Auch die Sagen von den Dämonen, d. h. mit göttlichen und natürlichen Eigenschaften ausgestatteten Wesen, welche wir sonst im Mythus mit den Gottheiten selbst verkehren sehen, wurzeln in dem alten Götterglauben. Wo die mit übermenschlichen Eigenschaften und daher mit der Kraft, den Menschen zu helfen oder zu schaden, begabten, dabei ein eigenes, abgeschlossenes Reich bildenden Dämonen in den Überlieferungen des Volkes nicht mehr gefürchtet, sondern geneckt und verspottet werden, da zeigt sich bereits der Einfluß des Christentums, dessen Verkündiger und Hüter bestrebt waren, die alten heidnischen Gottheiten in ihrer Ohnmacht und ihrem Nichts darzustellen.
Die Dämonenwelt zerfällt in Zwerge, Vegetationsgeister, Wassergeister oder Nixe, Riesen und Tierdämonen; wenn wir aber diese Dämonenwelt an uns vorüberziehen lassen, empfangen wir nicht bloß die Überlieferungen des germanischen, sondern zugleich auch solche des slavischen Götterkreises. In den Volkssagen der Wenden, Czechen und anderer sprachverwandter Nationen leben gleiche mit menschlichen und göttlichen Eigenschaften ausgestattete Wesen fort; sie sind demselben Quell entsprungen, aus welchem alle dem indogermanischen Sprachstamme angehörigen Völker schöpften, und das böhmische Volk erzählt vom Ursprunge dieser Dämonen: »Als Gott die übermütigen Engel aus dem Himmel verstieß, wurden aus ihnen die bösen Geister, welche den Menschen bei Tag und Nacht beunruhigen, ihn necken und schädigen. Die in die Hölle stürzten und in die Löcher und Abgründe, das sind die Teufel und die Todmädchen. Aus denen aber, die auf die Erde fielen, wurden die Kobolde, Schrätlein, die Zwerge, Daumlinge, die Alpe, die Mittags- und Abendgespenster und die Irrlichter. Die in die Wälder fielen, wurden zu Waldgeistern, als da sind: die Hemänner, die wilden Männer, die Waldmänner und die wilden Weiber und Waldfrauen. Jene endlich, die ins Wasser fielen, wurden zu Wassergeistern, zu Wassermännern, zu Meerjungfern und Meerfrauen.« (Grohmann, Sagenbuch aus Böhmen und Mähren, I. S. 108.)
Die Zwerge, welche die Volkssage nicht bloß in Böhmen, sondern auch in Tirol und der Schweiz als gefallene, obschon nicht ganz verdorbene, sondern nur verführte Engel ansieht, die aber nach einer Überlieferung aus Schwaben einst über die Menschen herrschten und von diesen göttlich verehrt wurden, sind vorzugsweise die Phantasiegebilde der Gebirgsbewohner. Sie gleichen vielfach den gnomenartigen Yakschas der indischen Sagenwelt, welche in den Gebirgen die Schätze des Metallgottes Kuveras hüten, und wie nach dem Glauben der alten Griechen die Pygmäen wie Ameisen in der Erde wohnten, so halten sich auch die Zwerge des deutschen Sagenkreises, dem sie hauptsächlich angehören, vorzugsweise in Höhlen und Klüften auf, während die Wenden der Lausitz die Wohnungen ihrer Zwerge, der Ludki, in die heidnischen Grabhügel verlegen, deren Urnen nach dem Volksglauben Hausgeräte des Zwergvolkes sind.
Von allen Wesen wurden die Zwerge nach der Edda zuerst geschaffen, sie schmiedeten gleich den Göttern Erze und lebten in dem Körper des aus Reif oder gefrorenem Tau entsprungenen Riesen Ymir, der die Welt bedeutet. (Henne-Am-Rhyn a. a. O. S. 282.) Unter einem Könige zu einem Volke vereinigt, lebten sie friedlich mit den Menschen, für welche sie arbeiteten und die sie häufig für kleine Dienste reichlich belohnten. Besonders thaten sie frommen und armen Leuten Gutes. Gewisse übermenschliche Eigenschaften und Fähigkeiten, die Kenntnis von geheimen Heilkräften, z. B. denen der Bärwurz und des Baldrian gegen die Pest, ihr Auftreten als Hüter unermeßlicher Schätze, aber auch nach Jakob Grimm die Liebe zu den Tönen, knüpft ihr Geschlecht an höhere Wesen, vorzüglich an Halbgötter und Göttinnen. (Deutsche Myth., S. 264.) Während sie auf der einen Seite dadurch, daß sie den Menschen beistehen, ihnen Glück bringen und sie belohnen, sich denselben nähern, scheinen sie, um mich der Worte Jacob Grimms (a. a. O. S. 259.) zu bedienen, doch überhaupt von ihnen zurückzuweichen, und »so machen sie den Eindruck eines unterdrückten, bedrängten Volksstammes, der im Begriffe steht, die alte Heimat den neuen mächtigeren Ankömmlingen zu überlassen«. Übereinstimmend damit bemerkt auch Preusker in seinen Blicken in die vaterländische Vorzeit (I. S. 54.), daß die Zwergsagen der Lausitz, des Vogtlandes, Harzes und Thüringens auf zerstreute slavische Ansiedler hinweisen, die später von den vordringenden Deutschen verdrängt und unterdrückt wurden, so daß sie sich verbergen und ihre Wohnsitze verlassen mußten. Ja nach einer Lausitzer Sage, die Veckenstedt (Wendische Sagen, S. 157.) mitteilt, stammen die Wenden von den Ludkis ab. Unsere erzgebirgischen Sagen erzählen, wie die Zwerge durch Lauch, den man in die Milch that, durch Aufrichtung der Pochwerke, Eisenhämmer und des »Klippelwerks«, sowie dadurch vertrieben wurden, daß man die Knödel im Topfe und die Brote im Backofen zählte. Sie werden aber wiederkommen, »wenn die Hämmer würden abgehen.« Von Schmiedeberg zogen sie über die Eger. Ähnlichen Überlieferungen begegnen wir anderwärts. In der Lausitz konnten sie das Kümmelbrot und Glockengeläute nicht vertragen und sie ließen sich von einem Bauer aus Hainewalde über die böhmische Grenze fahren. Bei Langenberg fuhren sie in einer mondhellen Nacht über die Elster, und die Zwerge, welche ehemals in den Hüttener Bergen, besonders in dem Kindelberge und im Pläterberge bei Wittensee wohnten, kamen in der Nacht an die Hohner Fähre und ließen sich übersetzen. (Müllenhof, Schleswig-Holst. Volkssagen, No. 329.) Auch die Wichtel- oder Heinzelmännchen des Spatenberges fuhren über einen Fluß. (Witzschel, Sagen aus Thüringen, S. 107.)
Überall spricht sich dabei der Groll über menschliche Treulosigkeit und Unduldsamkeit, ursprünglich wohl über den Abfall von den heidnischen alten Göttern aus. Wenn aber in anderen Gegenden der Glockenton die Zwerge vertrieb und letztere demnach in der Sage der Kirche unfreundlich gegenüber treten, so bauten sie wieder nach einer dazu fremdartig erscheinenden Überlieferung im Erzgebirge die Steiner Pfarrkirche, indem sie des Nachts das Baumaterial von unten, wo man die Kirche zu errichten beabsichtigte, auf den Berg trugen. Sie übernehmen hier eine Arbeit, welche nach anderen Sagen einem weißen Pferde oder einem anderen gespenstischen Wesen zugeschrieben wird.
