Titel-Dekoration

Ein Damen-Ausflug.

Ich hatte der Bergfeldten — merkwürdig, daß ich sie immer wieder nach ihrem ersten Manne nenne, den sie doch eine Reihe von Jahren hinter sich hat — also richtiger der Frau Butsch versprochen, sie baldigst nach der Eröffnung mit nach der Ausstellung zu nehmen und ihr durch meine allmählich erworbene Platz-Plankenntniß in kürzester Zeit einen Ueberblick beizubringen, daß sie zu Hause Rechenschaft ablegen kann. Denn dies ist die Hauptsache. Alle Kunden fragen in der Weißbierstube, wie es sich mit der Ausstellung verhält und Herr Butsch hat nichts gesehen und sie noch weniger und die Gäste betrachten das Lokal nachgerade als ein Nebengeschäft der Idioten-Anstalt. Wer nichts von der Ausstellung zu sagen weiß, gilt allmählich für unbetheiligt an der Civilisation.

Weil sie nun mir so freundlich mit dem Zimmer aushelfen will, bin ich ihr auch gern wieder gefällig und schrieb ihr auf einer Fahrrad-Karte, daß ich sie zu einem gemüthlichen Nachmittag erwarte.

Sie hat sich in der letzten Zeit bedeutend gebessert. Verhältnisse ändern zum Guten oder zum Schlimmen, je nachdem der Mensch hineingesetzt wird. Herr Butsch läßt sich wenig gefallen. Wenn man so seine Statur betrachtet, da muß sie klein beigeben, wogegen Herr Bergfeldt weder die Beamtenluft vertragen konnte noch die häuslichen Zustände. Den tödteten die Sorgen, ehe er starb.

Wenn man mit Leuten im Leben Freud und Leid durchgemacht hat, Erzürnen und Vertragen und, was die Zeiten so brachten, steht man sich näher, als man oberflächlich zugiebt. Das jüngere Geschlecht wächst heran, dem Zukunftslichte zu und läßt uns Aelteren in dem Schatten der Vergangenheit. Aber wir sehen auch hinaus in das Helle, blos mit dem Unterschied, daß wir einen ganzen Kasten voll Erfahrungen haben: Früchte des Lebens, die wir öfter anbieten, als sie von der klügeren Jugend abgenommen werden. Aber man knabbert selbst daran und freut sich der Zeiten, als man sie sammelte.

So dachte ich mit der Butschen den Ausstellungsnachmittag zu verbringen: das Neuere und Neueste bestaunen, Meinungen darüber austauschen, obgleich immer nur zwei Ansichten sein können, meine oder die verkehrte, zwischendurch den Gastwirthen etwas zu verdienen geben und während des Ausruhens vergangene Erlebnisse aufwärmen und in aller Behaglichkeit vieräugig Plaudern, mit einem Worte von seinem Dasein etwas haben. Aber in der Butschen waltet immer noch die Bergfeldten.

Konnte sie denn nicht alleine kommen? Was mußte sie die Fräulein Pohlenz mitbringen, die ich stets freiwillig übersehe, sobald sie mir begegnet, da ich sie drei Schritt vom Leibe am liebsten habe. Und wenn sie sich an die Butschen anklettet, muß die soviel Mumm haben, daß sie sagt: Fräulein Pohlenz, ich glaube nicht, daß Sie heute angebrachter Maaßen sind oder wie sie sonst abwinkt. Gegen gute Freunde kann man ja deutlicher sein, als gegen Fremde.

Ich durfte deshalb mein Mißfallen nicht in passende Worte kleiden, sondern mußte die Pohlenz mit übernehmen, wie sie da war: aus dem ersten Jugendtraume längst erwacht, aber immer noch sich gehabt, wie eben aus der Wiege. Und das kann ich nicht ausstehen. Wer dumm geboren ist, den entschuldigt man mit der Vorsehung, die wohl ihre Gründe gehabt haben mag, aber wer sich dumm stellt, der hält Andere für noch dümmer, und das ist eine Beleidigung.

»Sie hat so'n Gieper auf die Ausstellung,« sagte die Butsch, »daß ich sie endlich mitnahm. Und als einzelnes Mädchen allein unter die Menschenmenge lassen, das kann man auch nicht gut verantworten.«

»Ich glaube, Sie bilden sich was ein, Fräulein Pohlenz,« bemerkte ich.

»Ach nein,« sagte die mit niedergeschlagenem Blick »aber draußen im schlesischen Busch ist doch schon mancherlei passirt....« Weiter kam sie nicht, sondern hustete den Schluß ihrer Rede.

»Fräulein Pohlenz,« entgegnete ich, »der schlesische Busch hat mit der Ausstellung keine Gemeinschaft, alle Penn- und sonstigen Brüder sind durch Drahtgitter polizeidicht abgesperrt und die vollziehende Straßengewalt sorgt zu Pferde für strengste Draußenverbleibung sämmtlicher sogenannter Elemente. Also was kann da groß an Ihnen verdorben werden?«

Sie suchte zu erröthen und hustete.

»Und aus den Schüchternheits-Jahren ist sie,« stand die Butschen mir bei. »Wenn ihr jedoch ja was geschieht, dann braucht sie blos ordentlich schreien.«

»Ganz recht,« bediente ich in derselben Farbe, »die Kraft der Schwachen liegt im Schreien.« — »Damit wehr' ich mich auch immer gegen die Mause,« sagte die Butschen.

Weil in meiner Absicht lag, den Kaffee draußen zu nehmen, bot ich den Damen ein Gläschen Maltonsherry, der ihnen derart mundete, daß sie sich zur zweiten Auflage so gut wie gar nicht nöthigen ließen, dabei einen Posten von Kokusnußmakronen, selbstgebackene Probe für den Sommerbesuch. Sie sollen billiger sein als aus Mandeln, aber ich vermuthe, die Berechnung bezieht sich mehr auf die Breitengrade, wo die Nüsse umsonst wachsen. Von Geschmack fanden sie Beifall.

»Ist Ihnen ein Krümel auf das unrechte Stimmband gerathen?« fragte ich die Pohlenz, die, wie ich wiederholt beobachtete, einen sehr aufbegehrenden Kehlkopf hatte, »oder haben Sie sich erkältet?«

»Ein ganz klein wenig,« gab sie zu.

»Da müssen Sie vorsichtig sein. Vernachlässigte Erkältungen zersetzen oft die Athmungsorgane.«

»Meinen Sie?«

»Ich nicht. Aber die medicinische Wissenschaft. Mein Schwiegersohn, der Sanitätsrath, sagte vor ein paar Tagen noch, es sei ein gefährliches Lungenwetter. Wer Symptome weg hätte, bliebe am besten im Zimmer und hielte sich warm. Wie lange husten Sie schon?«

Die Pohlenz wurde ängstlich und besann sich.

»So,« dachte ich, »noch ein paar Rathschläge und sie ist so vernünftig und zoppt rückwärts nach Hause; dann hätten die Butschen und ich unseren Nachmittag reizend für uns.« Eben wollt' ich von einer Frau erzählen, die sich auch nicht warm gehalten und innerhalb dreier Tage ihren trostlosen Gatten zum Wittwer gemacht hatte, als die Butschen dazwischen fuhr: »Mir sagten mal der Herr Sanitätsrath, beim Husten nur ja nicht die frische Luft abgewöhnen.«

»Bei Ihnen, halb auf dem Lande, trifft das zu,« entgegnete ich, »aber hier bei uns doch nicht.«

»Die Pohlenz wohnt ja in unserer Gegend, also muß sie an die Luft.«

»Dann wollen wir auch nicht länger zögern,« entschied ich und blickte die Butschen mit tadelndem Kopfschütteln an, das sie natürlich nicht begriff. Hätte sie sonst gesagt: »Ich halt es auch nicht für schlimm. Husten reinigt.«

Wir trabten nach dem Alexanderplatz-Bahnhof, kauften am Schalter mit dem Fahrschein gleich unsern Ausstellungseinlaßzettel und wegen des Sonnabends war ganz commodes Mitkommen auf der Stadtbahn. Sonntags wird es jedoch engbrüstiger zugehen.

