Glückspilzchen.

Es war einmal ein kleines, flachshaariges Schusterjüngelchen, das die Dorfbuben den Pechhansel nannten, obwohl sein richtiger Taufnamen ein gar schöner war, nämlich Johannes. Vater und Mutter hatte er nicht mehr, die waren alle beide todt. Sein Vormund aber hatte ihn geschwind einsegnen lassen und zu dem Schuster von Gansdorf in die Lehre gethan, und ihm noch zum Valet und Angedenken an ihn eine wunderschöne Zieh-Harmonica mitgegeben, mit acht Klappen und drei Luftlöchern, denn er sollte ein ganzer Schusterjunge werden, und ohne die Harmonica wär' er doch nur ein halber gewesen. Trotzdem mochte ihn die Frau Meisterin nicht leiden, denn er war zuweilen ein bischen grob gegen sie; und den Herrn Meister konnte er wieder nicht ausstehn, denn der war grob gegen ihn, und wenn er einen Wasserstiefel verschnitten hatte oder einen Holzpantoffel, war der Meister nicht faul hinterher, machte ihm einen warmen Umschlag von Prügeln über den Rücken, und dann konnte man auf selbigem die vier russischen Nationalfarben schauen, nämlich braun und blau, und grün und gelb, und die Frau Meisterin, die in der Küche stand, sagte ganz laut: Es muß immer noch besser kommen.

Hansel aber, wenn er wieder beim Leisten auf dem Schemelchen kauerte und die hellen Thränen ihm vor lauter Aerger immer noch aus den Augen liefen, dachte bei sich: Bin ich nicht ein schmucker Bursch, und zu Pfingsten werd' ich sechzehn Jahr alt? Und hören mich die Dorfmädel nicht für ihr Leben gern auf der Harmonica spielen? Soll ich mir immer noch den groben Haselstock auf dem Rücken tanzen lassen? Ja, Kuchen! schloß er jedesmal; aber es blieb dennoch beim Alten, denn draußen lag Weg und Steg verschneiet, und die Winde hielten ein Wettrennen und pfiffen dabei so arge Stücklein, daß einem alles Ausreißen verging. Da mußt' es Hansel denn aushalten bei dem Herrn Meister und der Frau Meisterin, obwohl es spitzigkalt war in seiner Kammer und in seinem Magen auch; denn Warmes, wenn's auch nur ein Süpplein gewesen wäre, bekam der Arme alle heilige Zeit einmal zu kosten. Warum war er auch grob zu der Frau Meisterin!

Wie es nun Frühling wurde, heizte ihm zwar die Sonne seine Kammer gar behaglich ein, und der Kirschbaum, der gerade davor stand, hing voll schneeweißer Blüten, aber mit der Frau Meisterin ihrer Kost sah's nicht besser aus. Das kam daher, daß ihr Mann statt des Pfriemen die Schaufel in die Hand nahm und auf sein bischen Acker ging, um die Saat zu bestellen. Denn die Dorfleute stellten Schuh und Stiefel in den Kasten und gingen mit splitternackten Füßen umher in dem lieben Sonnenschein. Wer aber keine Schuh' trägt, zerreißt keine, und an dem hat der Schuster sein Recht verloren und des Schusters Hansel auch. Die Frau Meisterin aber dachte: Wozu füttern wir den Faulenzer? – Denn vom Ackern und Säen verstand er nichts, weil er aus der Stadt war, und wollte auch nichts anders sein, als ein ganzer Schusterjunge; das hatte ja auch der Vormund gewollt. Er lief also den ganzen Tag mit der Harmonica im Walde herum, suchte sich Beeren, so viel er fand, und wurde leidlich satt. Zuweilen saß er auch daheim und las. Nun war freilich nur ein einzig Buch im Hause, eine alte vergriffne Bibel nämlich; die fing er von vorn an, und die Bilder gefielen ihm über die Maßen, aber die Geschichten nicht minder.

Eines Tages aber, wie er über dem zweiten Buch Mose war, wurde er plötzlich ganz tiefsinnig und saß eine ganze Stunde und dachte nach. Dann klappte er das Buch zu, packte seine Siebensachen zusammen in ein Bündel und trat marschfertig in die Küche zur Frau Meisterin. Die machte ein verwundertes Gesicht, wie sie hörte, es gefalle dem Hansel nimmer bei ihr und er wolle fort und nach den Fleischtöpfen Aegypti wandern. Denn, sagte er, das ewige Beeren-Essen bringt einen ganz von Kräften, Frau Meisterin, und Ihre Brotrinden und Kartoffeln haben mich auch nicht fett gemacht, daß Sie's nur weiß! Adjes also, und empfehl' Sie mich dem Meister. – Damit machte er linksum Kehrt und stapelte was er nur konnte zum Hause hinaus und das Dorf hinab, daß die Hühner und Gänse kaum Zeit genug hatten, ihm Platz zu machen. Denn er hatte Angst, daß der Meister ihn einholen möchte und seine Glieder so zurichten, daß damit nichts anzufangen wäre, am wenigsten eine Reise nach den Fleischtöpfen Aegypti.

Der Meister kam aber nicht, sondern ein Dirnlein über dem andern. Denn wie sie den Hansel reisefertig vorbeimarschieren sahen, hielten sie's nicht aus drinnen, ließen alles stehn und liegen und liefen ihm nach; denn sie wollten ihn gar zu gern noch einmal spielen hören. Kommet nur mit bis ins Wäldchen, sagte er; hier darf ich nicht, sonst hört mich der Meister; denn er soll's nicht wissen, daß ich nach den Fleischtöpfen Aegypti wandere. Jesus! riefen die Mägdlein, so grausam weit! Der Hansel aber machte eine wichtige Miene und sagte: Am Ende noch weiter, in die Türkei oder nach den Buschmännern. Die Welt soll schon noch von mir zu hören kriegen! – Da kicherten die Mädchen unter einander und flüsterten: Der Hansel ist irre; er wird Tollbeeren geschluckt haben!

