Die gegenwärtig in der Pfarre von Ebersdorf aufbewahrten Kleider der Prinzen Ernst und Albert sind nur getreue Nachbildungen.
(Alfred Moschkau in der Saxonia II. S. 71.)
Die Steinbrücke, die sich unterhalb des Schlosses Nossen über die Mulde wölbt, steht auf der Stelle einer uralten Furt. Noch Anfang vorigen Jahrhunderts mußte man, um von Meißen her in die Stadt zu gelangen, diese Furt passieren und es gehörte zu deren eifrigsten Frequentanten längere Zeit August der Starke, den die Liebe oft auf das nahe Rittergut Keseberg trieb. Da traf es sich denn einmal, als sein Sehnen groß und er dem Ziele so nahe war, daß er ratlos mit seinem Gefolge an der Mulde rasten mußte, weil der Strom geschwollen und es kein Vorwärts gab. Um nicht wieder in solche fatale Lage zu geraten, ordnete August der Starke sofort den Bau der heutigen Muldenbrücke an.
(Staberoh, Chronik der Stadt Oederan, S. 123 etc.)
Im Jahre 1572 befand sich Kurfürst August mit seiner Gemahlin Anna auf der Augustusburg. Nach wenigen Tagen schon stellten sich bei der Kurfürstin Zeichen ein, welche eine schnelle Abreise bedingten. Sie wünschte sogleich fort und nach Freiberg geschafft zu werden, wohin ihre Frauen, das Nötige zu ordnen, sämtlich vorauseilten. Es war spät am Abend und eine finstere Herbstnacht, als August und Anna ganz allein diesen nachfolgten. Der kürzere Fürstenweg sollte sie schnell nach Freiberg führen. Allein am Tannichtholze war die Kraft der Kurfürstin am Ende. Der Kutscher wußte jedoch Bescheid und lenkte auf sanftem Feldwege sogleich nach Oederan ein. Hier lag alles nach tags vorher gefeiertem »Mariä Geburtsfeste« in tiefem Schlafe. Der schwerfällige Wagen bewegte sich langsam bis nach dem Obermarkte herauf, wo an der Ecke eines Hauses, des jetzt Oehme'schen, No. 108, noch ein Lichtlein durchs Fenster leuchtete. Dahin wünschte Anna so heimlich als möglich gebracht zu werden. Der Hauswirt Jakob Mathesius, seines Gewerbes ein Schlosser, war mit seiner Tochter Kunigunde eben von einem Kindtaufsschmause heimgekehrt und letztere vor dem Spiegel beschäftigt, ihren orientalischen Patenschmuck abzulegen, als ein leises aber freundliches Rufen sie vor die Thüre lockte. Zwei Worte reichten hin ihr zu sagen, wem und wie sie hier zu helfen habe, mit gewandtem Anstande führte sie die Landesmutter in ihr Schlafzimmer, rief die erfahrene Hausfrau herbei, ordnete die nötige Hausarznei und schwatzte die sich erholende Anna in den ihr so nötigen Schlaf, bei der das kluge Jüngferchen wie bei einer Mutter sorgliche Wache hielt, indeß der Landesvater in der Wohnstube sich von dem verblüfften Vater die Wahrheit sagen ließ.
Eine zweistündige Ruhe der gestärkten Fürstin ermutigte diese zu dem Wunsche, sogleich weiter zu reisen und den Gemahl herbeizurufen. Von der Gemahlin unterrichtet, was und wie viel sie dem Mädchen danke, fühlte der Kurfürst sich diesem verpflichtet und hielt der Bescheidenen die volle Börse hin. Mit edlem Stolz aber trat Kunigunde, den Reichtum abweisend, zurück und sagte: »Mir genügt an der ehrenvollen Gnade und dem Heil, das unserm Hause wiederfahren ist, und an der Aussicht«, dabei auf die Kurfürstin deutend, »für diese Gesegnete des Herrn bald vielleicht knieend diesen meinen Dank zu bringen!« »Sie hat Recht!« rief, sich erhebend, die Kurfürstin, drängte den Gemahl mit seinem Golde zurück und schloß das edle Mädchen in ihre Arme, den zweideutigen Sinn ihrer Worte recht gut fassend. »An der Wiege meines Kindes wirst Du diesen Dank gen Himmel senden, und dahin mich sogleich begleiten!« Schneller als ihr Entschluß, dieser hohen Gnade und dem gütigen Wunsche zu folgen, waren die Reisekleider der entzückten Kunigunde herbeigeholt und nach wenigen Minuten fuhr sie mit ihren erlauchten Gästen zum Freiberger Thore hinaus, hinab nach Dresden, wo nach 4 Wochen die Überglückliche denselben orientalischen Patenschmuck am Taufpult der neugeborenen Prinzessin trug, welchen sie einst getragen hatte, als ihre hohe Gevatterin vor die älterliche Wohnung geführt wurde.
Die Kurfürstin verheiratete später diese Kunigunde mit einem Freiherrn von Voppelius.
(Merkels Erdbeschr. von Kursachsen, bearbeitet von Engelhardt, 2. B., S. 105.)
Als Kaiser Maximilian II. im Jahre 1648, da er noch Erzherzog war, den Kurfürsten August von Sachsen besuchte, ward von letzterem in dem großen Tharander oder Grillenburger Walde eine glänzende Jagd veranstaltet. Auf dieser Jagd kam der Erzherzog in eine zweifache Lebensgefahr. Denn ehe er sichs versah, gerieth er mit seinem unbändigen Rosse an einen steilen Felsenhang, wo nur noch ein Schritt zwischen Leben und Tod war, und als er dann, glücklich der Gefahr entgangen, wieder umkehrte, um den Jagdtroß zu erreichen, verirrte er sich beim Sinken des Tages im Waldesdickicht, und er mußte endlich froh sein, daß er die Strohhütte eines Waldhirten erreichte, in welcher er übernachten wollte. Den Hirten aber verblendeten die reichen Kleider des erlauchten Gastes, so daß er den Vorsatz faßte, diesen während seines Schlafes zu ermorden. Doch Maximilians Wachsamkeit und Mut vereitelten diesen Plan. Unterdeß war auch der Jagdtroß, welcher den Fürsten suchte, herbeigekommen, und als die Jäger erfuhren, in welcher Gefahr Maximilian geschwebt hatte, schleppten sie den Hirten mit fort. Derselbe wurde sehr bald hingerichtet, seine Waldhütte aber wurde verbrannt.
(Ed. Gottwald in den Mitteilungen des K. S. Vereins für Erforschung und Erhaltung vaterländischer Altertümer, 13. Heft, Dresden, 1863, S. 52.)
