nbeirrt von dogmatischen Einwänden habe ich den Nachweis zu führen versucht, wie die menschlichen Gefühle in wenn auch sehr rudimentärem Zustande schon im Tierreiche sich vorfinden. Unter diesen ist indes eines, welches dem Anscheine nach eine unüberbrückbare Kluft zwischen Mensch und Tier herstellt und das wegen seiner engen Beziehungen zum Geschlechtsleben vor allen eine genauere Betrachtung erheischt. Ich meine die Schamhaftigkeit, womit der Mensch alle natürlichen Leibesverrichtungen zu umgeben gewohnt ist. Bei stark materialistisch zugeschliffenem Verstande mag man es zwar ziemlich lächerlich finden, sich Handlungen oder Dingen zu schämen, die ganz natürlich sind, ja die gradezu sein müssen, und doch kann der zur Selbsterkenntnis gekommene Kulturmensch dieses Gefühl nicht loswerden. Noch mehr, dieses Gefühl ist so stark, dass es sogar einen besonderen physischen Ausdruck besitzt: das Erröten, von dem manche meinen, es sei dem Geschöpfe vom Schöpfer als eine Art Talisman, als ein Hemmnis seine Gebote zu überschreiten, eingepflanzt. Indes zeigt diese von den Dichtern gepriesene Blüte edelster Menschlichkeit, diese Verräterin des Gewissens und der leisesten Regungen des Gefühls, gewisse Eigentümlichkeiten, welche beweisen, dass die Möglichkeit der Entfaltung dieser psychischen Vorgänge schon im Tierreiche gegeben war, und das Vermögen die Farbe zu wechseln, ist kein Vorzug des Menschen vor den übrigen Geschöpfen. „Medizinische Beobachtungen der neueren Zeit,“ sagt Carus Sterne, „hatten nämlich ergeben, dass die Einzelheiten, aus denen sich diese Erscheinung zusammensetzt, die Beschleunigung des Herzschlages, die geistige Verwirrung und die Röte, welche sich gleichzeitig über Antlitz und Brust ergiesst, auch sehr schnell beim Einatmen von Amylnitrit eintreten, einer zu medizinischen Zwecken benützten Ätherart. Darwin hatte schon vor Jahren auf die Ähnlichkeit dieser künstlichen Scham mit der natürlichen die Aufmerksamkeit gelenkt, und W. Filehne zeigte vor kurzem, dass beide gleichmässig dadurch entstehen, dass eine Gehirnpartie, welche die Blutgefäss-, Atmungs- und Herznerven gleichzeitig beeinflusst, ihre regelnde Thätigkeit vorübergehend einstellt. Es wurde ferner nachgewiesen, dass die meisten Säugetiere in denselben Zustand versetzt werden konnten, dass also die Anlage, unter Herzklopfen zu erröten und in Verwirrung zu geraten, schon bei den Tieren vorhanden ist, wenn diese Erscheinungen auch für gewöhnlich nicht eintreten, weil von der minder feinfühlig entwickelten Psyche kein Antrieb zur Abspielung dieses interessanten Vorganges gegeben wird. Diese Nachweisungen scheinen aber, wie ihr Urheber mit Recht hervorhob, ein Verständnis dafür anzubahnen, wie sich beim Menschen im Verlaufe seiner Veredlung jener eigentümliche Verräter seiner inneren Empfindung mit all seinen Begleiterscheinungen hat ausbilden können.“[55]
Das Erröten ist mithin keineswegs ein ausschliessliches menschliches Vorrecht. Weder besitzen wir es allein, noch besitzen es die Menschen alle im nämlichen Grade. Charles Darwin gelangt allerdings zu dem Schlusse, dass das Erröten „den meisten und wahrscheinlich allen Menschenrassen gemeinsam zukommt;“[56] allein aus den von ihm gesammelten Zeugnissen erhellt deutlich, dass dieses Vermögen doch hauptsächlich den geistig entwickeltsten Stämmen eignet. Was er von den Negern, den Kaffern und Australiern sagt, gestattet zwar auf das Vorhandensein eines Schamgefühles zu schliessen, welches indes keinen oder nur einen ungemein schwachen physischen Ausdruck findet. Und dies ist auch recht erklärlich, denn um zu erröten, muss der Geist erregt werden. Wo derselbe, wie bei rohen Völkern, seiner geringen Ausbildung halber, nur selten und wenig erregbar ist, kann auch die Fähigkeit des Errötens nicht besonders entwickelt sein. Selbst in unseren gebildeten Kreisen erröten zartbesaitete Gemüter öfter und leichter als rohere Naturen, denn es hängt die Empfindlichkeit des Schamgefühls von dem Grade der angebornen oder anerzogenen Feinfühligkeit ab.[57] Diese wächst aber mit steigender Geistesbildung und letztere ist ein Erzeugnis der Gesittung. An einen etwaigen übersinnlichen Ursprung der Schamröte zu glauben, muss uns schon der Umstand in Zweifel setzen, dass eine und dieselbe Erscheinung, wie es das Erröten ist, bald den Abglanz der Unschuld, bald das Kainszeichen der Schuld vorstellen soll. Beim Kulturmenschen tritt als letzter Grund des Errötens die Rücksichtnahme auf die Beurteilung durch andere auf; es zeigt sich daher fast unausweichlich, wenn er in Gegenwart dritter eine die Schamhaftigkeit verletzende Handlung begehen soll, eine solche sieht oder auch nur davon hört. Es ist ein Gedicht, welches die Tugend mit rosenfarbener Tinte auf die Wangen schreibt.
So wenig wie das Erröten kann auf ihrer untersten Stufe die Menschheit die Schamhaftigkeit besessen haben. Unterscheidet man mit Julius Lippert ursprüngliche, ältere (primäre) Instinkte, d. h. solche, welche allen Menschen von Haus aus unbedingt gemeinsam sind, und jüngere (sekundäre), welche später und nicht von allen, auch nicht von allen gleichmässig im Laufe ihrer Entwicklung erworben wurden, so ist die Schamhaftigkeit unzweifelhaft ein solcher Instinkt jüngerer, gesellschaftlicher Art. „Auf der ersten Stufe,“ so führt Lippert überzeugend aus, „wird die möglichste Verstärkung des Geschlechtssinnes von wohlthätigen Folgen für die Erhaltung der Art. Je feiner die Sinne für die Wahrnehmung geschärft werden, je intensiver und unmittelbarer auf die Sinnesempfindung der Antrieb folgt, desto weniger besorgt braucht Mutter Natur um die Arterhaltung ihrer Geschöpfe zu sein. Die Intensität dieses Instinktes ist in der That bei allen Geschöpfen ausserordentlich gross; sie führt sie mit Ausserachtlassung der grössten Gefahren für das Individuum dem Ziele zu. Seiner Intensität nach nimmt dieser Instinkt auf höheren Entwicklungsstufen nicht ab, je nach der Anzahl seiner Impulse verstärkt er sich noch. Zu den Sinneseindrücken, welche im Tiere sowohl, als auch im Urmenschen die entsprechenden Reflexerscheinungen, wie wir sie wenigstens einer Analogie nach nennen können, auslösen, gesellt sich auf einer höheren Stufe die willkürliche und unwillkürliche Reproduktion des Gedächtnisses und der Einfluss einer entwickelteren Vorstellungskraft. Um so notwendiger erscheint, sobald die Menschen zu erweiterter Fürsorge auf der Basis der Gesellschaft fortschreiten, ein zügelnder Instinkt.“[58] Dieser hat aber ursprünglich so wenig bestanden, wie gegenwärtig auch beim Tiere; erinnert doch noch die biblische Überlieferung an einen Urzustand, in welchem die Menschen das Gefühl geschlechtlicher Scham nicht besassen. Der Standpunkt der Schamhaftigkeit, auf dem wir heutigen Tages in Europa stehen, ist also nicht etwas von Hause aus Gegebenes und ein- für allemal Unwandelbares, sondern vielmehr ein sehr wandelbares Erzeugnis jener Kultur, welche sich hauptsächlich in der Entwicklung allgemein menschlicher und auch bei den Naturvölkern zu findenden Anlagen offenbart.[59] Der Neger z. B. besitzt die gleiche Anlage zur Schamhaftigkeit wie wir, aber auf den allerverschiedensten Stufen der Ausbildung. Thatsache ist, dass es noch heute eine grosse Menge von Völkern giebt, bei welchen eine Schamhaftigkeit in unserem Sinne gar nicht vorhanden ist. Brauch und Sitte entscheiden eben allein über Verstattetes und Anstössiges, und erst nachdem sich eine Ansicht befestigt hat, wird irgend ein Verstoss zu einer verwerflichen Handlung.[60] Allerdings ist bei barbarischen Stämmen vieles des Charakters des Herausfordernden entkleidet, das einen solchen erst einem geübteren Verknüpfungs- (Kombinations-) und Vorstellungsvermögen gegenüber gewonnen hat. So ist auf dem Standpunkte der Bibel vieles als Thatsache längst unter das abwehrende Gesetz der Scham gestellt, aber noch nicht das nackte, unverblümte Wort dafür und der nackte Bericht. Seither ist das Schamgefühl fortgeschritten, indem es auch das Wort verbietet, welches die Vorstellung mit konkreter Bestimmtheit oder gerade nach der Richtung hin hervorruft, in welcher sich jener Instinkt bewegt. Dieser Fortschritt vollzieht sich noch in unserer Zeit, und es ist noch nicht allzulange her, dass er angebahnt wurde.[61]