In den Volksüberlieferungen werden die Zwerge, deren Frauen nach einer unserer Sagen die Klagemütter, in der Lausitz jedoch die Busch- oder Holzweibel sind (Preusker a. a. O., S. 52.), in mehrere Gattungen mit verschiedenen Namen geschieden, welche jedoch nicht immer streng von einander zu trennen sind. Vielfach gehen die eigentlichen, bunte Röcklein oder spitze rote Hüte tragenden und Höhlen und Schluchten des Gebirges bewohnenden Zwerge in Berggeister über. Letztere, als ursprünglich gutmütige und in Gestalt sehr verschieden, meist als Bergleute, Mönche, jedoch auch in einer erzgebirgischen Sage in Roßgestalt auftretende Wesen, nähern sich wieder, indem sie zuweilen boshaft werden, den Kobolden.
Der Berggeist kommt nur beim Bergwerke vor, und die Sagen von ihm sind gewiß so alt wie der Bergbau selbst. Mit Recht weist daher Wrubel (Sammlung bergmännischer Sagen, S. 5.) darauf hin, daß man unsern Berggeist wohl vom Rübezahl des Riesengebirges, welcher besser »Gebirgsgeist« zu nennen sei, unterscheiden müsse. Wenn wir auch in den Sagen vom Berggeiste einen Überrest des heidnischen Götterglaubens haben, so mochten doch die stetigen Gefahren, denen der Bergmann bei seinen Berufsgeschäften ausgesetzt ist, das von verschiedenen abergläubischen Meinungen beeinflußte Gemüt mit Bangen vor einer unterirdischen Macht erfüllen, welche allmählich festere Form annahm und zu einem Beherrscher des unterirdischen Reiches wurde. (Wrubel a. a. O., S. 8.)
Die Berggeister waren die Hüter von edlen Erzgängen, und vielleicht sind die sagenhaften Überlieferungen von den rätselhaften Fremden, welche das Erzgebirge, den Thüringerwald, das Vogtland, Fichtelgebirge und andere Landschaften nach Gold durchsuchten, und die als Venetier oder Wahlen von dem Volke mit überirdischen Kräften ausgestattet wurden, die das Innere der Berge kannten und mancher Zauberkünste kundig waren, zum Teil auf die Schätze hütenden Berggeister zurückzuführen.
Venetier, die nach der Volkssage in verschiedenen Gestalten auftraten, wuschen auch die Goldkörner aus den Brunnen und Flüssen, und so gehört wohl auch die Sage von dem Hutmanne in Wiesenthal, welcher einstmals auf dem Fichtelberge an einem Brunnen, dessen Boden von eitel Goldflammen leuchtete, einen in einem Buche lesenden Mönch antraf, ebenfalls hierher.
Ein anderes Geschlecht der Zwerge sind die Hausgeister und Kobolde, welche eine mehr heitere und neckische, zuweilen selbst boshafte Natur besitzen. Sie halten sich vorzugsweise in den Wohnungen der Menschen, aber auch in Bergwerken auf, und nur ganz vereinzelt erscheinen sie im Freien. Wie die Zwerge und die später besprochenen Moosweibchen sind auch die Kobolde unselige Geister. Daher hat ein Knabe in Lauter, welchem ein solcher Kobold keine Ruhe ließ, fleißig gebetet und gesagt: »Laß mich doch in Ruhe; wenn Du nicht beten willst und auch nicht beten kannst, so gehe Deiner Wege.« Andere Hausgeister sind befriedigt, wenn man ihnen ein wenig Milch aufstellt, und wäre es auch nur in einem Katzenschüsselchen, so daß sie daher Katzenveit, Heinzelmann, Katermann u. s. w. heißen. (Rochholz, Deutscher Glaube und Brauch, I. S. 18.) Der erzgebirgische Katzenveit, dessen Jacob Grimm nur kurz und zwar als eines »Waldgeistes« im Fichtelgebirge gedenkt, erinnert in mancher Beziehung wieder an den Rübezahl des Riesengebirges.
Ein Hausgeist, wie das vogtländische »Schreckgökerle«, vor dem sich die Kinder fürchten, ist das »Schreckagerl«, welches wie andere Kobolde bei der Arbeit hilft; nur muß man ihm dafür zu essen geben. Dieses hilfreiche Beistehen bei der häuslichen Arbeit, das Füttern des Viehes, das Fegen der Küche und dergl. mehr gehört so recht zum Wesen der Kobolde. Unser Bahnbrecher in der Kenntnis der germanischen Götterlehre sagt in seiner deutschen Mythologie (S. 284.), daß es ihm scheine, man habe früher aus Buchsbaumholz kleine Hausgeister geschnitzt und dieselben in dem Zimmer aufgestellt; der Ernst habe sich in Scherz umgewandelt und die christliche Ansicht habe die Beibehaltung des alten Brauches geduldet. In gleicher Weise mag aber auch aus dem ursprünglich dienstfertigen Kobolde, welcher das Gesinde weckte und nach dem Rechten im Hause sah, mit der Zeit ein Polter- und Plagegeist geworden sein, der dann mehr teuflisch und gespenstisch auftrat. So sank, wie Jakob Grimm sich ausdrückt, der getreue Hausfreund des Heidentums zum Schreckbild und Gespött der Kinder herab, ein Los, das er mit Göttern und Göttinnen teilt. (Deutsche Myth., S. 293.)
Als Kindergespenst tritt überall im Erzgebirge das »Jüdel« oder »Hütchen« auf, welches den letzten Namen vielleicht von dem roten Hute der Zwerge hat. Das Jüdel spielt während ihres Schlafes mit den Kindern; es spielt auch des Nachts mit den Kühen. Will man das Jüdel als Hausgeist unterhalten, so muß man demselben Spielsachen geben. Wie unter den Kobolden der Katzenveit vom Kohlberge bei Zwickau und die Männchen des Koboldsteins bei Kloster Maria Sorg, so waren auch der Kaspar des Greifensteins und der Geist Mützchen bei Freiberg keine eigentlichen Hausgeister; bei letzterem ist durch die Nebelkappe deutlich seine Zwergnatur gekennzeichnet.
Zahlreich melden uns endlich Sagen von koboldartigen Wesen, welche in den Zechen den Bergknappen entgegentraten. Sollen doch die beiden Metalle Kobalt und Nickel, nach denen gegenwärtig vorzugsweise die Gruben des Schneeberg-Neustädtler Reviers abgebaut werden, von zwei neckischen Geistern ihre Namen erhalten haben. Von dem Kobalt, dessen Name zwar auch von dem böhmischen Kow, das Erz, kowalty, erzhaltig, abgeleitet wird, sagt ein alter Bergprediger: »Ihr Leute heißt es Kobalt und die Deutschen nennen den schwarzen Teufel Kobel, der Menschen und Vieh durch Zauberei Schaden thut. Es haben nun aber der Teufel und seine Hallraunen oder Drutten dem Kobalt, oder der Kobalt den Zauberinnen den Namen gegeben, so ist Kobalt ein giftig und schädlich Metall.« (Merkel, Erdbeschr. v. Kursachsen I. S. 176.)