Wir stiegen Bahnhof Treptow aus, gingen die Chaussee lang und näherten uns dem Haupteingange. Die Pohlenz, naiv wie immer, wollte durch das Central-Verwaltungsgebäude eindringen, indem sie es für ein Thorhaus hielt. »Meine Liebe,« belehrte ich sie: »Das Publikum theilt sich rechts und links und geht durch die Kassen-Kontrole an den Seiten. Auf dem Rückwege dürfen Sie durch die Mitte, nachdem Sie sich durch die Drehzähler gequetscht haben, die jedoch ohne Nummerwerk sind.« — Dies bewunderte die Pohlenzen sowohl, wie die Butschen, aber mich mit ihnen auf das statistische Gebiet zu begeben, schien unangebracht. Wo wenig Verstand ist, muß man ihn für wichtigere Aufgaben schonen.

Als unsere Eintrittsscheine richtig befunden waren, schlüpften wir auf das Ausstellungsgelände. Die Pohlenz wollte ihren bis dahin verhaltenen Ueberraschungsgefühlen Ausdruck verleihen, aber, da es so eingerichtet ist, daß man anfänglich nichts sieht, machte sie ein Gesicht, wie Eine die ein bischen mager zu Weihnachten bekommen hat. Die Bergfeldten war inzwischen in Ablehnungskampf mit einem von den officiellen Jünglingen gerathen, die das verbriefte Recht haben, die Tagesprogramme feil zu halten. Da die Pohlenzen sofort in dieselbe Verlegenheit gesetzt wurde, war ich neugierig, ob sich wohl eine von den Beiden so anständig zeigte, eins zu kaufen. Aber nein.

Wenn sie jedoch dachten, ich würde den Groschen in's Allgemeine Beste werfen, täuschten sie sich gründlich und deshalb winkte ich dito Schippen.

Wir gingen nun rechts die künstliche Anhöhe hinauf, die, genau besehen, eine Brücke über die elektrische Eisenbahn darstellt, und betraten nach und nach die Hauptbetrachtungswürdigkeit, die Anlagen zwischen dem Neuen See und dem Industriegebäude. »Meine Damen,« sagte ich, »sehen Sie sich erst um, wenn ich vernehmlich rufe: Nu! So verfahren gewiefte Reisende, wenn's wo schön ist.« — »Ich schiele nicht,« antwortete die Butschen, »hingegen für die Pohlenzen übernehme ich keine Garantie« — »Woso?« begehrte die auf — »Sie kann mit zugemachten Augenlidern um die Ecke glupen,« setzte die Butschen hinzu, »und sieht mehrstens gerade stets, was sie nicht sehen soll. Woher weiß sie sonst Alles?«

Um Zwistigkeit zu verhüten, schritt ich rasch bis zum Bismarckstandbild und machte Halt. »Schlagen Sie Ihre Sehorgane auf,« befahl ich, »und begrüßen Sie dieses Bildniß aus Erz. Hier hat Berlin seinem Ehrenbürger ein Monument gesetzt, das der Ausstellung zum Ruhm gereicht. Wo der große Mann gewirkt hat, ist noch alles zu Heil und Segen ausgefallen.« Ich wollte einige fernere Worte hinzufügen, aber ein Programm verkaufender Jüngling litt es nicht. — »Danke, wir sind schon versehen,« verscheuchte die Pohlenz ihn. Wie Eine angesichts Bismarckens so lügen kann, ist mir unbegreiflich und mindestens das Zeichen eines sehr fleckigen Charakters.

Nach etlichen Schritten rief ich: »Nu!«

Die Wirkung war, wie ich gedacht.

Die Meeresfläche, im Hintergrunde mit dem weißen Wasserthurm und dem Hauptrestaurant, vorne die Blumengefilde, die Obelisken und dazu Musik aus den Pavillons, das war wirklich wunderschön. Und dann durch einfache Umdrehung des menschlichen Körpers der Blick auf das Industriegebäude mit der Kuppel und den Thürmen, deren Aluminiumkappen in der Sonne glänzten wie nagelneue Suppentöpfe und die Orangenbäume auf dem Dache des Vorbaues, der in zwei Wandelhallen ausläuft, die das Ganze in übersichtlicher gerader Linie durchschneiden, dies wirkte verstummend auf die Beiden, die derartiges noch nie in ihrem Leben gesehen hatten. Die Pohlenz that so überwältigt, daß sie auf einen der vielen Stühle sank, die einladend an den Ufern des Sees entlang stehen.

Kaum jedoch war sie gesunken, als flugs ein Knabe nahte, der zehn Pfennige Stuhlmiethe verlangte. Sie sich gesträubt. Es half ihr aber nichts und so kaufte sie für einen Nickel Sitzgerechtigkeit, die für den ganzen Nachmittag gilt.

Dies war die Strafe dafür, daß sie kein Programm gekauft hatte, worin zu lesen steht, was per naß ist, und was Auslagen verursacht.

Als ich nun für angebracht hielt, den Kaffee zu nehmen, wollte die Pohlenz für ihre zehn Pfennige weiter sitzen. »Wie Ihnen beliebt,« bemerkte ich, »aber einmal getrennt ist Wiederfinden ein Glückszufall. Kommen Sie, Butschen, wir gehen in's Café Bauer.«

Dieses erreichten wir unangefochten und nachdem wir einen Tisch mit bester Mitten-Aussicht gefunden hatten, bestellten wir dreimal Melange. Wir nennen es sonst Kaffee mit Milch, aber die Oesterreicher kennen es nicht anders und den Dreibund-Gebräuchen muß man sich fügen.

Der Kellner brachte das Verlangte. »Auch Gebäck gefällig?« fragte er und stellte einen Korb mit feiner Backwaare auf den Tisch.

»Nee,« rief die Butschen, »nehmen Sie den man wieder mit. Wir haben selber.« Und ehe ich mich von meinem Schreck erholen konnte, sagte sie zur Pohlenz: »Nu man heraus mit den Gesangbüchern, ich hab' Hunger.«

Die Pohlenz denn auch ihre Handtasche aufgemacht und einen Packen Klappstullen hervorgeholt, als wäre Hungersnoth in Sicht. »Wollen Sie mit Wurst oder mit Käse?« bot die Pohlenz mir an. — Ich dankte. — »Es ist delinquente Schlackwurst und prachtvoll durcher Ramadour.« — »Danke,« lehnte ich nochmals ab, »den hab' ich bereits gerochen.«

War dies glaublich? In dem feinen Café, wo die Kellner herumlaufen wie die Ballherren während der Tanzpausen und der Zahlkellner es mit jedem Bräutigam aus der höchsten Noblesse aufnimmt, entblödeten die beiden Weiber sich nicht, den Eßkober zu entfalten, als machten sie eine Landpartie nach der Wuhlheide. Und die spietschen Physiognomieen von den Wienern. Und meine Angst, daß Bekannte kämen. Ich fürchte doch, die Butschen wird in der Weißbierstube ihres Mannes nach und nach gemischt. Von der Pohlenz sage ich nur: Kein Mensch kann über seinen Horizont.

Ich zahlte ohne Ansehung des Kellners und that, als ob ich die Bemerkung der Pohlenz über die kleinen Tassen garnicht hörte. Ob sie Trinkgeld gegeben haben, weiß ich nicht, mir war blos, als ob das »Hab' die Ehr'!« den Beiklang eines Hinauscompliments hatte.

