Herr Kommandant!

Ich erlaube mir, folgendes beschwerdeführend mitzuteilen: Am 30. November wurde mir von Herrn Dr. Marcantoni, Aide-Major, dann von Ihnen die ärztliche Vertretung des ersteren übertragen. Sie gaben mir schriftlich die Erlaubnis, in der Infirmerie Wohnung zu nehmen.

Ich übernahm den Posten und führte ihn, wie wir gelehrt sind, gemäß den Gedanken der Genfer Konvention in gleicher Behandlung der französischen Forestiers und Gendarmen, welche mir täglich zugeführt wurden und welche ich auch auf ihren Zimmern besuchte, wie der deutschen gefangenen Soldaten und Zivilisten aus. Von Ihrer Erlaubnis, Herr Kommandant, machte ich Gebrauch und legte drei Kranke, Bonitz, Radei und Dr. Arranza, provisorisch in die Infirmerie.

In der Zeit meiner Vertretung des Herrn Dr. Marcantoni wurde ich zugleich beauftragt, vier Forestiers auf Invalidität zu untersuchen, was ich tat, in der Meinung, hierin wie in der anderen Vertretung meine Pflicht getan zu haben. Gestern abend gegen 8.40 Minuten wurde gegen das Tor des Hospitals geklopft. Herr Dr. Marcantoni trat mit einigen Zivilisten und einigen Forestiers ein, Bonitz, Radei und ich waren in dem uns zur Verfügung gestellten Zimmer, welches durch den Ofen gut durchwärmt war. Dr. Arranza auf seinem Bette in der Halle. Herr Dr. Marcantoni führte aus, sein Haus sei zum Hotel und Bordell geworden, und forderte uns auf, sofort die Infirmerie zu verlassen. Als ich fragte, ob ich bleiben dürfte, sagte Herr Dr. Marcantoni: „Sie dürfen natürlich bleiben, aber besser, Sie gehen auch.“ So mußte ich schleunigst das Zimmer räumen; es wurde mir nicht erlaubt, meine Zigarrenkiste oder Eßwaren zu berühren. Als auch meine Patente als Stabsarzt von einem Zivilisten mit Beschlag belegt wurden, rief ich Herrn Dr. Marcantoni zu Hilfe, welcher mir erlaubte, meine Papiere mitzunehmen. Ich selbst wurde in einem Aufzuge, der meines Standes unwürdig war, in die Halle oben gebracht, wo ich ein Strohlager fand. Mein Einwurf, daß es sich bei den anderen um Kranke handele, begegnete einem Lachen des Herrn Dr. Marcantoni. Ich bin bereit, die Krankheiten der drei Kranken, wie ich sie notiert, wissenschaftlich zu beweisen.

Ich bitte, Herr Kommandant, Protest einlegen zu dürfen gegen eine derartig entehrende Behandlung, 1. als Arzt im Namen der Wissenschaft und Humanität, 2. als deutscher Sanitätsoffizier, in Berücksichtigung des erschwerenden Umstandes, daß ich kriegsgefangen und nicht in der Lage bin, mich gegen Beleidigung zu verteidigen, 3. als von Ihnen, Herr Kommandant, und von Herrn Dr. Marcantoni persönlich eingesetzter offizieller Stellvertreter des französischen Aide-Majors, dessen Funktionen mir übertragen sind und die ich erfüllt habe.

Sollten Sie, Herr Kommandant, für diese Frage nicht die zuständige Behörde sein, so bitte ich Sie, diese Beschwerde weiterzureichen. Zugleich bitte ich als Offizier meine Versetzung nach Corté so bald als möglich anordnen zu wollen, da nach der gestrigen Behandlung meine Stellung hier entwürdigt ist, und mich vom Dienste bei Herrn Dr. Marcantoni zu entbinden. — Mit der Versicherung.....

Dr. Br., San.-R., St.-Arzt a. D.

Das Dokument, welches mir die Erlaubnis gab, in der Infirmerie zu wohnen, zeigte ich dem rasenden Marcantoni, der mir natürlich wieder sagte: „Ich pfeife auf den Kommandanten.“ Der Mann ist von einer satanischen Schlechtigkeit, das erkannte wohl jeder, auch die Franzosen. Er will uns zugrunde richten, uns schädigen und erniedrigen, wie er kann. Radei und Bonitz mußten am nächsten Tage zum Arzt, der sie, ohne sie zu untersuchen, gesund schrieb, ihnen sagte, sie sollten das Lazarett reinigen, und sie dazu anstellte. Dann sollten sie in den Kerker. Wofür? Es schreit zum Himmel!

Meine Beschwerde legte ich dem Kommandanten persönlich vor, der mich, nachdem er sie nochmals gelesen, rufen ließ. Es war dies auf dem Hofe. Er nahm mich beiseite, dann sagte er, er selber sei außer sich, daß so etwas vorgekommen sei, aber er könne nichts dabei tun. Ob ich nun damit zufrieden sei, daß er sofort nach Corté geschrieben, der Gouverneur möchte provisionell Order geben, daß ich als Offizier nach Corté berufen werde. Er selber könne nur verfügen, daß, ich nicht weiter unter Herrn Dr. M. zu stellen habe. Ich sprach nun sehr erregt zu ihm, erst französisch, dann riefen wir den Dolmetsch, Comte Peraldi. Ich bat ihn, dem Kommandanten zu sagen, daß ich nicht für mich spräche, sondern für die anderen. Dr. M. hat heute zwei Herren, Radei und Bonitz, die sich krank gemeldet, gesund geschrieben, und läßt sie wegen falscher Krankmeldung einsperren. Aber er hat kein Urteil über ihre Krankheit und kann es nicht haben, da er sie nicht einmal den Rock hat öffnen lassen, geschweige denn irgendeine Untersuchung vorgenommen hat. Ich kann wissenschaftlich beweisen, daß der Herr Dr. M. so keine Diagnose stellen kann, daß es sich bei ihm also nur um persönliches Uebelwollen handelt. Ich fuhr noch erregter fort: „Herr Kommandant, so sterben die Menschen hin, und so wird einer nach dem andern diesem Arzt zum Opfer fallen.“ Graf Peraldi verdolmetschte, ich griff des öfteren in schlechtem Französisch ein und sprach mit Händen und Füßen. Er fragte, was ich von ihm verlange. Ich antwortete, wir bäten um einen anderen Arzt, der Kranke sich zum mindesten ansähe. Weiter bat ich, man möchte von einer Bestrafung Radeis und Bonitz’ Abstand nehmen. Sie könnten weder arbeiten noch ins Gefängnis; sie seien krank. Er versprach alles, der arme Mann, wenn er es auch halten könnte! Um seinen Worten Applomb zu geben, rief er den Leutnant Simeoni, dem diktierte er die Namen beider mit dem Befehle, sie dürften nicht arbeiten, auch nicht in der Infirmerie, es sei ihnen auch jede Strafe zu erlassen.

