„Und wenn Sie, verehrtester Herr Amtsrath, meiner Werbung nicht durchaus abgeneigt sein sollten, so darf ich wohl die ergebene Bitte aussprechen, die Inlage Ihrer Fräulein Tochter zu übergeben und mir, in freundlicher Rücksichtnahme auf die Verhältnisse, Ihre Antwort womöglich noch im Laufe des heutigen Tages zugehen zu lassen, was sich ja bei der fast stündlichen Eisenbahnverbindung zwischen hier und Frankenberg sehr wohl ermöglichen läßt.“
Mit diesen Worten schloß der Lieutenant Fritz Sterneck seinen Brief, steckte ihn ins Couvert, schrieb die Adresse: „An Herrn Amtsrath Solgers in Neu-Tessin bei Frankenberg“ und legte das bedeutungsvolle Schriftstück mit einem erleichterten „So“ vor sich auf den Tisch.
Die Lampe, welche diesen Tisch beleuchtete, kämpfte schon in unschöner Mattigkeit gegen den jungen Sommermorgen — noch dazu einen Sonntagsmorgen — der frisch, duftig und noch in leichten Frühnebel verhüllt über der schlafenden Stadt emporstieg.
Fritz löschte das Licht, welches ihm zu seiner nächtlichen Schreiberei gedient hatte, und nahm mit dem seltsamen Gemisch von nüchterner Müdigkeit und nervöser Erregung, welches wir in dieser allerfrühesten Morgenstunde so leicht empfinden, am geöffneten Fenster Platz. Es schien ihm kaum mehr der Mühe zu lohnen, den Schlaf noch einmal aufzusuchen; er blickte, den Kopf in die Hand gestützt, gedankenvoll auf den leeren Marktplatz zu seinen Füßen und unwillkürlich drängte sich ihm die Frage auf, ob wohl jedem Bräutigam nach der Abfassung des Werbebriefes so — ja so richtig nüchtern zu Muthe sei? Oder lag es bei ihm in den besonderen Verhältnissen?
Er stand gewissermaßen in doppelter Hinsicht auf dem Sprunge. Sein Abschied vom Militair war eingereicht und er trat bis zur Bewilligung desselben am nächsten Tage einen Urlaub an, um sein väterliches Gut selbst zu übernehmen, auf welchem er aufgewachsen, und an dem ihm jeder Zoll Boden bekannt war.
Ebenso bekannt war ihm die Familie eines Gutsnachbarn seiner Eltern, des etwas gewaltthätigen Amtsraths Solgers, seiner schüchternen, graublonden Frau, und seiner noch schüchterneren und noch graublonderen Tochter Amalie.
Nach der Meinung und Ansicht der Seinigen konnte Fritz gar nichts vernünftigeres thun, als Amalien zu heirathen — „die Aecker grenzten nachbarlich zusammen, die Herzen stimmten überein“ — oder wenn sie es nicht thaten, so war dies, wie ältere Leute oft zu sagen und an Beispielen zu erläutern lieben, durchaus kein Grund, warum die Besitzer dieser Herzen nicht äußerst glücklich mit einander werden sollten.
Fritz war im Grunde seiner ehrlichen Seele, trotz eines hin und wieder hervorbrechenden knabenhaften Uebermuthes, ein ganz klein wenig Philister — das heißt Familienphilister! — was man daheim für gut und wünschenswerth erklärte, hatte er bis jetzt auf Treu und Glauben ebenfalls dafür hingenommen, und so war ihm auch Amalie Solgers immer als etwas gutes und wünschenswerthes geschildert und erschienen. Immer — bis heute Morgen, wo er sich entschlossen hatte, um sie zu werben!
Als er, den großen Entschluß couvertirt und adressirt vor sich auf dem Tische, in den herrlichen jungen Tag hinausblickte, der in seinen halb durchsichtigen Wolkenschleiern die waldigen Hügel des nahgelegenen Höhenzuges bald zeigte und bald verbarg — da überfiel ihn mit plötzlicher Traurigkeit das Bewußtsein, was ihm eigentlich fehle! So duftig, so unbegrenzt und unbestimmt in Form und Umriß muß nicht nur die Frühstunde eines schönen Tages — nein auch die Morgenstunde des Lebens sein, wenn sie nicht ihren Zauber verlieren soll! Der Reiz der Ungewißheit war es, der seinem Zukunftsbilde mangelte — es lag nicht vor ihm, wie eine blaue Ferne im Frühlicht, die man mit ahnungsvollem Entzücken, unbekannten Abenteuern entgegen, betritt — sein Schicksal glich einem kleinen, prosaischen Pachterhof im Mittagssonnenschein, abgegrenzt, durch und durch alltäglich — und nur dem begehrenswerth, der die ersten Schaumperlen vom Lebensbecher schon getrunken hat!
Er versuchte, sich einzureden, daß nur die schlaflose Nacht es sei, die ihm sein neues Glück in so überwachter, mattfarbiger Beleuchtung zeige, und griff nach der Mütze, entschlossen, den mahnenden und grollenden Stimmen in seinem Innern durch eine vollendete Thatsache, d. h. durch Abschicken des Briefes, Schweigen zu gebieten.
Während er das Couvert noch in der Hand hielt, und zweifelhaft betrachtete, wurde ihm klar, daß vor dem späten Abend auf Antwort nicht zu rechnen sei, selbst angenommen, daß sein zukünftiger Schwiegervater in der Laune sein sollte, ihm sofort ein „Ja“ oder „Nein“ zuzurufen oder besser zuzudonnern; der Amtsrath war, wie gesagt, ein gewaltthätiger Herr und hatte eine seinem Temperament entsprechende Stimme, vermittels derer er die sanften Einwürfe seiner Frau und Tochter einfach todtschrie.
Im günstigsten Falle einen ganzen Tag lang auf solchen Bescheid zu warten hat um so weniger etwas Verlockendes, wenn die Zeit einem Sonntage angehört. Das dunkle Gefühl, daß dies der letzte Sonntag ungebundener Freiheit für ihn sei, daß er vielleicht vor Ablauf der Woche schon als mäßig beglückter Verlobter an der Seite der blassen Amalie mit der stets etwas duldenden und leidenden Miene sitzen werde, bewirkte, daß unser Held aufsprang und schnell, ohne viel zu überlegen, einen grauen Civilanzug statt seiner Uniform anlegte, mit dem Entschlusse, diesen „letzten Sonntag“ noch auf irgend eine Weise auszunützen, und sich als Spielball dem lustigen Dämon Zufall in die Hand zu geben, der es vielleicht gut genug mit einem ehrlichen Gesellen meinte, um ihm vor Thoresschluß noch einen amüsanten Tag zu gönnen.
„Aber der Brief muß fort,“ sagte Fritz vor sich hin, während er sich anschickte, das Haus zu verlassen, „denn sonst bleibt die Geschichte wieder wochenlang liegen, und ich möchte nun endlich einmal damit ins Reine kommen.“
Bei diesen Worten trat er auch schon auf den Marktplatz hinaus, an dessen Eckladen ihm ein Briefkasten einladend entgegenwinkte.
Als Fritzens Werbung in dem breiten Spalt des Kastens verschwunden war, erhob er die Augen und erblickte zwei weibliche Gestalten, welche an ihm vorbei über den Platz gingen.
Es fiel ihm auf, daß die Damen zu so früher Stunde das Haus verließen, und sein Interesse an ihren Beweggründen wuchs mit großer Schnelligkeit, als er bemerkte, daß eine der beiden Spaziergängerinnen ein junges Mädchen von ganz besonderer Anmuth war. Der breitrandige Strohhut warf zwar über den oberen Theil ihres Gesichts einen leichten Schatten, vermochte aber nicht zu verbergen, daß zwei blitzende, dunkelblaue Augen sich als Licht in diesem Schatten befanden. Den Augen entsprechend trug das ganze Gesicht, ja die ganze Erscheinung des Mädchens, welches eben der Schule entwachsen zu sein schien, ein unverkennbares Gepräge furchtlos schelmischen Uebermuthes und Frohsinnes, dabei hatte sie eine gewisse vogelähnliche Beweglichkeit in der Art, wie sie ihren zierlichen, blonden Kopf nach allen Seiten drehte und mit der naiven Neugier eines Kindes überall umhersah. Sie trug einen ziemlich großen Arbeitskorb mit festschließendem Deckel am Arme; dieser und ein kreuzweis über der Brust zusammengestecktes weißes Tuch gaben ihr ein gewisses sehr reizvolles Rokokoansehen, welches unseren Fritz unwillkürlich an Friederike von Sesenheim gemahnen wollte.