Über das Geschlecht der Edlen von Theler, sowie über deren reiche Silberzechen im Thale der wilden Weißeritz sind gar manche Sagen dem Anscheine nach seit Jahrhunderten im Munde des Volkes, und vorzugsweise die Sage vom Ritter Conrad von Theler, welcher seinen Hauspfaffen am Sonntage Oculi 1332 in der Sakristei der Burgkirche erstochen haben soll, weil dieser ihn von der Kanzel herab verflucht und von dem reichen Bergwerkssegen immer zu viel für die Kirche verlangt habe. Nach jener verbrecherischen That sei Conrad nach Jerusalem gezogen, um dort am heiligen Grabe Buße zu thun, und habe, als er am 5. Juli 1334 zurückgekehrt sei, von Höckendorf an sieben Bet- oder Marter-Säulen setzen lassen, von welchen gegenwärtig noch drei vorhanden sind, deren erste nahe am neuen Höckendorfer Kirchhofe steht. Auch habe derselbe den wertvollen Altarschrank bauen lassen, der gegenwärtig noch die dortige Kirche schmückt, und dessen reiche Vergoldung aus dem Goldbergwerke gewonnen sei, welches Conrad in der Höckendorfer Heide besessen.
Die Höckendorfer Kirchennachrichten vom Jahre 1846 bringen hierüber Conrads von Theler eigene Worte, welche einer Urkunde entnommen sein sollen. Sie heißen: »Was ich mitgebracht hatte, das wollte der Pfaff hineinschlucken, welches mir aber nicht anstund; weil nun das Verfluchen auf der Cancel auf mich losging und er mich so sehr verfluchte, sagte ich zu ihm: was habt ihr mich und mein Haus zu verfluchen, da Christus ja auch für mich gestorben und wieder auferwecket von den Toden, zu sitzen zu der rechten Hand Gottes und vertritt uns.
Es war der Sonntag, an welchem das Evangelium: Jesus trieb die Teufel aus: Luc. am II. (am Sonntage Oculi) gepredigt wurde, Anno 1332, als ich den Pfaffen erstach und sogleich nach Jerusalem reiste, wo ich die heilige Stätte abmas, und als ich wieder nach Hause kam, ließ ich vom Dorfe Cunnersdorf an steinerne Capellen setzen, welche soviel auseinanderstanden, als unser Heiland mit dem schweren Kreuze gegangen ist, ehe er ausruhete, in jeder Capell stehen die sieben Buchstaben christus, welches Alles in unserem Herrn Jesu zu einem Gelübde gethan habe. Ich Cunrad Theler habe auch den 5. Juny 1334 den hohen Altar zu Höckendorf zu bauen angefangen, welcher den 6. October 1337 fertig worden ist, das Schnitzwerk ist aus Wien kommen und kostet 5000 Thaler und das Gold mit Vorhängen 24000 Thaler, und den 3. November ist selbiger durch einen Cardinal aus Rom geweihet worden.«
Diese Urkunde ist jedenfalls unecht, denn sowohl Moller in seiner Freiberger Chronik als auch König in seinem Adelslexikon, welche beide die Thelersche Reise nach Jerusalem mitteilen, erzählen nichts von einem Priestermorde, als der Veranlassung zu jener Wallfahrt. Vielmehr heißt es in dem angeführten Adelslexicon von Conrad Theler, daß derselbe gottesfürchtig, andächtig, im Glauben beständig und gegen die Kirche ehrerbietig gewesen sei. (Sachsengrün, 1860, S. 21.)
(Ziehnert, Sachsens Volkssagen, Pros. Anhang, No. 8.)
Die Söhne Friedrichs des Streitbaren, Kurfürst Friedrich und Herzog Wilhelm, hatten über ihre Länder einen Teilungsvertrag geschlossen, nach welchem die Stadt Freiberg beiden zugleich angehörte. Als nun zwischen den beiden Brüdern der Krieg ausbrach, welcher gegen sechs Jahre währte, da war die arme Stadt oft in Kümmernis, denn zwei Herren, die sich befehden, durch Treuschwur zugleich unterthan zu sein, das ist gar ein schlimmes Ding.
Im Jahre 1446 kam Kurfürst Friedrich, vielleicht nur, um die Treue der Bürger zu erproben, mit starker Heeresmacht nach Freiberg, hielt auf dem Markte Lager mit seiner Ritterschaft und ließ durch einen Herold ausrufen, »daß der Rat und die Bürgschaft bei Verlust Gutes und Lebens ihm allein huldigen, seinen Bruder verschwören und wider denselben ihm zu Hülfe thun sollten.« – Da gingen die Herren des Rates zusammen und hielten voller Ängsten einen Rat, was zu beginnen sei und konnten nichts Erfreuliches ersinnen, denn entweder sie mußten den Treuschwur am Herzog Wilhelm brechen, oder die Stadt war der Zerstörung durch den Zorn des Kurfürsten Friedrich gewärtig. Also waren sie in großen Nöten, wählten aber dennoch das beste Teil. – Als der Herold zum dritten Male rief, gingen sie barhäuptig, je zwei und zwei, vom Rathause auf den Markt, jeder seinen Sterbekittel am Arme tragend, und traten vor den Kurfürsten, um den seine Ritter einen Kreis geschlossen hatten. Nikol Weller von Molsdorf, der Bürgermeister, aber nahm das Wort und sprach: »Wir und die ganze Stadt sind so bereitwillig als schuldig, Euch, unserm gnädigsten Herrn, untertänigst zu gehorsamen, und ist uns gegenwärtige Trennung unserer beiden Fürsten ein herzliches Leidwesen; aber weil wir dem Herzog Wilhelm, Eurem Bruder, mit gleichen Pflichten verhaftet und solcher von ihm noch nicht entlassen sind, also auch mit gutem Gewissen keinem Teil Schaden zufügen können, so bitten wir um Gotteswillen, Ihr wollet uns doch dabei lassen und zu keinem Widrigen zwingen. Wenn es nicht gegen den Bruder ginge, so wollten wir gern Leib, Ehre und Gut für Euch zusetzen; aber dafern Ihr, was Gott verhüte, in uns dringen wollt, so gedenken wir lieber zu sterben, als uns in solche Seelengefahr zu stürzen, und ich will gern der Erste sein und mir meinen alten, grauen Kopf abhauen lassen!« Durch diese Rede erweicht, warf der Kurfürst sein Roß herum, ritt zu Wellern, klopfte ihm auf die Achsel und sagte freundlich: »Nicht Kopf weg, Alter! nicht Kopf weg! wir bedürfen solcher ehrlicher Leute noch länger, die ihr Eid und Pflicht also in acht nehmen!« – Hierauf lobte er die Treue der Stadt und ermahnte die Ratsherren und Bürger, darinnen zu verharren und furchtlos zu sein, denn er stehe gern ab von seinem harten Begehren.
(Aug. Diezmann im Album fürs Erzgebirge, Leipzig, 1847, S. 133.)