So schämt der Kulturmensch sich jeder Handlung, wenigstens vor andern, die aus Notwendigkeit hervorgeht, selbst der zur Erhaltung des Organismus unbedingt unerlässlichen. Während er aber anstandlos isst, trinkt, raucht, schnupft, dünken ihm alle Ausscheidungen gleichsam unverdiente Erniedrigungen, die der Haushalt des tierischen Leibes ihm auferlegt. Über sie vor allem trachtet das Schamgefühl einen dichten Schleier zu werfen, um vor andern zu erscheinen, als seien wir so rein und sehenswürdig, wie die Lilien in der Sprache der Evangelien. An dieses unser Naturleben wollen wir nicht gemahnt sein und verhüllen daher ängstlich die Organe und Körperteile, welche diesem ausschliesslichen Zwecke dienen. In der gesitteten Gesellschaft mit ihrer hochgradigen Scheu vor der Nacktheit existiert diese Seite unseres Naturlebens scheinbar gar nicht, und in der Rede geschieht von deren Vorhandensein keinerlei Erwähnung. Vollends aber wird das Schamgefühl durch jede, auch die leiseste Anspielung auf das Erotische empfindlichst beleidigt, freilich bei Völkern, wie bei Individuen nicht immer im gleichen Grade. Und das kleine Kind des Kulturmenschen kennt die Scham ebensowenig wie das Tier. Dieses kommt nie dazu, weil es nicht zum Bewusstsein des Geistes gelangt, das Kind aber erst dann, wenn es in sich den qualitativen Gegensatz zwischen Geist und Körper zu fühlen beginnt. Ganz rohe Stämme, die auf dem Standpunkte des Tieres oder richtiger auf jenem kleiner Kinder stehen, wissen deshalb auch nichts von unserer Schamhaftigkeit. Ohne alle Scheu vollziehen sie Verrichtungen, welche der Kulturmensch sorgfältig fremden Blicken entzieht, und es ist nur zu beklagen, dass die meisten Reisenden, welche uns mit fernen Völkern vertraut machen, über Dinge, die ihrer Aufmerksamkeit unmöglich entgehen konnten, eine zwar erklärliche, aber wissenschaftlich recht anfechtbare Zurückhaltung beobachten zu müssen glauben. So sagt z. B. Alfred Lortsch in einer sonst verdienstvollen Studie über Neukaledonien: „Die Tracht der Neukaledonier ist eine sehr sonderbare und keineswegs geeignet, hier speziell beschrieben zu werden.“[62] Mit solcher Zurückhaltung wird der Wissenschaft herzlich schlecht gedient. Hunderte von Reisewerken wird man deshalb enttäuscht aus der Hand legen, ehe man auf eine jener Mitteilungen stösst, welche einen direkten Schluss auf das Schamgefühl der beschriebenen Völker gestatten würden.
In der Beurteilung der Frage, ob einem Volke der Sinn für Schamhaftigkeit abgehe oder bis zu welchem Grade derselbe etwa vorhanden sei, werden häufig, ja sogar gewöhnlich ganz verschiedene Regungen vermengt und insbesondere Sittsamkeit oder Anstandsgefühl und Keuschheit mit Schamhaftigkeit verwechselt. Keuschheit (Castitas) oder, was das Nämliche ist, Züchtigkeit erheischt zunächst strenge Eindämmung der geschlechtlichen Verrichtungen innerhalb der von der Sittenlehre vorgeschriebenen Schranken. Sie paart sich mit der Sittsamkeit, dem äusseren Anstande, welcher seinerseits jeglichen Hinweis auf das Geschlechtsleben, sei es in Wort oder Gebärde, verbietet. Auf der obersten Stufe steht die geschlechtliche Scham (Pudor), welche vor der leisesten Andeutung dieser Prozesse zurückbebt und daher vor allem die tierische Seite des menschlichen Körpers fremden Blicken zu entziehen beflissen ist. Zwischen ihr und der Sittsamkeit walten feine psychologische Unterschiede, die nur selten die gebührende Beachtung finden. Mit der Keuschheit im obigen Sinne hängt das Schamgefühl dagegen nur lose zusammen. Die Keuschheit betrifft das verborgene, die Schamhaftigkeit das augenscheinliche Thun und Lassen. Niemand schämt sich vor sich selbst, stets nur vor dritten; die Keuschheit wird bewahrt oder verletzt auch ohne Zeugen. Daraus ergiebt sich, wie sehr wohl Unkeuschheit mit Schamgefühl, Schamlosigkeit mit Keuschheit vereinbar ist. Die feinen Lebemänner unserer Grossstädte, wie die eleganten Damen der sogenannten Halbwelt lassen sich kaum einen Verstoss gegen die Sittsamkeit zu Schulden kommen, während die Unzüchtigkeit ihres Wandels keinem Zweifel unterliegt und wahres Schamgefühl höchstens in Gegenwart unberufener Dritter sich ihrer wohl bemächtigen würde. Umgekehrt fehlt es nicht an geschlechtlicher Zurückhaltung, an Keuschheit, bei einzelnen, wie bei ganzen Völkern, die im Punkte der Schamhaftigkeit, wie wir sie auffassen, unendlich viel, fast alles zu wünschen übrig lassen.
Aus dem Gesagten erhellt, dass wenn man vielleicht mit „Schamlosigkeit“ den Mangel an Keuschheit, Sittsamkeit und Schamgefühl zusammenfassend bezeichnen darf, doch nur für letzteres, nicht auch für Anstand und Züchtigkeit, in der grösseren oder geringeren Entblössung des Körpers ein Massstab zu suchen ist. Nur die Vermengung dieser verschiedenen Begriffe verleiht dem Schamgefühl eine viel grössere Ausdehnung, als ihm thatsächlich zukommt. Auf verschiedenen Stufen und unter verschiedenen Gestalten ist das Schamgefühl fast unter allen Wilden zu finden, sagt A. de Quatrefages.[63] Und erst unlängst verkündete auch ein deutscher Gelehrter wieder: „Das Schamgefühl ist allgemein in der heutigen Menschheit; wo es aber zu fehlen scheint, ist sein Mangel ein zufälliger oder vorübergehender Zustand.“[64] Das ist nun freilich ein weiter Sack, in den man bequem die ganze Unzahl von Beispielen des Gegenteiles stecken kann. Man sollte aber nicht als wissenschaftliches Ergebnis einführen, was bloss persönliche Ansicht sein kann; denn der Zeugnisse moderner Beobachter für einen völligen Mangel des Schamgefühls, der weder zufällig noch vorübergehend ist, sind zu viele, um sie so kurz von der Hand weisen zu dürfen. Weder für die Zufälligkeit, noch für den bloss vorübergehenden Charakter dieses Mangels ist auch nur der entfernteste Beweis zu erbringen, und so muss es denn wohl bis auf weiteres unerschüttert stehen bleiben, dass es wirklich schamlose Völker giebt, Völker, bei welchen keine Spur von Schamhaftigkeit vorhanden ist. Der grosse italienische Anthropologe Paul Mantegazza hat daher, diesen Thatsachen Rechnung tragend, den sehr vernünftigen Vorschlag gemacht, die Völker — stillschweigend will ich hinzudenken: die Menschen aller Völker — in schamlose, halbschamhafte und schamhafte einzuteilen, um damit in groben Umrissen eine aufsteigende Stufenfolge von Null bis zu einem äusserst hohen Grade schamhafter Anforderungen zu bezeichnen[65] — zweifelsohne ein weit wissenschaftlicheres Vorgehen, als die oben besprochene Verallgemeinerung.