Die Begleiterin der jungen Schönheit war eine sehr wohlbeleibte Dame mit einem unendlich gutmüthigen breiten Gesicht, welches in Form und Ausdruck den Abbildungen der Sonne in manchen Bilderbüchern glich. Gleichwohl bekam dieses Gesicht durch einen leisen Bartanflug auf der Oberlippe, sowie durch einen Hut, der sich scheinbar durch Zauberei, jedes Bindemittel verschmähend, auf ihrem Haupte erhielt, einen gewissen Anstrich von energischer Unternehmungslust.
Fritz schloß aus dem Körbchen, welches das junge Mädchen am Arme trug, daß die Damen sich nach einem der Kaffeegärten zu begeben im Begriff standen, welche, in der Vorstadt gelegen, häufig zu solchen Morgenausflügen benutzt wurden, wenn auch selten zu so früher Stunde. Er folgte in gemessener Entfernung und trat mit einem gewissen Vergnügen in die Spuren sehr zierlicher Absatzstiefelchen, welche die junge Dame in dem Sande der Promenadenanlagen hinterließ.
An der nächsten Ecke wandten sich die Spaziergängerinnen nach rechts, Fritz that ein Gleiches und befand sich auf einem freien Platze, einer zahlreichen, munter durcheinander sprechenden Gesellschaft gegenüber, die, um einen Omnibus gruppirt, sich entschieden zu einer Landpartie rüstete. Die energische Dame mit ihrer reizenden Tochter, Nichte, Pflegebefohlenen, was sie auch sein mochte, wurde freudig und zugleich wegen der Verspätung vorwurfsvoll begrüßt, wobei Fritzens scharfes Ohr es auffing, daß die junge Dame Lotte hieß, und man schickte sich an, den Wagen zu besteigen.
Fritz entwarf, als guter Stratege, blitzschnell seinen Plan und ging als schlechter Diplomat an dessen Ausführung, ohne sich Zeit zur Ueberlegung zu lassen. Er mischte sich mit edler Dreistigkeit, ohne ein Wort zu sprechen, unter die Gesellschaft, und als ein sehr geschniegelter, sehr blonder junger Mann eben im Begriff stand, seinen Platz neben Fritzens Schönheit einzunehmen, schob letzterer ihn mit einem höflichen „erlauben Sie“ zurück und nahm, seinen Hut artig lüftend, die Stelle des grenzenlos Verblüfften ein.
Für wenige Sekunden bemächtigte sich eine solche wort- und bewegungslose Ueberraschung der Gesellschaft, daß ein Unparteiischer in Versuchung gekommen wäre, Fritzens hübsches, biederes Gesicht für ein Medusenhaupt zu halten. Aber der unheimliche Zauber löste sich schnell, und ein älterer, jovial aussehender Herr mit einem grauen Vollbart trat mit den Worten auf unseren Helden zu: „Mein Herr, darf ich Sie wenigstens bitten, uns zu sagen, wen wir die Ehre haben, in unserer Mitte zu sehen?“
Fritz, Erstaunen und sogar leichte Entrüstung heuchelnd, erwiderte mit großer Unbefangenheit: „Ich sehe eigentlich keinen Grund dafür, mein Herr, jeder Mensch hat doch das Recht, einen Omnibus zu einer kleinen Spazierfahrt zu benutzen, ohne sofort über sein Curriculum vitae befragt zu werden!“
Der düstere und kampfesmuthige Ausdruck, der sich bei der ersten Hälfte von Fritzens Entgegnung über die männlichen Gesichter in der Gesellschaft verbreitet hatte, wich nach und nach dem ironischen Lächeln der Ueberlegenheit; „der wird einen guten Schreck bekommen,“ stand in leserlicher Schrift auf den Mienen der Anwesenden. Auch der alte Herr, welcher der Festordner bei dieser Vereinigung zu sein schien, lächelte.
„Sie sind im Irrthum, mein Herr, dieser Omnibus ist von uns für den heutigen Tag gemiethet und zu einem gemeinsamen Ausfluge im geschlossenen Kreise bestimmt.“
Der durchaus nicht überraschte Fritz war sofort ganz Beschämung und Schrecken, er entschuldigte sich bei jedermann und der dazu gehörigen Frau, er bedauerte auf’s lebhafteste, ahnungslos einen solchen faux pas gemacht zu haben, und war, wie er versicherte, schon bestraft, indem er eine ziellose Spazierfahrt, zu der ihn der schöne Morgen verlockt, nun aufgeben und bescheiden in seine heiße Stadtwohnung zurückkehren werde.
Fritz konnte wirklich sehr liebenswürdig sein! Auch bei diesen Entschuldigungen entwickelte er so viel Artigkeit und Gewandtheit, daß sich das Vorurtheil der Gesellschaft fast ausnahmslos für ihn entschied, was er schlau genug war, zu bemerken. Nur der blonde junge Mann, den er von der Seite des schönen Mädchens verdrängt hatte, sah düster und drohend aus und schielte zornig auf unseren Helden.
Nach einer leise geführten Berathung mit den einflußreichsten Mitgliedern der Gesellschaft trat der ältere Herr wieder auf Fritz zu und forderte ihn freundlich auf, da er nun einmal in ihren Kreis gekommen sei, den Platz im Wagen zu benutzen und mit ihnen zu fahren. Fritz, dessen Uebermuth durch die ganze Situation sowohl, als durch die etwas kleinbürgerlichen Allüren eines Theils der Gesellschaft gestachelt war, stellte sich, um zu seinen neuen Bekannten zu passen, auf seinen Civilanzug hin keck als Kaufmann Schröter vor, und nahm mit den Gefühlen eines großen Jungen, der hinter die Schule geht, glückselig neben der reizenden Lotte Platz. Er benutzte die wenigen Minuten bis zur Abfahrt dazu, sein Herz gänzlich an das feine Gesichtchen neben sich zu verlieren, noch ehe er eigentlich mehr als zehn Worte mit der Eigenthümerin desselben gewechselt hatte. Das Mädchen antwortete auch vor der Hand nur in schüchterner, kurzer Weise und erröthete jedesmal sehr lieblich, wenn Fritzens Augen mit unverhohlener Bewunderung auf ihr ruhten.
Bald aber verflog ihre Befangenheit, und als der Wagen die Stadt verlassen hatte und zwischen blühenden Saatfeldern hinaus auf das Land zu rollte, plauderten die beiden schon so lustig und harmlos mit einander, als hätten sie sich Jahre lang gekannt. Was zwei junge Leute, die großes Gefallen aneinander finden, sich an einem schönen Morgen auf einer Landpartie erzählen, darauf kommt es gar nicht an, das wie ist die Hauptsache!
Und wie konnte Fritz heute sprechen und parliren! Er entdeckte in der frohen Erregtheit des Augenblickes eine ungeahnte Fundgrube von guten Einfällen in seinem Innern, er hatte nie gewußt, daß es ihm gegeben war, gefühlvolle Andeutungen in so leichter, gefälliger Form anzubringen, es war ihm noch nie gelungen, ein so reizendes Rosenroth auf einem Mädchengesicht durch seine Worte hervorzurufen, mit einem Wort, er war noch nie verliebt gewesen, dafür war er es jetzt intensiver, als er selbst wußte! Und auch seine allerliebste Nachbarin schien dem Reiz des Augenblicks nicht ganz unzugänglich, die Unterhaltung der beiden gerieth nie ins Stocken.
Fritz vermied — er wußte nur zu gut, warum — jedes Eingehen auf seine persönlichen Verhältnisse, obwohl er seine Lüge schon zu bereuen begann. Er hätte am liebsten seine Identität mit dem ernsthaften, überlegten jungen Mann ganz vergessen, der seit heute Morgen im Begriff stand, eine „Vernunftsheirath“ zu schließen. So viel stand bei ihm schon nach der ersten Stunde, der größeren Hälfte der zurückzulegenden Tour, fest, hätte er die Landpartie oder besser die Bekanntschaft seiner anmuthigen Nachbarin vor der Abfassung des heutigen Briefes gemacht, so wäre derselbe nicht geschrieben worden.