Mit den Kobolden teilweise verwandt sind die Irrlichter, welche man sich als lebende Wesen vorstellt. Sie führen Menschen irre, hocken sich ihnen auf oder bestrafen sie auch, wie die erzgebirgische Sage von der unheimlichen Fackel erzählt. Irrlichter können aber auch in feuriger Gestalt umherschweifende Seelen sein, welche nicht der himmlischen Seligkeit teilhaftig wurden, und dann nähern sie sich den zum Gespensterspuk gehörenden feurigen Männern.
Aus der Klasse der Vegetationsgeister begegnen wir im Erzgebirge, als einem ursprünglichen Waldgebirge, hauptsächlich den Walddämonen unter den Namen von Waldgeistern, Waldteufeln, Moosmännchen, wilden Weibern und Holzweibchen. Wie die Nixe fügen sie sich nicht in die Civilisation, und obschon sie zuweilen freundlich mit den Menschen verkehren und dieselben für geleistete Dienste belohnen, so ist ihnen doch der Humor, welcher die Zwerge auszeichnet, fremd, und Schwermut oder große Wildheit charakterisiert sie. Zuweilen treten die Holzweibchen als Schicksalsverkündiger oder Wetterpropheten auf. Der wilde Jäger oder der Teufel verfolgt sie auch im Erzgebirge und ein Baumstamm mit eingehauenen Kreuzen gewährt ihnen gegen denselben Schutz, wenn sie sich auf ihm niederlassen. Die vogtländische Sage, welche von ihnen das meiste weiß (Jul. Schmidt, Topographie der Pflege Reichenfels und Witzschel, Sagen aus Thüringen), erzählt, daß sie vor dem wilden Jäger Ruhe finden, wenn sie sich auf einen Stamm setzen, in welchem während der Zeit, da man den Schall des niederfallenden Baumes hört, drei Kreuze in einem Zwickel gehauen wurden. Im Sagenschatz des K. Sachsen (zu No. 550.) bemerkt hierzu Gräße, daß viele glauben, die Holzweibchen seien aus den heidnischen Sorbenfrauen entstanden, die vor dem Christentume in die Wälder geflohen, wenn sie dieselben aber wieder verlassen hätten, von den Christen verfolgt bei Stämmen, auf denen drei Kreuze eingehauen gewesen, Schutz gesucht und gefunden hätten. Dagegen zählt Jakob Grimm die Holzweibchen, die nach ihm einen Übergang zu den Zwergen bilden, zu dem heidnischen Gespensterspuk, der sich aus den Vorstellungen von halbgöttlichen Wesen, mit denen das Heidentum den Wald bevölkert dachte, entwickelte. (Deutsche Myth., S. 243 und 520.) Und Nork greift in den Sitten und Gebräuchen der Deutschen (S. 63.) sogar auf die Gnomengestalten der indischen Sagen zurück, mit denen er unsere ähnlichen Sagenstoffe wie Ausläufer aus einer gemeinschaftlichen Wurzel in Verbindung setzt. – Unsere Sage nennt die Holzweibel auch Buschweibchen und faßt sie teilweise als den Moosweibchen gleiche Wesen auf. Die Moosweibchen waren immer zwerghaft und über und über mit Moos bewachsen; nach der thüringischen Sage wohnten sie an dunklen Orten und in Höhlen unter der Erde. (Richter, Sagen des Thüringer Landes, IV. S. 43.) Wie in Thüringen die Moosweibchen, so kamen auch im Erzgebirge die Buschweibchen zuweilen in die Wohnungen der Menschen und begehrten daselbst Essen. Sie beschenkten mit Spänen und Laub, welche Dinge sich später in Gold verwandelten. Bei uns wurden sie wie die eigentlichen Zwerge vertrieben, als man das Brot im Backofen zählte.
Neben den Sagen vom Erscheinen der Holzweibchen im Erzgebirge, von denen ein Teil allerdings nur noch in älteren schriftlichen Überlieferungen vorhanden ist, leben im Volke noch Redensarten, welche sich auf den Glauben an das frühere Erscheinen dieser dämonischen Gestalten beziehen. So sagt man in der Gegend von Schneeberg: »Das Holzweibel hat aufgehängt«, wenn man früh an den Büschen Spinnweben ausgespannt sieht, die auf beständiges schönes Wetter gedeutet werden. Steigen weiße Nebel aus den Waldungen auf, so sagt der Gebirger: »Das Holzweibel heizt ein, es wird ander Wetter!« (Lindner, Wanderungen durch das sächsische Obererzgebirge, I. S. 4.) Bei Brunnersdorf warnte man noch vor wenigen Jahren die Beeren suchenden Kinder vor dem Buschweibchen und ermahnte sie, im Walde der Sicherheit wegen beisammen zu bleiben; bei Kupferberg sagt man von eilig Dahinlaufenden: »Der läuft wie der Teufel, wenn er dem Holzweibel nachläuft«, und in der Gegend von Platz nennt man kleine vermummte Kinder scherzweise Buschweibel. (Edw. Heger in der Erzgebirgszeitung VI. S. 55 und 56.) Ähnliche Redensarten sind in anderen deutschen Gegenden gebräuchlich. So sagen z. B. die Bauern in der Zittauer Gegend, wenn daselbst die Berge dampfen: »Die Holzweibchen kochen Kaffee« (Haupt, Sagenbuch etc. No. 38.), während die Erdmännchen am Eisengraben backen, wenn gewisse Nebel auf dem Kaisacker im Frickthale aufsteigen, und die Wölkchen, welche hoch am Gebirge schweben, in Tirol für die aufgehängte Wäsche der Holzweibchen gehalten werden, die schönes Wetter verkünden. (Gartenlaube, 1880, No. 31. und Henne-Am-Rhyn a. a. O., S. 261 und 278.)
Mir scheint, als ob sich auch der Name »Käthel« in manchen Volksüberlieferungen auf ein dämonisches Wesen, vielleicht ein Holz- oder Buschweibchen bezieht.
Das enge Muldenthal zwischen dem Mehltheuer und der hohen Rieß unterhalb der Haltestelle Niederschlema heißt im Volksmunde das »Käthelloch« und man prophezeit auf Grund der in ihm lagernden Nebel auf eine Änderung des Wetters. Es erinnert dies an Volksmeinungen in Nordböhmen. Die Frauen in Neuland bei Gabel sagen, wenn der Rollberg von Wolken umzogen ist, daß das Roll-Kathel koche und in Sukohrad spricht man in ähnlicher Weise: »Die Geltsch-Käthe kocht.« (Mitteilungen des Nordböhm. Excursions-Clubs, 7. Jahrg. S. 95.)
Während den Holz- und Moosweibchen ein Grad von Gutmütigkeit und Zuneigung zu den Menschen zukommt, sind die Waldgeister und Feldteufel schreckhafte Gestalten. Auch der Hemann, welcher sich ebenfalls im Gebirge sehen läßt und Antwort giebt, wenn man ihn im Walde laut mit »He he, hu hu!« ruft, hat Freude an dem Schaden der Leute.
