Was Strachow über jene Reise Dostojewskys sagt, welcher er sich von Genf aus angeschlossen, ist nicht sehr viel. Er erwähnt Dostojewskys Zusammenkunft mit Herzen in London, worüber der Dichter selbst im Feuilleton des Grashdanin vom Jahre 1873 erzählt, und er meint, dieser habe sich Herzen gegenüber sehr „weich“ verhalten, so dass die „winterlichen Betrachtungen“ ein wenig unter dem Zeichen dieses Einflusses ständen. Später aber, in den folgenden Jahren, habe Dostojewsky oft seinen Unwillen darüber geäussert, dass Herzen nicht imstande sei, den Geist des russischen Volkes zu begreifen und die Merkmale seines eigensten Wesens zu würdigen. „Der Aufklärungshochmut, die verachtende Geringschätzung Herzens empörten Dostojewsky, der sie sogar in Gribojedow, dem Verfasser des Stückes: „Wehe dem Gescheidten“, gerade so verurteilte, wie in unseren Revolutionären und kleinlichen Denunzianten.“ Was Strachow über ihr Zusammensein in Italien erzählt, bestätigt nur, was wir aus des Dichters späteren Dresdener Briefen erfahren, nämlich, dass er nicht nur die gewöhnliche, „offizielle Art, verschiedene merkwürdige Punkte mit einem Führer zu besichtigen, verachtete,“ sondern sich überhaupt weder um die Natur noch um die Kunstschätze eines Ortes kümmerte, sondern immer nur dahin ging, wo es am lebhaftesten war und möglichst viele Menschen aller Kategorien und Klassen zu finden waren. Sie waren einmal zusammen in die Uffizien gegangen; da sie aber nicht nach einem ausgearbeiteten Plan vorgingen, der sie schnell zu den Meisterwerken geführt hätte, so war Theodor Michailowitsch schon sehr bald so gelangweilt, dass sie wieder fort gingen, ohne bis zur medicäischen Venus gelangt zu sein. Dafür waren ihre Spaziergänge in volkreichen Teilen der Stadt und ihrer Umgebung, obwohl sie auch hier nicht bis zu den Cascinen kamen, sehr erfreulich, sowie ihre Nachtgespräche bei einem Glase roten Nostranos.

Der so folgenschwere Artikel nun, welchen Strachow anfangs des Jahres 1863 im „Wremja“ veröffentlichte, erschien unter dem Titel „Eine verhängnisvolle Frage“ und behandelte den polnischen Aufstand, ein Ereignis, über welches die Meinungen noch nicht geklärt, die Parteinahme jedoch schon aufgeregt und die Stimmung sehr gespannt war, ohne dass irgend ein Blatt noch das Wort darüber ergriffen hätte. Es waren allerdings schon vor dem Aufstande Stimmen darüber laut geworden, dass Russland Polen eingenommen habe, wie eine schädliche Medizin, und es wohl am ratsamsten wäre, diese wieder von sich zu geben. Allein seit Beginn des Aufstandes schwieg Alles. In diese Spannung hinein kam Strachows Artikel, der unglücklicherweise so abstrakt gehalten war, dass er von allen Parteien missverstanden wurde. Die Slavophilen verstanden ihn als einen Abfall von der russischen Sache des Volkes; die Regierung in ihrem Fühlorgan der Zensur sah eine Parteinahme für die Polen gegen die Obrigkeit darin, und das Schlimmste war, wie Strachow sagt, dass die Polen und ihre Parteigänger ihn von nun an zu den Ihren zählten, den Artikel abdruckten, sowie ihn auch die Revue des deux mondes brachte: das Missverständnis lag darin, dass Strachow die ältere Kultur der Polen hervorhob, die sie über das urwüchsige russische Volkstum hinwegsehen und hinwegstreben mache. Dass aber diese Kultur eine ewig edelmännische, volksfeindliche gewesen sei und es bleiben werde und müsse, hatte der Autor so theoretisch und objektiv hingestellt, dass nur die wenigsten es verstanden, den schweren Anwurf gegen die Polen zu finden, der darin lag, und die tiefe Kluft zu sehen, die für immer unüberbrückbar zwischen diesem Volke ritterlicher Vergangenheit und jenem gähnt, dessen ganze Entwickelung auf den Elementen des Volkslebens sich langsam aufbaut.

In seiner Erläuterung jenes Artikels sagt Strachow unter anderem: „Der polnische Aristokratismus ist an und für sich sowohl, als auch im Verhältnis zu den russischen Provinzen für jeden Russen etwas Widerwärtiges. Ja, er ist es, der mehr als alles andere Polen zu Grunde gerichtet hat. Indessen hatte sich dieser Aristokratismus entwickelt und erhält sich noch heute durch eine alte Aneignung europäischer Kultur. Daraus geht hervor, dass das Böse auch in einer so guten Sache enthalten sein kann, wie die Aufklärung eine ist, dass es manchmal besser ist, in der Kultur zurückzubleiben, aber seine seelische Gesundheit zu bewahren und nicht in jenen hoffnungslosen Zerfall von Bestrebungen und Gefühlen zu geraten, in welchem sich die Polen befinden. In diesem Sinne hatte ich meinen Artikel „Eine verhängnisvolle Frage“ betitelt. Ich war bereit gradaus zu sagen, dass für die Polen keine Rettung mehr möglich sei, dass die Geschichte sie zum Untergang verurteilt habe.

Das war, ich wiederhole es, allzu abstrakt, unklar ausgedrückt, es stimmte nicht zu den geläufigen Anschauungen und wurde verkehrt aufgefasst.“

Dostojewsky war gleich mit diesem Artikel nicht sehr zufrieden gewesen, was Strachow anfangs verletzte. Als aber in der Folge das Blatt von allen Seiten angefeindet und endlich auch durch die Zensur verboten wurde, da war es Dostojewsky, welcher in einer heftigen, sehr persönlichen Replik gegen die „Moskauer Wjedomosti“ dafür eintrat. Er sagte unter anderem: „Ja, was haben wir denn die ganzen drei Jahre her in unserer Zeitschrift gepredigt? Eben dies, dass unsere (heutige russische) von Europa entlehnte Zivilisation auf jenen Punkten, wo sie mit dem breiten russischen Geiste nicht zusammentrifft, dem russischen Volke nicht passt; dass dies heisst, einen Erwachsenen in ein Kindergewand zwängen, endlich, dass wir unsere Elemente, unsere Grundlagen, unsere nationalen Grundlagen haben, welche Selbständigkeit und Selbstentwickelung verlangen; dass die russische Erde ihr neues Wort sagen wird und dieses neue Wort vielleicht einmal das neue Wort der allgemein menschlichen Zivilisation sein und die Zivilisation der ganzen slavischen Welt in sich zum Ausdruck bringen wird. In den Elementen unserer nationalen Zivilisation haben wir immer die Merkmale der Scholle sehen können, während in jener Europas die Merkmale des Aristokratismus und Exklusivismus zu sehen sind. Ja, noch mehr, wir gestehen, dass wir, d. h. alle auf europäische Art zivilisierte Menschen, uns von unserem Boden losgerissen, alles russische Empfinden verloren haben, so sehr, dass wir an unsere eigene russische Kraft, an unsere Eigenart nicht glauben und uns wie Sklaven vor der Peterschen Holländerei in den Staub niederwerfen, über das Wort „nationale Grundlagen“ lachen und es als einen Rückschritt, einen Mystizismus betrachten.“ „So haben wir denn in unserem Artikel auf das hingewiesen — was Sie (der Gegner) auch im Traum nicht wagen würden — auf das, was auch der Kaiser Alexander der Erste ernst und aufrichtig achtete, welcher eben aus Achtung für die polnische Zivilisation den Polen höhere Einrichtungen gab, als den Russen, die er kulturell bedeutend tiefer stehend erachtete, als jene ...“

Dieser Ausfall Dostojewskys war seinen Anschauungen und Bestrebungen vollkommen entsprechend, jedoch, wie es scheint, war er blind für das, was das Blatt thatsächlich an politisch-nationaler Mission in diesen drei Jahren mochte ins Werk gesetzt haben. Strachow selbst sagt, der belletristische Teil sei bedeutend reicher und vorzüglicher gewesen, als der politische, der eigentlich noch nicht in dem Fahrwasser gewesen sein muss, wie wir es bei den später von Dostojewsky redigierten Zeitschriften sehen. Auch ist dies in dem heftigen Ausfall bestätigt, den der Vollblut-Russophile J. S. Aksakow auf Strachow machte und welchen dieser in kurzem Auszuge bringt: Aksakow schreibt 6. Juli 1863: „... Sie berufen sich vergebens auf die „Richtung“ der „Wremja“. Obgleich sie fortwährend darüber schrie, dass sie eine Richtung habe, hat das doch niemand beachtet. Ihre Zeitschrift hat die Bedeutung eines guten belletristischen Journals gehabt, das reiner und ehrenhafter war als andere, aber ihre Prätensionen waren allen lächerlich. Dort konnten gute Artikel untergebracht werden und sie waren es auch ..., allein dies alles hat der „Wremja“ keinerlei Farbe, keinerlei Kraft gegeben. Es gebrach ihr an höheren sittlichen Grundlagen, an einer Ehrenhaftigkeit höherer Ordnung. Sie hat die Unverschämtheit gehabt, in ihrem Programm auszusprechen, dass sie das erste Journal gewesen sei, das in der russischen Litteratur die Existenz eines russischen Volkstums entdeckt und proklamiert habe! Es giebt keinen so grossen Feind des Slavophilentums, den dies nicht empören würde. Und dann die naive Verkündigung, dass das Slavophilentum eine überlebte Sache sei und der Weg zum Leben, das neue Wort, jetzt bei der „Wremja“ zu finden sei! Die Slavophilen können alle, bis auf den letzten, sterben, dennoch wird die von ihnen eingeschlagene Richtung nicht zu Grunde gehen — und damit verstehe ich diese Richtung in all ihrer Strenge und Unerbittlichkeit, nicht für den Geschmack des cancanierenden Petersburger Publikums zugerichtet. — Dieses Buhlen um die Gunst des Publikums, dieser Wunsch, den Unseren und den Eueren zu dienen, dieses Von-oben-herab- und verächtliche Traktieren der Slavophilen im ersten Programm der „Wremja“, das ist’s, was dieses Journal in der öffentlichen Meinung zu Falle gebracht hat, während wir Slavophilen, wie Sie wissen, nirgends, nicht mit einem einzigen Worte an die „Wremja“ gerührt haben, weil unsere Überzeugungen eben keine Frage persönlicher Eigenliebe sind .... Übrigens kann in Petersburg gar keine Zeitschrift volkstümlicher Richtung herausgegeben werden, denn die erste Bedingung, um das gebundene Volksgefühl in uns freizumachen, die ist — Petersburg zu hassen mit unserer ganzen Seele und allen unseren Kräften. Ja, man kann sich überhaupt nicht zum christlichen Glauben bekennen (und das Slavophilentum ist nichts anderes als eine höhere Verkündigung des Christentums), ohne sich vom Satan loszumachen, loszusagen und loszuspucken[21].“

Strachow bringt diesen zornsprühenden Brief hauptsächlich darum, weil einige darin befindliche Worte der Anerkennung über die Zeitschrift sich doppelt vorteilhaft von dem Zorn-Hintergrunde des Schreibens abheben. Eine weitere Erläuterung knüpft er an den Vorwurf der Petersburgerei und verwahrt sich dagegen, da weder er noch die Brüder Dostojewsky, noch einer der anderen Mitarbeiter Petersburger seien, sondern echte Moskowiten, in denen ein langer Aufenthalt in Petersburg gerade ein starkes Heimweh nach dem Moskauer Boden, sowie Abneigung gegen das kosmopolitische Leben der Hauptstadt geweckt hatte.