Er bedurfte in doppelter Beziehung der Vorsicht, um sich nicht zu verrathen, er mußte, um die Situation nicht zu verwickeln, nicht Lieutenant Sterneck sein, sondern Kaufmann Schröter, und er durfte nicht daran denken, daß sein Werbebrief jetzt, vielleicht in diesem Augenblicke, vom Postboten aus dem Kasten genommen und zur Eisenbahn befördert wurde. Beide Umstände boten einige Schwierigkeit, sowie die Unterhaltung auf ihn selbst kam.
Seine kleine Nachbarin war um so offenherziger, sie hatte nichts zu verbergen. Seit Ostern war sie aus der Schule entlassen und nun bei ihren Eltern zu Haus. Auf die heutige Landpartie hatte die Tante — sie wies auf ihre Nachbarin mit dem Schnurrbärtchen — sie mitgenommen, sonst war sie noch wenig aus dem Hause gekommen.
„Die Tante meint es sehr gut mit mir,“ fügte sie dankbar hinzu, „sie weiß, daß ich zu Hause mit den vielen kleinen Geschwistern tüchtig zu thun habe, und nimmt mich öfters gegen Abend mit spazieren. Sie ist eine Wittwe und gewöhnlich ganz allein. Mich hat sie sehr lieb, und wenn sie nächsten Winter auf einen Ball geht, soll ich mitkommen, und sie will mir ein weißes Kleid und rosa Rosen dazu schenken. Aber was ich Ihnen alles erzähle,“ brach sie erröthend ab, „ich freue mich nur schon so sehr darauf und vergesse ganz, daß Sie mich noch gar nicht kennen.“
„Ich denke, ich kenne Sie sehr gut,“ sagte Fritz lachend, „und wenn Sie mich etwa nicht kennen wollen, so ist das sehr undankbar von Ihnen! Wüßten Sie, was ich alles heut gewagt habe, um diesen Tag in Ihrer Nähe zu verleben!“
Sie sah ihn verwundert und fragend an; ach, wie mit jedem Blick dieser klaren, dunkelblauen Augen Amaliens Aktien sanken!
„Ja, ja, sehen Sie nur nicht so erstaunt aus! Ich muß Ihnen beichten; denken Sie wirklich, daß ich nicht wußte, was ich that, als ich, ohne zu fragen, in Ihren Kreis hineinplumpte, wie der Zucker in den Kaffee? War ich nicht schon eine halbe Stunde vorher hinter zwei Damen hergegangen, vom Markte auf die Kronenstraße, von der Kronenstraße über den Wall, vom Wall nach dem Omnibus, und wußte ich nicht, daß eine dieser Damen wiederzusehen oder gar mit ihr bekannt zu werden für mich das größte Glück“ — hier fiel ihm sein Brief an den Amtsrath ein — er stockte und fuhr verwirrt fort: „Mit einem Wort, mein Fräulein, ich habe Ihretwegen gelogen, schmählich gelogen, ich wußte ganz genau, daß ich bei Ihnen und den Ihrigen gar nichts zu suchen hatte und daß um diese Zeit des Morgens noch gar kein öffentlicher Omnibus fährt — und nun sagen Sie, daß Sie sehr böse sind!“
„Sehr!“ erwiderte sie, ohne aufzublicken.
„Soll ich herausspringen und zu Fuß nach Hause gehen? Oder noch besser, soll ich so lange neben dem Wagen herlaufen, bis Sie mir verziehen haben und mich wieder hereinrufen? Sie haben nur zu befehlen!“
„Und wenn ich den Befehl gäbe,“ sagte Lottchen verwirrt und lachend, „würden Sie ihn ja doch nicht ausführen!“
„Denken Sie, daß ich um Ihretwillen nicht noch ganz andere Dinge thäte?“
Fritz war auf gutem Wege, das muß man sagen! Aber das ungestörte Lachen und Plaudern der beiden sollte ein Ende finden. An der anderen Ecke des Wagens, der Tante gegenüber, saß jener Blonde, den Fritz so rücksichtslos verdrängt hatte. Er schien ein Protegé von Lottens mütterlicher Freundin zu sein, und beide beobachteten unser Paar unaufhörlich, wobei die Augen des Blonden mit den Wagenrädern förmlich um die Wette rollten.
Plötzlich erhob sich die Tante, wankte wie eine stattliche Fregatte zwischen den Sitzenden hindurch, wobei verschiedene Stöße des Wagens sie als solides Schoßkind bald dem einen, bald dem anderen auf die Knie setzten, und langte mit den Worten bei Lotte an: „Liebes Kind, wechsele doch den Platz mit mir, der Wind bläst mir ins Gesicht.“
Mit einem fast unmerklichen Zögern erhob sich die kleine Schönheit und begab sich an die Stelle der intriguanten Tante, welche mit durchbohrenden Blicken neben dem verblüfften Fritz sich niederließ.
„Nun, wie gefällt Ihnen unsere Landpartie, Herr Schröter?“ fragte sie sofort.
„Bis jetzt ausgezeichnet,“ sagte der doppelzüngige Fritz und blickte forschend nach der anderen Ecke, wo der Blonde eine eifrige Konversation ins Werk zu setzen begann.
Die Tante betrachtete indeß aufmerksam unseren Helden, und sanftere Gefühle begannen ihr Herz zu bewegen.
„Er sieht wirklich sehr gut aus,“ dachte sie, „und wer weiß, ob unser Lottchen nicht hier ihr Glück macht! Ich muß ein wenig auf den Busch klopfen, und ist er ein ordentlicher Mensch in angenehmer Lage, so kann man ja weiter sehn!“
Die gute alte Tante stiftete für ihr Leben gern Heirathen, wie alle guten alten Tanten, und indem sie, ihrer Meinung nach sehr vorsichtig und unmerklich, unseren Fritz auszuforschen begann, entspannen sich die weitaussehendsten Pläne in ihrem Kopfe.
Während Fritz, der ihre Absicht mit höchlichem Ergötzen durchschaute, ihr in der vertraulichsten Weise von seinem einträglichen Kolonialwaarengeschäft erzählte und Kaffeeproben zu senden versprach, mit denen sie wohl zufrieden sein sollte, während er in dieses übermüthige Lügengewebe die liebenswürdigsten kleinen Schmeicheleien und Anspielungen auf ihre reizende Nichte einflocht, mit denen je eine arglose Tante gefangen wurde, sah sich die wohlwollende Dame schon im Geiste in einem violetten Seidenkleide an der Hochzeitstafel sitzen, und hörte, wie der gerührte Brautvater ans Glas schlug und sie, die Tante, als Begründerin dieses jungen Glückes hoch leben ließ, denn hätte sie Lotte nicht mit auf die Landpartie genommen, so wäre ihr der hübsche und vermögende Bewerber vielleicht, nein gewiß, nie begegnet.
Um nun das Ihrige bei der Sache zu thun, erzählte sie dem aufhorchenden Fritz mit geheimem Stolze, wie häuslich und fleißig Lottchen erzogen worden, wie sie für jeden Mann ein wahrer Schatz sein würde, „und,“ fügte sie bedeutungsvoll hinzu, „so jung das Kind noch ist, sie hat schon einen recht wohlhabenden Freier, sehen sie wohl, Herr Schröter, den jungen Mann, der ihr gegenüber sitzt? Ich sage Ihnen, sie brauchte nur mit den Augen zu winken und er hielt morgen um sie an! Aber Lottchen hat ihren Kopf für sich, und ...“
Hier hielt der Wagen mit einem gewaltigen Ruck und der Redefluß der Eifrigen gerieth ins Stocken. Das Ziel der Fahrt war erreicht, bald vereinigte ein vergnügtes Mahl die Gesellschaft, bei dem Fritz, Dank sei es dem Glück und der Tante, seinen Platz neben Lottchen fand.
Während unser Held, mit jedem Moment tiefer in die Empfindung hineingerieth, deren erstes Keimen ihn heute zu seiner folgenreichen Lüge verleitet hatte, behielt er gleichwohl den Kopf noch frei genug, um sich beim Beobachten der Versammlung mit einiger Beschämung zu gestehen, daß sein Uebermuth hier gar nicht am Platze gewesen, und daß er ruhig in seiner wahren Gestalt hätte erscheinen können, ohne sich etwas zu vergeben. Eine harmlose, maßvolle Heiterkeit belebte den kleinen Kreis, und jeder genoß auf seine Weise die frohe Stunde bei gutem Wein und in der hübschen Umgebung.