Ziemlich allgemein setzt man die Erfindung des Spitzenklöppelns durch Barbara Uttman in das Jahr 1561, ohne einen haltbaren Grund dafür angeben zu können; wahrscheinlich war in jener Zeit die neue Kunst schon so weit vervollkommnet und erleichtert, daß sie von da an allgemeinen Eingang fand. Dies muß der Fall gewesen sein, denn als 1568 eine bösartige Krankheit in Annaberg herrschte, sollen allein in dieser Stadt gegen 800 Spitzenklöpplerinnen gestorben sein.
Barbara Uttmann war die Tochter des Fundgrübners Hans Heinrich von Elterlein und wurde im Jahre 1514 geboren. Schon frühzeitig zeichnete sie sich durch eine seltene Geschicklichkeit in allen weiblichen Arbeiten und namentlich in der Verfertigung von Spitzen mit der Nadel aus. Die Sage erzählt nun:
Ein junger Mann aus der damals berühmten Familie Uttman, welche durch den Bergbau große Schätze erlangt hatte, sah Barbara, verliebte sich in sie und wurde, als er ihr die Gefühle seines Herzens entdeckte, durch das Geständnis der Gegenliebe beglückt. Die Eltern der jungen Liebenden hatten gegen die Verbindung derselben nichts einzuwenden und die Zeit der Vermählung wurde festgesetzt. Die Männer trugen zu jener Zeit breite gestickte Hemdkragen und Barbara wünschte ihren Bräutigam am Hochzeitsfeste mit einem selbstgefertigten Spitzenkragen zu überraschen. Sie sann und grübelte deshalb noch eifriger als sonst über die neue Art der Spitzenbereitung, mit der sie sich schon lange beschäftigt hatte; sie versuchte wohl tausenderlei, steckte Nadeln fest, schlang um dieselben die Faden und endlich brachte sie auf diese Weise glücklich ein Gewebe zu Stande, dem sie mit der Nadel die letzte Vollendung gab. So soll die erste geklöppelte Spitze entstanden sein, welche der Bräutigam der Erfinderin, Christoph Uttman, an seinem Hochzeitstage als Halskragen trug.
Eine andere Sage erzählt, daß Barbara in der Kunst des Spitzenklöppelns von einer Magd unterrichtet wurde, die aus Brabant entflohen war und in dem Hause des Herrn von Elterlein eine Zuflucht gefunden hatte.
(Ziehnert, Sachsens Volkssagen, Anhang, No. 45.)
Als im 16. Jahrhundert der Bergsegen des Obererzgebirges jährlich sich verminderte und überall ein Wehgeschrei über den Silberräuber, wie man den Kobalt nannte, sich erhob, da kam Christoph Schürer, eines Apothekers Sohn aus Westphalen und landesflüchtig seines evangelischen Glaubens wegen, nach Schneeberg, wo er, als ein in der Chemie wohlerfahrener junger Mann, bald eine Anstellung bei den Hütten fand. Schon wenige Tage nach seiner Ankunft gewann er die Liebe Anna's, der Tochter des Hüttenmeisters Rau, und bald auch durch sein einnehmendes Betragen das Jawort ihres Vaters, so daß die Hochzeit auf das nächste Bergfest bestimmt wurde. Ehe aber das Bergfest kam, wären beinahe die Hoffnungen Schürers vernichtet worden. Bei seinen chemischen Forschungen war er nämlich auf den Gedanken geraten, den viel verrufenen Kobalt zu etwas Nützlichem umzugestalten. Er machte demnach im geheimen in einer Schmelzhütte in Oberschlema vielfache Versuche und trieb es damit oft die ganze Nacht hindurch so eifrig, daß er bald in den Verdacht der Alchimisterei und Schwarzkünstlerei gerieth. Als daher aus Platten in Böhmen, wo er sich bei seinem frühern Aufenthalte daselbst durch seinen Glauben Feinde und durch seine Kenntnisse Neider gemacht hatte, mehrfache Klagen einliefen, daß er ein Zauberer, Dieb und Glaspartierer gewesen sei, und man seine Auslieferung forderte, gebot der Bergmeister, ihn zu verhaften. Eben war Schürer in der Schmelzhütte mit seinen Versuchen beschäftigt, da kam der Frohn, ihn festzunehmen, fand aber die äußere Thür verschlossen, was er dem Bergmeister meldete. Diesen sowie den Hüttenmeister Rau und einige Geschworene trieb jetzt die Neugier mitzugehen. Die Thür ward aufgesprengt und mit freudefunkelnden Augen trat der Gesuchte den Eintretenden entgegen. Aber wie staunte er, als der Frohn ihn griff und ihm die Handschellen anzwang! Wie erschrak er, als ihn die Bergherren mit Vorwürfen überhäuften und ihn einen Zauberer, Dieb und Partierer schalten. Da rief er, schnell sich fassend, mit fester Stimme: »Männer prüfen, ehe sie entscheiden! Meint Ihr, ich treibe bösen Unfug hier mit schwarzer Kunst, so tretet her! Seht, dies wollt ich gewinnen, und, Gott sei Dank, endlich ists gelungen! Ich meine, es soll dem Lande von großem Nutzen sein!« Mit diesen Worten reichte er ihnen eine Mulde voll feinen, schönblauen Staubmehls hin. Die Bergherrn staunten und begehrten zu wissen, wie und woraus er solche schöne blaue Farbe bereitet habe. Schürer zeigte ihnen alles willig und reinigte sich so von dem Verdachte, daß er ein Schwarzkünstler sei. Auch machte es dem Bergmeister so große Freude, daß derselbe versprach, alles zu thun, um Schürers Unschuld gegen die Anklagen der Böhmen zu erweisen. Dies gelang auch dem wackeren Manne bald, und Schürer erhielt nun seine Freiheit wieder und kam durch die Erfindung der schönen blauen Farbe, die man anfangs nur blaues Wunder, später aber Schmalte nannte, zu großen Ehren, und als das Bergfest gekommen war, wurde er des Hüttenmeisters glücklicher Eidam.
(Meißner, Umständl. Nachrichten von Altenberg, S. 19. Darnach Gräße, Sagenschatz, No. 232.)