Die Butschen wollte hierauf in das Hauptgebäude, was mir jedoch insofern nicht recht war, als meines Karls Aufbau noch der letzten Krönung mit dem Adler aus echtschwarzen Socken ermangelte, allein, was vermochte ich gegen zwei Stimmen, da die Pohlenz auf der Butschen Seite stand, innig durch die Klappstullen verschwestert? Ich folgte willenlos.

Da raucht einer aus zwei Cigarrenspitzen auf einmal.

Vor dem Portal blieb die Butschen stehen. »Herrjeh,« rief sie, »das ist ja eine ganze neue Mode: da raucht Einer aus zwei Cigarrenspitzen auf einmal.« — »Wo denn?« — »Da über dem Thürbogen der Kopp.«

»Nein,« erwiderte ich, nachdem ich das Bildhauerische ergründet hatte, »das bezieht sich nicht auf Tabak, das ist der Ruhm, der bläst auf der sogenannten Fama, wie die Trompeten im Alterthum hießen.« — »Da gehört aber eine tüchtige Puste dazu,« sagte die Pohlenz. — »In früheren Zeiten waren die Lungen kräftiger,« gab ich ihr zu verstehen, »aber man schonte sich auch mehr bei Erkältungen und blieb zu Hause.«

Wir traten ein, in der Vorhalle den Löwenbrunnen zu besichtigen, wobei wir von einem Blumenmädchen anmuthig unterbrochen wurden. Sie war weiß gekleidet mit einer Achselschleife in den deutschen Farben, hatte aber kein Glück mit uns. Auch einer schwarz gekleideten erging es ebenso. Eine dritte, die dies sah, wagte sich nicht erst heran. Mir war auch nicht blumenkauferig.

Mein Karl hält abgeschnittenen Blumenhandel ebenfalls für unnöthig. Warum? Man ist eben aus den sogenannten Galanteriejahren heraus.

Die Pohlenzen strebte vorwärts: sie hätte so viel von dem Deckengemälde in der Kuppelhalle gelesen, das müßte sie betrachten. »Gewiß,« willigte ich ein, »Gemälde bilden.« — »Man sagt ja auch, Kinder wie die Bilder,« setzte die Butschen hinzu. Was sie damit meinte, war mir unerfindlich und wird wohl für immer räthselhaft bleiben, denn, gerade als ich nachfragen wollte, stieß die Pohlenz einen Mordsschrei aus und legte ihre linke Baumwollen-Handschuhhand wie eine Scheuklappe an die Stirn.

»Was ist Ihnen?« fragte ich besorgt. — »Haben Sie sich den Fuß verknaxt?« fragte die Butschen. — »Nein, nein,« ächzte die Pohlenz, »Gott nein. Nein, nein, ich kann das nicht sehen...« — »Was nicht?« — »O nein... nein... die Puppen.« — »Was für...« — Wir hielten nun auch einen Rundblick und entdeckten an einer Ecke der Halle ein paar Museumsriesen in der bekannten klassischen Auffassung, bei der das Stoffliche vernachlässigt wird, weil doch die Marmorfiguren aus dem sonnigen Griechenland entspringen und es im Alterthum keine Confectionsgeschäfte gab. Aber wegen der Größe und der Fleischfarbigkeit mochte die Pohlenz sie wohl für lebendig gehalten haben und gedacht, sie thäten ihr was.

»Es sind ja nur gipserne,« suchte die Butschen sie zu beschwichtigen. — »Nein, nein,« blieb die Pohlenz bei, »ich kann so was nicht sehen.« — »Denn kommen Sie man raus,« griff ich ein, »draußen sind die Blümelein und die rauschenden Gewässer und was sonst unerröthend ist. Für Kunst sind Sie noch nicht reif, die hat das Unbekleidete einmal so an sich. Oder wollen Sie nach den Wilden?«

»Nein... nein. Aber nach den Marineschauspielen will ich, dazu hab' ich ein Freibillet.« — -»Wie kommen Sie dabei?« Sie stach sich noch röther an, und lispelte kaum verstehbar: »Geschenkt.«

Ich drang nicht weiter in ihre maritimen Verhältnisse, sondern war froh, daß wir um die aus Strikegründen unvollendete Ausstellung meines Karls herum kamen, und fragte: »Wann ist denn der Zauber?« — »Das weiß ich nicht genau, es steht wohl irgendwo zu lesen.« — »Freilich in dem Programm.« — »Haben Sie eins?« — »Nein.« — »Sie auch nicht, Frau Butschen?« — »Ih, wo werd' ich!... Aber ich kann ja mal den Kaffee-Kellner fragen.«

Sie hin. Der Frackmensch sie mit ziemlicher Obenherabheit betrachtet, aber doch höflich geantwortet, sie müßte sich wohl irren, von Marineschauspielen wüßte er nur, daß sie vor längerer Zeit bei Kiel stattgefunden hätten. Ob sie vielleicht die Fischerei-Ausstellung meinte, die wäre bitte jenseits am diesseitigen Ufer der Spree gelegen.

»Wir werden es schon finden,« sagte die Pohlenz. »Mir recht,« entgegnete ich. — Bei dem Durchwandeln des Parkes konnte ich wundervoll feststellen, wie angestrengt in den letzten Tagen gearbeitet worden war und wie die Ausstellung immer completer und schöner wurde. Es will eben alles seine Zeit haben, selbst der simpelste Hefenteig.

Schritt vor Schritt gab es etwas zu betrachten, eine von uns Dreien blieb immer irgendwo hängen und war nicht mit zu kriegen und, als wir glücklich bei den Marineschauspielen anlangten, war die Vorstellung justement vorbei.

Die Pohlenz, nun beleidigt gethan und vorgeworfen, wir, also die Butschen und ich, hätten absichtlich gebummelt, damit sie zu spät käme und so wie ich hätte mich gerühmt, Bescheid zu wissen und das schiene doch nur sehr plundrig. Grade ihrem Husten hätte die Marine-Seeluft gut gethan. Aber man gönnte ihr nichts Gutes. In denselben Ton verfallen war meinerseits nicht, obgleich sie es war, die am meisten stehen blieb und überall hineinwollte, wo noch garnicht eröffnet wurde. Hocharistokratisch entgegnete ich daher: »Mein Fräulein, die Ausstellung ist zu groß, als daß sie auf ein- oder zweimal in den menschlichen Geist geht. Schuld allein ist die Gnietschigkeit, sich kein Programm zuzulegen.« — Das könnten Andere sich nicht minder zuziehen, schnatterte sie gegen in ihrer sticheligen Manier und bewies dadurch wieder, wie sehr es ihr zwei Finger hoch über der Nase fehlt.

Mir fiel sofort plötzlich ein, daß ich meinem Karl versprochen hatte, rechtzeitig wieder zu Hause zu sein, und, indem ich zur Butsch sagte: »Sie bleiben wohl noch,« machte ich eine absichtlich gelenkarme Verbeugung, woran die Pohlenz etwas zum Nachdenken hat, und verabschiedete mich. Mir war klar geworden, daß es bei Ausstellungen doch sehr auf die Gesellschaft ankommt, mit der man sie besucht.


Titel-Dekoration

Der Hausbesuch regt sich.

Noch bin ich nicht zu meinen Berichten gekommen. Wie kann ich auch?

Kaum haben nämlich die Herrschaften auswärts in den Zeitungen gelesen, daß die Ausstellung angegangen ist, ehe sie fertig war, sie sich, wie sie gebacken sind, hingesetzt und geschrieben, sie kämen erst später. Die Antworten darauf und das Umkatern der Anmeldezeit, der Zimmerbesetzung und gegenseitiges Verständigen, da Ungermann's jetzt mit Tante Lina zusammenfallen und der Amtsrichter dito mit ihr zusammenstößt, wenn auch Ungermann's umgelegt werden, das hinderte. Ungermann's müssen in die gute Stube und Tante Lina läßt sich allenfalls nach Butsch's abzweigen, andererseits jedoch ist der Amtsrichter unmöglich mit der Mädchenkammer zufrieden. Das Fremdenzimmer ist besetzt. Und die Dorette sperrt sich gegen das Schlafen auf dem Boden.

