VI.
Sagen von Schätzen.

Ein Volksglaube, welchen Veckenstedt in den »Wendischen Sagen, Märchen und abergläubischen Gebräuchen« (Graz, 1880) an die Spitze seiner Schatzsagen stellt, erzählt uns, daß da, wo des Nachts um 12 Uhr kleine Flämmchen auf der Erde herumflackern, Geld brenne; man müsse dann ein Geldstück oder ein Messer hineinwerfen, um den Schatz zu erlangen; derselbe werde jedoch von wilden Hunden oder anderen Tieren bewacht. In dieser kurzen Sage ist der wesentlichste Inhalt aller Sagen niedergelegt, welche uns erzählen, wo sich jene mythischen Schätze finden, die Henne-Am-Rhyn (Die deutsche Volkssage etc., S. 48) als niedergegangene Sterne des Himmels oder als Morgen- und Abendröte deutet, und die wieder von anderen, z. B. von Nork in seinen »Sitten und Gebräuchen der Deutschen« zu den Münzen in Beziehung gebracht werden, welche von den heidnischen Germanen und Slaven ihren Toten mit ins Grab gegeben wurden. Es wird uns aber auch in jener kurzen lausitzischen Sage mitgeteilt, wie diese Schätze zu heben sind und welche Mächte dieselben gegen das Eindringen der Sterblichen bewachen. Derselbe Sagenstoff wiederholt sich in mannigfachen Abänderungen an zahlreichen Örtlichkeiten. Auch im Erzgebirge zeigen blaue Flämmchen oder Lichter Schätze an, bei deren Heben kein Wort gesprochen werden darf. Nach Jacob Grimm (Deutsche Myth., S. 544) wird auch ein auf bloßem Leibe getragenes Kleidungsstück (nach einer unserer Sagen kann dies z. B. ein Halstuch sein) auf den Schatz geworfen, um alle Gefahr von sich abzuwehren.

Zahlreich sind ferner im Erzgebirge wie anderwärts die Sagen, nach denen unermeßliche Schätze in weiten Gewölben in Braupfannen oder Laden liegen. Die Pforten zu diesen Höhlen öffnen sich nur an bestimmten Tagen zu gewissen Stunden, und wenn die Glücklichen in die Schatzkammern eintreten, so finden sie die Schätze entweder von Hunden oder grauen Männchen, Kobolden oder Schattenmännchen bewacht. Bei den Schätzen ist gewöhnlich eine weiße Jungfrau, teilweise mit einem Schlüsselbunde. Nicht selten sind es auch Wunderblumen, welche die Pforten zu den Geldgewölben öffnen, und die von denen, welchen es beschieden war einzutreten, vergessen werden. (S. Wundersagen.) Frauen, welche mit einem Kinde eintreten, lassen in der Hast, womit sie die Schätze zusammenraffen, ihr Kind zurück; sie finden dasselbe im nächsten Jahre an gleichem Tage wohlbehalten mit einem Apfel in den Händen in der Schatzkammer wieder.

In diesen Überlieferungen erkennen wir den Mythus, in welchem der Kreislauf des Jahres erscheint. Das Kind mit dem Apfel in der Hand bedeutet die Fruchtbarkeit des Jahres; die Erdgöttin (Freija) hat das Kind zu sich genommen und läßt es erst nach Ablauf eines Jahres wiederfinden. (S. Ludwig Zapf in der Leipziger Illustr. Zeitung, No. 1890.)

Unsere Sagen erzählen uns auch, wie sich die Schätze als Halme an den Bäumen sommern und dann wieder, wenn sie fortgetragen wurden, in goldene Ketten verwandelten; sie melden uns von Ziegelsteinen, Leinwandfleckchen, Kohlen, Hobel- und Sägespänen, Baumrinde und Kartoffeln, die zu Gold wurden.

Wenn auch manche Überlieferungen, wie der Gebrauch der dem Donar geweihten Hasel als Wünschelrute und die rote, blaue und zuweilen gelbe oder weiße Farbe der Wunderblumen, welche dem Blitze als gleichfarbig erscheinen, in Beziehung zur Gewittergottheit gebracht werden können, deren Blitz dem Golde gleich aus der finstern Wolke, dem himmlischen Berge, hervorleuchtet, so meine ich doch, daß auch viele Schatzsagen auf den heidnischen Gebrauch, den Toten Geld mit ins Grab zu geben, zurückzuführen und daß zahlreiche Plätze, besonders Berge und Orte, an denen einst Schlösser und Burgen standen, und an denen die Sage des Volkes Schätze verheißt, zugleich ehemalige Begräbnisplätze sind. In heidnischen Begräbnisfeldern wurden neben Münzen und Schmucksachen auch Kohlen vom Leichenbrand gefunden, und so mochte sich der Glaube bilden, daß überall da, wo in der Erde an den von Geschlecht zu Geschlecht in nebelhafter Erinnerung als ehemals geheiligt gehaltenen Orten Kohlen angetroffen wurden, auch Schätze vergraben lägen; ja die Kohlen selbst wurden später als durch Zauber umgewandelte Schätze betrachtet. (Nork a. a. O., S. 709.)

Die Toten aber finden nach einem Volksglauben im Grabe keine Ruhe, so lange sie das mitgenommene Geld nicht wieder an einen Sterblichen abgegeben haben. Ich verweise dabei auf die Sage vom Jünglinge zu Weißbach, welcher im Grab0e keine Ruhe fand, bis man den mitgenommenen Pfennig wiedergeholt hatte. Was hier der Volksmund vom geringen Pfennig erzählt, das wiederholt er in ähnlichen Überlieferungen vom Gold und reichen Geschmeide. Überall kehrt in den Schatzsagen die Erscheinung von Wesen wieder, welche keine Ruhe finden, bis das Gold und Silber gehoben ist; außerdem aber zeigen sie dem Sterblichen meist auch die Mittel, deren sich derselbe bedienen muß, um in das Innere der Erde zu gelangen, wo die unermeßlichen Reichtümer liegen und gleichzeitig der Hüter seiner endlichen Erlösung aus dem Zauberbanne harrt.

281. Schätze in der Steinwand bei Blauenthal.

(Mündlich.)

An der Plänerleite zwischen Blauenthal und Zimmersacher liegt ein zerklüfteter Granitfelsen, welchen man wegen seiner Form die Steinwand nennt. Weiter oben nach dem Zimmersacher zu aber quillt der »Goldbrunnen«, aus welchem man einst Gold gewaschen hat. In der Steinwand jedoch öffnete sich einst an einem Karfreitage, als in Eibenstock die »lateinische Litanei« gesungen wurde, eine Höhle, und wenn jemand durch das Thor derselben hineingegangen wäre, hätte er daselbst große Schätze gefunden.

