Ein Lichtungsweg oder Paß berührte also auch die Bärensteiner und Weiperter Flur. Eine Fortsetzung der Handelsstraße von Prag nach Laun, Saaz, Kralup und Kaden darstellend, zog er sich durch Reischdorf nach Preßnitz, wo ein Schloß mit drei Türmen stand, von einem Wassergraben umgeben und geschützt durch eine Zugbrücke. Von dieser mutmaßlichen Zollstätte führte der Paß nach Pleil und Sorgenthal, dem Weißen Hirsch und durch die nördliche Spitze Weiperts nach dem Blechhammer herunter. Hier überschritt er den Grenzbach, die Pöhla, und ging über Kühberg und Zollhaus Berghäusel nach Cranzahl herein, von hier aber auf der »alten Schlettauer Straße« nach Schlettau und weiter nach Elterlein, Zwönitz, Stollberg, Leipzig und Halle, woher die Böhmen das unentbehrliche Salz holten, das ihr Kesselland nicht besitzt. Noch heute sind an vielen Stellen die tief und breit in Felsboden ausgefahrenen Hohlwege sichtbar, wie am Blechhammer, in Kühberg, vor dem Erbgerichte und auf der »alten Straße« nach Schlettau, das übrigens noch im Jahre 1807 zur Wiederherstellung der Grenzbrücke am Blechhammer 72 M beitragen mußte.
Nach Chr. Lehmann und P. Schultze.
Am 16. September 1631 wurden 1500 Mann kaiserliches Fußvolk, das bei Leipzig nach der Schlacht bei Breitenfeld, am 7. September, sich ergeben hatte und nun freien Abzug nach Böhmen erhielt, durch sächsische Reiterei und Infanterie bis Reitzenhain geführt, bei welcher Gelegenheit die Stadt Marienberg die genannten Truppenteile aufzunehmen hatte und derselben ein Kostenaufwand von 425 Gld 20 Gr erwuchs.
Sehr verhängnisvoll sollte das Jahr 1632 für Marienberg werden. Dies erfuhr die Stadt schon, als am 4. Mai die Fürsten von Anhalt und der von Altenburg auf dem Durchmarsche nach Böhmen mit zwei Regimentern einrückten und einige Wochen später der sächsische Oberst Vitzthum von Eckstädt mit einem Reiterregimente die Stadt als Musterungsplatz wählte. in beiden Fällen hatte dieselbe für Verpflegung u. a. 825 Thlr 5 Gr, sowie später noch 1435 Gld 9 Gr 8 Pf zu zahlen.
Nach Donat-Holzhaus.
In großen Schrecken sollte das Obererzgebirge versetzt werden, als Wallenstein seine dem Laster ergebenen und aus allerlei Volk zusammengelesenen Truppen nach Sachsen führte. Der General Holck, Wallensteins Oberstfeldmarschall, ein Protestant aus Dänemark, sowie der Kroatenoberst Corbitz führten ihre Banden über Altenberg, Schneeberg und Annaberg durch unser Gebirge, wodurch dieses aufs höchste geängstigt ward. Am 10. August 1632 rückte der Vortrab des Holckschen Heeres unter Oberst Isaak von Brandenstein vor Annaberg, wo nicht nur 2000 Thaler Brandschatzung gezahlt werden mußten, sondern auch, trotz des gegebenen Ehrenwortes, die Stadt vor aller Unbill zu schonen, in schrecklichster Weise geplündert und alles Vieh weggetrieben wurde.
Nach dieser Heldenthat ging es weiter, und mitten in der Nacht kam die Bande vor Marienberg an. Ein kaiserlicher Trompeter sprengte vor das verschlossene Annaberger Thor und begehrte im Namen des Kaisers Öffnung und Übergabe der Stadt. Der Bürgermeister Franke bat um einen Tag Bedenkzeit; der Trompeter ritt zurück und nach einer in großer Angst durchwachten Nacht öffnete man das Thor und – nirgends war ein feindlicher Soldat mehr zu erblicken. Die Gefahr war für diesmal abgewendet; aber die Angst stieg wieder aufs höchste, als man vernahm, daß der grausame General Holck selbst bereits in Schneeberg angekommen sei und sein Heer dort nicht nur alles geplündert und zerstört, sondern auch Fliehende und Flehende unbarmherzig niedergeschossen, viele Bürger getötet oder bis auf den Tod gequält, ja den Stadtrichter vor der Thür seines Hauses und einen 90jährigen Greis, den früheren Bürgermeister von Schlackenwerth, niedergemetzelt hatte.
Von Eger kommend, drang 1632, Mitte August, der General Holck mit seinen Scharen über Elbogen, Neudeck nach Eibenstock und von da gegen Schneeberg vor. Gar übel haben die Kroaten überall gehaust. Schwarzenberg, Schneeberg, Lößnitz, Grünhain, Elterlein, Geyer wurden geplündert und niedergebrannt. Schreckliche Zeiten waren gekommen. Das liebe Getreide wurde zertreten, viele hundert Stück Vieh wurden geraubt, von den Marketendern teuer verkauft, Brot und Bier wurde durch dieselben abgeführt und dadurch Hunger, Brotmangel, Zagen und Wehklagen verursacht.
Nach Donat-Holzhaus u. a.
Am 21. August rückte Oberst Preuß vor Marienberg, nachdem ihm Holck, in Rücksicht darauf, daß die Stadt noch vom großen Brande her zum Teil in Schutt lag, einige Schonung anempfohlen hatte. Am genannten Tage früh 10 Uhr reitet ein Trompeter vor das verschlossene Thor und verlangt, daß man öffne. Niemand hört ihn und erbittert reitet er zum Heerhaufen zurück. Als auch auf eine erneute Aufforderung keine Antwort erfolgte, ward Sturm geblasen, das Thor gesprengt, und vorsichtig rückte man auf den großen, weiten Markt vor. Zwei volle Stunden läßt der Oberst, der einen Hinterhalt vermutet, seine ungeduldigen Soldaten hier stehen. Ringsum herrscht aber die Stille des Kirchhofs – kein Mensch zeigt sich! Da wird das Rathaus gewaltsam geöffnet; aber auch hier ist kein Mensch zu finden. Selbst der Rat hatte den Mut verloren und mit zuerst die Flucht ergriffen; alle Einwohner waren samt den Geistlichen in den Wald geflohen und nur einige Arme und Kranke zurückgeblieben. Der Ratsdiener aber und einige Bürger wurden noch in der Nähe der Stadt ergriffen und von den Kroaten niedergeschossen.
Als die Bande sah, daß die Stadt aus Furcht vor der Gefahr preisgegeben worden war, begann sofort die Plünderung, welche zehn volle Tage hindurch fortgesetzt wurde. Mit einem unglaublichen Spürsinne wußten die Soldaten in Kellern und Bergschächten, wohin man das Beste der Habe vergraben und verborgen hatte, diese aufzufinden. Auf dem Rathause fand man so viel Gold- und Silberzeug, daß damit allein die Stadt hätte von der Plünderung befreit werden können, wenn der zweite Bürgermeister, Adam Genser, nicht ganz und gar den Kopf verloren gehabt hätte. Als derselbe sich nach einigen Tagen wieder aus dem Reitzenhainer Walde hervor in die Stadt wagte, nahmen ihn die Kroaten gefangen und ließen ihn nicht eher los, bis die Kämmerei 100 Thaler für ihn bezahlt hatte.
Hunger und Elend nahmen unter den unglücklichen Bewohnern überhand, welche neun Tage in Höhlen und Klüften der Wälder gelebt hatten, weshalb sich eine Anzahl mutiger Bürger entschloß, beim Oberst Preuß um sichere Rückkehr in die Stadt zu bitten. Die Erlaubnis ward gegeben und sogar eine Abteilung zur Deckung des traurigen Einzugs beordert, und so kehrten am 30. August sämtliche Bewohner zurück, fanden aber bald genug zu ihrem größten Schrecken, daß ihre so sicher geglaubte Habe geraubt war. Der Stadtgeschichtsschreiber berichtet hierüber: »38 Fähnlein Fußvolk sind auf dem Markte, als der Marsch wieder fortgegangen, gestanden; die Reiterei ist aber bei der Stadt vorüber nach Freiberg zu marschiert; es ist weder Brot noch einiger Trunk in der Stadt zu bekommen gewesen, und hat nach diesem Unglücke ein Brot – sonst einen Groschen – 5 Groschen und eine Kanne Bier 3 Groschen gegolten.« Auch wird noch weiter hinzugefügt: »Es sind auch 325 Personen an der Soldatenkrankheit gestorben, welche die kaiserlichen Völker für Ausplünderung der armen Stadt als Trinkgeld hinterlassen. Unter den Verstorbenen waren auch die Stadtschreiber Joachim Frank und Josephus Collmann, sowie der Stadtrichter Heinrich von der Feldt.« Übrigens lagen noch bis zum 25. September Soldaten in der Stadt, wo sie bis auf 15 Mann, welche als Schutzgarde zurückgeblieben, abzogen. Ehe aber der Aufbruch geschah, sollte zuvor einer, der einen Mönch erschlagen, stranguliert werden, »hatte sich aber, als ein seltsamer Abenteurer, vom Galgen wieder losgemacht«.
Nach Donat-Holzhaus.
