem Polizeiamte. Man sagt zwar: »Jung ist der Teufel schön«, aber Tante Moritz machte die zu jeder Regel gehörige Ausnahme und war auch jung nicht schön. Sie war groß, knochig und mager und sah ihrem Vater ähnlich bis zur Lächerlichkeit. Dieser aber hatte nie wie ein Frauenzimmer ausgesehen. In dieser wenig einnehmenden Außenhülle barg sie aber eine zarte weibliche Seele, verletzbar und scheu, die noch wenig die bittere Gelegenheit gehabt hatte, sich im stoßenden, drängenden Weltgetriebe abzustumpfen. Eine emanzipiert klingende Altstimme, die ihr bis in ihr hohes Alter verblieb und dann der alten Dame besonders würdevoll stand, bildete in ihrer Jugend einzig einen angenehmen Gegensatz zu ihrer frauenzimmerlichen Häßlichkeit, aber leider nicht zu ihrem männlichen Aussehen.

Als sie das richtige Bureau gefunden hatte, trat sie schüchtern ein und blieb erwartend an der Tür stehen. Kaum hatte sie auf die ergangene Frage ihren Namen genannt und die Vorladung gezeigt, als der Polizeikommissär und sein Schreiber einen schnellen Blick der Aufforderung wechselten und dann eine peinliche Pause lang die Gestalt an der Tür fixierten. Wieder begegneten sich verständnisinnig und mit triumphierendem Ausdrucke ihre Augen; ihr scharfer Beamtenblick hatte untrüglich den Simulanten erkannt. In diesem Falle glaubte der Kommissär kurz angebunden sein zu müssen und eröffnete das Verhör:

»Sie werden sich denken können, weshalb Sie vorgeladen sind?«

»Nein, leider nicht.«

»Wenn ich Ihnen aber sage, daß dieses das Bureau für Konskriptionsangelegenheiten ist.«

»Ich bedaure, daß mir die Sache dadurch nur um so rätselhafter erscheint.«

»So muß ich Ihnen denn kurzweg sagen, daß Sie im Verdachte stehen, sich durch fortgesetzte Simulation, das heißt, indem Sie weibliche Verkleidung tragen und sich seit Ihrem Hiersein durchaus als Frauenzimmer geberden, Ihrer Konskriptionspflicht entzogen zu haben, respektive noch entziehen zu wollen.«

Versteinerungspause. –

»Auch muß ich Ihnen gestehen, das Ihr Äußeres diesem Verdachte nur Vorschub leisten kann.«

Fortsetzung der Pause und anhebende Versenkungsgefühle.

Welche echte Weiblichkeit hätte auch nicht zu sprachlosem Erstaunen erstarren müssen bei der Zumutung, sich als renitenten Rekruten zu bekennen. Wie Lots Weib nach der Salifizierung stand die Ärmste an der Türe. Der Beamte kannte aber diese Kniffe schon und fuhr unerschüttert fort:

»Also, gestehen Sie, oder nicht?«

Die Tante schnappte etwas nach Luft und Bewußtsein und stammelte einige undeutliche Worte, die zwar keinen Sinn gaben, aber unzweideutig den Charakter der Ablehnung trugen, womit sie eine solch ungeheuerliche Insinuation von sich wies.

»Wenn Sie bei Ihrer Leugnung verharren, so muß ich Sie auf einige Augenblicke in das Zimmer des Gerichtsarztes weisen lassen.«

Er rief einen Boten.

»Bringen Sie diesen Simul–, diese Dame will ich sagen, ins ärztliche Bureau, geben Sie dem Doktor diesen Akt, er weiß schon von der Sache, und warten Sie vor der Tür.«

Die Tante war vollständig vergeistert und wurde willenlos abgeführt. Für sie war gerade Weltuntergang, und der letzte Rest von Zurechnungsfähigkeit war von ihr gewichen. Als sie aber mit ihrem ungebetenen Beschützer beim Gerichtsarzt eintrat, fand sie dort außer diesem Herrn noch die Gerichtsärztin, seine Frau, die, einen Koketterie-Marktkorb am Arme, ihrem Manne geschwind den neuesten Klatsch mitteilen mußte. Denn dieser hatte sich bei ihr seit dem Frühstück in so ungebührlicher Weise aufgestaut, daß sie es unmöglich länger allein tragen konnte.