Zu den Vegetations- und insbesondere zu den Feldgeistern ist weiter das Mittagsgespenst zu zählen. Schon die alten Kirchenschriftsteller des 6. Jahrhunderts schreiben eine Reihe von Krankheiten dem Mittagsteufel zu; seinetwegen wurden die Kirchen, welche sonst den ganzen Tag bis zum Abendläuten offen stehen sollten, während der Mittagsstunde zugeschlossen. In der Schweiz wandeln bei der vom Volke keineswegs als gnadenreich gehaltenen Mittagssonne die verwünschten Schloßjungfern umher, und wie die Pest früher morbus meridianus hieß, so ist auch das Mittagsgespenst der Wenden teilweise zugleich die Pestjungfrau. (Rochholz, Deutscher Glaube und Brauch, I. S. 67.)
Die slavische, zu den Feld- und Waldgeistern gehörende Marzebilla tritt ebenfalls im Erzgebirge auf. Sie führt die Leute ins Dickicht und an fruchtbare Stellen, wenn sie beten, überläßt sie aber ihrem Schicksal, wenn sie fluchen.
Die Wehklage aber gehört teilweise wie das Klopfen an die Thüre, ohne daß jemand draußen steht, das Rufen des eigenen Namens, als ob derselbe aus weiter Ferne hertönte, und viele andere geheimnisvolle Laute, aus denen das Volk auf Tod oder bevorstehendes Unglück schließt, zu den Voranzeichen. (Rochholz a. a. O., I. S. 143.) Auf dem Harze ist die Klagemutter Frau Holle, (Henne-Am-Rhyn, a. a. O., S. 562.), anderwärts ist eine »Heulmutter« oder »Frau Hel« die Schattengöttin Hel, welche an dunkeln Furten sitzt. (Rochholz a. a. O., I. S. 90.) Nach einer Sage aus der Gegend von Fulda ist die Wehklage dagegen unverkennbar ein Waldgeist, denn man sagt daselbst, wenn jemand sterben sollte, so sei eine Waldfrau von der wilden Frauen-Loch hergekommen und habe sich wehklagend in der Nähe des Sterbehauses gezeigt. (Wolf, Hessische Sagen, S. 53.) Eine erzgebirgische Sage bezeichnet die Klageweibel als Frauen verbannter Berggeister und Zwerge. – Wenn nach der Edda die Zwerge und Riesen dem Menschen in der Schöpfung vorangingen und weiter nach alter Überlieferung von beiden Dämonen die Zwerge zuerst geschaffen wurden, um das wüste Land und Gebirge zu bauen (J. Grimm, Myth., S. 253.), so fügt noch eine Oberpfälzer Sage hinzu, daß alle Zwerge, da sich das trockene Land noch nicht abgeschieden hatte, zunächst im Wasser lebten. Sie waren demnach im Anfange gleich den Nixen. Der männliche Nix, Necker oder Nicker, erinnert nach einer anderen Überlieferung wieder an den skandinavischen Odhin, dessen Beiname Nikarr ihn als den Wellen besänftigenden Meergott bezeichnet. (J. Grimm a. a. O., S. 276.) Der Nikur soll als schönes apfelgraues Roß am Meeresstrande erscheinen, und ein großes Pferd mit ungeheuren Hufen zeigt sich auf dem Wasser, wenn Sturm und Gewitter aufsteigen. Anklängen an diese Vorstellungen begegnet man im Erzgebirge. Es mag dabei auf die Sagen vom Grundtümpel bei Wildenau und von dem Sturmwinde bei Oberscheibe, der in die Teiche fuhr und das Wasser in die Höhe warf, »als wenn sich zwei Pferde im Wasser mit einander schlügen«, hingewiesen werden. Vorherrschend schildert die Sage den männlichen Nix als häßlich, ausnahmsweise wird er als von schöner Gestalt beschrieben. Er hat struppige grüne Haare und grüne Zähne, Rock und Hosen sind immer zerrissen und kotig. Auch die slavischen Flußnixen sind grünhaarig und der finnische Wassergott Ahto hat einen Grasbart. (Rochholz, a. a. O., II. S. 281.) Der Nix im Grundtümpel bei Wildenau, welcher ein Krönlein auf dem Haupte trug, sah blau aus. Grün und blau aber sind dämonische Farben, und besonders weist letztere Farbe auf Wuotan hin, dessen Leibfarbe ebenfalls blau ist. Haupt bemerkt in seinem Sagenbuche der Lausitz (No. 44.), daß, obschon der skandinavische Odhin im Gegensatze zu dem deutschen Luft- und Sturmgotte Wuotan auch Nix ist, bei den Slaven vielleicht der Luftgott zu einem Wassergotte wurde. Hier berühren sich jedenfalls germanische und slavische Überlieferungen. Die Freude aller Wassergeister ist Tanz, Gesang und Musik. Auch die erzgebirgische Nixensage erzählt von zu Tanze gehenden Wasserjungfrauen, sowie vom »thörichten See« bei Satzung, in welchem ein Nix seine Wohnung hatte, daß man daselbst mittags großen Tumult und Alarm von Jauchzen, Schreien, Geigen und Pfeifen gehört habe, als ob eine lustige Bauernhochzeit in dem See abgehalten würde. In dem Sagenbuche der Lausitz hat Karl Haupt mehrere unter der slavischen Bevölkerung lebende Sagen mitgeteilt und er bemerkt dabei, daß der musikalische Nix der Wenden ebenso bezeichnend für die slavische Anschauung sei, wie die Querxe oder Zwerge und der wilde Jäger, die Berg- und Luftbewohner, für die Anschauung der Deutschen.
Das was Jacob Grimm (deutsche Myth., S. 280.) im Allgemeinen bei den Wassergeistern hervorhebt, nämlich ein Zug von Grausamkeit und Blutdurst und die Ausübung blutiger Rache, welche in den Sagen von diesen Geistern so vielfach wiederkehren, dabei aber auch ein Beispiel für die Aufrechterhaltung der männlichen Ehre, welche dem Nix charakteristisch ist, finden wir in der Sage von dem obengenannten thörichten See vereinigt. Hier belohnt auch der Nix einen Holzhacker für den geleisteten Dienst, indem er ihm einen Beutel schenkt, der nie leer werden sollte, so oft er auch hineingreifen würde. Die Belohnung für geleistete Dienste, scheinbar unbedeutend und doch so reich, ist eine Handlung, welche uns an ähnliche Handlungen in den Zwergsagen erinnert; das Wesen der Kobolde und Poltergeister aber nehmen die Nixe an, wenn sie ohne Veranlassung, wie dies bei Elterlein geschah, ruhige Arbeiter und Spaziergänger erschrecken.
Der Nix der Zschopau fordert jedes Jahr sein Opfer. Es ist dies eine Überlieferung, welche auch der Lausitz nicht fehlt und die sich in gleicher Weise bei der Saale, Elster, Donau, Oder u. s. w. wiederholt. In die Bode bei Quedlinburg warf man früher in bestimmter Frist einen schwarzen Hahn; geschah dies nicht, so forderte der Fluß ein Menschenleben. Wenn auch nicht bei allen Überlieferungen von den jährlich ein Menschenleben fordernden Flüssen die Nixe ausdrücklich genannt werden, so ist doch immer dabei an heidnische Menschenopfer, welche den Wassergeistern gebracht wurden, zu denken. (Haupt a. a. O., No. 45.) Als man die Opfer nicht mehr freiwillig brachte, holte sich diese der Flußgeist selbst.