Für uns ist an diesem Kampfe das Orientierende und Bezeichnende die Kluft, welche damals noch zwischen den Heisssporn-Slavophilen und Dostojewsky bestand und welche im Verlauf der Zeit durch des letzteren immer rückhaltslosere Hingabe an den nationalen Gedanken, allerdings bei Aufrechthaltung seiner Eigenart, immer kleiner wurde. Die Zeitschrift wurde also verboten, was den Herausgeber Michail Michailowitsch in grosse Geldverlegenheiten stürzte, da die Subskriptionsgelder schon eingelaufen und verbraucht waren, nun aber zurückgegeben werden mussten, und er ausserdem durch die Auflassung seiner bis jetzt innegehabten Cigarettenfabrik ganz allein auf den Erwerb durch die Feder angewiesen war und eine grössere Familie zu erhalten hatte.

Indessen war es für Theodor Michailowitsch, auf dessen Gesundheit der erste Aufenthalt im Auslande sehr günstig gewirkt hatte und der nun durch die Auflösung des Journals freier wurde, notwendig geworden, abermals Erholung zu suchen, und er machte sich ein zweites Mal auf den Weg nach Europa. Hier erzählt Strachow, Dostojewsky habe schon bei seinem ersten Ausfluge nach Paris Bekanntschaft mit dem Roulettespiel gemacht und sei so glücklich darin gewesen, dass er 11000 Frs. gewonnen habe, was ihm für die Reise sehr zu statten gekommen sei, in ihm aber die Erwartung zurückgelassen habe, er werde ein anderes Mal vom Glück ebenso begünstigt werden. Es war die Lockung des Spiels gerade für ihn eine doppelte. Fand der leidenschaftliche Geist des Dichters in den wechselnden Chancen des Spiels selbst ganz subjektiv die Nahrung, deren er bedurfte, die Erregung des Spieltriebes, ohne die er nicht leben konnte, so fand der feine und scharfe Beobachter in der ganzen Situation eine Fülle von Details, die er in seinem Gedächtnis aufspeicherte, im Verhalten der Mitspielenden alle jene Nüancen menschlicher Leidenschaften und Triebe ausgedrückt, die er aus seinem eigenen Wesen heraus so wohl verstand und zu deuten wusste.

Diesem Blick in die eigene Brust verdanken wir ja viele der tiefsinnigsten und genialsten Herausarbeitungen des Menschwesens in Dostojewskys Werken, und wenn irgend einer dazu berufen ist, uns die neue Ethik des Vollmenschen in seiner grössten Kompliziertheit und Verstricktheit von gut und böse zu verkünden und zu sagen: „Sieh’, dies ist der Mensch und so ist es gemeint, dass du ihn lieben sollst“, so ist es Dostojewsky, der bei aller Hassenskraft, die er gegen das Laster ausströmt, bei allem Zorn, mit dem er Irrtümer des Geistes und namentlich des Herzens verfolgt und vertilgen möchte, doch der Einzige ist, der eine Ahnung in uns davon erweckt, was man mit dem Leben und Lieben eigentlich alles anfangen kann.

Die unmittelbare Frucht von des Dichters zweiter Reise ist sein Roman: „Der Spieler“. Hören wir in einem Briefe an Strachow, vom 30. September 1863, was er selbst darüber sagt. Natürlich spielt sich hier, wie immer, die alte Geschichte ab — die Idee zum Roman ist da, Geld keines — also voraus verkaufen, die Beschwörungen, die zwingenden Wiederholungen, das Ausrechnen, bis zu welchem Tage das Geld eintreffen müsse, sonst sei er verloren, kurz das ganze heftige, aufreibende Überreden und Überzeugenwollen, wie wir es schon kennen! Er fährt also fort: „Jetzt habe ich nichts fertig. Allein es hat sich ein ziemlich (wie ich selbst urteile) günstiger Plan zu einer Erzählung in mir aufgebaut. Er ist zum grössten Teil auf Zettelchen geschrieben. Ich habe sogar schon anfangen wollen, ihn aufzuschreiben, allein — es geht hier nicht. Es ist sehr heiss und zudem bin ich an einen solchen Ort, wie Rom ist, auf eine Woche gekommen. Kann man aber in dieser einen Woche in Rom schreiben? Auch ermüde ich sehr beim Gehen. Das Sujet meiner Erzählung ist folgendes: — ein Typus des Russen im Auslande. Bemerken Sie: über die Russen im Auslande wurde diesen Sommer in den Journalen viel geschrieben. Das alles wird in meiner Erzählung einen Widerhall finden. Ja, im allgemeinen wird sich darin der heutige Zustand unseres internen Lebens wiederspiegeln (so weit als möglich natürlich). Ich nehme eine Natur, die Unmittelbarkeit besitzt, dabei hochentwickelt, in allem unfertig, dem Glauben entfremdet und doch nicht wagend, nicht zu glauben, sich gegen die Autoritäten auflehnend und sie doch fürchtend. Er beruhigt sich damit, dass er nichts in Russland zu thun habe — daher: strenge Kritik der Leute, welche aus Russland die im Ausland Weilenden herbeirufen. Aber das kann man ja nicht so erzählen. Es ist eine lebendige Person — (er steht förmlich leibhaft vor mir) — man wird es lesen müssen, wenn es geschrieben sein wird. Der Hauptwitz dabei ist der, dass alle seine Lebenssäfte, seine Kraft, Energie, Kühnheit — alles von der Roulette verbraucht wird. Er ist ein Spieler, und kein gewöhnlicher Spieler, so wenig wie der geizige Ritter Puschkins ein gewöhnlicher Geizhals ist (dies ist durchaus keine Vergleichung meiner selbst mit Puschkin, ich sage es nur der Klarheit wegen). Er ist in seiner Art ein Dichter, allein die Sache ist so, dass er sich selbst dieser Poesie schämt, da er in tiefster Seele ihre Niedrigkeit empfindet, wenn auch die Notwendigkeit des Risiko ihn in den eigenen Augen hebt. Die ganze Erzählung ist eine Erzählung davon, wie er schon das dritte Jahr in den Spielhäusern Roulette spielt.

Wenn das „Tote Haus“ die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich gelenkt hat, als eine Darstellung von Sträflingen, welche niemand vorher aus eigener Anschauung geschildert hatte, so wird diese Erzählung unbedingt durch die eigene Anschauung und detaillierte Schilderung des Roulettespiels die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Ausserdem, dass solche Artikel bei uns mit ausserordentlichem Interesse gelesen werden, hat das Hazardspiel in den Badeörtern, besonders in Bezug auf die im Auslande befindlichen Russen, eine gewisse Bedeutung.

Endlich glaube ich annehmen zu können, dass ich alle diese höchst interessanten Vorwürfe mit feinem Gefühl, mit Vernunft und in einem Fluss darstellen werde.“

Den Schluss des Briefes bildet ein ganzer Feldzugsplan, wie man auf dieses noch nicht geschriebene Buch bei Boborykin, dem damaligen Redakteur der „Lesebibliothek“, voraus Geld nehmen könne. Michael Michailowitsch protestierte vergebens dagegen, dass sein Bruder eine Arbeit bei Fremden erscheinen lassen sollte. Er hätte es vorgezogen, dass Theodor Michailowitsch so lange warte, bis der Bruder sie in einem neu zu gründenden Blatte herausgeben könnte. Allein die Not drängte, so wurde man Handels einig, und Michael trat schweren Herzens zurück. Indessen ist dieser Roman niemals bei Boborykin erschienen, sondern erst viel später, im Jahre 1867 unter Umständen, welche eine grosse Wandlung in des Dichters Leben herbeizuführen bestimmt waren. Das vorher genommene Geld musste endlich nach Gründung der „Epocha“ auf Drängen Boborykins wieder herausgegeben werden.

Strachow bringt jenen Brief des Dichters in extenso, breitet sich auch sehr über die Nebenumstände und Details jener Geldkalamität aus, unterlässt es aber merkwürdigerweise, hier über die abermals unrichtige Wertschätzung des Dichters, zwei seiner Werke anlangend, ein Wort zu verlieren. Wer aber konnte darüber im Zweifel sein, dass hier wieder ein solcher Mangel objektiven Urteils von Seiten des Dichters mit unterlief, wie damals, als er den Roman „in neun Briefen“ den „Armen Leuten“ an die Seite stellte. Allerdings ist „Der Spieler“ künstlerisch als Ganzes genommen eine vollwertige Einheit, und Stellen wie jene, wo der Spieler das geliebte Mädchen am späten Abend in seinem Hotelzimmer zurücklässt und zum Roulettetisch eilt, um mit dem letzten 5 Frcs.-Stück das Geld zu gewinnen, das sie von dem zweideutigen Franzosen retten soll, der ihren Ruf in seiner Hand hat, solcher Stellen giebt es nicht allzuviele in der Weltlitteratur. Der Spieler hat nämlich mit dem letzten Goldstück unerhörtes Glück gehabt, er hat Tausende gewonnen, 20000, 30000, 50000; von einem Tisch zum andern ist er im Glückstaumel gewankt, ihm nach die Rotte, die sich an die Fersen der Glücksritter hängt. Ein Spielsaal nach dem anderen wird geschlossen, er bleibt bis zuletzt — endlich, es ist längst Mitternacht, kehrt er in das Hotel zurück. Er tritt in sein Zimmer, da sitzt Pauline auf dem Divan, vor ihr steht eine angezündete Kerze auf dem Tische. Sie sieht ihn verblüfft an — er hatte sie vergessen, ihre Situation, die Ursache seines Spiels und ihres Hierseins. Man kann wohl kaum einen Hintergrund ersinnen, von dem sich das Laster und die Seichtigkeit krasser abhebt, als diese von Liebe und Gefahr durchdämmerte, in Qualen hingebrachte Warte-Nacht des Mädchens, das ihm in sprachlosem Erstaunen zusieht, wie er den Inhalt seiner vollen Taschen triumphierend vor sie hin auf den Tisch schüttet. Bei aller Grossartigkeit dieser Episode jedoch, bei aller Feinheit mancher anderer in dem Buche, namentlich der herrlichen Zeichnung der alten Grossmutter, kann man nicht begreifen, wie Dostojewsky so nach — Publicisten-Art die Wirkung dieses Buches jener des Totenhauses an die Seite stellen kann. Es möchte uns fast scheinen, als wirkten da zwei Faktoren mit, um seine Objektivität, die ohnedies sehr gering war, zu paralysieren. Erstens die allen Dichtern anhaftende Seltsamkeit, über ihre eigenen Werke kaum je ein richtiges Urteil zu haben, und zweitens jenes innerliche Vergessen erlittener Unbill, das sich bis auf die Grösse und Wichtigkeit jenes tragischen Stoffes erstreckte. „Das Volk hätte uns gerichtet“, und „wir haben es verdient“, sagt er wiederholt; wie hätte er dies Buch anders taxieren sollen, als eine, auf „eigene Anschauung gestützte Darstellung persönlicher Erlebnisse“?