Die Entblössung zum Massstabe nehmend, verweist man wohl mit Recht in die unterste Klasse der Schamlosen alle jene Stämme, welche im Zustande völliger Nacktheit lebten oder noch leben. Auf diese Liste gehören die Guantschen, d. h. die ausgestorbenen, angeblich halbgesitteten Bewohner der Kanarischen Inseln, desgleichen, nach den Beschreibungen der ersten spanischen Entdecker, die dahingeschwundenen Bewohner der Bahamainseln, der Kleinen Antillen, sowie eine Anzahl von Küstenstämmen des heutigen Venezuela und Guyana.[66] In letzterem Lande fand noch Alexander von Humboldt die meisten Völkerschaften, selbst solche mit schon ziemlich entwickelten Geisteskräften, so nackt, so arm, so schmucklos, wie die Neuholländer. Bei der ungeheuren Hitze, beim starken Schweiss, der den Körper den ganzen Tag über und zum Teil auch bei der Nacht bedeckt, ist jede Bekleidung unerträglich. Die Putzsachen, namentlich die Federbüsche, werden nur bei Tanz und Festlichkeiten gebraucht.[67] Vor hundert Jahren beobachtete G. T. Marlier die brasilischen Puri in völliger Nacktheit, und in solcher ergehen sich heute noch die Trumai und Suya am Schingu, welche Dr. Karl von den Steinen erst 1884 besucht hat.[68] Desgleichen die Engeräckmung oder Botokuden sowie die Pescheräh auf Feuerland. Zu Cooks Zeiten gingen bei vielen Australierstämmen beide Geschlechter ganz nackt, und einige sind auch heute noch kaum weiter gekommen. So nach John Forrest die Westaustralier, die doch von der Witterung viel zu leiden haben.[69] Am Kap York in Nordaustralien gehen nach Frank Jardine wenigstens die Männer völlig entblösst, die Frauen mit einem blossen Laubgürtel, in den sie vorn ein paar Palmblätter einfügen.[70] Dr. Adolf Bernhard Meyer fand bei seiner Bereisung Neuguineas an der Geelvinksbai ebenfalls Stämme, die Tarungareh, welche „ganz und gar nackt gehen, ohne jede, auch die geringste Bekleidung“.[71] Cañamaque sprach den philippinischen Tagalen alles Schamgefühl ab: „Männer wie Weiber, besonders in der Provinz, lassen sich splitternackt erblicken, ohne die geringste Verlegenheit zu zeigen.“[72] Ganz ähnlich benehmen sich die Mincopies auf den Andamanen.[73] Afrika ist nicht minder reich an solchen Beispielen. Splitternackt sind nicht bloss die Buschmänner im Süden des schwarzen Erdteils, sondern auch die sanftmütigen Adiye oder Bubi auf der Insel Fernando Po. David Livingstone fand die Bawe am Sambesi, Sir Samuel White Baker etliche Stämme am Weissen Nil, wie die Latuka, ganz nackt, und das nämliche bestätigt Georg Schweinfurth für die Schilluk, Nuer und Dinka, John Petherik für die Dschangar. Von den ostafrikanischen Wataweta, die erst jetzt bekannt werden, sagt einer ihrer Erforscher, H. H. Johnston: „Beide Geschlechter entbehren jedes Begriffs und jeder Vorstellung von Scham. Die Männer besonders sind sich völlig unbewusst, dass Nacktheit unschicklich sei.“[74] Auch den Wadschagga schreibt dieser Forscher „fast tierische Unbewusstheit des Schamgefühls“ zu.[75] Ja, die Neukaledonierinnen gehen soweit, dass sie Abortus treiben, geradezu aus Buhlkunst, nämlich um das Welken von Reizen zu verhüten, welche die Schamhaftigkeit der Europäerinnen sorgfältig verbirgt, sie aber der Öffentlichkeit preisgeben.[76] Bei allen diesen Menschen ist die Nacktheit buchstäblich zu nehmen.
In die Klasse von Mantegazzas halbschamhaften Völkern darf man vielleicht die grosse Reihe jener einstellen, bei welchen der aufkeimende Instinkt des Schamgefühls das vormannbare Alter noch nicht einschliesst. Viele Menschenstämme legen nämlich die Bedeckung erst mit der Altersreife an, lassen also die Kinder, Knaben wie Mädchen, bis zur Pubertät noch völlig nackt. Diese Sitte findet sich bei den Aschira in Westafrika, den Gamergu im mittleren Sudan, den Chaymas in Mittelamerika, den Neuhebrideninsulanern und vielen andern. Als ich in den sechziger Jahren die ungarische Tiefebene durchritt, war der Anblick völlig nackter Zigeunerkinder, darunter selbst halbwüchsiger Mädchen mit bronzefarbener Haut, durchaus keine Seltenheit. Ägyptische Bildwerke, die Häuslichkeit der Pharaonen darstellend, zeigen selbst die Prinzessinnen im Königshause bis zu jenem Lebensalter noch gänzlich unbekleidet. Diese Sitte reicht, Knaben und Mädchen umfassend, sehr allgemein noch in ziemlich hohe Epochen herauf. Viele Stämme lassen endlich die Mädchen unbekleidet, und zwar bis zur Verheiratung, andere dagegen bloss die verheirateten Frauen, die Mädchen nicht. Letzterer Fall ist allerdings der weit seltenere, doch huldigen einige Afrikaner auch diesem Gebrauche. Bei manchen Völkerschaften geht nur eines der Geschlechter, ohne Rücksicht auf Alter und Stand, bekleidet, das andere gar nicht. Die Männer der Dinka z. B. sind geradezu stolz auf ihre Nacktheit; sie erachten Kleidung für entehrend und als eine ausschliessliche Sache der Weiber, daher sie den Reisenden Georg Schweinfurth ironisch bloss „das Weib der Türken“ nannten.[77] Ich möchte es dahingestellt sein lassen, ob diese Völker überhaupt schon zu den Halbschamhaften gerechnet zu werden verdienen.
Die Halbschamhaftigkeit reicht übrigens bis zu ganz ansehnlicher Kulturhöhe hinauf. Bildhauereien auf alten indischen Tempeln beweisen deutlich, dass ein Volk bis zu einer bedeutenden Gesittungsstufe sich erheben und deshalb füglich nicht mehr zu den Schamlosen gezählt werden kann, ohne dabei die leiseste Notwendigkeit einer Bekleidung einzusehen. Dies ist aber der Fall bei den Frauen, die dem predigenden Buddha lauschen, und selbst Buddhas Weib, sowie seine Mutter, Maya, werden in der Regel nackt dargestellt. Fergusson behauptet sogar, dass bis zur muhammedanischen Eroberung in Indien Nacktheit durchaus nicht das Anstandsgefühl verletzt habe.[78] Jedenfalls duldet dasselbe auch heute noch in Benares, gelegentlich auch sonst in Hindustan bis nach Assam, den Anblick der scheusslichen Aghori oder Aghorpunts, einer Sekte, deren Mitglieder, splitternackte Zweifüssler, den cynischen Ausdruck des menschlichen Pessimismus darstellen.[79]
Es ist vielleicht hier der Hinweis am Platze, dass auch die längst gut bekleideten klassischen Alten in ihren Bildwerken eine auffallende Schaustellung des Nackten übten, was gewiss nicht sein könnte, hätte nicht wirklich das Nackte noch in ihre Gesittung hineingeragt, wäre ihr Schamgefühl so ausgebildet gewesen als das unserige. Ich rede nicht von so archaistischen Darstellungen wie jene der behelmten, sonst aber ganz nackten Äginatenkrieger, denn sie stammen aus einer Zeit, in welcher man trotz der schon erreichten Kunsthöhe die hellenische Gesittung noch als keine beträchtliche sich denken darf. Ich rede auch nicht davon, dass viele, ja die meisten Götterstandbilder der Griechen und auch der Römer in geringerem oder grösserem Masse der Bekleidung entbehren;[80] denn diese Bildnisse knüpfen an uralte, barbarische Vorstellungen an, welche der Kult für lange Zeiten befestigt hat, wie ja auch das christliche Kruzifix uns heute noch den entblössten Leib des Erlösers zeigt, ohne Anstoss zu erregen.