Wie sie nun im Wäldchen waren, lehnte er an einen Baum, nahm die Harmonica aufs Knie und fingerte ihnen einen Hopser vor, daß sie's Tanzen nicht lassen konnten, sondern einander umfaßten und immer um die Bäume herum durch Dick und Dünn zu springen anhoben. Als sie endlich alle müde waren, kamen sie gelaufen und baten ihn noch um was Schmachtendes. Da spielte er das schöne Lied: »Du du liegst mir im Herzen«, und das war so sehnsüchtig und jeder Ton zitterte fünf Minuten lang, daß die Vögel in den Büschen ganz still wurden und schluchzten und seufzten. Die Mägdlein aber waren noch mehr gerührt, gaben dem Musikanten jede einen schönen Kuß und gingen mit den Schürzen vorm Gesicht heim. Hansel aber brach einen blühenden Zweig ab, steckte ihn auf die Mütze zur Erinnerung und sang und spielte im Weitergehen:

Zu Halle an der Saale
Da hat mir's nit gefalle,
Weil da der arme Handwerksbursch
Gar zu viel leiden muß
Von wegen den Herrn Studiosibus.

Nachher jedoch ließ er das Singen, und pfiff lieber; denn er wollte ein ganzer Schusterjunge sein, und die pfeifen bekanntlich.

Wie er nun aus dem Wäldchen wieder herauskam auf die große Landstraße, stand er auf einmal still und hörte mitten in einer Melodie auf. Zum Kuckuk! dachte er, bin ich doch ein rechter Holzleisten! Laufe da weg und weiß den Weg nicht. Geht's nun rechts oder links? Nach einigem Besinnen ging er doch links; denn rechts mußte man nach der Stadt gelangen, wo der Vormund wohnte, und da wäre er mit dem Wandern schön angekommen. Also wandte er sich links, spielte das Lied gerade da weiter, wo er aufgehört hatte, und die Grillen und Frösche zu beiden Seiten des Weges sangen zweite und dritte Stimme, daß den Lerchen droben vor dem Concert angst und bange wurde.

Da begegnete Hansel einem alten Mann mit schlohweißem Kopf, der wie unsinnig am Wege hin- und hersprang, als ob er Jagd auf etwas am Boden machte. Als er den Buben daherkommen hörte, richtete er sich auf und trocknete sich die Stirn. Grüß Gott, alter Vater! sagte der Hansel. Was treibt Ihr da? Ihr springt ja wie ein Milchlämmchen. – Ach du lieber Heiland! erwiederte der Alte, muß wohl, muß wohl! Ich fange Grillen, lieber Sohn; das ist ein schlimmes Geschäft für so einen alten Rücken. Sieh, der Topf da ist erst halb voll, und ich bin schon geschlagene vier Stunden fleißig gewesen. – Was wollt Ihr aber damit? fragte Hansel weiter; 's ist doch eine kuriose Arbeit. – Noth bricht Eisen, mein Sohn, sagte der Alte. Ich bin mein Lebtag Kegeljunge gewesen drüben in Hahndorf, und habe eine Frau ernährt und sieben ungezogene Kinder. Nun haben sie mich abgesetzt, weil mir die Hände zittern und ich die Kegel schief gestellt habe, und da sitz' ich nun, und meine sieben Würmer haben kein Brot. Was soll ich anders thun, als Grillen fangen? – Wenn's so ist, sagte der Hansel, da wißt Ihr mich wohl auch nicht nach den Fleischtöpfen Aegypti zu weisen, alter Vater? – Ich meine, Ihr ginget am besten direct nach Rom; da könnt Ihr ja gar nicht fehlen, und von da laßt Euch übersetzen, und fragt Euch weiter. Die Fleischtöpfe müssen so in der Gegend der Pyramiden stehen, es wird's Euch jedes Kind sagen. – Dank' schön, sagte Hansel, und behüt' Euch Gott, und wenn ich wiederkommen sollt', bring' ich Euch und Euren sieben Würmern einen Fleischtopf mit, wenn sie ihn durchlassen an der Grenze. Adjes, Vater! – Gute Reise, mein Sohn!


Zweites Kapitel.
Wie Hansel gar lustige Reisegesellschaft findet.

So zog der Hansel pfeifend und spielend weiter und war von Herzen froh, daß er doch nun den Weg wußte. Nun war's schon hoch am Tage und ein gar appetitlicher kleiner Hunger meldete sich. Wenn doch nur ein paar vornehme Reisekutschen kämen, damit ich mir was zusammenfechten könnte! seufzte er heimlich. Es kam aber nichts der Art und Beeren gab's auch nicht, und die Kienzäpfchen vom vorigen Jahre waren doch gar zu hart. Da fiel dem armen Hansel das Herz in die Hosentasche; er fuhr mit der Hand unter die Mütze, stand still und wollte eben Salzwasser spendiren, als er hinter sich einen singen hörte:

Und die Waldsteige sind dunkel,
Und die Bäume wehn kühl.
Ueberm Felde da funkelt
Die Sonne so schwül.
Wer ein'n Schatz hat im Sommer
Und herzen ihn möcht',
Zum Walde nur komm' er;
Da find't er's nit schlecht.
Die Lieb' und die Sonne
Die sind allebeide schwül,
Und allebeid' auf Einmal
Das brennt gar zu viel.