Früher ward in der gewölbten Sakristei der Zwickauer Marienkirche ein in Gold gefaßtes Stücklein vom Kreuze Christi verwahrt, welches der Hauptmann Martin Römer im Jahre 1479 der Kapelle geschenkt hatte. An dieses Kreuz heftete sich der Fluch: »Wer ein Stücklein von diesem Holze mit Gewalt nehmen wird, der sei verflucht und das heilige Kreuz bringe ihn um.« Nun hat Herzog von Friedland oder Wallenstein am 1. September 1632 dieses Kleinod durch seine Vettern Graf Maximilian von Wallenstein und Graf Paul von Lichtenstein abholen und dem Kaiser eigenmächtig im Namen der Stadt Zwickau anbieten lassen. Nachdem dies am 14. September geschehen, hat Wallenstein am 6. November die große Schlacht bei Lützen verloren und seit dieser Zeit kein Glück mehr gehabt, also daß er schließlich zu Eger umgekommen ist. Auch die beiden Grafen sind eines unnatürlichen Todes gestorben. So erzählt die Sage. In der Lützner Schlacht hat auch auf Seite der Kaiserlichen Herzog Franz von Sachsen-Lauenburg mit gekämpft. Es ist derselbe, welcher die Kapelle auf dem Kupferhügel in Böhmen gründete. Er weihte sie der Maria. Man hat jeden Freitag zur Zeit der Blüte des dortigen Bergbaues Gottesdienst darin gehalten. Später verfiel sie und ward erst 1821 wieder hergestellt. Der Gründer, Franz von Sachsen-Lauenburg, ist derjenige, welchem der Tod des Schwedenkönigs Gustav Adolf in der Schlacht bei Lützen zugeschrieben wird. Die kaiserliche Besatzung vor Leipzig fiel den Schweden in die Hände, wurde entwaffnet und von schwedischen Reitern auf dem Weiperter Paß nach Böhmen geführt. Kaum war die schwedische Bedeckung fort, so fielen die in die Wälder geflüchteten Bauern am Kühberge über Wagen und Rosse her und hieben die Begleitung der Rosse nieder.
Der Rückzug der Kaiserlichen nach der Schlacht bei Lützen verbreitete von neuem Schrecken, Elend und Not. Die Kaiserlichen trieben alles Vieh, was sie überhaupt noch in den Ställen fanden, mit fort. Als einigermaßen wieder Ruhe wurde, kamen die geflüchteten Landesbewohner aus den Bergschluchten und Wäldern wieder hervor. Kaum elendes Kleienbrot und Salz konnten sie auftreiben, als der Landmann wieder zum Pfluge griff. – Sogar Bernhard von Weimar ließ Wolkenstein, Lauterstein, Augustusburg, sowie die Bergstädte brandschatzen. Am 16. Dezember rückte er vor Zwickau, beschoß die sich lebhaft verteidigende, von Kaiserlichen besetzte Stadt und legte mit dem Feuer von acht halben Kanonen die Stadtmauer am Rößleinturme nieder, sodaß die Kaiserlichen mit fliegenden Fahnen, Kugeln im Munde, brennender Lunte und viel Vorratswagen abzogen.
Im nächsten Jahre 1633 kam Holck wieder ins Gebirge. 16 000 Kaiserliche zogen über den Weiperter Paß nach Böhmen. Zwei Jahre lang blieb derselbe besetzt. Alles wurde zu nichte gemacht. In Schneeberg raubt er den Altar, heilige Geräte, Meßgewänder, vernichtete die Bilder von Luther und Melanchthon. Aue wurde niedergebrannt, Lößnitz geplündert und ausgeraubt. Dazumal ist auch das Getreide im Felde an vielen Orten niedergetreten worden. Wochenlang brachten die Bewohner der Orte in den Wäldern zu.
Später befreite der sächsische Oberst von Taube das Land von den Kaiserlichen. Aber die eigene verwilderte Soldatenhorde hauste nicht minder schrecklich. Es waren sächsische Dragoner, welche die Thore von Marienberg stürmten und die Stadt, wie später auch Annaberg, plünderten.
Nach Dr. Köhler, M. v. Süßmilch u. a.
Als im Jahre 1632 die Kaiserlichen die Ausgänge der Pässe von Preßnitz und Reitzenhain besetzt hielten, thaten sich die Bauern zusammen, vertrieben die Kaiserlichen aus den Schanzen und lauerten ihnen auf, wenn sie mit Beute durchs Gebirge zogen. Der Anführer der Bauern war der Amtsschösser von Grünhain, Friedrich Türck. Als nun von allen Seiten Klagen über die Bauern beim General Gallas, welcher um Freiberg lag, einliefen, schickte dieser wiederholt Boten an Türck mit Warnungen und Drohungen und verlangte Kriegskosten. Friedrich Türck wollte davon nichts wissen und ließ den Kaiserlichen entbieten, er wollte ihnen Pestilenz, Pulver und Blei und alle katholischen Steine aus dem Kloster Grünhain auf die Köpfe geben. Dies konnte nicht ungestraft bleiben. Gallas entsandte 2000 Pferde mit 20 Standarten unter dem Obersten Kehreuß gegen die Bauern ins Gebirge. Am 7. November kamen sie auch durch Kühnhaide. Von Friedrich Türck wird gerühmt, »er habe seine Bauern dermaßen begeistert und abgerichtet, daß sie frisch vorm Feinde standen, keine Gefahr scheuten und sich trefflich wehrten, sonderlich, wenn er dabei war und ihnen zusprach«. – Es drängt sich die Vermutung auf, daß die »Türckenheide« bei Kühnhaide ihren Namen von jenem Bauernführer erhalten hat.
Auch in andern Gegenden wehrten sich die Bauern erfolgreich. Das berichtet die Erzählung von den sechs Brüdern bei Geyer. Als nämlich in demselben Jahre, 1632, kaiserliche Truppen von der Burg Scharfenstein die ganze Umgegend durchstreiften und plünderten, war es einem Trupp herzhafter Burschen aus Elterlein und Zwönitz gelungen, in der Nähe von Scharfenstein sechs Österreicher, welche im dichten Walde schliefen, zu überfallen und gefangen zu nehmen. Was nun mit den Gefangenen zu beginnen sei, darüber entstand bei den Siegern heftiger Streit. Die von Elterlein meinten, daß es das beste sei, sie sämtlich totzuschlagen. Die von Zwönitz wollten nichts davon wissen und brachten es dahin, daß man beschloß, sie zum Heere zu bringen. Sie zogen fort. Als sie in die Nähe von Geyer kamen, erhob sich der Streit von neuem, und weil die Elterleiner mit Gewalt drohten, so wurden die Zwönitzer voll Ärger und schieden von ihnen, die Gefangenen ihrem Schicksale überlassend. Dieses war ein trauriges. Denn kaum waren die Zwönitzer im Walde verschwunden, so fielen die mordlustigen Elterleiner über die wehrlosen Opfer ihrer Wut her und ermordeten fünf Österreicher auf die grausamste Weise, den sechsten aber warfen sie in ein tiefes Loch, in welchem ihn die Vorübergehenden noch am andern Tage jammern hörten. Zum Gedächtnisse dieser Greuelthat heißt jene Stelle der Wiesen bei Geyer noch jetzt »Sechs Brüder«, ohne daß man bestimmen kann, ob wirklich die sechs unglücklichen Österreicher Brüder gewesen sind.
Die unmenschliche Behandlung, welche die friedlichen Bewohner von Freund und Feind zu erdulden hatten, brachte es so weit, daß eben jeder Soldat, gleichviel, welcher Seite er angehörte, als Feind betrachtet wurde. Daher herrschte zwischen den Bürgern und den Söldnerhorden ein fortwährender Kriegszustand. Die Soldaten brannten, plünderten, mordeten und schändeten; die Bewohner wehrten sich ihrer Haut und wagten nicht selten auch den Angriff. Versprengte Soldaten wurden unerbittlich niedergehauen. So lockten die Bauern von Dorf-Chemnitz nach der Leipziger Schlacht sechs hungrige Soldaten und ein Soldatenweib in den Wald, erschlugen sie und raubten alles, selbst die Kleider. Als die Leichen verscharrt werden sollten, findet man einen Halbtoten und macht ihn noch vollends nieder. Der Jahnmartin am Kühberge klagte oft, seine Hände röchen so nach Menschenfleisch; denn er hatte viel Soldaten helfen erschlagen. 1641 erschlugen die gebirgischen Bauern bei Unterwiesenthal 9 Flüchtige von dem Heere Baners, entkleideten sie und bedeckten sie mit Reisig: davon hat sich einer wieder ermuntert und ist halbnackt nach Wiesenthal gekommen.
Nach Chr. Lehmann und Dr. Pöschel.