Im Jahre 1522 haben eine Menge Leute zu Altenberg ein hölzernes Bild, das wie Luther angezogen war, gemacht, dasselbe vor ein aus fingierten Richtern und Schöppen gebildetes Gericht geführt, es wegen Ketzerei verklagt und verurteilt, und dann mit großem Geschrei und Lärm auf den Geisingberg geführt und am Sonntag Lätare an einem aus 25 Fudern Holz bestehenden Feuer verbrannt, nachdem vorher ein gewisser Bergmann darüber den Stab gebrochen und das Urteil gesprochen hatte. Zwanzig Jahre nachher kommen zwei Bürger aus Altenberg zu Dr. M. Luther gen Wittenberg und bringen ihm einen schönen Handstein von rotgüldenem Erze, worauf sie derselbe zu Tische bittet. Da sagte der Eine, sein Kamerad habe sich einst schwer an ihm versündigt, indem er sein Bild wie Johann Huß zum Feuer verdammt, später habe er aber die Wahrheit seiner Lehre erkannt, und bitte nun, da ihm solches von Herzen leid sei, demütig um Gnade und Verzeihung seines thörichten Unverstandes. Dem Luther gefällt die Rede und er sagt, weil solches Feuer ihm und seiner Lehre nichts geschadet, solle es ihm im Namen des Herrn vergeben und vergessen sein. Wie nun dieser Handel ein gut und ehrliches Gelächter gab, spricht der Absolvierte: »O Herr Doktor, ich danke Ew. Ehrwürden, aber ich hab noch eine große Schuld auf mir, bitte, Ihr wollet mich auch davon absolvieren, denn ich armer Bergmann habe mich bei der Zeche verpufft und bin an die 500 Gulden schuldig.« Da sagt der Luther: »Ihr Bergleute, wenn Ihr am ärmsten seid, blüht Euer Glück, denn da haltet Ihr an und sehet selber zu Euern Zechen, und Not lehret Euch beten, zur Kirche gehen und nüchtern und mäßig sein, darum wisset Ihr selber nicht, wie reich Ihr seid. Ziehet heim und arbeitet treulich und handelt redlich und glaubt und hofft an den Allmächtigen, den rechten Erzschaffer im Namen seines Sohnes, der Silber und Gold ins Fisches Mund sprach (Matth. 17) und läßt immer Erz wachsen und giebts zu rechter Zeit denen, die in ihren Zechen anhalten und bei ihm im Gebet aushalten. Der reiche Gott wird mit Euch sein, auf seinen reichen Segen und milde Hand absolviere ich Euch von aller Eurer Schuld.« Ehe dieser Bergmann wieder zu Hause kommt, erhält er Botschaft unterwegs, man habe in seiner Zeche auf dem seligen Asar gut Erz angetroffen; da löst er Geld und giebt Ausbeute und zahlt alles ab und behält noch Überlauf.
(Nach der poetischen Bearbeitung Ziehnerts in Gräße, Sagenschatz d. K. Sachsen, No. 242.)
Als die Hussiten im Jahre 1429 durch das Land Meißen zogen und alles mit Mord und Brand verwüsteten, kamen sie auch in das sächsische Hochland und zwar in die Nähe des in einem der tiefsten und schönsten Thäler Sachsens liegenden Städtchens Gottleuba. Schon brachten Flüchtige aus Liebstadt die Nachricht, daß das feindliche Heer im Anzuge sei, und um in die benachbarten Berge zu flüchten, schien die Zeit zu kurz, wenn es nicht möglich werde, dasselbe eine Zeitlang zu beschäftigen. Da rief der Bürgermeister rasch die ratlosen Bürger auf dem Markte zusammen, und forderte sie auf, freiwillig zurückzubleiben und sich den Hussiten entgegen zu werfen, auf daß Greise, Weiber und Kinder indeß Zeit zum Entrinnen gewinnen könnten. Obwohl sich aber fast alle Männer bereit erklärten, so wählte der tapfere Mann doch nur dreizehn Unverheiratete aus und zog mit ihnen, nachdem sie von den Ihrigen auf Nimmerwiedersehen Abschied genommen, den Feinden entgegen. Sie besetzten eine steile Bergspitze, bei welcher dieselben vorüber mußten, wenn sie zur Stadt wollten, und als ihnen die Hussiten einen Gesandten entgegenschickten, der sie zur Übergabe auffordern sollte, wiesen sie ihn mutig zurück. Nun rückten jene mit ihren ganzen Massen heran, um sie von ihrem Posten zu vertreiben, allein sie widerstanden männiglich, und erst nach Verlauf von drei Stunden, als keiner der Vierzehn mehr am Leben war, ward der Paß frei und die Feinde drangen über die Leichen der tapfern Bürger ins Thal herab; allein sie fanden niemanden mehr im Städtchen, denn jener Aufenthalt hatte alle gerettet. Die waldige Höhe aber, wo jene so wacker gestritten, heißt noch jetzt die vierzehn Nothelfer, obwohl manche diesen Namen von einer einst dort gestandenen Kapelle (die 12 Apostel, die Jungfrau Maria, Johannes der Täufer oder Joseph führen in katholischen Ländern den Namen der 14 Nothelfer) herleiten wollen, die übrigens recht gut zum Andenken an jene Begebenheit erst erbaut sein könnte, um so mehr, als jene 14 hier begraben sein sollen. Eine andere, südlich von der Stadt gelegene Anhöhe, welche jenen Bürgern als Ausguck gedient haben soll, heißt von derselben Begebenheit noch jetzt die »schnelle Gucke«.
Als die 14 Nothelfer galten anderwärts auch Jesus, die 12 Apostel und irgend ein Heiliger, welchen der Bischof bezeichnete. Diesen 14 Nothelfern war z. B. ein uraltes Wallfahrtskirchlein auf der kahlen Höhe bei Reichstädt geweiht; der Heilige war daselbst St. Nikolaus. (Monatsbeilage zur Weißeritzzeitung, 1884, No. 5.)
(Gräße, Sagenschatz d. K. Sachsen. No. 327. Sachsens Kirchengalerie 8. B. S. 118.)
Zwischen Frankenberg und Lichtenwalde an der Zschopau befindet sich ein hoher Fels, der Haustein genannt. Am 28. Mai des Jahres 1499 ist der Ritter von Harras, Besitzer von Lichtenwalde – seine Familie besaß dasselbe bis 1561 – in einer Fehde von seinen Feinden in der Nähe desselben überfallen und so verfolgt worden, daß ihm kein anderer Weg zur Rettung übrig blieb, als mit seinem Rosse von der Spitze des hohen Felsens, der den Namen Haustein trägt, in den unten vorbeiströmenden Zschopaufluß zu springen. Dieser kühne Sprung von einer Höhe von mehr als 100 Ellen ist ihm auch geglückt, und da er eine Tiefe von 10 Ellen Wasser im Flusse getroffen, hat derselbe weder ihm, noch dem Rosse Schaden gebracht, sondern beide haben das gegenüberliegende Ufer glücklich erreicht und später im Schlosse zu Lichtenwalde Schutz gefunden. Der Ritter aber hat nach der Kapelle zu Ebersdorf und dem dort befindlichen Gnadenbilde eine Wallfahrt gemacht und zum Andenken daselbst ein großes silbernes Hufeisen hinterlassen, welches in der Kapelle aufgehangen, aber um 1529 gegen ein eisernes vertauscht worden ist. Dieses Hufeisen befindet sich an einem Balken in der Nähe des am mittleren Thore der Kirche zu Ebersdorf errichteten steinernen Standbildes eines Ritters Dietrich von Harras, der als der kühne Springer bezeichnet wird. Im Mai des Jahres 1801 ist am Rande der Zschopau, dem Haustein gegenüber, bei einer sehr alten Eiche ein Denkstein mit der Inschrift auf den beiden Hauptseiten: »Dem tapfern Springer, Ritter von Harras,« errichtet worden, auf dessen Nebenseiten ein Sporn und ein Hufeisen abgebildet wurden.