282. Der Schatzkeller am Bärenstein.

(Richter, Umständliche Chronica der freyen Bergstadt St. Annaberg. Annaberg, 1746, S. 8.)

Es ist die alte Richterin zu Königswalde nebst noch zweien ihrer Nachbarn am Bärenstein im Mai Gras und Kräuter zu holen gegangen, und als sie an den Berg gekommen sind, so hat sichs am Berge aufgethan wie ein großes Scheunenthor, daß sie hinein gesehen hat, wie in eitel Silber und Gold, und als sie die andern zwei gerufen, daß sie es auch sehen sollten, so ist es wieder verschwunden.

283. Der Schatzkeller im Scheibenberge.

(Chr. Lehmann, Histor. Schauplatz etc., S. 187.)

Im Jahre 1605 bekam M. Laurentius Schwabe, Pfarrer in Scheibenberg, etliche Gäste von Annaberg. Seine Ehefrau führte einige ältere Freundinnen über und um den Scheibenberg, ihnen dessen Gegend zu zeigen. Dabei trafen sie aber ein Loch, in welches drei Stufen führten und darin lag ein glänzender Klumpen, wie glühendes Gold. Darüber erschraken sie und gingen eilends nach der Stadt. Als sie jedoch den Pfarrer nebst den übrigen Gästen nach dem Orte führen wollten, konnten sie das Loch nicht wieder finden.

Im Jahre 1648 starb Hans Haß, ein alter ehrlicher Bürger zu Scheibenberg, welcher auf dem Siechbette von seiner Armut am Anfange seines Ehestandes folgendes erzählte: Als Wolf Köhler seine Tochter Elisabeth weggab, wären wir junge Eheleute gerne mit zu Ehren gezogen, aber wir hatten kein Geschenke. Wir gingen am Berge grasen und wurden eines Lochs gewahr, das mit einer eichenen Thür verschlossen, und gingen etliche Stufen hinein. Da wir Wunders halber hinein sehen, liegt ein Fuchs auf einer Stufen. Wir erschraken darüber, gleichwohl weil sich der Fuchs nicht rührete, gaben wir ihm einen Stoß und befunden, daß er tot war. Ich verkaufte den abgestreiften Balg, wir gingen auf die Hochzeit und waren lustig. Aber nach selbiger Zeit habe ich das Loch nicht wieder finden können, wie fleißig ich auch gesucht habe.

284. Der Geldkeller auf dem Greifensteine.

(Christ. Lehmann, Histor. Schauplatz etc., S. 183. Gießler, Sächs. Volkssagen, Stolpen (o. J.) S. 104.)

Unter einem großen Felsen des Greifensteins, wo der Vermutung nach ein altes Schloß gestanden hat, ist ein offenes Loch zu sehen, in das ein Mann bequem kriechen kann. Von diesem Loch aber wird erzählt, daß einst eine Magd aus dem Vorwerke Hayde, die, wenn sie daselbst grasete, öfters mit Namen gerufen wurde, im Beisein einer andern Magd auf abermaliges Rufen hineingegangen wäre, mit dem Verlaß, wenn sie schreien würde, daß ihr die andere zu Hülfe kommen sollte. Es hätte aber die hineingehende Magd einen großen Kasten mit Gold und Geld und einen schwarzen Hund dabei liegend angetroffen, und auf Befehl einer Stimme das Grastuch damit angefüllt. Als aber inzwischen der Eingang ganz enge geworden sei, daß sie auf die andere Magd um Hülfe geschrien, wäre der Hund auf sie losgesprungen und hätte alles Eingefaßete wieder aus dem Grastuche gescharret, darauf sie voller Schrecken von der andern herausgezogen worden, und des dritten Tages darauf wäre sie gestorben.

Besser (indem er wenigstens nicht mit dem Leben büßen mußte) erging es einst einem alten Manne aus Geyer, einem gewissen Christoph Hackebeil, der von seinem Heimatsorte nach der am Fuße des Greifensteins liegenden Gifthütte ging, durch sonderbaren Zufall auf den Greifenstein geriet, dort in dem obengedachten Loche entschlief und die ganze Nacht und den halben folgenden Tag daselbst zubringen mußte. Es ließ ihn schlechterdings nicht fort, und für die Angst und Versäumnis seiner Zeit hat derselbe nicht einmal einen klingenden Lohn von den Berggeistern erhalten.

Der Hund, welcher den Schatz bewacht, ist der Hund der Unterwelt, welcher bei der Göttin Hel wacht. Ursprünglich ist derselbe das Tier Odhins, einer von den Wölfen der Walstatt. Odhin aber ist als Verleiher jedes Gutes auch zugleich der Herr der Schätze.

285. Der Schatz auf dem Greifensteine sommert sich.

(I. Mündlich. II. Moritz Spieß, Aberglaube, Sitten und Gebräuche des sächs. Obererzgebirges. Programmarbeit. 1862, S. 40.)

I. Eines Tages gingen zwei Mädchen durch den Wald, in welchem der Greifenstein liegt; sie hatten Streu gesammelt und trugen dieselbe in ihren Tragkörben nach Hause. Als sie nun auf einem schmalen Wege die Höhe abwärts stiegen, sahen sie an den Zweigen der Fichten zu beiden Seiten Strohhalme hängen. Darüber wunderten sie sich, denn sie meinten, daß hier doch kein Weg für Wagen sei; es sah nämlich aus, als ob von einem mit Stroh beladenen Wagen durch die zum Teil über den Weg hängenden Zweige einzelne Halme losgerissen worden seien, wie man solches ja häufig an den mit Bäumen besetzten Landstraßen sieht. Wie die Mädchen aber nach Hause gekommen waren und ihre Streu ausschütteten, fanden sie darunter eitel goldene Ketten. Der Schatz des Greifensteins hatte sich in der Gestalt von Strohhalmen an diesem Tage gesommert und so waren einzelne Halme in die Körbe gefallen, wo sie sich in die goldenen Ketten verwandelt hatten.

II. Als der früher in Ehrenfriedersdorf angestellte Förster Töpel eines Tages bei dem Greifensteine vorbei ritt, hingen so viel Gras- und Strohhalme von den nahen Bäumen herab, daß er kaum hindurchreiten konnte. Dabei blieben einige Halme auf seinem Hute liegen. Als er daheim seinen Hut abnimmt, hat er um denselben eine goldene Kette. Es soll noch ein Stück von dieser Kette vorhanden sein.