Alle Schrecken des Kriegen kehrten im Jahre 1634 wieder. Namentlich wütete zu jener Zeit der kaiserliche Oberstleutnant Schutz von Schutzky in unserem Gebirge, setzte unter anderm Sayda in Flammen, brandschatzte Annaberg mit 1200 Thalern und rückte auch vor die Stadt Marienberg. Hierüber berichtet die Stadtgeschichte: »Den 29. September rückte ein kaiserlicher Oberstleutnant Hans Heinrich von und zu Schutz zu Roß um 2 Uhr nachmittags vor die Stadt; solchem ging der Rat entgegen und bat für die arme Stadt, da sich's denn etwas besser angelassen als im ersten Einfall; er kam mit etlichen Pferden in die Stadt und nahm sein Quartier bei Georg Löven. Da er nun eingelassen worden war, begehrte er von der Stadt für die Plünderung und als Lösegeld 6000 Thaler; es blieb auf der Geistlichen und des Rats Bitten bei 1000 Thaler. Ingleichen wurden dem Oberst 65 Thaler Tafelgeld und dem Regimentsquartiermeister 35 Thaler verehrt. Das Lösegeld wurde halb, nämlich 500 Thaler, den folgenden Morgen ausgezahlt, die anderen 500 Thaler sollten innerhalb 14 Tagen abgestattet werden. Obgleich aber der Rat wegen dieser 500 Thaler einen Schuldschein von sich ausstellte, haben sie doch um mehrerer Versicherung den ältesten Ratsherrn Michael Seeliger mitgenommen. Bei diesem ankommenden Volke entstand auch am Michaelistage abends 7 Uhr eine von den Soldaten angelegte Feuersbrunst vor dem Annaberger Thore und verderbte in solcher ein Haus und eine Scheune und ward ein großes Geschrei in der Stadt, weil es sehr nahe an der Stadtmauer war.« Die letzte Abzahlung der obengenannten Brandschatzungssumme leistete die Stadt am 31. Oktober durch den Bürgermeister Augustin Eckstein, und mußte dieselbe, da alle Geldmittel erschöpft waren, zum größten Teile in Naturallieferungen, worunter auch Heringe und Stockfische aufgeführt werden, geschehen.
In die bedenklichste Lage sollte die Stadt geraten, als im Oktober 1634 der österreichische Major Beck den bisher verhauen gewesenen Paß bei Reitzenhain in einer Nacht öffnen ließ, sodaß nun diese Heerstraße von hin- und herziehenden Heereshaufen wimmelte und es auch zuweilen zu Gefechten zwischen sächsischen und kaiserlichen Truppen kam. So entstand etwa eine halbe Stunde von der Stadt entfernt, auf den Lautaer und Hilmersdorfer Höhen, ein Treffen, später auch an dem ganz nahen Kaiserteiche, wobei Marienberg in die größte Gefahr geriet. Täglich mit Brand und Plünderung bedroht und von Kroaten und Spaniern umringt, sollte es immer und immer wieder für die in der Nähe lagernden Truppen Lebensmittel schaffen. Es war der Mangel so groß, daß der Rat das Brot von Haus zu Haus in einzelnen Stücken zusammentragen ließ und es manche Eltern im Augenblicke, wo sie es essen wollten, den hungernden Ihrigen entreißen mußten. Aus jenen trüben Tagen erzählt der Geschichtsschreiber: »Es haben sich die Kroaten und spanischen Regimenter vor die Stadt am Walde geleget, da denn die Offiziere auf den Tag hereinkamen und mußten gespeiset werden, dem Volke aber alle Tage 2 Faß Bier, Fleisch und Brot und wöchentlich jedem Regimente 20 Thaler Kriegskosten, welche 12 Tage gewährt, wobei das Götzsche Regiment noch dazukommt, welches gleichsam seine Verpflegung hat haben müssen. Der Kroatenoberst Joh. Tischler hat die Einquartierung in der Stadt haben sollen, weil aber keine Möglichkeit, vornehmlich auch wegen des sächsischen Volkes, welches in Zschopau gelegen, da dann groß Unglück der Stadt hätte entstehen sollen. So hat der Oberst Tischler 200 Thaler und 6 Paar Stiefel für die Einquartierung begehrt, ist aber bei dem halben Teile verblieben, und ist damals große Not wegen des lieben Brotes gewesen; denn man hat weder aus noch ein können und vielmals die Ratspersonen und Bürger das Brot von Haus zu Haus stückweis von Bürgern einbringen und korbweise nausschicken müssen. Dieses aber alles mußte man dulden, daß die Stadt nicht in Brand gestecket wurde.«
Nach Donat-Holzhaus.
Am 21. November 1634 war es, als die Bewohner Marienbergs zu ihrem größten Schrecken mitten in der Nacht den Himmel hoch gerötet sahen. Zschopau stand in Flammen, dessen Besatzung von 4 Regimentern kaiserlicher Truppen unter dem Obersten Colloredo überfallen worden war. Sie richteten in der Stadt, welche mit Menschen überfüllt war, da sich außer den Soldaten und Bürgern auch die Landleute darin aufhielten, ein schreckliches Blutbad an. Hering schildert das Ereignis in folgender Weise: »Die Schlafenden schreckten plötzlich durch den Ruf der Kriegstrompeten empor. Zschopau ist umringt; Frauen, Kinder, Greise flüchten in die Keller; die Männer stürzen sich mit hinaus und alle Schrecken der Schlacht erhöhen sich durch die dichte, nur durch die tötenden Blitze der gelösten Gewehre erleuchtete Finsternis. Es rast die Schlacht – es wütet der Tod in allen Gassen; es häufen sich Leichen von gefallenen Soldaten, Bürgern und Bauern, und jetzt schlagen die Flammen empor – rechts und links und fern und nah steht die Stadt in Feuer. Dem Tode in den Flammen entfliehend, stürzen die Versteckten hervor und suchen sich zu retten. Aber ach, wie viele hatten dem Schutze der Keller sich lieber vertrauen wollen als der würgenden Schlacht und waren hier erstickt. Außer den im Kampfe Gefallenen zählte man am Morgen nach dieser schaudervollen Nacht 90 Leichen von Erstickten.
In Angst und Mitleid schloß sich in jener Nacht auch in Marienberg kein Auge zum Schlummer. – Da brauste nach Mitternacht das rückkehrende Heer heran; alles wollte, nach Brot schreiend, in die Stadt stürzen. Oberst Colloredo aber ließ die Thore besetzen und nur die Offiziere hinein, sodaß die schreckensreiche Nacht für die Stadt ebenso glücklich endete, als sie über die Nachbarstadt unbeschreibliches Elend und Unheil gebracht hatte.«
Nach Hering-Holzhaus.
Auch der Anfang des Jahres 1635 war für die Stadt noch trübe genug, und zwar kam diesmal die Bedrängnis nicht von feindlicher Seite, sondern von sächsischen Truppen her. Am 2. Januar ritt der sächsische Oberstleutnant Unger mit 300 Dragonern vor die Stadt, wo die Thore Tag und Nacht verschlossen gehalten wurden. Er begehrte Einlaß. Man fürchtete sich aber vor den Sachsen ebenso, wie vor den Kaiserlichen, und der Rat zögerte, ob er öffnen lassen sollte oder nicht. Da verbreitete sich plötzlich allgemeiner Schrecken; denn krachend ertönten die Schläge der Hämmer und Äxte, womit das Freiberger Thor aufgehauen wurde. Gleich einem feindlichen Heere strömten die Krieger herein. Von den zwei Mann, welche der Rat von der kaiserlichen Besatzung in Reitzenhain als Schutzwache erhalten hatte, war nichts zu sehen. Man suchte nach ihnen, und der eine hatte sich in einen Gasthof geflüchtet, während der andere glücklich nach Reitzenhain entkommen war. Derjenige, welcher sich versteckt hatte, wurde von einem Dragoner bemerkt, herunter geholt und auf den Markt vor den Oberstleutnant gebracht; die Ratsherren baten für ihn, aber vergebens. »Hund, knie nieder!« war die Antwort auf die inständigen Bitten, und der Arme wurde sofort erschossen. Die Soldaten quartierten sich selbst ein, und ist es nach den Worten des Geschichtsschreibers »zuletzt übel hergegangen, indem sie geplündert; alle Pferde, so auch sind bei den feindlichen Einfällen erhalten worden, haben sie mitgenommen, so haben die Bürger damals ihren Schaden über 1700 Thlr angegeben, welches nichts Geringes gewesen und die Stadt für die erschossene Schutzwache auf große Bitte noch 28 Thlr bezahlen müssen, ohne, was sonsten an Verheerung und anderem aufgegangen ist.«
Nach Donat-Holzhaus.
Kurfürst Johann Georg I. hatte am 30. Mai 1635 den Prager Frieden geschlossen. Aber dieser Friede hatte die größten Drangsale für Kursachsen im Gefolge. Verödung, Hungersnot und Pest waren schon da. Nun brachte die gesteigerte Verwilderung und vor allem die Rachsucht gegen die verlassenen Bundesgenossen die fürchterlichsten Greuel. Hatten vorher nur die Kaiserlichen im Lande gehaust, so wurden von nun an auch die Schweden zu Feinden und übertrumpften die Kaiserlichen an Ingrimm und Wut.
Raub und Erpressungen bezeichneten ihren Weg. Städte und Dörfer wurden verheert und niedergebrannt, Wohnungen und Eigentum zerstört. Keine Kirche und Schule, kein Hospital, keine milde Stiftung wird verschont, und die Bewohner werden aufs grausamste gequält, gemartert und getötet. Die Verstorbenen in den Gräbern haben keine Ruhe vor ihnen. Die Kruzifixe an den Wegen werden mutwillig zerhauen und verstümmelt. Das Land war bis aufs Mark ausgesaugt. Baner marschierte nach den Bergstädten. Vor Annaberg nahmen die Schweden allenthalben die besten Pferde weg, ließen sich mit Kleidung, Schuhen, Stiefeln, Sätteln, Hufeisen, Nägeln versehen.