Bei den Brüdern Grimm (Deutsche Sagen, I. No. 332), welche Theodor Körners Nachlaß benutzten, lautet die Sage ganz einfach: Bei Lichtenwalde im sächsischen Erzgebirge zeigt man an dem Zschopauthal eine Stelle, genannt der Harrassprung, wo vor Zeiten ein Ritter, von seinen Feinden verfolgt, die steile Felsenwand hinunter geritten sein soll. Das Roß wurde zerschmettert, aber der Held entkam glücklich auf das jenseitige Ufer.
(K. W. Clauß, Führer auf der Fahrt durch das Weißeritzthal. 1883. 2. Aufl. S. 12.)
Kurz vor der Haltestelle Seifersdorf zwischen Hainsberg und Dippoldiswalde befindet sich auf dem jenseitigen Weißeritzufer der Trompeterfelsen, an welchen sich eine Art Harrassage knüpft. Ein sächsischer Trompeter wird von Oelsa her von Feinden hart verfolgt und steht plötzlich auf einer Waldblöße vor dem Abgrunde. Den Tod vor und hinter sich sehend, sprengt er über den Abhang in die Weißeritz. Sein Pferd zerschellt, er aber kommt mit dem Leben davon, steigt auf die dem Felsen gegenüber liegende Höhe und bläst dort ein »Nun danket alle Gott.« Die erbitterten Verfolger sandten ihm Schüsse nach und eine Kugel streckte ihn nieder.
Andere erzählen, die Kugel sei ihm zwischen Hand und Mund durch die Trompete gefahren, dieselbe unbrauchbar machend. Die Trompete sei in das alte Messing gewandert, das Loch aber noch in einem Altertumsmuseum zu sehen.
(Nach Ziehnerts poet. Bearbeitung bei Gräße a. a. O. No. 575.)
In der letzten Zeit vor dem 30jährigen Kriege lebte zu Stollberg eine Witwe mit ihrer Tochter in einem kleinen Häuschen am Ende der Stadt; das Häuschen war ihr von ihrem verstorbenen Ehemanne als einziges Erbe hinterlassen worden. Dem Hause gegenüber wohnte ein junger Mann, der seinen Unterhalt damit fand, auf den Dörfern mit verschiedenen Waren herumzuziehen, die er auf einem kleinen Wagen, welchen sein Hund zog, mit sich führte. Nun war der junge Mann längst der Tochter der Witwe gut gewesen und auch diese hatte ihn immer gern gesehen; da traf es sich, daß er gerade am heiligen Christabende mit ihr von seiner Liebe sprach und sie fragte, ob sie sein Weib werden wolle. Das Mädchen sagte freudig ja, und beide teilten der alten Mutter die frohe Neuigkeit mit und feierten so recht in Herzenslust den heiligen Abend. Allein plötzlich sprang der Kärrner auf und erklärte, er könne nicht länger bleiben, er müsse noch in das benachbarte, 1½ Stunde von der Stadt gelegene Wittendorf, das später durch den Krieg zur wüsten Mark ward, um dorthin bestellte Waren zu schaffen. Zwar bat ihn seine Braut, nur diesen Abend zu bleiben, es sei ihr so ängstlich zu Mute; allein der Kärrner lachte sie aus und meinte, es sei ja Mondenschein, er habe den Weg schon so viele male bei schlechterem Wetter und im Finstern gemacht, er werde ihn also auch heute nicht verfehlen. Er ließ sich nicht halten, sein Mädchen aber setzte sich traurig an den Spinnrocken und versuchte sich die Zeit mit Spinnen zu vertreiben. Aber in ihrer Herzensangst kamen ihr häßliche Bilder vor, die Spindel und das Garn schienen ihr blutig zu sein, und es war ihr, als spinne sie ihr Leichenhemde. Sie nahm also das Gesangbuch und die Bibel zur Hand, allein alles half nichts, es wollte keine Ruhe in ihr ängstlich schlagendes Herz einziehen. Endlich hörte sie die Glocke zur Frühmette läuten und sie eilte hinaus, um zu sehen, ob ihr Bräutigam zurückgekehrt sei; allein weder jetzt noch nach dem Schlusse der Mette ließ er sich sehen. Endlich hatte sie keine Ruhe mehr, sie bat einen ihr freundlich gesinnten Nachbar sie nach Wittendorf zu begleiten, um dort zu hören, ob ihrem Geliebten etwas zugestoßen sei. Als sie aber dort ankamen, hörten sie, derselbe sei zwar dagewesen, aber schon seit Mitternacht wieder fortgefahren, und sie konnten also nicht mehr zweifeln, daß ihm ein Unglück begegnet sei. Auf dem Rückwege verfolgten sie nun die Spur, welche der Kärrner mit seinem Wagen hinterlassen hatte, und dieselbe führte sie auch deutlich nach einer morastigen, aber grundlosen Stelle eines den Stollbergern unter dem Namen des Walkteiches bekannten Weihers, wo sie auf einmal aufhörte. Jetzt konnte die Arme nicht mehr an dem Schicksale ihres Bräutigams zweifeln, sie kehrte trostlos in das Städtchen zurück und sprach im halben Wahnsinn zu ihrer alten Mutter, in drei Monaten werde sie ihr Bräutigam zur Trauung abholen, bis dahin müsse sie sich ihr Hochzeitskleid spinnen. So spann sie denn emsig bis zum Osterfeste, und als die Mitternacht des Vorabends gekommen war, da dünkte es ihr, es poche jemand dreimal ans Fenster. Sie öffnete es und es schien ihr Bräutigam draußen zu stehen, zwar mit totenbleichem, aber himmlischfreundlichem Gesichte; er lud einen Myrthenkranz und Cypressenranken von seinem Wagen ab und verschwand. Kaum hatte sie ihrer bekümmerten Mutter von der Erscheinung erzählt, als sie auch schwer erkrankte, und es waren nicht 24 Stunden verronnen, da war das Mädchen entschlafen. Seit dieser Zeit sagt man aber, daß sich der Geist des Kärrners mit seinem Wagen und Hunde in den Gassen von Stollberg allnächtlich sehen lasse, und wo er vor einem Hause anhält und Kränze abladet, da wird jemand aus demselben drei Tage nachher begraben, und wenn jemand in der Stadt auf den Tod liegt, da sagt man: Dort hat der Kärrner abgeladen. Das Sumpfloch aber, worin er sein Grab fand, heißt noch heute das Kärrnerloch.