Henne-Am-Rhyn (Die deutsche Volkssage, S. 49 und 52) deutet die Schätze der Sage als Sinnbilder der Sterne; sie bewegen sich und versinken wie letztere. Daß Schätze an gewissen Tagen aufsteigen, um sich zu sonnen, erzählen noch mehrere Volkssagen. Als einst Steinbrecher auf dem Schlatter Rehberge bei Bingen von ferne einen schimmernden Haufen liegen sahen, sagten sie: »Heute ist der erste März, da sonnen sich die Schätze.« Thönerne Scherben, welche dann einer von ihnen an jener Stelle fand, verwandelten sich zu Hause in zerbrochene Silbermünzen. Nach einer andern Sage steigen Schätze an Märzfreitagen aus dem Boden, um sich zu sonnen; dabei wird ihre Ankunft vielfach durch eine blaue Flamme verkündet. Die Schätze werden auch von Geistern unter der Erde fortgerückt. (Nork a. a. O., S. 709.)

286. Das Schatzgewölbe auf dem Hohen Steine.

(Joh. Böhm in der Erzgebirgs-Zeitung, 2. Jahrg., S. 130 und 132.)

Auf dem Hohen Steine zwischen Graslitz und Markneukirchen ist eine Schatzkammer, deren Eingang sich in der Nähe des sogenannten Franzosensteins, eines prismatisch zubehauenen Granitblocks mit der Jahreszahl 1808, befindet. Die Pforten zu der Schatzkammer sollen sich alljährlich am Karfreitage, während in der Kirche die Passion gesungen wird, öffnen.

Ein armes Weib aus dem naheliegenden Orte Stein nahm ihr einjähriges Kind, welches sie niemandem der Obhut anvertrauen konnte, und begab sich an einem Karfreitage mit demselben in den Wald am Hohen Stein, um »Holz zu klauben.« Schon hatte sie davon eine ziemliche Menge beisammen, als sie plötzlich in einem Felsen eine weite Öffnung bemerkte, welche von ihr früher niemals gesehen worden war. Verwundert darüber nahm sie ihr Kind, welches unterdessen auf weichem Moose gesessen, auf den Arm und faßte den Entschluß, das seltsame Thor näher zu betrachten. Hinzugetreten und in die gähnende Höhlung hineinblickend, sah sie zu ihrem Erstaunen in derselben Haufen rotwangige Äpfel, eine große Menge gleißendes Geld und funkelnde Edelsteine, ferner auf einem Tische ein Bund altertümlicher Schlüssel. Nachdem das Weib schnell seinen Korb herbeigeholt und das Kind zu den Äpfeln gesetzt hatte, mit dem Bedeuten, es möge davon essen, fing sie an, von den reichen Schätzen in ihren Korb zu raffen, bis dieser nichts mehr tragen konnte. Im Begriffe hinauszugehen, um ihre schwere Last draußen abzusetzen und hierauf ihr Kind zu holen, hörte sie eine Stimme rufen: »Vergiß das Beste nicht!« Doch sie konnte den Sinn dieser Worte nicht deuten und begab sich ins Freie. Kaum war dieses geschehen, so schloß sich hinter ihr der Felsen geräuschlos und so sehr auch das Weib jammerte und weinte, um ihr verlornes Kind bat und flehte, der Eingang war und blieb verschwunden. Todmüde und tiefbetrübt wankte sie endlich ihrer armseligen Hütte zu, laut und heftig ihre Habsucht und Geldgier verwünschend. Es verging ein Jahr und die hartgeprüfte Mutter lenkte, das nicht angetastete Geld im Korbe tragend, am Karfreitage zu derselben Stunde wie vor zwölf Monaten ihre Schritte dem hohen Steine zu. Und siehe da! der Eingang zur Schatzkammer stand offen, und als sie klopfenden Herzens und froher Hoffnung näher getreten war, sah sie zu ihrer unaussprechlichen Freude ihr totgeglaubtes Kind frisch und gesund, sowie kräftig herangewachsen auf derselben Stelle, auf welche sie es im Vorjahre gesetzt hatte. Schnell schüttete sie das Geld wieder an seinen Ort, nahm das Kind und machte sich eilig davon, obwohl sie neuerdings rufen hörte: »Vergiß das Beste nicht!« Auf dem Heimwege fragte sie ihr Kind, wer es gepflegt habe. »Eine weiße, freundliche Frau,« antwortete dieses, »gab mir zu essen und zu trinken, kleidete und bewachte mich.« – Hätte das Weib den Schlüsselbund mitgenommen, so würde sich ihr der Felsen jederzeit geöffnet und seine Schätze dargeboten haben. Das war das Beste, welches die Stimme meinte.

Die genannte weiße Frau ließ sich früher, meist zur Mittagszeit, häufig in der Nähe des Hohen Steines sehen, den Bund mit altertümlichen Schlüsseln in der Rechten tragend. Sie that niemandem ein Leid, im Gegenteil, manchen würde sie reich gemacht haben, wenn er nicht unwissend und leichtsinnig die dargebotenen Geschenke von sich gewiesen hätte.

Ein Waltersgrüner Knecht machte sich in später Nachtstunde auf den Weg, um einer dringenden Angelegenheit halber nach Stein zu gelangen. Bei der untern Mühle verließ er den Fahrweg und schlug einen schmalen Fußpfad ein, der am Abhange des Hohen Steines dahinführt, und auf dem er, wie er glaubte, in kürzerer Zeit an den Ort seiner Bestimmung gelangen konnte. Allein die große Dunkelheit der Nacht und das arge Wetter waren Ursache, daß er vom rechten Steige abkam und lange Zeit in der Irre herumging. Endlich sah er zu seiner Freude ein Licht schimmern, und er verdoppelte seine Schritte in der Meinung, zu einem gastlichen Hause gelangen zu können. Wie groß war aber sein Erstaunen, als er statt der Flur eines solchen einen breiten Gang betrat, an dessen Ende von der Decke eine strahlende Lampe herabhing, die ungeheuere Schätze von Gold und Edelsteinen aller Art beleuchtete. Nachdem der Knecht eine starke Anwandlung von Furcht bekämpft hatte, da er außer den köstlichen Reichtümern noch eine weiße Frau bemerkte, welche jene zu hüten schien, trat er näher und betrachtete mit lebhaftem Verlangen das gleißende Gold und die funkelnden Juwelen. Die weiße Frau schien seine Gedanken zu erraten, denn sie erhob ihren rechten schneeigen Arm, deutete mit dem Zeigefinger auf die Schätze und sprach: »Nimm davon, soviel dein Herz begehrt; aber vergiß das Beste nicht!« Das letztere glaubte er unter den Edelsteinen zu finden und raffte mit gierigen Händen in seine Taschen, so viel diese fassen konnten. Noch zweimal trafen jene Worte sein Ohr; allein er achtete nicht darauf und verließ frohen Sinnes über den gewonnenen Reichtum den hohen und breiten Gang. Kaum war er im Freien, als sich der Eingang zu demselben donnernd schloß und eine dumpfe Stimme sprach: »Thor, das Beste war der Schlüssel, den Du unbeachtet liegen ließest, und der Dir jederzeit den Eingang zu meinen Schätzen geöffnet hätte.« Von der Steiner Pfarrkirche aber trug die Luft die zwölf Schläge der Mitternachtsstunde an sein Ohr, und da sich die dunkeln Wolken zerteilt hatten und die Sterne herniederlugten auf die stille Erde, bemerkte der erstaunte Knecht, daß er sich am Hohen Steine befand.