Am südlichen Ende des zwischen Chemnitz und Schellenberg gelegenen Dorfes Euba erhebt sich eine kleine Anhöhe. Auf dieser befindet sich eine einfache, hölzerne Säule, welche der Eigentümer der Anhöhe zu erhalten hat. Man hält sie für einen ehemaligen Galgen, an dem eine Abteilung Schweden, welche da ihrem Feinde gegenübergestanden hat, einen gefangenen Spion aufgehängt haben soll.
Den 26. Februar 1639 nahte das schwedische Unheil auch der Stadt Marienberg; denn der Geschichtsschreiber teilt folgendes mit: »Ein schwedischer Fähnrich kam mit seinen Reitern und begehrte alsobald die schwedischen 2000 Rthlr, so ihnen vor zwei Jahren sein Rest geblieben, davon uns aber nichts wissend. Ist schwer hergegangen und hat der halbe Teil an Geld, Pferden, Speisen, Schuhen, Stiefeln und Tuchen an 500 Rthlr zusammengelaufen, und 500 Rthlr alsdann Rest geblieben, haben's aber doch bezahlen müssen, daher auch Stücke verpfändet worden, so den Vermächtnissen und dem Armenkasten zuständig, weil sonst kein ander Mittel gewesen.«
Im Februar 1639 floh alles, was fliehen konnte, in die Städte Freiberg, Annaberg und Marienberg; die Landgeistlichen schafften ihre Frauen und Kinder wenigstens dahin in Sicherheit, um bei wirklicher Gefahr schneller mit dem Reste der Kirchenkinder in die Wälder flüchten zu können. Die Nähe der großen Waldungen ist damals für das Gebirge die Rettung aus tausend Todesgefahren gewesen. Vom Februar an streiften bereits schwedische Banden überall im Gebirge umher, und es wurde damals auch von nur drei schwedischen Reitern das Schloß Lauterstein angezündet und in Asche gelegt.
Am 12. April, es war Karfreitag, kamen etwa 500 solcher schwedischer Brandstifter, nachdem sie Zöblitz geplündert und angezündet, sowie dessen Bewohner in jeder Weise mißhandelt hatten, auch nach Marienberg. Es heißt hierüber: »Dieselbigen kamen vor das Annabergische Thor, wollen dasselbe aufhauen, gaben auch Feuer darauf. Da man sie aber mit Gottes Hilfe durch hinausgeworfene Steine abgetrieben, mußten sie weichen. Sie zündeten aber das Schießhaus an und die Hilligersche Scheune, da denn die Bürgerschaft in sehr großer Gefahr war.« Am ersten Osterfeiertage kehrten die Erbitterten in noch größerer Anzahl zurück, aber ein gleicher Steinhagel lehrte ihre verwundeten Köpfe, daß die Bürger hier fest wie ihre Steine wären. Einige Tage darauf wurde erneuter Sturm dadurch glücklich abgewehrt, daß die Bürger anstatt der Steine – Brot hinauswarfen.
Glücklich sollte das fast täglich in Angst und Schrecken gesetzte Marienberg am 10. August desselben Jahres wegkommen, als der schwedische Oberst Holck mit 250 Reitern und 200 Infanteristen Einlaß in die Stadt verlangte. Zagend öffnete man die Thore, und drohend ziehen die Schweden ein. Es fehlte Brot und Bier so ganz in der armen Stadt, und diese wilden Gäste verlangten doch so viel und drohten, die Stadt aufs äußerste zu quälen. Sie verteilen sich bereits in die Häuser, wo Jungfrauen und Kinder sich verkrochen haben und angst- und hungerbleich der Bürger die Räuber empfängt, die unter gräßlichen Verwünschungen Geld, Brot und Bier und was nicht alles, fordern. Da – ruft plötzlich die Trompete; die Soldaten stürzen auf den Markt vor; dieser füllt sich mit sächsischen Dragonern; ein wütendes Gemetzel beginnt; die Schweden ergeben sich; einzelne entfliehen; der Oberst mit mehreren Offizieren und Frauen wird gefangen genommen, und es werden gegen 6000 Rthlr Wert erbeutet. Der sächsische Oberst Stritzky hatte der Stadt Rettung gebracht.
Nach Donat-Holzhaus.
Das schrecklichste Jahr war das Jahr 1639.
Sobald die Schweden Zwickau und Chemnitz genommen hatten, teilte Baner wie das ganze Land, also auch den Obererzgebirgischen Kreis unter seine Obersten und Regimenter. Das Amt Schwarzenberg und Amt Grünhain kamen unter Oberst Leßle. Da war kein Amt, Stadt, Flecken, Dorf oder Schloß im Gebirge, das nicht geplündert oder gebrandschatzt wurde, von Marienberg an im Gebirge hinunter bis an die Flöha und Olbernhau, ja gar nach Böhmen hinein.
Den 25. Februar kamen zwei Unteroffiziere vom Leßlischen Regiment. Einer, Barthel Moth, kam ins Amt Schwarzenberg, der teilte Sicherheitswachen aus. Das waren unberittene Reiter, die die Gemeinden mußten verpflegen und versehen mit Pferden und Roßzeug, Stiefeln, Kleidern, Röcken, Mänteln. Es wurde das ganze Amt gebrandschatzt um 6000 Thaler.
Der Leutnant Peter Kupfer legte sich aufs Schloß in Schlettau und plünderte das Amt Grünhain und was hineingehörte um 5000 Thaler, auch Schlettau, auf welches allein 1250 Thaler kamen, nahm viel an Geschmeide und auch den silbernen Schützenvogel, mitsamt den Schulden 80 Thaler wert. Das Vieh mußten die Schlettauer samt den Scheibenbergern nach Schwarzenberg treiben. Das Volk war arm, konnte nichts erwerben; daher konnten die Richter die Kriegssteuer nicht eintreiben und zur rechten Zeit abstatten.
Der Richter Hans Schwaner zu Walthersdorf war nicht zu finden, als die Boten Kupfers erschienen. Da wurde der Ort zum großen Teile niedergebrannt. Nichtsdestoweniger mußte das Dörflein seinen Teil abstatten, alle Wochen 14 Thaler und Nahrungsmittel ohne Gnade geben.
Das Städtchen Scheibenberg wollte der oben erwähnte Barthel Moth wegbrennen lassen; doch es wurde durch Bitten und Versprechungen der Bürger abgewendet. – Es fehlte wenig, daß das ganze Amt Wolkenstein von dem Obersten Höcking, der in Annaberg auf Vorwache lag, vernichtet worden wäre, weil dessen Vetter unterwegs von einer Rotte loser Burschen erschlagen worden war. Das kurfürstliche Vorwerk und die Schäferei zu Geringswalde, sowie der Försterhof zu Hilmersdorf, die Heinzebank genannt, waren bereits in Asche gelegt, da griff man einen der Burschen auf, einen der harmlosesten, der nur das Pferd des Ermordeten gehalten, prügelte ihn solange, bis er 21 Thaler und alle seine Sachen, die er im Felde versteckt hatte, herausgab, und lieferte ihn an den erzürnten Obersten ab. Dieser ließ ihn am 25. März vor dem Thore vom Henker enthaupten und seinen Kopf aufs Rad legen. Das Haupt eines Buckauers, der sich eines ähnlichen Vergehens schuldig gemacht haben sollte, wurde zur Warnung für andere vor dem Thore auf eine Stange gesteckt. Auch in Wiesa war ein Soldat erschlagen worden; da ließ der Oberst Höcking die Edelfrau, der das Dorf gehörte, in Annaberg einsperren, bis sie den Getöteten teuer bezahlte.
Aus dem gleichen Grunde wurden in Königswalde elf Güter samt dem Gerichte angezündet. Auch wurden im Dorfe Olbernhau an der Flöha Kirche, Pfarre, Schule, Försterhof und viele Bauernhäuser niedergebrannt.
Nachdem Baner im April die vereinigten Kaiserlichen und Kursachsen bei Chemnitz geschlagen, wobei fast das ganze sächsische Heer aufgerieben worden war, gingen die Drangsale im Gebirge aufs neue an. In Annaberg lag ein schwedischer Leutnant, Christian Zastro, ein Pommerischer von Adel, mit einer Sicherheitswache. Derselbe konnte es nicht hindern, daß eine Abteilung Schweden am Palmsonntage einfiel und vor ihrem Abzuge am nächsten Tage 3000 Thaler verpraßte. Als er acht Tage später, am dritten Ostertage, den 16. April, 250 Mann vom Regimente Königsmark, welche durch das Wolkensteiner Thor einfallen wollten, nicht in die Stadt einließ, zündeten sie Veit Wolfens Vorwerk an, schossen dessen Sohn, sowie den eines anderen Bürgers, Kaspar Enderlein, die zum Löschen herbeieilten, nieder und stifteten noch sonst viel Unglück.
Zöblitz war am Gründonnerstage ganz ausgeplündert worden, und am Karfreitage brannten es gar 500 Reiter weg. Da wurde auch von Baners Scharen das Schloß Niederlauterstein bei Zöblitz an der Pockau von drei schwedischen Reitern in Brand gesteckt und von seinen Bewohnern verlassen.