Dostojewsky musste natürlich der Spieler sehr am Herzen liegen, da er ja nicht nur den „Augenschein“ schilderte, sondern den Seelenzustand, den er selbst mehrmals in verhängnisvoller Weise durchgemacht hat. Unwillkürlich sehen wir da wieder den feurigen, leidenschaftlichen kleinen Theodor vor uns, wie er mit den Geschwistern Karten spielt und in seiner Ungeduld das „Glück korrigiert“; und doppelt verständlich wird uns die Mission des Dichters, der selbst so viel „vom Stoff der Schuld“ in sich getragen.

Von den persönlichen Erlebnissen des Dichters in der Zeit von 1862-64 haben wir ausser den oben von Strachow mitgeteilten Nachrichten wenig Kenntnis. Seine Korrespondenz mit Marja Dmitrjewna ist zur Stunde wohl im Besitze Anna Grigorjewnas, seiner zweiten Gattin; auch die Korrespondenz mit den Freunden, Wrangel, Maikow und anderen scheint entweder zu stocken, oder es ist nach allem, was wir vermuten dürfen, den noch Lebenden eine Pietätverletzung, etwas von ihren Schätzen einem weiten Kreise mitzuteilen. Wir können jedoch insofern getrost auf gewisse intimere Details verzichten, als wir uns gerade bei Dostojewsky nichts aus den Legenden holen könnten, die das Leben grosser Dichter umspinnt, und es uns gleichgiltig sein kann, mehr oder weniger von den kleinen Episoden seines Lebens in unsere Schilderung einzureihen; Episoden, die ihn nicht erhellen, sondern vielmehr von seinem ein für allemal feststehenden Wesen erst ihre Farbe und ihr Licht erhalten. Zudem gehörte sein Denken und Fühlen ganz der Allgemeinheit; da ist es also, bei den grossen Ereignissen der Heimat und den grossen Interessen der Menschheit, wo wir ihn aufsuchen müssen.

Des Dichters Rückkehr nach Russland scheint durch die Verschlimmerung im Gesundheitszustande Marja Dmitrjewnas ihren Grund gehabt zu haben. Wann sie stattfand, weiss auch N. Strachow nicht uns zu sagen. Marja Dmitrjewna war von den Ärzten nach Moskau geschickt worden und das wohl bald nach den grossen Petersburger Bränden, den polnischen Unruhen und ihres Gatten Abreise, also im Sommer oder Herbst 1863. Die schwere Erkrankung der Gattin veranlasst offenbar seine Zurückkunft. Wir finden ihn im November dieses Jahres in Moskau, wo er jedoch nicht bleibt, da ihn geschäftliche Unternehmungen nach Petersburg treiben. Vor allem handelt es sich um die Erlaubnis zur Gründung eines neuen Journals, dem die Brüder den Namen „Die Wahrheit“ geben wollen.

Um den Lesern darüber Klarheit zu geben, dass sich unter dem neuen Namen das Blatt und seine Richtung kundgebe, wollte Dostojewsky schon in der ersten Zeile darauf hinweisen, da es etwa heissen sollte: die Zeit (Wremja) verlangt nach Wahrheit usw., die Zensur jedoch, welche nach dem Irrtum ihres Verbots ins Schwanken geraten war, wusste nicht mehr recht, was zu gestatten, was zu verbieten sei, fand den Namen zu anzüglich, und so musste man sich für „Epocha“ entscheiden. In welcher Weise Theodor Michailowitsch über die Pflicht der Wahrheit auf breitester Basis dachte, bezeugt die Stelle in einem Briefe an den Bruder, wo es heisst: „Der zweite Aufsatz des Journals wird keinerlei Einfluss auf den Leitartikel haben. Die Besprechung des Tschernyschewskyschen Romans und jenes von Pissemsky würden grossen Effekt machen und, was die Hauptsache ist, unserem Programm gemäss sein. Zwei einander entgegengesetzte Ideen und beiden gerecht werden — also: Wahrheit“.

Man machte sich dann an die Arbeit. Der grosse Erfolg der durch ein Missverständnis eingegangenen „Wremja“ machte die Brüder über den zu erwartenden Erfolg der „Epocha“ allzu sanguinisch sicher. Unter den Mitarbeitern befanden sich noch immer Schtschedrin, Njekrassow und der glänzende Kritiker Apollon Grigorjew. Indessen hatte das Blatt sehr bald gegen intellektuelle und materielle Hindernisse anzukämpfen. Zu den tieferen Schäden gehörte die Abwendung der oben genannten berühmten Dichter, welchen die immer stärker zu Tage tretende slavophile Richtung der Brüder nicht zusagte, die schnell aufeinander folgenden Todesfälle, deren Opfer Marja Dmitrjewna, der Bruder Michael Michailowitsch und zuletzt Grigorjew (1864) waren; die Folge davon war in erster Linie der Irrtum im Publikum, dass der Dostojewsky gestorben sei, dessen Werke es bewunderte, woraus eine geringere Teilnahme und Subskription entstand, welcher Umstand wieder Unordnung in den Geldangelegenheiten der Redaktion nach sich zog. Die ersten Hefte waren, da der Dichter in Moskau am Krankenbette seiner Gattin weilte, in der Petersburger Typographie sehr schleuderhaft hergestellt worden, mit unzähligen Druckfehlern und falschen Interpunktionen behaftet, sodass das Entgegengesetzte von dem zu Tage kam, was der Autor hatte sagen wollen. Nichtsdestoweniger mühte sich Theodor Michailowitsch übermenschlich, schrieb in wenigen Nächten 2-3 Druckbogen und brachte das Januarheft auf nahezu 40 Druckbogen. Ein weiteres äusseres Hindernis zum Aufschwung des Blattes war die Gemächlichkeit, mit welcher sich die Zensur ihrer Arbeit entledigte. Strachow bringt dafür Daten, die unglaublich klingen, doch authentische Abschriften der auf den einzelnen Heften gedruckten Entscheidungen der Zensurbehörde sind. So wurde das Märzheft am 23. April, das Maiheft am 7. Juli, das Juniheft am 20. August, das Juliheft am 19. September, das Augustheft am 22. Oktober, das Septemberheft am 22. November, das Oktoberheft am 24. Oktober (!), das Novemberheft am 24. Dezember und das Dezemberheft 1864 am 25. Januar 1865 freigegeben.

Zu den grössten Missständen rechnet Strachow jedoch die sanguinische Selbsttäuschung der Brüder und ganz besonders ihre Unfähigkeit, eine Sache stetig und praktisch durchzuführen. Strachow breitet sich über die Wesenheit und Grundlage dieser unpraktischen Art aus, die er in einer allzu beweglichen Phantasie, in einem ewigen Steigen und Sinken von Stimmungen findet, und schliesst mit folgender konkreten Darstellung: „Was die Dostojewskys betrifft, so konnte man Michael Michailowitsch durchaus nicht als einen ganz unpraktischen Menschen ansehen; er war ziemlich umsichtig und scharfsichtig. Theodor Michailowitsch jedoch war, ungeachtet seines raschen Geistes, ungeachtet der erhabenen Ziele — ja, besser gesagt: gerade infolge dieser höheren Ziele — ausserordentlich unpraktisch. Wenn er eine Sache machte, so machte er sie sehr gut; allein er that dies mit Anläufen, mit sehr kurz anhaltenden Anläufen, war leicht befriedigt und hielt leicht inne, und das Chaos wuchs in jeder Minute um ihn herum. Die „Epocha“ wurde ohne einen Heller gegründet. Als sie einging (mit dem Februarheft 1865), hatte sie nicht nur die ganze Subskriptionssumme verschlungen, sondern auch jenen Teil der Erbschaft von einer reichen Moskauer Tante (etwa 10000 Rubel für jeden der Brüder), die sie sich voraus ausgebeten hatten, dabei 15000 Rubel Schulden, welche nach Eingehen der „Wremja“ Michael Michailowitsch zu Lasten geblieben waren. Bei alledem hatte die „Epocha“ für das Jahr 1865 noch immer 1300 Abonnenten aufgebracht. Als ein neues Blatt, ohne alte Lasten, hätte sie sich erhalten können. So aber zerflatterte alles und Theodor Michailowitsch blieb mit der Schuldenlast des Bruders, 15000 Rubel und dessen unversorgter Familie zurück.“

Ein langer Brief Dostojewskys an Baron Wrangel, welcher in dieser Zeit als Sekretär der russischen Gesandtschaft in Kopenhagen lebte, erzählt im Detail die Widerwärtigkeiten der letzten Jahre. Wir entnehmen diesem Briefe jene Stellen, die sich auf seinen persönlichen Anteil daran und seine privaten Verhältnisse beziehen. Es ist dies derselbe Brief vom 31. März 1865, dem wir weiter oben die Stelle über Marja Dmitrjewnas Tod entnommen haben. Nach der Erzählung des Todes seiner Gattin nimmt Dostojewsky jene seiner Kalamitäten folgendermassen auf:

„Mein Bruder hinterliess im ganzen 300 Rubel, damit wurde auch sein Leichenbegängnis bestritten. Ausserdem blieben gegen 25000 Rubel Schulden, wovon 10000 nicht beängstigend für die Familie waren, 15000 jedoch auf Wechseln standen, die gefordert wurden. Sie fragen hier, mit welchen Mitteln er hätte noch sechs Nummern des Journals herausgeben können (er starb im Juli 1865). Allein er hatte einen ungeheuren Kredit und konnte ausserdem Geld aufnehmen und dies war auch schon begonnen. Nun starb er und der ganze Kredit der Zeitschrift fiel zusammen. Keine Kopeke zur Herausgabe, dabei aber noch sechs Nummern auszugeben, was im Minimum 18000 Rubel kostete, und überdies die Gläubiger zu befriedigen, wozu 15000 Rubel nötig waren — also 33000 R. um den Jahrgang zu vollenden und eine neue Subskription zu erreichen. Seine Familie blieb buchstäblich aller Mittel bar — am Bettelstab. Ich blieb ihre einzige Hoffnung, und sie alle, die Witwe und die Kinder umstellten mich im Kreise und erwarteten von mir die Rettung. Es blieben zwei Wege übrig: 1. das Blatt nicht weiterführen, es, da ein Journal immerhin einen Besitz repräsentiert, den Gläubigern samt den Möbeln und dem ganzen Hausrat übergeben und die Kinder zu mir nehmen. Dann arbeiten, litteraturen, Romane schreiben und die Witwe und Waisen des Bruders erhalten. 2. Geld aufnehmen und die Herausgabe fortsetzen, koste es, was es wolle. Wie schade, dass ich mich für das Erstere nicht entschieden habe. Die Gläubiger würden natürlich kaum 20% erhalten haben, aber die Familie hätte die Erbschaft abgelehnt, wäre dadurch gesetzlich von jeder Zahlung befreit gewesen. Ich, meinerseits habe diese ganzen fünf Jahre an der Arbeit beim Bruder und für die Journale 8-10000 Rubel jährlich verdient. Folglich könnte ich sie und mich ernähren — natürlich wenn ich mein ganzes Leben vom Morgen bis auf die Nacht arbeite. Allein ich habe den zweiten Weg vorgezogen, d. h. das Blatt weiter herauszugeben. Übrigens war ich es nicht allein, der so wählte. Alle meine Freunde und früheren Mitarbeiter waren derselben Meinung.

