Der Deutsche und sein Kind.
Aus dem Amerikanischen Leben.

Mit dem »gut gekupferten und schnellsegelnden Dreimaster Rose Bertram,« – wie die Anzeige im Hamburger Börsenblatt gelautet – das von dieser Stadt aus am 15. April 1839 nach New-Orleans in den Vereinigten Staaten von Nord-Amerika abging, war auch eine arme Familie, Vater, Mutter und zwei Kinder ausgewandert, um in dem Land ihrer Hoffnungen und Träume das zu finden, was ihnen die eigene Heimath nicht mehr im Stande war zu bieten – eine ruhige sorgenfreie Existenz, und eine gesicherte Zukunft.

Die Reise lief ziemlich glücklich ab, denn sobald sie nur erst einmal den englischen Canal hinter sich hatten und in ein südlicheres Klima kamen, zeigte auch der Himmel eine fast ununterbrochene Reine, so daß sie, mit einem ebenfalls ziemlich günstigen Wind, nach etwa achtwöchentlicher Fahrt, die sieben Mündungen des Mississippi im Golf von Mexiko erreichten und hier von dem Schleppboot Herkules, gegen die mächtige Strömung des Riesenflusses an, der »Königin des Südens« zugeführt wurden, wie die Republikaner ihre Hauptstadt New-Orleans nennen.

Unser Deutscher, Hermann Schwabe aus Baiern, staunte aber nicht wenig, als er in dem Amerika – das er sich bis dahin fast nur als eine einzige große Wildniß, mit Farmen, gedacht, eine Stadt fand, wie er sie in seinem ganzen Leben noch nicht gesehen. Häusermassen dehnten sich ohne erkennbares Ende am Ufer hin, das seinerseits wieder von einer ununterbrochenen Kette aller Arten Fahrzeuge eingefaßt und umschlossen wurde, während dort wieder Omnibus-Wägen und zahllose Güterkarren mit lebensgefährlicher Schnelle ein wildes geschäftiges Menschengedränge zu durchschneiden und zu theilen schienen.

Trotz dieser Menschenmasse aber, fühlte er sich recht verlassen und allein – kein einziges Gesicht war unter dem ganzen Schwarm der wogenden Menge, das er gekannt – keine Hand streckte sich ihm hier zum freundlichen Willkommen entgegen und Alle gingen kalt und theilnahmlos an ihm vorüber. Es machte einen recht wehmüthigen Eindruck auf ihn, einen Eindruck, der nicht beschrieben werden kann, der gefühlt sein will, und obgleich ihn das Drängen und Treiben der südlichen Stadt gar sehr ansprach, und Alles was ihn hier umgab, neu, fremdartig und deshalb interessant war, so eilte er doch soviel als möglich, wieder fortzukommen, und den Ort zu erreichen, wo er Freunde zu finden hoffte, ja wo er seine Verwandte wohnen hatte, auf deren Briefe er all sein kleines Eigenthum in Europa verkaufte, um mit dem daraus gelösten Geld einzig und allein die Ueberfahrt zu bezahlen.

Dieser Verwandte, ein weitläufiger Vetter von ihm, wohnte in Cincinnati am Ohio, und Schwabe mußte jetzt vor allen Dingen ein Dampfboot finden, das ihn, den Mississippi und Ohio hinauf, seinem neuen Ziele entgegen führte. Das war aber nicht schwer – in dieser Jahreszeit, vor dem Eintreffen des gelben Fiebers, laufen fast an jedem Tage fünf bis sechs Boote stromauf und zwei oder drei von diesen sind dabei gewiß für den Ohio bestimmt: bald hatte er denn auch – wenn gleich unter nicht geringen Schwierigkeiten, da er kein Wort Englisch verstand – seiner und der Seinigen Passage akkordirt und noch an dem nämlichen Nachmittag glitten die Auswanderer auf dem keuchenden mächtigen Boot stromauf, gegen die gelbe unheimliche rasch dahinströmende Fluth des »Vaters der Wasser« an.

Zwischen reizenden Plantagen schossen sie hin, deren graue Schindeldächer gar freundlich zwischen dichten, schattigen Orangenhainen und Granatbüschen hervorschimmerten, an breiten gewaltigen Zucker- und Baumwollenfeldern vorüber, wo unglückliche Sklavenschaaren den sengenden Strahlen der Sonne ausgesetzt und von Peitschenbewehrten Aufsehern überwacht, ihre lange Tagesarbeit verrichten.

Als sie weiter hinauf kamen, nahmen aber die offenen Plantagen mehr und mehr ab – der Wald, der bis dahin wohl mehre englische Meilen weit durch die urbar gemachten Felder zurückgedrängt wurde, näherte sich immer auffallender dem Ufer, und endlich, nach einzelnen waldigen Strecken besonders an der linken Seite, drängte er sich ganz dem Rande des Mississippi zu, und das graue wehende Moos hing in langen düstern Streifen von den weitgespreitzten Aesten herunter und schwankte und schaukelte in dem scharfen, stromaufstreichenden Luftzug. Aber auch dieses nahm nach und nach ab – flaches monotones Sumpfland, von riesigen Bäumen bestanden und nur hie und da von einem kleinen Städtchen oder einzeln liegenden Holzhaus unterbrochen, bildete die Scenerie beider Seiten des Flusses, bis endlich oben, von der Mündung des Ohio an, ihre Umgebung einen ganz anderen Charakter bekam und jetzt mit Hügeln und Bergen das klarere Wasser des »schönen Stroms« einschließend, die an Bord befindlichen Deutschen fast wieder in ihre Heimath, an die Gestade des vaterländischen Rheins zurückversetzten.

Schnell glitten sie an den reizenden Ufern vorüber; passirten vor Louisville – um die Stromschnellen zu umgehen, den durch Fels gehauenen Canal, und kamen am achten Tage nach ihrer Abfahrt, Nachmittags vier Uhr, in Cincinnati an.

Auch hier umgab sie wieder ein lebendiges, reges Treiben. Viele stattliche Dampfboote lagen an der Landung und schnelle Fährboote, mit kleinen rasch puffenden Maschinen glitten zwischen Newport und Covington an der Kentuckyseite und Cincinnati im Ohio hin und wieder. – Unmassen von Gütern lagen am Ufer aufgehäuft und die Mannschaften der verschiedenen Boote waren gar eifrig beschäftigt, die Fracht aus- oder einzuladen und ihre eigenen Fahrzeuge wieder in Stand zu setzen zu neuer Reise.

Der Deutsche konnte sich übrigens, so interessant ihm das auch zu jeder andern Zeit gewesen wäre, nicht lange bei der Betrachtung des ihn Umgebenden aufhalten, denn der Abend rückte heran und es mußte noch vorher für ein Obdach auf die Nacht gesorgt werden. Jetzt galt es daher vor allen Dingen, die Wohnung seines Verwandten zu finden, und dessen Adresse stand deutlich genug in dem erhaltenen Briefe angegeben.

»Fürchtegott Wagner, Kaffeehaus zur Stadt München, nordöstliche Ecke der siebenten und Sycamorestraße Nr. 41 Cincinnati Ohio.«

Das war nicht zu fehlen – der Brief hatte ihm überhaupt auf dem ganzen Weg zum Leitstern gedient, und er überflog auch jetzt noch einmal mit stiller Zufriedenheit die Zeilen.

»Komm nur nach Amerika,« stand darin, »Du glaubst gar nicht, wie schnell und geschwind es ein armer Teufel hier zu was bringen kann. Du weißt doch, daß ich fast mit gar Nichts von zu Hause wegging, und jetzt habe ich in Cincinnati, eine der größten Städte in ganz Amerika, ein Kaffeehaus, das sie hier coffeehouse nennen, alle Tage dreimal Fleisch, und bin mein eigener Herr. Und wie lange hat's gedauert, bis ich mir das Alles erarbeiten konnte – anderthalb Jahr – so lange hab' ich auf der Eisenbahn geschafft, mit 16 Dollar die Woche Lohn, und jetzt sitze ich ganz bequem in Cincinnati und thue gar nichts mehr.«

Wetter noch einmal, schon ein Kaffeehaus! dachte Schwabe, was muß der Mensch für ein Glück gehabt haben – wie lange müßte man sich da in Deutschland schinden und quälen, daß man nur erst eine Concession kriegt – Gott sei Dank, daß ich in Amerika bin, jetzt arbeite ich auch ein paar Jahre an der Eisenbahn, und dann mache ich's grade so. –

Mit dieser löblichen Ansicht war er vom Boot heruntergegangen, um einen Karrenführer zu finden, der ihm sein Gepäck an Ort und Stelle schaffen konnte; denn er beabsichtigte, bei seinem Vetter abzusteigen, da in einem Kaffeehause doch auch Raum für sie und ihre paar Kasten sein würde. Es bot sich ihm auch bald, und zwar ein Deutscher, an, der ihn leicht nach seiner ganzen Tracht und Manier für einen Landsmann erkannt hatte, lud seine Siebensachen auf, und während Schwabe mit seinem Jungen und seiner Frau, die das kleine Mädchen auf dem Arme trug, neben der sogenannten »Dray« hergingen, schlenderten sie langsam die berganlaufende Sycamorestraße, die neben der Mainstreet der Dampfbootlandung zumündete, hinauf. Schwabe, der sich natürlich nicht mit der als nordost bezeichneten Lage vertraut machen konnte, hatte auch schon von weitem, als sie nach und nach die vierte, fünfte und sechste Straße hinter sich gelassen, ein großes stattlich aussehendes Backsteinhaus im Auge, das ihm am ehesten dem Begriffe gleichzukommen schien, den er sich bis dahin im Geiste von einem amerikanischen Kaffeehause gemacht. Es konnte auch fast kein anderes Gebäude von den vier Eckhäusern sein, denn zwei von diesen waren Kaufläden und das dritte – Heiliger Gott – an dem kleinen, weißangestrichenen Breterverschlag klebte ein großes schwarzes Schild, auf dem mit weißen Buchstaben – wachte er denn oder träumte er? –

Coffeehouse zur Stadt München

stand. Die Buchstaben selber ließen gar keinen Zweifel – das halb Englische halb Deutsche gehörte einem Landsmann an und diese Breterbude war – das erwartete Asyl.