Dann wandte er sich an mich und fragte, ob ich nun zufrieden sei. Ich war es und dachte, es würde geschehen, wie er es gesagt. Ich Optimist! Es waren wenige Stunden nach dieser Unterredung vergangen. Ich stehe in der Küche mit Bonitz und Radei und erzähle ihnen von dem Erfolge bei dem Kommandanten. Da kommt die Ordonnanz des Arztes: Bonitz und Radei sollen kommen zur Arbeit. — Ich sage: Ich habe Auftrag vom Kommandanten, die beiden dürfen nicht arbeiten. Er kommt zum zweiten Male; ich rufe mir den Comte, der heute verdolmetscht hat. Der sagt der Ordonnanz: Sagen Sie dem Dr. M., Befehl vom Kommandanten, daß Bonitz und Radei arbeitsfrei sind. Jetzt kommt er zum dritten Male. Der diensthabende Offizier Simeoni steht da; ich wende mich an den. Simeoni sagt, daß er den Befehl habe, die beiden nicht zur Arbeit zu schicken.

Während ich mit dem verhandle, stürzt wie eine Viper aus dem Verstecke Dr. M. auf mich zu, den keiner vorher gesehen hatte. Er ergreift mich an der Weste: „Sie sollen’s mir büßen; jetzt sollen Sie arbeiten!“ Im Nu war ich umringt von bewaffneten Forestiers und wurde abgeführt.

Nun kommt, was folgt:

Casabianda, 10. Dezember 1914.

Herr Kommandant!

Meiner gestrigen Beschwerde über Herrn Dr. M. füge ich heute eine neue, weit schwerere zu:

Herr Dr. M. hat mich gestern handgreiflich festgenommen, mich unter Zurufung der Forestiers, unter Androhung von Gefängnis zum Lazarett zur Zwangsarbeit führen lassen, ist selber dorthin gekommen und hat mir aufgetragen, den Abort des Lazaretts zu reinigen und mich zur Arbeit angetrieben. Ich habe die Arbeit getan, bis ich durch Sie, Herr Kommandant, erlöst wurde. Der französische Militärarzt hat mich als wehrlosen gefangene deutschen Militärarzt in einer Weise, die mich entehren sollte, beleidigt.

Mit dem Vorgehen des Herrn Dr. M. gegen mich ist der internationale Aerztestand durch einen Arzt, der Offizierstand durch einen Offizier beschimpft. Ich bitte Sie, Herr Kommandant, mich zu schützen vor den Angriffen dieses Herrn und meine Beschwerde höheren Ortes vorzulegen.

Ich bin...


Der Vorfall hatte natürlich im Lager das größte Aufsehen erregt. Marcantoni stand wie ein Satan neben mir; ich war völlig ruhig, er um so erregter. Er schaufelte mit den Händen Schmutz vom Boden und sagte mir, so sollte ich es machen. Ich nahm einen Eimer, Wasser zu holen, während er im Lazarett blieb. Den Eimer ließ ich am nächsten Wasserkran stehen und lief herauf zum Kommandanten, der gerade im oberen Lager war. Der ging mit Simeoni und dem Comte. Ich trat auf ihn zu und berichtete deutsch, was mir Dr. M. zugemutet. Er war äußerst erregt, schickte sofort den Comte mit mir zu Dr. M., mit nun endlich energischem Befehl, mich zu keiner Arbeit, sei es, welche es sei, zuzuziehen. Der Comte war selber erregt, als er den Befehl überbrachte. Der Arzt gab mich frei.

Es war viel und Schweres, was mir in der kurzen Zeit durch den Kopf ging. Widerstand, Weigerung! Fünf bis zehn Jahre Zwangsarbeit stehen darauf. Den Mann niederschlagen! Tod ohne Zweifel, füsiliert werden. Ehrlos verscharrt werden in französischer Erde, nie den Meinen sagen dürfen, was mir geschehen und in mir unserer Nation, unserem Stande!

Ich bin mit Willen der Waffengewalt gewichen und tat das einzige, was ich tun konnte und mußte. Die Gründe sind klar. Erstens stehen Bonitz und Radei mir gesellschaftlich nicht nach, und was die arbeiten müssen, kann ich auch. Außerdem hat man mir eine Waffe in die Hand gegeben, die ich für andere gebrauchen kann. Ueber einen Zwischenfall traurigster Natur, der in diese ganze Aufregung fällt, will ich hier berichten. Schielke und Pressel sind flüchtig geworden, sie wollten am Strande ein Boot nehmen und nach Elba oder Sardinien fahren. Das ist fehlgeschlagen, sie sind festgenommen und zu vier Wochen schweren Kerkers verurteilt worden. Was das heißt, weiß keiner, der nicht diese vorweltlichen Löcher gesehen. Lt. Simeoni hat sich geäußert, sie wüßten wohl, daß da keiner nach vier Wochen lebendig herauskäme. Wir hoffen, es zu erreichen, daß die Strafe gemildert wird, sonst fürchten wir für ihr Leben.

Mein Kelch ist nicht voll, er beginnt sich langsam zu füllen. Ich bin gefaßt auf alles. Das eine hoffe ich jetzt mit immer größerer Zuversicht, daß man mich nicht geistig unterkriegen wird, wenn der Körper standhält. Ich spüre im Gegenteil etwas wie Gesundung. Je mehr auf mich geschlagen wird, desto härter will ich werden.

Am nächsten Morgen, dem 10. Dezember, überreichte ich meine Beschwerde persönlich dem Kommandanten. Er geriet in heftigste Erregung, ich habe ihn nie so gesehen. Aber die Angst, die Beschwerde weiterzugeben, überwog doch alles anständigere Denken. Er beschwor mich, ich solle ruhig bleiben, die Schuld trage die wahnsinnige Erregung der Franzosen gegen uns. Ich blieb fest, der Comte unterstützte mich. Der Kommandant sagte in größter Erregung: „Le docteur est un homme charmant mais d’un race sale.“ Der Comte übersetzte mir das: Dr. Br. ist ein scharmanter Mann, aber leider eben Deutscher. — Ich hatte mir das Wort, das ich nicht verstand, aber gemerkt, und ließ es mir später richtig übersehen, sale heißt schmutzig. So beleidigte also auch der Kommandant seine Gefangenen, der uns als Gentleman galt.

Der Kommandant lief dann noch einige Male im Zimmer umher. Schließlich blieb er vor mir stehen und sagte: „Besinnen Sie sich 24 Stunden, so lange gebe ich Ihnen Bedenkzeit. Wenn Sie dann auf der Beschwerde bestehen, werde sich sie weiterreichen. Aber ich warne Sie.“ Ich ging, und nach 24 Stunden trat ich wieder vor ihn.

Was wird nun kommen? Vielleicht leugnet M. alles, dann komme ich vors Kriegsgericht wegen Verleumdung, oder 30 Tage Kerker! — Gut! —

Repressalien folgen auf Repressalien, unerträglich fast.