Dazu kam, dass des Bruders Schulden bezahlt werden mussten, ich wollte nicht, dass eine schlechte Meinung das Andenken seines Namens beflecke. Dafür gab es ein Mittel: das neue Jahres-Abonnement erreichen, einen Teil der Schuld abtragen, trachten, dass das Blatt von Jahr zu Jahr besser werde und nach drei, vier Jahren, wenn die Schulden bezahlt wären, das Blatt irgend jemand abgeben und die Familie des Bruders sichern. Dann würde ich aufatmen, dann würde ich wieder anfangen, das zu schreiben, was ich schon lange auf dem Herzen habe.

Ich entschloss mich kurz. Ich fuhr nach Moskau, bat mir bei einer reichen alten Tante 10000 R. aus, die sie in ihrem Testament als meinen Anteil bestimmt hatte, und setzte, nach Petersburg zurückgekehrt, die Herausgabe des Blattes für diesen Jahrgang fort. Allein die Sache war schon sehr verdorben. Es musste die Erlaubnis der Zensur zur Herausgabe des Journals eingeholt werden. Man zog die Sache so hinaus, dass das Juniheft erst Ende August erscheinen konnte. Die Abonnenten, die gar nichts damit zu thun hatten, begannen aufzubegehren, die Zensur gestattete mir nicht, meinen Namen auf das Blatt zu setzen, weder als Herausgeber noch als Redakteur. Ich musste mich zu energischen Massregeln entschliessen: Ich begann in drei Druckereien auf einmal drucken zu lassen, sparte weder Geld noch Gesundheit und Kraft. — Ich allein war Redakteur, las die Korrekturen, schlug mich mit Autoren und mit der Zensur herum, besserte Artikel aus, bemühte mich um Geld, sass bis sechs Uhr morgens auf und schlief 5 Stunden von 24; und obwohl ich Ordnung in die Sache brachte — es war zu spät. — — Was mich das alles gekostet hat! Die Hauptsache aber ist, dass ich bei all dieser Zwangs- und Schmutzarbeit nicht imstande war, im Blatte auch nur eine Zeile Eigenes zu drucken. Meinem Namen begegnete das Publikum gar nicht und sogar in Petersburg, nicht nur in der Provinz, wusste es nicht, dass ich das Blatt redigiere. Und plötzlich brach bei uns eine allgemeine Journal-Krisis herein.

Oh, mein Freund, gern würde ich abermals ins Gefängnis auf ebenso viele Jahre wandern, könnte ich dadurch alle Schulden bezahlen und mich wieder frei fühlen. Jetzt werde ich abermals anfangen, einen Roman unter der Rute zu schreiben, das heisst, in aller Eile, aus Not. Er wird effektvoll werden, aber brauch’ ich nur das! Die Arbeit aus Not um des Geldes willen hat mich erstickt und zerstört. — — Ich habe Ihnen nun alles beschrieben und sehe, dass ich die Hauptsache, das Leben meines Geistes und Herzens, nicht ausgesprochen, ja keine Vorstellung davon gegeben habe. So wird es immer bleiben, so lange wir schriftlich verkehren. Ich kann nicht Briefe schreiben und kann über mich nicht in bestimmten Grenzen schreiben. Übrigens ist das auch schwer: viele Jahre liegen zwischen uns, und was für Jahre! — —

Im Auslande bin ich zweimal gewesen — im Sommer 1862 und 1863. Jedesmal bin ich auf drei Monate fortgegangen. Ich war in Deutschland (fast überall), in der Schweiz, in Frankreich, in Italien (auch überall). Meine Gesundheit hat sich beide Male im Auslande mit unglaublicher Geschwindigkeit gebessert. Ich habe beschlossen, alljährlich auf drei Monate zu verreisen, umsomehr, als das in materieller Beziehung bei der Teuerung unseres hiesigen Lebens nichts zu bedeuten hat. Ich wollte reisen, um mich zu erholen, um auszuruhen, zu mir zu kommen und um so tüchtiger die weiteren neun Monate des Jahres in Russland zu arbeiten. Allein im vorigen Jahre hat des Bruders Tod mich gezwungen, endgiltig hier zu bleiben. Und wie hätte ich das Bedürfnis, wenigstens auf einen Monat fortzufahren, mich ein bischen umzuthun, zu erfrischen, zu erneuern“ .... usw.

„Mit diesem Briefe“ — sagt Strachow — „kann man einen besonderen Abschnitt in Dostojewskys persönlichem Leben abschliessen, die Periode von seiner Zurückkunft aus der Verbannung bis zu dem Augenblick der Vereinsamung, da er ohne Gattin, ohne Bruder, ohne sein Blatt zurückblieb. Das Lebensgefühl, von dem er spricht, hat ihn nicht betrogen. Von hier an beginnt die bessere Hälfte seines Lebens: ihn erwarteten sehr grosse Mühen und Beschwerden, allein zugleich auch neue, höhere Schöpfungen seines Talents, ein neues, schönes Familienleben, unausgesetzte litterarische Erfolge, wachsende Berühmtheit und endlich, in den letzten Jahren, die Tilgung aller Schulden, genügendes Auskommen und Ordnung in seinen Geldangelegenheiten. In dieser schweren und angestrengten Zeit entstand im Jahre 1866 „Schuld und Sühne“ (Raskolnikow), 1868 „Der Idiot“, 1870 „Die Besessenen“. Strachow schreibt diese Fruchtbarkeit dem Umstande zu, dass die „Epocha“ eingegangen war und seine Kräfte nicht aufbrauchte. „Theodor Michailowitschs übriges Leben“, fährt Strachow fort, „kann man von hier an in zwei Perioden abteilen. Die erste, von 1865-1871, während welcher alle diese Romane geschaffen wurden, war sehr beschwerlich, fruchtbar und zum grössten Teil im Ausland zugebracht. Die zweite Periode, welche mit der Rückkehr nach Russland begann (1872-1881), repräsentiert die neuen publizistischen Versuche, in der Form einer Redaktion des „Grashdanin“ und des „Tagebuchs“ — allein das ist eine weniger beschwerliche, verhältnismässig ruhige, und nach aussen durch die Ordnung der Verhältnisse — und den öffentlichen Erfolg sich immer glücklicher gestaltende Periode.“

VII.
Zweite Vermählung; Schuld und Sühne; Abreise.
(1865-1867.)

Der Sommer und Herbst 1865 fand Dostojewsky teilweise im Auslande. Seine wieder aufgenommene Korrespondenz mit Baron Wrangel ist aus Wiesbaden datiert, wo er bis Ende Oktober verweilte. Im November war er schon wieder in Petersburg und blieb darauf das ganze Jahr 1866, das, wie Strachow sagt, das folgenreichste Jahr seines Lebens war. Im Januar dieses Jahres begann im Russkij Wjestnik die Publikation seines bis dahin bedeutendsten Werkes: „Schuld und Sühne“ — und am 4. Oktober desselben Jahres lernt er Anna Grigorjewna Snitkina, seine künftige zweite Gattin, kennen.

„Schuld und Sühne“ — oder, wie es in manchen Übersetzungen heisst, „Raskolnikow“ — ist jenes von Dostojewskys Werken, welches in allen europäischen Ländern die grösste Verbreitung gefunden hat und hier die erste Grundlage seines Ruhmes geworden ist. Dass dieser Erfolg nur teilweise auf einer richtigen Schätzung seines Talentes beruht, wird jeder verstehen, welcher die Wege des schriftstellerischen Erfolges kennt. Vorerst war es das Packende, Sensationelle des Romans, das zündete, sodass sich das Interesse daran wie ein Lauffeuer über einen ungeheuren Kreis verbreitete. Als das Buch endlich in die Hände der ästhetischen Kritiker gelangte, da fanden erst seine künstlerischen Eigenschaften ihre Würdigung. Hatte also früher das gröbere litterarische Bedürfnis durch den Stoff Nahrung erhalten, so war es jetzt die Form, welche Bewunderung erregte, wodurch sie das Werk auf ein höheres Niveau erhob. Bald trat die Philosophie hinzu und legte ihren Massstab an das psychologische Detail, um aus den inneren Zusammenhängen der geschilderten verbrecherischen Handlung mit ihren Folgen das ethische Prinzip des Dichters herauszulösen. Auch diese kam auf ihre Rechnung, wenn auch nur bedingt; denn Dostojewskys ethische Gestaltungen verdanken nicht Prinzipien ihre Entstehung, sondern sind Probleme, wie das Leben selbst sie bietet. So ist der endgiltige Eindruck dieses Romans in Europa der eines sensationellen Verbrechens, das mit dem Aufwand einer grossen schöpferischen Kraft durch die Beobachtung der feinsten psychologischen Details zu einem Kunstwerk ersten Ranges ausgestaltet wurde. Nicht so in Russland. Hier war man einerseits mit Dostojewskys Schöpfungen sowohl als mit seinem Stil schon vertraut; das Sensationelle und Unmittelbare seiner Art zu erzählen, die wohl vorbereiteten Überraschungen, sowie der feste Griff ins Gewissen der Menschen hatten ihm hier schon sein Publikum erzogen; auch stand dieses Publikum mit ihm auf gleichem Boden; das gleiche Milieu, die gleichen Geistesformen, die gleichen äusseren Lebensgewohnheiten bereiteten sozusagen eine neutrale Atmosphäre für das neue Wort, das es mit jedem neuen Dichterwerke erwartet, von ihm ganz besonders erwartete. Andererseits legt das russische Publikum keinen so hohen Wert auf das Künstlerische in einem Buch, wie wir es thun: die Russen haben noch zu viel mit der Ausgestaltung ihres staatlichen und nationalen Lebens zu thun, um heute schon mit Vorliebe die fein verschlungenen Wege der Kunst zu wandeln; sie wollen Wahrheit, nichts als Wahrheit, etwas das ihnen ihr Leben erklärt und sie weiterführt. Sie wollen dies aber nicht nur als Menschen, sondern ganz besonders als russische Menschen. So ist denn der Eindruck dieses Werkes für die Russen aus diesen Forderungen heraus zu formulieren, und in der That: liest man die Fülle von russischen Kritiken, welche gerade dieses Werk hervorgerufen hat, sieht man die Fülle von Anregungen, welche es gerade dem russischen Menschen gebracht hat, so muss man gestehen, dass es bei seinen allgemein-menschlichen Vorzügen, bei seiner hohen künstlerischen Vollendung ein spezifisch russisches Buch ist, was wir da vor uns haben, so reich und tief in seinen Problemen, so verworren in seinen Axiomen, so ungelöst in seinen Fragen und so hoffnungsvoll-gläubig in die Zukunft, wie Russland selbst.