»Ist denn das hier das ganze Kaffeehaus?« – stammelte er fast unwillkürlich und ergriff den Arm des Karrenführers, als ob er durch das Aufhalten der Fracht auch sein Geschick verzögern könne. –

»Es trifft« – meinte der Andere trocken, und schien in dem Aeußeren des Gebäudes gar nichts Außerordentliches zu finden, – »hier ist der Ort – der Gentleman wird wohl zu Hause sein!« und mit dieser lakonischen Bemerkung ließ er die lange Peitsche um des Pferdes Ohren sausen, das, theils hierdurch, theils durch das gleich darauf ausgestoßene Tschü – Tschü – wo – ah! vor die fragliche Thüre einlenkte und mit einem plötzlichen Ruck dort Halt machte.

»Fremder Besuch!« rief der Draymann dann, und stieß die kleine niedere Pforte auf – »sollen die Sachen hier hereingeschafft werden?«

Schwabe stand noch immer, kaum eines Entschlusses fähig, auf der Straße und konnte die Augen nicht wegwenden von dem schwarzen Schild: Coffeehouse – das also war ein amerikanisches Kaffeehaus. Die Mutter drückte ihr Kind leise an sich, und es mochte ihr jetzt vielleicht zum ersten Mal eine Ahnung von dem dämmern, was aus ihren, bis dahin wild aufgebauten Plänen wohl etwa werden könne. In der Thür des Kaffeehauses erschien in diesem Augenblick Niemand anders, als der wirkliche Schreiber des so folgeschweren Briefes, und anstatt nun, – wie es Schwabe, seit er das wirkliche Kaffeehaus gesehen, gar nicht anders erwartet hatte – bestürzt und vernichtet dazustehn und vor Schaam jeden beliebigen Moment bereit zu sein in die Erde zu sinken, erkannte er kaum die Deutschen, als er ihnen froh erstaunt die Hände entgegenstreckte, dem Mann dann um den Hals fiel und ihn und seine Frau herzlich willkommen hieß. Schwaben blieb denn auch jetzt gar keine Zeit, weder seine Verwunderung noch seine Bestürzung auszudrücken, er sah sich nur gleich darauf mit Sack und Pack in das kleine enge Gemach hineingedrängt und hier auch noch so mit Fragen und Erkundigungen über die alte Heimath bestürmt, daß er endlich nur froh war, als er erst wieder einmal frei und ungehindert aufathmen konnte. Dann aber versäumte er auch weiter keine Zeit, in dem unansehnlichen Raum, der sie umgab, umher zu schauen, und die natürlichste Frage, die sich ihm jetzt aus vollster Seele auf die Lippe drängte war –

»Und das nennst Du ein Kaffeehaus?«

»Jawohl,« sagte der schon etwas amerikanisirte Vetter ganz unbefangen – »das ist hier so Sitte – wo der liebe Gott nur den Arm herausstreckt, da wird's gleich Kaffeehaus getauft, und wenn auch ein paar Gläser und Flaschen mit Doppelkümmel, Brandy und Whiskey hinter der Baar stehn – gerade wie's bei mir der Fall ist, denn ich habe auch nichts weiter. Das laßt Euch aber nicht kümmern, und daß Ihr große Rosinen im Topf gehabt, geht anderen Leuten auch nicht besser – damit kommen sie Alle von Deutschland herüber. Jetzt heißt's nun fleißig geschafft und gearbeitet, und die Hände gerührt, nachher macht sich das Uebrige von selbst.«

Wagner, der Kaffeewirth hatte ganz recht – es sieht Manches in Amerika, von Deutschland aus betrachtet, wie ein Kaffeehaus aus, und kommen wir nachher hin, so schreien wir – »Ach du lieber Gott – das sind ja lauter Lügen und Erfindungen – das waren Prahlereien und Märchen, das ist ja gar kein Kaffeehaus, das ist ja nur eine gewöhnliche Breterbude!« Für den Augenblick, und nach unseren Ansichten haben wir auch allerdings recht, sobald wir aber nur erst einmal dort eingerichtet sind, und den alten deutschen Staub aus den Augen geschüttelt haben, dann sehen wir die Sache von einer ganz anderen Seite an, und finden nun plötzlich, daß es doch wirklich ein Kaffeehaus ist, oder daß wir's wenigstens dazu machen dürfen und können, wenn wir nur den recht festen und kräftigen Willen haben, es auszuführen. Dann sehen wir ein, daß uns dort nicht, wie hier, die Hände gebunden sind zu freier That und lernen uns gern und freudig in das fügen, was uns im Anfang, als die Kruste und äußere Schale des Ganzen so herb und bitter, so hart und unverdaulich geschienen.

Es ist das aber nicht allein mit den Kaffeehäusern so, nein fast durchgängig mit all' den dortigen Verhältnissen und Einrichtungen; gewöhnlich werden übertriebene Berichte hierher geschickt, oder wenn auch nicht einmal übertriebene, doch wenigstens so gestellte, daß sie, wenn sie auch vielleicht buchstäblich wahr sind, der Einbildungskraft einen zu freien Spielraum, alles Gute und Vorzügliche ahnen lassen und die Fehler und Mängel dabei nicht andeuten. Der Deutsche und besonders der, in dessen Kopf die Auswanderung schon wirklich spukt, ist dann nur zu gern geneigt, sich Alles das was er hört, in den schönsten, buntesten Farben auszuschmücken und zu putzen und kommt er dann an Ort und Stelle und findet das Alles, was er sich vielleicht nur selbst hinzugedacht, nicht wirklich realisirt – was beiläufig gesagt, nie geschieht – so wird er muthlos und macht sich selbst und denen, die solche Berichte geschrieben, die bittersten Vorwürfe. Es ist schon gefährlich genug, wenn man die dort bevorstehenden Unannehmlichkeiten nur erwähnt, und nicht recht besonders heraushebt, denn in dem Falle springt der Lesende ebenfalls leicht darüber hin, und denkt – a bah, das sind Kleinigkeiten, die sich schon geben werden – sind auch vielleicht nicht einmal so schlimm wie man sich's hier denkt.

Deßhalb sollten es sich die, welche Berichte über Auswanderungen schreiben, zur besonderen Pflicht machen, Alles – auch das Kleinste und Unbedeutendste, was sie zum Nachtheil des sonst gepriesenen Landes wissen, nicht allein anzuführen, sondern sogar hervorzuheben, und lieber in dieser Hinsicht etwas übertreiben als zu wenig thun; die Phantasie der Auswanderungslustigen glättet doch die rauhen Kanten ab. Der Europäer wird dann nicht, oft gleich bei seinem ersten landen, zurückgeschreckt und gerade zu einer Zeit muthlos gemacht, wo er aller seiner Energie und Festigkeit am meisten bedarf. Das aber, weshalb Manche den Tadel verschweigen, weil sie wissen, daß alles dieß doch immer eigentlich nur Unannehmlichkeiten und keine wirklichen Fehler sind, sollte sie gerade im Gegentheil antreiben, ihn auszusprechen, denn Amerika bietet dem deutschen Auswanderer solche ungeheuere Vortheile, daß man getrost Alles das nennen und aufführen kann, was dem Land oder den Sitten jenes Welttheils zum Nachtheil gereicht, ohne befürchten zu müssen, den Ackerbauer, den eigentlichen Mann für Amerika, dadurch zu schrecken. – Bleiben nachher die geschniegelten und gebügelten Herrchen drüben in Europa, weil sie tausend Bequemlichkeiten nicht haben können, tausend Genüsse – was nämlich für sie Genüsse sind, entbehren, ei, so ist das auch nur wieder ein Vortheil für Amerika, denn derlei Gesellen, mit parfümirten Taschentüchern und wohlfrisirten Locken brauchen sie drüben nicht, die mögen hier ausharren, bis sie später einmal, mit dem alten Schlendrian selbst, zu Grunde gehn.

Doch ich komme ganz von meiner, dahin keineswegs hinauszielenden Erzählung ab und will lieber wieder so schnell als möglich in's »Kaffeehaus zur Stadt München« zurückkehren.

Hier saßen indessen die Deutschen ganz gemüthlich – nicht etwa bei einer Tasse Kaffee, denn der war nur Morgens zum Frühstück zu bekommen, sondern bei einem guten Glas Cincinnati-Bier zusammen und plauderten und besprachen ihre gegenseitigen Aussichten.

Wagner hatte allerdings in Allem, was er seinem Vetter geschrieben recht gehabt; durch eigener Hände Arbeit wußte er sich ein kleines Capital zu verdienen und that damit, was in allen Städten Amerikas, besonders aber in Cincinnati, die Deutschen nur zu oft thun, er errichtete einen Schenkstand – was dort nun einmal ohne seine Schuld Kaffeehaus genannt wird. Wohl war der Verdienst jetzt, der ungeheueren Concurrenz wegen, nicht mehr so besonders wie früher, er hatte aber doch zu leben, und konnte sogar, da er gerade auf seine eigene Bequemlichkeit sehr wenig verwandte, immer noch jährlich eine Kleinigkeit zurücklegen.

Was nun seine jetzige Wohnung betraf, die so beschränkt war, daß sie die ersten Nächte alle mit einander in einem Zimmer schlafen mußten, so dachte er gerade daran, ein größeres Lokal zu nehmen, wie auch sein Geschäft etwas mehr auszudehnen, und bot nun Schwaben und seiner Frau an, die erste Zeit bei ihm zu bleiben und ihm im Haus und im Geschäft bei allen vorkommenden Arbeiten mitzuhelfen. Dafür sollten sie Kost und Logis, und auch noch einen kleinen, freilich unbedeutenden Lohn erhalten. Wagner hatte darin aber auch ganz recht, daß sie nicht gleich hoffen dürften von vorn herein viel zu verdienen, denn sie begännen jetzt eine ganz neue Lauf- und Lebensbahn, und darin müsse nun Jeder einmal, es möge sein wer es wolle, sein Lehrgeld bezahlen.