Hansel sah noch halbweinerlich um nach dem Sänger, aber wie er dessen kuriosen Aufzug gewahrte, war's mit seiner Trübseligkeit zu Ende. Es kam nämlich ein langer dünner Mensch auf ihn zu, ein grau Hütchen auf dem Kopf und einen Schnurrbart auf der Oberlippe, an dem die gute Hoffnung das Beste war. Gepäck hatte er keins; aber ein kleines schwarzbraunes Mägdlein trug er auf der Schulter, mit Augen so schwarz wie die Heidelbeeren und schlanken Gliederchen, um die ein blaues Kleid flatterte. Sie trug eine große Puppe im einen Arm und den andern hatte sie um den Kopf des Langen geschlungen, damit sie fest säße. Beide nickten dem Hansel freundlich zu und der Lange sagte: Lieber Schusterjunge, wohin des Weges? – Nach den Fleischtöpfen Aegypti, erwiederte der. – Es ist just nicht unser Weg, sagte der Lange darauf. Aber der Gesellschaft zu Liebe, wollen wir eine Strecke zusammen wandern, wenn dir's recht ist, und setz' nur deine Mütze wieder auf, daß du keinen Sonnenstich weg hast, eh du's merkst; brauchst auch keinen absonderlichen Respekt zu haben. – Wer seid Ihr denn eigentlich? fragte Hansel, indem sie weiter gingen. – Ich bin nur ein simpler Poet, gab der Lange zur Antwort, und die kleine leichte Mamsell da oben ist meine Schwester und heißt Glückspilzchen. Nun hör' aber nur, weßhalb wir auf Reisen sind. Ich bin da gestern Nacht in der Schenke und trinke mir einen rechtschaffnen Glanz in Maiwein. Da kommt mir plötzlich ein Gedicht an, daß ich nach Haus laufe und denke, du willst es gleich warm niederschreiben. Nun war die Nacht kühl, und mir verging unterwegs das Feuer ein bischen; ich ließ mich's aber wenig schmerzen, komme in meine Stub' und lange nach dem Kleiderschrank hinauf, wo mein Männchen aus Tannenzapfen steht, der die Streichhölzer auf dem Rücken trägt; der sollte mir wieder zu Feuer verhelfen. Der Spitzbub war aber weg, und weil die Thür offen stand, merkte ich's gleich, daß er davongelaufen sei in den Wald hinaus. Ich hab's ihm lange vorher am Gesicht angesehn, daß er Heimweh hatte. Weil ich ihn aber nicht entbehren kann und ein Poet ohne Feuer nicht fertig wird, mußte ich gern oder ungern wieder in die Nacht hinaus und ihm nach. –

So war ich kaum zwei Gassen weit gegangen, da sah ich so ein kleines Pflänzchen auf mich zu hüpfen, und der Mond schien hell genug, daß ich Glückspilzchen erkennen konnte, die bei den drei Tanten wohnt. Du Wetterkind, sagt' ich, wo willst du hin in der späten Nacht? Marsch, mache daß du heim kommst! – Ach höre nur, rief das liebe Geschöpf; die Pedanterliese, meine böse Schwester! da hat sie mir die Puppe wegnehmen wollen, meine Käke, die mir Tante Buchstabiria geschenkt hat, und wie ich sie nicht hergeben wollte, ist sie bitterbös geworden, noch viel erzböser, als sie gewöhnlich ist. Ich habe die halbe Nacht im Bette gelegen und geweint, und die Käke hat auch geweint, denn sie will von der Pedanterliese nichts wissen. Zuletzt aber bekam ich eine so gewaltige Angst, daß ich leise, ganz leise aufgestanden bin, meine Sparbüchse mit den blanken Dreiern in die Tasche steckte und zum Hause hinaushuschte. Und nun will ich nicht mehr zurück, und du mußt mich beschützen. – Mich jammerte es, wie ich Glückspilzchen und die Käke weinen sah, und weil ich noch ganz beglänzt war vom Maiwein, sagte ich, sie solle gutes Muths sein, wir wollten fort zusammen. Da hab' ich sie auf die Schulter gehoben, und so sind wir die Nacht durch gewandert und in den Tag hinein, bis wir dich gefunden haben, geliebter Schusterjunge!

Glückspilzchen drückte ihre Puppe fester an sich und sagte mit einer ganz feinen Stimme: Ach ja, Hansel, meine Schwester solltest du kennen. Immer strickt sie und lies't und zankt mich aus, wenn ich ein bischen mit der Puppe spiele oder im Garten herumlaufe. Und dann verklagt sie mich bei Tante Buchstabiria oder Strickerina, und ich werde gefitzt. – Weine nur nicht, sagte der gute Hansel; ich spiel' dir auch was vor auf der Harmonica. Da wurde Glückspilzchen ganz fröhlich, holte ihre Sparbüchse heraus und klapperte den Takt dazu mit den Dreiern, während Hansel spielte und der lange Poet folgendes Lied sang:

Ein Bruder und eine Schwester –
Nichts Treueres kennt die Welt.
Kein Goldkettlein hält fester,
Als Eins am Andern hält.
Zwei Liebsten so oft sich scheiden;
Denn Minne die ist voll Wank.
Geschwister in Lust und Leiden
Sich lieben ihr Lebelang.
So treulich, als wie beisammen
Der Mond und die Erde gehn,
Als wie der Sternelein Flammen
Alle Nacht bei einander stehn.
Die Engel im Himmel sich's zeigen,
Entzückt bis in Herzensgrund,
Wenn Bruder und Schwester sich neigen
Und küssen sich auf den Mund.

Und als er das gesungen hatte, bog sich Glückspilzchen herunter und wäre beinah gefallen; aber er fing sie auf in den Arm und sie küßte ihn dreimal auf den Mund, weil ihr das Lied so gefallen hatte; dann kletterte sie ihm wieder auf die Schulter und saß und spielte mit der Puppe. Hansel aber sagte: Was mich wundert, ist, daß Ihr eine so volle und tiefe Stimme habt und seid doch so dünn und hoch. – Ja, sagte der Poet, ich habe mein Lebtag hoch hinaus gewollt, und daß ich so schmächtig bin, kommt daher, weil ich so oft abgezeichnet bin von Tante Schönekünstchen; da ist zuletzt nichts mehr an mir geblieben. – Ich bin auch abgemagert; das kam aber von der schlechten Kost der Frau Meisterin, versetzte Hansel. Uebrigens seh' ich dahinten eine einsame Schenke; wärt ihr wohl so gut, für mich auszulegen? – All mein Geld hab' ich zu Hause in dem braunen Ueberrock stecken lassen, sagte der Poet. Wir müssen mit Glückspilzchen ihrer Sparbüchse Haus halten. Du hast doch nichts dagegen, Schwesterchen? – Die Kleine schüttelte lachend den Kopf und reichte ihm ihre blanken Dreier herunter, die er freundlich dankend in die Tasche steckte.