Manche alte Leute nennen die weiße Jungfrau mit dem Schlüsselbunde das »Schwedenweibl« und erzählen, daß dieses die verwünschte Tochter eines gefürchteten schwedischen Feldherrn sei, welcher lange Zeit auf dem hohen Steine hauste und von hier aus die ganze umliegende Gegend arg heimsuchte.

Die Schweden stehen überhaupt bei den Bewohnern der um den Hohen Stein liegenden Dörfer im schlimmen Andenken. Wenn der Vater in den Feierstunden sein Büblein auf den Knieen schaukelt, spricht er dabei:

»Reiter, sa, sa!
Der Schwed' ist gekommen,
Hat alles mitg'nommen,
Hat d' Fenster 'neing'schlag'n,
Hat 's Blei davon trag'n,
Hat Kugeln d'raus 'gossen,
Hat 's Bubel erschossen.«

287. Der Schatz unter der Stundensäule am Hohen Steine.

(H. Arnold im Chemnitzer Tageblatte 1882, No. 11, 2. Beilage.)

Gar nicht weit vom Hohen Steine, unweit des Dorfes Landwüst, steht eine Säule, welche die Stundensäule genannt wird. Unter dieser befindet sich, wie alte Leute erzählen, ein riesiger großer, eiserner Kasten, welcher mit Goldstücken angefüllt ist, die aber von einem Geiste bewacht werden. Derselbe sitzt auf der Truhe und wird nur dann weichen, wenn das rechte Zauberwort gesprochen wird. Wenn man den Schatz heben will, so muß man dieses Zauberwort kennen, darf aber weder auf dem Wege bis zur Säule, noch während des Grabens und auf dem Rückwege ein Wort außer dem Zauberworte sprechen. Ebenso darf man sich nicht umsehen, denn wer dies thut, dem wird das Genick gebrochen.

Mit dem Schatze aber hat es eine eigentümliche Bewandtnis.

Vor alter Zeit, als noch die Heerstraße von Adorf über Remtengrün, Schönlinde und Landwüst nach Eger hinführte, kam einmal in der Nacht ein Reiter in das Dorf Landwüst gesprengt und begehrte einen Bauer als Führer. Sein Mantel pauschte ganz gewaltig, denn er hatte einen großen Sack mit lauter blanken Goldstücken, welche er durch Raub und Plünderung während des damals herrschenden Schwedenkriegs an sich gebracht hatte, darunter verborgen.

Es fand sich ein Bauer, der ihm den Weg zeigen wollte, und beide verließen das Dorf bei dichter Finsternis. Als sie an den Ort gekommen waren, wo die Säule stand, verbarg der Reiter sein Gold in einem Kasten und befahl dem Bauer, denselben in die Erde zu vergraben. Er sagte aber, daß Pulver und Blei darin verschlossen wären. Der Mann grub aus Leibeskräften, versenkte die Truhe und deckte sie wieder sorgfältig mit Schutt zu. Für seine Mühe erhielt er zehn Dukaten. Kaum war aber der Bauer einige Schritte von der Säule entfernt, so kam der Reiter ihm nach und erstach ihn, damit das Geheimnis mit dem Kasten niemandem bekannt würde. Der Offizier – denn ein solcher war der Reitersmann, – wurde im nahen Walde von seinen Kameraden, mit welchen er das Geld teilen sollte, erwartet. Weil er aber mit leerem Beutel kam, hängten ihn diese an den ersten besten Baum und ritten davon.

Am nächsten Tage fand eine Schar schwedischer Reiter, welche den Wald und andere zu Verstecken geeignete Plätze nach Spionen und Vagabunden durchsuchte, nicht allein den gehenkten Schwedenoffizier, sondern auch den ermordeten Bauer. Weil dieser aber zehn Dukaten in der Tasche hatte, die er vordem nicht besessen haben konnte, so sagten die Leute, er sei ein Schatzgräber gewesen, habe auch einen Griff in den Goldbehälter gethan, sei aber, da er jedenfalls während der Arbeit gesprochen oder sich umgesehen habe, von einem Geiste getötet worden.

288. Der Schatz im Heinrichstein bei Platten.

(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 93. etc.)

Von Platten aus führt die Straße nach dem Orte Breitenbach. In mehreren Windungen zieht sie sich durch ein schönes, anmutendes Thal, das ein klares Gebirgswässerlein, der Breitenbach, durcheilt, in dessen Wellen die lustige Forelle ihr Wesen treibt, während in den kräftigen Fichten- und Tannenwaldungen, womit die Thalwände bewachsen sind, zur Zeit des Lenzes die Vögel ihre fröhlichen Weisen erschallen lassen. Beim oberen Farbwerk gewahrt man zur Rechten einen 915 Meter hohen Felsen, den Heinrichfelsen, welcher eine prachtvolle Fernsicht gewährt. Seine Spitze trägt ein aus rohem Holz zusammengefügtes Kreuz, das wie eine schützende Wacht herabblickt in das stille, freundliche Thal. In der Umgebung des Heinrichsteines wachsen viele große und schmackhafte Heidelbeeren, was auch in früherer, längst vergangener Zeit der Fall gewesen ist.