Schwabe, der sich nach dem ersten traurigen Anblick des Hauses die Sache weit schlimmer gedacht, als sie sich wirklich jetzt herausstellte, war gern damit einverstanden und schon in den nächsten Tagen, wo ein Tischler kam und den Boden etwas mehr erweiterte, da Wagner seine Wohnung in dem dicht danebenliegenden Haus zu nehmen gedachte, begannen die verschiedenen, bei solchem Ausräumen nicht zu vermeidenden Arbeiten, denen sich auch beide Gatten mit gutem Willen unterzogen, und dadurch mit ihren Verwandten im besten Einverständniß blieben.


So vergingen wohl sechs Monate und nichts trübte die Freundschaft und das gute Vernehmen der Verwandten; das rege Schaffen und Treiben ließ ihnen keine Zeit, auf irgend etwas anderes als ihre Geschäfte zu denken; gar verschieden gestaltete sich die Sache aber, als der neue Schenkladen erst einmal ordentlich hergerichtet worden, und nun das gleichförmige ruhige Leben wieder begann, bei dem sich keineswegs soviel Arbeit herausstellte, Alle nun gleichmäßig beschäftigen zu können. Jetzt fielen zuerst, und zwar besonders zwischen den beiden Frauen kleine unangenehme Scenen vor und einzelne bittere Worte wurden gewechselt. Im Anfang ging man jedoch noch leicht darüber hin, eine Versöhnung ward entweder gar nicht für nöthig gehalten oder doch bald zu Stande gebracht, und der Gedanke auch, daß sie ihren Verwandten doch eigentlich manches verdankten, was sie suchen mußten wieder gut zu machen, hielt Schwaben's noch manche Woche in einer Stellung, die vielleicht weniger drückend für sie gewesen wäre, hätten sie sich nicht immer sagen müssen: »das sind Verwandte, und spielen jetzt die Herren, während wir die Knechte machen sollen.«

Schwabe bekleidete nämlich, während der, seinen Leichnam jetzt auf das Beste pflegende Wagner ruhig in den Ecken herumsaß und sein eigenes Bier trank, die Ausschenkerstelle, und war somit ein förmlicher »Barkeeber« geworden, die Frau aber, die auch noch nebenbei ihr zweijähriges Kind zu besorgen hatte, mußte waschen und bügeln, nähen und stricken, ausbessern und alle nur möglichen übrigen häuslichen Arbeiten verrichten, indeß Missis Wagner, wie sie sich nur zu gern nennen hörte, nur selten mit angriff und, was ihrer Base das peinlichste war, auch schon manchmal begann statt des früheren freundlichen Tones, das ganze Wesen einer Gebieterin anzunehmen.

Schwaben's wären schon lange fortgezogen und hätten ihr Glück allein, in dem weiten fremden Lande gesucht; es kommen ja so Viele glücklich durch, warum sollte es ihnen nicht ebenfalls gelingen? Eines nur hielt sie bis dahin noch immer von einem solchen Schritt zurück und bannte sie an die Stelle, wo sie anfingen, sich recht unbehaglich zu fühlen – ihr Kind – die kleine zweijährige Louise und die Zuneigung die Wagners Frau wirklich zu der Kleinen zu haben schien. Sie behandelte sie fast ganz wie ihr eigenes Kind, und die Mutter glaubte da schon manches ertragen zu müssen, wo es der armen Kleinen ja wieder zu Gute kam. Carl, ihr zehnjähriger Knabe machte ihnen weit weniger Sorge; der griff schon ordentlich mit zu, verdiente sich das Brod, das er aß, durch dausend kleine leichte Arbeiten die er verrichtete, oder Wege die er lief, und wäre ihnen auch, so sie wirklich selbstständig in das Leben hinaustraten, gewiß nicht zur Last geworden.

Auf solche Art waren sie etwa ein volles Jahr in dem Hause gewesen, das jetzt, da sich des Eigenthümers Geschäfte verbesserten, auch seinerseits einen etwas vornehmeren Titel annahm, und aus der einfachen »Stadt München« zu einem »city of München« avancirte. Aber gerade mit diesem zunehmenden Wohlstand wich auch der Friede immer mehr, der besonders in den letzten Monaten schon so schwankend und zweifelhaft geworden. Wagner's selbst mochten das fühlen und es konnte ihnen dabei auch nicht verborgen bleiben, was es eigentlich noch sei, das sie in der, ihnen peinlich werdenden Lage zurückhielt, und Missis Wagner hatte endlich wenig genug Takt, ihrer Base auf halbem Wege entgegenzukommen. Sie bot dieser nämlich eines Morgens an, ihr kleines Töchterchen, da sie selbst kinderlos sei, für sie aufzuziehn – heißt das natürlich, wenn Schwaben's überhaupt einmal fortziehen sollten – und so lange an Kindesstatt zu behalten, bis sie in bessere Umstände, und vielleicht zu eigener Selbstständigkeit gelangt, im Stande wären, sie wieder abzuholen.

Zwar konnte sich die Mutter nicht gleich dazu entschließen, das Kind, wenn auch wohl versorgt, doch gewissermaßen unter fremden Menschen zurückzulassen, endlich aber siegten die äußeren, keineswegs günstigen Umstände. Schwabe sprach mit seinem Vetter offen über das, was ihn drücke und hemme, dieser gab sich keine besondere Mühe ihn zurückzuhalten, und nach acht Tagen schon fuhren sie, vorher einen sehr wehmüthigen Abschied von dem Kinde nehmend, und dieses der Sorge seiner neuen Pflegeeltern auf das dringendste und wärmste an's Herz legend, auf dem Dampfboot »General Harrison«, den Ohio stromab, und dem Staate Louisiana zu, wo ihnen, von einem Deutschen, der sich kürzlich einige Zeit in Cincinnati aufgehalten, günstige Anerbieten gemacht waren.

Viele Jahre hindurch standen die Sachen, wie wir sie im letzten Abschnitt verließen. Schwabe fand in St. Francisville, einem kleinen Städtchen unfern vom Mississippi, der Ansiedlung von Pointe coupée gegenüber, gute und lohnende Arbeit; sein Sohn wuchs zu einem kräftigen Burschen heran, der ihn bald gar wacker unterstützen konnte, und durch die sparsame Sorglichkeit der Frau sah er, wie sich seine Lage mehr und mehr verbesserte und er zuletzt sogar darauf denken konnte, selber etwas anzufangen, um, ohne gerade immer zu arbeiten, durch die Welt zu kommen.

Seines Vetters Beispiel in Cincinnati mochte viel dazu beitragen ihn auf solche Gedanken zu bringen; die Zeiten schienen ebenfalls günstig, – Kaffeehäuser gab es in St. Francisville nur sehr wenige und so säumte er dann auch nicht lange und schaute bald darauf, wenn er auf der andern Seite der Straße an seinem eigenen kleinen Haus vorüber ging, mit ganz absonderlichem Vergnügen nach dem großen blauen Schild hinüber, das mit goldenen Buchstaben verkündete, wie Hermann Schwabe hier, nicht allein ein Kaffeehaus, sondern auch »kalte und warme Getränke, frische gebackene und marinirte Austern, Pfefferkuchen und Fleischpasteten,« und überdieß noch ein »Lager von ächten, in Boston verfertigten Schuhen und Stiefeln und Penitentiery Filzhüten« halte.

Was er mit eigener Hände Arbeit, und zwar mit harter, schwerer Arbeit begonnen, führte er mit Hülfe einer vorsichtigen aber richtigen Speculation weiter, und galt nach gar nicht so langer Zeit, für einen wenn auch nicht reichen, doch sicherlich wohlhabenden Bürger des kleinen Städtchens.

Jetzt erwachte aber auch in den Eltern der bis dahin oft gewaltsam unterdrückte Wunsch, ihr Kind, ihre kleine Louise wieder zu sich zu nehmen, von der sie nun schon eine entsetzlich lange Zeit nicht einmal etwas erfahren hatten.

Das Briefschreiben gehörte nämlich zu einer von Schwabes schwachen Seiten, er fällte lieber einen vier Fuß im Durchmesser haltenden Baum, als daß er eine einzige Seite bekritzelte; immer war es daher sein Entschluß gewesen, lieber gleich hinauf nach Cincinnati zu reisen und die Tochter dort selber abzuholen; dringende Geschäfte, wie eine plötzliche Krankheit seiner Frau, nöthigten ihn aber endlich, entweder seine beabsichtigte Reise noch aufzuschieben, oder wirklich zu schreiben. Wie aber war das Kind, unter lauter fremden Leuten glücklich nach St. Francisville zu bringen? – Durfte man wagen, es Einem der tollkühnen Dampfboots-Capitäne zu übergeben? Amerikanische Eltern hätten das augenblicklich gethan, aber die Deutschen waren zu ängstlich, und Schwabe fürchtete schon, er würde den so lange genährten Wunsch noch länger müssen unbefriedigt lassen, als sich ihm ganz unvermuthet ein treffliches Auskunftsmittel bot, das er und seine Frau auch mit dankbarer Freude ergriffen.

Ein junger Deutscher aus dem kaum eine Viertelstunde entfernten Bayou Sarah, reiste zufälliger Weise gerade in dieser Zeit nach Cincinnati, um dort indeß von Deutschland gekommene Verwandte zu treffen und nach Louisiana mit zu nehmen. Eine bessere Gelegenheit, Louise ihren Eltern wieder zuzuführen, ließ sich kaum denken; Schwabe setzte sich denn auch augenblicklich hin und brachte endlich mit vieler Noth und Mühe einen ziemlich ausführlichen Brief zu Stande, in welchem er seinen Vetter mit den eigenen, bis dahin erlebten Schicksalen bekannt machte, ihm für die treue Wahrung seines Kindes dankte, und ihn bat, dasselbe durch den Ueberbringer dieses, einen wackern, jungen Mann aus seiner Gegend und guten Freund von ihm selber, den sich herzlich nach ihm sehnenden Eltern zurückzuschicken.