Hat man den Kopf voll von Einrichtungen, kann man keine allgemein einleuchtende Berichte über die Größe der Industrie und das Bedeutendste der Gesammtleistungen verfassen. Es sind in der That Leistungen draußen, von denen man, wie Napoleon oder wer es war, nur sagen kann: es sind welche! Und wie manches, geradezu nicht hoch genug anzuerkennende ist in einem Seitenflügel angebracht. — Jawohl, das ist es! — Da wird es Pflicht der Berichterstattung, es hervorzuziehen und laut zu verkündigen: da seht her, was hier gewebt ist, diese prachtvolle Qualität und dauerhaft im Tragen. Und preiswürdig! Denn bei den immensen Kosten will doch auch der Aussteller sein Geschäft machen und das kann er nicht in einem Winkel, an dem das Publikum sinnlos vorüberrennt und seinen Fleiß, seine Arbeit, seine Tüchtigkeit links liegen läßt.

Aber ich will's schon schieben.

Was Auswärtige nun unter »nicht fertig« denken, das würden sie selbst mit den schrecklichsten Daumenschrauben nicht gestehen können, da sie ja garnicht wissen, wie die Ausstellung werden soll, wenn sie fertig ist. Freilich, desto vollendeter sie ist, desto mehr Totaleindrücke giebt sie her, aber für Viele thut sich ohne dies schon fast zu reichlich. Außerdem hat bis jetzt noch keine große Ausstellung ihren Zeitpunkt innegehalten. Den letzten Pinselstrich hat wohl noch Niemand gesehen, wie mein Karl meint.

Was ihn selbst betrifft... er will nicht in der Fabrik schlafen und sagt: »er sei nun einmal ein Gewohnheitsthier und werde, so weit in seiner Macht stände, sich auch nicht ändern.«

»Karl,« hielt ich ihm vor, »die Aufgabe des menschlichen Geschlechts liegt neuerdings in der Vervollkommnung. Man muß das Thierische, das Einem noch von den Vorzeiten anstammt, immer mehr abstreifen, namentlich Gewohnheiten.«

»Meine Familie hat sich nie zu der Darwin'schen Religion bekannt,« sagte er. »Wie Deine es damit gehalten hat, wirst Du selbst am besten wissen.«

»Was willst Du damit behaupten? Was kannst Du mir vorwerfen? Oder willst Du meine Vorfahren verächtlich machen? Karl, die liegen in ihren Gräbern und können sich nicht vertheidigen und Du schiltst sie Gorillas?«

»Mit keiner Silbe!«

»Wenn einer Darwin sagt, meint er Affe. Und das verbitte ich mir für meine Ahnen, das waren Musterleute. Was mich selbst betrifft, bin ich viel zu aufgeklärt, um zu leugnen, daß ich nicht auch meine Fehler hätte.«

»Ganz sicher.«

»So; und welche wären das? Wie? Ich möchte sie wirklich kennen lernen. Jawohl, das möchte ich. So nenne sie doch.«

Er besah seine Fingernägel, als wären es Polizeiakten, aber es stand nichts darauf.

»Siehst Du, Karl, wie leicht etwas nicht bewiesen wird? Gesetzt den Fall, ich wäre nicht Deine Dich innig liebende Gattin, sondern Besuch von Außerhalb und ginge Dich direct verklagen? Bedenke den Blam! Du in allen Zeitungen, an jedem Biertisch gelesen und straffällig gefunden, verurtheilt von der öffentlichen Meinung und nie — nie Kommerzienrath. Du urtheilst zu rasch, mein Karl, Du bist zuweilen recht unüberlegt; ich will es nicht gerade tadeln, weil es an Deinem jugendlich aufwallenden Blut liegt — Du hast Dich auffallend gut konservirt — aber wenn wir Fremde haben und Du läßt Dich hinreißen und schmetterst in Deinem Leichtsinn gerichtliche Ehrenkränkungen hin wie eben... Karl, hast Du die Folgen bedacht? Ich meine Folgen, wenn ich Folgen sage...«

»Wilhelmine, ich weiß nicht, wie Du mir vorkommst.«

»Bange Blicke in die Zukunft, die Besorgniß um Dich...«

»Aber Kind...«

»Karl, es ist das Beste,... Du schläfst in der Fabrik, dann kann so etwas garnicht passiren.«

»Nein!«

»Und wenn's nachher zu spät ist? Wenn es sich erfüllt, wie ich voraussehe?«

»Für das, was geschieht, übernehme ich, Karl Buchholz, die Verantwortung. Bist Du damit zufrieden?«

»Vollständig. Gewiß, mein Karl. Ich möchte den sehen, der Dir irgendwie käme... Aber wenn Du in der Fabrik schlafen wolltest...«

Was er sagte, als er das Lokal jetzt verließ, verstand ich nicht genau. Ich glaube beinahe, er fluchte.

Aber er hat nun einmal das Prinzip, nicht in die Fabrik überzusiedeln und Prinzipien sind um so eigensinniger, je höher sie gehalten werden.

Und doch... mein Karl muß in die Fabrik.

Meine Stimmung war eine durchwachsene; es that mir wohl, daß mein Mann nicht von mir weg wollte, und gleichzeitig verdrossen mich seine Sperenzken. Um diese beiden Drehpunkte bewegten sich meine Gedanken, als ich mich nunmehr hinsetzte, der Kliebisch Tag und Woche zu schreiben, wann wir sie mit Gatten bei uns sehen könnten, und nebenbei einige Andeutungen über ihren Briefstil zu verabreichen, der mein Mißfallen erregt hatte.

Daß die Kliebisch kommen wollte, war mir recht, wenn auch mein Karl murrte.

Wir lernten uns in Italien kennen, nicht als gewöhnliche Eisenbahnabtheils-Bekannte oder Table d'hôte-Mitesser, sondern mancherlei Erlebnisse brachten uns näher, Gefahren und glückliches Entschlüpfen, wie ich in dem Buche »Buchholzen's in Italien« wahrheitsgemäß wiedererzählt habe, von dem jedoch die Krausen hinter meinem Rücken laut behauptet, ich hätte es garnicht geschrieben, sondern Jemand anders. Ganz derselben Meinung war früher die Bergfeldten. Welche Mühe hat es mich gekostet, ihr diesen Wahnwitz auszureden. »Bergfeldten,« fragte ich sie eindringlich, »wie kann man ein Buch über etwas schreiben, wenn man nicht da war? Wie denken Sie sich das? So aus heiler Haut? Meinen Sie vielleicht, man setzt sich an den Schreibtisch und, haste nicht gesehen, Neapel geschildert oder Rom oder die Bevölkerung und, was sonst malerisch ist, ohne persönliche Anschauung?«

Und was antwortete sie darauf? Was?

»Das Papier ist geduldig.«

Hierauf wollte ich tödtlich werden, wie es sich auch eigentlich gehörte, aber da ich kürzlich vorher in der Familienbeilage unseres Blattes gelesen hatte, daß Langmuth und Unnachgiebigkeit herrlicher von Erfolg gekrönt werden als Jähzorn mit Handhabungen, wendete ich Nachsicht an und sagte, sie möchte doch um Alles in der Welt nicht über Dinge reden, die für sie ewig unaufgegangene Seifensieder blieben, so lange sie sich absichtlich der Wahrheit verschlösse.