Fritz nicht am wenigsten! Aus dem scherzenden, neckischen Tone von unterwegs war er mit seiner Tischnachbarin allmählich in das Geleise einer ruhigen Unterhaltung gekommen, in der sich das anziehendste aller Bilder, eine kindlich klare und reine Mädchenseele, vor seinen Augen aufrollte. Ihre Lebensanschauungen und Geschmacksrichtung entsprachen so vollkommen dem Ideal, welches er im stillen lange vergeblich gesucht, daß es ganz bestimmte Gedanken waren, mit denen er, sein gefülltes Glas erhebend, halblaut zu ihr sagte: „Die Zukunft!“
„Warum nicht lieber die Gegenwart?“ gab sie unbefangen zurück, „wer weiß was die Zukunft bringt, ich baue nicht gern Luftschlösser!“
„Ich um so lieber“, erwiderte Fritz, „und bauen Sie mir zu Gefallen einmal mit — wie denken Sie sich Ihre Zukunft?“
„Fragen Sie lieber, wie ich sie mir wünsche, das kann ich Ihnen ebenso sicher sagen, wie es sicher nie in Erfüllung gehen wird: ich möchte auf dem Lande leben!“
„Bravo,“ rief Fritz, „das lobe ich mir! Und auf die Erfüllung dieses Wunsches leere ich mein Glas! Das Landleben ist das einzig vernünftige Leben und ein Landwirth der glücklichste Mensch, vorausgesetzt —“ er vollendete mit einem sehr beredten Seitenblick, der wieder ein tiefes Erröthen in Lottchens Gesicht trieb.
„Wenn Sie aber auch so für das Landleben schwärmen,“ begann sie hastig, wie ablenkend, „warum bleiben Sie denn in der Stadt?“
„Dort war ich ja nur vorübergehend für einige Jahre,“ erwiderte Fritz unvorsichtig, „von morgen an ist es mit dem —“
Er stockte, erschrak und wurde fast noch röther, als seine Nachbarin. „Was haben Sie denn?“ fragte sie erstaunt.
Fritz schwieg, er schämte sich! Kein angenehmer Zustand, solchen vertrauenden, blauen Augen gegenüber!
„Bitte, fragen Sie mich nicht, ich kann mich jetzt nicht näher erklären,“ sagte er verwirrt und ohne sie anzusehen, „in mir ist heut alles unklar und unsicher, wundern Sie sich nicht, wenn ich viel thörichtes rede, es kommt hoffentlich ein Moment, wo ich Ihnen alles, was Sie nur überhaupt von mir wissen mögen, deutlich sagen kann und darf!“
Fritz, Fritz! Eine Uhr im Gastzimmer holte zu dröhnenden Schlägen aus, die Zeit war schon weit vorgeschritten. Jetzt mußte der Brief längst in Neu-Tessin sein, die Antwort — alle Chancen sprachen dafür, daß sie eine bejahende sein werde — war möglicherweise schon unterwegs, und dann?
Fritz wurde es heiß und kalt, nun war aber auch hohe Zeit, daß er hier ein Ende machte! Als man sich vom Tische erhob, begab er sich allein und tief nachdenklich in den Garten, der um das Wirthshaus blühte und grünte. Er kämpfte einen harten Kampf mit sich, mit seinem Gewissen und seiner jungen Liebe, die ihn um so lockender ansah, als sie hinter einem Gitter von Schwierigkeiten stand, welches seine eigene Schuld errichtet hatte! Er athmete tief auf, sein Entschluß war gefaßt. Wie auch die Sachen kommen sollten, er wollte sich nicht noch mehr Vorwürfe zu machen haben, als er ohnehin schon empfand — er ging festen Schrittes auf das Haus zu, um seinen Hut zu holen und unter einem Vorwande der Gesellschaft und allen schönen Träumen Lebewohl zu sagen!
Aber der Zufall, dem er sich heute so leichtsinnig in die Arme geworfen, ist ein heimtückischer Gesell, der seine Anhänger freilich oft auf reizenden Waldpfaden zum erwünschten Ziele führt, oft aber auch an jeder Biegung eines guten und verständigen Weges als neckender Kobold sitzt und ruft: „Halt, du hast die Rechnung ohne den Wirth gemacht, hier wird hübsch umgekehrt und ausgegessen, was du unter meiner Aegide dir so schön eingebrockt hast!“
Diesmal saß er, dieser böse Zufall, in Gestalt eines der Theilnehmer am heutigen Ausfluge vor einem großen, verstimmten Dorfpianino und gab im Schweiße seines Angesichtes einen etwas unregelmäßigen Walzer zum Besten, nach dem sich die Gesellschaft, alt und jung, leicht und schwer, geschickt und ungeschickt, munter zu drehen begann.
Als Fritz in der offenen Thüre erschien und suchend nach seinem Hut umhersah, begegnete ihm ein einziger, ganz kurzer und flüchtiger Blick Lottchens, der, wenn je ein Blick gesprochen hat, fragte: „Tanzen Sie nicht?“
Fritz schwankte innerlich, wie ein Rohr im Winde, er tanzte gut, das wußte er! Gut genug, um die Produktionen der ganzen hier versammelten Gesellschaft in den tiefsten Schatten zu stellen, und gern — fast immer gern! Heute aber, in seiner halb glücklichen, halb traurigen Stimmung mit dem reizendsten aller Mädchen dem Rhythmus eines weichmüthigen Walzers zu folgen, während durch die geöffneten Fenster die laue Sommerluft hereinstrich und die Rosen dufteten — ade Vernunft, ade Gewissen — eben schreitet der blonde Rival im zierlichsten Pas durch das Zimmer, das entscheidet alles! Fritz kommt ihm zum zweiten Male zuvor, und der schönste Tanz beginnt, den er je gehört oder getanzt hat!
Wie er jetzt mit Lottchen dahinflog, feurig und doch taktmäßig, so, das fühlte er deutlich, würde er mit ihr durch das Leben fliegen können! Es mochte ja unrecht und unvernünftig sein, daß er geblieben war, aber der Mensch ist so traurig geartet, daß ihm das Unvernünftige manchmal, oft — um nicht zu sagen meist, am besten gefällt! Und mit dem schönen Gefühl, „nun hast du die Dummheit einmal gemacht, nun ist es auch ganz gleich, wie weit du dich verrennst,“ gestattete sich Fritz die allerdeutlichsten Anspielungen auf seinen ohnehin sehr durchsichtigen Herzenszustand und fand kein ganz unwilliges Gehör!
Im Rausche des Moments und um sein Gewissen zu betäuben, steigerte sich unser Held zu fast ausgelassener Lustigkeit; er tanzte wie unsinnig, nicht nur mit Lottchen, nicht nur mit allen jungen Damen, nein, er bewog sogar die Mütter und schließlich die gute Tante, einen ehrsamen Schleifer unter seiner Führung zu wagen, was nach dem nöthigen Sträuben, Lachen und Fingerdrohen die größte und allgemeinste Heiterkeit hervorrief, er brachte mit Aufbietung aller Familienväter eine Française zu Stande, die an künstlicher Verwickelung jedes Erschaffene und Erfundene übertraf, er entzückte alles, außer dem Blonden, der, von seinem Platze als Hahn im Korbe verdrängt, düster vor der Punschbowle saß, und sich durch Massenvertilgung von Speise und Trank an der Gesellschaft rächte.
Endlich trieb man zum Aufbruch. Die Plaids, Tücher und Paletots wurden, zu einem wüsten Knäuel geballt, von zwei Hausknechten herbeigetragen und entwirrt. Fritz hatte Lottchens Sachen gewandt herausgefunden und sie sorglich darin einzuhüllen geholfen, bis er seinen Platz neben ihr wieder einnahm.
Bald flog der Wagen durch die duftende Sommernacht hin. Ringsum war es still und friedlich, die Sterne blitzten in schweigsamer Pracht; sanft und groß stieg der Mond über den schwarzen Baumwipfeln herauf und leuchtete mild auf dem dunkelklaren Hintergrunde des Nachthimmels. Ganz, ganz fern schlug eine Nachtigall, es klang fast nur, wie das Echo ihrer Stimme zu den Fahrenden hinüber. Wem sollte da nicht weich ums Herz werden!
Je näher sie der Stadt kamen, deren Lichter schon am Horizont herauffunkelten, desto lebhafter fühlte Fritz den Wunsch, fast die Pflicht, vor seinem Abschiede noch ein erklärendes, rechtfertigendes Wort zu sagen, und fand keines!