Die Arbeiter und die Soldaten haben durchaus minderwertige Ernährung und weigern sich, hungernd zu arbeiten. Ein Trupp Soldaten wird vom Arbeitsführer zurückgebracht, jeder einzelne hat erklärt, er habe Hunger und fühle sich nicht fähig zur Arbeit. Sie werden vor das Haus des Kommandanten geführt, der droht ihnen, Bericht zu machen und ihren Transport nach Marokko zu beantragen. Aber er fühlt doch, daß es so nicht weitergehen kann, und so verhandelt er mit einigen von ihnen und gibt den Arbeitern Zulage an Brot und sonstiger Nahrung. Wieder wurde eine drohende Gefahr beseitigt. —

Wenn in unserem Zimmer auch keine Infektion aufgetreten ist, so hatten wir doch einen schweren Fall von Blinddarmentzündung, der für uns den immer wiederkehrenden Streit mit dem Lagerarzte auslöste. Marcantoni wird gebeten, den Kranken zu sehen. Er verweigert das: „Herunter soll er kommen, oder oben krepieren.“ Wer nur eine Ahnung von Blinddarmentzündung hat, der kennt auch die Gefahr, welche ein Aufstehen und Gehen mit sich bringt. Die Temperatur steigt und Schüttelfrost tritt auf. Zufällig kommt nachmittags der Kommandant zu uns, nun bitte ich ihn, den Kranken zu sehen, wir ständen machtlos, da uns jede Hilfe verweigert würde. Der Kommandant sagte, wie ein Greis mit den Achseln zuckend, wieder dasselbe: „Ich kann nichts tun. Marcantoni und immer noch Marcantoni! Keiner ist verantwortlich als der.“ Nun aber nahte auch die Aera Marcantoni ihrem Ende und heute war der Vielgeplagte auf Urlaub gefahren, ein junger Arzt vertrat ihn, der ihn bald ersetzen sollte. Das überdachte in diesem Augenblick der gestrenge Kommandant, und er gab mit Genehmigung dieses Arztes die Erlaubnis, das zweietagige Bett abzusägen und den Patienten im Bett herunterzutragen. Der hat sich in wenigen Wochen vom ersten Anfall erholt, und Marcantoni ließ seiner wissenschaftlichen Ader wieder freien Lauf und gab der Krankheit einen anderen Namen. — Aber es ging abwärts mit Marcantoni. Die Schweizer Kommission kam unter Führung des Obersten Marvall. Auf den trat ich im Beisein Marcantonis zu, Dr. Heller auch, und nun berichteten wir von diesem Manne, der sich seines Standes unwert gezeigt, als Arzt und als Offizier. Wir wurden erregter und erregter, Marcantoni sah hämisch drein, er konnte nicht Deutsch, aber er fühlte jedes Wort, und unsere Augen wandten sich immer wieder zeigend gegen ihn, und der Oberst hörte zu und machte Notizen. Als ich auf das unerhörte Vorgehen Marcantonis gegen mich kam, wandte sich der Oberst zu mir: „Ah, Sie sind Doktor Brausewetter?“ Als ich bejahte, sagte er: „Nun, dieser Vorfall ist schon dem Roten Kreuz genau zur Vorlage gekommen; aber bitte, berichten Sie darüber noch einmal ausführlich.“ Einige Male unterbrach er: „Wurden Sie mit Gewalt bedroht?“ Ich bejahte, er notierte. Wir wollen hiermit die Tragödie Marcantoni beschließen, auch Patroklus-Maurer ist gestorben! Marcantoni verschwand bald von der Bildfläche, man hat ihn nicht wieder gesehen. Nach Berichten hat er die Uniform ausziehen müssen und ist zu 30 Tagen Gefängnis verurteilt. Jedes weitere Wort über diesen psychologischen Jago wäre zuviel. — Ob wir dafür Herrn Obersten Marvall zu danken hatten, weiß ich nicht. Marcantoni war zum Fällen reif gewesen, und ich weiß auch, wer in der Schweiz so energisch für mich und gegen diesen Partei ergriffen.

Mit dem neuen Kommandanten, den wir als Ersatz des Herrn Teissier in Herrn Pleit, erhielten, sahen wir das Aufgehen gerechterer Tage, und es schien wirklich so, aber der Herr blieb nur kurze Zeit bei uns, wir haben es bedauert. — — —

Fünf unserer Mitgefangenen sind entflohen.

Sie haben am Strande ein Boot genommen, das sie eingerichtet haben. Zwei Nächte noch mußten sie auf der Insel kampieren, während sie am Tage segelten, am dritten Tage kamen sie nach Sardinien, wo sie gut aufgenommen und nach Rom befördert wurden. Dort nahm die deutsche Botschaft sie in Empfang und versorgte sie zur Weiterfahrt. Die Glücklichen! Sie haben Mut bewiesen und ihr Glück verdient. — Daß wir darunter litten, war klar. Wieder wurde verschärft, was noch zu verschärfen war. Ein neues Mittel wurde erfunden. Sämtliche Ausgänge wurden mit Gefangenen als Posten besetzt, das war ein ergötzliches Bild und führte zu ergötzlichen Szenen. Marder, welcher an dem Tore, das zu den Ställen führte, Wache hatte, waltete streng seines Amtes. Ein Franzose hatte einen Gefangenen beauftragt, ihm etwas von dort zu besorgen, Marder ließ ihn nicht durch. Nun kam der Franzose selber und forderte den Durchgang für den Beauftragten, worauf M. ihm kühl erwiderte: „Sie dürfen durch das Tor und sich alles besorgen, der Gefangene darf nicht durch. So ist mein Auftrag.“ Ein „sale boche!“ fluchend, mußte der sich nun selber bemühen. Gleich darauf wurde Marder seines Amtes, das er zu genau verwaltet hatte, entsetzt. Man kann es den Herren nie recht machen. — —

In diese Zeit fällt der Entscheid über meine von allen Seiten unterstützte Eingabe um Freilassung. Und nun muß ich noch einmal, trotz meines Schwures, den Namen des widerlichen Mannes erwähnen. Die französische Regierung schrieb an die amerikanische und spanische Botschaft, daß sie gern meine Freilassung verfügt hätte, besonders da eine so hohe Dame, wie die Infantin Beatriz von Spanien, sich darum bemüht habe, daß dies jedoch unmöglich geworden sei durch das Attest des Arztes. Dr. Brausewetter sei „en parfait état de sante“, wie eine „enquête minutieuse“ ergeben, und „mobilisable“. Das war die Rache Marcantonis gewesen. Ich war ja so vieles gewöhnt worden, aber um meine Frau war mir’s leid. Die hatte so tapfer gekämpft, und nun diese Enttäuschung!

