Zeichnung

Und was sagte er da?

»Es ist das Unglück der Comités, daß sie die Wahrheit nicht hören wollen.«

Draußen war er.

Auf solche Aussichten hin ihm Ottilie zu geben, wäre eine Unverantwortlichkeit, gegen die Alpdrücken liebliches Gekose ist. — Und wenn sie sich auch noch so lieben. Von Butter allein kann man nicht leben, es gehört das tägliche Brot dazu...

Ich band mir Ottilie vor, sie müßte Kriehberg abgeloben.

Sie hätte ihn nicht ermuthigt, erwiderte sie, hoch vom Thurme herab, als geschehe ihr wer weiß welche Bezichtigung.

»Hast Du nie in seiner Gegenwart mit den Augen geklappert?«

»Ich verstehe Sie nicht.«

»Ottilie, es giebt verschiedene Sprachen, und eine davon ist die Augensprache, die ist in allen Dialekten die nämliche. Ein Blick sagt mehr als ein dickbändiger Briefsteller. Ich frage Dich, ob Du auf die Art etwa zu viel geredet hast?«

»O Nein. Ich beschäftige mich mit dem gewaltigen Pulsschlag des Residenzlebens, der täglich Neues und Großes bringt und der geistigen Förderung durch die entzückenden Darbietungen des Gewerbes und der Industrie.«

»Doch wohl nicht ausschließlich. Reichliche Zeit verbringst Du, Dich zu bewundern.«

»Wer sagt das?«

»Betrachte Dir den Teppich vor dem Spiegel, wie er leidet und stets und immer mit frischen Fußspuren. Das ist auch eine Sprache: Teppichsprache nämlich.«

Sie that schnippisch.

»Du bist jung, Ottilie, Du weißt noch nicht, ein wie theurer Lehrer die Erfahrung ist. Nimm meinen Rath an und verkriehberge Dich nicht.«

»Aber Tante Lina meinte, er müsse gut sein, gerade so gut wie Johannes Viedt, an den er sie erinnere, der nach Amerika gegangen ist, weil er Eine nicht unglücklich machen wollte, die er liebte, und ohne den Fluch der Eltern nicht die Seine nennen durfte.«

»Ob sie das selber gewesen ist?«

»Ich glaube fast.«

»Die Alten haben keinen Bürstenbinder als Schwiegersohn gemocht; natürlich, so liegt der Roman. Ottilie,« fuhr ich warnend fort, »und Kriehberg ist nicht mal Bürstenbinder ... er ist augenblicklich garnichts.«

»Er hofft.«

»Ich auch. Ich hoffe, daß er einsehen wird, wie es keine größere Selbstsucht giebt, als wegen kurz verküßter Flittervierzehntage ein leichtgläubiges Mädchen mit sich in endloses Elend zu ziehen. Das Leben ist lang, Ottilie, und die Feuerung theuer. Mit Liebe allein kannst Du nicht einheizen. Der Winter kommt, Kind, der Winter des Lebens. Liebst Du Kriehberg wirklich? Möchtest Du um seinetwillen blos in Kattun gehen und nie nach der Mode, immer denselben alten Mantel?«

»Das würde er doch nicht verlangen?«

»Er nicht; aber die Noth und die ist unerbittlich. Man kann sie miteinander tragen, wenn sie hereinbricht, ohne eigene Schuld und fest und innig verbunden den Kampf mit dem Schicksal aufnehmen. Aber Uebereilung ist eigene Schuld.«

So redete ich und sie hörte zu, aber mich dünkte, sie war klüger als ich. Wenn jemand eine Unterhaltung nicht behagt, besieht er die Zimmereinrichtung und Ottilie ließ ihre Blicke wandern, als wären alle Stuhllehnen und Tischkanten ihr noch nie vorgestellt.

Mir bleibt nur noch ein Ausweg. Mein Karl muß Kriehberg aufs Dach steigen und ich — ich nehme Tante Lina in die Beichte.

Dies muß geschehen, ehe Ungermann's eintreffen, denen ich mich zu widmen habe. Ungermann ist, wie es in der Geschäftssprache heißt, ein großartiger Kunde. Der muß warm gehalten werden.


Titel-Dekoration

Meine Einquartierung.

Hausflur Ungermann's wohnen in der guten Stube, Tante Lina rastet immer noch im Fremdenzimmer, Ottilie theilt mein Schlafgemach mit mir, mein Karl ist in die Fabrik verdrängt ... wo bleibe ich mit Kliebisch's?

Es ginge, wenn ich ebenfalls in die Fabrik ziehe, Ottilie in die Mädchenkammer verfügt wird und Dorette auf dem Boden schläft. Das will sie aber nicht, und da sie vermehrte Arbeit hat, kann ich ihr schlaflose Nächte nicht zumuthen. Sie sagt, es wäre auf dem Boden nicht richtig, mit schleichenden Schritten im Dunkeln, daß sie kein Auge zukriegte und lieber ginge, als sich krank graulte. Auf Schudderigkeiten hätte sie sich nicht vermiethet.

»Dorette,« sagte ich, »Spuk ist überwunden. In unserer aufgeklärten Zeit kommt er nicht mehr vor, er ist wie weggeblasen durch den Fortschritt, durch Telegraph und elektrisches Licht.«

»Uf'n Boden is et duster,« entgegnete sie.

Nun kann ich Kliebisch's doch nicht schreiben, die schwarzen Pocken wären bei uns ausgebrochen, oder was sonst Mieths-Contracte aufhebt, und sie nebenan bei Betti einquartieren, das scheitert sowohl an ihr, wie an ihrem Manne. Sie hilft mit Lagerstätten aus und was drauf und drunter gehört, aber über ihre Schwelle steigt kein Fremdling.

»Ich bin nicht so blödsinnig, ein Hotel aufzumachen,« sagte sie theilnehmend.