Welbauer, wie der junge Mann hieß, ging mit dem nächsten, noch an demselben Abende in Bayou Sarah anlangenden Boot stromauf, und Schwabe erwartete nun in freudiger Ungeduld die Ankunft der, seit dreizehn Jahren von ihnen getrennten Tochter, denn so lange war es schon, daß sie Cincinnati verlassen und sich in Louisiana zuerst aufgehalten und später angesiedelt hatten. Vor dem Ablauf von wenigstens drei Wochen konnte Welbauer aber kaum wieder zurück sein, denn die Entfernung zu Wasser, zwischen Bayou Sarah und Cincinnati beträgt 1350 englische Meilen; die Eltern benutzten aber diese Zeit, ein kleines, freundliches Stübchen für das erwartete Kind herzurichten, damit es sich gleich vom Anfange an recht wohnlich und zufrieden im elterlichen Hause fühlen möge und schafften All und Jedes herbei, womit sie nur glauben durften, dem lieben, so lange elternlos gewesenen Kinde, eine Freude zu machen.

Die bestimmte Zeit war endlich verstrichen, Welbauer aber noch immer nicht zurückgekehrt; ja, noch eine vierte Woche verging sogar, ohne daß weder ein Brief noch eine andere Nachricht von dem so sehnlich Erwarteten eingetroffen wäre. Schwabe, der bis jetzt seine Frau immer nur gebeten hatte, Geduld zu haben, da man ja gar nicht wissen könne, was die Rückkehr des jungen Mannes vielleicht verzögert hätte, fing nun selber an, ängstlich zu werden, und lief des Tages zwei oder dreimal nach Bayou Sarah hinunter, um zu hören, was für Boote angekommen wären, und welche man, und woher man sie erwartete.

Endlich, in der fünften Woche traf der so heiß Ersehnte mit der »Diana« wieder ein, aber – Schwabe erschrack, als er ihn erblickte und wurde todtenbleich – allein war er – das Kind war nicht bei ihm und der zitternde Vater fürchtete schon das Schlimmste. Das, was ihm im Anfange das Herz mit so unendlichem Weh durchzuckt, erwies sich jedoch als unbegründet. Welbauer beruhigte ihn bald über das Befinden und Wohlergehen seiner Tochter – er hatte das junge Mädchen gesund und heiter angetroffen, sie war gar rasch in die Höhe geschossen, und sollte kräftig und blühend aussehen – das Uebrige aber verkündete ein Brief, den er – statt dem Kinde – als Antwort mitbrachte.

Schwabe ahnte jetzt fast, was das Schreiben enthielt – in letzter Zeit, als die Erwarteten immer und immer nicht kommen wollten, waren ihm so allerlei trübe und häßliche Gedanken durch den Sinn gefahren, die er sich ordentlich gefürchtet hatte seiner Frau mitzutheilen, weil er sie doch nicht mit nur bloßen vielleicht sogar unbegründeten Vermuthungen ängstigen wollte. Rasch erbrach er jetzt den Brief und sah hier seine schlimmen Besorgnisse bestätigt. Das Schreiben lautete also:

»Lieber Freund und Vetter« –

»Recht sehr hat es mich gefreut zu hören, daß es Dir wohl geht und Du Dir durch Arbeit und Sparsamkeit, wodurch man in Amerika nur allein zu etwas kommen kann, ein kleines Vermögen erworben hast. Uns geht es auch hier recht gut, und viel besser als damals, wo Du mich zuerst in dem kleinen Häuschen an der Ecke der Sykamore-Straße aufsuchtest. Ich bin jetzt auf dem Mittelmarkt – Du weißt ja schon, in der fünften Straße – gezogen, habe ein gutes Boardinghaus[9] errichtet, und mache sehr gute Geschäfte, habe aber auch sehr viel zu thun, und weiß kaum wie ich fertig werden soll.«

[9]: Ein Kosthaus, oder eine untergeordnete Art von Hotel.

»Was nun Deine Tochter Louise anbetrifft, so ist die recht gewachsen, und ein braves gutes Mädchen geworden, meine Frau hat sich aber so an sie gewöhnt, daß sie gar nicht daran denken kann, sich von ihr zu trennen. Seid deshalb auch nicht böse, daß ich Euch Euren Wunsch nicht erfülle und sie mitschicke. Eigentlich kannst Du es uns auch gar nicht verdenken. Sieh, wir haben bis jetzt blos die Noth und Sorge mit dem kleinen Kind gehabt und sollen es jetzt, da es groß geworden ist und anfängt, uns für alle die Mühe und Auslage zu belohnen, wieder herausgeben. Meine Frau hält es dabei wie ihre eigene Tochter. Wir lassen es noch immer in die Schule gehen und geben ihm eine ganz gute Erziehung. Was willst Du mehr? Aber trennen möchte sich meine Frau nicht wieder von dem Kinde und wir bitten Dich daher recht dringend es uns zu lassen.«

»Mit dem Wunsche, daß es Euch in St. Francisville Allen gut geht und Ihr manchmal unser gedenkt, unterschreibe ich mich als Dein

Dir treu ergebener Freund und Vetter

Fürchtegott Wagner

Mittelmarkt – nordwestliche Ecke von Walnut street.

Nachschrift. »Louise läßt schönstens grüßen und Euch Allen Glück und Gesundheit wünschen. Was kostet denn bei Euch die Butter – hier ist sie gestern auf zwei Bit gestiegen, das Schweinefleisch ist aber dafür noch billiger geworden als wie damals, wie Du hier warst.

Dein Vetter.«

Der Brief war verworren, der Inhalt desselben aber doch auch wieder einfach und deutlich genug, und Schwabe ging wohl eine halbe Stunde lang, wie vor dem Kopf geschlagen, an der Dampfbootlandung hin und her. – Sollte er das was hier mit klaren dürren Worten in dem Brief stand, seiner Frau mittheilen? – Aber wie konnte er es ihr auch verheimlichen, hätte sie am Ende nicht gar geglaubt es wäre ihrem Kinde irgend ein Unglück zugestoßen? Der Verdacht übrigens, den er gegen Wagner hegte, wurde von Welbauer noch bestätigt.

Dieser hatte sich nämlich, da er den Eltern doch versprochen, das Kind zu bringen und nun dort, wo er es am wenigsten vermuthete, so unverhofften Widerstand gefunden, nach den Verhältnissen und dem ganzen Leben und Treiben jener Leute genauer und näher erkundigt. Hier erfuhr er nun, daß sie allerdings die angenommene Tochter im Hause selbst sehr gut behandelten, aber keineswegs so viel in die Schule schickten, als Jener hier in dem Brief geschrieben; im Gegentheil mußte das arme Mädchen, wenn es auch keine schwere Arbeit zu thun hatte, von Morgens früh bis spät Abends auf dem Platze sein, während sich Missis Wagner fast ganz und gar von jeder Arbeit zurückgezogen habe, und nur allein die Dame spiele. Louise war ihnen dabei durch ihren unausgesetzten Fleiß von ungemeinem, ja unbezahlbarem Nutzen. Gaben sie das Mädchen heraus, so mußten sie jedenfalls eine fremde Haushälterin annehmen und diese nicht allein mit theuerem Gelde bezahlen, sondern ihr auch – etwas besonderes Gefährliches in Amerika, wo die Leute oft, Gott weiß woher, geschneit kommen – Alles und Jedes im Hause anvertrauen. Bei Louisen dagegen, die sich ihrer eigenen Mutter kaum noch erinnerte, ihren Pflegeeltern aber mit aller Liebe einer wirklichen Tochter anhing, hatten sie das Eine nicht nöthig, das Andere nicht zu fürchten, und es ließ sich daher voraussehen, wie sie unter diesen Umständen gewiß Alles thun würden, was in ihren Kräften stand, die Pflegetochter den vollen Ablauf der gesetzlichen Frist, also bis zu deren einundzwanzigstem Jahr bei sich zu behalten.

Gerichtlich konnte Schwabe, wie Wagner ebenfalls gut genug wußte, keine Schritte mit nur irgend einer Aussicht auf Erfolg thun, denn ein wirklicher Kontrakt war gar nicht abgeschlossen, und wenn es zur Klage kam, so wurde dem Verklagten entweder die vorerwähnte gesetzliche Frist zugestanden, oder der Kläger hätte eine Kostenberechnung zahlen müssen, die dieses eigene Mittel jedenfalls weit überstiegen haben würde. – – Der Frau übrigens ein Geheimniß daraus zu machen, ging nicht an, über kurz oder lang hätte sie es doch erfahren müssen, und gemeinschaftlich konnten sie auch besser berathen, welche Schritte jetzt am besten zu thun wären.

Er ging denn auch ohne weiters nach St. Francisville zurück, zeigte ihr erst den Brief und ließ sie dann später Alles das, was sie noch zu wissen wünschte, von Welbauer selber erfragen. Im Anfange war sie nun, als sie die Nachricht wie ein Schlag aus heiterem Himmel traf, außer sich, wollte ohne weiters »an die Gerichte gehen,« und meinte, kein Gesetz der Welt dürfe ihr solcher Art und widerrechtlich, das eigene Kind gewaltsam zurückhalten. Schwabe hatte durch einen dreizehnjährigen Aufenthalt in Amerika die Sitten und Gesetze des Landes aber so ziemlich kennen gelernt, und fürchtete nicht ohne Grund, durch eine Klage erstlich einmal sein gutes Geld einzubüßen, und dann nicht einmal etwas auszurichten.

»Selbst ist der Mann,« reifte endlich der Entschluß in ihm, »einen bloßen Brief können sie Dir leicht mit »Nein« beantworten, gehst Du aber als Vater, und forderst Dein eigenes Kind zurück, so werden sie es Dir, wenn sie es auch wirklich vor dem Gesetze dürften, doch nicht länger vorenthalten können.«

Jetzt hatte er gerade alle die Geschäfte, die ihm vor mehren Wochen noch eine Reise unmöglich gemacht, beendet, er entschloß sich also kurz, beruhigte seine Frau, der er fest versprach ihr Kind zu bringen, und wenn er es stehlen sollte, und rüstete sich fröhlich zur Fahrt nach Ohio.