Der Zorn war bei ihr aufgewallt und bei mir. Ich setzte mich sofort hin, schrieb an beide Botschaften und auch an die Infantin Beatriz, daß mich das sichere Urteil des Arztes und die „enquête minutieuse“ aufs äußerste in Erstaunen gesetzt habe. Dr. Marcantoni habe nie eine Frage meiner Gesundheit wegen an mich gestellt, trotzdem die Bescheinigung des preußischen Kriegsministeriums vorgelegen, daß ich wegen Lungentuberkulose aus dem Heere geschieden sei; viel weniger habe er auch nur einmal mich untersucht. Es sei unerklärlich, wie er zu solchem Urteil käme und wie die Note der französischen Regierung von einer „minutieuse enquête“ sprechen könne. Wieder kam der Stein ins Rollen, aber der Weg, den er rollen mußte, war vorgezeichnet. Ein Arzt aus Bastia kam nach einiger Zeit, mich — nun zum ersten Male — zu untersuchen. Er bestätigte meine Angaben nach genauer Feststellung des Befundes und sagte mir dann, ich würde nun freikommen, sein Bericht sei günstig für mich. Durch das Bureau erfuhr ich, daß er mich als immobilisable für jeden militärischen Dienst eingegeben habe, und daß damit meiner Freilassung nichts im Wege stände. Aber das konnte dem Ministerium natürlich nicht passen, es wäre in eine schlimme Lage gekommen und hätte der Infantin gegenüber einfach bekennen müssen, daß die leichtsinnige oder bewußt feindliche Eingabe des Marcantoni zu einem Irrtum geführt habe. Ein zweiter Arzt wurde beordert, das war bestellte Arbeit; er untersuchte mich und erklärte, daß zwar die Leiden vorhanden seien, daß ich aber doch soweit gesund sei, um einen service militaire zu tun. Was sollte das wohl für ein service militaire sein? Ich war doch Arzt, sollte ich zum Schreiber degradiert werden? Die Antwort der Regierung war klar. Es sei, so hieß es, nach dem Attest des ersten Arztes schon meine Freilassung verfügt gewesen, man habe aber nach dem Attest des zweiten die Verfügung wieder streichen müssen. Das war ja sonnenklar und hat uns nicht weiter überrascht. Ausharren hieß es nun und immer wieder ausharren, ob auch schwere Wolken über uns hingen.

Daß die fünf Flüchtlinge nicht zurückkehren wollten, erzürnte die Machthaber, und deren Gereiztheit stieg. Nun hatten wieder fünf Mann einen Fluchtversuch gemacht: Marder, Seifried, Liebscher, Soennickens und Kühl, aber das Glück hatte sie nicht begünstigt wie ihre Vorgänger, sie wurden eingefangen und Gegenstand neuer unerhörter Vorgänge in Casabianda. Der frühere Polizeipräfekt von Paris, Herr Lepine, kommt nach Casabianda und betrachtet den Schauplatz so vieler Fluchtversuche. Die Erregung steigt auf allen Seiten aufs höchste, und ein seltsamer Abend war es, wie die Vorabende schwerer Ereignisse, als ich am 29. März, unserem Hochzeitstage, noch spät aufsaß und an meinem Tagebuch schrieb. Ich war lange über Erlaubnis aufgeblieben und schrieb alles nieder, was mir durch Herz und Sinne ging. Da öffnete sich gegen elf Uhr etwa, ohne daß ich ein Geräusch hörte, die Tür, ein Korporal wies auf mich: „Voilà.“ Hinter ihm trat der Chef-Adjutant, der Schwarze oder Mephisto, wie wir ihn nannten, ein, eine unheimliche Figur, wie auf der Lauer. Als er mich sah, war er ruhig: „Es ist Zeit, zu Bett zu gehen!“ sagte er, weiter nichts; dann ging er, lautlos wie er gekommen. Die Reitpeitsche, die ihn immer begleitete und die noch eine große Rolle spielen sollte, hatte er in der Hand getragen. Was hatte er gewollt, auf wen fahndete er? Etwas war im Gange gewesen, und der nächste Morgen brachte die Enthüllung. Wenige Stunden nach dem rätselhaften Besuche, der wohl mir nicht gegolten hatte, waren aus dem Nebenraum wieder sechs Mann entflohen. Sie hatten sich an Seilen von ihrem Fenster, dessen Kreuz sie ausgebrochen hatten, an der Stallmauer herabgelassen, waren so ins Freie auf gefährlicher Tour gelangt. Am nächsten Morgen war eine furchtbare Aufregung im Lager, die Flüchtlinge waren schon um drei Uhr morgens wieder eingefangen und saßen im Kerker.

Das war in der Nacht vom 29. zum 30. März geschehen. Vor wenigen Tagen hatten wir erfahren, daß der Chef-Adjutant drei der früheren Flüchtlinge in ihrer Kerkerzelle aufgesucht und mit der Reitpeitsche geschlagen hatte. Was diese Nacht geschehen, war das Ungeheuerlichste, was wir in unserer Gefangenschaft erlebten. Es drang erst gerüchtweise zu uns, wir wollten ihm nicht Glauben schenken, bis eine dahingehende Frage, die den vorübergeführten Gefangenen rasch gestellt worden war, bejaht wurde. Immer mehr kam aus guten Quellen eines nach dem anderen zutage. Simeoni hatte die Flüchtlinge um drei Uhr morgens, als sie von der Wache herangeführt wurden, vor dem Tore sich nackend entkleiden lassen, sie mit der Peitsche blutig geschlagen, auf den nackten Körper, jeden einzelnen, ihre Kleidung ins kalte Wasser geworfen, sie dann mit der Peitsche in den Kerker getrieben, dort von neuem gepeitscht. Wir wollten nicht glauben, was wir erfuhren, aber der Graf Peraldi selber sagte einem von uns alles, und als die erste Beschwerde abging, in welcher wir fälschlich den Chef-Adjutanten bezichtigten, gab er das Schreiben zurück: es sei nicht der, sondern Simeoni und ein anderer Offizier gewesen, den wir Falstaff nannten. Darüber hinaus gab es nichts, war das möglich gewesen, so konnten wir alles erwarten und es galt jetzt zu handeln. Faikos hatte die erste Beschwerde als Gruppenführer geschrieben, es war keine Antwort erfolgt. Jetzt trat an andere die gleiche Aufgabe heran, an mich als etwa Rangältesten, an Baron v. Weichs und Dr. Steinbrecher, die von ihren Gruppen dazu ersehen waren. Wir unterzogen uns der Aufgabe, der Gefahr uns wohl bewußt. Ehe ich die Eingabe machte, habe ich noch einmal mir von den Gefangenen die Einzelheiten bestätigen lassen, und folgende Briefe trafen aus dem Kerker ein.

Zivilist X., Korporalschaft Y.:

Lieber X.!