Vor Marienberg erschien ein Trupp nach dem andern und begehrte Einlaß, sodaß die Sicherheitswachen kaum Steine genug hatten, um die Zudringlichen zurückzutreiben. Friedens halber mußte man ihnen Brot und Bier hinausschicken. Lößnitz und Aue wurden wiederholt geplündert. Am 19. April wurden die Leßlischen Offiziere samt den Sicherheitswachen abgefordert. Die Durchzüge der schwedischen Regimenter nach Böhmen und ihre Kämpfe dauerten bis August. Den 23. Mai wurden vier Regimenter unter den Obersten und dem Herzoge von Holstein in Annaberg untergebracht, die es so arg gemacht als auf dem Lande, also daß mancher arme Landmann im Gebirge nicht einen Löffel wiedergefunden, und viele feine Bürger mußten nach dem lieben Brot gehen, weil es sehr teuer war und doch nichts zu erwerben war.
Baner ließ nach dem ausgesogenen Böhmen Vorräte aus Sachsen herbeischaffen. Ein solcher Vorratszug war unter starker Bedeckung am 19. August abends um 5 Uhr von Chemnitz aus in Marienberg eingetroffen. Da erschien plötzlich der kurfürstliche Befehlshaber von Freiberg, Florian Stritzky, mit vier Kompanien Dragonern und einer starken Reiterabteilung aus Dresden, drang durch drei Thore in die Stadt ein und fiel über die vom langen Marsche ermüdeten Schweden her.
Ein Major und acht Soldaten wurden erschossen, der gefürchtete Oberst Höcking, vier Oberstleutnants, sieben Rittmeister, vier Hauptleute, zwei Reiterfähnriche, zwei Fähnriche, viele Unteroffiziere und Mannschaften gefangen genommen und samt ihrem Vorrate, ihren Weibern und Sachen nach Freiberg abgeführt. Auch der Leutnant Zastro mit seinem eigenen Schatze und 20 000 Thalern Kriegskosten, die er für seinen Obersten Leßli eingetrieben hatte, befand sich unter den Gefangenen. Viele Bürger von Annaberg, welche sich dem Obersten Höcking angeschlossen hatten, um in dem schwedischen Lager ihre Waren zu verhandeln, kamen bei dieser Gelegenheit ebenfalls um das Ihrige. Es wurde ihnen alles als schwedische Beute mit abgenommen.
Seit Gustav Adolfs Tode völlig im Kriege verwildert, brachen die Schweden 1639 über das Erzgebirge in Böhmen ein und warfen Feuer in jeden Ort, sodaß das Egerland vom Gebirge aus einem riesigen Flammenmeere glich. Vor den Unholden waren die Bewohner des Gebirges wieder in die Wälder geflüchtet. Auf dem Bärensteine war ein Wächter bei einer hohen Stange. Nahte von irgend einer Seite ein Feind, so warf er seine Stange um. Das war das verabredete Zeichen, auf das sich alle ins Dickicht warfen. 1640 wurden die Schweden wieder nach Sachsen getrieben. Sie deckten den Rückzug für ihre Geschütze und ihre Beute in den Pässen auf dem Gebirgskamme. Auf diesem Rückzuge wohnte Baner in Annaberg. Schon im nächsten Jahre erschien er wieder, verfolgt von den Sachsen. Wie durch ein Wunder entkam er auf Eilmärschen. Sein verschanztes Lager hielt die Kaiserlichen lange auf. Endlich steckte er es in Brand und vernichtete seine 500 Vorratswagen. Nachzügler zündeten Hassenstein, Preßnitz, den Weiperter Grund an. 1643 gingen 600 Reiter Torstensons durch die Pässe nach Kaden. 1644 waren Pässe und Schanzen in den Händen der Kaiserlichen. Im Herbste stand Torstenson davor und erzwang im Januar 1645 den Durchbruch nach Böhmen.
Christian Lehmann erzählt, daß die Befreiung Freibergs von den Schweden zu Neujahr 1643 in Elterlein einem Mädchen, das sich vor den schwedischen Einfällen sehr geängstigt hat, im Traume sei geoffenbaret worden. Sie hat im Traume gesehen, daß zwar Torstenson die Stadt an einer Kette hatte; aber es kam ein vornehmer Reiter mit einem bloßen Schwerte geritten, der hieb die Kette mit einem Streiche entzwei, daß der Torstenson mit der halben Kette zurückfiel. Darüber sind seine Soldaten erschrocken und ausgerissen.
Nach sieben Wochen ging der Traum in Erfüllung, und der Feind mußte abziehen.
Die Greuel nahmen im Gebirge erst ein Ende, als 1645 der Kurfürst mit den Schweden den Waffenstillstand zu Kötzschenbroda schloß.
Nach Chr. Lehmann, Dr. Pöschel und P. Schultze.
Im Herbste 1640 mußte eine Beerdigung bis Sonntag Estomihi, also Ende Februar, 1641 verschoben werden. Als am 18. Januar 1640 Georg Ottens 84jährige Witwe begraben wurde, lief, nachdem die Einleitung der Predigt vorüber war und soeben zur Erklärung geschritten werden sollte, die Nachricht ein, es seien Banersche Reiter mit etlichem Vieh in der Nähe. Alle eilen aus der Kirche. Man bringt schnell den Leichnam ins Ruhekämmerlein. Die Predigt ist nachher am Sonntage Estomihi gehalten worden. Am 24. Januar ist ein 74jähriger Greis von Cranzahl von den Soldaten des Schwedengenerals Königsmarck, die hier, in Crottendorf, Neudorf, Weipert, der Sehma und diesem Gebirge herum drei Tage und Nächte in Quartier gelegen, im Walde ertappt und so mißhandelt worden, daß er am 30. desselben Monats starb und am 1. Februar in des Pfarrers Abwesenheit, der sich verborgen halten mußte, zugleich mit noch einem 78jährigen Manne mit Sang und Klang beerdigt ward. Beiden ist am Sonntage Invocavit die Predigt gehalten worden. Den 28. Februar fielen gegen Sonnenuntergang etliche Banersche Reiter so plötzlich ein, daß die meisten es nicht gewahr wurden, bis schon das Pfarrvieh auf den Platz bei der Brücke getrieben war. Daher war niemand entwichen und weder Kuh noch Pferd, noch Samengetreide in Wälder geborgen. Als nun diese Reiter fast alle Ställe geplündert, kamen sie auch zu Kaspar Schmiedel, der sich seine zwei Pferde und Kühe nicht nehmen lassen wollte, aber von ihnen mit einem Hammer so auf den Arm geschlagen wurde, daß er ihn wenig mehr würde haben gebrauchen können; sie hätten ihn auch erschossen, wenn das Gewehr nicht versagt hätte. Als nun diese Horden das Vieh zusammengeraubt hatten, trieben sie es nach Preßnitz zu. Um es auszulösen, liefen viele bis nach Preßnitz nach. Da aber die Reiter weiterziehen und die Nacht anbricht, bleiben sie dort. Nur Kaspar Schmiedel und Jakob Gruner laufen bis nach Brunnersdorf. Da haben sich aber etliche böhmische Bauern in einem Verstecke zusammengerottet und schießen auf die Reiter. Ein Trupp eilt auf die Seite, zu erspähen, woher die Schüsse fallen, und wird unserer Ortskinder gewahr. Sie eilen auf sie zu und fragen, wo sie das Rohr hätten? Als sie sich aber entschuldigen, sie hätten nicht geschossen, sondern wollten das Vieh von ihnen einlösen, glaubten es die Reiter nicht, und flugs schießt einer auf Schmiedel, der, ins Herz getroffen, tot niedersinkt. Auf Gruner aber, den Sohn des 1634 erschossenen Martin Gruner, schoß ein zweiter Reiter, fehlte ihn jedoch; aber der Reiter stieg vom Pferde, schlug ihn auf den rechten Arm, daß derselbe fast herunter war, und stach ihn dermaßen in die Seite, daß er auch starb. Sie blieben am Wege liegen. Geschehen war's nachts zwischen 12 und 1 Uhr. Am Morgen, einem Sonnabende, wurden sie von den in Preßnitz Zurückgebliebenen gefunden, auf einen Schlitten aufgebahrt und am Sonntag Reminiscere früh nach Hause gebracht. Welch Reminiscere! Montag, den 2. März, hat man sie christlich und ehrlich vor überaus großem Zudrange Einheimischer und Auswärtiger mit Predigt bestattet. Schmiedel war 33, Gruner 30 Jahre alt.
Nach P. Schultze.
Am 23. Februar 1646 lief der Waffenstillstand zwischen Kursachsen und den Schweden zu Ende. Da kam General Wrangel mit 20 Regimentern über den Preßnitzer Paß und hatte das Hauptlager in Schlettau bezogen. Der linke Flügel lag im Felde und im Grunde bei den Teichen. Da standen viele Oberste zu Roß und Fuß bei einem frischen Brünnlein, zogen ihre silbernen und vergoldeten Becher heraus, schöpften Wasser, löschten den Durst auf das Annaberger Bier. Sie lobten dabei das gute, gesunde Wasser viel höher als Bier. Der Brunnen heißt der süße Kühl- und Löschbrunnen.
An der Straße, die von Schlettau nach Scheibenberg führt, stand früher ein altes, stark verwittertes Steinkreuz. Dasselbe soll die Stelle bezeichnen, an welcher im Dreißigjährigen Kriege ein schwedischer Offizier begraben wurde.