[81] Ungemein kennzeichnend ist dagegen die augenscheinliche Freude am Nackten, welche die weit fortgeschrittenere und uns viel näher gerückte römische Kaiserzeit in Dingen bekundet, wo unser heutiges Schamgefühl das Nackte geradezu ausschliesst. Wie wäre ohne geringere Feinfühligkeit in dieser Hinsicht es sonst zu erklären, dass die auf uns gekommenen Standbilder so vieler hervorragender Persönlichkeiten dieselben gewandlos zeigen? Die nackten Kaiserbüsten mag man allenfalls hingehen lassen, es am Ende auch noch begreiflich finden, wenn unter die Götter versetzte Imperatoren in dieser Eigenschaft nackt erscheinen.[82] Zahlreiche Standbilder gefallen sich aber in halben oder ganzen Entblössungen ohne jeglichen für unser heutiges Empfinden ersichtlichen Grund. Germanikus ging zu seinen Lebzeiten gewiss nicht so halbnackt einher, wie ihn sowohl die zu Frascati, als die 1792 in den Ruinen der Basilika von Gabii ausgegrabene Statue (jetzt im Louvre) zeigt; auch Augustus, Claudius und Nero nicht, wie sie, zum Teil in sitzender Stellung, in den Museen von Neapel, des Louvre und des Vatikans zu schauen sind. In ähnlicher, unbegründeter Halbnacktheit sitzt der ehrwürdige Kaiser Nerva und steht der mit Eichenlaub bekränzte Antoninus im Vatikan. Allein nicht genug daran, auch im „heroischen Kostüm“ wurden die Herrscher verewigt. Dieses heroische Kostüm bestand darin, gar keines zu sein. Ein solches „trägt“ z. B. der zu Otricoli gefundene Caligula, welchen eine andere Statue (im Palast Farnese zu Rom) ebenfalls nackt, bloss einen nichts verhüllenden Mantel über die Achsel geworfen, gar aufs Pferd setzt! Im Palaste Grimaldi zu Venedig befindet sich eine ähnliche „heroische“ Statue des Agrippa, und auf dem Kapitol zu Rom sieht man das zu Ceprano aufgefundene Standbild des Kaisers Hadrian, bloss mit Helm und kurzem Armschild bekleidet, weiter nichts. Sein Adoptivsohn L. Aelius Verus steht im Louvremuseum in fröhlicher Nacktheit, und noch geringere Ansprüche verrät der die Viktoria tragende Lucius Verus der Jüngere im Braccio nuovo des Vatikans. Was er etwa an Gewandung besass, hat er sorgsam zur Seite gelegt und buchstäblich splitternackt trägt Marc Aurels Schwiegersohn die — ein seltsamer Kontrast — von wallenden Gewändern umflossene Viktoria. Am drastischsten wirkt aber wohl das Standbild des Königs Ptolemäos auf dem Kapitol, welches diesen Herrscher im vollkommensten Naturzustande vorführt. Diese Beispiele könnte ich noch sehr beträchtlich vermehren. Die mitgeteilte Blumenlese genügt indes, den Geist der damaligen Zeit zu kennzeichnen. Erwägt man, dass alle diese Standbilder der Öffentlichkeit preisgegeben waren, so muss man annehmen, dass deren Anblick das Schamgefühl der in Toga und Tunika einherschreitenden Römer und Römerinnen nicht sonderlich verletzt habe. Die Römer der Kaiserzeit waren nun gewiss ein schon hohes Kulturvolk; dass aber neben den vielen Bildsäulen der Imperatoren, welche diese im vollen Schmucke ihrer Amtstracht zeigen, so zahlreiche Abbildungen sie auch in einem Zustande verherrlichen konnten, der dem sittlichen Geschmacke einer schon sehr bald darauf folgenden Epoche nicht mehr entsprach, berechtigt uns gewiss, sie trotz ihrer Gesittungshöhe nur zu den Halbschamhaften zu zählen.
Zu den letzteren gehören auch eine Menge von Stämmen, um welche die europäische Gesittung der Gegenwart wirbt und die ihr erst zum Teil gewonnen sind. Auf mehreren Südseeinseln haben die christlichen Missionäre den Frauen und Mädchen ein kurzes, bis zum Nabel reichendes Busenhemdchen, „Pinnafore“, aufgenötigt; doch machen diese meist nur in der Kirche damit Staat, sonst tragen sie diese Hemdchen fast immer, aus den lästigen Ärmeln geschlüpft, über die Schultern zurückgeworfen. Selbst auf Hawaii, wo doch schon europäische Kleidung üblich ist, wird auch bei den Vornehmen zu Hause schnell alles ausgezogen, um frei und nackt sich es so viel wie möglich bequem zu machen und von dem erlittenen Zwange gehörig auszuschnaufen. Die dortigen Damen aber, die Kanakinnen, obwohl sie mit den europäischen Kulturformen schon vertraut sind, legen sogar von ihren in der That staunenswerten Schwimmkünsten den Vorübergehenden alltäglich die bereitwilligsten Proben ab, wobei diese bronzenen Aphroditen, völlig nackt, um die Preisgebung ihrer Reize sich wenig besorgt zeigen — wie Max Buchner berichtet, bei dem man eine gelungene Schilderung dieser in unseren Augen wenig schicklichen Schwimmvergnügungen nachlesen kann.[83] Selbst einem so hochgestiegenen Volke wie die Japaner ist das gemeinsame Baden beider Geschlechter[84] in geschlossenem Raume sowie im Freien erst neuerlich von den Behörden untersagt worden. Das Gleiche beobachtet man bei den spanisch-indianischen Mischlingen, welche dermalen den Grundstock der zivilisierten Bevölkerung in den Freistaaten Südamerikas ausmachen. Bezüglich der Cholos in Ekuador wurde der moderne Reisende Hugo Zöller mehrfach darauf aufmerksam gemacht, „wie sich Männer und Weiber gemeinschaftlich mit einer Unverfrorenheit im Flusse herumtummelten, die selbst den naiven Südseeinsulanern fremd ist.“[85] Von den schon im Alltagsleben nach europäischen Begriffen nicht sehr züchtig gekleideten Paraguitinnen erzählt ein Berichterstatter aus der Zeit des grossen Krieges von 1864–1870: „Die Weiber wuschen die wenigen Kleidungsstücke, welche sie noch besassen, häufig. Viele hatten nur noch einen Anzug, und während sie diesen auf dem Grase zum Trocknen ausbreiteten, standen sie selbst in adamitischem Kostüme dabei und rauchten ihre Zigarren.“[86] Und Mantegazza erzählt bestätigend: „Auf meiner Reise in Paraguay habe ich in den Strassen der Hauptstadt Kinder beiderlei Geschlechts nackend gesehen, und in einem Dorfe sah ich ein schon mannbares Mädchen nackt wie Eva, die, ohne sich im geringsten zu schämen, einem meiner Begleiter Feuer gab, um seine Zigarre anzuzünden.“[87] In der argentinischen Stadt Mendoza baden die spanischen Damen jeden Morgen und Abend völlig nackt und gemeinsam mit den Herren in einem Bache, welcher der „Alameda“, dem öffentlichen Spaziergange, entlang fliesst. Dazu kann ich Seitenstücke sogar aus Europa anführen. Ausserhalb der Stadt Jassy tummeln sich in den Fluten des Bahlu neben Pferden und Ochsen jüdische Knäblein und Mägdlein, weiterhin Männer und Weiber Israels, alle in unverfälschtem Adamskostüm und nicht die geringste Notiz von dem verblüfft dastehenden Fremden nehmend.[88] Auch in Russland, längs den Flüssen, in den Städten und Dörfern am Don und an der Wolga ist es nichts Seltenes, namentlich am Samstag, Mädchen oder Frauen ohne jegliche Bekleidung sich scharenweise an wenig abgelegenen Orten, mitunter sogar unter den begangensten Brücken, baden zu sehen.[89] Ebensowenig lässt das Innere einer finnischen „Badstube“ im entferntesten eine schamhafte Scheu der beiden Geschlechter erkennen,[90] ja selbst vor der Badstube, im Freien, sitzen, wie die photographischen Aufnahmen beweisen, die streng protestantischen Leute in starker Entblössung. Auch ein rein germanischer Stamm, die christliche, des Lesens durchweg kundige Bevölkerung Islands, ist noch nicht bis zu der Erkenntnis gelangt, welche die biblischen Eltern des Menschengeschlechts schon in Eden sich erwarben, denn sie ziehen sich vor dem Schlafengehen, um die Kleider zu ersparen, splitternackt aus.[91]