Simic, Lariga und ich waren heute zur Untersuchung. Der Arzt sagt, daß wir uns, die von dem Hieb herrührenden Wunden selbst beigebracht hätten. Ich konnte allerdings an seinen Mienen und an denen des Mephisto und des Grafen sehen, daß sie vom Gegenteil überzeugt waren. Man hat eben nur der Form genügt. Der Rote wartete draußen auf das Resultat. Der Graf und Mephisto sind uns wohlgesinnt. Der Graf bedauerte mein hartes Los. Ihr könnt mir alles bringen, Mephisto drückt beide Augen zu. Laß Dir also von Klos zwei Decken, Unterhosen und Mundharmonika geben und bringe den Kram rauf, auch Eßwaren aus der Kantine und falls Pakete angekommen sind. Auslagen vergüte ich Dir. Ebenso die weißen Schuhe vom Wandbrett und Spielkarten von X., und an der Bettstelle hängt ein kleiner Mantel, in welchem Du alles verstauen kannst. Besten Dank usw.

Lieber X.!

Zuerst die Angelegenheit mit Simeoni. Wir wurden also hinter dem Gut an der Düngergrube von einem Posten 3¼ Uhr und unter vielem Theater an das verschlossene Eingangstor geführt. Nachdem wir etwa eine Viertelstunde gestanden, kam Simeoni mit der Wache, die Bajonette aufpflanzen mußte. Simeoni gebärdete sich wie ein in höchster Ekstase befindlicher Wahnsinniger. Die eine Faust im Munde, knirschte er wie ein angeschossener Eber und in der erhobenen Rechten schwang er einen dreizölligen Ochsenziemer, den er zunächst wahllos über alle herniedersausen ließ. Als er dann des Heer ansichtig wurde, glaubte ich, er platze vor Wut: cochons, boches usw. regnete es. Er fuhr Heer mit der Linken an die Kehle und ließ die Rechte fast drei Minuten lang auf dessen Schädel platzen, während ihn außerdem noch ein Förster festhielt. Dann hieß es, obgleich wir durchnäßt von Schweiß waren, splitternackt ausziehen. Heer war zuerst fertig, unter beständigen Schlägen, bekam einige besonders wuchtige Hiebe und flog nach links. Dann kam Simic, dem der bärtige Oberleutnant Stefani an die Kehle fuhr und ihn an die Wand drückte, mit der Rechten fest den Kopf bearbeitend. Dann flog er zu Heer. Mittlerweile hatte Simeoni bei Reichel das um den Leib gewickelte Seil entdeckt. Neuer Ausbruch des Vesuvs. Mit dem umgekehrten Ochsenziemer einen Schlag über den Kopf, das Loch sieht man heute noch. Noch einige Schläge über Rücken, Gesicht und Schenkel, und er flog samt Amade rüber zu den übrigen. Amade erhielt einen Hieb über den Rücken von ungelogen 2 Zentimeter Breite. Jetzt erblickte er mich. Ich wurde die ganze Zeit von einem Förster visitiert, der mich vielleicht so vor dem Strafgericht zu retten dachte. Simeoni zu mir: Was, du Schwein bist noch nicht ausgezogen? begleitet von einigen Hieben. Ich zog mich so schnell als möglich aus, welchen Augenblick Lariga benutzte, um zu den anderen zu entweichen. Ich bekam seine Hiebe mit und flog mit einem Fußtritt zu den anderen. So standen wir etwa sechs Minuten. Dann mußten wir die Kleider über die Arme nehmen und zum Kerker marschieren. Ich war der letzte und bekam unterwegs noch einige Hiebe über den Rücken. Am Kerker neue Wutszene. Wir mußten einzeln vor die Halle treten, bekamen jeder zwei echte germanische Jagdhiebe und durften eintreten. Dann wurde Reichel herausgeholt, natürlich immer noch ohne jedes Bekleidungsstück. Mit der Linken hielt er ihm den Revolver vors Gesicht, in der erhobenen Rechten wieder den Ochsenziemer. „Jetzt sagst du Schwein mir die Wahrheit, wo ihr heruntergekommen seid.“ — „Bei der Bäckerei.“ Klatsch, gab’s einen Hieb. „Willst du die Wahrheit sagen.“ Reichel blieb dabei. Dann kam ich und ich sagte natürlich dasselbe, und daß wir Eier holen wollten. „Du lügst, du Hund, um vier Uhr war man bei mir und hat mir alles gesagt.“ Ich sagte: „Ich verstehe das nicht, da doch alles so ist, wie ich sage.“ In dem Augenblick kam der Kommandant und wir durften uns anziehen. — Wer hat nun die Geschichte brühwarm hinterbracht? Gruß

Ulrich.

Ein anderer Herr im Lager hatte einen Beschwerdebrief aufgesetzt, der mir und vielen anderen viel zu lau gegen diese unerhörte Barbarei erschien; ich sagte ihnen, ich wolle selber das Schreiben verfassen und verlas es dann. Es hatte vollen Beifall und folgenden Inhalt:

1. 4. 15.

An die amerikanische Botschaft, Paris.

Im Namen und Interesse der in Casabianda unter Militärverwaltung internierten Zivilgefangenen erlaube ich mir folgendes vorzutragen:

Die in Casabianda internierten Zivilgefangenen sehen sich in der dringenden Lage, die Hilfe der nordamerikanischen Botschaft, deren Schutze sie unterstellt sind, anzurufen, weil ihre Behandlung dem hohnspricht, was sie selbst in Kriegszeiten als menschenwürdig anzusehen gewohnt sind. — Alle Repressalien, welche gegen sie ergriffen sind, wiegen nichts gegen das eine, die entehrendste aller Strafen, die Prügelstrafe in ihren Reihen. Die Prügelstrafe durch eine Reitpeitsche auf den bekleideten und nackten Körper ist ausgeführt durch drei französische Offiziere und ausgeübt an etwa acht Gefangenen durch dieselben Offiziere. — Der erste Fall der Prügelstrafe betraf einige Flüchtlinge im Kerker. Der zweite ist noch gravierender, er ereignete sich vor zwei Tagen, nachdem eine Beschwerde über den ersten Fall eingereicht worden war, und trug sich so zu: Sechs Gefangene, welche auf einem Fluchtversuche eingeholt waren, wurden morgens etwa drei Uhr am Tore von Casabianda durch zwei französische Offiziere des Lagers gezwungen, sich nackend auszuziehen, mit dem Revolver bedroht und gepeitscht. Dann mußten die armen Gefangenen ihre völlig durchnäßte Wäsche in den Arm nehmen, wurden den etwa 150 Meter weiten Weg zum Kerker heraufgetrieben, dort wiederum gepeitscht. Sie mußten im nassen Hemde, von Frost und Schmerzen fast erstarrt, im Kerker bleiben; erst heute ist ihnen Stroh und Unterzeug gegeben. — Ein Fluchtversuch, der von den Franzosen aus deutschen Lagern als Heldentat in französischen Zeitungen gepriesen wird, kann, von Deutschen ausgeführt, keine Schande sein und eine Strafe fordern, die bisher jeder Kulturstaat als unmenschlich aus seinen Rechtsbüchern ausgestrichen hat.

Eure Exzellenz bitten wir um schleunige Entsendung einer Kommission zur Feststellung unserer verzweifelten Lage und Bericht bei unseren Regierungen, da wir den augenblicklichen Stand für gefährlich erachten.