Während dem Allen waren sie zu dem einsamen Häuschen gekommen, das aber in der Nähe nicht wie eine Schenke aussah; denn es hatte kein Schild vor der Thür, auch keinen grünen Kranz. Innen aber schien eine lustige Gesellschaft zu hausen und zu schmausen, denn man hörte Gläser klingen und Gabeln klappern, und die armen Wandersleute vor der Thür wurden noch einmal so hungrig. Aber der Poet war gar dreist, klopfte kecklich an die Thür, und als Einer kam und fragte, wer draußen sei, antwortete er:

Ein Poet mit fixem Züngelchen
Und Glückspilzchen, das feine Dingelchen,
Auch ein blondes Schusterjüngelchen;
Müde sind wir alle Drei,
Ganz verschmachtet auch dabei.
Wollt uns nur um Gottslohn speisen!
Werden eilig weiter reisen.
Oeffne drum die Thüre, Besterchen,
Blanke Dreier hat mein Schwesterchen!

Darauf hörten sie wie ein Riegel zurückgeschoben wurde, und ein wunderhübsches Mädchen öffnete ihnen. – Willkommen! sagte sie überaus freundlich, und tretet nur näher. Des alten Vogelstellers Sohn hält Hochzeit mit des alten Gärtners Tochter; ihr kommt gerade recht, uns Musik vorzumachen und hübsche Reime zu sagen. Nachher wär' ohnedies aus dem Tanzen nichts geworden. – Da sprang Glückspilzchen dem schönen Mädchen in die Arme; die trug sie ein paar Stufen hinauf, und sie traten allzusammen in den großen Hochzeitssaal.


Drittes Kapitel.
Was ihnen auf der Hochzeit begegnet.

Das war aber ein stattlicher Saal, denn inwendig war das einsame Haus viel größer als von außen. Er war so mit Blumen geschmückt, daß man fast nichts sah von den Wänden, und oben an der Decke hingen eine Menge Vögel in Käfigen, die das Laub fast verbarg, und das gab eine schöne Tafelmusik. Die Eintretenden hatten jedoch kaum Zeit, einen flüchtigen Blick auf all die Herrlichkeiten zu werfen; denn schon hatte sie das schöne Mädchen zu dem jungen Paare geführt und Glückspilzchen, den Poeten und den blonden Hansel vorgestellt. – Habe ich doch schon immer einmal einen Poeten zu sehn gewünscht, rief die Braut ganz vergnügt, und nun kommt gerade einer zu meiner Hochzeit. Ihr seht ja aber ganz aus wie ein gewöhnlicher Mensch, nur daß Ihr so ungewöhnlich lang und unmenschlich schlank seid. Ach, aber Ihr müßt mir gleich einen hübschen Vers machen!

Laß sie doch erst was essen! fiel das schöne Mädchen ein; die armen Leute sind ganz ermattet und hungrig. Damit führte sie die Drei an das Trompetertischchen in der Ecke, das unbesetzt war, weil die Trompeter und die andern Musikanten ausgeblieben waren, und da konnten sie sich erlaben nach Herzenslust.

Unterdessen kam das junge Volk, lauter Vogelstellerbursche und Gärtnermägdlein, und sah ihnen zu; denn sie waren gar neugierig zu wissen, wer die wunderliche Gesellschaft sei. Da sputete sich der lange Poet mit dem Essen, schenkte sich dann vom Frischen ein und trat mit dem Glase vor das Paar. Darauf ward alles ringsum mausstill und der Poet sprach folgenden Vers:

Gärtnerin, von allen Vögeln
Fingst du heut den Schönsten ein.
Vogler, unter allen Arten
Blumen in dem Erdengarten
Ward die wundersamste dein.
Vogler, mußt dein Blümlein hüten,
Daß sich's recht ans Herz dir schmiegt;
Und du mußt des Vogels pflegen,
Mußt ihn warm am Busen hegen,
Daß er nicht von dannen fliegt!
Jedes mag vom Andern lernen,
Was das Herz beglücken kann;
Auf der Erde froh zu blühen,
Und nach allen ird'schen Mühen
Sich zu schwingen himmelan!

Es lebe das edle Paar! Vivat hoch! rief der Poet, und Alle stießen jubelnd mit den Gläsern an und waren gar guter Dinge. Die Braut aber konnte des Danks und Lobes kein Ende finden über die schönen Verse und hätte sie sich gar zu gern ins Stammbuch schreiben lassen. Der Poet aber entschuldigte sich, er habe sie schon wieder vergessen, weil sie aus dem Stegreif gedichtet wären; auch sei nicht viel dran; er könne es weit besser, wenn er nur sein Feuerzeug habe, dem er eben nachlaufe. Nun sollte sich die Gesellschaft aber was vortanzen lassen von seiner kleinen Schwester Glückspilzchen, und der blonde Schusterjunge würde dazu aufspielen. – Freilich, das waren Alle zufrieden, rückten die Tische beiseit und Jeder suchte sich seinen Schatz und setzte sich mit ihm an ein heimliches Plätzchen, und wer keinen Schatz hatte, saß allein. Der Poet aber gab Glückspilzchen ihre Kupferdreier wieder in die Büchse, damit sie was zu klappern hätte beim Tanzen; dann setzte er sich selbst zu dem schönen Mädchen, das sie herein gelassen hatte; denn die Beiden mochten sich gut leiden, und es war als ob sie alte Bekannte wären, denn sie hatten hinter den Rosengewinden viele heimliche liebliche Dinge mit einander zu reden.