Aus den Akten über den Kärrner von Stollberg ergiebt sich folgendes: Er hieß Martin Schmidt aus Crottendorf und ertrank am 24. Dezember 1591 abends 6 Uhr im Ratsteiche, d. i. Walkteiche, zu Stollberg. Am 25. abends 4 Uhr ist er aufgefunden, durch den Scharfrichter herausgezogen, aufgehoben und »hinterm Städtlein an der Zwickschen Straße auf dem Scheidewege, am Viehweg nach Würschnitz zu« begraben worden. Solches ist vom Stollberger Schösser Lorenz Stuihler dem Beamten in Schwarzenberg, Seibold Werner, gemeldet und bei demselben, wahrscheinlich weil man in Zweifel war, ob der Mann ertrunken oder sich ertränkt hatte, angefragt worden, wie man sich dabei zu verhalten habe, da so ein Fall ihm weder bei seinen jetzigen, noch in seinen früheren Ämtern vorgekommen sei. Dieser hat darauf angeraten, sich darüber beim Amte Chemnitz, wo sich zweifelsohne solche Fälle schon zugetragen, im Vertrauen zu befragen. (Stollberger Anzeiger, 1882, No. 39.)
(Dietrich und Textor, die romantischen Sagen des Erzgebirgs, I. 1822. S. 167 etc. Gräße, Sagenschatz etc. No. 478.)
Einst lebte in der Bergstadt Ehrenfriedersdorf ein junger Bergmann, namens Oswald Barthel, des alten Bergmanns Michael Barthel Sohn, der von seinen Vorgesetzten so geschätzt war, daß ihm der reiche Obersteiger Baumwald seine einzige Tochter Anna verlobte. Nun sollte er im tiefen Stolln »Gutes Glück« im Sauberge anfahren, um einen Durchschlag zu machen, welches wegen des entgegenstehenden Wassers unter die gefährlichsten Arbeiten des Bergbaues gehört. Er und diejenigen seiner Kameraden, welche die Reihe hierzu traf, traten nun, nachdem sie zuvor mit ihrem Steiger gebeichtet und das heilige Abendmahl genommen, am Tage St. Katharinä im Jahre 1508 die Fahrt mit einem herzlichen Glückauf! an. Als sie an dem gefährlichen Punkte angekommen waren, ward die Arbeit sofort in rolliger, sehr gebrechlicher Bergart betrieben und das Einstürzen der Firste durch Zimmerung verhütet. Die Last war groß, die auf dieser Zimmerung ruhte, und als der Steiger, etwas zurückstehend, eben eine Anordnung treffen wollte, hörte er ein heftiges Krachen in der Firsten-Zimmerung und im nächsten Augenblick ein gleiches. »Brüder, rettet Euch!« rief er schnell, »es macht einen Bruch!« Diesem Rufe folgten alle in der größten Eile, nur Oswald, der jüngste und rascheste von allen blieb auf eine bis jetzt unbegreiflich gebliebene Weise zurück und wurde verschüttet. Zwar gab man sich die unsäglichste Mühe, den armen Oswald zu retten, und immer neue Arbeiter lösten die bereits ermatteten ab, aber vergebens, es brach immer mehr nach und der Unglückliche ward nicht wieder gefunden. Als nun aber die Braut des armen Bergmanns die furchtbare Kunde vernahm, sank sie zuerst in eine tiefe Ohnmacht, aus der sie nur wieder erwachte, um in eine tödliche Krankheit zu verfallen. Zwar besiegte ihre Jugendkraft dieselbe und sie ward dem Leben erhalten, allein als sie nach ihrer Genesung zum ersten male wieder das Gotteshaus betrat, da brachte sie am Altar der hochheiligen Mutter des Herrn das Gelübde, ihrem Oswald treu zu bleiben und ihr Leben lang Jungfrau zu bleiben; dann hing sie ihren Brautkranz mit eigner Hand unter den Totenkränzen in der Kirche auf und lebte in tiefster Stille, den Segen der Armen verdienend. – So gingen denn seit jenem Unglückstage viele Jahre dahin und zuletzt waren nur noch die jungfräuliche Braut, sowie drei Bergleute, Balthasar Thomas Kendler, Andreas Reiter der ältere, beide in Ehrenfriedersdorf, sowie Simon Löser, in Drehbach wohnhaft, von allen denen übrig, die damals das unglückliche Ereignis mit angesehen hatten. Da fügte es sich, daß in Brünlers Fdgr. am Sauberge ein Stolln bewältigt wurde, und als man in die siebente Lachter im rolligen Gebirge fortgerückt war, stieß man auf einen in der Erde liegenden menschlichen Körper, der noch in seinen unverwesten Kleidern dalag. Mit vieler Mühe machte man ihn von seiner drängenden Umgebung frei und schaffte ihn nach dem Tageschachte, da brach dieser harte Leichnam mitten auseinander und man konnte ihn also nur in zwei Stücken heraufwinden. Diese Begebenheit wurde sogleich dem damaligen Bergmeister Valentin Feige gemeldet, welcher den Geschwornen Thomas Langer rufen und die obengenannten Greise an Bergamtsstelle bescheiden ließ. Diese Männer sagten nun aus, daß sie sich noch wohl erinnerten, wie einst in der Zeit ihrer Jugend, vor 60 Jahren, ein junger Bergmann, namens Oswald Barthel, in der Gegend, wo der Leichnam jetzt gefunden worden, so verfallen sei, daß ihn niemand habe retten können. Und als man nun den Leichnam brachte, erkannten sie ihn als den Verschütteten. Dieses Wiederfinden geschah am 20. Sept. 1568, so daß der Verschüttete 60 Jahre 9 Wochen und 3 Tage in der Erde gelegen hatte, als man ihn wiederfand, worauf er am 26. desselbigen Monats mit einem feierlichen Leichenbegängnis wieder zur Erde bestattet wurde, welche ihn schon so lange umschlossen gehabt hatte. Es war ein Begräbnis, wie Ehrenfriedersdorf noch keins gesehen hatte. Der Leichenzug bestand aus Tausenden, die herbeigekommen waren, um dem so wunderbar Wiedergefundenen das letzte Geleite zu geben. Als die Leiche eingesenkt werden sollte, eilte auch die treugebliebene Braut herbei und sprach den Wunsch aus, ihrem Bräutigam bald folgen zu können, und nach wenigen Tagen ward ihre Hoffnung auch erfüllt. In der Gedächtnispredigt, welche der damalige Ortspfarrer M. Georg Raute hielt, sagte derselbe am Eingange, es sei eine wundersame Mär, daß er, der Pfarrer, der schon im 31. Jahre stehe, heute einer Leiche die Gedächtnispredigt halte, welche schon 30 Jahre vor seiner Geburt gestorben sei. Als Oswald verschüttet ward, herrschte in Ehrenfriedersdorf noch das Papsttum, als er begraben ward, hatte dasselbe schon längst der Reformation weichen müssen. Noch heute heißt aber die Hauptzusammenkunft der Bergknappschaft zu Ehrenfriedersdorf, die zugleich eine Begräbnis-Brüderschaft ist, und welche am Montag nach Ostern abgehalten wird, zum Andenken an obige Begebenheit die lange Schicht.
