Ich bin genannt Bescheidenheit,
die aller Tugenden Krone trägt;
Mich hat Freidanc gedichtet
zum Theil aus schwachen Sinnen.
Gott zu dienen ohne Wank,
das ist aller Weisheit Anfang.
Wer für diese kurze Zeit
die ewige Freude hingiebt,
der hat sich selbst gar betrogen
und baut auf dem Regenbogen.
Wenn der Regenbogen zergeht,
So weiss er nicht, wo sein Haus steht.
Wer die Seele bewahren will,
der muss sich selbst fahren lassen.
Wer Gott liebt, wie er soll,
dessen Herz ist aller Tugenden voll.
Wer ohne Gott leben will,
der wird nicht stäter Ehren geniessen.
Wer Gott nicht fürchtet alle Tage,
das wisst, der ist ein wahrer Feigling.
Welcher Mensch nach Gottes Gebot lebt,
in dem ist Gott, und er in Gott.
Gott erhöhet alle Güte 20
und erniedrigt Hochmuth.
Vor Gott ist nichts verborgen:
er sieht durch aller Herzen Thor.
Es sei übel oder gut,
was Jemand im Finstern thut,
oder was im Herzen erdacht wird,
das wird doch ganz ans Licht gebracht.
Alle Welt empfängt Lohn
von Gott, wie sie verdient hat.
Sehr selten geht Jemand fehl,
wer sich in seinen Sachen auf Gott verlässt.
Wir sollen mit allen Sinnen
Gott fürchten und lieben.
Der Welt Drohen und ihr Zorn
ist bei Gott ganz verloren:
man muss ihn flehen und bitten,
er fürchtet Niemandes Unsitte. 10
Das kleinste Geschöpf Gottes
übertrifft aller Menschen Kraft.
Gott schuf nie einen Halm so schwach,
dass ihn Jemand machen könnte;
weder Engel, Teufel noch Mensch,
ihrer keiner kann einen Floh machen.
Gott hat allen Dingen gegeben
das Mass, wie sie leben sollen.
Gott giebt besseres Mass wieder,
als wir ihm messen in aller Zeit. 20
Die Leute schneiden und mähen
mit Recht, wie sie den Acker säen:
Gott kann uns Gericht geben,
je nachdem wir hier leben.
Gott richtet nach dem Herzen
im Bösen und im Guten.
Ein Jeglicher empfängt Lohn
danach, wie ihm sein Herz steht.
Der Wille geht stäts den Werken vorher
zum Guten und zur Missethat.
Gott, der durch alle Herzen sieht,
den könnte die ganze Welt nicht
zu einem Unrecht bewegen:
er will nichts thun, als was recht und schlecht ist;
ein kleines Kind könnte von ihm wohl erbitten,
worum man ihn erbittet rechtmässig.
Gott hat zweierlei Willen,
die er uns beide wissen lässt: 10
er thut wohl Alles, was er will;
er lässt auch viel Unrecht zu.
Und rächte er nur die Hälfte von dem, was er mag,
so stünde die Welt nicht einen Tag.
Wollte uns Gott in der Strafe lassen,
so lange als wir gesündigt haben
(möge seine Gnade das abwenden!),
so würde dessen nimmer ein Ende.
Und hätten wir den Himmel zerbrochen,
es würde eines Tags gerächt. 20
Die Bibel sagt uns fürwahr,
ein Tag sei da tausend Jahr.
Gott hat alle Dinge geschaffen:
er lässt Niemand recht wissen,
was für Kraft in seinen Dingen sei:
da ist meistens nur Wahn dabei.
Sie sagen, Gott habe der Welt gegeben
grosse Ehre und frohes Leben:
doch ist ihre Freude nie so gross,
Leid sei denn der Hausgenoss.
Selten geschah mir je etwas Liebes,
ohne dass dreissigfaches Ungemach dabei gewesen wäre.
Die Zeit gewann nie Heil,
darin man Gottes vergisst. 10
Man vergisst Gottes oft
wegen eines süssen Anblicks.
Gott nimmt manchen Dienst an,
der den Thoren verächtlich erscheint.
Die Brosamen sind vor Gott werth,
der Niemand an dem Tisch begehrt.
Wir verheissen alle Gott mehr,
Als je mit der That geschieht.
Wegen Sünde soll Niemand unterlassen,
doch manchmal Gutes zu thun. 20
Niemandes gute Thaten werden verloren,
ausser wer zur Hölle geboren.
Wer nicht recht leben kann,
der soll doch nach dem Rechten streben.
Gott lässt nicht unvergolten,
was Jemand Gutes thut:
keine Art Missethat
bleibt auch ungestraft.
Gottes Gebot übertritt Niemand
ausser der Mensch, den Er geschaffen hat:
Fische, Vögel, Würmer und Thiere
halten ihr Gesetz besser als wir.
Gott hörte Moses’ Gebet,
obgleich er den Mund nie aufthat:
wonach ein reines Herz begehrt,
das wird ihm ohne Wort gewährt. 10
Des Mundes Gebet ist leider schwach
ohne des Herzens Vorgedenken.
Jedes Menschen Gewissen
sagt vor Gott seine Schuld.
Wusste Gott Alles was geschieht,
ehe Er etwas schuf, oder wusst’ er’s nicht?
Die Weisen sagen, er wusste es wohl,
was je war und noch geschehen soll.
Gott schuf Himmel und den Erdkreis
und darin alle Dinge. 20
Gott schuf einen Engel, der nachher
ein Teufel durch seine Hoffahrt wurde;
danach schuf er einen Menschen:
die beiden kann Niemand versöhnen.
Gott wusste wohl ihren Streit und ihren Hass,
ehe er sie schuf, und trotzdem
schuf sie Gott: wer schuldig sei,
das entscheide auch Gott: der war dabei.
Wer mag den Streit scheiden
unter Christen, Juden, Heiden
ausser Gott, der sie geschaffen hat
und alle Dinge ohne Jemandes Rath?
Der wusste wohl ihrer aller Streit, 10
ehe er sie schuf, und auch ihren Hass.
Warum der eine Mensch verloren sei
und der andere zu Gnaden erkoren,
wer danach fragt, das ist zu viel:
Gott kann und soll thun, was er will.
Was auch Gott mit seinen Geschöpfen thut,
das soll uns Alles dünken gut.
Was kann der Topf sagen,
will ihn sein Meister zerschlagen?
Ebenso wenig mögen wir wider Gott 20
sprechen, kommt sein Gebot zu uns.
Wie auch der Topf fällt,
gar leicht wird er zerschellet;
er falle her oder hin,
der Schade kommt immer über ihn.