Einst kamen an einem herrlichen Sommertage in die Nähe dieses Felsens zwei junge Mädchen aus Platten, um dort Beeren zu klauben. Unter heiteren Gesprächen wurden sie des Pflückens gar nicht müde, bis sie ihre Körbchen gehäuft voll hatten. Nun machten sie sich beide auf den Heimweg und verwunderten sich sehr, als sie am Fuße des Berges eine offene Thür erblickten, welche in einen weiten Gang führte. Die Mädchen gingen beherzt hinein und fanden daselbst eine eiserne Truhe, an der ein großer, altertümlicher Schlüssel steckte. Voll Hast öffneten sie mittelst desselben die Lade und sahen, daß diese mit Gold und Silber gefüllt war. Schier geblendet von den gleißenden Schätzen, schauten die Mädchen mit verblüfftem Antlitze eins das andere an und wußten gar nicht, was sie mit dem edlen Metalle anfangen sollten. Einfältig, wie sie waren, verschlossen sie, ohne etwas von den Schätzen anzurühren, die Truhe, nahmen den Schlüssel zu sich und liefen über Stock und Stein nach Hause, um ihren Eltern von dem reichen Funde Mitteilung zu machen. Außer sich vor Freude, eilten darauf die Väter der Mädchen zum Heinrichstein, aber der Eingang in den Felsen war nirgends mehr zu finden; auch die Mädchen suchten ihn vergebens, so sehr sie ihre Augen anstrengten. Noch lange soll der Schlüssel zur Schatztruhe auf dem Rathause in Platten aufbewahrt worden sein, doch ist er allda gegenwärtig nicht mehr vorhanden.

Vor vielen, vielen Jahren ging am Karfreitag ein armes Weib, ihr Kindlein auf dem Arme tragend, in den Wald am Heinrichstein, um Reiser zu sammeln. Über ihre mißlichen Verhältnisse nachdenkend, weinte sie bitterlich und meinte, ein Teil der im Felsen verborgenen Schätze genügte, mit einem Schlage ihrer Armut ein Ende zu machen. Da bemerkte sie auf einem Felsblocke des Heinrichsteines allerlei bunte Blumen. Sie schritt mit ihrem Kinde darauf zu, um für dieses einige Blümlein zum Spielen zu pflücken. Während das Weib sich dieser Beschäftigung hingab, gelangte sie plötzlich zu einer in den Felsen führenden Pforte, die sie früher niemals gesehen hatte. Höchlich überrascht, nahm sie ihr Kind, das sie auf einem grünen Platze niedergesetzt hatte, auf den Arm und trat näher zu der offenen Thüre, deren Schwelle sie ohne Bedenken überschritt. In dem Felsengewölbe standen Säcke, die mit Gold- und Silbererzen bis oben angefüllt waren, und ein Tisch. Auf letzteren setzte das nun sich glücklich fühlende Weib das Kind und begann von den funkelnden Schätzen gierig in ihre Schürze zu raffen. Kaum hatte sie diese voll, da erschien ein Zwerg, der sie zum schleunigen Fortgehen aufforderte. Erschrocken lief sie dem Ausgange zu und vergaß in der Angst ihres Kindes, dessen sie sich erst im Freien erinnerte. Wohl kehrte das bestürzte Weib ungesäumt und rasch zur Öffnung zurück, allein unter Krachen hatte sich der Felsen geschlossen. Wie sehr auch die trostlose Mutter weinte und um den Verlust ihres Kindes jammerte, der Eingang war und blieb unsichtbar. Fast verzweifelnd und die in ihrer Schürze befindlichen Schätze verwünschend, mußte sie endlich nach Hause wanken. In ihrem unbeschreiblichen Schmerze wandte sie sich an den Geistlichen in Platten, der sie nicht nur tröstete, sondern ihr auch den Rat erteilte, im nächsten Jahre zu gleicher Stunde wieder zum Heinrichstein zu gehen. Lange, sehr lange dauerte diesmal der schwergeprüften, sorgenvollen Mutter das Jahr, bis endlich der heißersehnte Karfreitag erschien. Da ging sie, fest auf den Heiland vertrauend, der an diesem Tage für die Menschen den Kreuzestod litt, wieder zum Felsen. Und siehe da! Die Thür stand wie vor Jahresfrist offen. Mit unaussprechlicher Freude stürzte das Weib in das Gewölbe und erblickte auf dem Tische ihr mittlerweile herangewachsenes Kind frisch und gesund, einen schönen Apfel in den Händchen haltend. Seelenfroh nahm sie dasselbe, drückte es an ihr Herz und eilte, so schnell sie die Füße tragen konnten, aus dem Felsen. Die daselbst aufgespeicherten blendenden Schätze übten diesmal keine Zauberkraft auf die Mutter aus, der ihr gefundenes Kind mehr galt als alle Reichtümer der Erde.

Ein andermal erblickte ein armer, tugendhafter Mann aus Platten, der einstmals in dem Walde beim Heinrichstein Holz sammelte, ganz unerwartet vor sich ein Licht, das sich am Boden fortbewegte. Er ging ihm nach und gewahrte eine große, offene Truhe aus Eisen, in welcher Gold- und Silbermünzen aller Art angehäuft waren. Da er mit den Händen die Lade nicht fortzuschaffen im stande war, zog er den Schlüssel ab, deckte, damit niemand anders den Schatz finde, denselben mit Reisig zu und eilte beflügelten Schrittes heim, um einen Schiebkarren zu holen. Als der Mann an Ort und Stelle zurückgekehrt war, fand er zwar das Reisig, aber zu seiner Bestürzung war die Geldtruhe spurlos verschwunden. Hätte er, statt die Lade mit Reisig zu bedecken, ein Halstuch auf den Schatz geworfen, so wäre dieser gebannt gewesen.

Schon mancher, der den Schatz heben wollte, wurde von der wilden Jagd arg bestraft, welche um den Heinrichstein ihr Unwesen treibt. Der Vorwitzige verfiel in eine schwere Krankheit oder starb sogar an den Folgen des Schreckens. Die wilde Jagd sollen Reiter sein, welche in der Luft dahin brausen. Viele Holzleute wollen in der Nähe des Heinrichsteines Hundegebell, Hörnerblasen, lautet Halloh und Peitschenknallen vernommen haben, was von der wilden Jagd herrührt.

Ähnlich wie vom Hohen- und Heinrichsteine erzählen uns Sagen aus anderen Gegenden Deutschlands von Frauen, welche beim Betreten des Schatzgewölbes ihr Kind niedersetzten und dasselbe nach einem Jahre im Innern des Berges mit einem Apfel in der Hand wiederfanden. Wie in unsern beiden Sagen geschah dies auch auf dem Löbauer Berge an einem Karfreitage (Haupt, Sagenbuch d. L. I. N. 249), auf dem Waldsteine im Fichtelgebirge jedoch am Johannestage (Zapf, Sagenkreis d. F. S. 16). Das übereinstimmende Anführen eines Apfels, welchen das Kind in der Hand hielt, ist gewiß nicht ohne Bedeutung. Vielleicht liegt darin eine Beziehung zu den verjüngenden Äpfeln, welche Idhuna, die Göttin der Jugend, besaß. Diese selbst wurde im Frühlinge aus der Gewalt der Frostriesen den Göttern zurückgebracht. Neben der »Quelle der Jugend«, die ihren Namen von der aus dem Tode erweckenden Eigenschaft ihres Wassers erhalten hatte, wuchsen Apfelbäume, von denen nach einem altfranzösischen Romane der Held Hüon von Bordeaux Wunder wirkende Früchte mitbrachte. (Nork, Sitten und Gebräuche d. Deutschen, S. 198.)