Da gestand sie denn, daß sie blos sagte, was die Krausen gesagt hätte. Ich hatte die Krausen damals noch nicht so durchschaut wie später, und stand einigermaßen ziemlich mit ihr, so daß diese Offenbarung mir durch und durch ging, weshalb ich rügte: »Man muß sich nie als Sprachrohr gebrauchen lassen, weil zu viel verdreht herauskommt.«

Die Kliebisch sowohl wie ihr Gatte sollen nun der Butschen sowohl wie der Krausen mitten in's Gesicht beeidigen, daß ich mit ihnen zusammen in Italien war. Lügen müssen wie die Schwaben immerwährend ausgerottet werden, sonst dauern sie lebenslänglich.

Was mich in ihrem Schreibebriefe ärgerte, das waren Bemerkungen. — »Wir haben hier auch das Abschreckungs-Plakat in dem Dorfkruge hängen,« schrieb sie, »und hatten in Folge dessen anfangs gar keine Lust zur Ausstellung. Der sehnige Arm, der aus der Erde sich brutal erhebt und mit dem Hammer Jeden zu zerschmettern droht, hatte für mich etwas Widriges, bis mein Hinnerich sagte, das Plakat stelle blos Berliner Blau vor (weil doch der Hintergrund so blau ist), und der Hammer bedeute die Landwirthschaft, die bald unter den Hammer käme. Da haben wir denn herzlich über den Witz gelacht. Mein Mann macht mitunter ganz brillante Witze und ist auch ringsum dafür bekannt. Unsere Anna ist konfirmirt und mir eine rechte Stütze im Haushalt. Sie hat den praktischen Sinn ihres Vaters geerbt und ebenso hellblondes Haar wie er und dabei seidenweich. Heinrich weiß noch nicht, was er werden will, wir lassen ihn deshalb die Schule noch ruhig besuchen, bis er sich entscheidet. Landwirth sieht mein Hinnerich ungern, weil zu wenig verdient wird und ein junger Mann ohne großes Kapital zu lange bis zur Selbstständigkeit warten muß. Henriette dagegen, unsere dritte, ist idealer veranlagt, mit gutem Gehör und einer allerliebsten Stimme. Adalbert und Friedrich gehen in die Dorfschule, was für den letzteren, da er von den Masern her immer noch nicht ganz wieder der Alte ist, seine Bedenken hat. Lene und Male...«

Die unflügge Nachkommenschaft war für mich wenig von Interesse, da ich sie nicht kenne, aber ich empfing doch die Ueberzeugung, daß die Gegend dort zu den fruchtbaren gehört. Auf den Ehesegen ging ich daher nicht näher ein, wohl aber auf Herrn Kliebisch's Randglossen über das Ausstellungs-Plakat. Die hatten mich verdrossen.

»Es freut mich,« schrieb ich, »daß Sie Alle wohl und munter sind und Ihr Herr Gemahl trotz der agrarischen Lage noch zu Scherzen aufgelegt ist. Was diese anbetrifft, möchte ich mir nur die Mittheilung erlauben, daß wir unsere Witze über Berlin gewöhnlich selber zu machen pflegen.«

»Das Plakat will verstanden sein. Es schließt sich der neueren Kunstrichtung an, die den sogenannten schönen Schein als unnatürlich meidet und in erster Linie darauf zielt, daß von dem Kunstwerk gesprochen wird. Wie? ist Wurst. Und das ist erreicht, sogar bei Ihnen auf dem Lande. Sie haben sich geängstigt: wollen Sie noch mehr Wirkung? Liebe Frau Kliebisch, seit wir uns in Italien sahen, hat die Kunst unermeßliche Fortschritte gemacht, daß die alten Meister, wenn sie aus ihren Gräbern hochkämen, sämmtlich umlernen müßten. Wie Tag und Nacht ist der Unterschied. Alles Braune und Dunkele gehört in die Museen und der Antike an. Alles Mehlige und wie in den Regenbogen Getauchte ist modern und zulässig für Ausstellungen. Dies muß man sich merken und Rafael und Rubens und die verstorbenen Malermeister nicht loben, das nehmen die jüngeren krumm. Wir werden über Manches zu plaudern haben und Vieles zu besichtigen, denn eine enorme Gemälde-Ausstellung ist Treptow gegenüber am anderen Ende der Stadt eröffnet. Wir rechnen in Berlin eben mit größeren Entfernungen als in kleineren Orten und so ist es auch mit dem Geistigen und den Scherzen. Berliner Blau gehört zu den überlebten; ich bezweifle, daß Ihr Mann Glück damit machen wird.«

Als ich über eine stilgerechte Schwenkung in die Kinderstube nachsann, kam die Dorette, und meldete, vor der Thüre hielte eine Droschke mit Massen-Gepäck; ob das wohl Besuch für uns wäre?

Wir Beide aus dem Fenster gesehen. Richtig. Die Droschke beladen wie ein Möbelwagen zur Umzugszeit, vornehmlich mit einem Reisespinde, daß der Kutscher völlig unfallversicherungsreif daneben auf dem Bock pendelte.

Wer konnte es sein? Nach dem Kontrolirverzeichniß, das ich rasch zu Rathe zog, Niemand. Aber da öffnete sich die Thür, eine junge Dame flog auf mich zu mit den Worten: »Ich bin es. Wie ich mich freue.«

»Ottilie?« fragte ich.

»Ja, Ottilie.«

»Warum schrieben oder telegraphirten Sie nicht?«

»Ich wollte Sie überraschen, das hatte ich mir zu entzückend ausgedacht. Ach es geht nichts über Ueberraschungen, die sind zu himmlisch.«

Sie hatte es gut gemeint und so fügte ich mich denn, obgleich mir genaue Anmeldung lieber gewesen wäre, weil ich dann meine Anordnungen getroffen hätte.

Ich betrachtete sie mir. Sie war viel ansehnlicher, als auf der Photographie, namentlich das lebhafte Auge verlieh ihr etwas Reizvolles und, wenn sie sich bewegte, kam ihre schlanke Figur zur Geltung. Nun ward mir auch mit einem Male klar, warum sie sich nicht glücklich in ihrer Heimath fühlt und weshalb sie allerlei auszustehen hat. Sie ist über ihren Stand hübsch.

Ich hieß sie willkommen und fügte hinzu: »Wir haben ereignißreiche Tage vor uns, aber mit gutem Willen, verständiger Anordnung und Fleiß werden wir sie bewältigen.«

»Ach und recht oft in die Oper,« rief sie, »Oper ist zu himmlisch. Ich muß die Sucher hören, sie soll als Isolde zu entzückend sein. Und Zirkus. Ich schwärme für Zirkus!«

»Ottilie,« unterbrach ich sie, »Zirkus ist eine Wintersache, also jetzt nicht vorhanden. In die Oper werden wir auch einmal gehen. Die Hauptsache ist unsere gemeinsame Ausstellungsarbeit. Haben Sie Bücher mitgebracht?«

»Gewiß, zwei Kisten voll.«

»Zwei Kisten?« fragte ich entsetzt.

Der Droschkenkutscher und Dorette schleppten gerade einen schweren Kasten die Treppe herauf. »Das Praktische scheint ihr fremd zu sein,« dachte ich und fragte: »Was sind denn das für Bücher?«

»Zunächst Meyer,« antwortete sie.