(gez.) Dr. M. Br....


Zugleich hatten Baron Weichs und Dr. Steinbrecher ihre Schriften verfaßt und sandten sie auf demselben Wege zum Kommandanten. Dessen erste Eingebung war, uns jeden auf 30 Tage, das Höchstmaß seiner Strafbefugnis, einzusperren.

Kerker in Casabianda.

Die Tage schleichen so dahin, fast zählen wir die Stunden. Wir haben uns gegenseitig zu ertragen und müssen gute Miene zum bösen Spiel machen. Keiner zeigt es, wenn es ihm bisweilen schwer aufs Herz fällt, wie unwürdig doch unsere ganze Lage ist! Keiner klagt, und das ist gut, es war kein Feigling unter uns. Aber manchmal denke ich doch an Lears Worte: „Ich stürb’ vor Mitleid, säh’ ich andre so!“ Gestalten wie der alte Moor treten mir lebhaft ins Gedächtnis, wie ich als Jüngling erschauert bin, wenn der Alte von seiner Kerkerzelle seinem Raben, dem Hermann, dankte. Ich hatte damals das Gefühl, als röche man den Unrat der furchtbaren Zelle von der Bühne herauf zur Galerie, wo wir Schüler saßen. — Das Innere unseres Kerkers spottete jeder Beschreibung. Immer wieder baten wir um Stroh und wurden vertröstet; das wenige, welches uns zur Verfügung stand und welches so rücksichtsvoll geteilt wurde, hatte schon lange in der Zelle gelegen und war faul und voller Läuse. Man hatte Läusespiritus für uns aufgetrieben und uns in die Zelle geschickt, und jeden Morgen nach dem Waschen (wir mußten uns in unseren Gamellen, die auch zum Essen dienten, waschen) kam die Einreibung mit dem Spiritus und jeder hatte acht auf den anderen, daß er von dem köstlichen Stoffe nicht mehr nahm, als unumgänglich nötig war, besonders aber nichts vergeudete. Wir mußten sehr haushälterisch damit umgehen, auf neuen konnten wir nicht rechnen. So kämpften wir gegen diese furchtbare Plage, aber doch nicht mit ganzem Erfolge, wenn auch jedes Stück Wäsche nach draußen zum Auskochen gegeben wurde. Die Läuse sind das fürchterlichste Ungeziefer, das zur Plage des Menschen bestimmt ist, kein anderes kommt dem gleich, und wir vier Aussätzigen litten darunter mehr, als wir uns gestehen mochten. Aber wir kämpften gegen den Unmut mit ganzer Energie. Krieg ist Krieg, und wenn wir auch zu der verzweifelten Rolle der zwecklos Leidenden verdammt waren, auch da trat die Aufgabe an uns heran, unseren Mann zu stehen, und wir haben sie erfüllt und einen gewissen bösen Humor gepflegt, der uns über schwere Stunden hinweghalf. Ich schrieb einmal auf einem Zettel an Remer, der sich noch relativer Freiheit mit den anderen erfreute: „Uns geht es vorzüglich, wir brauchen nicht um sechs Uhr aufzustehen, wir hören kein zweistündiges Blasen zum Appell, unser Essen müssen wir uns nicht selber holen, wir sehen nur zweimal am Tage und zu genau vorbestimmter Zeit Korporale und Offiziere; und vor allem, wir leben nicht wie Ihr in der beständigen Furcht, daß wir für irgendein unbedachtes Wort in den Kerker fliegen.“ Remer hat in der Zeit rührend für mich gesorgt, was möglich war, bekam ich, und sowohl Simeoni wie Mephisto ließen alles, auch Briefe, durch. Um neun Uhr etwa ging die Zellentür auf, drinnen war es halbdunkel, nachts ganz, das ist etwa dasselbe. Wir hatten uns vorher gewaschen und gesäubert, dann kam der wachthabende Offizier mit dem Korporal, Posten und den Kerkerverpflegern. Wir bekamen Brot und Wasser und die Träger ließen hier und da einige inoffizielle Gegenstände aufs Stroh fallen. Der Kübel wurde herausgeholt und gereinigt, die Gamellen gereinigt und die Zelle selber. Dann wurde alles wieder geschlossen und wir lagen wieder im Dunkeln. Das dauerte freilich nicht lange, denn schon zündeten wir eine Kerze an und durchsuchten das Stroh nach eventuellen Nachrichten oder Eß- und Trinkwaren, besonders Käse, Eier und Wurst waren begehrt, dabei Tabak und Zigarren, Streichhölzer usw. Nun, wir fanden meist genug, besonders in dem sogenannten nahrhaften Wasser, welches meist Konserven und gekochte Eier barg. (Zwei freundliche Männer hatten den Transport unserer Lebensmittel übernommen, aber sie kamen dabei zu Schaden. Wieder verriet einer, der den Posten, bei welchem immer kleine Geldgeschenke abfielen, haben wollte, die beiden, und jeder erhielt fünfzehn Tage Kerker.) Danach wurde gefrühstückt, meist mit gutem Appetit. Um 10½ Uhr durften wir auf eine Viertelstunde draußen im Korridor spazierengehen, da ordneten und glätteten wir unseren äußeren Menschen, um nicht dem alten Moor ähnlich zu werden, und schnappten in sehr homöopathischer Dosis Luft. Danach lasen wir in der Dunkelzelle, spielten auch wohl Karten oder vertrieben uns durch Nachdenken oder Gespräche die Zeit, und sie verging auch wirklich. Manchmal schrieb ich auch einige Gedichte nieder und freute mich, daß ich dazu noch in Verfassung war. Ich will einige wiederholen: „Ich bin nicht stolz.“ „Wo warst du?“ „Sträflingen den Tod versagen.“ (Zum größten Teil verloren oder von der Zensur in Uzès verstümmelt.) Und ich schrieb auch an meine Frau, natürlich nicht von dem, was mir geschehen war, das wäre grausam gewesen; und ich bin später besonders stolz gewesen, als auf meine Briefe aus dem Kerker ihre Antwort eintraf: „Ich freue mich, daß ich aus Deinen Briefen ersehe, wieviel besser es Dir geht. Du hast nie so kräftig und zuversichtlich geschrieben.“ Und darin hat sie recht behalten, ich hatte durchaus nicht poesiert. Ich habe mich wirklich kräftig gefühlt, gerade durch diese Zeit, die die schwersten Anforderungen an unsere Energie gestellt hatte, und in der Kerkerzelle habe ich die Feigheit abgeschüttelt, als könne eine Demütigung, sei es, welche es sei, die von Feindes Seite kommt, uns erniedrigen. Damals zeigten wir stolze Mienen, weil wir vermochten, das Unerhörte gleichgültig über uns ergehen zu lassen, und ich glaube heute noch, daß wir ein Recht dazu hatten. Wie ich die Briefe geschrieben hatte, schickte ich auch ein Gedicht, das für meine Frau bestimmt war: „Streich getrost ein Jahr des Lebens.“ Wir mußten sparsam sein mit unserem Lichte, und so wurde es nachmittags wieder dunkel; wir unterhielten uns. Dann kam um vier Uhr das Essen, die Suppe. O Gott, wie schaudert mir davor! Das gräßliche Fett! Aber sagen durften wir das nicht, und ich denke noch mit herzlichem Vergnügen, wie wir, nachdem jeder einen mehr oder weniger großen Teil in den Abfalleimer gegossen hatte, mit schmunzelnder Miene einer zu dem anderen das übliche: „Nun, die Suppe war heute durchaus nicht schlecht, die ließ sich essen“, äußerten. Ja, wir waren bescheiden und durften uns nun wohl an ein Wurstbrot wagen, oder Eier nehmen, falls wir solche hatten. Auch Konservenbüchsen wurden hervorgeholt. Abends wurde meist noch ein Skat gespielt und dann zur Ruhe gegangen. — Wir schliefen, abgesehen von schweren Hautreizungen, nicht schlecht. Und so ward aus Abend und Morgen ein neuer Tag, und der neue glich dem alten aufs Haar, und gerade weil einer war wie der andere und verging wie der, weil wir keinen Wechsel hatten, so schien es uns auch, als ob die Zeit nicht gar so langsam hinginge, und wir trösteten uns mit Shakespeares Wort, daß die Zeit auch durch den rauhesten Tag geht. Neues konnten wir ja nicht erwarten, und es geschah auch nicht viel. Ulrich hatte im Namen der anderen Gefangenen eine Beschwerde über die Prügelaffäre an den Kommandanten aufgesetzt und wurde zitiert. Aber an der Strafe änderte das nichts. Das Wort zweier französischer Offiziere schlug das von tausend gefangenen boches und mit dem „Sie sind gar nicht geschlagen“ war ein so lächerlicher Zwischenfall erledigt, bis viel, viel später die sechs Gefangenen vor dem Kriegsgericht in St. Nicola ihre Aussagen nunmehr eidlich bekräftigen durften. Und daß sie später zum Eide zugelassen worden sind, gab uns zu denken. Was wir im Lager erfahren, sind ja immer nur halbe Nachrichten. Der Tag, wo uns verkündet wurde, oder vielmehr nicht verkündet, denn man nahm das als selbstverständlich, daß unsere Strafe auf dreißig Tage erhöht sei, gehörte nicht zu den angenehmsten; aber wir haben auch den in Fassung über uns ergehen lassen. Es waren nämlich auch in unseren Kerker die Gerüchte gedrungen, daß die französische Regierung den Anträgen der amerikanischen Botschaft nachgegeben habe und das Lager Casabianda noch im April räumen wolle. Das war erfreulich, aber weniger war es die Aussicht, daß wir im neuen Lager gleich wieder als Sträflinge ins Gefängnis abgeführt werden sollten. Aber was sein soll, mag sein. Schlimmer konnte es ja doch nicht werden wie hier. Und es wurde wirklich so. Die Gerüchte, daß wir nach Uzès kämen, wurden sicherer und schließlich bestimmt; der Termin, der dreißigste April, war festgesetzt. Am Tage vorher dankten wir es der Gnade Mephistos, daß wir uns einmal am ganzen Körper unter fließendem Wasser waschen durften, und das war köstlich. Ich schrieb noch am Abend in meine Blätter die erwartenden Zeilen für Uzès. Am dreißigsten April, früh sechs Uhr, kam der Schwarze und holte uns ab. Gepackt war alles, und gegen acht Uhr setzten wir uns in Bewegung. Vor dem Abmarsch fiel von Weichs in schwerem Anfall zu Boden; die Tage waren doch nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Nun kamen die Gruppenführer und baten den Kommandanten, zu gestatten, daß der Kranke auf den Transportwagen gelegt würde. Der bestimmte in rührender Humanität, daß „das Schwein da“ zu Fuß ginge, und daß der Offizier dafür zu sorgen habe, daß ihn keiner unterstütze. Das war der Abschiedsgruß des Ehrenwerten. Wir gingen an einem recht heißen Tage auf Umwegen zum Bahnhof — die freie Luft tat doch wohl — und wurden nach Bastia verladen. Die Freundlichkeiten, die wir hörten, waren schon etwas matter geworden, auch die Steinwürfe, und unser neuerwachter Freiheitsdrang erzeugte wieder die seltsamsten Gerüchte: Wir kämen zunächst nach St. Nicolas, da würden die ausgesondert, die nach Hause geschickt würden usw. usw. Derlei versagte nie seinen Eindruck. In Bastia ging’s aufs Schiff; diesmal hieß es „Galvani“ (undeutlich im Original). Bei ruhigem Meer hatten wir eine sonst gleich gräßliche Fahrt. In Marseille wurden wir wieder umgeladen auf ein anderes, kleineres Schiff, das uns nicht zum anderen Bahnhof führte, wie wir gemeint hatten, sondern in gerader Fahrt zum Ponton, also Zwischenstation. Ob das zur Erholung war, oder ob die ausgemustert werden sollten, welche zur Heimreise bestimmt waren, das erfuhren wir damals nicht, später auch nicht. Der Ponton ist ein alter, ausrangierter, schwimmender Güterschuppen. Er soll anfangs als Quarantänestation benutzt worden sein, diente nun als Gefangenenlager. Er ist etwa 20 Meter lang, 10 Meter breit, 10 Meter hoch, in drei Etagen geteilt.