»Sei gutes Muthes, Mutter,« lachte er dabei, als er sich zu der rasch beschlossenen Fahrt rüstete, »was ist's denn auch weiter! geben sie mir mein Kind nicht gutwillig, ei, so thue ich, als wenn ich mich in das Unabänderliche füge, verabrede mich aber heimlich mit Louisen, bringe sie auf ein Dampfboot und gehe förmlich mit ihr durch. Nachher mögen sie uns verfolgen oder gar verklagen, kein Gesetz wird einen Vater verdammen, daß er sein eigenes Kind gestohlen, wenn sie es ihm auch vorher nicht freiwillig zusprächen.«

Die wenigen Vorbereitungen waren bald getroffen, es galt ja hier auch nur eine kurze Fahrt und schnelle Rückkehr; nur etwas gab ihm die Mutter noch mit, das sie schon seit vielen Jahren für ihr Kind bestimmt, dessen Absendung sie aber bis jetzt noch immer verschoben hatte – ihr Bild. Ein junger deutscher Maler, der vor einigen Jahren mehre Monate lang bei ihnen gewohnt und dort krank geworden war, hatte aus Dankbarkeit für die treue Pflege der guten Leute, die Miniaturbilder der Beiden gemalt und ihnen zum Andenken zurückgelassen, und das ihre schickte jetzt die Mutter dem Kinde. Warum? wußte sie selber nicht, erwartete sie ja doch das Heißgeliebte in wenigen Tagen, dennoch trug sie dem Vater auf, die Ablieferung desselben ja nicht zu vergessen, und es war fast, als ob sie mit dem Bewußtsein, daß es bald in den Händen ihrer Louise sein werde, auch ruhiger würde, und der Zukunft gefaßter entgegensähe.

Schwabe schiffte sich auf dem nächsten, stromaufgehenden Dampfboote ein, ging mit diesem bis nach Kairo, der Mündung des Ohio, benutzte von hier aus ein anderes, das gerade Fracht für Pittsburg einnahm, und betrat neun Tage später die Stadt wieder, in der er vor vierzehn Jahren, ein armer heimathloser Auswanderer, gelandet war, und zuerst Schutz und Aufnahme gefunden hatte.

Sonderbarer Weise schlug und klopfte ihm aber jetzt das Herz so bang und ängstlich, als ob er irgend eine böse That begangen oder beabsichtige, und doch wollte er ja Nichts, gar Nichts auf der weiten Gotteswelt, als sein Kind, sein eigenes liebes Kind zurück in die Arme der Mutter führen. Das peinliche Gefühl wuchs sogar noch, als er den steilen Landungsplatz hinaufstieg, durch die Mainstraße ging und endlich links in den Mittelmarkt einbog – er mußte sogar ein paar Mal stehn bleiben und erst ordentlich wieder Athem holen.

Anders wurde es ihm freilich, als er die sonderbare Scheu endlich überwunden hatte, das, ihm durch den Brief und von Welbauer bezeichnete Haus betrat, und dort sein liebes, lang entbehrtes Kind sehen und in die Arme schließen konnte. Da kehrte der alte Muth zurück, frisch und frei schoß ihm das Blut wieder durch's Herz und ohne Rückhalt wollte er schon seinen Gefühlen, die ihm die Brust zu zersprengen drohten, Raum geben, als er merkte, wie ihm die Thränen in die Augen traten – sie liefen ihm hell und klar an den beiden braunen Wangen herunter und das – das brauchten die fremden Menschen nicht zu sehen, die von allen Seiten des Hauses herbeieilten und ihn jetzt umstanden. Er riß sich gewaltsam los, drückte seinen Hut, den er noch gar nicht abgelegt, fester in die Stirn und zog Wagner mit sich fort, in dessen Stube hinauf – er schämte sich, daß ihn die Leute sollten weinen sehn und hoffte sich später schon besser zusammen nehmen zu können.

Ein Gespräch mit Wagner allein, wie er es im Anfang gewünscht, sollte ihm aber nicht vergönnt werden, denn Missis Wagner, welche behauptete, dieß sei eine Sache, bei der sie selbst am meisten und innigsten betheiligt wäre, schloß sich ihnen gleich darauf an, und brach augenblicklich jede weitere und von Schwabe allerdings vorher beabsichtigte Einleitung dadurch ab, daß sie die Absicht seines Besuchs ohne Umstände beim Schopf erfaßte und an's Tageslicht zog.

Eines Theils war dieß nun gut, denn Schwabe hatte schon in aller Verlegenheit gar nicht gewußt, wie er am Besten beginnen solle, anderen Theils gab es ihm aber auch bald die keineswegs ermuthigende Ueberzeugung, daß hier, und dieser Frau gegenüber, ein gütlicher Vergleich unmöglich sein würde, denn Madame erklärte jetzt rund heraus, mit ihrer Bewilligung verließe das Mädchen ihr Haus nicht, und ohne ihre Bewilligung wäre noch weniger daran zu denken. Dabei gab sie dem armen Vater auch ohne die mindeste Schonung zu verstehn, wie freundlich er selbst und seine ganze Familie bei ihnen beherbergt worden, mit welcher Sorgfalt sie sich dann später selbst eines Kindes angenommen, von dem sie bis seit ganz kurzer Zeit, nur Sorge, Mühe und Auslagen, aber nicht den geringsten Nutzen gehabt. Jetzt dagegen, wo eben dieses Kind das Alter erreicht habe, in welchem sie hoffen durften, das zu erndten, was sie durch lange Zeit hinausgesäet, jetzt komme er, der Vater, der Jahre lang nicht einmal nach seinem Kinde gefragt, zurück und wolle es ohne weiteres abholen und mit sich fortnehmen. Daraus würde aber Nichts, so lange noch Recht und Gerechtigkeit im Lande existire, und so lange sie selber noch eine Zunge zum Reden und eine Hand es zu verhindern habe, sollte das nicht geschehen, dafür stehe sie; »Mister Schwabe müsse dann« wie sie mit beißendem Ton hinzufügte, »die Kleinigkeit von 3500 Dollar übrig haben, um aufgelaufenes Kost- und Schulgeld für seine Tochter zu bezahlen, dann möge er sie ihretwegen mitnehmen und wenn das Mädchen nachher wirklich ginge, wirklich die verließe, die ihr mehr als eine, wenigstens als ihre Mutter gewesen, so wolle sie denken, sie habe eben nur eine undankbare Natter an ihrem Busen genährt und müsse sich, ob ihr auch das Herz blute, darüber zufrieden geben.«

Was sagte aber die, um deren künftigen Aufenthalt, um deren glückliche oder unglückliche Zukunft vielleicht, es sich hier handelte, was sagte Louise zu alle dem? nach welcher Seite neigte sich ihr Herz und wie empfing sie den Vater, dessen Ankunft sie überraschte, ja erschreckte?

Was konnte das arme Mädchen sagen? – Von der Zeit an, wo sie ihre Mutter, ein kleines, keines Nachdenkens fähiges Kind zurückließ, war sie stets gewohnt gewesen, das Wagner'sche Haus als das elterliche – wenigstens als ihre Heimath – zu betrachten. Hier wurde sie auch heimisch, den wirklichen Eltern aber mehr und mehr entfremdet, je mehr die Erinnerung an frühere, einzelne Scenen in ihrem jugendlichen Herzen frischeren und lebendigeren Eindrücken Raum geben mußte. Selbst den Namen Mutter hatte sie vergessen, und nur manchmal, wenn sie ihn von andern Kindern hörte, zog es wie fernes liebliches Glockengeläute durch ihre Seele. – Das war die Erinnerung jener Zeit, wo sie den theuren Namen an dem Hals der eigenen Mutter selbst gelispelt, aber es war auch eben nur wie fernes Glockengeläut, und der Klang zu weich, zu unbestimmt, um ihm nähere, erkennbarere Formen geben zu können.

Wagner selbst hatte dabei in letzterer Zeit, und besonders seit Welbauers Besuch, nicht versäumt, das arme unwissende Kind, weniger mit klaren Worten wie mehr mit hingeworfenen und unbestimmten Aeußerungen ahnen zu lassen, daß dort, wohin man es holen wolle, eine keineswegs freudige Existenz seiner harre, denn nie würde es irgend ein Mensch wieder so lieb haben, wie man es hier, in seiner wirklichen und einzigen Heimath gehabt. Auch Missis Wagner schien seit der Zeit viel freundlicher und herzlicher mit Louisen zu werden, nannte sie oft Kind und Tochter, verbesserte die zwar einfache aber doch sonst reichliche und anständige Garderobe derselben und ließ ihr weit mehr Freiheit, als das bisher der Fall gewesen. Nichts destoweniger klopfte der Armen doch das Herz, als sie vernahm, ihr Vater wolle sie sehen – hatte sie denn nicht schon früher gehört, ihre Eltern verlangten sie zurück und war er denn nicht vielleicht gerade zu dem Zweck jetzt nach Cincinnati gekommen? Ihre Pulse flogen fieberhaft und eine Angst überkam sie, als ob irgend ein gewaltiges Unglück sie bedrohe, das sie nahen sehe, dem sie aber nicht entgehen könne.

Schwabe verließ indessen, nach seiner Zusammenkunft mit Wagners, sehr betrübt und niedergeschlagen ihr Haus, schlenderte langsam den Mittelmarkt hinauf, der katholischen Kirche zu, und dachte mit recht schwerem Herzen an die letzten Worte der gereitzten Frau Base – »daß sie Louisen wie eine Natter betrachten werde, die sie in ihrem Busen genährt –« Undankbar – der Vorwurf schnitt ihm tief, tief in die ehrliche Seele und langsam, die Augen fest auf die Trottoirs geheftet, wanderte er die breite, sonnige Straße entlang.

»Halloh, Schwabe – so wahr ich lebe – und in tiefen Gedanken?« rief ihn da plötzlich eine laute fröhliche Stimme an, »bist doch nicht etwa Bankdirector geworden, daß Du so grimmige Gesichter schneid'st, calculirst und Deine alten Freunde nicht mehr kennst?«

Schwabe sah rasch auf und erkannte, ebenfalls zu seinem freudigen Erstaunen einen alten Bekannten und Schiffsgefährten, der mit ihm von Deutschland ausgewandert und nach Cincinnati gefahren, dort aber, anstatt wie Schwabe nach Louisiana zurückzukehren, die ganze lange Zeit geblieben war, hier eine Brauerei errichtet hatte und sich nun gar wohl befand und glücklich fühlte. Er stand gerade in der Thür der Rehfußischen Apotheke und streckte dem überrascht vor ihm stehen Bleibenden mit herzlichen Worten die Hand entgegen.