Bei den ganz schamhaften Völkern, obenan bei den gesitteten Nationen Europas, hat sich die Schamhaftigkeit vornehmlich in der Kleidung befestigt, welche in den gebildeten Ständen den Körper bis auf Antlitz und Hände vollkommen verbirgt, während die nackten Füsse der Gassenjungen oder mancher ländlichen Bevölkerung schon an die Grenze des Geduldeten streifen. Jede weitere Entblössung des Körpers verbietet unser Schamgefühl, völlige Nacktheit aber fällt unter das Strafgesetz.[92] Da die Weissen Europas auch die klimatisch weniger begünstigten Erdräume innehaben, so hat bei ihnen das Schutzbedürfnis die Bekleidung naturgemäss gefördert, und die in unserem Erdteile nachweislich seit der sogenannten „Rentierzeit“ andauernde und zunehmende Entwöhnung an den Anblick des Nackten hat sehr wahrscheinlich unendlich viel zur Ausbildung dieser schamhaften Scheu vor ungewohnter Entblössung beigetragen. „Nackte oder kaum bekleidete Menschen zu sehen,“ sagt der vielgewanderte Dr. Otto Kuntze, „fällt ja einem Weltreisenden nicht besonders auf, aber es ist mit solchen Erscheinungen stets der Eindruck eines rohen Naturzustandes oder von Hässlichkeit verbunden.“[93] Gleichwohl bleibt es wahr, dass selbst europäische Augen von der Nacktheit dunkelfarbiger Völker nicht beleidigt werden, während sie bei Weissen meist anstössig erscheint. „Sie sind so schwarz, man bemerkt es ja kaum, dass sie nackt sind,“ sagte eine Dame zu Hugo Zöller von den Negern in Dakar.[94]
Gewiss ist es nun von hohem Interesse, den ersten Regungen des eine so grosse Stufenleiter durchlaufenden Schamgefühles nachzuspüren. Peschel warnt aus diesem Anlasse vor der Annahme, dass sich dasselbe früher beim weiblichen Geschlecht rege, als beim männlichen, weil die Zahl solcher Menschenstämme, bei denen die Männer allein sich bekleiden, keine unbeträchtliche sei.[95] In der That lassen sich dafür viele Beispiele anführen. Am Orinoko klagten die Missionäre unserm Alexander von Humboldt, dass Scham und Gefühl für das Anständige bei den jungen Mädchen nicht viel entwickelter seien, als bei den Männern,[96] und Cristobal Colon fand bei seiner Ankunft auf Trinidad die dortigen Frauen in völliger Nacktheit, während die Männer den „Guayuco“, eine Art schmalen Lendenstreifens, trugen. Bei den Obbonegern, nordöstlich vom Ausflusse des Nil aus dem Albertsee, besteht die Bedeckung der Frauen in einem Laubbüschel, während die Männer einen Fellschurz tragen. Die völlige Nacktheit der im schönsten Ebenmasse gebauten Longofrauen bei Foweira am oberen Nil bezeugt Dr. R. W. Felkin.[97] In Rohl darf ausser den arabischen Frauen kein Weib irgend ein Kleidungsstück anlegen.[98] In dem merkwürdigen Staate der Monbuttu am Uelle bedecken sich die Männer mit einem Gewande aus Baumrinde, das von der Brust bis auf die Knie reicht, ihre Frauen dagegen befestigen bloss ein handgrosses Stück Bananenlaub an der Lendenschnur. Ausserordentliche Strenge in Bezug auf sittsame Kleidung fand Speke am Hofe Mtesas,[99] des Königs von Uganda, welcher mit dem Tode jeden Mann bestrafte, der in seiner Gegenwart auch nur auf Zollbreite sein Bein unbedeckt liess, während doch gleichzeitig völlig nackte Frauen Kammerdienste verrichten mussten. Der arabische Reisende Ibn Batuta versichert, dass dem Könige des Mandingoreiches von Melli Frauen, selbst Prinzessinnen, nur unbekleidet nahen durften. Dies war freilich in der Zeit unseres Mittelalters, aber auch in unseren Tagen empfing die Königin der südafrikanischen Balonda den Missionär Livingstone im Zustande völliger Nacktheit, und nicht anders erschienen die Frauen der benachbarten Kissama bei Festlichkeiten.[100] In der centralafrikanischen Stadt Lari gehen nach Denham und Clapperton die Weiber gleichfalls splitternackt, obwohl die Bewohner eher Barbaren als Wilde sind. Bei den Heidenstämmen im Süden von Bagirmi sind die Männer mit dem einfachen Felle einer Ziege oder Gazelle um die Hüften bekleidet, die Weiber eigentlich gar nicht.[101] Die Männer der Tschumbuka und Tscheva im südlichen Afrika tragen einen aus Bast selbstverfertigten Schurz, die sonst sehr keuschen Frauen aber gehen meist völlig nackt und nehmen jeden Vorwurf darüber wie eine Beleidigung auf.[102]
Auch bei den Apingi Westafrikas gehört Schamhaftigkeit zu den geringsten Schwächen des schönen Geschlechts, denn als die Königin, ein noch junges Weib, dem Reisenden Duchaillu einen Besuch machte und er ihr aus Erbarmen über ihre dürftige Bedeckung — zwei an den Hüften herabhängende Stückchen Zeug von Sacktuchformat — ein Stück Kaliko schenkte, war sie so vergnügt über diese Gabe, dass sie in seiner Gegenwart auch das wenige noch ablegte, was sie besass, um ihre Garderobe zu wechseln.[103] Die Weiber der Maravaneger in Mittelafrika befestigen eine vier Finger breite Schürze vorn am Gürtel nebst zwei kleinen Läppchen an den Hüften, und auch diese luftige Gewandung entfernen sie, so oft sie sich gegen Ungeziefer wehren, mag sich dabei befinden, wer da will.[104] Der britische Reisende Joseph Thomson sah sich bei den Wakawirondo in Ostafrika von einer Schar unbekleideter Dämchen umgeben, deren einzige Tracht und Schmuck lediglich in einer Perlenschnur bestand.[105] Der französische Reisende Mage traf zu Kita im Innern Senegambiens einen Marabut aus Wallata. Seine Tochter, ein grosses schönes Mädchen von siebzehn Jahren, ging völlig unbekleidet, denn einen drei Finger breiten Streifen von Baumwolle kann man doch eben so wenig als Kleidung bezeichnen, wie einen Gürtel von Glasperlen. „Als ich dem Marabut einige Bemerkungen darüber machte,“ erzählt Mage, „entgegnete er, das sei bei ihm zu Lande so der Brauch und altes Herkommen. Und in der That erinnerte ich mich, dass ich die Tochter Bakaos, des Königs der Duaïsch-Mauren, in ähnlicher Evakleidung gesehen hatte; nur war sie noch mehr Eva als die Tochter des Marabut, und eben so wenig wie diese verlegen.“[106]
Die Südseeinsulanerinnen entkleiden sich ohne jede Ziererei und schwimmen den ankommenden Schiffen in vollkommen paradiesischem Zustande entgegen.[107] „Es ist beinahe keine unanständige Stellung zu denken,“ sagt G. H. von Langsdorff, „die sie uns nicht zum besten gegeben hätten.“[108] Auf Tahiti machten noch nach der Christianisierung der Insel die Damen ihre geheimste Toilette am seichten Meeresstrande und mit Vorliebe an solchen Plätzen, wo zahlreiche Fremde vorübergingen.[109] In früheren Zeiten war es noch schlimmer. Die Frauen entblössten sich vom Gürtel abwärts aus reiner Höflichkeit, wie Cook versichert, welcher auch berichtet, wie eine junge tahitische Prinzessin verlangte, sich durch den Augenschein zu überzeugen, ob die Europäer eben so gebaut seien, wie die Männer ihres Landes. Das Nämliche geschah dem französischen Reisenden Joseph Halevy in der südarabischen Stadt Scheub, wo die Weiber ganz ernstlich sein Geschlecht untersuchten,[110] und von allen Dingen, die einem in Westafrika zugemutet werden, klagt Hugo Zöller, sind ihm wenige so schwer geworden, als sich vom Kopf bis zum Fusse umkleiden zu müssen vor den Augen einiger Dutzend unverschämter und unzüchtiger Weiber und Mädchen, die gerade darauf zu lauern pflegten.[111]