Nach Dr. Köhler.
Im Jahre 1620 waren 250 Menschen in einem Stollen am Wolfssteine bei Cranzahl verborgen. Die Wohnungen, die man während des Krieges in den Wäldern aufschlug, konnten nur ganz dürftige sein und boten daher wenig Schutz gegen die Witterung. Häufig benutzte man auch gleich natürliche Tannenzelte, wie man sie von ästereichen oder ineinander verwachsenen Bäumen gebildet fand. Wenn nun ein Sturmwind kam mit Sausen und Brausen und mächtige Stämme rings um die Geflüchteten zu Boden geschlagen wurden, da mußten die Flüchtigen jeden Augenblick darauf gefaßt sein, von den stürzenden Bäumen zerschmettert zu werden. Am 14. Oktober 1630 wütete ein furchtbarer Sturm. Da erwies der gütige Gott seinen allgewaltigen Schutz an flüchtigen Gebirgern. 21 Personen hatten ihre Hütten unter eine dicke Tanne gebaut. Sie fielen unter dem Heulen des Sturmes auf ihre Knie und beteten. Um 9 Uhr warf der Wind eine zweiklafterige Tanne auf ihr Obdach. Diese blieb aber eine Elle hoch über ihrer Hütte am Baume lehnen, und die andächtigen Flüchtlinge kamen alle mit dem Leben davon.
Das Elend der in die Wälder Geflüchteten war, wenn größere feindliche Scharen ihren Aufenthalt ausgespürt hatten, überaus schrecklich. Im Walde wurden Betstunden und Predigten von den Priestern gehalten, auf Baumstümpfen die unter so traurigen Umständen geborenen Kinder getauft; sogar Eheschließungen fanden statt. 1639 ist am 8. April im Walde bei Cranzahl, wo sich auch Wölfe und Bären so mehrten, daß sie in Rudeln von 10 bis 20 den Soldaten nachliefen, um die Überreste vom geschlachteten Vieh zu verschlingen, in dieser rauhen Jahreszeit ein Kind getauft worden. Ähnliches wird auch von andern Gegenden berichtet. Als die Bewohner von Rabenau in die nahen Waldungen flüchteten, hielten sie auch Gottesdienste im Freien ab. Es heißt der Felsen, von dem herab die Pfarrer predigten, noch jetzt der Predigtstuhl oder die Kanzel. Im Gebirge hörte alle Gerechtigkeit, Andacht auf, und aller Gottesdienst verfiel. In Scheibenberg ist in 10 Wochen keine Beichte gewesen. Auch sind wenig Predigten verrichtet worden wegen der Unsicherheit vor den Feinden. Alles Volk hatte sich verlaufen.
Ebenso wurde für die leiblichen Bedürfnisse gesorgt, so gut es ging. Wie als Taufsteine, so mußten die Baumstöcke auch als Verkaufstische für Fleischer und Brotträger dienen. Der Markt mit den Nahrungsmitteln fand also im Walde statt.
Der Scheibenberger Pfarrer Chr. Lehmann erzählt sehr eingehend von den Drangsalen des Krieges. Er sagt unter anderem: »Ich habe mit meinen Augen gesehen, daß im Jahre 1640, da die Schweden die Gottesgaber Wälder plünderten, einem vermögenden Handelsmanne nachjagten. Der ist in einen stehenden, hohlen Baum gekrochen. Sein Weib hat die Öffnung mit Moos artig verdeckt, damit er sicher bliebe. Mein Priesterrock ist sechs Wochen lang in einem hohlen Baume gesteckt. Um Steinbach und Wolkenstein wachsen viele Eschen, daraus Lanzenschäfte zur Kriegsrüstung acht und mehr Ellen lang gemacht wurden. Im Jahre 1633 fand der kaiserliche Oberst Brandstein in Preßnitz viel gesottenes Harz. Er ließ daraus viel Pechkränze machen und damit den Annabergern alle ihre Güter am Bärensteine wegbrennen.«
Eine halbe Meile über Satzungen an einem wilden, mit Kiefern bewachsenen rauhen Ort ist ins Gevierte 30 Schritt breit und lang ein Pfuhl mit rotem Moos bewachsen. Niemand soll sich früher gern allein an diesen Ort gewagt haben. Im dreißigjährigen Kriege sind aber die Leute auch dorthin geflohen, um sicher vor den Feinden zu sein. Doch haben sie daselbst von den Gespenstern des Sees manche Anfechtung erdulden müssen.
Nach Chr. Lehmann.
Während des Dreißigjährigen Krieges unterblieb das Bestellen der Felder oft gänzlich. Man warf den Samen gleich auf die Stoppeln aus und mußte ihn dort aus Furcht vor umherstreifenden feindlichen Abteilungen oft vier bis fünf Wochen lang uneingeeggt liegen lassen. Höchstens wagte man sich bei Nacht einmal an die Arbeit; dann spannten sich Männer und Weiber an die Eggen. Mit dem Vieh lagen sie am Tage im Walde. Häufig aber ersparten ihnen das Eggen, freilich auch das Einernten, die wilden Schweine, welche nachts in Haufen kamen und den Samen »aufleckten«. Zum Schutze gegen sie wurden die Zäune anderthalb Ellen hoch, fest und dicht gemacht; aber es half doch nichts. Brachen die Tiere einmal im Herbste in einen Acker ein, so verdarben sie in einer einzigen Nacht ein großes Stück.
Nach Chr. Lehmann.
Für Sachsen endigte im allgemeinen 1645 mit dem Waffenstillstande zu Kötzschenbroda die persönliche Gefahr der Einwohner, sowie Raub und Brand. Dagegen sah das sächsische Hochland noch an mehreren Orten die früheren Greuel erneuert, indem die Schweden, die in Böhmen hausten, die Flüchtlinge oft bis nach Sachsen verfolgten. Annaberg, das mit seiner Umgebung seit 1632 fort und fort alljährlich teils von kaiserlichen, teils von schwedischen Heerhaufen vielfach gelitten, hatte in dieser ganzen Zeit des Waffenstillstandes eine sächsische Besatzung. Eine Abteilung derselben traf am 15. Januar 1648 auf eine kaiserliche Streifhorde bei dem Städtchen Thum, wo sofort ein hitziges Reitergefecht entstand, weil man vergeblich die Kaiserlichen für Schweden hielt. Die Leichen der Gefallenen blieben längere Zeit liegen und davon heißt noch heute der Wiesengrund zwischen Thum und Herold »Das Elend«. Dies war der letzte Kampf des Dreißigjährigen Krieges auf sächsischem Boden. Zum Andenken daran hat man an der Straße von Thum nach Ehrenfriedersdorf im Jahre 1848 eine Spitzsäule mit Inschrift errichtet.
Nach Dr. Spieß.
Wie es am Ende des Krieges in Sachsen und fast in jedem Orte desselben aussah, schildert ein Zeitgenosse jenes Elends in folgender ergreifenden Weise: »Ihr wisset, wie über Euch fliegende Drachen, zerreißende Bären und Löwen gekommen sind, die Eure Städte ausgebrannt, Eure Ernten, Ochsen und Schafe vor Euren Augen verzehrt, viele Tausende Bürger und Bauern zu Tode gemartert und so barbarisch gehaust haben, daß aller Menschen Sinne es nicht begreifen können. Wie jämmerlich stehen Eure Städte und Flecken; da liegen sie verbrannt, zerstört, daß weder Dach, Gesperr, Thüren oder Fenster zu sehen sind. Man wandert oft zehn Meilen und sieht nicht einen Menschen, nicht ein Vieh, nicht einen Sperling. In allen Dörfern sind die Häuser voller Leichname, Mann, Weib, Kinder, Gesinde, Pferde, Schweine, Kühe und Ochsen, neben und unter einander von Pest und Hunger erwürgt, voller Maden und Würmer und von Wölfen, Hunden und Krähen zerfressen, weil niemand ist, der sie begraben hat. Ihr wisset, wie Lebendige sich unter einander in Kellern und Winkeln zerrissen, totgeschlagen und gegessen haben; daß Eltern ihre toten Kinder, und Kinder ihre toten Eltern gegessen, daß viele um einen toten Hund oder eine Katze gebettelt und das Aas aus den Schindergruben genommen und verzehret haben.«
Zehn Jahre nach Beendigung des Krieges schrieb der Rat der Stadt Buchholz: »Dieses offene Städtlein ist bei dem verderblichen Kriegswesen durch vielfältige Einfälle, Ausplünderung, Durchzüge, Einquartierung, hohe und schwere Kriegskosten und Auflagen gänzlich verderbt und ruiniert worden, also, daß öfters in keinem Hause ein Schloß, Band, Fenster, Ofen und anderer Hausrat gelassen, sondern alles weggenommen, eingeschlagen und verbrannt, ja auch eine große Anzahl Häuser und öffentliche Gebäude ganz und gar verwüstet und eingerissen worden, sodaß sie noch jetzt öde und wüste liegen.«
Auch sind im Dreißigjährigen Kriege im Erzgebirge manche Orte von Grund aus zerstört worden und als wüste Marken liegen geblieben. Westlich vom Morgenberge bei Neudorf an der Sehma kamen die Waldarbeiter nach einem Orte im Walde, wo früher ein Dorf mit Namen Eibendorf gestanden hat, das in jener Zeit zerstört worden sein soll. Ein nach Frankenstein gepfarrtes Dorf Ailitz soll vor dem Kriege zwischen Frankenstein, Memmendorf und Hartha gestanden haben. Ebenso bezeichnet man unterhalb Wingendorf eine Stelle am Kemnitzbache als diejenige, wo das Dorf Kuhren zerstört worden ist. Zwischen dem Städtchen Bärenstein und den Dörfern Falkenhain und Jahnsbach lag einst das Dorf Greifenbach. Ebenso liegt zwischen Bärenstein und Börnichen die Wüstung des Dorfes Elend.