Wir wollen auf ein anderes Kapitel unserer Gefangenschaft kommen, so groß, so erhaben, daß es uns über alles, was kleinlich war, hinweghalf, das uns oder die Besseren unter uns für unser großes Leiden entschädigte, das war die Verfolgung des gigantischen Feldzuges in Rußland. Damals durften wir noch, oder auch wieder, französische und englische Zeitungen lesen und kämpften in Gedanken an der Seite der Unseren, mit ihnen Siege feiernd. Das enthob uns für Stunden dem Grau des Alltags. Freilich hatten wir auch unter guten Nachrichten zu leiden, und das gab uns einen gewissen Anteil daran. Unsere Bedrücker verhehlten uns gegenüber ihre Stimmung durchaus nicht, und wir standen wehrlos ihnen gegenüber. Wir durften uns nicht glückwünschend die Hände reichen, wenn wir es auch oft verstohlen taten. Wir bekamen keine Extrablätter vom Falle Warschaus und sahen nicht Knaben und Mädchen jubelnd aus der Schule kommen, weil unser braves Heer ihnen wieder einen schulfreien Tag geschlagen hatte. Wir bekamen gute Kost so neidisch und hämisch und in so kleinen Portionen zugeteilt, daß wir hungerten. Damals waren auch noch spanische Zeitungen erlaubt, freilich nur die franzosenfreundlichen, sie wurden aber bald verboten, da Spaniens Haltung Frankreichs Mißtrauen weckte. Auf deutsche Zeitungen wurde wie auf Spione gefahndet, sie wurden aus jedem Paket herausgerissen; wo sie besonders gewandt versteckt waren, wurde der Empfänger mit Gefängnis nicht unter vier Tagen im Einzelfalle bestraft. Auch die englischen Zeitungen waren unseren Aufsichtsräten noch zu offenherzig, und so wurden sie nur durch großen Scherenschnitt verstümmelt uns ausgehändigt. Aber auch Scheren sind tückisch und schneiden oft falsch; so ließen sie oft stehen, was fort sollte, und nahmen Unwichtiges weg, wirkten auch, wie ein Vergleich ergab, oft verschieden in verschiedenen Exemplaren der Zeitungen.