Die geschwätzige rundliche Dame erschien meiner Tante wie dem Ertrinkenden eine rettende Fee, die aus geöffnetem Himmel herniederschwebt; hier freilich mit einem Gewicht von anderthalb Zentnern. Die Erstarrung wich von ihr und machte einer vollständigen Auflösung alles geistigen Vermögens in überquellende Schmerzgefühle Platz. Noch ehe ein Wort gesprochen worden war, sank sie mit krampfhaft losbrechendem Schluchzen der neugierigen Dame, die schon eine monströse Neuigkeit witterte und die Tore ihrer fünf Sinne sperrangelweit geöffnet hielt, in die fetten Arme. Einer solchen Appellation an ihre Menschlichkeit und Souveränität konnte die Gerichtsärztin nicht widerstehen. Hatte sie doch nie das eheliche Szepter aus den Händen gegeben und auch schon verschiedene Male im Amtszimmer ihr Regiment ausgeübt. Sofort machte sie sich zum Herrn der Situation und hatte ihrem Manne, der während dieser Szene zur vollständigen Bedeutungslosigkeit zusammengeschrumpft war und aller Amtswürde bar dastand, als wäre er der Simulant, in wenigen Augenblicken die saubere Geschichte abgehorcht. Ihr weiblicher Instinkt war hier nicht im geringsten Zweifel und stand weit über der Wissenschaft ihres Mannes. Unter Androhung der höchsten ehelichen Strafen erteilte sie ihm den gemessenen Befehl, die gekränkte Dame in Frieden zu entlassen und dafür zu sorgen, daß dieses auch von anderer Seite geschehe. Hier hieß es gehorchen. Mit einer bedauernden Geberde wandte sich der arme Leibeigene, dem der Gerichtsarzt ganz abhanden gekommen war, zu der fremden Dame und stotterte verbindlichst, er habe überhaupt nie gezweifelt –

Ein gebieterischer Blick seiner Frau schnitt ihm die zweite Hälfte des Satzes vor dem Munde ab.

Unter Redensarten und Tränen löste sich allmählich die Gruppe auf, und während die Gerichtsärztin, erfüllt von der geleisteten Heldentat und voll brennenden Verlangens nach mündlicher Erleichterung, in das Menschengewoge der Stadt hinausstürzte, führte ihr Mann dem erhaltenen Befehle gemäß die weinende Tante unter entschuldigenden Beschwichtigungen in das Bureau des Kommissärs zurück, sprach noch einige begütigende Worte und empfahl sich hastig, es dem Kommissär überlassend, sich aus seinem Gebahren den richtigen Schluß zu ziehen. Bei seinem Eintreten hatten dieser und sein Schreiber, als sie die höflichen Redensarten des verwirrt dreinblickenden Doktors vernahmen, wieder einen raschen Blick gewechselt, diesmal aber mit einer trostlosen Jammer- und Schreckensmiene. Sie waren aus dem siebenten Himmel ihrer Beamtenweisheit heruntergestürzt, und es blieb von ihnen nichts mehr übrig als der gebrechliche Mensch, behaftet mit dem Aussatze des Irrtums. Der Schreiber faßte sich schnell; was ging es ihn an, wenn sein Vorgesetzter eine Dummheit machte? Mit der brutalen Rücksichtslosigkeit eines verantwortungsfreien Subalternbeamten vergrub er sich in seine Akten, mit vielem Geräusch rechnend und blätternd, und schien über seinem plötzlich eingebrochenen Geschäftseifer alles um sich her vergessen zu haben. Treulos im Stiche gelassen, stand der Kommissär vor dem still fortweinenden Mädchen. Er nahm einige Male einen Anlauf zu wohlgesetzten Entschuldigungen. Sie gerannen ihm wie schlechte Milch, noch ehe er sie vollendete. Er wollte sich fassen, sein Herz verhärten und sich kaltblütig hinter seine Pflicht verschanzen. Es gelang ihm nicht; er stand noch zu sehr unter der Wirkung der Überraschung. Jeder Versuch, etwas zu sagen, erweckte nur ein vernehmlicheres Schluchzen der Unglücklichen. In heller Verzweiflung ließ der entwurzelte Beamte gleich einem gefangenen Wilden seine Blicke an den Wänden herumlaufen, wobei sie auch einen wütenden Abstecher nach dem fleißigen Schreiber machten. Aber an den staubigen Aktenstellagen wollte sich kein rettendes Wunder ereignen; keine Öffnung ließ sich dort hineinblicken, durch welche eine gequälte Bureaukratenseele hätte entweichen können. Und doch kam ihm von dort her ein Lichtstrahl. Woher könnte auch sonst einem braven Beamten eine Erleuchtung kommen! »Warten Sie,« sagte er und zog aus einem der Fächer ein Formular hervor, füllte es aus und stempelte es geschäftsmäßig ab. Mit dieser gewohnten Hantierung hatte er seine Fassung wieder errungen. Er faltete den Bogen nicht ohne Feierlichkeit zusammen, näherte sich der Dame und sprach: »So, nehmen Sie das, das wird gut tun«, mit einem so milden und begütigenden Ausdruck, wie ihn nur der Arzt haben kann, der dem stöhnenden Verwundeten den lindernden Verband anlegt.