289. Der Schatz des Seeberges.

(Fr. Bernau, Comotovia. 1877, S. 76.)

In der Nähe des erzgebirgischen Schlosses Eisenberg erhebt sich der sogenannte Seeberg, der seinen Namen von dem großen See führt, welcher einst seinen felsigen Fuß umspülte. An diesen Berg knüpft sich die Sage, daß er eine ganze Braupfanne voll Gold in seinem Innern berge. Aber es giebt nur ein Mittel, in denselben und zu dem Schatze zu gelangen, und dies ist folgendes: Wenn der Priester am Palmsonntage die Passionsgeschichte liest, öffnet sich eine geheime Thüre, durch welche man zu dem Golde gelangen kann, was jedoch bis Mittag 12 Uhr geschehen muß, da mit dem zwölften Glockenschlage die Thüre wieder bis auf Jahresfrist verschwindet.

Im Jahre 1855, so erzählte ein Bauer aus jener Gegend, machte sich an dem besagten Tage ein Schneider mit noch zwei Gefährten auf den Weg nach dem Seeberge. Am Fuße desselben angelangt, eilte der Schneider voraus und bald hatte er seine schwerfälligeren Begleiter im Rücken. Er klomm von Felsen zu Felsen, durch Gesträuch und Gebüsch zum Gipfel hinan und gelangte bald auf einen grünen, baumfreien Platz, wo er seine Gefährten erwarten wollte. Allein er wurde fast starr vor Schrecken, als er in einer kolossalen Felsenwand plötzlich eine große geöffnete Thür erblickte, welche in einen langen, dunklen Gang führte. Als er seine Sinne wieder gesammelt hatte, konnte er deutlich Stöhnen, Bitten und Flehen um Befreiung aus dem Innern des Berges vernehmen; er besann sich nicht lange, merkte sich die umstehenden Bäume wohl und lief in aller Eile zurück, um seine Kameraden zu holen. Diese waren jedoch noch weit zurück, und als er sie endlich erreicht, hörte er auch schon den zwölften Glockenschlag und zugleich einen furchtbaren Donnerschlag vom Berge her, daß alle drei dem Herannahen ihres letzten Stündleins schaudernd entgegensahen. Da aber der Himmel sonst ganz heiter war, auch die Natur vollkommen ruhig sich zeigte, ließen sich die beiden andern endlich bewegen, mit dem Schneider an die bezeichnete Stelle zurückzukehren. Dort angekommen, fanden sie jedoch statt der erwarteten Thüre nur die hochragende starre Felsenwand, die sie von früher her wohl kannten; von einer zu den Schätzen führenden Öffnung war keine Spur zu sehen. Dieser tragische Anblick versetzte nun den armen Schneider in ein abermaliges Erstarren, indem er das schon sicher gewähnte Glück mit einem Schlage vernichtet sah.

Ob seit jener Zeit wieder irgend ein schatzsüchtiges Menschenkind den Versuch gemacht hat, dem Seeberge seine Schätze abzugewinnen, hat man nicht erfahren.

290. Die Teufelswand bei Blauenthal.

(Erzgebirgischer Anzeiger, Schneeberg 1803, S. 322 etc.)

Die granitene Teufels- oder Steinwand liegt zwischen Eibenstock und Blauenthal am linken Ufer der Bockau, ohngefähr 1000 Schritte von dem Punkte, wo sich dieses Wasser in die Mulde ergießt. In dieser Teufelswand befindet sich eine Höhle, von welcher die Sage folgendes erzählt: Als die Menschen in allerhand Laster verfielen, verlor sich auch der allgemeine Wohlstand und drückende Armut folgte. Um aber das Elend zu vollenden, hatten sich zehn reiche Bösewichter vereinigt, alle gute und gangbare Münzen, deren es damals bei weitem nicht so viel gab, als heut zu Tage, an sich zu bringen, damit in fremde Länder zu ziehen, sie daselbst mit jüdischem Gewinne gegen schlechte umzutauschen, diese ins Land zurück zu schaffen und nach und nach unter die Leute zu bringen. Dies gelang ihnen auch und zwar noch besser, als sie gehofft hatten.

Einst fuhren sie auch mit einem Wagen Geld den böhmischen Wald hinan und gedachten noch vor Einbruch der Nacht eine Herberge zu erreichen. Da zogen von Norden herauf finstere, schwere Gewitterwolken; der Sturm sauste durch die hohen Fichten und riß so manchen Stamm mit seinen Wurzeln aus dem Boden. Die Reisenden konnten unmöglich weiter kommen und suchten deshalb ein nahes Obdach. Bald kam einer von ihnen mit der Botschaft zurück, daß er unfern der Straße auf einer Anhöhe ein unbewohntes Schloß gefunden habe, in welchem sie wenigstens das Gewitter abwarten könnten. Sie ließen ihre Knechte bei dem Wagen und begaben sich an den bezeichneten Ort. Die Burg mochte schon lange von niemandem bewohnt gewesen sein, denn nur noch ein einziges Zimmer schützte unsere Reisenden vor dem herabstürzenden Regen. Sie setzten sich an eine halbvermorschte Tafel und nahmen die nötige Speise zu sich. Plötzlich tobte der Sturm noch schrecklicher, heftiger ergoß sich der Regen, dreifach durchkreuzten sich die Blitze und dreimal krachte der Donner. Im Nu stürzten die Mauern der Burg zusammen und ein gespaltener Felsen stieg aus ihren Trümmern empor.