Schließlich mag noch auf die in unserem Sagenkreise etwas fremdartig erscheinende Seebergjungfer, welche zuweilen an den Hoderwiesteich bei Seestadtl kam, um daselbst zu baden, hingewiesen werden. Sie erschien halb als Fisch und zur Hälfte als Mensch und erinnert durch diese Gestalt an die keltische Brunnennymphe Melusina, deren Namen wir aber in einer Sage aus dem böhmischen Teile des Erzgebirgs einer Luftgottheit beigelegt finden. Jac. Grimm ist geneigt, alle Vorstellungen von geschwänzten Nixen als echt deutsche anzuzweifeln. (Deutsche Myth., S. 277.) – Der vielleicht bis zur europäischen Völkerwiege zurückreichende Glaube an Wasserdämonen hat bei den auseinandergehenden Völkerstämmen mancherlei Gestalt angenommen. Verwandt mit unsern deutschen und slavischen Nixen und den keltischen Brunnennymphen sind die indischen Apsaras, d. h. die aus dem Wasser Entsprossenen. – Zur Dämonenwelt gehören auch die Riesen, welche nach der germanischen Mythe erst nach den Zwergen erschaffen wurden, um die Ungeheuer und Würmer zu erschlagen. Abgesehen von den chronikalischen Überlieferungen von Riesenknochen, welche da und dort gefunden wurden, fehlen im Erzgebirge eigentliche Sagen von Riesen und ebenso ist es jedenfalls auch bemerkenswert, daß sich bei uns nicht, wie dies in anderen Gebirgen der Fall ist, Riesensagen mit gewaltigen Felsmassen verknüpfen, welche nicht selten mauerartig aufgetürmt, die bewaldeten Höhen krönen, oder die durch ihre absonderliche Form – ich erinnere dabei an die granitischen »Hefenklöse« bei Johanngeorgenstadt und den Rockenstein bei Schönheiderhammer – die Aufmerksamkeit der Bewohner gewiß schon in früherer Zeit erregten. Die so häufig im oberen Erzgebirge auftretenden Blockwerke hat das Volk nüchtern betrachtet, während es z. B. im Vogtlande in ihnen die Hinterlassenschaft von Riesen erblickt, und spitze Felskegel haben seine Phantasie nicht wie in der Lausitz erregt, wo ein solches bei Heidersdorf anstehendes Naturgebilde als Keule eines Riesen gedeutet wird. (Eisel, Sagenbuch des Vogtl., No. 22–25. Haupt, a. a. O., No. 90–93.)
Die kindlichen Naturmenschen konnten sich entfernte Erscheinungen, welche sie am Himmel oder im Luftkreise beobachteten, nur durch Vergleichung mit näheren bekannten erklären. So war ihnen der Blitz eine feurige Schlange, im Heulen des Sturmes hörten sie die Stimmen bekannter Tiere und die Wolken erschienen ihnen als Kühe oder Ziegen, welche statt der Milch Regen spendeten. Noch jetzt begegnen wir dieser Vorstellung in einem schwedischen Volksrätsel, dessen Lösung die Wolke ist: »Eine schwarzrandige Kuh ging über eine pfeilerlose Brücke, kein Mensch in diesem Lande die Kuh aufhalten kann.« (Manhardt, a. a. O., S. 89.) Jedoch sah man die Tiere der Erde im Himmel größer und gewaltiger wieder, und man fing an, diese himmlischen Wesen zu fürchten oder fühlte sich veranlaßt, ihnen für ihre Segensspenden zu danken. Als sich dann der Glaube an menschenähnliche, im Himmel wohnende Götter entwickelte, trat eine Verschmelzung derselben mit jenen himmlischen Tieren ein, indem man meinte, daß sich Götter selbst in solche Tiere verwandeln könnten, oder letztere ihnen als ihre Begleiter nahe standen. Später hefteten sich diese Überlieferungen an irdische Tiere und an Menschen, so daß z. B. aus dem die Blitzschlange bändigenden Sturmgotte Wuotan ein Mann wurde, welcher eine wunderbare Macht auf wirkliche Schlangen auszuüben imstande war. In dieser Weise haben wir die Sagen von dämonischen Tieren aufzufassen. (Grohmann, Sagenbuch von Böhmen und Mähren, I. S. 216.)
Ein wendischer Aberglaube berichtet, daß jeder Kobold die Gestalt eines Kalbes annehmen könne. (Haupt, Sagenbuch d. L., No. 88.) In unseren Sagen ist das gespenstische Kalb Anzeichen eines Krieges oder es springt des Nachts jemandem, der dann sterben muß, auf den Rücken und läßt sich forttragen. Zu Ypern wurde ein reicher Mann, der ein goldenes Kalb anbetete, nach seinem Tode verwünscht, die Gestalt eines Kalbes anzunehmen, das jedem, dem es begegnet, auf den Rücken springt. (Nork, Sitten und Gebräuche d. Deutschen, S. 281.)
Das bereits genannte Mittagsgespenst nimmt auch zuweilen Tiergestalt an; so erscheint es im Jura unter dem Namen »Stollnwurm« als Drache. Als Bock sonnt es sich des Mittags am Charfreitage auf der Ruine Hagberg. In diesen Vorstellungskreis gehört vielleicht auch der Bock, welcher sich zuweilen des Mittags (aber auch des Nachts) um 12 Uhr am Bocksloche, einem alten Stollen in Oberschlema sehen läßt (s. Ortssagen.) Als Lamm erscheint das Mittagsgespenst am Tobelhötzli in der Aargauer Gemeinde, und hierher gehören wohl auch unsere Sagen vom weißen Schafe, das Menschen erschreckt, und vom weißen Widder mit goldenen Hörnern.
Aus der Auffassung des Blitzes als Schlange sind zahlreiche mythologische Vorstellungen hervorgegangen. Wie der Blitz die Gewitterwolke gleichsam spaltet, so daß dann die goldene Sonne wieder aufleuchtet, so sollen die himmlischen Schlangen einen kostbaren Edelstein verfertigen. Diese Vorstellung wurde später auf die irdischen Schlangen übertragen. (Mannhardt, a. a. O., S. 103.) Weit verbreitet sind die Sagen von dem Schlangenkönige, welcher auf seinem Kopfe eine goldene Krone trägt. Es drängt sich hier auch die Vermutung auf, daß die gelben Flecke hinter den Augen der Ringelnatter bei der Häutung zu dem Glauben von einer goldenen Krone Veranlassung gegeben haben. Wie der Schlangenkönig von Lübbenau in der Niederlausitz seine Krone auf ein feines weißes, großes Tuch niederlegte, so erzählt auch die erzgebirgische Sage gleiches von unserem Otternkönige oder unserer Schlangenkönigin. Karl Haupt (Sagenbuch d. Lausitz, No. 84.) bemerkt dabei, daß die weiße Farbe, welche das Tuch haben muß, auf die Repräsentanten der Finsternis einen zwingenden und siegreichen Zauber ausüben muß, so daß sie nun ihre Schätze opfern. Nach einem anderen Volksglauben aber, welchen Mannhardt (a. a. O., S. 103) anführt, legt der Schlangenkönig seine Krone auf ein rotes Tuch nieder.
(Joh. Böhm in der Erzgebirgs-Zeitung, 1881, S. 133.)