Ihm schlug das Herz mächtig, als er sich in der Stille der Sommernacht, nach all dem Getöse und fröhlichen Lärm, wieder sagen mußte, was er gethan! Das schweigende Mädchen hier neben ihm, dessen liebliches Gesicht jetzt so seltsam nachdenklich dreinsah, es war mit der unbefangenen Lust des Kindes heut von Hause gegangen, und hatte nicht an die Möglichkeit gedacht, daß ein bleibender Eindruck, vielleicht ein Geschick sich an diesen Tag knüpfen werde.
That er jetzt, was er thun mußte, verließ er sie, ohne sie wiederzusehen, nachdem er mit Wort und Blick sich bestrebt, ihr Herz zu gewinnen, so hatte er von einem jungen, glücklichen Schmetterling, der ahnungslos in den Blumengarten des Lebens fliegt, den ersten Blüthenstaub in frevelhaftem Leichtsinn gestreift, nie wieder würde das reine Vertrauen wiederkehren, mit dem das Mädchen in die Welt getreten war, um sofort eine solche Enttäuschung zu erleben. Und doch konnte, doch durfte er nicht sprechen, wer stand ihm denn dafür, daß er nicht jetzt, in diesem Augenblicke der Verlobte einer anderen war? Der Gedanke stieg ihm sinnverwirrend zu Kopfe, er seufzte tief auf.
Lottchen wandte den Kopf und sah ihn an; es lag etwas so kindlich Vertrauendes in diesem Blicke, daß er ihm ins Herz schnitt.
„Sie seufzen so schwer?“ sagte sie, halb lächelnd.
„Ich denke wieder einmal an die Zukunft,“ erwiderte er ernster, als er noch heut gesprochen.
„So lassen Sie doch Ihre Zukunft!“ rief sie munter, „sie wird schon von selbst kommen, und ändern können Sie doch nichts daran!“
„Das frage ich mich eben!“ gab er immer noch ernst zurück, „ich stehe vor einem Wendepunkte in meinem Leben, Fräulein Lottchen, und das habe ich heut den ganzen Tag zu wenig bedacht!“
Er sah, daß seine Worte einen leichten Schatten auf ihr frohes Gesichtchen riefen, der ihm einen neuen Reiz verlieh, aber einen Reiz wehmüthiger Natur. Er fuhr hastig fort:
„Wir sind bald am Ziel unserer gemeinsamen Fahrt, wer weiß, ob wir uns noch einmal wieder treffen! Lassen Sie mich eine Bitte aussprechen, ehe ich gehe!“
Sie war ganz blaß und still geworden und nickte seinen Worten nur stumm Gewährung.
„Ich sagte Ihnen schon, daß ich vor einer Wendung meines Geschickes stehe, vielleicht entscheidet der heutige Abend noch über jene Zukunft, an die ich vorhin dachte — wollen Sie mir nicht Glück auf meinen Weg wünschen?“
Seine Stimme war leise und innig bei diesen Worten, er beugte sich zu ihr und nahm ihre Hand, zum ersten — vielleicht zum letzten Mal!
„Nun, kein Glückwunsch?“ wiederholte er dringend, da sie schwieg.
„Doch,“ erwiderte sie, und zwang sich, ihn anzusehen, obwohl eine seltsame Verwirrung auf ihren Zügen lag, „ich wünsche jedem Menschen Glück, warum nicht Ihnen?“
„Damit muß ich mich für heute begnügen,“ sagte er, und führte ihre Hand leicht an seine Lippen, „geht Ihr Wunsch in Erfüllung, so werde ich es Ihnen noch einmal selbst sagen, und dann —“
Der Wagen rollte hier zum Glück über das Straßenpflaster in die Stadt hinein, die nickenden Beschützer und Beschützerinnen fuhren empor, und an der ersten Ecke, wo der Omnibus einen Theil der Gesellschaft absetzte, nahm Fritz sich den Entschluß über den Kopf weg, und verabschiedete sich mit flüchtigem, herzlichen Dank von den Anwesenden, die ihn wie einen alten Bekannten mit fröhlichem Zuruf entließen, während Lottchen stumm und sichtlich erregt nur durch eine Kopfneigung seinen Gruß erwiderte.
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Als Fritz nach wenig Minuten vor seiner Hausthür stand, und der große Schlüssel sich kreischend im Schloß drehte, war es ihm, als öffne er sich selbst den Eingang zu einem lebenslangen Gefängniß. Wenn er nun jetzt in sein Zimmer trat, und den Brief vorfand, der ihm das Jawort brachte — wie sollte er sich dann benehmen? Er war, das fühlte er, er war zu weit gegangen, um einfach mit französischem Abschied aus Lottchens Gesichtskreis zu verschwinden, und doch fehlte ihm Muth und Lust, sich in seiner ganzen Schlechtigkeit vor ihr zu offenbaren, und dann zu dieser ohnehin harten Strafe noch die andere, ungleich härtere zu fügen, eine Verlobung mit der unseligen Amalie, die ihm in der parteiischen Beleuchtung seiner anderweitigen Verliebtheit nicht mehr als ein blasses, negatives Bild der Alltäglichkeit, sondern als ein wahres Monstrum erschien!
Als er die Stubenthür öffnete, begegnete sein Blick zunächst keinem Briefe, sondern egyptischer Finsterniß, welche durch das laute Schnarchen seines Burschen etwas gespenstisches erhielt.
Daß Fritz keine Streichhölzer in der Tasche hatte, versteht sich von selbst, wenn man sich gern schnell durch den Augenschein von etwas überzeugen möchte, fehlt dergleichen immer!
Der Bursche erwachte etwas mühselig, krabbelte, an alle Gegenstände im Zimmer anstoßend, eine Zeit lang umher, die Fritz zur Ewigkeit wurde, und die er doch nicht durch die Frage, ob ein Brief gekommen sei, zu unterbrechen wagte, weil er bei sich dachte: „das erfahre ich immer noch früh genug,“ und endlich erstrahlte das Zimmer im Glanz einer Kerze. Der Tisch, auf dem die eingegangenen Depeschen zu liegen pflegten, war leer!
„Ist nichts mit der Post gekommen?“ frug endlich Fritz, bebend vor Erwartung.
„Nein, Herr Lieutenant!“
Also nichts! Das Allerfatalste, weder Ja noch Nein, eine widerwärtige, flaue Fluth von Möglichkeiten, in der man nun noch bis zum andern Morgen schwimmen konnte!
Eine zweite Nacht brach heran, die gleich der vergangenen schlaflos zu werden drohte, das Durchkonjugiren von „hätte ich!“ ist stets eine der unerfreulichsten Beschäftigungen, ganz abgesehen von ihrer völligen Nutzlosigkeit. Und dennoch beschäftigt sich jeder, der eine Dummheit begangen hat, hinterher damit, sich zu sagen: „hätte ich dies gethan, oder das nicht gethan!“
Zum Glück siegte die übermüdete Natur für diesmal, unser armer Held schlief ein, und schlief, traumlos, wie man immer schlafen sollte, bis tief in den nächsten Morgen hinein, der ihm beim Erwachen grell und golden in die Augen schien.
Beim Frühstück konnte er wieder einen Brief erwarten, aber die Klingel rührte sich nicht, und der Vormittag verging ihm, dem schon vom Dienst Dispensirten, in bleierner Schwere. Endlich schlug die Stunde, wo er sich, um sich abzumelden, nach der Kommandantur begeben mußte, er warf sich in seinen Staat, und schritt wenige Minuten darauf mit Helm und Schärpe, äußerlich ein energischer, junger Kriegsgott, innerlich ein deprimirter Hase, seinem Bestimmungsort zu.
Die Sache war schnell erledigt, und als Fritz den Heimweg antrat, beschloß er, um seinen Gedanken ein wenig Audienz zu geben, noch einmal durch die Anlagen zu wandern.
Ihm war, er wußte selbst nicht, warum, jetzt hoffnungsfreudiger zu Muthe. Hätte er ein „Ja“ erhalten, so wäre die Antwort jetzt gewiß schon da. Es war ja möglich — entzückende Möglichkeit! daß er Amalien über Nacht eben so widerwärtig geworden, wie sie ihm! Wenn er sich’s recht bedachte, hatte er überhaupt gar keinen Grund, anzunehmen, daß sie ihm besonders gewogen sei; was er für Stille und Zurückhaltung in ihrem Wesen genommen, war vielleicht — nein gewiß! verborgene Abneigung gewesen. Man kann sich bekanntlich nichts so leicht einreden, als was man wünscht, Fritz war noch keine zehn Minuten gegangen, als er schon glückselig einen imaginären Korb von Amalien am Arm, und einen ebenso imaginären Ring von Lottchen am Finger trug.