Die Wucht aller dieser Thatsachen ist nicht zu unterschätzen, und auch Lippert scheint der Peschelschen Ansicht beizupflichten; ja er unterstützt dieselbe durch ein weiteres schwer wiegendes Argument. In dem Umstande, dass bei vielen Völkern das Schamgefühl beim männlichen Geschlechte entwickelter war, d. h. auf mehr Stellen des Leibes sich erstreckte als bei der Frau, erblickt er einen trefflichen Fingerzeig für den Hergang der Entwicklung, denn eben bei diesen Völkern ist es auch nur der Mann, der sich in reicherem Masse schmückt[112] — ganz wie auch im Tierreiche das Männchen meist als der von Natur aus geschmücktere Teil erscheint. Nach Mantegazza wäre es freilich ein allgemeines Gesetz, dass die Frauen die Schamgegend mehr bedecken als die Männer,[113] allein der italienische Gelehrte unterlässt es, diese Behauptung genügend zu beglaubigen. Und trotzdem möchte ich mich jenen anschliessen, welche, wie Dr. Charles Letourneau, die ersten Regungen der Schamhaftigkeit dem weiblichen Geschlechte zuschreiben.[114] Dafür spricht die allgemeine Erfahrung, dass es dem starken Geschlechte in der Regel in viel höherem Grade als dem zarten gelingt, sich über das Urteil seines lieben Nächsten hinwegzusetzen und nicht mehr über jede Kleinigkeit zu erröten, dann aber auch die in der ganzen Schöpfung wiederkehrende Sprödigkeit der weiblichen Wesen. Endlich scheinen mir mehrere von den oben angeführten Beispielen nicht völlig beweiskräftig zu sein, so hauptsächlich die Frauennacktheit bei festlichen Gelegenheiten, welche sehr wohl eine auf die Missachtung des Geschlechtes gegründete Vorschrift der Etikette sein kann. So sah z. B. Hugo Zöller zu Mahin an der Küste von Oberguinea eine ganze Anzahl erwachsener Mädchen pudelnackt einherspringen, und in Kamerun beobachtete er das Nämliche. Dies ist aber dort „Trauertoilette“, ebenso wie bei uns die Damen Schwarz anzulegen pflegen, und diese Sitte scheint in Westafrika sehr weit verbreitet zu sein.[115] Auch wissen wir von, freilich recht schwachen, Spuren des Schamgefühls bei ganz rohen Wilden und zwar fast immer nur bei weiblichen Individuen. Die gewöhnlich durchaus unbekleidete Tasmanierin achtete sorgfältig darauf, wenn sie auf den Boden sich niedersetzte und dabei die Knie öffnen musste, mit einem ihrer Füsse zu bedecken, was die elementarste Reserve zu verbergen gebietet, und unter den so schamlosen Insulanerinnen der Südsee rühmt Hr. von Langsdorff doch jenen der Markesas eine gewisse Schamhaftigkeit nach, „denn alle diejenigen, die ihre Blätter verloren hatten, waren nicht wenig besorgt, man möchte einen Teil ihrer sonst verborgenen Reize sehen, und um dieses zu vermeiden, gingen sie in kleinen Schritten, kaum einen Fuss vor den andern setzend, gekrümmt, mit eingezogenen und enge zusammengeschlossenen Knien und Schenkeln, indem sie mit der Hand das Blatt zu ersetzen suchten, so dass sie in dieser, der mediceischen Venus ähnlichen Stellung dem philosophischen Beobachter des Menschen ein schönes Schauspiel gewährten. Diejenigen hingegen, die noch ein Blättchen umhängen hatten, waren bei jeder ihrer Bewegungen beschäftigt, demselben wieder die rechte Stelle anzuweisen.“[116] Obschon die Ponapesinnen keinerlei Verlegenheit oder Verschämtheit zeigen, gegen entsprechendes Entgelt den Augen mehrerer zugleich sonst streng verhüllte Teile preiszugeben, machen sie doch niemals irgend welche unzüchtige Gebärden oder Gesten und überschreiten im Betragen niemals die Grenzen des Anstandes.[117] Ähnlich geht es oder richtiger ging es in Ohinemotu zu, dem durch die Erdbebenkatastrophe vom 10. Juni 1886 zerstörten beliebten Bade auf Neuseeland, wo braune Maoriherren und -Damen kunterbunt herumschwammen. Von einer Art Bekleidung ist dort natürlich nicht die geringste Rede, die Weiber und Mädchen beobachten aber in der Regel die grösste Sorgfalt, beim Hinein- und Herausgehen so wenig als möglich von ihren Reizen den Blicken auszusetzen. „Es war mir auffallend,“ schreibt ein moderner Reisender, Dr. Max Buchner, „dass ich im Bade niemals einen gröberen Verstoss gegen die Decenz zwischen beiden Geschlechtern, niemals eine Äusserung erotischer Triebe wahrnahm, obwohl doch die Anschauungen der Maori in diesem Punkte sehr liberal sind.“[118] Freilich ist eine solche Beobachtung des Anstandes nicht überall zu finden und die oben besprochenen Schwimmvergnügungen der hawaiischen Damenwelt lassen z. B. in diesem Punkte fast alles zu wünschen übrig.
Demnach genügen, wie ich glaube, die angeführten Beispiele, um die Meinung zu begründen, dass die ersten Regungen der Schamhaftigkeit sich weit eher beim weiblichen, als beim männlichen Geschlechte beobachten lassen. Wenn übrigens Menschen, die zum vollen Bewusstsein ihres Wesens gekommen sind, sich so kleiden, dass alles verdeckt ist, was nur auf das Naturleben, besonders auf das Geschlechtsleben hindeutet, so ist das Entstehen dieses Wunsches beim Weibe leicht begreiflich und natürlich. Denn beim Weibe ist das Geschlechtsleben so scharf und markiert, wie es beim Manne in solchem Grade nicht der Fall ist; vielleicht deshalb erwacht auch das Schamgefühl im Weibe früher und lebhafter als im Manne. Ich bleibe mit Letourneau dabei, dass es eine vorwiegend weibliche Empfindung ist, von der die Männer selbst im Banne der Gesittung nur wenig berührt werden, während sie den Kulturarmen unter ihnen meistens völlig unbekannt ist.[119]
Wenn nun, wie im vorstehenden gezeigt wurde, die grössere oder geringere Entblössung des Körpers mit dem Schamgefühle in so inniger Verbindung steht, dass für dessen Entwicklung die Bekleidung einen gewissen Massstab abgiebt, so gilt es doch vor einem schweren Irrtum zu warnen. Sowohl den Urgrund zur Bekleidung, den wir hier streifen müssen, hat man im Schamgefühl entdecken wollen, als auch jenen zur Hautmalerei, welche bei der Mehrzahl der Indianer Amerikas die Kleidung ersetzte, sowie den zur Tättowierung, die an verschiedenen Stellen der Erde üblich, am vollkommensten aber bei den Polynesiern der Südsee entwickelt ist und in der That bis zu einem hohen Grade den Eindruck der Nacktheit aufhebt. Die Menschen, welche diese Sitte pflegen, so meinte man, seien sich zwar weder des Grundes, noch des Zweckes klar bewusst, aber ein dunkles Gefühl treibe sie doch dazu, wenigstens auf diese Art die rohe Natürlichkeit an sich zu verklären und die Aufmerksamkeit des Beobachters von der Nacktheit auf die künstlichen Figuren und Zeichen abzulenken. Lippert tritt nun lebhaft dafür ein, und es ist ihm darin nur beizustimmen, dass der erste Anlass zur Bekleidung noch nicht das Schamgefühl war.[120] Kein Zweifel, dass der echte Urmensch nur völlig nackt zu denken ist und von Schamhaftigkeit nichts wusste. Aber auch seine Nachkommen, die schon mit Waffen ausgerüstet umhergingen, gehören noch in die Klasse der schamlosen Völker. Zwar begannen sie ihren Leib in mannigfacher Weise zu schmücken, aber sie trugen vorerst keine Kleider, und sogar als sie solche erfunden hatten, benützten sie dieselben bloss als festtäglichen Schmuck. Auf diesem Standpunkte bewegen sich auch heute noch manche Völker, besonders dunkelfarbige, welche das Bedürfnis einer Umhüllung weniger lebhaft empfinden als hellhäutige.