Wie nun Glückspilzchen zu tanzen anfing und dabei wieder den Takt mit der Sparbüchse klapperte und der Hansel seinen allerschönsten Hopser spielte, da konnte man sein blaues Wunder sehn. Denn sie tanzte so allerliebst, daß sie allen die Köpfe verdrehte und die Liebespärchen, die Brautleute an der Spitze, nicht lange sitzen blieben, sondern lustig drauf los walzten; aber es konnt' es Keiner so gut. Auch der lange Poet hatte das schöne Mädchen umarmt und hopste mit den Spinnebeinen mitten unter den andern, und die Vögel oben in den Käfigen stießen sich fast die Köpfe entzwei, so eifrig waren sie, es Glückspilzchen nachzumachen. Die Blumen hätten auch gar zu gern mitgehalten, aber sie konnten nicht von den dummen Stengeln loskommen; dafür zitterten und tanzten die Fensterscheiben desto besser und das ganze Haus wackelte; aber Glückspilzchen tanzte doch besser, als alle.

Da ging mit einem Male die Thür auf, und der alte Vogelsteller und der Vater der Braut, die nebenan geraucht und gekannegießert hatten, traten ganz verbrümmelt in den Saal. Was ist das für eine tolle Wirthschaft! rief der alte Vogelsteller. Soll uns das Haus überm Kopf einfallen? – Da stand Glückspilzchen still und plötzlich auch all die Andern, und der blonde Hansel hörte auf zu spielen. Oben aber die Vöglein lagen mit blutigen Köpfchen halbtodt und sagten kein Pieps mehr, und die Blumen waren von der Anstrengung welk und bleich geworden. Wie das die beiden Alten gewahr wurden, erbos'ten sie sich immer mehr. Wie ist das Hexenpack hier herein gekommen? schrie der alte Gärtner. Hinaus damit! – Und so schoben sie eifrig scheltend trotz aller Reden und Bitten der jungen Leute Glückspilzchen, den blonden Schusterjungen und den langen Poeten zur Thür hinaus.

Draußen war's abendlich und der Thau fiel. Da standen die Drei ziemlich niedergeschlagen; nur der Poet hatte noch ein bischen Humor übrig. Er hob Glückspilzchen, die die weinende Käke tröstete und beruhigte, wieder auf seine Schulter, summte ein Liedel in seinen hoffnungsvollen Schnurrbart hinein und schritt voran. Der Hansel zottelte wie im Traum hinterher, und wie die Käke mit Weinen fertig war, fing Glückspilzchen an und lamentirte ganz herzbrechend. Ach was werden die drei Tanten sagen, wenn sie mich nicht finden! jammerte sie. Und in der Schule, da werde ich so viel Schelte bekommen, daß ich nicht da bin! – Dem Langen fiel's auch aufs Herz wegen der Tanten. Daran hatte er nimmer gedacht, weil er ein leichtsinniger Patron war, wie die Poeten alle; aber er suchte sein Schwesterchen zu beruhigen und sagte: Die werden froh genug sein, daß sie uns los geworden; und umkehren thu' ich einmal auf keinen Fall, bis ich mein Feuerzeug wieder habe. Weine nur nicht! ich schreibe dir schon einen Entschuldigungszettel für die Schule. – Da wurde Glückspilzchen ein wenig stiller; aber der Hansel seufzte immerfort: Ach wann komme ich nun nach den Fleischtöpfen Aegypti! Ich dummer Holzleisten! Warum bin ich von Gansdorf fortgelaufen, wo ich doch Nachts ein Bett hatte und ein Obdach! So klagte er, und da wollte alles Zureden des langen Poeten nichts helfen.

Es war nun schon völlige Nacht geworden, da kamen sie in einen großmächtigen Wald, darinnen das Mondlicht sein Wesen trieb. Der Poet ward ganz fidel, als er die prächtigen Eichen rauschen hörte und die schlanken Rehe und Hirsche vorbeiwandeln sah. Er wäre gern die ganze Nacht so herumgestrichen; aber Glückspilzchen war eingeschlafen auf seiner Schulter vor Betrübniß und Angst, und da hob er sie sachte herab und nahm sie in den Arm, aber er wollte sie nicht aufwecken. Darum legte er sie leise ins Gras gerade unter einer steinalten Eiche, gab ihr die Käke in den Arm, die auch schon schlief und deckte sein Hütchen über seiner kleinen Schwester Gesicht, damit kein Käfer drüber weg laufen könnte. Der Hansel hatte sich auch gleich ins Gras gestreckt und schlief im Umsehn, und da wußte der lange Poet auch nichts besseres, als sich schlafen zu legen. Wie er aber so auf dem Rücken lag und zu dem Monde hinaufsah, fiel ihm eins seiner alten Lieder ein, das sang er ganz leise; denn er konnte nie einschlafen, ohne was gesungen zu haben. Das Lied lautete so:

Waldesnacht, du wunderkühle,
Die ich tausend Male grüß',
Nach dem lauten Weltgewühle
O wie ist dein Rauschen süß!
Träumerisch die müden Glieder
Berg' ich weich ins Moos,
Und mir ist, als würd' ich wieder
All der irren Qualen los.
Fernes Flötenlied, vertöne,
Das ein weites Sehnen rührt,
Die Gedanken in die schöne,
Ach! mißgönnte Ferne führt.
Laß die Waldesnacht mich wiegen,
Stillen jede Pein!
Und ein seliges Genügen
Saug' ich mit den Düften ein.
In den heimlich engen Kreisen
Wird dir wohl, du wildes Herz,
Und ein Friede schwebt mit leisen
Flügelschlägen niederwärts.
Singet, holde Vögellieder,
Mich in Schlummer sacht!
Irre Qualen, lös't euch wieder;
Wildes Herz, nun gute Nacht!