Diese letzte Möglichkeit spann sich denn in seinem Inneren zu dem farbenreichsten Bilde aus, er stellte sich das Mädchen in ihrer ganzen Lieblichkeit vor, so deutlich, daß es ihn kaum überraschte, als er, um eine Ecke biegend, sich plötzlich ihr gegenüber sah.
Mit unverhohlenem Entzücken griff er an den Helm, aber Lottchen blickte ihn erst erschreckt, dann völlig fassungslos an, plötzlich wandte sie sich ab, und setzte, ohne seinen Gruß zu erwidern, ihren Weg fort.
Jetzt erst begriff Fritz ihre Empfindungen! Der Kaufmann Schröter von gestern, der bescheidene Besitzer des einträglichen Kolonialwaarengeschäfts, dem — d. h. dem Besitzer! — sie in ihren Träumen bereits eine nicht ganz nebensächliche Rolle zugewiesen hatte, er klirrte heute als bewaffnete Macht ihr entgegen, und sie wußte begreiflicherweise nicht, ob eine wunderbare Aehnlichkeit sie täusche, oder was sie sonst von ihm denken solle.
Blitzschnell hatte Fritz die Davoneilende eingeholt, und schritt, ohne ihr stummes Kopfschütteln, womit sie all seine Worte der Begrüßung und Freude erwiderte, zu beachten, neben ihr her, die ziemlich menschenleeren Anlagen entlang.
„Wenn Sie wüßten,“ begann er verwirrt und ganz unberechtigt vorwurfsvoll, „wie ich mich freute, als ich Sie so überraschend wieder vor mir sah, Sie würden mich nicht durch Ihren Zorn betrüben. Sagen Sie mir nur, was Sie eigentlich von mir denken, um das eine bitte ich Sie!“
„Ich denke gar nichts von Ihnen,“ erwiderte das Mädchen in einem seltsam harten und kalten Tone, den man ihrer jugendlichen Stimme gar nicht zugetraut hätte, „ich kenne Sie überhaupt nicht, und bitte Sie, mich augenblicklich meinen Weg allein fortsetzen zu lassen.“
„Fräulein Lottchen,“ bat der unglückliche Fritz flehend, „wollen Sie mich nicht wenigstens anhören? Sie thun mir sicher in Gedanken unrecht, ich bin nicht so schuldig, als es den Anschein hat.“
„Sondern noch viel schuldiger,“ jammerte es in seinem Inneren, „wenn sie schon über die einfache Namensverwechselung so böse ist, was würde sie erst sagen, wenn sie wüßte! —“
Fritz schauderte.
„Was bezwecken Sie eigentlich mit dieser zweiten Komödie?“ sagte jetzt das Mädchen stehen bleibend, noch immer im selben Ton. „Was Sie gestern gewollt haben, sehe ich heute wohl ein, uns alle zum Spielzeug Ihrer hochmüthigen Laune benützen, nun es ist Ihnen ja gelungen — Sie haben Ihre Sache vortrefflich gemacht — was soll ich nun noch anhören?“
Fritz blieb gleichfalls stehen, und ließ seine Augen erst einen Moment traurig auf ihr ruhen, ehe er sprach.
„Wenn Sie so fragen, dann bin ich zu Ende, ich kann dann nur meiner Wege gehen, denn ich fühle, daß Sie ein Recht haben, mir zu zürnen, und daß ich mich nur dann vertheidigen darf, wenn Sie es mir selbst erlauben. Soll ich wirklich so von Ihnen scheiden?“
Sie machte einen tapferen Versuch „ja!“ zu erwidern, er scheiterte aber an halb erstickten Thränen, die sich plötzlich in ihre Stimme und in ihre Augen drängten. Heftig aufschluchzend schlug sie beide Hände vors Gesicht und wandte sich von ihm ab.
Ich muß gestehen, auf die Gefahr hin, meinen Helden sehr wenig heldenmüthig erscheinen zu lassen, daß Fritz diesem Anblick nicht ganz weit davon entfernt war, dem Mädchen herzhaft Gesellschaft zu leisten! Eine solche Hochfluth widerstrebender Empfindungen schlug über seinem Haupte zusammen, daß er sich von den wilden Wogen seiner Gefühle rücksichtslos dahintragen ließ, er gestand Lottchen in fliegenden Worten seine Liebe, und bekannte ihr, daß er gestern zwar anfänglich in übermüthiger Laune seinen wahren Stand und Namen verleugnet habe, daß er aber bald, sehr bald große Beschämung über diesen tollen Einfall empfunden, und sich schon vor Ende des Tages bewußt gewesen sei, daß aus seinem Scherz tiefster Ernst für ihn geworden, und daß er — nun kurz, was man in solchen Fällen sagt.
„Und Lottchen,“ fügte er dringend hinzu, indem er ihre Hand nahm, „wenn ich Ihren Thränen eine Deutung geben darf, wenn auch Sie jener alten Geschichte von der „Liebe auf den ersten Blick“ seit gestern glauben gelernt haben, dann lassen Sie mir als ersten Beweis davon Verzeihung zutheil werden, oder lieber,“ fügte er lächelnd hinzu, da sie ihn, wenn auch noch durch Thränen, doch schon wieder freundlicher ansah, „seien Sie so böse auf den „Kaufmann Schröter,“ wie Sie nur irgend wollen, aber haben Sie den Lieutenant Sterneck dafür umso lieber — was meinen Sie? Darf ich mich Ihren Eltern vorstellen, und ihnen sagen, daß Sie mir diesen Besuch gestattet haben?“
Nun, Lottchen war nicht von Stein, sie sagte zwar nicht ja, aber sie nickte mit dem Kopfe, und das that dieselben Dienste!
Näher kommende Schritte ließen unser Paar etwas bestürzt auffahren, und Fritzens Schreck steigerte sich zu plötzlichem Entsetzen, als der Störenfried sich in der sonst harmlosen Gestalt eines Briefträgers präsentirte, der in geschäftsmäßigem Tritt, ohne rechts oder links zu blicken, an ihnen vorüber nach der Stadt ging. „Glaubst du, dieser Adler sei dir geschenkt?“ schien mit feurigen Buchstaben um die Mütze des ehrlichen Postbeamten geschrieben — was für eine Pandorabüchse konnte jene Ledertasche sein!
Fritz verbarg mit Mühe seine Verwirrung, und trennte sich von seiner reizenden Braut, wo die Anlagen in die Stadt münden, mit dem nochmaligen Versprechen, sobald es seine Zeit gestatte, sich bei ihren Eltern einfinden zu wollen. Noch ein herzlicher Händedruck, und ihre Wege führten auseinander. Lottchen trippelte mit der ihr eigenen, anmuthigen Schnelligkeit von dannen, und Fritz wandte wohl noch zehnmal den Kopf, um mit Freude und Gewissensangst der Verschwindenden nachzusehen.
Als er einige Stunden später in stiller Beklommenheit auf seinem Sopha saß, klopfte es, der Bursche brachte ihm einen Brief, Poststempel Neu-Tessin! Nun also! Fritz hatte noch nie vor der Mündung einer geladenen Pistole gestanden, er wußte demnach nicht aus Erfahrung, wie einem dabei zu Muthe ist, ungefähr konnte er sich’s aber nach diesem Moment vorstellen. Es hilft doch nichts — auf mit dem Brief! Er lautete:
Mein verehrter, junger Freund!
Ihr Schreiben hat mich und die Meinigen geehrt und erfreut. Wir nehmen Ihre Bewerbung um unsere Tochter gern an, und hoffen, in Ihnen einen lieben Sohn zu finden. Meine Frau wollte schon bei unserem letzten Zusammensein ganz klar die demnächstigen Ereignisse voraussehen, doch hielt ich dies für eine Illusion, zu der das weibliche Geschlecht in Betreff von Heirathsabsichten ja stets neigt. Nun hat sie doch Recht behalten!
Wir erwarten Sie morgen Abend zum frohen Verlobungsmahl, und wollen dann alles andere mündlich erörtern. Ein Gruß von Malchen wird Ihnen wohl nicht unangenehm sein?
Ihr treu ergebner Schwiegervater in spe
Solgers, Amtsrath.
Der Brief trug das Datum des gestrigen Sonntags.