Unten am Wege aber lagen die von den Donnerschlägen betäubten Knechte unter dem Wagen, und sie erholten sich erst, als der Mond wieder die Wolken zerteilte. Mit Schrecken sahen sie nun, daß das Geld vom Wagen verschwunden war. Eben mochte die Mitternachtsstunde geschlagen haben, als eine lichte Gestalt sich dem Wagen näherte und durch langsames Winken den zitternden Knechten befahl, zu folgen. Sie thaten es und kamen an einen hohen Felsen. Von selbst sprang eine steinerne Thür auf, und sie traten in ein Gewölbe, wo ihre Herren an einer Tafel saßen und Geld zählten. Keiner sah sich um. Da sagte die Gestalt zu den Knechten folgende Worte: »Gehet hin und erzählt, was Ihr gesehen habt. So lange sind diese zehn Unholde verdammt, Geld zu zählen, bis einst ein Mann geboren werden wird, der zehn Armen ohne Eigennutz Wohlthaten erzeigt. Diesem sei es vergönnt, wenn er mit dem Kraute, welches Lunaria heißt, den Felsen berührt, dieses Gewölbe zu öffnen und alles vorhandene Geld mit sich zu nehmen.« Die Gestalt verschwand, und die Knechte lagen wieder unter ihrem Wagen.

Zu Zeiten soll ein großes Getöse in der Teufelswand gehört werden, welches sich seit einigen Jahren sehr vermehrt haben soll.

291. Der verborgene Schatz im Schloßbrunnen auf dem Purberge.

(J. Mann in der Erzgebirgs-Zeitung 1882, S. 16.)

Der Purberg bei dem Dorfe Tschernowitz bei Komotau trug vor langer Zeit auf seinem altehrwürdigen Haupte ein prachtvolles Schloß, von welchem nur noch einige Trümmer übrig geblieben sind. Vor seiner Zerstörung schon waren aber die Schätze, welche es in seinem Innern barg, verschwunden; Geister haben sie hinweggeräumt und bewachen sie in den unterirdischen Räumen des Berges Tag und Nacht. Wenn man sich in der Nacht dem Berge nähert, so bemerkt man über gewissen Stellen blaue Flämmchen, die aber bald wieder verschwinden.

Einstmals hüteten zwei Knaben Vieh auf dem Berge und, ohne sich um dasselbe viel zu kümmern, setzten sie sich nieder und spielten, nachdem sie sich vorher der Stiefeln entledigt hatten. Bald aber kamen sie miteinander in Streit. Der eine Knabe nahm jetzt den Stiefel von seinem Kameraden und warf ihn aus Bosheit in den Schloßbrunnen. Was war jetzt zu thun? Den Stiefel wollte und mußte der Beschädigte haben. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als in den Brunnen zu steigen und den Stiefel zu holen. Gedacht, gethan. Er hatte aber noch nicht den Wasserspiegel erreicht, als er zu seiner Rechten einen Gang gewahrte, in dessen Wölbung ein alter, stämmiger, weißbärtiger Mann stand; der Knabe erschrak, faßte sich aber sogleich und klagte dem Greise seine Not. Dieser gab dem Knaben den Stiefel aus Mitleid zurück; der Knabe dankte, kletterte zurück und kam glücklich wieder oben an. Aber welches Entsetzen! der Stiefel war schwer wie Blei! Er sah hinein und bemerkte einen großen Goldklumpen. Sobald der andere Knabe dieses sah, erwachte in ihm der Neid und die Habgier, und um sich ebenfalls einen solchen Schatz zu holen, stieg er auch in den Brunnen hinab, kam aber nie mehr zum Vorschein.

Ein armer Mann, dessen Weib schwer krank darnieder lag und der überdies noch drei unmündige Kinder zu versorgen hatte, beschäftigte sich, um nur das tägliche Brot zu verdienen, mit dem Sammeln von Hadern und Papierabfällen, um sie dann zu verkaufen. Einmal, am Karfreitage, ging er an sein armseliges Tagewerk, hatte aber zu seinem großen Leide nichts von seinen gesammelten Effekten verkauft. Betrübt darüber, mit Thränen in den Augen, kam er an dem Purberge vorüber und dachte darüber nach, wovon er mit seinem Weibe und seinen hungrigen Kindern heute und morgen leben werde. Wie er so in Gedanken weiter geht, sieht er plötzlich einen alten Mann, der ihn fragt, worüber er so betrübt sei. Der Hadersammler erzählte ihm ganz aufrichtig seinen Kummer und sprach ihn zuletzt um ein Almosen an. Der alte Mann aber antwortete: »Geld habe ich zwar keines, aber gehe nur nach Hause, dort wird Dir schon geholfen werden.« Der arme Mann glaubte seinen Worten, und zu Hause angelangt, schüttete er seinen Korb mit dem Papier und den Hadern aus und entdeckte zu seinem größten Erstaunen am Boden des Korbes einen großen Goldklumpen. Von nun an war er ein wohlhabender Mann.

292. Der beschrieene Schatz des Hohen Steins.

(Joh. Böhm in der Erzgebirgs-Zeitung, 1881, S. 135.)

Ein Weib, welches mit einer Gefährtin am Hohen Steine Holz sammelte, sah plötzlich, als sie sich aus ihrer gebückten Stellung aufrichtete, einen großen Haufen Gold vor sich, über dem ein zuckendes Flämmchen schwebte. Überrascht und erstaunt betrachtete sie mit gierigen Blicken das gleißende Metall und rief laut ihrer entfernten Gefährtin zu: »Komm' doch schnell hierher und hilf mir den großen Schatz in meinen Korb raffen, welcher hier liegt!« Kaum waren diese Worte ihrem Munde entflohen, als unter zischendem Geräusche der Schatz verschwand, und die Gerufene, welche eiligen Laufes herbeigekommen war, schalt jetzt ihre Genossin tüchtig aus, weil sie so unbedachtsam den Schatz beschrieen und ihn so zum Verschwinden gebracht habe.

293. Der Schatz in der Loh bei Schönau.

(Mitgeteilt vom Lehrer H. Schlegel aus Wildenfels.)

In der sogenannten »Loh,« einem stellenweise sumpfigen, nach dem nahen Dorfe Schönau bei Wildenfels zu gelegenen Distrikte, soll in früher Zeit ein Raubschloß gestanden haben. Man sah an diesem Orte auch häufig des Nachts um die zwölfte Stunde ein kleines Licht, und als man daselbst nachgrub, fand man einen großen Schatz, welcher in einer kupfernen Pfanne lag.

294. Der Schatz auf der Geyersburg.

(Erzgebirgs-Zeitung, 1. Jahrg., S. 196.)