Als er den letzten Ton gesungen hatte, fielen ihm leise die Augen zu und da hatte er sich selbst in Schlaf gesungen.


Viertes Kapitel.
Wie Glückspilzchen gar seltsam gebettet wird.

Wie sie nun eine Weile so gelegen hatten, fing der blonde Hansel auf einmal laut an zu schnarchen, und dann schwätzte er wieder unsinniges Zeug aus dem Traum, als: O ich Pechvogel! Fleischtöpfe! Holzleisten! Sie ist ein knauseriges Weibsbild, Frau Meisterin! O ich Pechvogel! – Davon wachte Glückspilzchen auf, richtete sich in die Höhe und warf das graue Hütchen vom Gesicht. Sie war recht traurig, denn sie hatte von den drei Tanten geträumt und von der Pedanterliese, und ihre Käke wär' ihr gestohlen worden. Damit war's aber nicht so schlimm; die Käke lag schlafend in ihrem Arm. Es war schaurig und kühl unter den Bäumen, und Glückspilzchen gruselte vor dem Mondlicht und dem blonden Schusterjungen, der aus dem Schlaf faselte. Da stand sie endlich leise auf, legte ihrem Bruder den Hut hin und küßte ihn auf die Stirn. Er mußte es gemerkt haben, denn er sagte halblaut:

O du Grashupferchen,
Du Sachtschlupferchen
Mit den blanken Dreiern von Kupferchen,
Hol' dir von der Kühle kein Schnupferchen!

Glückspilzchen mußte im Stillen lächeln, band sich aber doch ihr seidnes Halstuch fester, nahm die Käke unter die Schürze und kletterte behend wie ein Kätzchen den alten Baum hinauf, bis sie den blonden Hansel nicht mehr hörte. Da suchte sie sich einen schönen breiten Ast aus, legte sich zum Schlafen zurecht und sang, bevor sie die Augen schloß:

Englein mit den Flügeln hold,
Mit dem Haar aus eitel Gold!
Wenn ich etwa fallen sollt',
Seid viel tausendmal gebeten,
Unten auf das Gras zu treten
Und die Aermchen auszubreiten,
Daß ich sanft mag niedergleiten.
Nehmet auch, o seid so gut,
Meine Käke recht in Hut!
Daß sich keines Schaden thue,
Schenkt uns eine sanfte Ruhe.

Und so schlief sie sorglos ein.

Es dauerte gar nicht lange, da ließ sie die Puppe wirklich los, die sie vor dem Einschlafen fest an sich gedrückt hatte, und sie fiel unter der Schürze weg von dem hohen Ast hinab. Ein Glück war's nur, daß Glückspilzchen die Engel gebeten hatte, ein wenig Achtung zu geben; sonst hätte sich die Käke den kleinen Kopf elendiglich an den Eichenwurzeln zerschlagen. So aber legten sie die Englein unter Vergißmeinnicht und Veilchen ins Gras, und da schlief sie den Schreck vom Fall gar sanft und ruhig aus.

Nun will ich aber erzählen, wie wunderlich es mit Glückspilzchen zuging während der Nacht. Wie sie nämlich so auf dem Ast der Eiche schwebte, das Köpfchen an die Rinde gedrückt, die kleinen Arme um das Holz geschlungen, kam auf einmal eine ganze Eichkätzchenfamilie dahergehüpft, die zu Besuch gewesen waren bei ihrer Sippschaft und sich verspätet hatten mit dem Heimweg. Ganz lustig und ein wenig bespitzt von dem vielen Eichelschnaps, den sie hatten trinken müssen, hüpften sie ihres Wegs, obwohl die Nachtwächterin, die Frau Nachtigall, schon längst die Polizeistunde geflötet hatte. Hie und da saß noch in einem Vogelnest ein gelehrter Spatz oder Fink und schaute hinauf nach den Sternen, oder eine Lerche probirte mit halber Stimme die Arie, die sie morgen beim Frühconcert singen sollte; sonst war Alles zur Ruhe. Die Eichkätzchen aber sputeten sich, denn sie hatten den Hausschlüssel vergessen, und wenn die alte Großmutter schon schlief, konnten sie im Freien übernachten. Da kamen sie zufällig über den Ast, auf dem Glückspilzchen lag und schlief, und waren zu Tode verwundert über das zierliche Geschöpfchen. Nein, was für ein liebes Thierchen! riefen sie unter einander. Was sie für hübsche Zöpflein hat und so blanke Lederschuh'! Ach aber sie ist ganz feucht von dem Thau, und wird am Ende krank, oder fällt gar, weil sie keine scharfen Nägel hat an Händen und Füßen! – Da hielten sie flink Rath über das schlafende Mägdlein, und beschlossen dann allezusammen, sie nach ihrer Wohnung zu tragen und die Nacht über bei sich zu behalten. Vorher fuhren sie ihr mit den weichen rothen Schwänzchen über Wangen und Stirn und das blaue Kleid und fegten alle den Thau herab. Dann hoben sechs der stärksten sie sacht in die Höhe, zwei gingen voran, zwei hinterdrein, und nun ging die Reise behutsam, aber geschwind den Ast entlang, und Glückspilzchen lag so weich auf den Schultern ihrer kleinen Freunde, als wie zu Haus bei den drei Tanten in ihrem Federbettchen. Oben mußte der Mond gar herzlich über den seltsamen Zug lachen, und die Frau Nachtwächterin wunderte sich auch, aber sie schwieg ganz still, so daß man nichts ringsum hörte, als die Winde, die in den Wipfeln die Runde machten, und die leisen Schritte der Eichkätzchen und das Klappern der blanken Kupferdreier in Glückspilzchens Sparbüchse.