»Aber nun sage nur einmal, Alterchen,« frug er den Niedergeschlagenen, als die ersten Begrüßungen gewechselt und er den Arm desselben in den seinigen gezogen. »Du siehst ja gerade so aus, als ob Dir die Petersilie verhagelt, oder sonst ein entsetzliches Unglück passirt wäre – was giebt's, was hast Du und wo willst Du jetzt hin?«

»Nirgends hin,« meinte Schwabe, »ich schlenderte nur hier in Gedanken fort – was es aber –«

»Dann kehren wir auch augenblicklich wieder um!« rief der Brauer, und schwenkte ohne weiters um. – »Da draußen haben wir Nichts zu suchen, und meine Brauerei und Bierstube liegt hier drinnen, dort mußt Du beichten, mein Bursche, und wenn das Uebel nicht gar so tief sitzt, so werden wir schon Rath schaffen.«

Schwabe, dem es überdieß lieb war, seinen trüben Gedanken sowohl auf kurze Zeit entrissen zu werden, wie auch Jemanden zu haben, gegen den er einmal unverholen sein Herz ausschütten konnte, lenkte willig mit ihm ein und erzählte nun dem neugefundenen Freunde, in dessen Haus sie endlich angelangt waren, umständlich seine ganze Geschichte, die Verbindlichkeiten, die er Wagnern schulde, dessen jetzige Meinung, und die Verzweiflung, in der seine Frau sein werde, wenn er ohne dem Kinde zurückkehre.

Der Brauer hörte ihm, den Kopf in beide, auf den Tisch gestemmte Arme gestützt, aufmerksam zu, unterbrach ihn nicht ein einziges Mal, und that nur manchmal lange, mächtige Züge aus dem vor ihm stehenden riesigen Blechmaaß, das an die alten deutschen Humpen erinnerte, dann aber, als Jener geendet und nur noch das erwähnte, wie ihn der Vorwurf, undankbar zu sein, so wehe thue und ihn ganz unschlüssig mache, was er thun oder lassen solle, da schlug der Brauer so kräftig auf den Tisch, daß die Fensterscheiben erschreckt zusammenklirrten und rief: der Wagner sei ein Lump, das wolle er ihm schriftlich geben, ihm aber werde er jetzt beweisen, daß, wenn Jemand wirklich dankbar zu sein hätte, es Niemand Anderer als in der That nur Wagner selbst sein müsse, der an dem Mädchen die langen Jahre hindurch einen wahren Schatz besessen.

Und nun theilte er dem mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zuhörenden Vater mit, was das Kind seit seinem achten Jahre, also jetzt schon beinahe ein Zeitraum von wieder achten, gethan und gearbeitet, wie es seit dem eilften Jahre die Wirthschaft dort fast ganz allein geführt und bei dem Allen fast in keine Schule gekommen, sondern immer nur zu Haus behalten sei, um der sogenannten Missis Bequemlichkeit nicht zu stören und zu unterbrechen. Dabei habe sie, als diese vor drei Jahren am Tode mit dem wüthendsten Nervenfieber gelegen, wochen- und monatelang Tag und Nacht an ihrem Bette gewacht, erst im vorigen Jahre wieder eine gleich langwierige, wenn auch weniger gefährliche Krankheit bei ihr ausgehalten und überhaupt das, was Jene vielleicht an ihr gethan, als sie noch ein kleines Kind war und nicht arbeiten konnte, reichlich, ja im Uebermaße vergütet. Wenn also Jemand zur Dankbarkeit verpflichtet sein sollte, so wären es Wagner's selber, und daß sie damals das kleine Kind zu sich genommen, ei, das hätten sie auch eher aus Eigennutz, als aus Menschlichkeit gethan, denn selbst kinderlos freuten sie sich des kleinen, muntern Wesens, während es den Eltern wehe genug that, es zurückzulassen.

»Das Uebrige Alles bei Seite,« fuhr der Brauer plötzlich in seinen Trostworten fort, und etwas leiser redend, bog er sich, die Hände herunternehmend, näher zu dem Freund hinüber, »so giebt es doch noch einen Grund, über den wir hier in der Stadt, wenn's uns auch nichts anging, schon oft gesprochen, und der allein hinreichend wäre, es Euch, Schwabe, sogar zur Pflicht zu machen, Euer Kind mit fortzunehmen.«

Schwabe horchte hoch auf, Jener aber, die Stimme zu einem Flüstern herunterdrückend, sagte:

»Wenn ich Vater wäre, so nähme ich mein Kind, und besonders ein Mädchen, heute noch mit mir fort, das in dem Hause nichts Gutes lernen kann. Wovon ist Wagner so rasch und plötzlich ein wohlhabender Mann geworden? Von seinem Schenkstande etwa? – Das soll mir Keiner weiß machen; nein, von der heimlichen Spielhölle, die er in seinem Hause, klug genug, so versteckt hält, daß ihm die Gerichte, obgleich sie schon dreimal, und zwar ganz unerwartete Nachsuche gehalten, doch nicht auf die Spur kommen können. Das arme Mädchen nun, da er keinem fremden Barkeeper das Geheimniß anvertrauen kann, muß fast jede Nacht bis ein oder zwei Uhr bei diesen rohen Gesellen aufsitzen, und wenn auch Wagner ebenfalls im Zimmer bleibt, so hört sie doch dort – denn wie könnte sie's verhindern – all die gemeinen wüsten Reden einer Menschenklasse, die sich in der Leidenschaft des Spiels noch unter das Thier erniedrigen. Das arme Kind, seit langen Jahren daran gewöhnt, weiß das nun freilich nicht besser; wäre ich aber Vater, mir bliebe sie keine Stunde länger in dem Hause.«

»Aber lieber, bester Freund!« sagte Schwabe, hierdurch einestheils von der ersten Besorgniß erlöst, aber dann auch wieder mit einer neuen, fast noch schwereren auf der Seele – »wie will ich sie fortbekommen? Fordere ich sie dem Manne durch das Gesetz ab, so macht er mir nachher eine Kostenberechnung, die ich nach dem, was ich schon von der Frau gehört, gar nicht im Stande wäre zu bezahlen.«

»Nein, dahin darfs nicht kommen!« entgegnete rasch der Brauer, »wenigstens müßtet Ihr erst den Hauptvortheil vorne weg zu gewinnen suchen, und das ist – das Recht des Besitzes, in dem sich Wagner jetzt befindet. Wer eine Sache einmal wirklich hat, dem ist sie hier in Amerika verdammt schwer aus den Zähnen zu reißen, selbst wenn er noch weniger anscheinendes Recht darauf hätte, als Wagner hier in diesem Falle; verhielt sich aber die Sache umgekehrt, wäre die Tochter bei Euch, und wollte sie Wagner nun wieder haben, oder die Entschädigungssumme ausgezahlt bekommen, dann müßte er klagen und Ihr, in St. Francisville könntet nachher eine Gegenrechnung für geleistete Dienste aufsetzen, die sich gewaschen hat.« –

»Dann bleibt mir weiter Nichts übrig, als mein eigenes Kind zu stehlen!« rief Schwabe.

»Ganz meiner Meinung!« sagte der Brauer und leerte den letzten Rest des Blechmaaßes auf einen Zug – »ganz meiner Meinung,« wiederholte er, als er fertig war, und das Gefäß klappernd auf den Tisch zurückstellte – »und Nichts leichter als das! Ich bin heute Morgen mit dem Mailboot von Louisville gekommen, und habe unten an der Landung das Sternwheelboot[10] Raritan getroffen, das, wie mich der Capitän fest versicherte, morgen früh mit dem Schlage Acht, Cincinnati verläßt. Der Raritan geht allerdings nur bis zur Mündung des Arkansus, den Mississippi hinunter; das schadet aber Nichts, dort langen täglich wenigstens zwei oder drei stromabgehende Boote an, und Ihr Beide könnt in fünf bis sechs Tagen in Louisiana sein.«

[10]: Sternwheelboot ist ein Dampfboot, das, gewöhnlich mit zwei Maschinen, nur ein großes Rad hinten am sogenannten Stern hat, und von diesem also gänzlich vorwärts geschoben wird. Diese Art Boote scheinen aber nicht besonders praktisch, und es giebt deren nur sehr wenige auf den Amerikanischen Flüssen.

»Aber wie bekomme ich Louise aus Wagner's Händen, ohne daß dieser etwas davon merkt?«

»Louisen? Ei, Ihr geht einfach zusammen fort, denn Wagner läßt sich nie Morgens vor neun Uhr unten sehen – so lange schläft er, weil er die Nacht so spät aufbleibt, und das arme, junge Mädchen muß schon von sechs Uhr an Frühstück und Alles besorgen, dann auf dem Markt einkaufen, die Eier oder vielmehr die Bäkereien in Ordnung halten, und Gott weiß, was sonst noch für Sachen und Geschäfte verrichten. Du siehst also zu, daß Du heute Abend noch einmal Gelegenheit bekommst, mit Deiner Tochter zu sprechen, und das Uebrige überlasse mir – ich bin dort im Hause bekannt wie ein bunter Hund, und werde das Alles schon besorgen. Jetzt aber, damit Du keinen unnöthigen Verdacht erregst, oder einen vielleicht schon erregten wieder beschwichtigst, gehst Du zu Wagner's Haus zurück, und erklärst dorten, daß Du sie – Wagner's, bittest, Deinen Wunsch nochmals zu überlegen und zu prüfen, stelle ihnen dabei vor, wie sich die Mutter sonst grämen wird etc. – das hilft doch Alles nichts, aber es macht sie sicher – hiernach theile ihnen mit, daß Du gesonnen seist, drei Tage in Cincinnati zu bleiben und nach Ablauf dieser Frist wünschest, eine bestimmte Antwort von ihnen zu hören – das sagst Du ihnen übrigens nur, wenn Du allein mit ihnen bist, verstehst Du? Ihr braucht dazu gerade keine Zeugen. Apropos, haben sie Dich schon eingeladen, bei ihnen zu wohnen?«

»Nein – sie wissen ja gar nicht, wie lange ich hier bleiben wollte.«

»Gut, desto besser – thun sie es jetzt, so sagst Du, Du hättest es mir schon versprochen; morgen früh hast Du denn weiter nichts zu thun, als in dem Augenblick, wo ich das Zeichen von unten herauf bekomme, daß das Boot die Springkette losläßt, Dein Kind abzuholen, in Mainstreet soll dann ein Wagen für Euch stehn, und daß sie unten nicht eher abfahren bis Ihr an Bord seid, dafür will ich auch schon Sorge tragen.«

Alle weiteren Bedenklichkeiten des immer noch nicht recht fest Entschlossenen, machte übrigens der wackere Brauer zu Schanden, bewies ihm, daß er, wenn er nicht ein wahrer Rabenvater wäre, sein Kind mitnehmen müsse, und redete ihm so in's Herz hinein, daß sich Schwabe, dessen heißester Wunsch das Alles ja von Anfang an selbst gewesen, nur zu gern überreden ließ, in jeder Hinsicht dem Rath seines neugefundenen Freundes zu folgen, mit dem er auch jetzt die näheren Vorsichtsmaßregeln besprach und festsetzte.