Nach dem Dreißigjährigen Kriege trieben sich in den Wäldern, wie anderwärts so auch in Scharfenstein Räuber und Wildschützen umher, welche entlassene Söldlinge waren, denen das wüste Leben nun Gewohnheit war. Ein Herr von Einsiedel, welchem Scharfenstein gehörte, beschloß, den Wildschützen mit aller Macht nachzugehen, um sein Gebiet von ihnen zu säubern. Es gelang ihm endlich, zwei derselben gefangen zu nehmen. Es gab damals noch eine furchtbare Strafe für die auf der That ertappten Wilddiebe: das Hirschreiten. Der Schloßherr hatte einen starken, lebenden Hirsch einfangen lassen. Die Diebe sollten auf ihn gebunden werden. Das war einem zehnfachen Tode gleich zu achten. Man hatte Beispiele, daß nach Tagen und Wochen die geängstigten Tiere ihre schreckliche Last zerfleischt und doch noch lebend mit sich herumschleppten. Die Missethäter flehten da inständig um Gnade. Die soll ihnen gewährt worden sein, weil sie versprochen haben, in drei Tagen und Nächten einen Stollen durch die Felsenrippe am Fuße des Schloßberges zu treiben, damit das Zschopauwasser mit viel Fall eine Mühle treiben könne.
Nach Holzhaus, Dr. Spieß und Dr. Köhler.
Die Kriege und Durchmärsche, die in den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts verheerend über das Kurfürstentum Sachsen gingen, erstreckten auch auf die Stadt Geyer ihre niederschlagenden Wirkungen, wovon sich vereinzelte Nachrichten auch in den Akten erhalten haben. Zum Jahre 1701 bringt Meltzer die Nachricht, daß ansteckende Krankheiten durch dänische Soldaten nach Annaberg wie auch Geyer getragen seien. Im Jahre 1706 wurde eine Kompanie Schweden nach Geyer gelegt, deren Feldprediger am Freitage und Sonntage in der Hospitalkirche und am Weihnachtsfeste der Schweden in der Hauptkirche predigte. Ein schwedischer Fähnrich, Israel Hall, wurde im Jahre 1707 in der Halle dieser Kirche begraben.
Am 23. Mai 1707 hielten die Büchsenschützen zu Geyer zu den gewöhnlichen Übungen ihren Auszug, wobei auch ein schwedischer Feldwebel, N. Topf, Sohn des in Buchholz einquartierten Leutnants, mit schoß und das Unglück hatte, einen unvorsichtigen Knaben zu treffen. Vor Schrecken fiel er in Ohnmacht; doch zeigte sich die Verwundung als nicht tödlich, da die Kugel durch den hohlen Leib gegangen war. Am 23. August desselben Jahres zogen die Schweden wieder ab. Am 30. August bat der Rat in einer besonderen Bittschrift um Wiedererstattung der von den Schweden aus der Geleitskasse mitgenommenen 13 fl 16 Gr oder um einen Nachlaß an dem Geleits- und Gerichtspachtgeld, wurde aber mit solchem Ansuchen gänzlich ab und zur Ruhe verwiesen. Da der Rat aber in seinen Bitten nicht nachließ, erhielt er im Jahre 1709 die Erlaubnis, diese Summe, die er beschwören mußte, bei der Bezahlung des Pachtgeldes in Anrechnung zu bringen.
Von Tannenberg wird aus jener Zeit berichtet, daß am 27. November 1706 an 25 schwedische Soldaten mit einem Leutnant, einem Feldwebel und einem Fahnenjunker einquartiert wurden. Dieselben haben alle Tage zweimal Betstunden gehabt. Zu Weihnachten und am neuen Jahre 1707 haben schwedische Feldprediger in der Tannenberger Kirche Predigt gehalten. Nach Lichtmeß, den 4. Februar, 1707 hat sich ein schwedischer Student in derselben Kirche als künftiger Feldprediger hören lassen. Es haben zu dieser Zeit auf einmal »über die 400 Schweden und mehr in der kleinen Kirche« Gottesdienst gehabt. »Das schwedische Volk ist von hier aus dem Lande wieder weggekommen am 23. August 1707.«
Außer den genannten Orten Annaberg, Geyer und Tannenberg hatten auch Schneeberg, Wolkenstein, Marienberg und andere Städte des Gebirges ebenfalls schwedische Besatzung. Bis zum Sommer 1707 blieben die Schweden im Lande. Trotz des Altranstädter Friedens vom 24. September 1706 ruhte die Hand des Schwedenkönigs, Karls XII., schwer auf Sachsen. Die Schweden lagen in allen Städten. Sie hielten zwar strenge Manneszucht, mußten aber von den hart gedrückten Einwohnern beköstigt und gekleidet werden.
Die gesamten Kosten dieser schwedischen Besatzungen in Sachsen werden auf 23 Millionen Thaler berechnet, und lange seufzten unsere Vorfahren über diese neue »Schwedenangst«. Endlich im August 1707 verließen die Schweden neugekleidet und wohlgenährt Sachsen, um gegen Peter den Großen von Rußland zu ziehen. Dort wurden sie im Jahre 1709 bei Pultawa geschlagen. Der größte Teil fiel, ein anderer wurde nach Sibirien geschickt und sehnte sich vergebens nach den Fleischtöpfen Sachsens und den warmen Öfen des Erzgebirges zurück. Sie konnten recht deutlich die Unwahrheit der Bezeichnung des Erzgebirges als »sächsisches Sibirien« an sich erleben.
Die Schweden waren im September 1706 in einer Stärke von 19 000 Mann nicht im besten Zustande nach Sachsen gekommen. Viele Sachsen, auch Erzgebirger, wurden dem schwedischen Heere einverleibt, sodaß das schwedische Heer 32 000 Mann stark, neugekleidet und wohlgerüstet, das Land verließ.
Nach Dr. Falke, Zippert, Dr. Spieß.
Zehn Jahre des tiefsten Friedens waren seit dem zweiten Schlesischen Kriege vergangen. Da brach plötzlich der König von Preußen 1756 auf drei Punkten in Sachsen ein. Österreich und Rußland hatten ein Schutz- und Trutzbündnis gegen Preußen geschlossen und sich alle Mühe gegeben, den König von Polen und König von Sachsen mit in dies Bündnis zu ziehen. August weigerte sich, demselben beizutreten. Friedrich legte die Unterhandlungen, die ihm durch den bestochenen Vaterlandsverräter Menzel bekannt geworden waren, für eine Verschwörung zu seinem Untergange aus und begann sofort den Krieg.
Torgau wurde auf Befehl des preußischen Königs befestigt und daselbst eine preußische Behörde eingesetzt, an welche alle Einkünfte aus den besetzten sächsischen Landesteilen abgeliefert werden mußten.
Die Preußen waren bereits im September 1756 bis Chemnitz vorgerückt und begannen von da aus Anforderungen zu machen und Lieferungen auszuschreiben im ganzen Gebirge, daß den Ortschaften, denen noch kein feindlicher Krieger zu Gesicht gekommen war, das Dasein feindlicher Soldaten mehr als zu sehr fühlbar wurde. Für sich durften übrigens die Preußen nicht wirtschaften, sondern mußten ausgezeichnet gute Manneszucht halten.
Die erste Lieferung, welche nach dem Einrücken der Preußen in Chemnitz im ganzen Erzgebirge ausgeschrieben wurde, bestand darin, daß jede Hufe im Gebirge täglich liefern mußte: 6 Pfund Brot, 3 Pfund Fleisch, 3 Kannen Bier, 12 Pfund Hafer, 13 Pfund Heu, 3 Metzen Häckerling und 20 Pfund Stroh. Es wurden bald Lieferanten angestellt, ein Hauptlieferant und ein Aufkäufer für das Gebirge verordnet. Anfänglich wurde zwar alles bezahlt, aber im Monate Oktober mußte alles unentgeltlich in das zu Freiberg für die Preußen errichtete Vorratslager abgeliefert werden.