So kamen sie allgemach an den großen, dicken Stamm, darin die Eichkätzchen ihr Quartier hatten; es war aber schon zugeschlossen. Nun klopfte der Vorderste, den sie Springinslaub nannten, gar manierlich an und rief:

Liebe braune Großmama,
Deine Enkel sind nun da,
Bringen dir ein Kind zu Gaste,
Das da schlief auf unserm Aste.
Mond scheint kühl und Thau fällt naß;
Großmama, bedenke das!

Da dauerte es nicht lange und man konnte innen ein Schlüsselbund rasseln hören und Jemand husten. Die Thür ging auf und die alte Eichkätzchengroßmutter ließ die Gesellschaft herein. Sie hatte einen braunen Pelz, der wegen des großen Alters sehr nachgedunkelt war und oft hatte geflickt werden müssen, dazu eine Nachtmütze über Ohren und Stirn. – Landstreicher! brummte sie mit zahnlosem Munde, und wollte noch eine lange Gardinenpredigt halten. Wie sie aber Glückspilzchen gewahr wurde, erheiterten sich ihre Augen; sie fuhr dem schlafenden Mägdlein mit der kleinen Pfote über den Scheitel und küßte ihm das Ohrläppchen. – Und wo soll sie die Nacht bleiben? fragte sie dann. – Die Fremdenstube ist leer, erwiederte Springinslaub; da steht das weiche Moosbette, wo sie schlafen kann, bis die Sonne kommt. – Die Alte nickte stillschweigend und ließ ihre Enkel Glückspilzchen hinauftragen, die immerfort schlief. Sie selbst ging in ihre Kammer und holte den Pelz ihres seligen Mannes, der in einem Schränkchen von Nußschalen als ein heiliges Andenken hing. Ich muß dem lieben Thierchen doch was Absonderliches zu Gefallen thun, sagte sie vor sich hin, als wollte sie's bei dem Schatten des Seligen entschuldigen. Darauf stieg sie die kleine Treppe hinauf ihren Enkeln nach, die unterdeß ihre kleine Freundin sorglich niedergelegt, auch das Fenster verhängt hatten, damit der Mond ihr nicht gerade in die Augen scheinen und sie am Ende wecken könnte. Die alte braune Großmama aber deckte ihr den Pelz über die Füße, setzte ihr ihre eigne Nachtmütze auf das schwarze Haar und gab ihr eine Haselnuß in jede Hand, weil das Glück bringt nach dem Eichkatz-Aberglauben. Dann küßte ihr einer nach dem andern das Ohrläppchen und schlüpften allezusammen zur Thür hinaus.


Fünftes Kapitel.
Wie Glückspilzchen ihre Nachtherberge verläßt und mit der Frau Bösgewissen Bekanntschaft macht.

Die Waldvöglein in Zweigen
Stehn singend auf beizeit,
Derweil noch schlafen und schweigen
Der Menschen Lust und Leid.
O Jubel und o Wonne,
Nach Nächten, dunkel und bang,
Zu grüßen die liebe Sonne
Mit frohem Lied und Klang!
Zu schweben und zu schwanken
Da droben hoch im Blau'n,
Zu trösten die Müden und Kranken,
Die drunten auf Träume bau'n;
Und zu rufen hinab in die Lande:
Wacht auf nun, nah und fern!
Es kommt in des Frühroths Brande
Ein neuer Tag vom Herrn.
Wohlauf denn und frisch gesungen,
Ein Jedes nach seinem Brauch!
Ist's nur vom Herzen erklungen,
Gefällt's dem Himmel auch.

So ungefähr sang die Lerche, die am Morgen beim Frühconcert die erste Stimme trillerte; es war nur Alles noch viel besser und fröhlicher, so köstlich daß man's gar nicht mit bloßen Worten wiedergeben kann, und die andern lustigen Sänger hielten sich auch brav dran. Da stand auch die Sonne bald auf, wischte sich die Nebel vom Auge und hielt nicht länger mit ihrem goldnen Schein hinterm Berg.

Glückspilzchen aber, wie es auffuhr aus dem Schlaf, wußt' es erst gar nicht, wo es war; denn daß das Zimmerchen in einer alten hohlen Eiche stecke, fiel ihm nicht ein. Das Licht fiel spärlich durch ein rundes Astloch, das die alte Base Spinne aus Gefälligkeit mit Spinneweb wie mit einer Fensterscheibe überzogen hatte, und davor hatten die Eichkätzchen gestern Nacht ein großes Blatt geheftet, um den Mond abzuwehren, so daß eine halbe Dämmerung ringsum war. Da bekam Glückspilzchen rechte Furcht, und wie sie ihren Bruder, den langen Poeten, nicht fand, auch die Käke nicht mehr im Arm hatte, setzte sie sich wieder auf das Moosbettchen, nahm die Schürze vors Gesicht und weinte bitterlange Zähren; denn von der Thür fand sie auch keine Spur, weil die Fugen in der Rinde nicht bemerkbar waren. Sie hatte aber kaum ein paar Dutzend Thränen geweint, da ging die Thür auf und Springinslaub trat herein, und hinter ihm die alte Großmama, die trug auf einem Brett den wundervollsten Eichelkaffee in Wallnußschalen und prächtige Erdbeeren, die ihre Enkel schon in aller Frühe im Walde gesucht hatten. Glückspilzchen hörte plötzlich ein bischen auf mit Weinen, denn sie verwunderte sich gar zu sehr über den zierlichen Besuch. Die alte Eichkätzchengroßmama aber setzte sich freundlich und liebreich neben sie und erzählte ihr, wie sie gestern von ihren Enkeln hereingebracht wäre, und sie solle nur bleiben, so lange sie wolle, und sie würden's ihr schon angenehm machen. Glückspilzchen saß wie im Traum, ließ sich aber von der Alten und den Andern, die nach und nach Alle Visite machten, geduldig das Ohrläppchen küssen und zum Frühstück nöthigen; denn sie meinte, es wäre doch Alles Traum, und sie würde bald aufwachen und Käke und ihren Bruder und auch den blonden Schusterjungen wiedersehen.