Mechanisch hatte der weinende Rekrut den papiernen Trost ergriffen und schwamm nun in Tränen nach Hause. Kaum fand sich Tante Moritz dort in Sicht eines soliden Sofas, als sie auch sofort in die lange zurückgehaltene, aber offenbar zur Sache gehörige Ohnmacht fiel unter so viel nachfolgenden Krämpfen, als ihrer weiblichen Ehre unumgänglich notwendig schienen. Bald hatte sie das ganze Haus auf die Beine gebracht. Die jungen Gräfinnen weinten in ihrer Unerfahrenheit, und die jungen Grafen standen mit Bereiterstiefeln und Reitpeitschen um den Fall herum und machten stehengebliebene Gesichter. Am liebsten hätten sie auch geweint, wenn das nicht gegen die Stiefel gewesen wäre. Die alte Gräfin und ein Stubenmädchen bemühten sich mit erprobten Hausmitteln um die Kranke, und der alte Herr Graf nahm der bewußtlos Daliegenden ein zerknittertes Papier aus der Hand, entfaltete es und las: »Militär-Entlassungsschein«. In diesem Denkmal polizeilicher Konsterniertheit wurde der Moritz N. aus der Altersklasse 1801, Tochter des weiland Reichskammergerichts- usw. usw. -Registraturskanzlisten, wegen allgemeiner Untauglichkeit seiner Militärdienstpflicht los- und lediggesprochen. Die Rubrik »Signalement« war unausgefüllt geblieben; selbst der item: »Besondere Kennzeichen« hatte den Beamten zu keiner naheliegenden Notiz veranlassen können. Mit diesem Talismann hätte freilich Tante Moritz allen künftigen Anforderungen des Kriegsministers entgegentreten können, wenn dieser noch einmal Anspruch auf die friedliche Amazone hätte erheben wollen.

Natürlich vergingen damals die Krämpfe wieder, und die gute Tante hat in der Folge manche schwerere Krankheit zu bestehen gehabt, bis endlich eine sie ganz ablöste und aller Konskriptionsgefahr entrückte. Mit dem gegilbten und verbleichten Nachlasse der braven alten Jungfer, aus dem ich eine ganze Lebensgeschichte von kleinen Freuden und großen Entbehrungen, ein standhaft durchgerungenes Dasein von Armut und Ehre herauslesen mußte, habe ich auch den Militärentlassungsschein geerbt, den ich als ein Andenken an die gute alte Zeit, an die selige Tante, an den Großonkel mit dem Haarbeutel und an die verdrehte Polizei meiner Vaterstadt noch immer aufbewahre.