Längst hatte man erkannt, dass der Schmuck viel älter als die Kleidung sei, und Hautmalerei wie Tättowierung sind lediglich als Ausschmückungen des Körpers zu betrachten. Auch der Wilde frönt schon in bedeutendem Masse der Eitelkeit. Der Einzelne will sich nicht nur im allgemeinen als Persönlichkeit, sondern als eine an sich bedeutende erhalten. Dazu dient ihm die Schmückung des eigenen Ichs, besonders das Bemalen mit leuchtender Farbe, eine Sitte, welche den Australier unserer Tage auf die Stufe des vorgeschichtlichen Ureuropäers rückt, denn schon in den dereinst bewohnt gewesenen Höhlen der Dordogne stiess man auf Knollen roten Ockers, der wohl nur zum Bemalen des nackten Körpers gedient haben mochte. Lipperts Verdienst bleibt es, überzeugend nachgewiesen zu haben, wie eine natürliche Zuchtwahl des Schmuckes gerade jenen Platz auserwählte, der zugleich oder wohl etwas später von einer ganz anderen Seite aus der Bedeckung empfohlen wurde.[121] Fast alle nackten Wilden behängen sich, wie die kannibalischen Fan im äquatorialen Westafrika, Arme und Beine mit dem mannigfaltigsten Zierrat und wenden zumeist dem Kopfputze eine erstaunliche Sorgfalt zu. Die merkwürdigen Haarkronen der Papua sowie mancher Negerstämme gehen bei entwickelteren Völkern in Kopfbinde, Kranz, Reif, Diadem und Krone über, an welch letzterem Kopfschmuck nach einer älteren Anschauung das Recht der Herrschaft hängt. So trat die Kopfzier gleichsam als Vertretung des gesamten Leibschmuckes neben die Leibwaffen. Indes ist die Wahl der Vertretung des gesamten Leibschmuckes nicht überall auf den Gürtel des Hauptes gefallen. Der tragfähigere der Lenden ist da und dort als siegreicher Nebenbuhler hervorgetreten.[122] Sobald die Faser zur Schnur geworden, wird die Lendenschnur zum Hauptträger des urwüchsigen Geschmeides. Sie wird zugleich in gutem Sinne der gemeinste Schmuckträger; wer auch gar nichts zu seiner Auszeichnung zu verwenden vermag, er würde für unanständig arm gelten, wenn nicht zum wenigsten von jenem Lendengürtel ein Schmuckstück herabhinge, das die schreitenden Füsse insbesondere der Mitte zuweisen.[123] Blätter oder Laubbüschel, auch eine Handvoll langen Grases, werden in die Lendenschnur gesteckt. Nicht viel besser ist der „Maro“, d. h. der Gürtel aus Gras oder Palmengeflecht der Polynesier, und der afrikanische „Rahad“, der Lederfransengürtel, welcher im ägyptischen Sudan vom weiblichen Geschlechte getragen wird und von Unyoro bis zum letzten Katarakte von Syene im Norden reicht. „Es wäre eine Verkehrung der Thatsachen, wenn man den in tausendfältigen Variationen über die ganze Erde mit nur sehr geringen Ausnahmen verbreiteten Lendengürtel von vornherein einen ‚Schamgürtel‘ nennen wollte;“ Beweis dessen, dass Professor Karl Semper die Männer von Aibukit auf der Palauinsel Babelthaub teilweise ganz nackt oder nur mit einem Lendengürtel bekleidet fand, den sie oft genug auch in der Hand hielten.[124] Die Neukaledonier gehen völlig nackt, mit Ausnahme einer höchst eigentümlichen Umhüllung aus Bast oder grellfarbigem Kaliko, die weniger den Zweck zu haben scheint zu verbergen, als vielmehr hervorzuheben.[125] „Ebenso wenig ist der Lendengürtel ursprünglich ein Schurz; zu einem solchen wird er erst in fast unausweichlicher Weise als Träger irgendwelchen Schmuckgegenstandes, der, wiewohl nicht ohne Ausnahme, aber doch meistenteils schon um deswillen nach vorn hin gehängt werden muss, weil er ja wie jeder Schmuck gesehen werden will. Dann muss er aber an jene Stelle zu liegen kommen, die eben deshalb von frühester Kindheit der Menschheit an der Bedeckung sich erfreut.“[126]
So erklärt sich denn sehr natürlich, wie Peschel meint und ihm vielfach nachgesprochen wird, dass die überwältigende Mehrzahl der Völker „immer genau gewusst habe, was einer Hülle am meisten bedürfe.“[127] Dieses „Wissen“ ist aber nur Schein und mangelt manchen Völkern vollständig. Die ostafrikanischen Massai z. B. halten es geradezu für schändlich, die ausserordentlich grossen Attribute ihrer Männlichkeit zu verbergen und tragen dieselben vielmehr prunkend zur Schau.[128] Die Lendenschnur der Trumai Centralbrasiliens lässt in gleicher Weise gerade das unverhüllt, was nach unseren Begriffen zu verhüllen am nötigsten wäre.[129] Vielfach wird endlich der Gürtel in einer Weise getragen, welche beweist, dass jene Gewöhnung eine Folge, aber nicht der ursprüngliche Zweck solcher Schmuckverlegung sein konnte, weil der damit angeblich angestrebte Zweck nur höchst unvollkommen erfüllt wird. Daher ist auch diesem „Minimum einer Toilette“ der Name einer „Kleidung“ gar nicht zuzugestehen und die sich damit begnügenden Völker sind sittlich den völlig nackten beizuzählen. Doch lässt sich der Lendenschmuck in seiner ferneren Ausbildung als Hülle um den Mittelleib verfolgen, welche der darüber gezogene Gürtel festhält, d. h. mit dem Aufkommen von Stoffen und Zeugen entsteht das Lendentuch, dessen weitere Entwicklung zu einer Form von Kleidung hinüberführt, die in den mannigfaltigsten Stadien überall in wärmeren Himmelsstrichen den Grundstock der Bekleidung bildet.[130]
Die Schamhaftigkeit ist also nicht die Mutter der Bekleidung, vielmehr schämt sich der Mensch, lediglich dem werdenden Instinkte der Gewohnheit folgend, der Entblössung dessen, was die Gewohnheit zu bedecken pflegt, oder, mit genauer Anpassung an die Thatsachen bei den Naturvölkern: er schämt sich ungeschmückt zu zeigen, was gewohnheitsmässig auch der Ärmste zu schmücken pflegt. Und er schämt sich dessen auch nur in dem Masse, in welchem die Gewohnheit ihren Einfluss übt. Lippert, dem ich auch hier unbedingt folge, bemerkt sehr richtig: „Wir schämen uns nicht, dieses mit blosser Hand zu schreiben, aber in einer Gesellschaft Behandschuhter schämen wir uns derselben blossen Hand, und wenn wir die Blicke auf sie gerichtet sehen, entsteht in uns dasselbe Gefühl, das wir als Schamgefühl kennen.“ Ganz ebenso heftet sich das Schamgefühl der Naturvölker immer an jene Stelle des Leibes, welche ein Gegenstand des Schmuckes zu sein pflegt, ohne ursprüngliche Beachtung der betreffenden Teile an sich. Alexander von Humboldt hat gezeigt, dass der übliche Schmuck nicht einmal in einer eigentlichen Bedeckung bestehen müsse, um Schamgefühl für den betreffenden Teil zu erzeugen. Man drückte am Orinoko die verächtliche Armseligkeit eines Menschen mit den Worten aus: „Der Mensch ist so elend, dass er sich den Leib nicht einmal halb malen kann.“[131] Es ist also ursprünglich niemals der Gegenstand, der nackte Körperteil selbst, dessen man sich schämt, sondern der Mangel des üblichen Schmuckes und dann jene Nacktheit, die dadurch entsteht.[132]
Ist die Sitte der Körperverhüllung also wohl nicht zum wenigsten der Lust am Schmuck und der Prunksucht entsprungen, so kam ihr in rauheren Gegenden das Bedürfnis nach Schutz des Leibes gegen die Unbilden der Witterung zweifelsohne unterstützend zu Hilfe. Schon an den Orang-Utan auf Borneo nimmt man die Neigung wahr, gern und anhaltend mit Decken, alten Kleidungsstücken, Matten u. dgl. zu spielen; sie ziehen dieselben über Kopf und Rücken, wickeln sich in sie ein oder untersuchen mit grosser Aufmerksamkeit ihr Gewebe. „Mitunter, wenn ich sie auf diese Weise beschäftigt sah,“ bemerkt Dr. Mohnicke, „stieg der Gedanke in mir auf, als spreche sich hierin bei ihnen das erste, freilich noch ganz dunkle und unbestimmte Verlangen oder Bedürfnis nach Kleidung aus;“[133] und ich glaube, der nämliche Gedanke wird sich bei den meisten einstellen, welche einmal in unseren Tiergärten den in ganz menschlicher Weise sich in warme Decken hüllenden Schimpanse beobachteten. Wo das Bedürfnis zur Kleidung zwingt, hat die Schamhaftigkeit an ihr abermals keinen Anteil. Dies zeigt sich an den gut verhüllten Maori Neuseelands,[134] wie an andern Völkern. Die Eskimo, zu Winterzeiten bis zum Gesicht in Pelz gehüllt, legen gleichwohl in ihren unterirdischen warmen Bauten ihre Kleidung völlig ab, nach Emil Bessels mit Ausnahme der kurzen Höschen; die Kleinen gehen aber nicht selten splitternackt.[135] Von den meist völlig nackten Feuerländern wissen wir, dass sie gegen die Kälte Pelze an einer um den Hals gehenden Schnur auf einer Schulter tragen und abwechselnd von einer Seite auf die andere werfen, wobei der übrige Leib völlig unbedeckt bleibt. Ein Gefühl der Scham macht sich aber bei keinem der Geschlechter bemerkbar.[136] Ebenso gelangen bei den nackten Australiern manchmal Schürzen aus Baumrinde oder Fellen zur Anwendung, aber nur zum Schutze beim Durchschreiten dorniger Gebüsche, niemals aus Schicklichkeitsgründen. Den vor einigen Jahren in Europa gezeigten Australiern aus Queensland sprechen aufmerksame Beobachter jegliches Schamgefühl ab.[137] Im gleichen Sinne berichtet Johnston von den schon oben angeführten Wataweita in Ostafrika: „Alle Kleidung, die sie tragen, dient nur als Zierrat oder zum Schutze gegen die Kälte in der Nacht und am Morgen.“[138]
