[Scherer D. 371, E. 374.]
Geboren 1700 zu Judithenkirch bei Königsberg, und daselbst erzogen, flüchtete er später nach Leipzig, wo er seit 1730 Professor extraordinarius, seit 1734 Ordinarius war. Starb 1766. Er stiftete die deutsche Gesellschaft, gab die Zeitschrift ‘Die vernünftigen Tadlerinnen’ heraus (1725), die er seit 1727 unter dem Titel ‘Der Biedermann’ fortsetzte. Er bekämpfte den Lohensteinischen Geschmack und vertrat den ‘französischen Classicismus’. Sein bedeutendstes theoretisches Werk ist der ‘Versuch einer kritischen Dichtkunst’ 1730. Er setzte sich mit der Schauspielertruppe der Frau Neuber in Verbindung, liess durch sie 1737 den Harlekin von der Bühne vertreiben, sorgte durch zahlreiche Übersetzungen und Bearbeitungen für ein neues Bühnenrepertoire: seine ‘Deutsche Schaubühne’ erschien 1740–1745. Von seinen eigenen Dichtungen ist hauptsächlich das Trauerspiel ‘Der sterbende Cato’ (1732) zu nennen. Ferner schrieb er eine ‘Redekunst’ (1728); eine ‘Deutsche Sprachkunst’ (1748), ein ‘Handlexicon der schönen Wissenschaften und freien Künste’ (1760). Gottsched übte hauptsächlich in den Jahren 1730–1740 eine Art literarischer Dictatur aus. 1739 überwarf er sich mit seiner ‘Deutschen Gesellschaft,’ 1740 begann der Streit mit den Zürichern, namentlich Bodmer und Breitinger. 1741 wurde er von der Neuberin unter dem Namen ‘Tadler’ auf die Bühne gebracht. Seitdem verfiel er immer mehr dem Spott des Publicums und wurde eine lächerliche Persönlichkeit.
Der dritte Auftritt.
Cato. Cæsar.
Cäsar.
Cato.
Cäsar.
Cato.
Cäsar.
Cato.
Kleine Geister, die keine Einsicht in die Moral besitzen und das ungereimte Wesen in den menschlichen Handlungen weder wahrnehmen noch satyrisch vorstellen können, haben, anstatt das Lächerliche in den Sachen zu suchen, dasselbe in närrischen Kleidungen, {20} Worten und Gebärden zu finden gemeinet. Daher haben Harlekin und Skaramutz die Hauptpersonen ihrer Lustspiele werden müssen. Diese müssen durch bunte Wämser, wunderliche Posituren und garstige Fratzen den Pöbel zum Gelächter reizen. Von diesem allem haben die Alten nichts gewusst; und es gehört mit unter die phantastischen Erfindungen der Italiener, die jemand in der Vorrede zu einer französischen Komödie: ‘Harlequin aux Champs Elisées’ verspottet hat. Terenz hat seine Komödien ohne eine lustige Person lächerlich genug zu machen gewusst: das neue französische Theater hat gleichfalls bisher keinen Harlekin nöthig {30} gehabt, die Zuschauer zu belustigen; obgleich Molière darin ein böses Exempel gegeben hatte. Destouches und einige andere nämlich haben sich gar wohl ohne diese phantastische Person behelfen können; und ein Poet setzt sich wirklich in Verdacht, als verstände er sein Handwerk, d. i. die Satire, nicht, wenn er ohne die Beihilfe eines unflätigen Possenreissers nichts Lustiges auf die Schaubühne bringen kann. Boileau hat diese schmutzigen Zoten seinen Schülern ernstlich untersagt und den Molière selbst nicht geschont, der sich auch oft dem Pöbel in diesem Stücke bequemt hatte.
Hieraus ist nun leicht zu schliessen, was von dem Théatre italien und Théatre de la Foire, wo lauter abgeschmacktes Zeug vorkömmt, für ein Werks zu machen sei, darüber ein Kluger entweder gar nicht lacht, oder sich doch schämt, gelacht zu haben; {10} ingleichen was von allen deutschen Narren zu halten sei, sie mögen nun von alter Erfindung sein, wie Hanswurst oder Pickelhering, dessen sich Weise noch immer bedient hat, oder auch von neuer Art, wie der sogenannte Peter, oder Crispin, oder wie sie sonst heissen mögen. Eben die Gründe, die wider jene streiten, sind auch allen diesen Geschöpfen einer unordentlichen Einbildungskraft zuwider, die kein Muster in der Natur haben.