Das lähmende Entsetzen, welches sich unseres Fritz beim Durchlesen dieses an sich ja sehr netten Schreibens bemächtigte, spottet jeder Beschreibung. Er starrte den verhängnißvollen Zettel an, eigentlich ohne Bewußtsein, er las ihn wieder, und noch einmal, aber auch nicht ein Schimmer von Zweifel ließ sich daraus entnehmen!
„Bei unserem letzten Zusammensein will die Amtsräthin etwas gemerkt haben,“ murmelte er dumpf, „ich habe nichts gemerkt! Wann soll denn das gewesen sein? Ich bin ja seit fast vier Wochen nicht in Tessin gewesen — nun, es wird doch am Ende etwas daran sein! Es muß wohl den Tag sehr guten Punsch gegeben haben,“ sagte er gedankenlos vor sich hin.
Fritz sprang auf und schritt in wahrer Verzweiflung im Zimmer auf und ab, sein Herz schlug so laut vor Angst, daß er es zu hören meinte. War wohl je ein Mensch in solcher schrecklichen Lage, und solchen verwickelten Familienverhältnissen! Nun hatte er zwei Bräute, zwei Schwiegermütter und zwei Schwiegerväter, von denen der ihm bekannte ein wahrer Bär von deutscher Grobheit war.
Wessen er sich versah, wenn er mit seiner Beichte in Tessin herausrückte, war gar nicht auszudenken, und er durfte doch nicht wieder grob werden; hatte er nicht frevelhaft den Hausfrieden und Seelenfrieden einer glücklichen Familie gestört? Und Amalie schien ihn nun doch zu lieben, der schalkhafte Schlußsatz des Briefes deutete auf das Aergste!
Armer Fritz, zwei Mädchenherzen liegen zu deinen Füßen, eines mußt du unfehlbar zertreten, magst du einen noch so künstlichen, moralischen Eiertanz ausführen!
Aber alles jammern und sich abmartern nützte nichts, jetzt hieß es handeln, rasch, klug und rechtlich, er hatte nie gedacht, daß dies so schwer wäre!
In einer halben Stunde ging der letzte Zug an diesem Tage nach Tessin ab, und man erwartete ihn „zum fröhlichen Verlobungsmahle!“ Sollte er schreiben? das war ihm unmöglich, er konnte sich nicht entschließen, seine Schandthaten schriftlich in das Familienarchiv des Amtsraths niederzulegen, nein, es mußte ausgebadet werden! Er schickte den Burschen nach einer Droschke, und während dieser unterwegs war, schrieb er eilig und innerlich zerfleischt von Höllenqualen einige Zeilen an Lottchen, worin er ihr mittheilte, daß Familienangelegenheiten unaufschiebbarer Natur ihn zwängen, die Stadt auf einige Stunden zu verlassen. Sie möge ihm nur vertrauen, der nächste Tag finde ihn sicher bei ihr und ihren Eltern.
Schweren Herzens sandte er den Brief an seinen Bestimmungsort ab, und fuhr dann zur Bahn. Seine stille Hoffnung, er werde den Zug versäumen, und sich auf diese Weise eine Galgenfrist schaffen, trog, er kam rechtzeitig an, und die Stunde, welche die Stadt und Neu-Tessin trennt, war bald auf Dampfesflügeln durcheilt.
Das von dem Amtsrath bewohnte Dominium Tessin, lag etwa zehn Minuten von der Bahnstation Frankenberg. Als Fritz den Zug verließ, entdeckte er bald die wohlbekannte, geschlossene Chaise seines Schwiegervaters Nr. 1, wie er ihn in Gedanken nannte, denn nach dem alten Sprichwort: „wer zuerst kommt, mahlt zuerst,“ hatte Amalie entschieden den Vorrang bei diesem seltsamsten aller Wettrennen.
Ein ihm fremder Kutscher lenkte das Gefährt, und blickte spähend in die aussteigende Menschenmenge. Als Fritz sich ihm näherte, und zur Sicherheit sich noch einmal erkundigte: „Herrn Amtsrath Solgers Wagen?“ nickte der Rosselenker, und frug, das trübselige Gesicht vor ihm mit einigem Mißtrauen betrachtend: „sind Sie der Herr Bräutigam?“
Unwillig bejahte der gequälte Fritz, und bald rollte das Gefährt auf der Landstraße dahin. Noch eine Biegung des Weges, da lag das Amtshaus, von der untergehenden Sonne vergoldet, vor ihm.
Als Fritz sich dem Hofe näherte, welchen man zu passiren hat, ehe man das Haus erreicht, begrüßten ihn zwar arg verstimmte, aber doch wohlgemeinte, schmetternde Klänge, die Dorfkapelle blies einen Tusch. Die durch diese Ovation etwas erregten Pferde ließen sich erst schwer zum Stehen bringen, Fritzens verstörte Augen bemerkten über der Hausthür eine dicke Guirlande, und als er, halb betäubt vor Verwirrung, dem Wagen entstieg, strömte ihm der warme Duft von Punsch und Braten festlich entgegen.
Vor der Thür stand der Amtsrath im schwarzen Leibrock, das Ordensbändchen im Knopfloch, die Amtsräthin im Seidenkleide, neugierige kleine Schwäger, Schwägerinnen und Dienstboten drängten sich im Hausflur, Malchen schien sich in bräutlicher Verschämtheit im Hintertreffen zu halten.
Fritz schwankte, wie ein Gerichteter, der das Schaffot besteigen soll.
Aber Unerwartetes begab sich.
Das dröhnende „Willkommen,“ mit dem der Hausherr den Wagen bereits anzuschreien begonnen hatte, verstummte plötzlich wie abgeschnitten, als er unseren Fritz erblickte. Es wäre schwer zu sagen, wessen Züge die größere Verlegenheit ausdrückten, die des Ankommenden, oder die der Erwartenden.
Die Amtsräthin machte kurz kehrt, und zerstreute mit Wort und Geberde die Neugierigen im Hausflur, dann ward sie nicht mehr gesehen.
Ihr Gatte erhob mechanisch die Hand, kratzte sich hinter dem Ohr, und — schwieg.
Fritz schwieg auch, ihm war fürchterlich zu Muthe. Er glaubte, er mußte ja glauben, daß der Anblick seines bleichen, deprimirten Gesichts so niederschmetternd auf die schwiegerelterlichen Nerven wirke, daß man keine Worte fände, ihn fröhlich als fröhlichen Bräutigam zu grüßen.
Aber dies gegenseitige, schweigende Anstarren war zum Tollwerden! „Noch zwei Sekunden so,“ dachte Fritz, „und ich gebe Fersengeld, und laufe, so weit mich meine Füße tragen.“
Er räusperte sich mehrmals, streckte etwas gezwungen die Hand aus, und begann: „Sie waren so überaus gütig, Herr Amtsrath —“
Der alte Herr sah starr auf den Boden nieder, ergriff die dargebotene Hand und schüttelte sie kräftig, dann sagte er mit bedrückter Stimme: „Bitte, bitte, nicht Ursach’, mein lieber Freund! Ich hatte freilich nicht erwartet — aber wollen Sie nicht einige Augenblicke näher treten? Wir können unsere Besprechung ja in meinem Zimmer vornehmen.“
Er ließ dem Schwiegersohn höflich den Vortritt ins Haus und öffnete die Thür seiner zu gleicher Erde belegenen Wohnstube, in die ihm Fritz ungefähr mit den Gefühlen folgte, die man im Vorzimmer des Zahnarztes durchzumachen pflegt.
„Darf ich Ihnen eine Cigarre anbieten?“ unterbrach der Amtsrath die Grabesstille.
„Sie sind sehr gütig!“ und Fritz begann zu rauchen, und zwar mit einem Eifer, als hinge sein Leben daran, daß er die Cigarre in zehn Minuten bis auf die letzte Spur vertilgt habe.
Der Amtsrath paffte eben so krampfhaft in seiner Ecke.
Endlich erhob sich Fritz, und stellte sich, militärisch hoch aufgerichtet, vor den alten Herrn.
„Ich weiß in der That nicht, Herr Amtsrath, was Sie von mir denken werden, wenn ich Ihnen eine Erklärung meiner Handlungsweise gegeben habe, die —“
„Aber ich bitte Sie, mein lieber, junger Freund,“ erwiderte der Alte ganz ängstlich, „wozu wollen Sie sich und mir eine solche unnöthige Qual bereiten! Ich habe ja alles, was zu der Sache irgend zu sagen war, in meinem Briefe auseinandergesetzt, und um Ihnen die Situation zu erleichtern, wiederhole ich Ihnen noch einmal mündlich, was ich schriftlich sagte, an meinem und meiner Tochter Entschluß ist nichts mehr zu ändern, wenn Sie eine derartige Absicht herführt, so ist jedes Wort unnöthig.“
Fritz rang mit dem Tode! Er sah die Zornader auf der Stirn des Alten schon im Geiste anlaufen, aber es half nichts — durch!