Dass Dostojewsky mit vollem Bewusstsein nur über Russen und für Russen schrieb, erhellt aus vielen Stellen seiner Briefe aus Sibirien und dem Auslande. Namentlich wiederholen sich jene Stellen immer wieder, wo es heisst: „Ich muss erst in Russland sein, ich brauche russischen Boden, russische Menschen.“ So bezieht sich jene Stelle in seinem Brief aus Semipalatinsk an den Bruder vom 31. Mai 1858, wo er sagt, dass er den Roman, den er schon fertig im Kopf habe, erst nach seiner Zurückkunft nach Russland schreiben werde, offenbar auf „Schuld und Sühne“, „— da dieser Charakter wahrscheinlich heute in Russland im wirklichen Leben sehr stark im Schwange ist, besonders jetzt, wenn man nach der Bewegung und den Ideen urteilt, von welchen alle erfüllt sind, so bin ich überzeugt, dass ich meinen Roman mit neuen Beobachtungen bereichern werde, wenn ich nach Russland zurückkomme.“ Da Dostojewsky ein Werk sehr lange in seinem Kopfe ausreifen liess, ehe er es niederschrieb, so ist wohl anzunehmen, dass der erste grössere Roman, den er in Russland schrieb, jener lange schon ersonnene gewesen ist, zu dem er „Russland brauchte“: „Schuld und Sühne“.

Die Fabel des Buches ist höchst einfach. Bin junger, aussergewöhnlich begabter Student lebt in grosser Armut in einer elenden Kammer als Aftermieter, arbeitet nicht, liest nicht, versteckt sich in seinem Winkel und träumt dahin. Seine hohe Begabung und seine Kenntnisse befähigen ihn zu dem höchsten Ideenfluge, seine bittere Armut stellt ihn unter die Niedrigsten, die ihr Leben mit ihrer Hände Arbeit verdienen und es ohne Demütigung geniessen. Zudem ist der Mensch nicht ohne edlere Empfindung, und es bedrückt ihn sehr, dass seine Mutter und Schwester, zwei arme, in der Provinz lebende Frauen, sich das Nötigste absparen, um dem Petersburger Studenten, der ihre stolze Hoffnung ist, hie und da ein paar Rubel zu schicken. Unthätigkeit und ein schwächliches Träumen steigern die Schlaffheit seines Charakters, Stolz, Hochmut und tausend Weltbeglückungs-Ideen peitschen seine blutarmen, gereizten Nerven zu einer Philosophie der Weltverbesserung und Weltstrafe an. Er will etwas Grosses thun, aus den Reihen der Alltagsmenschen hervortreten, wenigstens ein Stück Ungerechtigkeit aus der Welt schaffen — ein altes Weib, das Geld gegen hohe Wucherzinsen verleiht, umbringen, damit sie niemandem mehr schade. Warum nicht? sagt er sich. Napoleon I., Mahomet, haben Tausende hingeschlachtet und sind bewundert worden, sind Grosse dieser Erde gewesen. Auch ich bin ein Napoleon, ein Mahomet, ich bin mehr als sie, ich folge einer Idee, ich bestrafe das Laster. Diese Idee gewinnt immer mehr Macht über den unbeschäftigten, widerstandslosen Jüngling mit der Lucifer-Seele; er vollbringt die That, welche gegen alle Erwartung gelingt, so dass kein Verdacht auf ihn fällt, empfindet aber zu seinem Erstaunen keinerlei Befriedigung darauf, vergräbt die aufgefundenen Wertgegenstände unter einen Stein im Hofraum eines entlegenen Hauses, verfällt aber bald danach in ein hitziges Fieber, aus dem er mit der Furcht erwacht, sich verplaudert zu haben. Hier setzen Vorsicht, Misstrauen gegen seine Umgebung und Furcht vor Entdeckung ein, die ihm endlich die Schlinge um den Hals legen und unentrinnbar seinem Schicksal, der Selbstanklage und Verurteilung nach Sibirien, zuführen. Im Epilog ist der Hinweis auf eine wahrhafte innere Sühne ausgesprochen. Sie wird, eine neue Illustration zu Goethes Schluss-Worten im Faust, durch die Liebe zu Sonja, der Gefallenen und doch unendlich Reinen, eingeleitet.

Wir haben also das Problem einer Selbstvergöttlichung vor uns, die sich das Recht zuspricht, über Menschenleben zu richten und Scharfrichter zu sein, die sofort nach der That zum eigenen Erstaunen keine Erhöhung des Gottheitsgefühls erfährt und eine Weile zwischen Leben und Selbstmord schwankt. Als er das Mädchen kennen lernt, das seine Jungfräulichkeit für den Trunkenbold von einem Vater, die schwindsüchtige Stiefmutter und die hungrigen kleinen Geschwister zum Opfer gebracht bat, das eine gewisse Gleichheit vor den Gerechten der Erde und ein Gefühl tiefen Mitleids für seinen geheimen Kummer ihm entgegenbringt, da ist er von einem rätselhaften Bedürfnis getrieben, sich ihr anzuvertrauen. Es ist nicht Reue, was ihn treibt, auch nicht Liebe zu dem Mädchen — er will nur reden, einen Teil seiner Qualen vor ihr abladen. Diese Scene gehört künstlerisch und menschlich zu dem Grossartigsten, was je in dieser Art geschrieben worden. Sie ist bekannt und wir können nicht bei den psychologischen Feinheiten verweilen, welche hier ein vollendetes Kunstwerk aufbauen. Dass es z. B. Raskolnikow selbst erst im Laufe der Erzählung immer klarer wird, was für Motive ihn getrieben haben, wie er, der noch mit niemand davon gesprochen, erst äusserliche Beweggründe zur That angiebt dann durch die Einfalt in Sonjas Fragen immer tiefer in sich hineingeführt wird, aus dem Unbewussten seines Wesens endlich den Kern desselben, den Luciferhochmut heraufholt, der sich das Recht zuspricht zu töten, da er stärker ist als die andern — wie das alles eingeleitet, gesteigert und durchgebildet ist, darüber hat die ästhetische Kritik Europas längst ihr Wort gesprochen. Für den russischen Menschen ist hier massgebend, was bei dieser allmählichen Selbstbeleuchtung herauskommt: der Mord aus Prinzip, die aufleuchtende Erkenntnis, dass der Mörder einen Augenblick über sein Recht im Zweifel, also kein Napoleon war, kein Recht besass; die Scham, auch „eine Laus zu sein wie alle andern“, und endlich die, Bezwingung dieses Hochmuts durch die fromme Liebe Sonjas, welche dem Sünder das Christentum aufschliesst. Wir müssen hier, obgleich wir das Werk als bekannt annehmen, dennoch die bezeichnenden Stellen bringen, um unsere Gedanken über die echt russische Auffassung des Dichters über menschliche Schuld und Sühne durch seine eigenen Worte zu bekräftigen.

„Nein! es ist wieder nicht so! .. ich erzähle abermals nicht recht! Siehst Du, ich habe mich damals immer gefragt: warum bin ich so dumm, wenn die andern dumm sind und ich sicher weiss, dass sie dumm sind — dass ich selbst nicht gescheiter sein will? Dann habe ich erkannt, Sonja, dass, wenn man warten wollte, bis alle gescheit werden, dies allzu lang dauern würde. — Dann habe ich weiter erkannt, dass das auch niemals geschehen wird, dass die Menschen sich nicht ändern werden und niemand da ist sie umzuarbeiten, und dass es nicht der Mühe wert wäre! Ja, so ist es! ... das ist ihr Gesetz ... ihr Gesetz, Sonja! So ist es! ... Und ich weiss jetzt, Sonja, dass der gescheit ist und stark im Geiste, der über sie mächtig ist! Wer viel wagt, der hat bei ihnen auch Rechte. Wer auf Grosses spucken kann, der ist ihr Gesetzgeber, und wer sich am meisten erdreistet, der hat am meisten Recht! So ist es bis heute gegangen und so wird es immer sein. Nur ein Blinder wird das nicht sehen!“

„Ich bin damals darauf gekommen“ — fuhr er in feierlichem Tone fort — „dass die Macht nur dem gegeben wird, der es wagt, sich zu bücken und sie an sich zu nehmen. Hier ist nur Eines, nur Eines: es heisst nur wagen!“

„Es ist damals ein Gedanke in mir aufgetaucht, zum ersten Mal in meinem Leben — ein Gedanke, den noch niemand jemals vor mir ersonnen hat! Niemand! Es wurde mir plötzlich so klar wie die Sonne und stellte sich vor mich die Frage: wieso denn bis heute niemand gewagt habe, nicht wage, wenn er an all dieser Abgeschmacktheit vorübergeht, alles kurzweg beim Schwanz zu fassen und es zum Teufel zu schleudern! Ich ... ich habe mich dreist machen wollen und habe gemordet ... nur erdreisten wollte ich mich, Sonja — da hast Du die ganze Ursache!“

„O, schweigen Sie, schweigen Sie!“ rief Sonja, die Hände zusammenschlagend. — „Von Gott haben Sie sich entfernt, und Gott hat Sie getroffen, hat Sie dem Teufel übergeben!“

„Sage, Sonja, als ich im Finstern lag und alles vor mir so dastand, war es der Teufel, der mich zwang? Wie?“

„Schweigen Sie! wagen Sie es nicht, Gotteslästerer — nichts, nichts begreifen Sie! O, Herr! nichts, nichts wird er begreifen!“