Nach einer andern Überlieferung, welche Dietrich erzählt, lebte von den einstigen Kameraden Oswalds, als man seine Leiche wieder auffand, nur noch einer, der alte Balthasar. Oswald aber wurde von der Verwesung noch unversehrt, in seinem Grubenkittel, lederner Bergkappe, desgleichen mit seinem Gezäh (Werkzeug), seiner Unschlitttasche und dem Zscherper wiedergefunden, ohne daß er beim Heraufwinden in zwei Stücke zerbrach. Als das Leichenbegängnis beendet war, wankte Oswalds Braut Anna, geleitet von dem Bergmeister und dem Pfarrer in ihre Wohnung zurück. Hier bat sie, daß man ihr den Brautkranz aus der Kirche wieder gebe, und ihre Bitte ward gewährt. Am nächsten Sonntagsmorgen genoß sie in der Kirche öffentlich das Abendmahl des Herrn, die längst vertrocknete Myrthenkrone im Silberhaar; dem alten Balthasar aber mußte man die heilige Spende zum Krankenlager bringen, denn ein Schlagfluß hatte ihn darniedergeworfen und seine Auflösung war nahe. An diesem Sonntage noch ging mit der Himmelssonne auch der treuen Anna Lebenssonne unter, und um Mitternacht folgte ihr Balthasar nach. Es wurden diese beiden an einem Tage begraben. Oswald und Anna ruhen in einem Grabe, des treuen Freundes Balthasars Grab aber war nahe an Oswalds Seite, und tausende von Thränen weihten ihre stillen Ruhestätten.
(Mitgeteilt durch Ludw. Lamer in der Monatsbeilage zur Weißeritz-Zeitung 1886. No. 5 etc.)
Ganz in der Nähe des Dorfes Reichstädt, 1½ Stunde von Dippoldiswalde gelegen, stand ehedem auf einer Anhöhe, die »Kahle Höhe« genannt, ganz einsam und verlassen ein uraltes Kirchlein, den »vierzehn Nothelfern« geweiht. Nach einer Urkunde vom Jahre 1320 war dasselbe eine überaus berühmte Wallfahrtskapelle, und zu ihr strömten jährlich viele Tausende, um ihre Anliegen und Gebete den vierzehn Nothelfern, nämlich Jesu, den zwölf Aposteln und dem heilgen Nikolaus vorzutragen. Durch die vielen, der Kirche gespendeten Geschenke wurde dieselbe sehr reich; als aber nach Beginn der Reformation die zahlreichen Wallfahrer ausblieben und im niedern Teile des Dorfes Reichstädt eine Kirche gebaut und daselbst der lutherische Gottesdienst eingeführt worden war, verschwand plötzlich auch der letzte Meßpriester der Kapelle und mit ihm das ganze aufgehäufte Vermögen derselben nebst den Heiligenbildern und Kirchengeräten. So verfiel nach und nach das Kirchlein und während des dreißigjährigen Krieges wurden auch Bänke, Betstühle und alles Holzwerk herausgerissen und verbrannt. In der Zeit nun, da das kleine Gotteshaus mit leerem Boden und leeren Wänden dastand, geschah folgendes: Bei dem reichen Bauer Wolf zu Oberreichstädt diente in den 1640er Jahren die Tochter einer armen Witwe aus Sadisdorf, namens Hanna. Durch ihren Fleiß, ihre Treue und Bescheidenheit machte sich dieselbe bei ihrer Herrschaft bald beliebt; noch mehr aber gefiel Hanna dem einzigen Sohne ihres Dienstherrn, einem mit ihr gleichaltrigen, blühenden Burschen mit Namen Christian. Allgemach zog die Liebe zu dem Mädchen in sein Herz, doch verriet er davon nichts, denn sein Vater war starrsinnig und unbeugsam und dabei dem Gelde so wohlgeneigt, daß er nie die Verbindung seines einzigen Sohnes mit einem armen Mädchen zugegeben hätte. Das wußte der Sohn aus manchen Äußerungen des Vaters. Ja eines Tages sagte ihm derselbe, daß er für ihn die Tochter eines reichen Bauern zur Frau bestimmt habe, die ihm sogleich 2000 Thaler als Heiratsgut mitbringen werde. Doch Christian weigerte sich, dieses Mädchen heimzuführen, da dasselbe träge, zänkisch und roh sei. Erzürnt drohte ihm darauf der Vater, daß er nie seine Einwilligung zu einer andern Verbindung geben werde, es sei denn, daß ihm die Braut ebenfalls 2000 Thaler Mitgift zuführe. Da Hanna diese Worte ebenfalls, von beiden unbemerkt, gehört hatte, war ihr Herz traurig, denn auch sie liebte Christian heimlich von ganzem Herzen. Sie nahm sich alsobald vor, das Haus, in welchem sie so glücklich gewesen war, zu verlassen. Aber als Christian ihren Kummer sah und in sie drang, ihm zu sagen, was ihr fehle, weinte sie heftig und beide gestanden sich ihre gegenseitige Liebe. Da sagte Christian, daß er sich vor der Drohung seines Vaters nicht fürchte und er bat Hanna, noch zu bleiben, da ja Gott alles noch zum Besten lenken werde.
Bald darauf wurde der Vater Wolf bedenklich krank und auf seinem Lager ließ er sein Testament mit der ausdrücklichen Bestimmung anfertigen, daß sein Sohn Christian nach seinem Ableben nur dann als Erbe der Besitzung zu betrachten sei, wenn derselbe eine Frau mit 2000 Thalern Mitgift eheliche; sei dies jedoch in vier Jahren nach des Testators Ableben nicht erfolgt, so trete der älteste Sohn seines Bruders als rechtmäßiger Erbe ein. Der Vater hatte also sein früher ausgesprochenes Wort nicht vergessen.