„Herr Amtsrath!“ begann er von neuem, und fuhr sich mit dem Taschentuch über die Stirn, „halten Sie mich für einen Elenden — ich halte mich selbst dafür, aber ich beschwöre Sie bei allem, was Ihnen heilig ist, mein Gott, wie soll ich mich nur ausdrücken? ich flehe Sie an, nehmen Sie Ihr Wort zurück!“
„Aber sagen Sie mir, Herr,“ rief jetzt der Amtsrath, „was ficht Sie denn eigentlich an? Allen Respekt vor Ihnen, aber Sie benehmen sich, um mich ganz gelinde auszudrücken, wie ein Narr! Seien Sie ein Mann, fügen Sie sich ins Unvermeidliche, was ich gesagt habe, habe ich gesagt! Ich werde mich doch jetzt nicht zum Gespött der ganzen Gegend machen, als ein alter Schwachkopf, der nicht weiß, was er will! Meine Tochter ist Braut — und damit basta.“
„Nun dann,“ sagte Fritz mit der Ruhe eines Verzweifelten, „dann bleibt mir nichts übrig, als mir eine Kugel vor den Kopf zu schießen! Ich habe wie ein Ehrloser gehandelt, ich muß die Folgen tragen! Denken Sie von mir, was Sie wollen, aber ich kann Ihre Tochter nicht heirathen!“
„Was!“ schrie der Amtsrath und sprang auf, „was sagen Sie da?“
„Ich kann Ihre Tochter nicht heirathen,“ wiederholte Fritz dumpf und leichenblaß, „und nun machen Sie mit mir, was Sie wollen!“
„Meine Tochter nicht heirathen?“ brüllte jetzt der Amtsrath, und sprang auf Fritz zu, ihn bei den Schultern packend, „aber Mensch, wer verlangt denn, daß Sie sie heirathen? Bin ich toll, oder sind Sie toll, oder sind wir’s alle beide?“
„Ich weiß nicht,“ sagte Fritz ganz erschöpft, und sank in seinen Stuhl zurück.
Der Alte trat zum Nebentisch, goß zwei Gläser Wasser aus einer Karaffe ein, trank eins, und reichte das andere unserem Helden. „So, das schlägt nieder,“ sagte er dann etwas ruhiger, „und nun sagen Sie mir einmal, was Sie eigentlich wollen! Sie halten um meine Tochter an, ich schreibe Ihnen, umgehend, wie Sie es verlangten, eine ganz vernehmliche, möglichst freundlich abgefaßte Antwort, und statt sich dabei zu beruhigen, wie ein vernünftiger Mensch, kommen Sie hierher wie ein Tollhäusler, und schreien, Sie können meine Tochter nicht heirathen! Ich muß Ihnen gestehen, ich finde es, gelinde gesagt, sehr dumm und albern, daß Sie heute überhaupt hierher kommen!“
„Aber mein Himmel,“ rief Fritz, und durchwühlte seine Brieftasche mit zitternden Händen, „Sie haben mich ja doch selbst eingeladen!“
„Ich — Sie?“ schrie der Amtsrath noch lauter, „i, so schlag doch —“
„Hier!“ sagte Fritz lakonisch, und reichte dem alten Herrn seinen Brief hin.
Der Amtsrath las — verfärbte sich — wiegte den Kopf hin und her — plötzlich rief er: „Ach, du meines Lebens! Da habe ich eine schöne Geschichte gemacht, lieber Sterneck, ich bin ja an allem schuld! Ich habe den Absagebrief an Sie gleichzeitig mit dem Zusagebrief an meinen Nachbar Rummler geschrieben — der hielt zufällig vor zwei Tagen auch um Amalie an, und wie ich nun Ihren Brief sofort beantworten mußte, da habe ich in der Eile und Aufregung die Adressen verwechselt! Nein, das ist ja schrecklich — und nun sitzt mir der mit einem Korbe da! Er hat auch Bahnstation in Frankenberg, und der Wagen sollte ihn holen und nicht Sie! Ach, ich bin ein geschlagener Mann — ich alter Esel! Nein, ist denn das aber menschenmöglich?“
Während der Alte wie außer sich im Zimmer umherrannte, ergoß sich in Fritzens umdüsterte Seele eine wahre Sonnenhelle. Er sollte Amalien nicht heirathen — die gute, die liebe Amalie wollte ihn nicht, hatte sogar schon einen Ersatzmann gefunden — ach, das hatte er nicht verdient!
In überströmender Glückseligkeit sprang er auf und fiel dem erstaunten Amtsrath um den Hals. „Lieber, alter Freund — bester Herr Amtsrath — meine innigsten Glückwünsche — ach, so habe ich mich doch in meinem ganzen Leben noch nicht gefreut!“
Es sprach eine so innige Ueberzeugtheit aus diesen Worten, daß dem guten Amtsrath, was man ihm auch nicht verdenken kann, wieder ganz unheimlich zu Muthe wurde. Er machte sich etwas unsanft los.
„Na, lassen Sie das nur gut sein,“ sagte er, und schob Fritz mißtrauisch zurück, „was Sie denken und ob Sie sich freuen, ist mir im Augenblick ganz egal — ich weiß nur nicht, wie ich meine Eseleien wieder gut mache, ohne daß es meine Weibsleute merken, sonst haben die eine Handhabe gegen mich bis ans Ende meiner Tage!“
„Ich will Ihnen einen Vorschlag machen,“ nahm Fritz, dessen Gefühlswogen sich zu legen begannen, jetzt das Wort, „Gefallen gegen Gefallen! Borgen Sie mir Ihren Rappen bis morgen früh, dann reite ich jetzt zu Herrn Rummler hinüber und besorge Ihnen einen Brief hin, den Sie schnell schreiben, während ich mich anziehe — und dann reite ich zur Stadt und schicke Ihnen das Pferd morgen wieder heraus. Herr Rummler kann in einer Stunde hier sein und niemand erfährt etwas!“
„Ach, das ist Unsinn,“ sagte der Amtsrath, „ich will Ihnen etwas anderes sagen — mir wird das Briefschreiben sauer — geben Sie mir Ihren Brief, und ich schicke ihn zu Rummler, und schreibe nur, das wäre der richtige, und der andere wäre für Sie bestimmt. Wenn ich das schreiben kann, so ist die Sache abgemacht.“
„Meinetwegen,“ rief der glückselige Fritz, „aber den Rappen geben Sie mir mit. Ich muß nothwendig heute Abend nach Hause — Sie sollen bald erfahren, warum!“
„Ich bin nicht neugierig,“ sagte der unliebenswürdige Alte, „aber eins sagen Sie mir — warum haben Sie denn eigentlich um die Amalie angehalten, wenn Sie so froh sind, daß sie Sie nicht haben will?“
„Das ist eine lange Geschichte,“ erwiderte Fritz, und wurde roth, „wollte ich Ihnen die jetzt erzählen, so verbrennte der Braten, und der Punsch, den das Brautpaar heute noch trinken soll, würde kalt. Lassen Sie mich fort und schicken Sie den Wagen zu Ihrem Schwiegersohne. Und nun leben Sie wohl, mein lieber, guter Herr Amtsrath — sagen Sie Ihren Damen — — was Sie wollen! Ich lasse mir den Rappen satteln!“
Im Hause des Amtsraths ging es den Abend noch sehr lustig her — in manchen anderen Häusern gewiß auch — es giebt ja, trotz aller Pessimisten, noch immer eine ganze Menge vergnügter Leute auf der Welt — aber ein fröhlicherer Geselle, als unser Fritz, den sein tänzelnder Rappe durch den schönen Sommerabend nach der Stadt hin trug, die sein Glück barg, war an diesem Abend schwerlich zu finden! — Wie er es angefangen hat, seine reizende Braut mit dem zweiten Akt der Komödie zu versöhnen, die er auf der Landpartie zu spielen begonnen — das geht uns nichts an. Er wird schon mit ihr fertig geworden sein!
W. Moeser Hofbuchdruckerei, Berlin, Stallschreiber-Straße 34. 35.