„Schweige Du, Sonja, ich scherze durchaus nicht, ich weiss ja selbst, dass mich der Teufel gefasst hat. Schweige, Sonja, schweige!“ wiederholte er finster und nachdrücklich — „ich weiss alles. Alles das habe ich schon durchgedacht und mir vorgeflüstert, als ich dort im Dunklen lag .... Alles das habe ich schon mit mir selbst durchgestritten, bis zum letzten, kleinsten Zug, und weiss nun alles, alles! Und so überdrüssig ist mir damals dieses ganze Geschwätz geworden, so überdrüssig! Ich wollte alles vergessen und frisch anfangen, Sonja, und aufhören zu schwatzen! Und glaubst Du denn, dass ich hinging wie ein Dummkopf, aufs Geradewohl? Nein, ich ging hin, wie ein Kluger, und das ist’s, was mich zu Grunde gerichtet hat. Und meinst Du denn, ich hätte nicht z. B. wenigstens das gewusst, dass, wenn ich schon anfing mich selbst zu fragen: habe ich das Recht zur Macht? — ich schon kein Recht zur Macht mehr habe? Oder wenn ich die Frage stelle: ist der Mensch eine Laus? er für mich keine Laus mehr ist, sondern für den, dem das auch gar nicht in den Kopf kommt und der geradeaus hingeht .... Wenn ich mich schon so viele Tage mit der Frage herumquälte, ob Napoleon hingehen würde oder nicht, so fühlte ich ja schon deutlich, dass ich kein Napoleon war .... Die ganze, ganze Qual dieses Argumentierens habe ich ausgehalten, Sonja, habe alles das loswerden wollen, ich habe gewünscht, ohne Kasuistik umzubringen, für mich zu töten, für mich allein! Ich habe darin auch mich selbst nicht belügen wollen! Nicht um der Mutter zu helfen habe ich getötet — Unsinn! Nicht darum habe ich getötet, um, nachdem ich Geld und Macht erlangt hätte, ein Wohlthäter der Menschheit zu werden, Unsinn! Ich habe einfach getötet, für mich getötet, für mich allein, ob ich aber irgend jemandes Wohlthäter geworden wäre, oder mein Leben lang wie eine Spinne Alle in mein Netz gelockt und ihnen alle Lebenssäfte ausgesogen hätte, das hätte mir in jenem Augenblick ganz gleich sein müssen! Und nicht Geld war es, das ich hauptsächlich brauchte, Sonja, als ich mordete, nicht Geld hatte ich so sehr nötig als etwas anderes .... Jetzt weiss ich das alles .... Verstehe mich recht: Es kann sein, dass ich, diesen Weg verfolgend, niemals mehr einen Mord wiederholt hätte. Mich verlangte es, ein anderes zu erfahren, ein anderes stiess meine Hand dahin; ich musste wissen, so schnell als möglich wissen, ob ich auch eine Laus bin, wie alle anderen, oder ein Mensch? Werde ich es vermögen ein Verbrechen zu begehen, oder werde ich’s nicht vermögen? Werde ich es wagen mich um die Macht zu bücken oder nicht? Bin ich eine zitternde Kreatur, oder habe ich das Recht ...“

„Zu töten, das Recht zu töten habt Ihr?“ rief Sonja händeringend.

„Eh, Sonja!“ rief er gereizt aus, wollte schon etwas erwidern, hielt sich aber verächtlich zurück. — „Unterbrich mich nicht, Sonja! Ich wollte Dir nur Eines beweisen: dass mich damals der Teufel erfasst hatte, mir aber danach schon gezeigt hat, dass ich kein Recht hatte dahinzugehen, da ich eine ebensolche Laus bin, wie alle. Er hat mich ordentlich ausgelacht, und nun siehst Du, bin ich zu Dir gekommen! Nimm den Gast auf! Wenn ich keine Laus wäre, käme ich da zu Dir? Höre: als ich damals zur Alten ging, da ging ich nur hin, um zu probieren ... das wisse!“

„Und gemordet haben Sie, gemordet!“

„Ja, wie habe ich denn gemordet? Mordet man denn so, geht man denn so hin, um jemanden zu ermorden, wie ich hinging? Habe ich denn die Alte umgebracht? Mich habe ich umgebracht und nicht die Alte! Mich hab ich zugleich mit ihr umgebracht, in alle Ewigkeit! Diese Alte hat der Teufel umgebracht, nicht ich ... Genug, genug, Sonja, genug. Lass mich“ — schrie er plötzlich mit krampfhafter Angst — „lass mich!“

Als er sie fragt: „Wirst Du zu mir ins Gefängnis kommen, wenn ich dort sitzen werde?“ — und sie ihm antwortet: — „O ich komme, ich komme!“ da geht ihm ihre Liebe auf; er sieht sie an und, sonderbar, ihm war’s plötzlich schwer und leid, dass man ihn so liebe. Ja, das war eine seltsame und schreckliche Empfindung! Als er zu Sonja gegangen war, hatte er gefühlt, dass in ihr all seine Hoffnung und seine endgiltige Ruhe enthalten sei; er gedachte wenigstens einen Teil seiner Qualen hier niederzulegen, und nun, plötzlich, da ihr ganzes Herz sich ihm zugewendet hatte, da fühlte und erkannte er es plötzlich, dass er unendlich viel unglücklicher geworden war, als er früher gewesen.“

Der Epilog findet den auf neun Jahre zur Zwangsarbeit Verurteilten am Irtisch unter Missethätern. Wir sehen abermals dasselbe Bild wie im „Totenhause“. Auch auf Raskolnikow macht die Umgebung der Verbrecher denselben Eindruck, auch er fühlt, dass er nicht zu ihnen gehöre, fühlt es mit der künstlerisch hingesetzten Nuance, dass er „keinen Glauben“ hat. Anfangs fühlt er sich aber nur dadurch bedrückt, dass sie ihn ob seines freien Schuldgeständnisses nicht zu den Ihren zählen, weil sie ihre Verbrechen ausgehalten hatten, er aber das seine nicht ertrug. Auch fragte er sich, warum er sich damals nicht umgebracht habe.

„Er stellte sich unter Qualen diese Frage und konnte nicht begreifen, dass er vielleicht schon damals, als er am Flussufer stand, in sich und seinen Überzeugungen eine tiefe Lüge ahnte. Er begriff nicht, dass diese Ahnung der Vorbote eines künftigen Umschlags in seinem Leben, der Vorbote einer einstigen Wiedergeburt, eines neuen Blicks auf das Leben sein konnte. Später erst erkannte er den Grund der Abneigung der Verbrecher gegen ihn, „Du bist ein Gottloser,“ sagen sie — „Du glaubst nicht an Gott, Dich soll man erschlagen.“ Sonja jedoch, welche ihm in die Verbannung gefolgt war und im Städtchen, wo die Festung lag, sich ihr kärgliches Leben eingerichtet hatte, nur um ihn, wenn er mit den anderen Sträflingen zur Arbeit ging, fünf Minuten sehen und sprechen zu können, Sonja wurde von allen geliebt. „Mütterchen, Sofia Semjonowna,“ sagten sie, „Du unsere Mutter, Du blasse, kranke usw.“ „Warum?“ fragt er sich, „warum lieben sie sie?“ Endlich erkrankt er und wird in das Sträflings-Spital gebracht. Dort besucht ihn Sonja nur zweimal, und als er einmal, Reconvalescent, am Fenster steht, sieht er ihre schmächtige Gestalt von weitem sich durch den Hofraum entfernen. Sie hatte, wie so oft, nur zu seinen Fenstern hinaufgeblickt. Nun erkrankt Sonja, er sieht sie längere Zeit nicht, und jetzt erst geht ihm an seinem Sehnen und Bedürfen nach ihrer weichen und starken Seele die Liebe und mit ihr die Erlösung auf. An einem schönen frühen Morgen, da er beim Alabaster-Ofen an der Arbeit ist, entfernt er sich für einen Augenblick aus dem Heizraum und setzt sich am Flussufer auf einem Balken nieder, da erscheint plötzlich Sonja und setzt sich still neben ihn. Anfangs bleiben sie schweigend neben einander, er senkt den Kopf und blickt starr auf die Erde, da:

„Wie dies geschah, wusste er selbst nicht, aber plötzlich packte ihn etwas und warf ihn zu ihren Füssen. Er weinte und umklammerte ihre Kniee. Im ersten Augenblick erschrak sie furchtbar, und ihr Gesicht wurde totenbleich. Sie sprang auf und sah ihn zitternd an. Allein sofort, im selben Augenblick hatte sie alles begriffen. In ihren Augen leuchtete ein unendliches Glück auf; sie verstand, und es gab für sie keinen Zweifel mehr, dass er sie liebe, sie grenzenlos liebe und dass sie endlich gekommen war, diese Minute.“ ...

„Sie versuchten zu sprechen, allein sie konnten es nicht. Thränen standen in ihren Augen. Sie waren beide blass und armselig, allein in diesen kranken und blassen Gesichtern leuchtete schon die Morgenröte einer neuen Zukunft, der Wiedergeburt zu einem neuen Leben. — —

Zu Anfang seiner Strafzeit hatte er gefürchtet, dass sie ihn mit Religion quälen, ihm vom Evangelium reden und ihm Bücher aufnötigen werde. Aber zu seiner grossen Verwunderung sprach sie nicht ein einziges Mal davon, legte ihm nicht einmal das Evangelium vor. Er selbst hatte es sich kurz vor seiner Erkrankung erbeten, und sie hatte schweigend das Buch gebracht. Bis heute hatte er es nicht aufgeschlagen.

Er schlug es auch jetzt nicht auf, aber ein Gedanke durchzuckte ihn: „Kann es denn sein, dass ihre Überzeugungen von jetzt an nicht auch die meinigen sind? Ihre Gefühle, ihre Bestrebungen wenigstens.“

„Auch sie verbrachte diesen ganzen Tag in heftiger Erregung, in der Nacht aber erkrankte sie abermals. Allein sie war so überaus glücklich und so unerwartet glücklich, dass sie fast vor ihrem Glücke erschrak. Sieben Jahre, nur mehr sieben Jahre! Zu Anfang ihres Glückes in manchen Augenblicken waren beide imstande, auf diese sieben Jahre wie auf sieben Tage zu schauen. Er wusste es ja noch nicht, dass das neue Leben ihm nicht umsonst zufallen werde, dass er es noch werde teuer erkaufen, es mit einer grossen künftigen That bezahlen müssen.“

Hier schliesst der Roman. Wir haben es versucht, seine spezifisch russische Seite, die russischen Absichten des Dichters und das hervorzukehren, was die grösste Wirkung auf seine russischen Leser machen musste. Schon im „Totenhause“ hatte er es ausgesprochen, dass „in jedem russischen Menschen unserer Tage der Keim zu einem Scharfrichter enthalten sei.“ Das war wohl die Idee, zu deren künstlerischer Gestaltung er russischen Boden, russische Menschen brauchte. Wenn man hier einwenden wollte, dass für eine Nation schreiben, seine Probleme den Formen eines Volkes anpassen eine Beschränkung dichterischer Kraft sei, so muss darauf hingewiesen werden, dass Dostojewsky gerade der Russe immer als Allmensch vorschwebte und er ihn nicht ausser die anderen Nationen stellte, sondern als sie alle in sich zusammenfassend und im Christentum einigend dachte.