Allerdings ging er nun von hier aus wieder nach Wagner's Haus zurück; so sehr er sich aber auch bemühte, seine Tochter, und sei es nur auf wenige Minuten, allein zu sprechen, so gelang ihm das doch keineswegs, denn eine direkte Unterredung mochte er nicht gern verlangen, weil er dadurch Verdacht zu erregen fürchtete; ja er hatte sogar schon, um seinen Vetter ganz sicher zu machen, diesem gesagt, daß er, da er sich doch jetzt einmal in Cincinnati befinde, einen guten Bekannten aufsuchen wolle, der mit ihm über See gekommen sei, und etwa zwei Stunden Wegs von der Stadt entfernt wohne, er würde daher auch wohl nicht vor morgen früh zehn Uhr zurückkehren können. Kaum vermochte er dabei mit dem fortwährend beschäftigten Kinde ein paar flüchtige Worte zu wechseln, doch hatten sie das vorausgesehn, und dafür schon Vorkehrungen getroffen. Der Brauer sollte nämlich, sobald ihm das nicht selbst gelang, den Abend bei Wagner's zubringen, und die Tochter bei der ersten sich ihm dort bietenden Gelegenheit auf die beabsichtigte morgende Flucht vorbereiten. Der Klugheit Louisens hofften sie dabei ebenfalls viel vertrauen zu können und glaubten jetzt die ganze Sache auf das vortrefflichste und zweckmäßigste eingeleitet und berathen zu haben.

So brav und ehrlich unser wackerer Brauer aber auch sein mochte, und so gut er's sicher in diesem Falle meinte, so war er doch – das ließ sich kaum läugnen – nichts weniger als ein Diplomat und kam fast nie zum Ziele, wo es einiger List und Scharfsinn galt, sondern meistens nur, wo er gerade ohne weitere Umstände hinein tappen durfte. So hatte er es denn auch in diesem Falle wohl eine volle Stunde lang umsonst versucht, Schwabes Tochter nur so viel merken zu lassen, daß er ein Paar Worte an sie allein zu richten wünsche. Vergebens blieb er mitten in der Schenkstube, allen Gästen im Wege stehen, um sie im Vorbeigehen anzureden, vergeblich verstopfte er über eine Viertelstunde durch seine breite, vierschrötige Gestalt die Hofthür, sie kam nicht einmal hinaus, und er wurde endlich durch die vereinten Bemühungen des Barkeepers und der schwarzen Köchin bei Seite geschoben, und bedeutet, daß dieser gerade der allerletzte Platz wäre, wo man ihn gern sähe. Er fing schon an, die Aufmerksamkeit der Gäste zu erregen, und beschloß nun einen andern, weniger gefährlichen aber gewiß sichern Plan zu verfolgen.

Zu diesem Zwecke ließ er sich in einer der am wenigsten beobachteten Ecken des Zimmers nieder, und drückte sich hier, seinen Blechkrug und das brennende Licht – denn es war indessen dunkel geworden – dicht vor sich geschoben, fast gewaltsam zwischen die scharfe Tischkante und die hier angebrachte, mit mächtigem Gehäus umschlossene Wanduhr. Dadurch gewann er den Vortheil, daß er, ohne den Kopf zu wenden, das ganze Zimmer übersehen konnte, und sobald er sich jetzt einen Augenblick selber unbeachtet sah, schlug er mit der Lichtschere gegen das Blech, was, wie er recht gut wußte, Louise im Nu an seine Seite brachte.

Das junge Mädchen sprang rasch auf ihn zu, und streckte die Hand nach dem Blechmaaß aus, um es wieder zu füllen; der Brauer hielt das aber mit der linken fest, während er mit der rechten ihren Arm ergriff, sie ein wenig zu sich hinüberzog und leise, aber schnell flüsterte:

»Erschrick nicht – er kommt morgen früh!«

Louise erschrak aber über das Plötzliche dieser Warnung und fast eben so über das sonderbare Gesicht, das der Brauer dabei machte, dermaßen, daß sie einen nur halbunterdrückten Schrei ausstieß.

Eigenthümlich war die Wirkung, die dieser Schrei auf den Brauer ausübte.

In demselben Momente fuhren die Gäste nach dem ziemlich hörbaren Ausruf herum und natürlich richteten sich dadurch ihre Blicke auf den in der Ecke Sitzenden, dieser aber riß mit einem plötzlichen Ruck beide Hände zurück, saß starr und steif da, zog die Backen ein, preßte dabei die Lippen fest aneinander, und schnitt ein so ungemein gleichgültiges und nichtsagendes Gesicht, daß Louise, die solch wunderbare Veränderung mit Blitzesschnelle vor sich gehen sah, in ein lautes Gelächter ausbrach, in das jetzt viele der Umstehenden mit einstimmten.

Der Brauer ließ sich nun allerdings nicht durch solche Kleinigkeiten außer Fassung bringen, damit war ihm aber auch für den Augenblick der ganze Anlauf verdorben, und er mußte wohl eine halbe Stunde vorübergehen lassen, ehe er einen neuen Versuch wagen durfte.

Als er zum zweiten Male an das Blech schlug, sah sich Louise allerdings wieder nach ihm um, blieb aber stehen, und des Brauers rasch und seltsam verzerrte Physiognomie, rief ihr eben so rasch die Grübchen in die Wangen zurück, denn sie konnte doch wahrlich nicht ahnen, daß dieses gräuliche Gesichterschneiden irgend einen bedeutsamen Zweck für sie haben sollte. Und dennoch war das so; der Brauer gab sich die nur erdenklichste Mühe, irgend einen mimischen Eindruck auf sie hervorzubringen, sobald er das nur irgendwie unbemerkt thun konnte, und die halb schlauen, halb ängstlichen Seitenblicke, die er dazwischen im Zimmer und besonders nach rechts und links hinüber warf, waren so unwiderstehlich komisch, daß die, zu deren Besten der sonst so ernste Mann all diese Muskelverzerrungen vortrug, endlich in allen Freuden und dem festen Glauben, »der Brauer habe heute einmal einen Schluck über den Durst gethan,« ihren Pflegevater darauf aufmerksam machte, und dadurch den ganzen, so schön und pfiffig ausgedachten Plan unseres Bierfabrikanten zerstörte. Wagner setzte sich bald darauf zu ihm, und der Brauer verließ eine Stunde später, höchst ärgerlich auf sich und die ganze Welt, die »City of München

Dadurch war es den Verbündeten freilich unmöglich geworden, die Tochter gehörig vorzubereiten, um am nächsten Morgen nicht zu viel Zeit zu verlieren. Nichtsdestoweniger trafen sie alle nöthigen Vorkehrungen, und kauften besonders mehre Kleidungsstücke ein, denn Louise sollte unter keiner Bedingung auch nur ein Stück der ihr von Wagner geschenkten Kleidungsstücke mitnehmen; selbst ein Bonnet und das Nöthigste, was sie für den Augenblick brauchte, konnten sie leicht in dem 150 Miles entfernten Louisville bekommen, wo sie genug Zeit behielten, Einkäufe zu machen, während das Dampfboot langsam durch die Schleusen des Canals gelassen wurde.

Der von Schwabe in ängstlicher Ungeduld so sehnlichst herbei gewünschte Morgen brach endlich an, und unten an der Landung waren die Feuerleute und Deckhands des Raritan schon emsig beschäftigt, die Kessel zu heizen und die Verdecke mit unzähligen heraufgeholten Eimern Flußwasser zu scheuern und abzuspühlen. Oben in der fünften Straße öffnete der Barkeeper des deutschen Kaffeehauses die Laden, fegte das Schenkzimmer aus und ging dann an seine gewöhnliche Morgenarbeit, das im Hinterhaus versteckt liegende Spielzimmer nach seinem nächtlichen Besuch zu reinigen und zu lüften und zum nächsten vielleicht schon sehr baldigen Besuch wieder herzurichten, mit welchem Geschäft er selten vor neun oder halb zehn Uhr fertig wurde.

Louise war indessen vorn in der Bar beschäftigt, staubte die Flaschen und Tische ab, spülte und wischte die Gläser aus, breitete neue Servietten auf die verschiedenen Kaffeebreter, füllte die kleinen Flacons mit Staunton Bittres und Pfeffermünzessenz, putzte die blind gewordenen Fensterscheiben und that überhaupt Alles, um die Schenkstube in ihrer gewöhnlichen Sauberkeit und Reinlichkeit zu halten und war so emsig dabei beschäftigt, daß sie gar nicht bemerkte, wie schon ein Mann mehre Minuten lang in der geöffneten Thüre stand und ihrem thätigen Schaffen und Treiben sinnend aber aufmerksam zuschaute.