Die 16 000 Mann Sachsen, welche unter die preußischen Regimenter gesteckt worden waren, entliefen scharenweise dem aufgedrungenen, widernatürlichen Joche. Da gab der preußische König Befehl, daß die sächsischen Landstände 10 000 Rekruten für das Heer schaffen sollten. Am 23. November rückten 100 preußische Husaren nach Schneeberg ins Winterquartier. Am 25. desselben Monats wurden in aller Stille alle ledigen Männer von 18 bis 30 Jahren aufgeschrieben und am 30. November nachts aus den Betten geholt und zur Aushebung abgeführt. Man kaufte in Städten und in Dörfern, man fing sich gegenseitig die Leute weg. Es entstanden tausenderlei Beschwerden und Feindschaften. Wenn aber ein Ort mit seinen Rekruten in Rest blieb, so drangen Abteilungen preußischer Krieger ein und griffen schonungslos auf, wen sie tauglich fanden, nicht achtend, ob er Familienvater oder durch seine bürgerliche Stellung vom Soldatendienste frei sei. Um das häufige Ausreißen zu verhindern, erging aus dem zu Torgau errichteten Kriegs-Direktorium der Befehl, daß kein Sachse, welcher vom Regiment gewichen sei, in seiner Heimat geduldet, sondern an den nächsten preußischen Truppenteil abgeliefert werden solle. Wer einen solchen Flüchtigen verberge oder ihm zur Flucht behilflich sei, sollte selbst als ein Ausreißer behandelt werden. Dagegen sollten alle, welche sich freiwillig wieder stellten, Begnadigung erhalten.
Ungestört vom Feinde blieb von der 146 157 Mann starken preußischen Armee der größte Teil während des Winters in Sachsen stehen. Wenn wir hören, daß zu ihrer Erhaltung monatlich 911 080 Thaler nötig waren, so kann man sich denken, welche Kosten unserem Vaterlande entstanden.
Vorzüglich konnte es nicht fehlen, daß Lebensmittel aller Art im Preise stiegen, besonders im Erzgebirge, da aus Böhmen nichts heraus durfte. Als die preußischen Husaren im November in Schneeberg zum Winteraufenthalt einrückten, kostete ein Brot bereits 4 Groschen.
1757 im Frühlinge begann das preußische Heer zum Teil durch das Erzgebirge in Böhmen einzubrechen. Kleinere Abteilungen blieben zur Eintreibung der Lieferungen zurück. Allein nach der Schlacht von Kolin verfolgten die Österreicher ihre fliehenden Gegner nach Sachsen. Das Gebirge bekam nun plötzlich auch einzelne Heeresteile seiner Freunde und Beschützer zu Gesicht, die aber wie die eigentlichen Feinde schalteten und walteten. Bei den Preußen war lobenswerte Manneszucht. Bei den Österreichern ging das aber anders. Da waren die Husaren, Kroaten und Panduren noch ganz so wie in den Zeiten des Dreißigjährigen Krieges. Rauben und Plündern bei Freund und Feind blieb diesen immer die Hauptsache.
Doch im August bemächtigte sich Friedrich wieder des Gebirges. In Schneeberg verordnete er am 2. Januar, daß sich die sächsischen Stände am 14. Januar in Leipzig einfinden sollten bei 1000 Dukaten Strafe, wer nicht erscheine. Das Ergebnis war: Sachsen mußte sofort 6000 Rekruten, 600 Artillerieknechte, 1200 Pferde schaffen und Kriegskosten bezahlen. Auf den erzgebirgischen Kreis kam davon: 286 875 Thaler 17 Groschen, 800 Rekruten, 67 Artillerieknechte und 150 Pferde, was an den Feldmarschall von Keith nach Chemnitz abgeliefert werden mußte. Als die Rekruteneinführung begann, nahmen die Preußen nur die tüchtigsten Leute und Männer von ansehnlicher Größe.
Nach der Niederlage bei Hochkirch 1758 drangen die Österreicher und die Reichsarmee zugleich in Sachsen ein. Ende November beherrschte es aber doch wieder Friedrich. Am 20. November wurde ein Befehl erlassen, daß 800 Wagen vom erzgebirgischen Kreis nach Chemnitz für die Preußen geliefert werden sollten. Oft trafen auch von beiden Seiten Befehle zum Liefern zugleich ein. Wenn mit unsäglicher Mühe die Gemeinden das Verlangte zusammengewürgt hatten und es an den bestimmten Ort abliefern wollten, da überkam sie gar oftmals unterwegs der Gegner von dem, für den die Lieferung bestimmt war, und nahm alles als gute Beute oder ließ sich vielleicht durch ein ziemliches Lösegeld abfinden.
Preußen, Österreicher und das Reichsheer belästigten auch 1759 unsere Gegend. Friedrichs Bruder, Heinrich, lag in Sachsen. Dies erzeugte eine Reihe von Durchzügen, die den armen Gebirgern namentlich große Beschwerung brachten, da der österreichische General Daun mit 30 000 Mann durch das Gebirge von Böhmen aus in Sachsen einzubrechen drohte. Am 1. Mai mußte der erzgebirgische Kreis 300 Wagen nach Chemnitz und Zwickau stellen, auf jedem Wagen 12 Säcke.
Am Sonntage Exaudi, den 27. Mai, stießen Österreicher und Preußen aufeinander. Der preußische Oberst von Wolfersdorf trieb die Österreicher, Husaren und Kroaten, unter Generalmajor von Brentano, aus Aue heraus. Den Kaiserlichen mußten die Lebensmittel auf Schiebkarren nachgefahren werden, weil die wenigen noch vorhandenen Wagen zum Fortschaffen der Verwundeten verwendet werden mußten. Das ist die sogenannte Auer Schlacht.
Auch das Jahr 1760 brachte dem Gebirge eine Menge Drangsale. Die Neigung des Volkes war für die an Manneszucht gewöhnten Preußen. Zu Anfange des Jahres 1761 waren die Kaiserlichen von den Preußen ganz aus dem Erzgebirge bis an die böhmische Grenze zurückgedrängt. Die Preußen stellten jetzt viel ärgere Forderungen als früher. Zwickau mußte 18 000, Annaberg 16 000, Schneeberg 16 600, Aue 3000 Thaler Brandschatzung geben. Einquartierungen und alle anderen Steuern und Abgaben waren noch außerdem zu leisten. Die Preußen verfuhren mit einer Strenge, wie man sie nicht von ihnen gewohnt war. Mord und Brand waren sofort die Losung, wenn das Geforderte nicht geschafft werden konnte. Im Mai kamen die Kaiserlichen wieder, die sich als Retter geehrt wissen wollten.
Im Juli 1762 hatten aber die Preußen unter dem General Kleist schon wieder bei Zwickau ein Lager aufgeschlagen. Die Kaiserlichen zogen sich zurück, ohne den Angriff abzuwarten.
Die Kriege zwischen Österreich und Preußen drückten mit Einquartierungen und Kosten schwer auch auf Geyer und schlugen die Nahrung der Stadt vollends nieder. In einer Urkunde von 1762 bekannte der Stadtrichter Christian Porges mit den Ratsherren, Viertelsmeistern und einem Bürgerausschusse, daß die Gemeinde, um die von den Preußen auferlegte Brandschatzung von 6000 Thalern, die in 3 Teilen von 8 zu 8 Tagen gezahlt werden sollte, aufzubringen, von Hofrat Karl Friedrich Trier, Oberhofgerichtsassessor in Leipzig, 6000 Thaler aufgenommen habe, unter der Bedingung, daß die anderen 3000 Thaler durch jährliche Lieferung von 100 Schragen Holz, jeder Schragen drei Ellen hoch und neun Ellen breit, an das Geyersche Vitriol- und Schwefelwerk vom Jahre 1763 an verzinst und abgezahlt werden sollten. Schon im folgenden Jahre fand eine neue Anleihe statt. Ein Eintrag vom 15. Januar 1763 berichtet, daß die Preußen binnen wenigen Tagen wieder eine Summe von 6265 Thalern verlangt hätten; um dieses Geld aufzubringen, hätten sich die Bürger insgesamt verbindlich gemacht, alle bei währenden Kriegsdrangsalen erborgten und zu erborgenden Gelder samt Zinsen künftig aus eigenen Mitteln und Vermögen wieder zu bezahlen, insoweit solches nicht durch Holz, Stöcke und Kohlen geschehen könnte. Dieser öffentlichen Verpflichtung der gesamten Bürgerschaft folgte, um der gedrohten Ausplünderung zu entgehen, am 19. Januar 1763 das Bekenntnis einer neuen Anleihe von 2000 Thalern bei Hofrat Trier mit 112 Thaler Zinsen, die durch Lieferung von Stöcken an das Vitriolwerk bezahlt werden sollten. Dieser Urkunde folgte am 3. Februar das Bekenntnis der Gemeinde über eine Gesamtschuld von 10 000 Thaler bei Hofrat Trier mit dem Versprechen, die kurfürstliche Anerkennung binnen ¾ Jahr bei Personalarrest zu beschaffen. Die letzten 2000 Thaler waren infolge einer dritten Kriegsforderung von 3480 Thaler unter denselben Bedingungen aufgenommen worden.
Im Juli 1762 ist ein preußischer Truppenteil unter Generalleutnant von Seydlitz, gegen 7000 Mann Kavallerie, Infanterie und Husaren, teils durch Tannenberg durchmarschiert, teils haben sie auf den Feldern gerastet. Das ganze Kriegsvolk marschierte durch den Pfarrhof und hat der damalige Geistliche 3 Schock Korn, ein Fuder Heu und 1½ Schragen Holz eingebüßt. Vom 28. Dezember 1762 bis zum 2. Februar 1763 hat eine Eskadron schwarzer Husaren unter Rittmeister Franz v. Sorini in Tannenberg und in Dörfel gelegen. Auch haben zu dieser Zeit zwölf Husaren in Tannenberg das heilige Abendmahl genommen. Von einem Husaren ist sogar ein Altartuch der Kirche verehrt worden.