Dass wir es uns versagen mussten, auf vollendet ausgeführte Gestalten wie Porfiry Petrowitsch und Swidrigailow einzugehen, ist nach dem Gesagten selbstverständlich. Einheitlicher mit unserem Zweck, das Werk von der russischen „breiten“ Ethik aus zu beleuchten, ist es, einige Worte über eine weichere, weniger scharf gezeichnete Figur zu sagen. Dies ist Rasumichin, der harmlose „ehemalige Student“ und Freund Raskolnikows. Ihm legt der Dichter ohne viele künstlerische Umschweife zwei bedeutsame Aussprüche in den Mund. Einmal sagt Rasumichin in etwas angeheitertem Zustande: „Ich liebe es, wenn man lügt; das Lügen ist das einzige Privilegium, das der Mensch vor allen Organismen voraus hat. Lügst du — so wirst du schon zur Wahrheit kommen! Darum bin ich eben ein Mensch, weil ich lüge. Nicht zu einer Wahrheit ist man gekommen, wenn man nicht früher 14mal, ja vielleicht 114mal gelogen hat. Und das ist in seiner Weise ehrenhaft. Wir aber können nicht einmal ordentlich nach unserem Verstande lügen! Du lüge mich an, aber lüge nach deinem eigenen Wesen, und ich werde dich küssen. In seiner Weise lügen, das ist ja besser, als eine fremde Wahrheit nachreden; im ersten Falle bist du ein Mensch, im zweiten aber bist du nur ein Vogel! Die Wahrheit wird nicht verschwinden, das Leben aber kann man zerstören — es hat Beispiele gegeben.

Und was sind wir jetzt? Alle sitzen wir, alle (ohne Ausnahme), in unserem Wissen, unserer Entwickelung, unserem Denken, unseren Entdeckungen, Idealen, Wünschen, unserem Liberalismus, unserer Vernunft, Erfahrung, in allem, allem, allem noch in der ersten Vorbereitungsklasse des Gymnasiums. Es hat uns gefallen, uns mit fremden Gedanken die Zeit zu vertreiben — hineingefressen haben wir uns!“ —

„... Wir werden uns schon zur Wahrheit durchlügen.“ — Die zweite Stelle, an welcher der Leser nicht achtlos vorübergehen kann, ist die, wo Rasumichin mit grosser Wärme für die Unschuld des Zimmermalers eintritt, den man des Mordes beschuldigt, weil er ein Etui mit Ohrgehängen aus dem Raube der Alten für einen Rubel versetzt hatte. Dieser Bursche war auf derselben Stiege in einer leeren Wohnung mit dem Streichen der Wände beschäftigt gewesen, als der Mord im oberen Stockwerk geschah. Er war mit einem anderen jungen Burschen nach gethaner Arbeit schäkernd und Ulk treibend die Treppe hinabgelaufen, sie hatten sich im Hausflur, wie 8 Personen sehen konnten, gebalgt und er war noch einmal in den Arbeitsraum hinaufgelaufen und hatte sich hinter die Thüre gestellt. Dort hatte er das Etui gefunden. Nun wird er gesucht, um in Untersuchung gezogen zu werden, die Anzeichen sind gegen ihn, da er den Fund verheimlicht hat, und als er hört, dass er zur Verantwortung gezogen werde, sich zu erhängen versucht. Als man ihn fragt, warum er sich habe töten wollen, antwortet er: „weil man mich verurteilen wird“. Es ist etwas Ergreifendes in dieser russischen Schuldfurcht eines Unschuldigen, den später eine Art mystischer Täuschung dazu treibt, sich für den Thäter zu erklären, zum Glück in einem Augenblick, da Raskolnikows Thäterschaft schon so gut wie erwiesen ist. Rasumichin aber greift mit aller Hitze seines gütigen Wesens die Frage auf, um „unsere Jurisprudenz“ anzuklagen, welche „niemals, niemals die subjektive Thatsache der Stimmung, der psychologischen Unmöglichkeit, einen Mord zu begehen und im nächsten Augenblick sich mit einem Kameraden zu balgen,“ in Betracht ziehen wird, „weil man die Ohrgehänge bei ihm gefunden und er sich hatte erhängen wollen“, „was nicht möglich wäre, wenn er sich nicht schuldig gefühlt hätte.“ Dies ist, scheint uns, eine Stelle, wo das echt russische Verhältnis zur Schuld vom Dichter mit einer Selbstverständlichkeit benützt wird, wie sie an das Unbewusste grenzt, uns aber höchst bedeutsam und symptomatisch erscheinen muss. Es wäre wohl keinem europäischen Dichter in den Sinn gekommen, eine solche unbegründete Selbstanklage als glaubwürdiges retardierendes Motiv in einem Romane anzubringen.

Die Korrespondenz mit Wrangel scheint eine kurze Begegnung der Freunde in Kopenhagen eingeleitet zu haben und wieder durch diese aufgefrischt worden zu sein, und so finden wir den häufigsten Austausch von persönlichen und geschäftlichen Berichten aus jener Zeit zwischen dem Dichter und diesem Freunde im Gang. In einem dieser Briefe aus Wiesbaden heisst es unter anderem: „— diesmal will ich Ihnen über mich schreiben, eigentlich aber nur über eine Sache. Teilen Sie, was ich Ihnen sagen werde, niemand mit, denn ich fühle, dass es mich teilweise anschwärzt. Da aber in einem solchen Falle Phrasen vollkommen unfruchtbar und auch schwer sind, so will ich Ihnen offen bekennen, dass ich — in meiner Dummheit vor vierzehn Tagen alles im Spiel verloren habe, was ich hatte. Ich habe auch früher gespielt, gleich vom Anfang meines Wiesbadener Aufenthalts an, aber ich hatte Glück, sogar bedeutendes Glück (verhältnismässig gesprochen), habe mich aber dann in meiner Dummheit vergaloppiert, alles in drei Tagen verspielt und sitze nun in der abscheulichsten Situation, die man sich vorstellen kann, und kann aus Wiesbaden nicht heraus.“

Nun verlangt er für eine kurze Zeit 100 Thaler, um nur vom Hôtel loszukommen, nach Paris zu gehen, wo er jemand sicher zu finden hofft, der ihm helfen wird. In einem zweiten, ca. 14 Tage später datierten Briefe beklagt er sich darüber, keine Antwort erhalten zu haben. Er bittet, Wrangel möge ihm das Geld unverzüglich schicken, „obwohl es ihm nun nicht mehr radikal helfen könne“, und fügt hinzu, dass die Erzählung, die er eben schreibe, mindestens 1000 Rubel wert sei, dass er das Geld in einem Monat werde aus dieser Summe sicher abzahlen können, die er von Katkow, dem Redakteur des Russky Wjestnik, als Abschlagszahlung für seine Erzählung (Raskolnikow) erhalten werde. Ein dritter Brief vom 8. Nov. 1865, aus Petersburg datiert, bezieht sich auf eine inzwischen stattgehabte Begegnung in Kopenhagen. Er erzählt darin von seiner Rückkehr, von den drei Anfällen, die er sofort und im Verlauf einer Woche erlitten hatte, von den 300 R., welche Katkow nach Wiesbaden gesandt, die er nun daheim erst erhalten habe, von der vollkommenen Deroute in der Familie des Bruders, die ihn erwartet habe, und der er alles gleich gab, was er besass, und ausserdem 100 R., die er dazu aufnahm. Er bittet den Freund um Geduld, da er alle Schulden erst nach der Bezahlung des Romans abtragen könne, der wohl 2500 R. einbringen werde. Noch einmal aber von Katkow vorausnehmen will er nicht. Er findet es nicht politisch, unmöglich, hässlich; es seien durchaus die Beziehungen nicht solche, um das zu thun. Zum Schluss erwähnt er seines Stiefsohnes Pascha, Marja Dmitrjewnas Sohnes, für welchen er ebenfalls sorgt, der ihm aber niemals Freude gemacht hat, sowie eines kranken Bruders, der nicht mehr lange zu leben habe.

Nach einem sorgenvollen Winter schreibt er aus Petersburg am 18. Febr. 1866: „Bester alter Freund Alexander Jegorowitsch, ich bin durch mein langes Schweigen vor Ihnen schuldig geworden, aber schuldig ohne Schuld. Es würde mir jetzt schwer, Ihnen mein ganzes jetziges Leben, die Ursache meines langen Schweigens klar zu machen. Die Ursachen sind vielfach und kompliziert, und ich kann sie darum nicht beschreiben, will nur einiges andeuten. Erstens sitze ich über der Arbeit, wie ein Sträfling. Es ist das der Roman für den Russky Wjestnik; ein grosser Roman in sechs Teilen. Ende November war vieles aufgeschrieben und fertig; ich habe alles verbrannt, dass kann ich jetzt bekennen. Es hat mir selbst nicht gefallen. Eine neue Form, ein neuer Plan hat mich fortgerissen, und ich habe frisch angefangen. Ich arbeite Tag und Nacht und dennoch arbeite ich wenig. Nach meiner Berechnung kommt heraus, dass ich jeden Monat 6 Druckbogen an den Russkij Wjestnik abgeben muss. Das ist furchtbar, allein ich würde es leisten, wenn ich genug Seelenruhe hätte. Ein Roman ist ein poetisches Werk und bedarf zu seiner Vollendung der Ruhe für Seele und Phantasie. Mich aber quälen die Gläubiger, d. h. sie drohen, mich einsperren zu lassen. Ich habe bis heute noch nicht mit ihnen fertig werden können und weiss wirklich noch nicht, ob ich’s überhaupt werde, obgleich viele von ihnen ganz vernünftig sind und meinen Vorschlag annehmen, die Abzahlung auf 5 Jahre zu verteilen. Mit anderen aber konnte ich bis jetzt nicht in Ordnung kommen.