Der hohe Stein zwischen Graslitz und Markneukirchen war der Aufenthalt der Zwerge, welche von hier aus die umliegenden Häuser besuchten, den Leuten bei ihren Arbeiten halfen und ihnen manche Wohlthat erwiesen. Als aber die Knödel in den Topf und die Brote in den Backofen gezählt wurden, verschwanden sie nach und nach aus der Gegend.
Beim Baue der Steiner Pfarrkirche zeichneten sich dieselben besonders aus. Dieselbe sollte nämlich am Fuße des Berges, auf dessen Abhange sie sich gegenwärtig erhebt, zu stehen kommen, und viel Material hatte man bereits dorthin gebracht. Allein die Zwerge trugen des Nachts zu wiederholten Malen das Baumaterial auf die Anhöhe, bis man sich endlich entschließen mußte, dort das Gotteshaus aufzurichten. Der Bau schritt ungemein rasch vorwärts. Was die Maurer und Werkleute am Tage begonnen hatten, wurde von dem arbeitsamen Zwergenvolke während der Nachtstunden zur vollsten Zufriedenheit des Baumeisters hergestellt, so daß in kurzer Zeit der eherne Mund der Glocken die Gläubigen zum Hause des Herrn rufen konnte. Zum Andenken setzte man drei in Stein gehauene Bilder von Zwergen außen an die südliche Wand der Kirche, wo sie heute noch zu sehen sind.
(Edw. Heger in der Erzgebirgszeitung, 6. Jahrg., S. 57.)
Häufig haben sich die Zwerge auf dem Pürsteiner Burberge, sowie auf dem Leskauer Schloßberge aufgehalten. Ihr Hauptsitz war jedoch auf dem Schwarzberge und viele Höhlen führten in die Tiefe des Berges zu den Versammlungssälen. Diese merkwürdigen Höhlen, glatt ausgemeißelt und schön gewölbt, sind noch gegenwärtig im Volksmunde unter dem Namen »die Zwerglöcher« allgemein bekannt, und eines dieser Zwerglöcher enthält in einer etwas geräumigeren Weitung einen Brunnen, dessen Wasser in der ganzen Gegend gerühmt wird. Der Ort, wo die meisten Zwerghöhlen münden, wird die »Lihtmerskirch« genannt, und man sagt, es sei vor geraumer Zeit eine Kirche dort gewesen.
Die Zwerglein, die ehemals in diesen Höhlen gewohnt haben, beschäftigten sich hier häufig mit Kuchenbacken. Auch haben sie daselbst einmal ein Menschenkind beherbergt und das ging so zu: Eine Frau aus dem nahen Dorfe Leskau hatte in diese wilde Waldgegend einst ihr Kind mitgenommen, sie entfernte sich ein wenig von demselben und konnte es zu ihrem Schrecken nicht wieder auffinden. Alles Rufen und Suchen war erfolglos und so mußte die verzweifelnde Mutter ohne ihr Kind heimkehren. Ein langer Zeitraum war vergangen, als die Frau wieder einmal und ganz zufällig in jenen Wald kam. Da trieb sie ein unerklärliches Gefühl an, in eine der Zwerghöhlen hineinzugehen, und wen erblickte sie darin? Zu ihrem freudigsten Erstaunen ihr totgeglaubtes Kind, frisch und gesund und recht groß geworden, und es aß ein Stück Kuchen; denselben hatte es von den guten Zwergen bekommen, die seine Pfleger und Behüter geworden waren, seit es damals von der Mutter weggekommen und aus Neugierde in die Zwerghöhle geschlüpft war.
Edw. Heger leitet das Wort »Lithmer« von lih, der Leichnam, und mere, die in der Unterwelt herrschenden, den Tod bezeichnenden Mächte ab, so daß es also eine Stätte bezeichnen soll, welche die den Unterweltsmächten Verfallenen aufnimmt. Konnte man nicht auch eine andere Ableitung, nämlich vom mhd. lîte, der Abhang, die Halde, und maere, berühmt, berüchtigt, versuchen, so daß dann der Name »Lihtmerskirche« eine Kirche bezeichnet, welche auf einem berüchtigten, d. h. durch die Zwerge berüchtigten Abhange steht?
(Ziehnert, Sachsens Volkssagen, Anhang, No. 33. Winter in der Constit. Zeitung, 1854, No. 282.)
An der Morgenseite des Scheibenberges befindet sich eine unbedeutende Höhle, das Zwergloch genannt. Darinnen wohnten sonst viele Zwerge, deren König Oronomossan hieß. Sie waren nicht über zwei Schuh lang und trugen recht bunte Röckchen und Höschen. Es schien ihr größtes Vergnügen zu sein, die Leute zu necken; sie thaten aber auch manchem viel Gutes und halfen vorzüglich frommen und armen Leuten. Einst, im Winter, ging ein armes Mädchen aus Schlettau in den am Fuße des Scheibenberges gelegenen Wald, um Holz zu holen. Da begegnete ihr ein kleines Männchen mit einer goldenen Krone auf dem Haupte, das war Oronomossan. Er grüßte das Mädchen und rief gar kläglich: »Ach, Du liebe Maid, nimm mich in Deinen Tragkorb! Ich bin so müd' und es schneit und ist so kalt und ich weiß keine Herberge! Drum nimm mich mit zu Dir in Dein Haus!« Das Mädchen kannte den Zwergkönig zwar nicht, aber da er gar zu flehentlich bat, so setzte sie ihn in ihren Tragkorb und deckte ihre Schürze über ihn, damit es ihm nicht auf den Kopf schneien möchte. Darauf nahm sie den Korb auf den Rücken und trat den Rückweg an. Aber das Männchen in dem Korbe war zentnerschwer und sie mußte alle Kräfte zusammennehmen, daß sie die Last nicht niederdrückte.
Als sie nach Hause gekommen, setzte sie den Tragkorb keuchend ab und wollte nach dem Männchen darin sehen und deckte die Schürze ab. Aber – wer schildert ihr Staunen? – das Männchen war fort und statt seiner lag in dem Tragkorbe ein großer Klumpen gediegenen Silbers!
Nach einer anderen Sage soll jenes Mädchen eines Schneiders Tochter aus Schlettau gewesen sein und um das Jahr 1535 gelebt haben. Sie sei auch nachher noch mehrmals bei dem Zwergkönige im Scheibenberge gewesen und habe für ihn, seine Frau und Kinder Kleider machen müssen. Dafür habe sie solche Geschenke erhalten, daß sie zu großem Vermögen gekommen sei und nachdem sie sich verheiratet, eine der reichsten Familien in Schlettau begründet habe. Nach dem dreißigjährigen Kriege aber seien ihre Nachkommen verarmt und zuletzt wieder so herabgekommen, wie zu der Zeit, wo sie den Zwergkönig zuerst gesehen hatte.
Das Geschlecht der Zwerge hat seine Wohnungen in den Bergen. Zwerglöcher kennt man wohl überall in Deutschland. In Schlesien ist eins auf dem Prudelberge bei Stonsdorf, in der Lausitz giebt es welche auf dem Dittersberge bei Schönau auf dem Eigen und am Fuße des Breitenberges bei Zittau (Haupt, Sagenbuch etc. I. No. 24.), in Böhmen bei Warnsdorf und im Kammerbühl bei Franzensbad (Grohmann, Sagenbuch etc. S. 180.), im Vogtlande bei Stublach und bei der Milbitzer Ziegelei (Eisel, Sagenbuch d. Vogtl. No. 26.), im Mansfeldischen am Kammerbache bei Freiersdorf und in der Steinklippe zwischen Hermerode und Wippra (Größler, Sagen der Grafsch. Mannsfeld, No. 153 und 155.), und so erzählt die Sage noch von vielen anderen Orten, an denen die Zwerge die Zugänge zu ihrem unterirdischen Reiche hatten.