Dem armen Mädchen gingen aber auch gar viele trübe und ernste Gedanken im Kopf herum – war nicht, wie ihr Mrs. Wagner gesagt, ihr Vater gekommen, und wollte er sie nicht ihrer jetzigen liebgewonnenen Heimath entreißen, um sie einer andern – wie ihre Pflegeeltern sagten – traurigen und freudlosen Existenz entgegen zu führen? war sie gezwungen ihm zu folgen, oder durfte sie bleiben, wenn sie ihm verweigert wurde? – Ja – durfte sie in dem Fall wirklich bleiben, oder zwang sie die kindliche Pflicht, dem zu folgen, der von der Natur das erste heiligste Recht auf sie erhalten hatte? Ach, wer half ihr aus diesen Zweifeln, welcher redliche Freund rieth ihr, was sie thun, was sie meiden sollte? –

»Louise!« sagte da eine leise – zärtliche Stimme – »mein Kind – meine Tochter.« –

Und Louise, als sie die bekannten Laute hörte, fuhr zusammen, daß ein Glas, an welchem sie gerade putzte, ihrer Hand entfiel und auf dem Boden klirrend zerbrach. Blitzesschnell fuhr sie herum, vor ihr aber stand, die Arme freundlich und liebend nach ihr ausgestreckt – ihr Vater. Das arme Kind wurde todtenbleich, zitterte an allen Gliedern und vermochte kein Wort über die Lippen zu bringen; Schwabe aber ergriff ihre Hand, zog die kaum Widerstrebende langsam an sich und flüsterte, indem er ihr liebkosend die Haare aus der Stirn strich:

»Mein Kind – mein liebes, gutes Kind, nicht wahr, jetzt läßt Du mich nicht wieder allein zu Deiner Mutter zurückkehren? der bräche das Herz darüber; nein, jetzt, jetzt verläßt Du mich nicht wieder, jetzt bleiben wir beisammen, und Du, nicht wahr, meine gute Louise, Du gehst mit mir zu Deiner Mutter nach Louisiana?«

»Aber wird mich Missis Wagner fortlassen?« murmelte in Angst und Unentschlossenheit das arme Mädchen – »wird sie –«

»Das sind böse Menschen, die Dich Deinen Eltern vorenthalten wollen,« drängte der Vater – »Du bist in dem Hause hier auch nicht gut aufgehoben, der Brauer hat mir Alles erzählt. Doch davon später. Jetzt drängt die Zeit, in wenigen Minuten geht das Dampfboot ab – die Ketten sind schon eingenommen, es hängt nur noch an einem einzigen Tau und wartet auf uns.«

»Jetzt?« rief Louise erschreckt, und suchte ihren Arm frei zu machen – »jetzt soll ich fort – heimlich fliehen?«

»In die Arme Deiner Eltern sollst Du, Louise – zu den Deinigen, die Dich auf den Händen tragen und für Dich sorgen werden, wie sie es sich schon so lange Jahre gewünscht.«

»Und ohne Abschied sollte ich fort von meinen Eltern, fort aus diesem Hause?« bat, immer ängstlicher werdend, die Arme – »Niemand ist hier im Laden – sie haben mich wie ihr Kind behandelt – sie haben mich lieb und ich – ich –«

Ein starkes Klopfen an den Fensterscheiben schreckte sie wieder empor und gleich darauf steckte ein kleiner Negerbursche den Wollkopf in die noch offene Thüre herein und rief mit seiner feinen, piepigen Stimme: »Raritan geht, Massa – haben schon steam 'nausgelassen, soviel – Wagen steht an der Ecke.«

»Siehst Du, mein Kind – es ist alles vorbereitet,« flüsterte der Vater und zog die Tochter der Thüre zu, »in wenigen Minuten können wir auf dem Dampfboote, in fünf Tagen kannst Du in den Armen und an dem Herzen Deiner Mutter sein – komm, komm, Louise!«

»Heiliger Gott! ich kann und darf ja doch nicht wie ein Dieb hier aus dem Hause entfliehen, das mir so lange Jahre Schutz und Nahrung gegeben, – ich möchte schon mit Ihnen gehen, Vater, aber – so – so nicht, so auf keinen Fall.«

»Louise – mein Kind!« bat noch einmal der Vater, und die Heftigkeit seiner Gefühle drohte ihm die Stimme zu ersticken – »Du wirst und darfst mich nicht allein zu Deiner Mutter zurückkehren lassen – Du mußt mit mir gehen – ich befehle es Dir als Dein Vater.«

»Um Gottes willen, Vater, Sie zerdrücken mir den Arm – ich darf wahrhaftig nicht fort.«

»Holla da, wer will Dich zwingen?« rief plötzlich eine rauhe, finstere Stimme, und Wagner, noch im Morgenkostüm, mit verschlafenen Augen und hoch aufsträubenden Haaren, trat in die Thüre, wo er – sobald er sah, daß Schwabe bei seinem Erscheinen den Arm der Tochter fast unwillkürlich losließ und sich rasch nach ihm umwandte, stehen blieb, und mit höhnischem Tone in seiner Rede fortfuhr. »So, Sir – also ordentlich Versteckens wird gespielt, um denen, die uns das eigene Kind lange und schwere Jahre hindurch gepflegt und erzogen, dieses, wenn man nachher anfängt seine Freude daran zu haben, förmlich zu rauben und zu stehlen? – da werde ich wohl am Besten thun, wenn ich gleich auf's Gericht gehe und die saubere Bescheerung anzeige – ich bin Bürger hier und will doch einmal sehen, ob mich das Gesetz nicht in meinem Eigenthum schützen wird.«

»Wagner,« murmelte Schwabe, und hielt noch immer den finsteren Blick auf sein Kind geheftet, das, keiner weiteren Bewegung fähig, jetzt, da sich sein Schicksal entschieden, an dem Schenktisch lehnte und weinte, als ob ihm das Herz brechen wollte – »Wagner, möge Gott Dir verzeihen, daß Du den Eltern das Kind verweigerst – die Summe, die Du verlangst, bin ich aber, das weißt Du recht gut, nicht im Stande zu bezahlen; Du weißt aber auch, daß Du die Summe nicht verdienst, daß mein Kind mehr für Dich gearbeitet, als das Wenige beträgt, was sie verzehrt und womit sie sich gekleidet. Gott nur sieht den Menschen in's Herz, ihm werden auch die Mittel bekannt sein, die Du angewandt, sein junges Blut gegen mich zu kehren. Daß ich mein Kind heimlich mit mir fortnehmen wollte, leugne ich nicht, und hättest Du es verhindert, so würde mich das arg geschmerzt haben, aber – es weigert sich selber mitzugehen – es will von seinen Eltern Nichts mehr wissen, und das ist hart, das hatte ich nicht erwartet, und das – thut auch recht weh, weher, als mir je ein Wort von Dir thun konnte, Wagner. So lebt denn hier Alle recht wohl – ich kehre nun wieder nach Cincinnati zurück, Dir aber, mein Kind, meine Louise« – und die herausquellenden Thränen machten seine Worte fast unverständlich – »Dir wünsch ich, daß Du nie fühlen, nie ahnen mögest, welchen Schmerz Du Deinen armen Eltern bereitet, die, Gott ist mein Zeuge, nur durch ihre Lage gezwungen waren, Dich so lange fremden Händen zu überlassen – lebe wohl, und möge Gott Dich segnen, ich kann nicht böse auf Dich sein. Aber halt, hier, das hat mir Deine Mutter für Dich gegeben, ich hatte einmal geglaubt, ich würde es nicht abzuliefern brauchen – gut so, es hat so sein sollen – Deine arme Mutter.«

Er ging auf die Tochter zu, legte ein kleines Paket neben sie auf den Schenktisch, drückte sie dann noch einmal rasch und heftig in die Arme, einen Kuß auf ihre Stirn und verließ, ehe Louise kaum wußte daß er sie losgelassen, das Schenkzimmer, vor dem eben wieder, jetzt aber mit breitem Erstaunen in den dunkeln Zügen, das Gesicht des Negerknaben aufgetaucht war.

Wie er nach Mainstreet und in den dort harrenden Wagen kam, wußte er nicht – in eine Ecke gedrückt, die Hände krampfhaft gegen das Gesicht gepreßt, fühlte er nur, wie die leichte Gig blitzesschnell mit ihm die steile Straße hinunterrasselte, und bald darauf vor dem wild schnaubenden und keuchenden Dampfboot hielt; dort aber kam er erst wieder zur Besinnung als der hier harrende Brauer den Kutschenschlag aufriß und ganz verblüfft stehen blieb, als er den Freund allein zurückkehren sah. Hier war aber nicht lange Zeit mehr zum Besinnen, der ungeduldige Ruf des Capitäns, der nun mit ganz außergewöhnlicher Gefälligkeit bis jetzt gewartet, trieb ihn an Bord –

»Sie wollte nicht mit!« rief der arme Vater nun trauernd dem Freunde zu, riß sich von diesem, der ihn noch zurückhalten wollte, los, sprang an Bord und keuchend und puffend drängte der Dampfer rückwärts in den Strom hinein, und warf die aufgerüttelten Wellen hinauf an das eben verlassene Ufer. In der Mitte des Stromes hielt die Maschine einen Augenblick und das Fahrzeug trieb eine kurze Strecke mit der Strömung hinunter, schwenkte dann nach der Seite hinüber, kehrte den Bug gen Westen und schoß blitzesschnell davon, während das eine mächtige Sternrad schäumende und zischende Wassermassen hinter sich hinaus schleuderte.

Und Louise? –

Das arme Mädchen war kaum im Stande, den Tag über ihre Geschäfte zu besorgen; das Hirn brannte ihr fieberhaft, und ihr war es, als ob sie fortwährend in einem Traume wandle, aus dem sie jeden Augenblick erwachen müsse. Ihr Vater? – das war ihr Vater gewesen, der sie hatte mitnehmen, zur Mutter mitnehmen wollen – ihr lebte eine Mutter, aber weit von hier, eine Mutter, die sie vielleicht lieb hatte, die ihrer harrte und sie? O wie dem armen Kind die Pulse flogen, wie seine Augen glühten und schmerzten. Sie konnte sich kaum noch aufrecht erhalten und Wagner, dem ihr verändertes Aussehen auffiel, schickte sie heute schon mit Dunkelwerden auf ihre Kammer.