Oberhalb des Ortes Hohenstein bei der Haltestelle Mariaschein-Calvarienberg der Dux-Bodenbacher Bahn erheben sich auf dem 456 m hohen Bergsattel des Erzgebirgs die wildromantischen Ruinen der Geyersburg. In dem daselbst befindlichen unterirdischen Gange, welcher erst auf dem Teplitzer Schloßberge ausmünden soll, liegen ungeheuere Kostbarkeiten aufgespeichert, die man nur am Karfreitage innerhalb der Dauer der Frühmesse heben kann, vorausgesetzt, daß man dabei auch mit der erforderlichen Vorsicht zu Werke geht. Verstreicht dieser günstige Zeitpunkt, so schließt sich mit einem furchtbaren Schlage die Öffnung zu dem Raume, welcher, bewacht von neidischen Kobolden, die Schätze birgt, und der Suchende ist unrettbar verloren. So sollen vor einiger Zeit zwei Bergknappen es gewagt haben, in den Stollen einzudringen; dem einen war das Glück insofern günstig, als er, wenn auch ohne die gehofften Schätze, jedoch wenigstens mit heiler Haut davon kam, während der zweite infolge seiner Verspätung aus dem unheimlichen Raume nicht mehr zurückkehrte.

295. Die Schätze bei der Prokopikirche in Graupen.

(Erzgebirgs-Zeitung, 1. Jahrg., S. 192.)

Die Sage weiß von großen Schätzen zu erzählen, welche neben und unter der Prokopikirche in Graupen verborgen liegen. Sie sollen in Kriegszeiten eingegraben worden sein. Vor Jahren pflügte auf dem nahen Felde ein Landmann; plötzlich sah er einen elegant gekleideten jungen Mann vor sich stehen, der bald ein Gespräch mit ihm anknüpfte und sich eingehend um seine Verhältnisse erkundigte. Der Mann klagte über die schweren Zeiten, über harte Arbeit und schmalen Verdienst. »Ei was,« rief der rätselhafte Fremde aus, »da ist Euch bald geholfen; geht nur auf den Friedhof der Prokopikirche, dort werdet Ihr knapp an der Friedhofmauer auf einem Grabhügel ein weißes Tuch erblicken. An dieser Stelle müßt Ihr so lange graben, bis Geld zum Vorschein kommt. Finden müßt Ihr es sicher; die Tiere dürft Ihr aber unter keiner Bedingung auf den Friedhof führen.« Darauf verschwand der Jüngling. Der Bauer zog noch einige Furchen, bis die Turmuhr die zwölfte Mittagsstunde ankündigte. Er wollte aber seine Ochsen nicht allein lassen und dachte bei sich: Der Jüngling ist ja nicht da und weiß nichts davon, wenn ich sie mitnehme, zudem postiere ich sie ja ohnehin nur am Eingange. Gesagt, gethan; er betrat den Friedhof und bald war auch das bezeichnete Grab gefunden. Nun gings rasch an die Arbeit und, o Wunder! mit einem Male blenden gleißende Goldstücke, die eine große, geöffnete Kiste füllen, seine Augen. Er will darnach greifen, da tritt ein nebelhaftes, graues Männchen dazwischen, schlägt mit Gewalt den Deckel wieder zu und deutet mit wilder Geberde dem Manne an, er möge sich mit seinem Gespanne gleich von hier entfernen und den heiligen Ort nicht fürder entweihen. Kaum war er mit den Tieren draußen, so schlossen sich auch die beiden Thorflügel mit solcher Wucht, daß ihm der Schlag durch Mark und Bein ging. Das schlaue Bäuerlein ließ sich indeß durch diesen fruchtlosen Versuch nicht abschrecken, ging später wieder auf den Friedhof und grub aus Leibeskräften an jener Stelle; aber die Kiste mit den Goldstücken hat er nicht wieder gesehen.

296. Der Schatz in der großen Mühle bei Rabenau.

(Mitgeteilt von Dir. Ludw. Lamer in Hainsberg.)

In der großen Mühle, welche früher zum Rabenauer Schlosse gehörte und durch einen unterirdischen Gang mit demselben verbunden gewesen sein soll, war von Raubrittern ein großer Schatz verbannt, der nur von einem ganz unbescholtenen Mädchen von zwanzig Jahren gehoben werden konnte. Dieser Schatz wurde von zwei kleinen Schattenmännchen bewacht, welche von vielen Leuten gesehen worden sind. Diese Männchen besuchten das Mühlengebiet öfter und sobald sie dasselbe betraten, blieben alle Werke stehen und waren nicht eher wieder in Gang zu bringen, bis die Schattenmännchen wieder fort waren. Sie nahmen ihren Rückweg jedesmal durch die zum Wasserbett führende Thür, gingen über letzteres weg und verschwanden bei dem daneben befindlichen Keller. Bis zu Anfang dieses Jahrhunderts wurden dieselben gesehen, und genau nach hundert Jahren sollen sie wieder erscheinen, wenn der Schatz inzwischen nicht gehoben wird.

Ein Mädchen, welches sich vorgenommen hatte, den Schatz zu heben, wurde von ihren Angehörigen gewaltsam daran verhindert, die Mühle zu betreten, um sie vor Unheil zu bewahren; sie gebärdete sich wie wahnsinnig, so daß man sie anbinden und anschließen mußte; darauf verfiel sie in eine hitzige Krankheit und starb bald.

Ende vorigen Jahrhunderts soll ein Besitzer der Mühle, dessen Name vormals auch genannt wurde, mit Hülfe eines Geistesbeschwörers den vergrabenen Schatz auch zum Teile gehoben haben; dafür wurde er aber von den Geistern so geplagt und verfolgt, daß er die Mühle verkaufte und sich bei Dresden von dem Schatze ein großes, schönes Grundstück erwarb.

Noch zu Anfang dieses Jahrhunderts ließen sich Geister in der Mühle sehen, welche den damaligen Besitzer überall so arg verfolgten und in Furcht setzten, daß er zuletzt in Wahnsinn verfiel.

297. Der Schatz im Schlosse zu Rabenau.

(Mitgetheilt von Dir. Ludwig Lamer in Hainsberg.)

Vor 50 bis 60 Jahren standen von dem Rabenauer Schlosse noch mehrere Mauern und Gewölbe und auch ein Altan. Da erzählten alte Leute, frühere Raubritter hätten in dem Schlosse einen Schatz vergraben, welcher von einer großen, schwarzen Henne mit feurigen Augen versetzt oder verbannt sein sollte; diesen Schatz konnte nur derjenige finden, welcher eine gleiche Henne mit zur Stelle brachte. Die versetzte Henne ließ sich von Zeit zu Zeit sehen und scharrte und kratzte grade auf der Stelle des Schloßhofes, wo der verbannte Schatz lag, verschwand aber jedesmal, wenn sich ihr ein Mensch näherte. Schon in früherer Zeit hat man fleißig Schatzgräberei im Schlosse unternommen und sogar bis Ende der dreißiger Jahre dieses Jahrhunderts allen Ernstes Schätze gesucht, aber stets ohne Erfolg.