Hannas Mutter zu Sadisdorf war während der Zeit ebenfalls erkrankt. An einem rauhen Sonntage des Herbstes 1644 ging daher Hanna nach Hause, um nach ihrer Mutter zu sehen. Die Stunden vergingen schnell, und als es Mitternacht schlug, machte sie sich wieder auf den Rückweg. Sie mußte dabei an der Kirche zu den vierzehn Nothelfern vorüber. Da vernahmen ihre Ohren plötzlich schwere Tritte hinter sich, und als sie sich umblickte, gewahrte sie zwei schwedische Soldaten, welche ihr eilig folgten. Sie lief so schnell, als sie nur konnte, und als sie an dem Kirchlein anlangte, waren die Verfolger dicht hinter ihr. In ihrer Todesangst riß sie an der Thüre des Kirchleins und dieselbe gab glücklich nach, da sie wunderbarer Weise nicht verschlossen war. Schnell schlüpfte sie hinein und schlug mit kräftigem Stoße die Thüre wieder ins Schloß zurück. Es war die höchste Zeit gewesen. Draußen tobten die Soldaten und versuchten die Thüre zu sprengen, Hanna aber sah sich vergeblich in der leeren Kirche um, um irgend ein Versteck zu finden. Nur hinter dem Gemäuer, wo sonst der Altar gestanden hatte, bemerkte sie ein geräumiges Loch, das sie zwar nicht völlig, aber doch teilweise aufnehmen konnte. Emsig arbeitete sie, durch Auswerfen des Schuttes das Versteck zu erweitern. Hierbei wurden ihre Gedanken plötzlich auf einen ganz besonderen Gegenstand gerichtet, und sie vergaß wenigstem auf Augenblicke die Gefahr, in der sie sich befand. Zwischen ihren Fingern fühlte sie nämlich unerwartet ein Geldstück von der Größe eines Dukatens; ob es wirklich ein solcher sei, konnte sie freilich wegen der Finsternis, die sie umgab, nicht bestimmen, doch unterschied sie mit den Fingern recht deutlich ein Gepräge. Mit Eifer suchte sie nun weiter und fand dann nach und nach eine solche Menge, daß sie das Gewicht derselben in ihrer Schürze fühlte. Waren es wirklich Dukaten, so hatte ihr Gott geholfen und sie war ihres Kummers und ihrer Sorgen enthoben. Draußen vor der Kirche war es unterdeß auch still geworden, und nachdem Hanna noch lange gelauscht und annehmen konnte, daß sich ihre Verfolger wieder entfernt hatten, versuchte sie die Thüre zu öffnen. Mit der größten Anstrengung gelang ihr dies endlich und sie trat hinaus. Die Soldaten waren nirgends mehr zu sehen, und glücklich gelangte das Mädchen in das Haus ihres Dienstherrn, wo sie sich erschöpft niederlegte. Am Morgen, so bald es dämmerte, sah sie sich die Geldstücke an, und richtig, es waren lauter Dukaten, deren sie zusammen 820 Stück zählte. Da sie dieselben alsobald dem aus seiner Kammer tretenden Christian zeigte und ihm erzählte, wie sie zu diesem Schatze gekommen sei, der ja mehr betrug als 2000 Thaler, staunte derselbe zunächst, dann aber brach er in laute Freudenrufe aus. Jetzt war das Hindernis, welches ihrer Vereinigung entgegenstand, plötzlich und auf so wunderbare Weise gehoben. In ihren besten Gewändern betraten beide bald darauf das Gemach des Vaters Wolf, der noch an das Bett gefesselt war. Hier bat Christian um seinen Segen zur ehelichen Verbindung mit Hanna, die nun mehr als 2000 Thaler Mitgift besäße. Dabei legte das Mädchen die Dukaten in einem Tuche auf das Bett. Erst wußte der Vater nicht, was er dazu sagen sollte, als aber Hanna den nötigen Aufschluß gegeben hatte, ging eine merkliche Veränderung in seinem Innern vor. Nach langem Sinnen erfaßte er endlich die Hände des jungen Paares, segnete es und sagte: »Ich war hart gegen euch, aber Gott wußte ein Mittel, durch welches meine Härte und mein Starrsinn gebrochen worden ist.« Auch die Mutter trat nun tief bewegt hinzu und segnete das Paar; sie hatte ja oft gewünscht, daß Hanna ihre Schwiegertochter werden möchte. Der Sohn übernahm das Gut des Vaters und bald wurde eine fröhliche Hochzeit gefeiert. Damit zog wieder Friede und Glück in der Familie ein. Noch heute soll das Wolfsche Geschlecht in mehreren Zweigen in Reichstädt fortleben.
(Nach der metr. Bearbeitung im Glückauf, 1. Jahrg. S. 60.)
Im Schwarzwasserthale lag einst eine Zeche, »Trau auf Gott« genannt. Als der Besitzer derselben seinen Knappen versprach, daß derjenige von ihnen, welcher zuerst eine reiche Silberader finden und dieselbe anhauen werde, die Hälfte der Ausbeute erhalten solle, da regten sich mit verdoppeltem Eifer die Hände der fleißigen Knappen. Aber manche Schicht wurde verfahren und es zeigte sich doch immer nur taubes Gestein, so daß endlich Unmut an der Stelle der Hoffnung in den Herzen platzgriff. Ein Knappe war es endlich nur noch, welcher in der Grube fortarbeitete; er gönnte sich kaum die nötige Ruhe, so daß er auch in den Nachtstunden seine Schicht verfuhr. Da geschah es einmal um Mitternacht, als er bekümmerten Herzens ein Gebet zum Himmel sendete, daß ihm der Berggeist im hellen Lichte erschien und einen reichen Gang zeigte, aus dem bald das reichste Erz brach. Froh eilte mit Tagesanbruch der Knappe zu seinem Herrn und verkündigte ihm das große Glück. Beide stiegen in den Schacht hinab, wo ihnen das Silbererz entgegenleuchtete. Als aber der Knappe den Herrn an sein Versprechen erinnerte und dabei auf die Not der Seinen hinwies, die jetzt gehoben sei, stand der Eigner schweigend und überdachte, wie viel Reichtum er verschenken müsse, wenn er sein Versprechen halten wollte. Die Habsucht verhärtete sein Herz und er beschloß, den unbequemen Mahner heimlich aus dem Wege zu schaffen. Aus der Grube tönte jähes Angstgeschrei hinauf, dann war es still. Der Knappe fuhr nicht mehr hinauf zum Tageslichte und sein Weib und seine Kinder mußten, da ihnen der Ernährer so plötzlich genommen war, betteln gehen. Die Grube »Trau auf Gott« aber blieb von Stund an verlassen, denn der Berggeist nahm wieder, was er so reichlich geboten hatte. Der Grubenherr fand die verdiente Strafe, denn er verfiel den höllischen Mächten. Sein von Reue gequältes Herz jedoch wuchs zum riesengroßen Steine, der heute noch als »steinernes Herz« in den Fluten des Schwarzwassers liegt.