Geleugnet soll nicht werden, dass die Bekleidung ihrerseits zur Erweckerin der Schamhaftigkeit wird oder werden kann, aber bloss mittelbar, indem sie als Putz aufgefasst, die Eitelkeit und Prunksucht aufstachelt. Je wohlhabender in Westafrika z. B. ein Neger ist und je mehr er mit Europäern oder andern Kulturvölkern in Berührung kommt, einen desto grösseren Wert pflegt er auf die ausgiebige Verhüllung seines Körpers zu legen, bis schliesslich mit dem Christentume oder dem Islâm auch die europäische oder orientalische Kleidung ihren Einzug hält. Setzt der männliche Neger einen Cylinder auf und verbreitert das Weib die Hüftenschnur zu einem Hüftentuch oder zieht sogar das Hüftentuch bis über die Brust hinauf, so geschieht das zunächst nur aus Prunksucht, die demnach als Vorläuferin der Schamhaftigkeit zu betrachten ist und ihr die Wege ebnet.[139] Auch die Marava-Negerinnen bedecken sich mitunter den Busen mit einem Tuche, doch nur aus Eitelkeit und wenn sie mager sind, denn das afrikanische Schönheitsgefühl verlangt, dass die Brüste der Weiber bis auf den Nabel herabhängen.[140] Wie die Bekleidung die Schamhaftigkeit fördert, lehrt das Beispiel jener zwei Baenda-Mädchen, welchen Livingstone Kleider anlegte und die nach vierzehn Tagen schon sogar den Busen bedeckten, wenn man durch ihr Schlafgemach ging. Ein junger Mincopie (Andamaneninsulaner), welcher von den Engländern gefangen und in Kleider gesteckt, eine Zeitlang in Kalkutta sich aufhielt, musste sich dort einer photographischen Verewigung unterziehen. Als man ihm dabei zumutete, sich in seinem nationalen Kostüm zu zeigen, d. h. alle Kleider abzulegen, sträubte er sich anfangs, — so rasch war ihm das Schamgefühl anerzogen worden.[141] Freilich ist damit keine Gewähr für die Dauerhaftigkeit dieses Gefühles gegeben, denn ungemein zahlreich sind die Beispiele von Rückfall in die frühere Nacktheit und Barbarei bei etwaiger Rückkehr in die Heimat. Ich erinnere unter anderen bloss an jene drei Pescheräh, welche Kapitän Fitzroy nach England gebracht, wo sie auf Kosten der Regierung erzogen und unterhalten wurden. Einer von ihnen, Jemmy Button getauft, war sogar eine Zeitlang in vornehmen Gesellschaften als Schosskind verhätschelt worden, hatte in Europa stets Handschuhe und blankgeputzte Stiefel getragen und sprach sogar englisch. In seine Heimat zurückgebracht und mit seinen Verwandten vereinigt, wurde er aber bald wieder der frühere nackte, ungewaschene und ungekämmte Feuerländer. J. J. v. Tschudi berichtet von einem talentvollen Botokudenknaben, der sorgfältig erzogen es zuletzt soweit brachte, dass er sich das Doktordiplom bei einer medizinischen Fakultät Brasiliens erwarb, dann aber plötzlich verschwand und nach längerer Zeit unter einer Botokudenhorde in seinem ursprünglichen, völlig nackten Naturzustande wieder angetroffen wurde. Ebenso lehrreich ist auch das Beispiel des neuerworbenen deutschen Schützlings Manga Bell, Sohn des vielbesprochenen „König“ Bell in Kamerun. Derselbe ist eigentlich Christ und in Bristol gut englisch erzogen worden, macht aber, von seinem häufigen Briefschreiben etwa abgesehen, keinen Gebrauch mehr von diesen Vorzügen.[142]
Unzweifelhaft bezeichnet das Erwachen des Bedürfnisses nach Kleidung bei jeder Völkerschaft eine gewisse Erhebung; fraglich muss es aber doch nach den bisherigen Ausführungen bleiben, ob wirklich, wie Peschel will, dieses Bedürfnis erst mit dem „Bewusstsein einer höheren Würde“ erwache und namentlich ob es das „Bestreben“ verkünde, die Scheidewand zwischen Mensch und Tier zu erhöhen.[143] Ein solches „Bestreben“ sollte doch in gesteigerter Sittsamkeit und Keuschheit seinen nächsten Ausdruck finden. Dem ist aber nicht so, und halb oder ganz bekleidete Völker thun es in dieser Beziehung nackten Stämmen häufig gleich. Ja, die völlig nackten Wakawirondo in Ostafrika sind z. B. wahre Engel der Keuschheit gegenüber den schamhaft verhüllten Massai, ihren Nachbarn, bei denen die Zügellosigkeit in der unverschleiertsten Form verbreitet ist.[144] Die gut bekleideten japanischen Mädchen besitzen unter anderen Spielen auch das der „Wunderschachtel“, aus der rosenrot gefärbte, erhobene Phallus hervorspringen. Der gewissenhafte russische Naturforscher Nikolaus v. Miklucho-Maclay, welcher so viel für die Entschleierung Neuguineas geleistet, berichtet, dass die australischen Eingebornen, wenn von Europäern aufgefordert und wenn Weiber bei der Hand sind, gegen eine geringfügige Belohnung durchaus kein Bedenken finden, am hellen Tage vor Zuschauern auszuüben, was selbst niedrige Rassen sonst mit dem Schleier des Geheimnisses zu umhüllen pflegen. Europäer, beim Zusammentreffen mit Eingebornen in fernen Bezirken, gönnen sich nicht selten „zum Spass“ für ein Glas Gin dieses Schauspiel.[145] Die Australier sind nun allerdings nackt, aber ein gleiches Beispiel von Schamlosigkeit bewahrt auch von einem wohlgekleideten Volke kein geringeres Buch als die Bibel, wo sie von den Juden erzählt: „Da machten sie Absalom eine Hütte auf dem Dache, und Absalom beschlief die Kebsweiber seines Vaters vor den Augen des ganzen Israel.“[146] Noch vor einem Jahrhunderte wurden auf Tahiti, wie Cooks Reisebegleiter sahen, die Umarmungen öffentlich vor aller Augen vollzogen, unter gutem Rat der Umstehenden, namentlich der Weiber, worunter die vornehmsten sich befanden. Ähnliches erlebte La Pérouse auf Samoa.[147] Bei den Malayen der Philippinen geschieht dies nach Cañamaque gleichfalls angeblich ganz ungescheut auf offener Strasse; desgleichen heute noch auf dem Eilande Peling, dem grössten in der Banggai-Gruppe östlich von Celebes.[148] Auf den Andamanen verlangt endlich die Sitte, dass die Frauen der nackten Mincopies gar öffentlich gebären müssen;[149] aber auch in Kamtschatka, wo doch das Klima eine starke Bekleidung erheischt, gebären die Frauen ohne jegliche Scheu in Gegenwart der sämtlichen Ostrogbewohner, ohne Unterschied des Alters und Geschlechtes. Man sieht, dass die Kleidung an sich keinen Unterschied in dem sittlichen Verhalten der Völker bewirkt.
Aus dem Gesagten erhellt zur Genüge, dass die Schamhaftigkeit nichts Ursprüngliches, sondern ein Erzeugnis der Erziehung des Menschengeschlechts, und zwar sowohl der persönlichen wie der allgemeinen im Laufe der Jahrtausende ist,[150] ein jüngerer, gesellschaftlicher Instinkt und, wie alle zarten Gefühle, eine moralische Zierde, welche der Mensch nur langsam und spät erworben hat. Deshalb verschwindet sie auch wieder rasch und leicht, sowie Gefahr, Krankheit oder dergleichen hereinbrechen. Nichts anderes als die Ausgeburt einer von der Geisteskrankheit seiner Zeit angesteckten Phantasie, als eine widernatürliche Ungeheuerlichkeit, vermag ich daher in dem Gedanken Bernardins de Saint-Pierre zu erblicken, der in seinem vielgepriesenen Buche „Paul und Virginie“ die Heldin den Untergang in den Wellen der Verletzung ihres Schamgefühls durch, nebenbei gesagt, recht überflüssiges Entkleiden vorziehen lässt. Wie wenig Schamhaftigkeit der menschlichen Natur als solcher eigen ist, haben wiederum recht schlagend die modernen hypnotischen Versuche dargethan, bei welchen die züchtigsten Frauenzimmer das Gefühl der Schamhaftigkeit verlieren und, wenn man ihnen eine entsprechende Idee suggeriert, Akte eines offenbaren geschlechtlichen Cynismus begehen.[151]