(Richter, Umständliche aus zuverlässigen Nachrichten zusammengetragene Chronica der freyen Bergstadt St. Annaberg. Annaberg, 1746, S. 4.)
Die Sage erzählt, es hätten in der Gegend bei dem Pöhlberge, ehe die Stadt Annaberg erbauet gewesen, kleine Leutlein, einer Ellen lang, gewohnet.
(Heger und Lienert, Ortskunde d. Dorfes Schmiedeberg i. B. S. 60.)
In Schmiedeberg wohnten lange Zeit Zwerge. Dieselben erreichten nur die Größe eines zwei- bis dreijährigen Kindes und trugen einen spitzen Hut, rot wie ihre Haare, außerdem gefeite Stiefel. Sie hielten sich in Ställen, Scheuern, Kellern und Stuben auf, waren nicht menschenscheu, kamen im Gegenteil oft freiwillig unter dem Herde hervor und boten ihre Dienste an. Nachts um die zwölfte Stunde kamen alle zusammen, gingen dabei durch verschlossene Thüren und begannen nun emsig das aufzuarbeiten und zu vollenden, was die Menschen verabsäumten oder unvollendet ließen. Im Nu war ihre Arbeit zierlich und fein gethan, dann ging es an's Tanzen. Punkt ein Uhr verschwanden sie wieder. Neckereien konnten sie nicht vertragen; sie zogen dann fort. Man vertrieb sie übrigens auch, wenn man Lauch in die Milch that und ihnen diese vorsetzte.
Von den Bewohnern Schmiedebergs wurden diese Zwerge nur »Holzweibchen« genannt. Seit jeher hatten sie im Hause No. 172 ihren ständigen Aufenthalt und brachten durch nächtlichen Fleiß Glück und Segen in die Wirtschaft. Endlich aber schien es ihnen hier nicht mehr zu gefallen, denn sie sagten: »Hier ist nimmer gut wohnen, sie (die Hausfrau) zählt die Knödeln im Topf und im Backofen das Brot.« So zogen denn die Zwerge fort, weit fort, über die Eger bei Aubach, wo sie den Fährmann, um ihn zu entlohnen, gefragt haben sollen, was ihm lieber wäre – ein roter Heller oder ein Sturmhut voll Goldstücke. Der Fährmann wählte natürlich das letztere. Die Leutchen sagten ihm, er habe schlecht gewählt und werde schließlich noch weniger besitzen als einen roten Heller. Das traf auch ein, der Fährmann verarmte in kürzester Zeit gänzlich.
(Edw. Heger in der Erzgebirgszeitung, 6. Jahrg., S. 58.)
Von den Bergen aus besuchten die Zwerge häufig die benachbarten Ansiedelungen der Menschen, um deren Gastfreundschaft in Anspruch zu nehmen, und man gab ihnen auch gern etwas von Lebensmitteln ab. Sie suchten aber nicht nur Gastfreundschaft, sondern gewährten auch solche; ward jedoch ihre Gabe verschmäht, so gerieten sie leicht in Zorn, ja rächten sich an dem Unwürdigen, was ihnen nicht schwer fiel, da sie mit geheimen Kräften begabt waren.
Als einst ein alter Bauer aus Redenitz und dessen Knecht an der Berglehne zwischen Leskau und Spinnelsdorf ihre Ackerfurchen zogen, vernahmen sie plötzlich ein sonderbares Gespräch in der Nähe, ohne daß die Sprechenden zu sehen waren. »Bringt erst die Weißen, dann die Schwarzen!« »Nein, erst die Schwarzen, dann die Weißen!« so rief es rätselhaft durcheinander.
Als die beiden Lauscher aber einen äußerst angenehmen Geruch nach frischem Kuchen verspürten, da wußten sie auf einmal, was alles zu bedeuten habe, und der Knecht sagte: »Das sind ja die Zwerglein, die in ihren nahen Wohnungen eben Kuchen backen, schwarze und weiße (d. h. von geringerem und feinerem Mehle); sehen kann man freilich nichts, denn sie haben sich unsichtbar gemacht.«
»Ja«, – meinte der Bauer – »aber diese Kuchen riechen auch gar zu gut; wer doch einen davon hätte!«
»Nun, da werde ich halt einen bestellen«, sprach der Knecht im Spaße und rief dann, so laut er konnte: »He, backt uns doch auch einen Kuchen mit, aber einen recht guten!«
Als die Ackerleute nach dem Mittagessen ihre Arbeit wieder beginnen wollten, da fand jeder von beiden auf seiner Pflugschar einen wunderschönen, duftenden Kuchen liegen. Der Bauer biß herzhaft in den Kuchen und ließ sich ihn ausgezeichnet schmecken, der Knecht aber mißtraute der geheimnisvollen Gabe und verschmähte sie. Klatsch! – da hatte der Undankbare auch schon von unsichtbarer Hand eine tüchtige Ohrfeige erhalten, an die er sich noch lange nachher schmerzlich erinnerte.
(Nach Grimm in der Erzgebirgszeitung, 2. Jahrg., S. 6.)
An der Eger, zwischen dem Hofe Wildenau und dem Schlosse Aich, ragen große Felsen empor, die man von Alters her die Heilingsfelsen nennt. Am Fuße derselben erblickt man eine Höhle, inwendig gewölbt, auswendig aber nur durch eine kleine Öffnung erkennbar, in die man, den Leib gebückt, kriechen muß.
Diese Höhle wurde von kleinen Zwerglein bewohnt, über die zuletzt ein unbekannter alter Mann, namens Heiling, als Fürst geherrscht haben soll. Einmal vor Zeiten ging ein Weib, aus dem Dorfe Daschwitz gebürtig, am Vorabende von Peter Pauli in den Forst und wollte Beeren suchen; es wurde Nacht, und sie sah neben diesem Felsen ein schönes Haus stehen. Sie trat hinein, und als sie die Thüre öffnete, saß ein alter Mann am Tische, der schrieb emsig und eifrig. Die Frau bat um Herberge und wurde willig angenommen. Außer dem alten Manne war aber kein lebendes Wesen im ganzen Gemach, allein es rumorte heftig in allen Ecken; der Frau ward greulich und schauerlich und sie fragte den Alten: »Wo bin ich denn eigentlich?« Der Alte versetzte, daß er Heiling heiße, bald aber auch abreisen werde, »denn zwei Drittel meiner Zwerge sind schon fort und entflohen.« Diese sonderbare Antwort machte das Weib noch unruhiger, und sie wollte mehr fragen, allein er gebot ihr Stillschweigen und sagte nebenbei: »Wäret Ihr nicht gerade in dieser merkwürdigen Stunde gekommen, solltet Ihr nimmer Herberge gefunden haben.« Die furchtsame Frau kroch demütig in einen Winkel und schlief sanft ein. Als sie am Morgen mitten unter den Felssteinen erwachte, glaubte sie geträumt zu haben; denn nirgends war ein Gebäude zu sehen. Froh und zufrieden, daß ihr in der gefährlichen Gegend kein Leid widerfahren sei, eilte sie nach ihrem Dorfe zurück; es war alles so verändert und seltsam. Im Dorfe waren die Häuser neu und anders aufgebaut, die Leute, die ihr begegneten, kannte sie nicht und sie wurde auch nicht von ihnen erkannt. Mit Mühe fand sie endlich die Hütte, wo sie sonst wohnte, und auch die war besser gebaut; nur dieselbe Eiche beschattete sie noch, welche einst ihr Großvater dahin gepflanzt hatte. Aber wie sie in die Stube treten wollte, ward sie von den unbekannten Bewohnern als eine Fremde vor die Thür gewiesen. Sie lief weinend und klagend im Dorfe umher. Die Leute hielten sie für wahnwitzig und führten sie vor die Obrigkeit, wo sie verhört und ihre Sache untersucht wurde. Siehe da, es fand sich in den Gedenk- und Kirchenbüchern, daß gerade vor hundert Jahren an eben diesem Tage eine Frau ihres Namens, welche nach dem Forst in die Beeren gegangen, nicht wieder heimgekehrt sei und auch nicht mehr zu finden gewesen war. Es war also deutlich erwiesen, daß sie volle hundert Jahre im Felsen geschlafen hatte und die Zeit über nicht älter geworden war. Sie verlebte nun ihre übrigen Jahre ruhig und sorgenlos und wurde von der ganzen Gemeinde anständig gepflegt, zum Lohne für die Zauberei, die sie hatte erdulden müssen.