»Was für'n Meyer? Doch nicht das ganze Conversationslexikon?«

»Nun ja, darin steht Alles.«

»Ottilie,« rief ich, »den Meyer habe ich selbst; die Ueberfracht hätten Sie sparen können. Was sonst noch?«

»Ein französisches und ein englisches Lexikon, Daniel's großes Handbuch der Erdkunde, Velhagen und Klasing's Atlas, Brehm's Thierleben, wegen der Fischerei-Ausstellung, Krüger's Physik...«

»Das scheint mir das einzig richtige. Haben Sie auch Chemie mitgebracht?«

»Chemie? Nein, die hab' ich vergessen.«

»Aber Ottilie, wo ich Ihnen doch schrieb, welche Sorge mir das chemische Industriegebäude macht. Was fangen wir nun an? Wir müssen das Buch schicken lassen.«

»Das geht nicht. Ich habe die Schlüssel zu meinem Bücherspinde bei mir.«

Ich seufzte. »Kommen Sie, ich will Sie auf Ihr Zimmer führen. Später ziehen Sie zu mir.«

»Ach wie reizend.«

Der Droschkenmann wurde allmählich befriedigt; die Ladung war nicht billig. Auch machte er Seitenbemerkungen, als Dorette meinte, das Heraufbefördern von Gepäck läge mit in der Taxe und sei mit zwei Groschen hinreichend belohnt.

»Denn muß das Freilein das nächste mal mit'n Rollwagen fahren,« sagte er. —

Als mein Karl zu Tisch kam und ein drittes Gedeck vorfand, legte er sich auf's Rathen, für wen es sei, kriegte es aber nicht heraus, weil das Zunächstliegende stets das Schwierigste ist. Er wurde ärgerlich und grollte: »Du willst Dich wohl zur Sphinx ausbilden, das ist das einzige, was auf dem Ausstellungs-Kairo noch fehlt.«

»Hast Du so genau nachgesehen?« — »Ja!« — »Ohne mich?« — »Du gehst ja Deine eigenen Studirwege.« — »Karl!«

In diesem Ausrufe lag eine ganze Tragödie, und das fühlte er, denn er fragte »Wo bleibt das Essen?« Wenn Männer ablenken, regt sich ihr Schuldbewußtsein.

»Die Araberinnen sollen dort ja zum Theil unverschleiert herumlaufen?« fragte ich durchbohrend. »Ist das wahr?«

»Ich bin hungrig, Wilhelmine!«

»Ich nicht. Mir ist der Appetit vergangen.« — »Wovon denn?« — »Was weiß ich?« — »Eben warst Du noch guter Dinge.« — »Eben, ja.« — »Bin ich Schuld an Deiner Laune?« — »Nein.« — »Wer denn?« — »Niemand.« — »Wilhelmine, willst Du mich erzürnen?« — »Nein; ich bitte Dich, was soll Ottilie denken, wenn sie gleich am ersten Tage Zeuge tiefsten Familienzwistes wird.« — »Uebertreib' nicht, sei so gut. Also für Ottilie ist gedeckt... Wo bleibt sie aber? Ich möchte essen.«

»Sie macht Toilette.«

»Sie soll sich beeilen. Von der Gesellschafterin verlange ich Pünktlichkeit. Ich werde einen Ton mit ihr reden.«

»Karl, mir zu Lieb sei freundlich gegen sie. Bedenke, ich muß Wochen lang mit ihr auskommen. Und Du weißt, sie hat Nerven.«

»Sie kann sich meinethalben an ihren Nerven aufhängen.«

Ich klingelte. Mein Karl war bereits in dem Hungerstadium, wo die Männer borstig werden. »Dorette, schleunigst die Suppe und Fräulein nochmal zu Tisch ansagen.« Glücklicherweise hatten wir Kerbelsuppe, die mein Karl schon öfter für sein Leibgericht erklärte, mit Ei und gebratenem Brot. Er schlemmte ordentlich, so ausverkauft war sein Magen gewesen und mit jedem Löffel ward er friedlicher. Wäre jetzt Ottilie nicht gekommen, hätte er deren Antheil mit vertilgt; ein Ei bekam sie schon weniger.

Mein Karl war überrascht bei ihrem Anblick, ich noch überraschter. Er stand auf und verbeugte sich und sie machte einen Quadrillenknix wie frisch vom Tanzmeister, schon mehr die reine Hoffeierlichkeit. Und was hatte sie an? Ein marineblaues Kleid von demselben Stück wie meines und eben solche crêmefarbige Klöppelarbeit und der Schnitt aus demselben Modenblatt.

Mein Effect, den ich vorhatte, war hin. Zweie aus dem nämlichen Laden erregen allerdings Aufsehen, aber nur weil Jede sagt: sie gehen gleichartig aus Billigkeitsrücksichten, Gott weiß, wo sie den Rest gekauft haben? Und dazu schafft man doch nichts Neues an.

Ich hatte Karl zwar gebeten, freundlich zu sein, aber daß er Ottilie mit unverhohlenem Wohlbehagen ansah, das war nicht ausbedungen.

Das Gespräch wurde bald recht lebhaft. Ottilie schwärmte schon mächtig für Berlin. Nach dem Spreewald wollte sie und einen kleinen Abstecher nach Dresden machen, und recht, recht oft in's Theater.

Fliegende Ottilie

»Meine Liebe,« sagte ich, »was wird aber aus Ihren Nerven?«

»Oh,« erwiderte sie, »die sind facultativ. Ich bedarf der Anregung, die wird mir Flügel verleihen, Flügel des Geistes, sie wachsen mir jetzt schon. Ach, Berlin ist zu himmlisch.« Dabei streckte sie Jedem von uns eine Hand hin und sprach: »Wie lieb Sie sind, mich so glücklich zu machen.«

Wir schlugen ein, weil sie so überrumpelnd war und mein Karl, das sah ich, fand Vergnügen an dem Händedrücken.

»Ottilie,« bemerkte ich strenge, »so lange Sie hier sind, vertrete ich Mutterstelle und das sage ich von vorn herein: geflogen wird nicht.«

Sie hätte nur bildlich gesprochen. — »Bei uns reden wir deutsch.«

Nach Beendigung des Mahles schlug ich im Meyer »facultativ« nach. »Dem eigenen Ermessen freigestellt« stand da.

Hierauf fragte ich meinen Mann: »Karl, weißt Du, was facultativ besagt, in Bezug auf Ottiliens Nerven?«

»O ja,« entgegnete er trocken, »ihr freiert.«

»Und deshalb ziehst Du in die Fabrik und Ottilie schläft bei mir. — Ohne Widerrede, mein Karl.«

Er redete auch nicht wider. Ottilie ist wirklich zu hübsch und ohne Erfahrung. Es wird nicht leicht sein, sie zu hüten.


Titel-Dekoration

Ein Blick über das Ganze.

Als ich Ottilie den Vorschlag machte, einen allgemeinen Ueberblick über die Ausstellung zu gewinnen, wollte sie gleich mit dem Fesselballon hoch.

»Nein,« sagte ich. »Vorläufig warten wir ab, ob er Zwischenfälle kriegt, und, wenn die dann nach einigen Wochen rasch und leicht beseitigt sind, steigen wir mit. Auch meine ich mit Ueberblick nicht ein Häppsken Vogelschau, sondern das fest im Gedächtnis haftende Terrain der Ausstellung, damit man weiß, was vorhanden ist, wo es liegt, wie man hinkommt, wie viel Zeit man auf das Einzelne verwenden kann. Es sind über viertausend Aussteller und nun rechne aus, wenn auf jeden nur fünf Minuten gründlicher Besichtigung fallen, wieviel Arbeitstage Du im Ganzen gebrauchst, den Tag zu acht Arbeitsstunden angenommen?«

»Kopfrechnen erlauben mir meine Nerven nicht,« antwortete Ottilie nach einiger Anstrengung, als sie nicht mehr mochte.

Sie bat mich gleich am ersten Tage um verwandtschaftliche Du-Anrede, die ich ihr bewilligte, da sie so allein steht und der Anschmiegung bedürftig ist.