Sie können denken, wie beunruhigt ich bin; das zerreisst mir Kopf und Herz, verstimmt auf mehrere Tage. Da setze dich dann hin und schreibe! Manchmal ist das ganz unmöglich. Darum ist’s auch schwer, eine ruhige Minute zu finden, um mit einem alten Freunde ein wenig zu plaudern, weiss Gott! Dazu die Krankheiten! Anfangs, nach meiner Rückkunft, hat mich die Hinfallende schrecklich geplagt; es war, als hätte sie die drei Monate nachholen wollen, die sie mich nicht heimgesucht hatte. Jetzt aber plagen mich schon seit einem Monat Hämorrhoiden. Sie haben von dieser Krankheit und davon, wie ihre Anfälle sein können, wahrscheinlich keine Vorstellung. Nun sind es schon drei Jahre nacheinander, dass sie sichs eingerichtet hat, mich durch zwei Monate im Jahre, im Februar und März, zu quälen. Und, denken Sie, vierzehn Tage(!) war ich gezwungen auf meinem Divan zu liegen, vierzehn Tage habe ich keine Feder in die Hand nehmen können. Jetzt, während der letzten vierzehn Tage, muss ich fünf Druckbogen schreiben! Und liegen müssen, wenn man organisch ganz gesund ist, nur darum, weil man weder stehen noch sitzen kann, ohne dass sofort Krämpfe kommen, sobald man sich vom Divan erhebt! —

Nun beantworte ich Ihre Worte: Sie schreiben, es wäre besser, wenn ich in Staatsdienst träte; kaum. Mir ist dort besser, wo ich mehr Geld bekommen kann. In der Litteratur habe ich schon einen solchen Namen, dass ich (wären nicht die Schulden) immer ein sicheres Stück Brot, ja sogar ein süsses, reichliches haben könnte, wie es ja auch in continuo bis zum letzten Jahr der Fall war. Bei dieser Gelegenheit will ich Ihnen von meinen gegenwärtigen litterarischen Geschäften erzählen, und Sie werden daraus ersehen, wie sich alles verhält. Vom Auslande aus, da ich durch die Umstände bedrängt war, stellte ich Katkow den für mich niedrigsten Preis, d. h. 125 Rubel für den Druckbogen ihres Blattes, 150 vom Format des „Sowremjennik“. Sie waren einverstanden. Später erfuhr ich, dass sie mit Freuden einstimmten, weil sie für dieses Jahr nichts Belletristisches hatten. Turgenjew schreibt nichts, und mit Leo Tolstoi haben sie sich zerstritten. Ich bin als Lückenbüsser erschienen (das alles weiss ich aus sicherer Quelle), sie haben mit mir aber schrecklich laviert und politisiert. Die Sache ist die, dass sie schreckliche Knicker sind. Der Roman kam ihnen gross vor, und es schreckte sie für 25, ja möglicherweise 30 Druckbogen zu 125 Rubel zu zahlen. Mit einem Wort: ihre ganze Politik lag darin (sie hatten schon zu mir geschickt), den Preis per Bogen herabzusetzen; die meine lag darin, ihn zu steigern. Und jetzt ist ein stummer Kampf zwischen uns, sie wollen offenbar, dass ich nach Moskau komme. Ich aber halte aus. Folgendes ist dabei mein Zweck: Hilft Gott, so wird dieser Roman ein grossartiges Ding. Ich möchte, dass nicht weniger als drei Teile davon (d. h. die Hälfte des Ganzen) gedruckt werden. Der Effekt wird damit erreicht sein, dann erst fahre ich nach Moskau und sehe zu, wie sie mir was abreissen wollen? Im Gegenteil, es kann sein, dass sie hinzufügen. — Das wird zu Ostern sein. Ausserdem trachte ich, dort gar kein Geld vorauszunehmen, drücke mich zusammen und lebe wie ein Bettler, werde nur das Nötigste verbrauchen; wenn ich aber vorausnehme, so bin ich moralisch nicht mehr frei, wenn ich später endgiltig über das Honorar mit ihnen verhandle. Vor zwei Wochen ist der erste Teil meines Romans im ersten Januarheft des Russkij Wjestnik erschienen. Er heisst: „Schuld und Sühne“. Ich habe schon viele entzückte Äusserungen darüber gehört. Es sind kühne und neue Sachen darin.“

Im weiteren Verlauf des Briefes thut Dostojewsky einiger Privatangelegenheiten Wrangels Erwähnung und schliesst: „Übrigens bin ich sehr froh darüber, dass Sie unser intimes russisches, geistiges und bürgerliches Leben so sehr interessiert. Mir ist das als Ihrem Freunde sehr angenehm, obwohl ich Ihnen nicht in allem beipflichte. Sie sehen vieles ein wenig exklusiv an. Schöpfen Sie Ihre Kenntnisse nicht aus ausländischen Zeitungen? Dort wird systematisch alles verunglimpft, was sich auf Russland bezieht. — Nun, das ist eine umfangreiche Frage. Man kommt meiner Ansicht nach, wenn man im Auslande lebt, thatsächlich unter den Einfluss der auswärtigen Presse. Sonst aber fühle ich, dass ich in vielem und sogar sehr mit Ihnen übereinstimme usw.“

Ein Brief vom 9. Mai 1866 lautet: „Bester Alexander Jegorowitsch! Ich habe mich mit der Antwort verspätet und eile nun, das Versäumte nachzuholen. Glauben Sie mir, Sie unveränderlicher Freund Alexander Jegorowitsch, das Gewissen plagt mich selber, und wäre Ihr Brief nur um 8 Tage früher gekommen — ich hätte Ihnen sofort alles geschickt. Lachen Sie nicht, wenn ich so spreche. Hier meine Situation. Den ganzen Winter habe ich wie ein Anachoret gelebt, habe gearbeitet, meine Gesundheit zerstört, von Kopeken gelebt und doch 1500 Rubel ausgegeben. — Wohin sind sie gekommen? Ja, man reisst alles nur so von mir! In der Charwoche bin ich zu Katkow nach Moskau gefahren, um 1000 Rubel voraus zu nehmen.[22] Mein Zweck war der, so schnell als möglich nach Dresden zu fahren, und dort drei Monate sitzen zu bleiben und meinen Roman ganz ungestört zu vollenden. Anderswo, hier in Petersburg, kann ich ihn unmöglich vollenden. Die Anfälle nehmen zu (was im Auslande nicht der Fall ist). Die Gläubiger aber, je mehr man ihnen zahlt, desto zudringlicher werden sie. Indessen sollten sie mir dafür dankbar sein, dass ich nach meines Bruders Tode die Wechsel auf meinen Namen schreiben liess und einen Teil schon bezahlt habe. Hätte ich aber die Wechsel nicht auf mich schreiben lassen, so hätten sie gar nichts bekommen. — Allein die Sache hat sich so gewendet, dass diesmal zur Erteilung des Passes ins Ausland besondere Formalitäten nötig wurden, sich dadurch alles hinauszog, der Kurs zu fallen begann und, was in der Osterwoche noch möglich war, jetzt undenkbar ist. Inzwischen haben die Gläubiger die Klage eingereicht und so ist mein Tausender in Rauch aufgegangen.

Ich kann unbedingt nicht in Petersburg leben. Dennoch sitze ich da und setze meinen Roman mit dem Aufgebot aller Kräfte fort. In diesem Augenblick ist er — meine einzige Hoffnung. Ich werde dafür noch 1500 Rubel zu bekommen haben, vielleicht auch mehr; später aber gebe ich ihn für die zweite Auflage auch durchaus nicht um weniger als 1500 (man handelt schon darum). Von Katkow aber werde ich nicht früher als im Juli Geld herausbekommen. So werde ich Ihnen das Ihre unbedingt im Juli schicken. Entsteht aber die geringste Möglichkeit es früher zu senden (das aber kann leicht geschehen, da die Buchhändler schon um die zweite Auflage handeln, ehe der Roman vollendet ist), so schicke ich gleich. Sie aber bitte ich, mir, wenn auch nur in zwei Worten, meine vorjährige Schuld in Reichsthalern zu notieren, da ich mein Notizbuch verloren habe und mich der Summe nur annähernd, aber nicht genau entsinne. Ich füge hinzu, dass es mir peinlicher ist, als Ihnen, dass ich es Ihnen jetzt nicht schicken kann. Sie werden mir gewiss den Vorwurf machen, warum ich andere befriedigt habe und nicht Sie? Alles was ich zu meiner Entschuldigung sagen kann ist, dass es ohne Vorbedacht geschehen ist; sie sind neben mir und haben mich so bedrängt, dass ich nicht zu Atem kam — so habe ich alles willenlos hingegeben usw.“ —

Anknüpfend an diesen Brief erzählt Strachow aus seiner Erinnerung, dass der Eindruck des Romans ein ungeheurer war, dass gesunde Leute fast krank davon wurden, nervenschwache aber die Lektüre des Buches aufgeben mussten. Was aber die grösste Sensation machte, war der Umstand, dass zur nämlichen Zeit, als der Teil des Romans erschien, in welchem sich die Beschreibung des Mordanschlages Raskolnikows befindet, ein junger Student in Moskau unter nahezu genau denselben Umständen einen Mord vollbrachte. Es ist dies wohl ein Hinweis auf die damals in der Luft schwebenden falschen Prinzipien, nach welchen alle Mittel erlaubt sind, um das Böse aus der Welt zu schaffen; ein Miasma, das Dostojewsky schon in Sibirien erkannt hatte, als er jene oben angeführten Worte schrieb.

Im Herbste des Jahres 1866 sollte eine Gesamtausgabe von des Dichters bis dahin erschienenen Werken veranstaltet werden. Der Herausgeber, Stellowsky, ein Mensch, welcher das Talent anderer auf die schändlichste Weise ausbeutete, hatte dem Dichter unter anderen folgende Bedingung gemacht: Dostojewsky reiht in diese Sammlung eine Erzählung ein, welche noch nirgends gedruckt worden ist, und sendet sie bis Ende Oktober ein. Für diese Gesamtausgabe samt der neuen Erzählung zahlt Stellowsky dem Dichter 3000 Rubel. Kommt aber das neue Werk um einen Tag später, so erhält Dostojewsky für die Gesamtausgabe kein Honorar, und das Recht, eine Gesamtausgabe zu veranstalten, bleibt für alle Zeiten Stellowsky. Der Dichter hatte nun die Erzählung „Der Spieler“ niederzuschreiben begonnen, war aber durch die Schuldenlast, welche seines Bruders Tod auf ihn gewälzt hatte, so beunruhigt, dass er fürchten musste, nicht die nötige Sammlung zur Arbeit zu finden. Ein Brief aus Dresden an N. Strachow, sowie die Erzählung, welche uns Anna Grigorjewna davon machte, mögen die Schilderung dieser Situation ergänzen. Er schreibt:

„Stellowsky hat im Sommer 1865 meine Werke auf die folgende Weise erworben: Ich war in entsetzlichen Verhältnissen. Nach dem Tode meines Bruders im Jahre 1864 hatte ich viele seiner Schulden auf mich genommen und hatte 10000 Rubel vom Eigenen (welche ich von einer Tante als Erbteil bekam) auf die Fortsetzung der Herausgabe der „Epocha“ — meines Bruders Journal — zu Gunsten seiner Familie verwendet, ohne den geringsten Anteil und ohne das Recht zu haben, meinen Namen als Redakteur auf dem Umschlag des Blattes anzubringen. Das Blatt aber fiel, es musste aufgegeben werden; dennoch setzte ich die Bezahlung der Schulden meines Bruders sowie des Blattes fort. Wie viele Wechsel habe ich da ausgestellt! Unter anderen (sofort nach meines Bruders Tode) einem gewissen D.... Dieser D.... war zu mir gekommen und hatte mich angefleht, des Bruders Wechsel (er war sein Papierlieferant) auf meinen Namen zu schreiben, und gab mir sein Ehrenwort, dass er so lange warten würde, als es mir beliebe. Aus Dummheit that ich es.