(Friedr. Bernau in der Comotovia, 1877, S. 77.)
Drei Bergleute fuhren einst an, um die Erze aus dem tiefsten Schachte zu holen. Um jene Zeit waren noch reichhaltige Gruben im Kupferhügel, vorzüglich auf Kupfer und Eisen, wie es noch die vielen Schachte und unterirdischen Gänge in demselben beweisen. Fleißig und frohgemut arbeiteten nun die Bergleute in den Felsen hinein, um ihn zu zerkleinern und die Erze daraus zu gewinnen. Noch waren sie nicht mit einer Schicht fertig, als sie plötzlich durch eine liebliche Musik, die aus dem Innern des Berges zu kommen schien, überrascht wurden. Alle gerieten in Spannung und Freude. »Wahrhaftig«, sagten sie zu einander, »eine so schöne Musik haben wir noch nie gehört, selbst am Prokopitage nicht, wenn wir Schritt für Schritt, angethan mit unserer festlichen Bergkleidung, die Hacke und die brennende Lampe in der Hand, hinter unserer Bergmusik zur Kirche ziehen!« Um den Berggeist, wie sie glaubten, in seiner Unterhaltung nicht zu stören, schickten sich die Bergleute schon an, an den Tag zu fahren, als sie von der Seite her, von welcher die Musik kam, eine Menge kleiner Männchen, kaum größer als eine Menschenhand, auf sich zukommen sahen, die mit den verschiedenartigsten Musikinstrumenten versehen waren. Hinterdrein zog ein munterer Schwarm von Zwergen, die unter fröhlichem Hüpfen endlich in einem großen Felsengewölbe Platz nahmen. Bald kamen auch einige Zwerge näher zu den Bergleuten, grüßten sie freundlich mit dem Bergmannsgruße »Glückauf!« und sagten: »Ruhet aus und seid fröhlich mit uns; was Ihr versäumt, das wollen wir Euch nach dem Tanze nachholen.« Flink legten die Bergleute ihre Werkzeuge bei Seite, denn sie waren schon müde von der anstrengenden Arbeit, und folgten gerne der zutraulichen Einladung. Alles freute sich und war guter Dinge. Die Zwerge tanzten, und die Bergleute schauten ihnen vergnügt zu, so daß oft der Berg sich mit den beglückten Bergleuten zu drehen schien. Endlich erhob sich eines der kleinen Männchen, gab ein Zeichen mit der Hand und alles stellte sich in einem enggeschlossenen Kreise auf, in den auch die Bergleute eintreten mußten. Die Musiker befanden sich in der Mitte und es schien, als ob sie erst jetzt recht ergreifend spielen wollten, wohlgeordnet und langsam setzte sich der Kreis, dem ein Vortänzer voranging, in Bewegung; die Bewegung wurde unter dem seltsamen Hüpfen, Springen und Laufen immer schneller. Bald standen die Zwerge stille, schienen sich zu bedenken, dann fingen sie plötzlich wieder an, mit Händen und Füßen zu zappeln, dabei sprangen sie in die Höhe, der eine über den andern, bis alle in größter Unordnung waren. Die drei Gäste konnten sich des lauten Lachens nicht erwehren, was die Zwerge in ihrer Lust auch ungestraft ließen. Endlich setzten sich alle wieder auf ihre Plätze, nur ein altes, ganz graues Männlein trat zu den Bergleuten, strich mit seiner flachen Hand über deren Augen, die also bald erblindet zu sein schienen; dann nahm es die Bergleute bei der Hand und führte sie eine ziemliche Strecke aufwärts, bis sie in eine Kammer gelangten, wo sie rasch wieder sehend wurden. Hier ergriff sie nun das höchste Staunen, denn das ganze Gewölbe war mit goldenen Platten belegt; Gold- und Silberstangen lagen da aufgeschlichtet, wie daheim die Späne in der Küche; die Tische beugten sich unter der Last von Edelsteinen, die ein blendendes Licht verbreiteten. Die Bergleute standen da wie versteinert. Endlich nach langem Schweigen sprach der Alte zu ihnen: »Nehmet Euch nun, was Euch nützlich ist; Ihr sollt damit so lange glücklich sein, als Ihr dabei fleißig und sparsam bleibt; thut Ihr das nicht, so werdet Ihr trotz des Reichtums noch elend sterben müssen.« Ein jeder nahm nun so viel, als er in beide Hände bringen konnte, und bald befanden sie sich wieder unter den kleinen Männchen, die während der Zeit, als die Bergleute in der Goldkammer waren, für sie gearbeitet hatten. Mächtige Kupferadern waren aufgeschlossen und große Haufen Erze herausgearbeitet. Als die Bergleute den Zwergen danken wollten, war alles verschwunden; nur aus der Ferne hörte man noch die bezaubernde Musik. Bald begaben sich auch die Bergleute, da es doch schon Nacht sein mußte, auf die Fahrt, um heimzukehren; um so größer aber war ihr Erstaunen, als sie die Sonne im Osten aufgehen sahen und von den Leuten erfuhren, daß schon der fünfte Tag verflossen war, seitdem sie in die Grube gestiegen. Dennoch glaubte ein jeder von ihnen nur geträumt zu haben; allein die großen Goldstücke in ihren Händen überzeugten sie eines anderen. Ein jeder von ihnen kaufte sich ein Häuschen und lebte glücklich mit seiner Familie. Nur einer wurde stolz und glaubte nicht mehr arbeiten zu sollen, wofür ihn, wie der Zwerg gedroht hatte, das Los bitterster Armut traf; die beiden andern arbeiteten fleißig wie früher und erinnerten sich in ihrem Glück oft an den alten grauen Zwerg, den Begründer ihres Wohlstandes. Noch heute zeigt man im Kupferhügel Spuren jenes Gewölbes und heißt dieselben seit dieser Begebenheit »die Zwergkammer.«