»Nun,« fragte ich, »hast Du es?«

»Nein.«

»Also rund zweiundvierzig Tage. Das sind beinahe anderthalb Monate. Von Alt-Berlin, Kairo, dem Vergnügungspark, dem Theater, der Diamantschleiferei, dem Panorama, der Stearinfabrik, Etzetera ist dabei keine Rede und Du hast weder Naß noch Trocken, noch Ausruhen, noch Musikgenuß, noch irgend eine nothwendige Pause. Deshalb ist planvolles Vorgehen geboten. Heute ist Planschwetter, wir können nichts Besseres beginnen, als uns vorzubereiten.«

Sie seufzte. »Ich weiß nicht, ob meine Nerven«... fing sie an. — »Ich weiß, daß es ihnen gut bekommt,« entschied ich und breitete den officiellen Plan der Ausstellung auf dem Tische aus.

»Wie Du siehst,« begann ich, »wird das Gebiet durch die Treptower Chaussee in zwei gleiche Theile gespalten, wovon der eine reichlich noch mal so groß ist wie der andere, und dies Röthliche, was wie ein Stiefelknecht aussieht, ist das Hauptgebäude.«

»Ich meinte, es wäre so sehr schön.«

»Dies ist ja nur der Grundriß, dasselbe, was beim Zuschneiden das Muster.«

»Ach so.«

»Hier, gerade vor, das Blaue ist der Neue See mit den echten Gondolieren aus Venedig.«

»Wo sind die Gondoliere?«

»Draußen in Treptow,« erwiderte ich sehr deutlich, denn die Hast, mit der sie sich mit einem Male den Plan betrachtete, während sie eben noch ihre Nerven überlegte und nicht die geringste Theilnahme zeigte, verdroß mich.

»Singen sie auch das himmlische Lied: >Komm' nach der Piazetta, Rosetta<?«

»Für ein Trinkgeld gewiß.«

»Für Geld? Wie unpoetisch!«

»Gegenüber liegt das Hauptrestaurant. Die Laubengänge dorthin sind mit Tausenden von Lämpchen behangen, bei Tage wie die größte Eiersammlung der Welt, an Erleuchtungsabenden feenhaft wie früher bei Kroll. Ist das Wetter schön, wirst Du es erleben. Von hier kann man nun durch das Spreewaldgehöft, durch Chocolade und Thee, bis zur todten Katze gelangen...«

»O, pfui!«

»Nicht Pfui sagen, wenn Dir etwas nicht recht ist, das ist kleinstädtische Geziertheit.«

»Aber ich hasse todte Katzen.«

»Das wird denen ziemlich dasselbe sein. In diesem Falle ist die Katze das ausgestopfte Motto eines stilvollen Bürgerbräu-Ausschankes in Bauernmanier, und kletternder Weise am Vorgiebel angebracht, also durchaus nicht Pfui sondern kennzeichnend für den Volksmund, der stets mit unerwarteter Sofortigkeit das Besonderliche in Worte formt.«

Ich konnte nicht umhin, ihr diesen kleinen Erziehungs-Schupps zu verabreichen, weil sie ihre schiefen Urtheile nie zurückhält und dadurch zum Stein des Anstoßes wird, ja ich hielt es für Pflicht, bändigend einzugreifen, wie Goethe so treffend in Mey & Edlich's letztem Abreißkalender schreibt: »Wenn wir die Menschen nur nehmen wie sie sind, so machen wir sie schlechter; wenn wir sie behandeln, als wären sie, was sie sein sollten, so bringen wir sie dahin, wohin sie zu bringen sind.« — Unser vorjähriger war mit Speisezetteln versehen, aber weil die Zuthaten meist in die andere Jahreszeit fallen, haben sie als Morgenandacht keinen sittlichen Werth, wogegen man Sprüche und Lebensregeln ohne weitere Vorkehrungen benutzt. Dazu sind ja auch die Dichter und dergleichen.

Ottilie schien von ihren Obliegenheiten entweder keine Ahnung zu haben oder keinen Gebrauch machen zu wollen, es kann auch sein, daß sie Berlin mehr für eine Amüsirerholung hält als für ein Arbeitsfeld. Oder hatte sie sich mich scherzhaft gedacht, als sie auf meine Vorschläge einging, an den Ausstellungsberichten mit all' ihren wissenschaftlichen Kräften thätig zu sein und dafür angemessen entschädigt zu werden, nicht nur durch Kost und Unterkommen und rücksichtsvolle Behandlung, sondern auch durch Honorarantheil an dem schriftstellerischen Erwerbe. Man nimmt doch keine Waschfrau, um die Arbeit selbst zu thun.

Von Ottilie verlange ich ja nicht das Gröbste — das kann ich von alleine — sondern das wissenschaftliche und Gondoliere sind nicht wissenschaftlich. Deshalb regte es sich in mir.

»Man kann aber auch,« fuhr ich fort, »östlich gehen, leicht abschwenken und durch echt märkische Sandpfade nach Alt-Berlin gelangen. Hast Du den Weg?«

»Wo ist südöstlich?«

»Die Himmelsgegenden ermittelt man mit dem Compaß.«

»Geht das?«

»Nun natürlich. Auf Reisen in Italien und im Orient fand mein Karl die Wege stets mittels Compaß und Plan; diese Kunst ist ebenso einfach, wie unfehlbar, wenn man sich nicht irrt, und im Treptower Park durchaus nothwendig, sobald das Dickicht sich so belaubt, daß selbst das Auge der Aufseher nicht durchdringt, um Jemand zu entdecken, der heimlich den Bleistift zieht und notirt, Zeichnungen aufnimmt oder vielleicht photographirt, worauf so gut wie Todesstrafe steht. Es ist nämlich jegliches verpachtet und unerlaubt; deshalb Vorsicht, Ottilie, daß Dich die Wärter nicht anzeigen, von denen, dem Ton nach zu urtheilen, viele auf der Unteroffizier-Akademie geschliffen wurden.«

»Ich werde mich in Acht nehmen.«

»Du kennst doch einen Compaß?« kehrte ich zu unserem Gegenstand zurück.

»Und wie; sehr genau. Das heißt, im Examen hab' ich ihn gehabt — — — in der Hand noch nicht. Er wird im Norden vom Nordpol angezogen und im Süden vom Südpol und war bereits im Jahre 2133 vor unserer Zeitrechnung den Chinesen bekannt.«

»Vergiß die Jahreszahl nicht, die gebrauchen wir in unseren Berichten. Die Leute sollen sich wundern. Selbst nachgezählt hast Du wohl nicht? Ich meine blos, wenn Einer es noch genauer wüßte und verlästerte uns nachher öffentlich — das möchte ich Onkel Fritzens wegen nicht. Der höhnt gleich. Aber Du bist ja darauf geprüft.«

»Wenn eine Kanonenkugel mit der Fluggeschwindigkeit von fünfhundert Meilen in der Stunde sich von der Erde auf den nächsten Fixstern zu bewegt, erreicht sie denselben erst nach vier Millionen fünfmalhunderttausend Jahren,« sagte Ottilie rasch und fließend.

»Hilf daran denken, wenn wir über das Riesenfernrohr schreiben, obgleich ich für meine Person es für Unsinn halte, nach den Sternen zu schießen, es sei denn aus rein wissenschaftlichen Zwecken. Da geschieht ja manches. — Hier hast Du den Compaß, nun suche zunächst Norden.«

Die magnetische Nadel machte ihr Spaß, aber sie konnte sich nicht daraus vernehmen und je mehr ich ihr es auseinandersetzte, um so weniger faßte sie es, bis ich zuletzt ebenfalls das feinere Unterscheidungsvermögen verlor. Auf Reisen war es ja auch hauptsächlich mein Karl, der gleich die Richtung heraus hatte. »Ottilie,« sagte ich deshalb, »in unseren wissenschaftlichen Abhandlungen gehen wir um das Magnetische bogenartig ausweichend herum. Im Park kann man am Ende fragen. Auch stehen an vielen Orten Wegweiser.«

»Entzückend!« rief Ottilie, und legte den Compaß weit weg.