Damit hatte sie das Rechte getroffen. Wir sind Hotel! Aber doch nur aus Geschäfts- und Freundschafts-Rücksichten mit Hinblick auf das Allgemeine. Jeder Einzelne ist für die Ausstellung verantwortlich, und für den Besuch kann nicht genug gethan werden, theils daß er heran-, theils daß das Unternehmen herauskommt. Berlin kann doch nicht alle Eisbären und Rutschbahnen alleine bezahlen.

Ungermann's sind, soweit ich beurtheilen kann, zufrieden. Am ersten Morgen sagte sie: »Mein lieber Mann ist noch ein Kopfkissen mehr gewohnt,« und er sagte, »meine liebe Frau frühstückt Cacao, wenn es Ihnen keine Mühe macht,« und so einen kleinen Wunsch nach dem anderen, bis sie es hatten, wie sie wollten. Mich rührte diese Zärtlichkeit, denn sie sind Beide keine Jünglinge mehr, namentlich vermuthe ich sie ihm im Taufschein bedeutend über, dagegen ist er würdevoller, als Männer in seinen Jahren zu sein pflegen. Er betrachtet die Welt vom ernsten Standpunkt, hat sich aber vorgenommen, Berlin zu durchforschen, selbst wenn er Elemente nicht vermeiden könnte, deren Berührung zu falschen Schlüssen Anlaß gäbe. Die sociale Frage zu studiren, sei die Aufgabe eines jeden, der das Wohl des Staates im Herzen trüge.

Wir kennen einen Polizeilieutenant a. D., sagte ich, »der wird Ihnen angeben, wo Sie Bauernfänger an der Quelle beobachten können, und das Asyl für Obdachlose und Plötzensee und die Armenpflege und was sonst gefällig ist.«

»Ich danke Ihnen sehr. Das ist, was ich will. Ja, ja, das ist es. Unser Bürgermeister ist noch jung. Sehr jung. Wir Stadträthe müssen gut unterrichtet sein, damit wir die Bürgerschaft vor Mißgriffen schützen.«

»Sehr edel gedacht, Herr Stadtrath,« erwiderte ich.

»Wenn mein lieber Mann nicht wäre, es ginge drunter und drüber,« nahm Frau Ungermann das Wort. »Aber wir bilden uns nichts darauf ein und überlassen Anderen den Vortritt, wenn das Einkommen auch nicht so groß ist. Man weiß ja doch, was man ist.«

»Ganz meine Meinung, Frau Stadträthin.«

»Die Frau Bürgermeisterin käme ja sehr gern nach Berlin, aber es wird den Leuten zu kostspielig. Sie müssen im Winter repräsentiren und da bleibt für den Sommer höchstens ein billiger Landaufenthalt. Ja, ja, jeder Stand hat seine Last.« —

Herr Ungermann besuchte die Ausstellung fleißig, aber immer nur das Gewerbliche; das Vergnügliche verurtheilte er stark. Sie, die Frau, hatte weder Sinn für das Eine noch das Andere. Es ist ihr zu weitläufig draußen und zu mühsam.

Endlich und endlich kam sie jedoch mit ihren Anliegenheiten heraus, wozu sie mich ausersehen hatte.

Ich ließ sie sich ruhig aussalmen, und als sie mich fragend anblickte, sagte ich: »Meine verehrte Frau Stadträthin, das geht nicht. Eine Schneiderin ins Haus nehmen, ist schon längst nicht mehr an der Tagesordnung.«

»Aber man kann selber mithelfen, und es kommt wesentlich billiger.«

»Es fehlt mir an Platz.«

»Das große Eßzimmer ist doch da.«

»Im Berliner Zimmer wird table d'hôte gehalten, wie Sie selbst wissen.«

»Es ist ja bald wieder aufgeräumt.«

»Dazu hat das Mädchen keine Zeit. Nein, wollen Sie sich ausstaffiren, sehen Sie sich in der Ausstellung die über alle Begriffe schöne Gruppe >Bekleidungs-Industrie< an, wo Sie die herrlichsten Sachen finden, vom einfachsten Hauskleide bis zur Galarobe im Preise von achtzehntausend Mark.«

»Ich möchte nicht in Toiletten erscheinen, die Parade gestanden haben und aller Welt bekannt sind. Außerdem habe ich meinen eigenen Geschmack.«

Den hat sie allerdings, aber er ist auch danach. Was sie anzieht, sieht alles so versonntäglicht aus, so besuchsmäßig, und sitzt dabei doch nicht ordentlich zu Maß. Aus ihrem Gespräch entnahm ich indes so viel, daß sie wohl fühlt, nicht auf der Höhe zu stehen, und die Frau Bürgermeisterin keineswegs aussticht, wie sie möchte. Die geht vielleicht ganz simpel, aber schick, und was sie anhat, läßt sie reizend, und das verdrießt die Ungermann, die die erste Toiletten-Violine spielen will. Wie manches Kostüm ist im Schaufenster eine stille Pracht, aber so bald eine sich hineinbegiebt, verlieren Beide, das Kleid sowohl als der innewohnende Rumpf. Sich wirklich »kleiden« ist eine Begabung. Nachdem ich genügend überlegt hatte, sagte ich: »Kaufen Sie fertig, da wissen Sie, was Sie haben.«

»Nimmermehr. Nein, meine Figur opfere ich nicht der Schablone.«

Ich sah mir ihren Umriß an. Wie ein solches Gestell sich noch lange mit Figur betituliren mag, finde ich kühn. Und ist es hübsch, sich neu zu behängen, um Aergerniß zu verbreiten? Und war es rücksichtsvoll, mir eine fremde Person zuzumuthen, wo ich nicht aus noch ein weiß? So viel ward mir klar: die Ungermann bleibt vier Winter.

»Meine Liebe,« begann ich daher trocken, »das Fertige sitzt am besten. Wollen Sie jedoch nicht das Hochmodernste, werden Sie in einem großen Geschäft nach ihren eigenen Angaben immer rascher bedient, als im Hause. Besehen Sie mit Ottilie die Leistungen auf der Ausstellung, das regt die Phantasie an, und Sie können sich nach den vorhandenen Motiven etwas bauen lassen, daß die Frau Bürgermeisterin platt hinfällt.«

»Sie mißverstehen mich,« sagte sie süßlächelnd. »Die Dame ist viel zu erhaben, als daß ich nur daran dächte, ihr zu imponiren. Ach nein. Aber mein lieber Mann wünscht, daß, wenn ich doch einmal in Berlin bin, ich meine Toilette wahrnehme. Und warum auch nicht? Wir können es ja. Für wen sollen wir sparen? Wenn wir mal todt sind, mein lieber Mann und ich, fällt unser Bischen einem Neffen zu, der es gar nicht einmal gebraucht. Der übernimmt die Fabrik meines Bruders.«

»Was kommt es denn auf die paar Möpse mehr an? Ich empfehle Ihnen Gerson.«

Es verdroß sie sichtbar, daß ich mich nicht erweichen ließ, aber als Hotelverwaltung muß man sich einen Marmorbusen zulegen. Saueren Herzens schwamm sie mit Ottilie und Tante Lina ab, zu Dritt sich in die Confection zu stürzen.

Aus Tante Lina ward ich in den letzten Tagen nicht mehr klug. Sie war rein versessen auf die Ausstellung, und war schon draußen, wo die Morgenstunde vor zehn eine Mark im Munde hat, wahrscheinlich um das Frühaufstehen mit erhöhtem Eintritt zu bestrafen. Was wollte sie dort und warum war sie so ausgewechselt, daß sie mehr schwieg als erzählte und träumend da saß? Und dann wieder war sie ganz aufgeregt. Und einen Stoß Zeitungen hatte sie bei sich zu liegen, die sie in allschlafender Nacht durchbuchstabirte. Sie hatte sich heimlich Kerzen gekauft, damit wir es nicht merken sollten, aber Dorette kam gleich dahinter und fragte, ob wir nicht einen Eimer Wasser vor Tante Linas Thür stellen wollten, sie läse am Ende das Bett noch in Brand.

Und zum Abreisen nicht die schwächste Anstalt.

Ich verhörte Ottilie. Die sagte, sie wären mit Herrn Kriehberg in Kairo gewesen und als Tante Lina das Kairo-Kleine-Journal, worin die Musiknummern stehen, durchgesehen hätte, wäre sie mit einem Male blaß geworden und wie ohnmächtig. Und seit dem Abend hätte sie es. Am liebsten säße sie auf einer Bank im Wandelgang und rührte sich nicht vom Fleck, immer nur die Vorübergehenden anstarrend, ganz wie Leonore, die um's Morgenroth fährt, wie Kriehberg sich geäußert hätte.

»Sehr unpassend,« schalt ich. »Wer das Alter nicht schont, ist auch anderer Unmoralitäten fähig. Wie stehst Du mit ihm?«

Sie schwieg.

»Genickt hast Du, aber hoffentlich nicht Ja gesagt. Ottilie, Kriehberg paddelt noch; hängst Du Dich an ihn, geht er unter in dem Strome des Lebens. Warte wenigstens, bis er auf dem Trocknen ist. Binde nicht Dich, binde nicht ihn. Und wenn er geht, was bist Du für ihn gewesen? Eine Sommerliebe, die um's Morgenroth flattern kann.«

»Nein, nein. So schändlich kann er nicht sein.«

»Schändlich nicht, aber leichtsinnig. Er hält ja nirgends aus, also auch nicht bei Dir. Und Tante Lina hat ihn auch erkannt; er hat sie nämlich gräßlich angelogen.«

»Nein, nein!«

»Das hat sie mir selbst gesagt.«

»Wie ungerecht. Ich war ja dabei.«

»Na also.«

»Das kam so. Er erzählte uns, wie kolossal der Betrieb im Hauptrestaurant sei. Da sind fünfundvierzig Köche und fünfzig Spülfrauen und gegen zwanzig Messer- und Silberputzer und über vierundvierzigtausend Tischtücher und Mundtücher und, denken Sie sich, achttausend tiefe, neunzigtausend flache Teller und achtzehntausend Beitellerchen und zwölftausend Messer und Gabeln. Und das wollte Tante Lina nicht glauben. Durchaus nicht.«

»Sie hätte sich ja blos überzeugen brauchen.«

»Sie sagte, so viel Geschirr gäbe es überhaupt nicht und das nahm er selbstverständlich übel.«

»Wann war das?«

»An demselben Abend.«

»Jetzt verstehe ich. Sie hat auf ihn gehalten und glaubt, sich in ihm getäuscht zu haben und bereut, daß sie seine Annäherung an Dich begünstigte. Sehr einfach.«

»Aber Kriehberg hat nicht gelogen.«

»Wenn Du eine kleine Stadt ausschüttelst, fallen nicht so viel Teller heraus, als im Hauptrestaurant täglich gebraucht werden, das ist klar. Und deshalb hält Tante Lina solche Porzellan-Anhäufungen für kalten Aufschnitt. Es giebt eben Wahrheiten, die manchmal keine sind. Kriehberg fehlt es an Welterfahrung und das ist bei einem Manne schlimm. Am Schlimmsten aber für die Frau, denn Dämlichkeit des Gatten ist kein Scheidungsgrund.«

Doch: »Rathet mir gut, aber rathet mir nicht ab« sagt die Braut im Sprichwort. Ich verkündete darum gewissermaßen prophetisch: »Ja, es ist wahr, die Liebe ist blind, aber sie merkt es erst, wenn sie hinterher den Schaden besieht.« —

Mein Karl sucht eine auswärtige Stellung für Kriehberg, ihn aus Berlin weg zu unterstützen. Das wäre für ihn gut und noch guter für mich. Ottilie stelle ich die Wahl zwischen ihm und einem billigen, aber geschmackvollen Lodenanzug des Vereins Berliner Damenmode. Ich denke, sie nimmt den Anzug. —

Und deshalb machte ich mich auf, den Dreien nach, die in Costümbetrachtungen schwelgten. Wenn die Ungermann sagt: »Solches würde ich mir machen lassen und jenes und das noch dazu und das und das und das, erwacht in Ottilie gleiches Begehren und sie läßt mit sich handeln. Ich kenne das. Was die eine hat, will die andere auch haben. Geht man in ein Geschäft und der junge Mann versichert, dies wird viel genommen... schwapp hat man's.«

Es ist mit Bräutigämmen ganz dasselbe. Hat eine einen, ruht die andere nicht, bis sie ebenfalls einen Verlobten unterärmelt, und wenn sie sich blos einbilden muß, ihn zu mögen. —

Ich traf sie in der Moden-Abtheilung. Ottilie und die Ungermann, die an allem, was sie sah, zu tadeln fand. Gefiel ihr der Stoff, verwarf sie den Schnitt, was gelb war, sollte roth sein und was mit Besatz war, wollte sie gesteppt haben. In mir siedeten bereits Bemerkungen, die ich nur unterdrückte, weil sie bei uns hotelisirt. Wäre sie die Butschen gewesen oder gar die Pohlenz... ich hätte einen Ton geredet, wie das Nebelhorn an der Spree, bei dem ältere Leute einknicken, wenn es unangemeldet lostutet.

»Wo ist denn Tante Lina?« fragte ich, da ich sie nicht gewahrte.

»Die wird wohl draußen auf ihrer Bank in der Wandelhalle sitzen.«

»Dann helfe ich ihr spazieren sehen,« entgegnete ich, drehte mich kurz um und dampfte ab. Ich kann viel vertragen, nur keine Besserwisserei aus Dünkel.

Tante Lina saß richtig auf der Bank. Ich beobachtete sie aus einiger Entfernung eine ganze Weile.

Sie saß und sah. So merkwürdig selbstvergessen saß sie da, wie todt und jeden Vorübergehenden schaute sie forschend an, mit den Augen, die allein lebend waren, scharf und fragend und hell.

Ich setzte mich zu ihr. Sie merkte es nicht.

»Tante Lina,« sagte ich.

Sie schrak ein wenig zusammen. »Ach Sie sind es,« sagte sie und sah wieder wie abwesend in die vorüberwogende Menge.

Auf einmal überkam sie heftiges Zittern, ihr Athem ging rasch und hörbar. »Was ist Ihnen?« rief ich besorgt und war schon auf dem Sprung, die Sanitätswache zu alarmiren.

Ein Herr ging daher, ihm zur Seite in einem Zähluhrfahrstuhl eine Dame. Sie sprach zu ihm, er neigte sich und antwortete freundlich auf ihre Fragen. Es war abendkühl. Er legte ihr seinen feinen, seidengefütterten Paletot über die Füße.

Sie lächelte ihm Dank zu. Eine recht nette Frau und ein stattlicher Mann, schon etwas weißlich an den Schläfen, aber das kleidete ihn gut.

Als das Paar in unserer Nähe war, rief Tante Lina: »Johannes. — Johannes!«

Der Herr wandte sich um. Hatte ihm der Ruf gegolten, der so weh klang und erstickt, als hätte ein verlassenes Kind nach der Mutter geweint?

Er blickte mich an, er blickte Tante Lina an. Dann schüttelte er leicht sein Haupt und schritt weiter.

Tante Lina war zusammengesunken; die Kunstlocken hingen vornüber und beschatteten ihre Augen. Es durchzuckte sie ruckweise, wie große Qual den Menschen durchbebt.

»Tante Lina, um Gotteswillen, was ist Ihnen?«

»Er war es,« flüsterte sie. »Er.«

»Wer denn, Tante Lina?«

»Johannes. Johannes Viedt. Es war wohl seine Frau, die neben ihm? — Es war seine Frau.«

»Sie müssen sich geirrt haben, wo soll denn der herkommen?«

»Er ist es. Ich las seinen Namen unter den Besuchern des Tempels, die sich einschreiben, ganz deutlich: Johannes Viedt aus St. Louis. Ich hab' in allen Zeitungen die Fremdenlisten nachgesehen, sein Hotel herauszubringen, ich fand ihn nicht. Da habe ich auf dieser Bank gewartet, jeden Tag. Ich wußte, er würde kommen.«

»Und das that er auch.«

»Er sah mich und ich sah ihm in die Augen, wie damals, als er ging. Er hat mich nicht wieder erkannt. Nicht wieder.«

Sie weinte. Stille Thränen, schwere Thränen.

»Tante Lina, wollen wir nach Hause?«

»Ja. Und morgen reise ich. Ich habe Alles in Ordnung: mein Sterbekleid liegt im Schubkasten unten im großen Spinde. Und Tischler Grawert weiß Bescheid, blos ein einfacher Sarg, ganz einfach. Alles in Ordnung.«

»Nicht doch, Tante Lina. Ich lasse Sie nicht eher, als bis Sie wieder froh und heiter sind. Weg mit so trüben Gedanken. Sehen Sie, wie schön und golden die Sonne auf die Kuppeln und Thürme scheint.«

»So?« fragte sie theilnahmslos. »Ich hatte eine Sonne, hier drinnen, die ist untergegangen. — Ob er wohl glücklich ist mit seiner Frau? — Ob wohl Kinder da sind? — Viedt's haben mir nie gesagt, daß er sich verheirathet hat. Sie wollten mir's wohl verheimlichen. Ja, Viedt's sind gut und Johannes ist der Beste.«

Sie erhob sich müde und wankend.

»Liebe Buchholz,« sagte sie sanft. »Haben Sie Dank, daß ich bei Ihnen sein konnte, daß ich ihn noch einmal sah. Ihm geht es gut; ich bin zufrieden.«

Wir verließen die Ausstellung und nahmen eine Droschke. Das Gewühl auf der Eisenbahn war nichts für Tante Lina.

Sie sprach unterwegs kein Wort. Ich glaube, sie begrub die Vergangenheit.


Titel-Dekoration

Täuschungen.

Was dem Menschen im Buche des Schicksals angekreidet steht, das wird ihm besorgt. Für mich stand eine Nähmamsell drinn und ich habe sie. Hinter meinem Rücken hat die Ungermann sie gedungen und in Thätigkeit gesetzt, als ich pflichtgemäß außer Hause war. Und wer hat ihr dabei geholfen? Die Krausen.

Hätte ich die Beiden doch nur nicht miteinander bekannt gemacht. Aber es mußte so kommen.

Die Ungermann beschwabbelte mich, mit ihr noch einmal die Costüme zu begutachten und ich ging darauf ein, weil ich später selbst darüber sachgemäß berichten muß, obgleich ich nicht kapabel bin, mich in die confectionelle Schreibweise hineinzuzwängen, wodurch die Modeberichte immer ihre Pompösität kriegen. Ich weiß nämlich nicht, wo ich die Fremdworte alle aufgabeln soll, die kunstvoll in die Sätze vernäht werden, damit sie etwas hergeben.

Und schließlich: was ist Mode? — Es ist dasjenige, weswegen man ausgelacht wird, wenn man es nicht mitmacht, und das man auslacht, wenn es nicht mehr mitgemacht wird. So denke ich darüber.

Man sieht es ja. Kaum nehmen die Damen bei dem Trachten-Panoptikum von Moritz Bacher Aufstellung: heiter werden sie und schmunzeln und kichern und machen sich lustig über ein Jahrhundert Mode und halten es für unmöglich, daß verständige Menschen sich jemals so zu Schauten machten, außer auf Maskenbällen. Das Ungreiflichste ist ihnen die Krinoline, aber damals, als sie aufkam, hielt es jeder für heiligste Pflicht, das Birnenhafte den Franzosen nachzuäffen und in allem Ernste schön zu finden.

Mode

Wie wohl nach hundert Jahren über unsere Mode gespottet wird? Aber es geht nun einmal nicht anders. Anhaben muß der Mensch etwas. Barfuß bis unter die Arme, wie die alten Griechen, ist nur Statuen erlaubt.

»Da sieht man, auf was für Fahnen die Damen verfielen, um ihre Nebenbuhlerinnen zu ärgern,« sagte ich zur Ungermann, die diesen Stich nothwendig versetzt haben mußte, weil sie doch nichts weiter sinnt, als sich mit ihrer Kleedage beneiden zu lassen. Ob sie Glück haben wird? Kaum. Grün mit erdbeercremefarbigem Besatz erregt meiner Ansicht nach höchstens Bedauern. Und das nennt sie eigenen Geschmack. Sie aber gethan, als hätte sie nicht verstanden. »Gottlob, daß wir nicht in so ordinärer Vergangenheit leben,« sagte sie, »wir schreiten eben vorwärts; auch die weißen Röcke kommen ab. Haben Sie den Unterrock von gelb und blau chinirter Seide gesehen? Solchen schaffe ich mir an, er ist wie ein Gedicht.«

»Aus der goldenen Hundertzehn,« ergänzte ich ihre Schwärmerei und dachte, ob sie wohl vorhat, den Leuten das Nähmaschinengedicht auf dem Thurmseil vorzudeclamiren, worüber ich in lächelnde Stimmung gerieth, in der ich den Antrag auf Verweilung im Freien stellte, mit einem Täßchen Eis-Schocolade bei Hildebrand. — Wurde angenommen.

Wie wir nun unterwegs das große Becken betrachten, worin der Lichtspringbrunnen emporlodern soll, stößt Ottilie mich an und flüstert: »Da ist er.«

»Wer?«

Ich hingesehen und richtig, da steht der Adonis von neulich in Lebensgröße und giebt einem Arbeiter Anweisungen aus einem Taschenbuch. Er wird uns gewahr, zielt scharf herüber und eilt auf uns zu.

»Herrjeh, Tante Ungermann,« ruft er, »Du in Berlin? Also täuschte ich mich nicht, als ich Onkel kürzlich im Olympia-Theater zu sehen glaubte.«

Tante und Neffe begrüßten sich und sie stellte ihn vor.

»Rudolph Brauns, mein Schwestersohn.«

Ich verneigte mich gemessen. Ottilie erröthet.

»Wo kommst Du denn her?« fragte die Ungermann.

»Ich bin als Elektrotechniker engagirt,« antwortete er. »Papa meinte, ich sollte es annehmen: bei den kolossalen Anlagen hier könnt' ich mich nur vervollkommnen.«

»Elektrotechniker?« redete ich ihn mißtrauisch an. »Als wir vor einiger Zeit, wie der Zufall es so fügte, an ein und demselben Tisch in Unterhaltung geriethen, sagten Sie doch selbst, Sie wüßten nicht einmal, was Elektricität sei.«

»Das weiß auch noch Niemand!« entgegnete er unbefangen. »Kein Gelehrter kann bis heute sagen, was sie ist. Wir kennen ihre Erscheinungsformen. Alles andere ist Theorie.« — Ich dachte ihn zu überführen, aber wenn die Sache liegt, wie er sagt, dann war unmöglich richtig, was Ottilie über das Wesen der Elektricität vortrug. Mir dämmerte so etwas wie Blamirung auf.

Ottilie war ganz roth geworden, stark lippenpomadenroth.

Tante und Neffe erkundigten sich gegenseitig nach ihren Erlebnissen seit dem letzten Zusammensein; Ottilie und ich gingen voran zur Schocolade, die jedoch mit Hindernissen verbarrikadirt war, und zwar in Gestalt von Herrn und Frau Krause und Butsch und Gattin, die auf uns zu stießen.

Die Krausen hochelegant. Mein erster Gedanke war, »wie kommt sie dabei?« und ehe ich einen zweiten fassen konnte, sie mir vortriumphirt, daß sie alles vermiethet hätte mit Verpflegung und fabelhaft verdiente. Ich zog natürlich gleich die Hälfte ab.

»Feine Leute,« schwaddronirte sie, »und so zufrieden mit allem, Geld spielt gar keine Rolle. Nun sie merken ja auch gleich, daß sie es mit Bildung zu thun haben. — Sie sind doch auch so schlau, zu vermiethen? Oder haben Sie noch Zimmer leer?«

»Alles besetzt,« gab ich zur Antwort. »Mein Mann schläft sogar in der Fabrik.« — Und das war der Wahrheit gemäß. — »Wir persönlich schränken uns auch ein,« fuhr sie fort.

»Das sieht man Herrn Krause an,« warf ich ihr vor. »Ich, an Ihrer Stelle, würde den Fremden nicht alle die kräftigste Bouillon allein geben oder lieber ein halbes Pfündecken Fleisch mehr nehmen, damit der Mann auch was hat.«

Auf diese Enthüllung aus heiterem Himmel war sie nicht vorbereitet, vergebens fischte ihr Geist nach Wiedervergeltung. Aber ich hatte polizeilich beglaubigte Bestätigung ihrer Mierigkeit, indem Doretten's jetziger Bräutigam eine Cousine bei Krauses zu dienen hatte. Schaudervoll geht es her. Von einem halben Pfund Beilage, dreitägige Brühe gekocht und den Zampel mit Rosinensauce aufgetischt, daß der Mann seine eigene Haut als Ueberzieher brauchen könnte, wenn sie zu knöpfen ginge und deshalb gab der Schutzmann das Familienverhältniß auf. Wo die Herrschaft selber Ammi spielt und die Knochen abgnabbelt, hält kein Geliebter aus, da wird die Küche bald zum Kloster mit der Krausen als Aebtissin, worauf das Mädchen sofort kündigt. Warum hat sie sonst alle halbe Jahre eine neue?

Dies hat mir Dorette hinterbracht, die es von ihrem Verlobten weiß, und Schutzleute lügen nie. Als ich fragte, ob die Krause'sche Philippine auch eine wirkliche Cousine von ihm gewesen sei, wurde sie patzig und sagte, er hätte seinen Diensteid darauf gegeben, daß es keine Stiefliebste war: ob ich Lust hätte, mich in Unannehmlichkeiten zu stürzen? Worauf ich nicht weiter auf den Fall einging.

Die Butschen hatte meinen Sieg über die Krausen nicht bemerkt. Sie schwamm am Arm ihres Mannes in Festtagslust. Er sah auch gentil aus mit der ihm angeborenen und mit Weißbier weiter gepflegten Stattlichkeit und schwarzblank neu in Kleidung, wozu Herr Bergfeldt sich nie aufschwingen konnte, weil immer nur mit Ach und Krach ersetzt wurde, worauf längst Ventilationsklappen gehört hätten, womit sie ihn nicht gut gehen lassen konnte.

»Butsch wollte erst gar nicht,« erzählte sie, »um damit daß nichts im Geschäft passirt, wenn er weg ist und irgend so'n Besoffsky Radau macht, denn gerade in der Abwesenheit erlebt man gewöhnlich den mehrsten Verdruß...«

»Aber meine Olle mir keine Ruhe gelassen,« nahm Herr Butsch das Wort, »bis ich mich bewogen fühlte, zu sagen, wenn es so brüllend schön ist, wie Deine Beschreibung unbegreiflich, denn man hin. Und ich muß gestehen, blos um das Ausgefallenste zu betrachtigen gehören minimumst Zweie.«

»Nicht wahr?« freute sich die Butsch. »Und so raffinant. Das Industriegebäude und die Hauptrestauration ganz natürlich wie sonne Pendants.«

Ungermann's merkten bereits auf und damit die Butschen als meine Bekanntin nicht auf grenzenlosester Kunstunwissenheit ertappt würde, sagte ich: »Beides in italienischer Phantasie stilisirt. Gehen wir.«

Die Krausen aber spitzlistig gefragt: »Was verstehen Sie unter Pendants, meine Beste?«

Die Butschen wies erst auf den weißen Wasserthurm und dann auf die blanke Kuppel und sagte grundehrlich: »Na, auf der einen Seite ein Thermometer und auf der anderen ein Barometer, wie es unsere gute Stube auch in der Mode hat.«

»Kein übler Gedanke,« rief der junge Herr Brauns, »damit ließe sich in der Metall- und Galanteriewaarenbranche vielleicht ein Geschäft machen. Wollen Sie mir die Idee überlassen? Wir theilen den Gewinn. Ich übernehme die Musterschutzkosten und die Abmachungen mit den Fabrikanten. Ein paar tausend Märkelchen können dabei herausschauen, Notabene wenn wir Glück haben.«

»Meine Frau willigt ein,« sagte Herr Butsch. »Olle, Olle, bist Du helle!« rief er und küßte sie inmitten der Menschheit und sie stand ganz verlegen und glücklich. So glücklich.

»Und wenn's nur ein paar hundert Mark werden,« fuhr Herr Busch fort, »es wäre auch schon schön. Kathinka, es kommt in die Sparkaste und bleibt Deine. Ich habe ja immer gesagt, wer meine Frau für dumm kauft, der schmeißt sein Geld weg.«

Türme

Die Krausen zipperte mit den Eßwinkeln. Die Butschen, die sie verdunkeln wollte, strahlte in Glorie. Das verdroß sie schmählich.

In diesem Zustande war Eis-Schocolade für sie wie von der Vorsehung angerührt. Herr Butsch ließ sich nicht nehmen, die ganze Runde auf die Erfindung seiner Frau hin zu erledigen. Herr Brauns gab eine zweite dagegen.

»Ich finde es abscheulich, daß der junge Mann die Butschen so zum Besten hat,« raunte die Krausen mir zu. »So ihre Bornirtheit zu verspotten.«

»Erlauben Sie, es war sein voller Ernst.«

»Das glauben Sie selber nicht. Außerdem halte ich an die Oeffentlichkeit treten für unweiblich.«

»Man muß es nur können.«

»Aber wie wenige vermögen das? Und dann ist es auch nur Zufall, wenn mal etwas gelingt. Wirklich Denkende, wie mein Mann, halten es mit der Würde ihres Standes unvereinbar, ihre Geistesschätze auf dem Markt zu profaniren. Gelehrsamkeit ist eben keine Kuh, die Einen mit Milch und Butter versorgt.«

»Er kriegt wohl blos amerikanisches Schmalz,« entgegnete ich. Das mußte ich ihr einreiben, erstens wegen ihres Dünkels und zweitens, weil sie mich meinte. Und um ihren Hochmuth ein für alle mal zu dämpfen und neben der Butschen, die doch meine langhergebrachte Freundin ist, nicht wie die Krausen als Nachtschatten betrachtet zu werden, sondern ebenfalls als lebende Magnesiafackel, sagte ich: »Jetzt wird gerade gedruckt; wir sehen uns das Innere des Lokalanzeigers an, wo die Ausstellungsnachrichten entstehen. Da kommen die höchsten Herrschaften und Minister und Excellenzen und alles, was von Bedeutung ist, wie heute unsere liebe Butschen, die einen gewaltigen Schritt in das Erfinderische gethan hat.«

»Müssen wir,« pflichtete Herr Butsch bei. »Willst Du auch einen Cognac auf das kalte Zeug, Kathinka?«

»Nee, nee,« dankte sie. »Mir ist so heiß, ich weiß nicht wie.«

Die Setzmaschinen in der Druckerei und wie sie das Geschriebene in runde Metallplatten verwandeln, das ist direkt räthselhaft und die Pressen sind so gerieben ausgedacht, daß wir sie nur so lange verstanden, als Herr Brauns sie uns erklärte. Das Papier an sich ist doch ganz vernunftlos, aber in der Presse wird es lebendig und geht seine Wege, wie auf dem Exercierplatz kommandirt und kommt unten als Zeitung heraus. Immer klapp, klapp, klapp ist eine Nummer nicht nur lesbar, sondern auch gefaltet. Dies fesselt stets auf's neue, so oft man es auch anstaunt.

Und nun führte ich meinen Plan aus, gerade jetzt durch die Krausen gereizt.

»Meine Herrschaften,« sagte ich so verständlich in dem Maschinen-Geräusch wie möglich: »Sie verweilen wohl einen Augenblick, ich bin gleich wieder zurück.«

Sie nickten Einverständniß.

»Ich habe nämlich auf der Redaction zu thun.«

»So?«

Weiter nichts als gleichgiltiges So. Die Krausen that, als wollte sie in die Walzen hineinkriechen. Das war Neid. Sie wollte nicht hören. Sie ahnte etwas.

»Ich muß mir nämlich die Correcturen von meinem Bericht holen.«

»Dann eilen Sie sich man,« sagte die Butschen.

Konnte sie nicht loswundern und einen Strahl über mich als Presse reden? Ih Gott bewahre. Der Effect war vorbei gegangen und die Krausen beleidigend gleichgültig gethan. Aber ihre Blicke hohnlachten.

Ich verabsentirte mich. Der Redacteur war bereits sich erholen oder Beobachtungen machen gegangen, was man nie genau unterscheiden kann, aber ein Umschlag mit den Abzügen, an mich gerichtet, lag zum Absenden da, den ich an mich nahm. Ich behielt ihn in der Hand. Sehen mußten die Anderen ihn. Noch war die Bataille nicht verloren.

Auf die Frage, wo Abendbrot genießen, empfahl Herr Brauns die Brauerei von Berliner hinter der Maschinenhalle und wie manches so hintrifft, kamen wir an denselben Tisch, an dem Ottilie und ich Herrn Brauns erste Bekanntschaft machten. Es wurde angebaut und da gute Prepelung aufheitert, wurden wir bald recht fidel.

Herr Butsch war der Vergnügteste und hielt die Kellnerkräfte in Bewegung. »Kathinka, trink,« forderte er sie auf. »Trockene Freude ist halber Schmerz. Trink, Kathinka. Ich geb' noch einen aus. Kellnär!«

»Aber Butsch, bedenke, was Du schon losgeworden bist.«

»Wenn't nich Geld genug gekostet hat, gehn wir noch mal wieder her,« lachte er. »Was kann das schlechte Leben helfen, n't Vermögen ist doch bald alle. Kellner, zwei Cognac, aber ohne Fußbad.«

Ich hatte den Schreibebrief auf den Tisch gelegt, dicht vor Herrn Krause, aber er sah nicht hin. Er aß und trank und es schmeckte ihm. Es war ja auch eine stärkende Unterbrechung der Suppenfleischklopse, an denen er langsam vermickert. Aber es soll thatsächlich Naturen geben, die sich an Vergiftung gewöhnen.

Sie, die Krausen, brannte auf den Brief. Sie faßte ihn ganz unabsichtlich an, tändelte damit und warf ihn wieder hin. Aber sie konnte und konnte nicht davon bleiben.

»Was ist darin?« fragte sie endlich.

»Correcturen von meinem nächsten Bericht. Es hat so leicht Keiner eine Ahnung, wie mühsam die sind.«

»Das kann ich mir garnicht denken. Wenn Sie es fertig bringen, ist es doch unmöglich so schwer?«

»Versuchen Sie. Da ist ein Bleistift. Zeichnen Sie einmal einige Fehler an.«

»Ich werde doch nicht das Ganze durchstreichen,« sagte sie und meckerte. Das sollte ein Witz sein.

Rasch hatte sie den Umschlag aufgerissen. Da waren die Correcturstreifen. Sie las. Ihre Züge verklärten sich, als sie weiter schnüffelte. »Ah,« dachte ich, »sie wird bezwungen von Deiner Schreibung, Wilhelmine. Sie ist doch am Ende nicht so schlecht und aller höheren Empfindung bar, wie man leider manchmal angenommen hat.« — Gerade dieser Bericht war mit besonderer Hingabe abgefaßt, sozusagen mit Begeisterung und doch wieder mit dem sachlichen Pflichtgefühl des hohen Berufes der Presse.

»Darf ich vorlesen?« fragte die Krausen.

»Vorlesen!« lechzten die Anderen förmlich. »Vorlesen!«

»Wenn es Ihnen Vergnügen macht,« gestattete ich bescheiden und sah auf das Tischmuster. Vorgelesen werden sollen ist ähnlich wie in einer Schaukel, nicht schön und doch wieder sehr schön.

Die Krausen räusperte sich und las laut: »Der Glanzpunkt der gesammten Ausstellung, wie noch niemals da war und die Augen der Nationen auf sich lenken wird, befindet sich links im Hauptgebäude. Es ist dies ein aus diamantschwarzen Strümpfen auf weißem Grunde künstlerisch hergestellter Reichsadler, unter Garantie absolut farb- und waschecht mit verstärkten Spitzen und verstärkten Fersen, ein großer Theil der Qualitäten außerdem mit verstärkten Sohlen eine Musterleistung des Hauses Buchholz und Sohn.«

Die Krausen hielt inne. »Darf ich weiter lesen?« fragte sie. »Ist es Ihnen auch recht?«

»Gewiß!« erlaubte ich ihr, da alle mit gespannter Aufmerksamkeit lauschten. Sie lächelte mir teuflisch zu und las mit erhobener Stimme.

»Die Güte der Waare fechten wir keineswegs an, aber Glanzpunkt ist zu viel gesagt, in Anbetracht hervorragenderer Objecte, und über das Künstlerische des Adlers ließe sich diskutiren, mehr als wir Raum in unserem Blatte für Erwiderungen zur Verfügung haben. Wir ersuchen Sie, einen anderen Eingang zu schreiben. Ganz ergebenst die Redaction. — Das steht hier mit Tinte am Rande. Ihr Glanzpunkt aus Strümpfen ist dick blau ausgestrichen. Sehen Sie, meine Damen.«

Wie ich da saß, war mir wie weit weg im Nebel. Was ich sagte, war wie hohles Echo. Ich hatte es so gut mit meinem Karl gemeint, und seine Ausstellung ist auch der Glanzpunkt. Und der Adler ist von einem früheren jungen Akademiker entworfen, also künstlerisch. Kann man sich denn nicht mehr auf die Akademie verlassen?

»Die größten Schriftsteller haben ihre ersten Entwürfe oft genug umgearbeitet,« sagte Herr Brauns, »und in unserem Fach ist der erste Plan meist nur ein Anhalt. Wir alle müssen corrigiren.«

»Pah!« sagte die Krausen, »ich möchte um nichts in der Welt ein Genius sein. In meine Sachen redet mir kein Zweiter hinein, das ist mein Ehrgeiz.«

»Der Anfang war auch nicht gut,« sagte ich, mich aufraffend. »Mir fehlte es an Zeit und Ruhe. Der, den ich jetzt schreibe, wird besser. Und das wissen Sie alle: über künstlerisch und unkünstlerisch gehen augenblicklich die Ansichten quer auseinander. Der Adler ist mehr nach der alten Schule, und der Redacteur gehört wahrscheinlich zu den Modernen. Wer von den Beiden den Vorsitz hat, kugelt den anderen hinaus. Somit werden meine Ansichten durchaus nicht berührt.«

Herr Brauns gab dem Gespräch eine andere Wendung, mehr nach launigen kleinen Geschichten hin, bis Herr Butsch durch das viele Freudenbier zu aufgeräumt wurde.

Als wir aufbrachen, versicherte die Krausen, sie hätte lange keinen gemüthlicheren Abend verlebt, als den heutigen; wann wir uns wieder treffen wollten?

»Nächstens«, entgegnete ich, »aber lassen Sie's mich vorher wissen.«

An dem schadenfrohen Lächeln ihrer Larve sah ich, daß sie erkannte, wie ich es meinte, nämlich nicht in die la main. Nun war sie zufrieden, nun sie wußte, daß ich durch ihre Spinnenumgarnung hineingelegt worden war, und machte sich an die Ungermann, mit der sie ein Herz und eine Seele wurde. Da hat sie ihr, mir zum Schabernack, auch noch die Nähmamsell nachgewiesen. Meine Zuversicht ist: der liebe Gott sieht durch die Finger, aber nicht ewig.

Zu Hause angelangt, fragte ich Ottilie, warum sie so gänsehaft dagesessen und nicht ihre wissenschaftliche Unterhaltungsgabe in die Bresche geworfen hätte, der Krausen den Giftschnabel zu stopfen?

»Ach,« seufzte sie, »Herr Brauns ist zum Verzweifeln schön.«

»Der geht Dich nichts an, Du hast Dich ja schon für Kriehberg entschieden. Troll Dich, Du bist müde. Dir fallen ja schon die Sehluken zu. Ich habe noch stundenlang zu arbeiten.«

Sie verduftete seufzend und ich setzte mich vor das Papier, aber es wollte mir nicht gelingen, den vorherigen Schwung zu erreichen. Ins Wasser gefallen ist der stolzeste Adler, ebenso klatrig, wie ein nasser Spatz. Ich marterte mein Gehirn umsonst. Und dazu die letzten Erlebnisse. Es kribbelte nur so in mir.

Mein Mann kam. »Wilhelmine, willst Du Dich ganz aufreiben? Es ist nachtschlafene Zeit. Sei vernünftig, Kind, und leg' Dich.«

»Bette mich in Daunen vom Zephyr, was die Krausen mir angethan hat, hält mich wach wie Distel und Dorn, selbst im Grabe. Die Person ist noch mein Tod.«

»Mir ist sie auch eine gräuliche Prise, aber laß sie laufen. Denke vornehmer als sie, Wilhelmine.« — »Das thu' ich lange.« — »Beweis es mit der That und ärgere Dich nicht.« — »Ueber so Eine nicht im Geringsten.« — »Das ist recht. Ein edles Gemüth vergiebt.«

»Gut, ich will vergeben, aber Du, Karl, Du vergiß es nicht. Man kann nie wissen, wie es kommt.«