Wie gesagt, pillenweise schluckten wir gute Nachrichten. So fiel Warschau etwa so:

  1. Der Traum der Deutschen: Einige übergeschnappte Phantasten in Deutschland träumen sogar von einer möglichen Einnahme Warschaus. Napoleon hatte bekanntlich 1812 ...
  2. Ein Herr, der absolut zuverlässig ist und in Amsterdam wohnt, erklärt uns, daß Warschau nie den Russen entrissen werden kann. Er erklärte unserem Korrespondenten zugleich, daß nach mathematischer Berechnung die victoire finale auf allen Fronten für die Alliierten sein müsse.
  3. Nach Nachrichten aus der Schweiz, die natürlich rosig gefärbt sind für die boches, sollen hartnäckige Kämpfe bei Warschau stattfinden.
  4. Die Russen haben bei Warschau einen großen Sieg zu verzeichnen, sie haben die Stadt in tadelloser Ordnung geräumt, der Feind ist eingezogen, und der Großfürst Nikolaus hofft, ihn nun nach sich zu ziehen, wie es ihm beliebt, denn Napoleon hatte 1812 ...
  5. Die Deutschen feiern in ihrer kindlichen Art den Fall Warschaus, der doch für Rußland so ganz bedeutungslos gewesen ist. Daß die victoire finale unseren glorreichen Alliierten nicht entrissen werden kann, erleuchtet aus einem historischen Vergleiche: Napoleon zog bekanntlich im Jahre 1812 ...

So war es ein eigenartiges und durchaus nicht leichtes Studium, uns durch alle Floskeln hindurchzulesen, aber wir lernten es; wir lernten auch, zurückzudatieren und nach dem, was nicht geschrieben oder gelogen wurde, allgemeine Stimmung herauszulesen. Wir zeichneten Karten. In allen Zimmern hingen schließlich solche aus, bis sie verboten wurden, wie auch die Zeitungen; das war im Februar 1916. Wir verfolgten das siegreiche Vordringen der Russen in ihr eigenes Land, immer uns den Weg weisend, den wir folgen sollten, jusqu’à la victoire finale. Die Tage nach Warschau, da unerwartet schnell eine Festung nach der anderen fiel, waren mit unseren diplomatischen Siegen im Balkan die schönsten, auch wenn jede Zeitung uns täglich seit mehr als einem Jahre die Schlacht an der Marne und den Rückzug der deutschen Truppen dort als Dessert vorsetzte. Eigentümliche Leser müssen die Franzosen sein, die Presse darf die frechsten Lügenkombinationen in die Zeitungen bringen, die ein deutscher Leser mitsamt dem Annoncenteil und dem Feuilleton dem Redakteur um die Ohren schlüge. Der Franzose will es so. Er mag nicht beunruhigt werden und seine patriotische Anregung mag er auch nicht vermissen, es gehe wie es gehe, nachher kommt ja doch, was unvermeidlich ist. Er ist darin, sonst durchaus nicht, dem Spanier ähnlich. Er belügt sich gern, darum müssen vor allen Dingen die Ueberschriften aufregend sein. Holland, Spanien, Rumänien, Bulgarien, Griechenland, Amerika, alles ging in dicken Ueberschriften jede Woche mindestens zweimal mit den Alliierten in den Krieg. Was nach der Ueberschrift kam, brauchte ja niemand genauer zu lesen, auch nicht, aus welcher Quelle die erschütternde Nachricht stammte.

Wir haben genau an der Hand der Karten die Vorgänge auf dem Kriegsschauplatz verfolgt und uns begeistert an so mächtiger Führung, aber all das drückte den Stachel der Erkenntnis nur tiefer und schmerzhafter in unser Inneres: wir waren nur Zaungäste, wir durften nicht mithelfen, ja nicht einmal zeigen, was uns froh machte. Schwer drückt die Gefangenschaft! — Auch empfindlich macht sie und reizbar. Jede Nachricht eines Rückganges oder einer größeren Zahl von Verlusten auf unserer Seite wird natürlich gerade umgekehrt zu uns getragen. Seesieg bei Riga!

  1. Die deutsche Flotte teilweise vernichtet! Acht Torpedos, zwei große Kreuzer und der Dreadnought „Moltke“ zum Sinken gebracht! Einige Schiffe haben sich bis in den Hafen von Libau geflüchtet, wo sie bis Danzig verfolgt wurden. Der Zar hat in allen Kirchen Tedeum angeordnet, er empfängt von seiten aller Verbündeten Glückwunschtelegramme. Siegesfeier in Petersburg und allen Städten Rußlands. —
  2. Englischen Blättern zufolge ist es nicht sicher, daß der Dreadnought „Moltke“ torpediert ist, es heißt nach neueren Berichten „im Stile Moltke“. —
  3. Die lügnerische deutsche Presse dementiert unsere Berichte über die Seeschlacht von Riga, man sieht daraus, wie zuverlässig ... usw. —
  4. Die „Times“ berichtet, daß bei Riga zwei Torpedos versenkt sind, zwei andere sollen nach Libau entkommen sein. Die „Moltke“ ist in neutralen Häfen gesehen worden.

Das war der Schluß der Riesenseeschlacht bei Riga.

Als ich diese Zeilen schreibe, lese ich in der Zeitung, die Franzosen haben nördlich von Châlons in einer Front von 25 Kilometern einen großen Sieg erfochten, 20000 Gefangene gemacht und die Reihen der Feinde durchbrochen. Das letztere wird im weiteren widerrufen, es wird auch sonst vieles übertrieben sein; aber ich mag bei solchem Berichte die Zeitung schon gar nicht mehr in die Hand nehmen, viel schwerer empfinde ich das Fernsein bei Niederlagen als bei Siegen. Der Russe soll ja ein reichlich dickes Fell in politischen Fragen haben, sonst müßte das Los eines in Deutschland gefangenen Russen das kläglichste sein, das ich mir denken kann. Wenn nicht unsere Erfolge, das ganze und volle Vertrauen auf unsere Regierung, Heer und Marine uns aufrechterhielte und ein starkes Gegengewicht gegen das Elend im Lager gebildet hätte, was wäre aus uns geworden? Ich kann mir nicht denken, daß ich ein so hoffnungslos klägliches Schicksal durchgehalten hätte.