»Ferner müssen wir Bedacht nehmen, daß die Berichte umschichtig gelingen. Erst die Haupthalle, dann Photographie, dann meinetwegen Unterricht und Erziehung, hierauf Hagenbecks Affenparadies, das sich an das Kindliche schließt. Gasindustrie kann mit Gärtnerei abwechseln, dann nehmen wir die vereinigten Destillateure, die Volkswohlfahrt, die größte Kanne, Fischerei, Stufenbahn, Harzbahn, Volksbrausebad...«

»Ich kann keine Brause vertragen.«

»Nur ansehen.«

»Pfui!«

»Ottilie, ich habe Dich schon einmal ermahnt, diese Redensart zu pensioniren. Sollen die Leute fragen, wer mag die junge Dame sein, die so schwach mit Lebensart ist? Bei solcher Gelegenheit müßte ich Dich verleugnen und Dich wieder siezen.«

»Es ist das letzte Mal gewesen, ganz gewiß,« betheuerte sie.

»Schön. Passirt es noch einmal, kommst Du nicht mit nach Kairo, das sie so naturgetreu aufgebaut haben, als wäre man leibhaftig in Egypten.«

»Ach ja, Sie waren ja dort. Wie himmlisch! Wie ich für Kairo schwärme, kann ich garnicht sagen. Diese Lotosblumen, die Palmen mit beschwingten Papageien, die Muselmänner in goldgestickter Seide; alles Marmor und Elfenbein im Glanze des Morgenlandes...«

»Halt' die Luft an, Ottilie, Du machst Dir eine total umgedrehte Vorstellung. Die natürliche Echtheit ist das Bezaubernde; das Zerfallene, die malerische Ungewaschenheit...«

»O, Pf... pfie, wie schade!«

»Na ja, das wollt' ich mir auch ausgebeten haben. Du wirst die Schönheiten Kairos schon unter meiner Leitung herausfinden und, soweit ich das Arabische von damals her noch beherrsche, mit den Beduinen und Fellachen, den Händlern und Eseljungen in Dialog treten. Sie verstehen uns nämlich bedeutend leichter als wir sie. Mit den Neu-Guinea-Leuten am Karpfenteich, der halb die Spree und halb den stillen Ozean vorzustellen hat, stehe ich jedoch in keiner sprachlichen Beziehung.«

»Gehen die Wilden wirklich wie abgebildet?«

»Ich glaube je nach der Witterung, weiß es aber nicht genau.«

»Wollen wir sie nicht lieber auch umgehen?«

»Sie sind unvermeidlich als unsere Kolonialbrüder. Wir müssen sie kennen lernen und sie uns, damit ein bürgerliches Gesetzbuch geschaffen wird, das ebenso für Klein-Popo und Kamerun klappt wie für das große Berlin.«

»Die Gesetze werden doch mit den Menschen geboren!« bemerkte Ottilie.

»Deshalb sind sie auch danach, denn was wird nicht Alles verheirathet? Er zu lang, sie zu kurz oder umgekehrt, und auch in der Breite uneinig, jedoch wegen geistiger Vernachlässigung gegenseitig nichts vorzuwerfen. Talent höchstens zum Absätze krummtreten; Literatur: Litfaßsäulen; Ideal: Wo's die größten Portionen giebt. Und solche Leute insultiren die Lehrer, wenn ihre Kinder es nicht weiter bringen als zu Sitzquartalisten und verlangen vom Staate garantirte Carrière für die Blasenköpfe. Darum ein völlig frisches Gesetzbuch von der gediegensten Jurisprudenz verfertigt mit peinlichster Rücksicht auf die herrschenden Zustände, die manchmal schon keine mehr sind. Wie oft habe ich gehört, daß das römische Recht, wonach sie sich richten, mit dem deutschen nicht stimmt, und das kann es unmöglich. Was wußten die alten Römer von Clavierspielen nach zehn Uhr oder von Maulkörben oder von unlauterem Wettbewerb? Ueberhaupt, was geht uns Rom an?«

»Sie waren dort ja auch! Sagen Sie, Frau Buchholz, macht Italien wirklich den Eindruck eines Stiefels, wenn man darin herunterfährt?«

»Nicht völlig,« gab ich zur Antwort. Dann sagte ich langsam: »Ottilie, die Welt und die Bücher sind zweierlei, Du mußt noch viel lernen und viel vergessen.«

»Warum noch lernen? — Ich habe mein Examen gemacht und Zeugnisse, daß ich genug weiß. Die Quälerei hab' ich hinter mir. — Aber ich meine, es ging doch ausgezeichnet mit den vorhandenen Referendaren.«

»Mit den vorhandenen Gesetzen, wolltest Du sagen. Früher langten sie vielleicht, aber seitdem wir uns kolonial ausbreiten, steigern sich die Ansprüche ungeahnt. Bedenke, wie schrecklich, daß unsere wilden Afrikabrüder bis jetzt die Sonntagsruhe nie ordentlich gehalten haben, daß das Auswärtige Amt einen Extra-Sonderbefehl hinüber senden mußte, alle Arbeiten bis auf die dringlichsten an den Sonntagen in Afrika, so weit wir zu sagen haben, an den Nagel zu hängen. Die Missionare haben sich beschwert wegen Radau. Nun lernen die Wilden auf der Ausstellung die Berliner Sonntagsruhe aus eigenster Anschauung, wo sie den vorüberdrängenden Menschenströmen ihre Tänze vorspringen müssen und rudern und Matten flechten und fechten und was sie sonst auf der Walze haben zur Verbreitung anthropologischer Studien. Ob sie solches des Sonntags dürfen, wenn sie retour gekommen sind, das steht auf einem anderen Brett. Ich habe schon Herrn Kriehberg empfohlen, sobald seine Ausstellungsthätigkeit beendet ist, nach Deutsch-Afrika überzusiedeln und einen stilistischen Ausschank mit Vergnügungsgarten zu eröffnen, womit er nach Einführung der Sonntagsruhe dort glänzende Geschäfte machen muß.«

»Was werden die Missionare aber dazu sagen?«

»Die sind dem Gesetzbuch unterworfen und haben stille zu sein. Gleiches Recht für Alle. Geld erwerben am Sonntag ist große Sünde, Ottilie, aber Geld verthun darfst Du, und wenn Du hinterher am Montag abgespannt bist, als hättest Du vierundzwanzig Stunden hart geschuftet.«

»Das verstehe ich nicht.«

»Gesetze sind eben schwer verständlich für den Mittelstand.«

»Wer ist Herr Kriehberg, den Sie eben erwähnten?«

»So zu sagen unser Mitarbeiter in Architektur und Bauwissenschaften.«

»Wie entzückend! Ist er hübsch?«

»Ottilie, kennst Du die Jungfrau von Orleans?«

»Wieso?«

»Der war verboten, sich um die Herren zu kümmern, damit sie ihre Aufgabe unentwegt erfüllte. Als sie sich für einen jungen Mann interessirte und nicht mehr auf dem Posten war, lag sie drin.«

»Aber ich... «

»Jawohl. So wie von Sachlichem die Rede ist, sind Dir Deine Gehörnerven zu kostbar und jetzt, blos da Kriehberg's Name genannt wird, spannst Du wie eine Elster. Ich warne Dich, Ottilie! Es kann lange dauern, ehe Kriehberg's Wirthschaft mit Karussel und Schießstand hinter dem Aequator blüht, und wenn er auch sonst Gaben besitzt, die beste Eigenschaft eines Mannes ist ein gesichertes Einkommen. Und die fehlt ihm.«

Ottilie machte ein langes Gesicht. Sie fühlte sich ertappt.

Ich brach die Vorstudien ab und gab ihr den Ausstellungs-Katalog zu lesen. Der überhitzt ihre Phantasie wenigstens nicht.

Ich selbst aber fürchte. Meine Phantasie malt mir allerlei Unerfreuliches an die Wand.