Indessen rief die Großmama eins von den Eichkätzchen heran und sagte: Knackzähnchen, erzähl' wo du gewesen bist und was du gesehn hast beim Erdbeersammeln. Da sagte das Eichkätzchen mit feiner Stimme:

Wo die blauen Veilchen sprossen,
Sind drei Bächlein hergeflossen
Ueber Nacht, wie wunderbar!
Salz'ge Bächlein, rasch und klar,
Drüber sich die Zweige spreiten.
Auf dem einen sah ich gleiten
Eine Puppe klein und schmächtig,
Augen funkelhell und prächtig,
Zähne blank wie Elfenbein;
Gar erbärmlich that sie schrein.
Sagt, weß mag die Puppe sein?

Ach Gott, seufzte Glückspilzchen, das ist am Ende meine Puppe Käke gewesen! – Ei es giebt viel Puppen auf der Welt, sagte die alte Großmama, um sie zu beruhigen. Nun komm du, Rothbärtchen, und erzähle. Das Rothbärtchen aber fing an:

Einsam sprang ich durch die Buchen,
Beeren, roth und süß, zu suchen,
Schaut' umher nach allen Seiten.
Da auf einmal sah ich schreiten
Einen blonden Schusterjungen
Durch die Büsche, dichtverschlungen.
Mütze saß auf einem Ohr;
Spielte sich ein Liedel vor
Auf der blanken Ziehharmonik,
Wie ein Spielmann aus der Chronik,
Pfiff und schimpfte auch mitunter,
Kam vom rechten Weg herunter,
Lauft nun so in Tag hinein.
Sagt, wer mag sein Meister sein?

Das war ganz gewiß der blonde Hansel, mit dem wir gekommen sind, sagte Glückspilzchen. Ach Gott, wenn ich nur erst draußen wär'! – Ei es giebt so viel Schusterjungen, sagte die alte Großmama rasch; bleib du nur hier bei uns; und nun soll Nußfresserchen erzählen, was ihr passirt ist. Nußfresserchen aber trat kecklich vor, machte einen Knix und declamirte dann mit vielem Ausdruck:

Drunten tief im Lindenhag,
Da noch kaum erglomm der Tag
Und nur wenig Vögel sangen,
Kam ein langer Herr gegangen,
Grauen Filzhut in der Hand,
Drauf ein schwarzrothgülden Band
Flatterte im Morgenhauche,
Und er rief bei jedem Strauche:
Saht ihr nicht, ihr schwanken Aesterchen,
Mein verlornes kleines Schwesterchen?
All ihr Gräser, Blumen, Pilzchen,
Saht ihr nicht das Unglückspilzchen?
Rabenschwarz ist Aug' und Haar,
Und der Wuchs ist ganz und gar
Einer Arabeske ähnlich,
Nase, Mund und Kinn gewöhnlich,
Trug ein blaues Thibetkleidchen –

Ach Himmel! rief Glückspilzchen auf einmal, das ist mein Bruder, der lange Poet, der sucht nach mir, und ich Unglückspilzchen sitze hier bei Eichelkaffee und Erdbeeren und mache ihm so viel Herzeleid! Ich muß fort, geschwinde fort, ich halt's gar nicht mehr aus. – Die Eichkätzchen wollten sie freilich gerne behalten, aber das ging doch nicht, und da öffneten sie die Thür, schlüpften mit Glückspilzchen hindurch und die kleine Treppe hinab und schlossen ihr unten gar traurig die große Thür auf. Sie hatten schon Abschied von einander genommen und dem kleinen Mädchen noch zu guter Letzt das Ohrläppchen geküßt, da sagte die Großmama: Nur noch ein paar Augenblicke warte, bis dir meine Enkel noch was vorgetanzt haben. Das mußte Glückspilzchen der guten Alten schon zu Gefallen thun, die auf ihre Familie nicht wenig eitel war, und so wurden die Musikanten gerufen, der Zeisig, der Fink und der Vogel Bülow, und die Eichkätzchen führten ein zierliches Ballet auf, den großen Ast auf und ab. Wie aber Glückspilzchen den kleinen Tänzern zuschaute, wurde sie wieder ganz munter, und vergaß Bruder und Käke und den blonden Hansel nach ihrer leichtsinnigen Art. – Nun sollt ihr mich erst tanzen sehn! sagte sie, da das Ballet zu Ende war, und sogleich kletterte sie zur Thür hinaus, ließ die Musikanten ein frisches Stücklein anfangen und tanzte dann so artig und klapperte so geschickt mit den blanken Dreiern in der Sparbüchse, daß eine ganze Menge Vögel und Waldthiere herzukamen, auch die Rehe herbeiliefen und oben nach dem Ast und der kleinen Tänzerin guckten. Zuletzt ward sie doch müde; da that sie die Sparbüchse auf, warf den Eichkätzchen die Dreier zu und rief, sie sollten sie zum Andenken an einem Bändchen um den Hals tragen. Dann rief sie noch einmal: Lebewohl! und tausend schön Dank! und kletterte behende den Baum hinab, indem sie den liebenswürdigen Thierchen viele süße Kußfinger zuwarf.

Als sie nun unten so allein herumlief und von ihrer Reisegesellschaft keine Spur erblickte, wurde ihr wind und weh. Sie kam zu den drei Bächlein, die über Nacht entsprungen waren. Der lange Poet und der Hansel waren verschwunden, die Käke auch; von der aber hing das kleine Hütchen mit dem grünen Schleier am Ufer zwischen den Vergißmeinnicht; da weinte Glückspilzchen wieder heftiger. Ein Verschen von dem langen Poeten, das er auf ein Baumblatt geritzt und an einen Stamm geheftet hatte, kam nicht in ihre Hände; das hatte der Kapellmeister, der Herr von Grasemück, mit in sein Nest genommen, um es in Musik zu setzen, weil es ihm gar so gefiel. Von dem hab' ich hinterdrein erfahren, daß es so lautet: