»Karl,« sagte ich, »wenn Du überall in Deine Reden, das heißt mit Auswahl, ein freundliches a hineinsetzt, gelingt das Bayerische bildschön und anheimelnd. Lieber Bube heißt zum Exempel liabr Bua. Danach mußt Du Dich richten und statt grüßen sagst Du grüaß'n und Landsbergastraß'n und Mauastraß'n und Zimmastraß'n, hingegen wiederum Jagastraß'n, die geht unregelmäßig. Und dann sagst Du zwischendurch >schau< und >guat< und was niedlich ist, kriegt ein rl hintendran, wie >Klimbimberl<, wenn man a Ulkerl macht, wodurch Härten gemildert werden, wie Potsdamerl oder Stieferl und nicht gleich duellirt werden braucht.«
»Schon juat, Schatzerl,« unterbrach er mich.
»Schau, Karl, eben hast Du ein Fehlerl g'macht. Das g wird nicht Rosenthalerthorisch betont, sondern härtlich, wie im Schillertheater. Janserl wäre z. B. total verkehrt. Ganserl mußt Du sagen und immer gemüthlich, sehr gemüthlich, so mit dem Brustton der Gemüthlichkeit.«
»Ich werde mir Mühe mit dem Hofbräuhausdialekt geben, aba wundra die net, wann i öfta mit an Rauscherl ham komma.«
»Punktum!«
»Woso?«
»Auf Dein Komma gehört ein Punktum. Schau, ham komma thu, hätte es heißen müssen.«
»I dank schön für Kalaua«, rief er. »Alte, Du hast a Klapserl.« —
»Das war der richtige Akzang. Karl, besorge die Karten zum Alpenfest rechtzeitig, sie werden zu rasch alle. Mit Deinen unteren Tanzbein-Muskeln nimmst Du jeden wattirten Wettbewerb auf, kommt die sprachliche Echtheit dazu, erregst Du Bewunderung.«
»Und als was willst Du gehen? Weißt Du, wir sehen uns die Bayerischen Madln in der Ausstellung an und was Dir am besten gefällt, das läßt Du Dir schneidern. Komm, Alte, wir machen eine Bergfahrt ins Alpenpanorama, die ist gut gegen Deine Grillen. Und die Gedanken an das Fest im Winter zerstreuen Dich.«
Ich überlegte. Von dem vor meinen geistigen Augen sich ausbreitenden Blutfelde in die gemalten Berge zu entweichen schien mir befreiend und aufheiternd. »Mir recht,« willigte ich ein. —
Das Alpenpanorama hatte ich mir aufgehoben, da aus Erfahrung Panoramen länger bestehen als Theater, selbst mit eigens bestellten Dichtungen der Vergangenheit in Versen und Patriotismus, aus Gipsbüsten, Rothfeuer- und Jubelmarschfanfaren der nicht auf das Herz sondern auf die Groschen zielt. Da dürfen sich die Unternehmer nicht wundern, wenn keine das Haar abschneidet oder den Trauring versetzt, ihre Vaterlandsliebe an solchen Kunstaltären zu bethätigen und der Pleitegeier sich auf dem Dache des Musentempels einnistet.
Sehr seltsam ist die Bergfahrt. Anstatt in die Weite hinaus, fährt man ins Enge, ordentlich auf Aussichtswagen. Erst quert man in einen Tunnel hinein und wenn man aus ihm herausquert, sieht man in Thäler hinab, auf Ortschaften, Fluren, Flüsse, Wälder und ferne Gebirge, als wäre man wirklich im Zillerthal, daß man nicht weiß, ob es Natur oder Kunst ist, woran die Bergbahn vorüberfährt. Und der Führer im Wagen erklärt Alles und die Reisenden sind entzückt und rufen Oh und Ah und Herrlich und Großartig und, wer persönlich in den Gegenden gewesen ist, erzählt, es wäre wirklich so, wie es aussähe und zeigt die Gipfel, die er erklommen und wo er gejodelt hat und wo er zu Nacht gegessen und was und wie gut und wie billig er es gehabt hat, ganz wie richtig unterwegs im Kupeh, wodurch die Täuschung ins Fabelhafte gesteigert wird.
Für die Schönheit, die Meister Rummelspacher gemalt hat, ist die Fahrt schier zu kurz, man möchte mehr und mehr haben. Aber schon ist der elektrische Aufzug erreicht. Hinein in die Kabuse. Der Führer lockert die Stange und die Maschinerie zieht an. Mit unheimlicher Geschwindigkeit geht es hoch. Am Fenster sieht man Felsen und Klüfte und wie man an ihnen vorbeirast.
»Karl,« sagte ich, »wenn der Strick reißt, schmettern wir in den Abgrund. Mir scheint die Sache brenzlich.«
»Keinen Zoll bewegen wir uns,« lachte er. »Die gemalten Berge am Fenster rollen herab, wir dagegen halten. Der ganze elektrische Aufzug ist eine optische Täuschung.«
»So'n Schwindel!« rief ich empört.
»Nicht doch. Panoramen sind auf schönen Schein berechnet. Danken wir den Künstlern für ihre Geschicklichkeit, uns mit ihrer Kunst ins Hochgebirge zu versetzen, als wären wir da. Wie viele, die nie nach Tirol hinkommen, schauen es hier und behalten seine Herrlichkeit im Gedächtniß! So, und nun sind wir oben.«
Der Führer öffnete die Thür an der anderen Seite, wir querten hinaus, — queren ist jetzt sehr beliebt in Reisebeschreibungen — querten durch einen Felsengang und standen nun auf der Aussichtswarte des Ochsners.
Vor uns das Thal und der Schwarzensteingletscher, die Firne und Höhen, hoch wie die Wolken. Wie groß, wie erhaben! Dazu rauschende Wasserfälle und Tannen und Gestrüpp; ein Rundblick über Nahes in die Ferne, in die Alpenwelt, daß man alle Sorgen vergißt.
Während wir in dem Hinblick der Alpen schwelgten, erzählte ein Mann, daß ein Verein im Werden begriffen sei, der sich als Rettungsgesellschaft in den Bergen niederlassen wolle, den Abgestürzten erste Hilfe zu bringen. In den Schutzhütten sollen Tragbahren, Verbandkästen, Arm- und Beinschienen, Universalpflaster, Doctorschriften und alles was nöthig ist, Verunglückte einigermaßen wieder einzurenken, gelagert werden, daß die Kletterer mit größerer Beruhigung auf die unzugänglichsten Gipfel fexen können. Wenn sie fallen, fallen sie der Medicin in die Hände.
Mir grauste, als ich dies hörte. Warum muß der Mensch sich unnöthig in Lebensgefahr begeben? Wegen der Ruhmredigkeit, auf einem Zacken der Erdoberfläche gesessen zu haben, auf dem ein anderer nie zuvor gehockt hat? Mit Halsbrechgefahr über eine Eisspalte zu turnen, über die überhaupt kein Weg geht, blos um zu sagen, ich that es? Ist denn das eine Ehre, mit dem Tode zu spielen um ein Nichts?
»Wie beim Duell — um ein Nichts,« schoß es mir durch. So schön die Welt, wie thöricht, eines Wahnes willen, auf ewig die Augen zu schließen und nichts mehr zu schauen, nichts. Keine Sonne, kein Alpenglühen, keinen Baum, keinen Strauch, nie mehr das Rauschen der Wasserfälle hören, keinen Vogelsang, keinen Glockenklang. Nur noch in den Zeitungen gemeldet und nicht einmal bedauert, sondern der Vergessenheit mit der Grabrede übergeben: »Er hat selber schuld.« — Nicht schön das.
Wir verließen die gemalten Alpen. Man wird feierlich und ernst gestimmt. Mir war ernster als ernst zu Muthe.
Beim Ausgange erwartete uns jemand, froh und freudestrahlend und begrüßte uns herzlich in lieber Freundschaft. Es war Rudolf Brauns. Er stand im hellen Sonnenlichte, ein Bild des Lebens und der Jugend, mit rothen Lippen und gesunden Wangen und glänzenden Augen.
»Ich sah Sie abfahren, leider war der Zug besetzt,« sagte er, »aber hier mußte ich Sie treffen. Ich wollte Ihnen nur mittheilen, ein wie großes Vergnügen es mir macht, Ihnen gefällig sein zu können. Ihr Schützling wird angenommen, wenn seine Ansprüche nicht allzuweit gehen.«
»Mein Schützling?« fragte ich. »Wen meinen Sie damit?«
»Nun den Architekten, den Sie mir so warm empfohlen haben.«
»Ich Ihnen einen Architekten? Ihnen? Nicht daß ich wüßte.«
»Nun ja doch. Auf meine Anzeige sandten Sie mir eine Rolle Zeichnungen mit einem Begleitschreiben...«
»Sie sind doch nicht Ypsilon 44?«
»Ypsilon 44. Ich suche einen Zeichner für unsere Fabrik...«
»Allmächtige Güte!« rief ich. »Nun geht der Ballon den verkehrten Weg. Nein, nein.«
»Aber mit Vergnügen. Heut Abend stellt er sich mir vor.«
»Weiß er, daß Sie es sind?«
»Nein.«
Mir ward graublau vor den Augen. Ich sah Herrn Brauns als erschossene Leiche liegen und Kriehberg mit blutigem Revolver daneben. Was war zu thun. So verbiestert wie jetzt, hatte ich mich noch nie.
»Heute nicht,« stotterte ich. »Heute empfangen Sie ihn nicht. Denn... denn... heute bleiben Sie bei uns... zum Abendbrot. Nicht wahr... Morgen ist es auch noch Zeit?«
»Ich bin für Pünktlichkeit... was ich einmal versprochen habe, halte ich.«
»Sie kommen mit.« Dann wandte ich mich an meinen Mann: »Karl, wollte Ottilie nicht übermorgen abreisen?«
»Mir hat sie nichts gesagt.«
»Nicht wahr, Herr Brauns, Sie geben uns keinen Korb. Ich glaube, Ihre Tante würde sich sehr freuen?«
»Wenn man einer Tante eine Freude machen kann, darf man nicht nein sagen,« lachte er.
Mein Karl sah mich an, als gefiele ihm mein geistiger Zustand nicht. Ich mußte schweigen. Nur Zeit wollte ich gewinnen. Brauns und sein Todfeind dürfen sich nicht begegnen. Wo aber ist ein Ausweg?
Wenn dem Chinesen heiß ist, wedelt er sich Kühlung mit dem Fächer zu, spürt der Deutsche Hitze, trinkt er kaltes Bier, und wegen solcher-Unterschiede findet der Eine den Anderen uncultivirt. Wir sehen auf die Chinesen herab, weil sie einen Zopf tragen, und die Chinesen dünken sich hoch über uns, weil wir keinen hängen haben. Wo liegt nun die Wahrheit? Der Eine ist, wie mit dem Fächer äußerlich, der Andere, wie mit dem Bier auf Eis, innerlich: das Endziel, die Abkühlung ist, das nämliche.
Dies sind nicht meine, sondern Onkel Fritzens Gedanken über Asien und Europa. Er hält es nämlich mit dem Zopf, natürlich blos, um mir zu widersprechen. Wir haben schon in der Schule über die Chinesen gelacht, wenn der Herr Lehrer uns eintrichterte, wie verdreht sie Alles machen und Pudelbraten mit Ricinusöl essen und nicht 'mal das Alphabet können, sondern für jedes Wort ein Zeichen hinpinseln. Und keinen Achtstundentag kennen sie und keinen Achtuhrladenschluß und keine Sonntagsruhe. Wie schaudervoll: in dem großen himmlischen Reiche kann jeder arbeiten, wann und wo es ihm paßt, und seine Steuern erwerben und kein heimlicher Schnüffler petzt und kein Streber zeigt ihn an und kein Richter verknackt ihn. Welch' gräßlicher Anblick, solche Verlodderung der Volkswohlfahrt nebst Müßigschlendern der Straf-Organe.
Und vor ihren Mandarinen rutschen sie Bauch. Das ist erstens kriecherisch und zweitens ruinirt es das Zeug.
»Ich bin sehr froh, nicht in China zu leben,« sagte ich.
»Ich dito« stimmte Onkel Fritz mir ausnahmsweise zu. »Denke Dir, Wilhelmine, wenn sie Dir kleine Klumpfüßchen anerzogen hätten, daß Du nur eben watscheln könntest.«
»Gehört hab' ich davon, aber warum sie das thun, ist mir nie kund geworden.«
»Damit die Frau ihrem Gatten nicht wegläuft.«
»Wie grausam!«
»Nicht wahr? Der arme Mann wird sie nie los.«
»Viel schlimmer ist, wenn man einen Mann nicht los werden kann. Fritz, ich bin sehr, sehr unglücklich!«
»Was giebt's? Bist Du Deines Mannes überdrüssig? Hast Du zuviel neue Richtung gelesen und willst mitmachen?«
»Scherz bei Seite, Fritz, ich weiß nicht aus noch ein!« Und nun erzählte ich ihm meine Noth mit Kriehberg und Ottilie und Herrn Brauns.
»Was geht denn das Dich an?« fragte Onkel Fritz. »Laß doch die jungen Leute ihre Angelegenheiten unter sich schlichten.«
»Ich kann kein Blut sehen.«
»Klumpatsch! Du hast natürlich nicht bedacht, daß Menschen keine Dominosteine sind, die Du schieben kannst, wie sie nicht wollen. Was sagt denn Dein Mann dazu?«
»Das Schlimmste weiß er nicht?«
»Dann muß die Sache sehr mulmig sein.«
»Ist sie auch, Menschenglück und Menschenleben hängen davon ab, wie sie endigt.«
»Zunächst deshalb weg mit der Ottilie. Aus den Augen, aus dem Sinn.«
»Sie stirbt daheim an Gram und Kummer, wie Tante Lina. Du sollst sehen, nun, da sie nichts mehr zu hoffen hat, schwindet sie bald dahin.«
»Wer? Ottilie?«
»Nein, Tante Lina. Hoffnung ist der Zehrpfennig der Seele. Ist der verloren, schließen sich alle Thüren, bis auf die Pforte des Todes, die öffnet sich umsonst.«
»Wilhelmine, werde nicht sentimental. Tanten sind zähe und Verlobungen gehen täglich zurück.«
»Blos Kriehberg nicht. Er hat Briefe von Ottilie. Er thut Einspruch.«
»Dann laß sie ihn heirathen.«
»Sie liebt aber den anderen.«
»Und Du meinst, Tante Lina, die alte Schraube, hat die Beiden zusammengekobert?«
»Wenigstens stark nachgeholfen.«
»Dann wäre es ihre Pflicht wieder auszufädeln, was sie eingefädelt hat. Schatz, ich hab's! Setze Dich auf die Eisenbahn, oder womit Du sonst hinruckelst, fahre zu Tante Lina, polk ihr die Sachlage klar, damit sie so lange brieflich auf Kriehberg einwirkt, bis er Vernunft annimmt. Sie weiß ja am besten, wodurch und wie sie gekuppelt hat.«
»Geschehen muß etwas. Uebermorgen reise ich. Doch eins, Fritz, sprich mit Niemand ein Sterbenswort. Was aber wird mit meinem Hotel, wenn ich abwesend bin?«
»Das läuft nicht weg. Und verbohrter, wie es zugeht mit Dir, geht es ohne Dich schwerlich.« — »Fritz!«
»So heiße ich! Ohne Umstände mache Schluß, so bald wie möglich. Du siehst schon ganz spack aus.«
»Meine Talje wird mir zu weit.«
»Sparst Du vier Wochen Krodobrunnen in Harzburg mit Bergklettern. Ich an Deiner Stelle karriolte morgen ab.«
»Kann ich nicht. Es ist das große Fest zu Ehren Li-hung-Schangs, des chinesischen Vice-Königs. Das muß ich beschreiben. Es wird einzig. Alles mit Theekisten-Inschriften, und auf dem Neuen See eine mit rothem und gelbem Kattun überzogene Barke und eine Pagode mit echten Porzellanvasen von Rex und die Lämpchen blau und gelb in der chinesischen Wappenkulör.«
»Wenn das den braven Schang nicht zu Thränen rührt, ist er das Entree nicht werth. Es wird doch auf eine Mark erhöht?«
»Versteht sich. Die Kosten müssen gedeckt werden.«
»Glaubst Du, weil Schang von uns mit Schokolade begossen wird, daß China deutsche Industrie und deutsche Leute begünstigt? Ich nicht. Ich kenne die Onkels durch mein Exportgeschäft. Es sind Gemüthsathleten sag ich Dir. Erst kommen sie und dann die andern — noch lange nicht.«
»Oho! Man erwartet, daß er ein Dutzend Panzerschiffe bestellt...«
»Das dreizehnte oben aufs Packet gebunden.«
»Und Rieseneinkäufe macht. Außerdem soll er ein hervorragender Politiker sein.«
»Weißt Du, was Politik ist? Anders sagen als thun. Besser wäre, die Deutschen schlössen feste Freundschaft unter sich, als daß sie in der Fremde falsche Freunde suchten. Wilhelm, das Nachlaufen, das verfluchte Nachlaufen, das ist unser Elend. Wir beleuchten in allen möglichen Landesfarben, aber kein Land illuminirt in den deutschen Farben.«
»Warum nicht, da wir doch andere Völker mit Oellampen ehren?«
»Weil es kein schwarzes Licht giebt, und Weiß und Roth nicht langt. Sonst thäten sie es aus lauter Hochachtung. Wenn sie könnten, fräßen sie uns auf — vor Liebe. Sie haben oft genug versucht, Deutschland zu zerreißen und zu verschlingen, aber ehe sie es todtschlugen, ward es lebendig und umgekehrt ein Schuh daraus.«
»War es denn halbtodt?«
»Es träumt zuviel und beim Träumen hält es die Augen nicht offen. Augenblicklich träumt es chinesisch.« —
Am Feste regnete es, daß die gelben und blauen Lampen sich in Vogelnäpfe verwandelten und Schang sich mit der Ankündigung der Illumination in den Zeitungen begnügen mußte, die laut posaunten, daß er für fünfzigtausend Brillanten auf der Ausstellung gekauft hätte.
Alle hinausgeströmte Welt ergoß sich in die Gold- und Silberabtheilung, wo es während des Regens trocken war, und betrachtete mit erhobenem Nationalgefühl die köstlichen Leistungen der Berliner Goldschmiede und Juweliere und den Platz, wo solcher Einkauf stattgefunden hatte, wenn auch nirgend wo daran stand »für China erworben.« Einige sagten, es wären fünfmalhunderttausend Mark gewesen, was nur scherzend bezweifelt wurde, da der Chinese furchtbar reich ist. Wenn er will, kann er jede Minute ein Zwanzig-Markstück hinunterschlucken, ohne daß er was merkt. So erzählte man und beglückwünschte die Juweliere zu dem »großartigen« Geschäft und pries den Arbeits-Ausschuß als Häupter vom Ganzen und die Ausstellung und Berlin und das Deutsche Reich, daß Handel und Wandel so aufblühten und der Goldregen von Osten noch dichter pladdern würde, als der Strippenregen vom Himmel. Wer nicht drinnen war, quurkste draußen in den Regenwegen und mancher guter Anzug kriegte seinen Rest, um dem Stern des himmlischen Reiches zu huldigen, der die Geburt goldener Zeiten verkündete; liegt doch im Verdienen heute das Heil der Menschheit. Es war ein großer Tag, nur bekam Niemand Schang recht zu sehen. Es triefte zu sehr. —
Einige Abende darauf wurde die Beleuchtung wiederholt, wenn auch mit ohne Schang. Es soll sehr schön gewesen sein, allerdings mit herabgesetzter Freudenempfindung, denn im ganzen hatte Schang für nuttige dreitausend Mark Brillanten eingehandelt und war nach England und Frankreich gereist, Kanonen und Panzer anzusehen und ähnliche Einkäufe zu machen. Konkurrenz schrinkt. Doch steht zu erwarten, daß er sie ebenso einseift. Und das lindert den Schmerz wieder.
Fast möchte ich glauben, unser Schulmeister hat die Chinesen nicht so gekannt, wie sie uns kennen, und daß Onkel Fritz Bescheid weiß. Man irrt sich in nichts leichter als in ausländischen Völkern.
Seinen Rath, Tante Lina zu besuchen, nahm ich an. Ich mußte.
Denn dieser Kriehberg — man sollte es nicht für denkbar halten — wurde herausfordernder als je. Er hätte Aussicht auf feste und dauernde Stellung, schrieb er mir, und kein Grund läge vor, ihm Ottilie länger zu verweigern.
Herr Brauns brachte jenen Abend bei uns zu, an dem Kriehberg fällig war und vor verschlossenen Thüren antrat. Eine sofortige Pustkarte, daß N 44 verreist sei und ihm nach seiner Rückkehr Bescheid geben würde, sandte ich schleunigst im Geheimen an Kriehberg ab. Und darauf hin pocht er auf Aussichten. Unglaublich.
Ottilie war mit der Ungermann und Kliebisch's in ein Theater gegangen, so daß Herr Brauns, mein Karl und ich allein beim Abendbrod saßen. Ihm fehlte Ottilie; mir nicht.
Wir unterhielten uns über viele, verschiedene Dinge; das Gespräch kam nicht in Fluß. Wie wäre es auch möglich, auf die Dauer Theilnahme für Gleichgiltiges zu heucheln, wenn sich die Gedanken mit Lebensfragen beschäftigen? Und zuletzt hielt er es nicht mehr aus, er konnte sich nicht länger bezwingen.
Und wie er erst zögernd begann und erröthete und sagte, wie er auf uns zählte, namentlich auf meine Aufrichtigkeit — er wußte ja nichts von meiner so eben abgelassenen Rohrpostlüge — und dann immer lebhafter wurde, je mehr er den Eindruck schilderte, den Ottilie auf ihn gemacht hatte, gleich beim ersten Anblick und nachher wieder, so oft er sie gesehen, das klang so gewinnend und innig, daß ich ihm freundlich zunickte. Und da sagte er, sie müßte die Seine werden, so liebe er sie.
Nun war es heraus, und ich sollte Ja und Amen dazu sagen.
»Sie kennen sich gegenseitig noch viel zu wenig,« wandte ich ein. »Sie müssen erst vertrauter werden.«
»Dazu bietet uns das ganze lange Leben Gelegenheit.«
»Und Sie wissen so viel, da kommt Ottilie nicht gegen.«
»Ich will Liebe, nicht Gelehrsamkeit.«
»Sie ist arm.«
»Ich habe mehr als genug. Unsere Fabrik wächst von Jahr zu Jahr, unser Betrieb dehnt sich aus. Was mein Vater begründete, führen wir gemeinschaftlich weiter, ich bin nicht nur sein einziger Sohn, sondern sein geschäftlicher Mitarbeiter. Meine Eltern wollen mein Glück und mein Glück ist Ottilie; meine Lebensfreude, sie mit Allem zu umgeben, was ihr Wünschen begehrt.«
»Wenn die Eltern mit der Wahl einverstanden sind,« sagte mein Karl, »sehe ich nicht ein...«
»Karl!« rief ich, »nicht zu hastig. Hast Du Verständniß von einem Mädchenherzen? Ottilie muß doch erst gefragt werden!«
»Das ist Herrn Braun's Sache. Wenn die jungen Leute einig sind, sehe ich nicht ein...«
»Karl, versetze Du Dich in Ottiliens Lage, ebenso schüchtern und gewissermaßen vom Lande, und Herr Brauns kommt mit der Thür in's Haus gefallen und will Dich heirathen, natürlich schreist Du und läufst weg oder Du giebst in Verwirrung Dein Wort und sitzest hernach da und weinst aus Voreiligkeit, und sie schleifen Dich in die Kirche und ein Jahr darauf liegst Du mit gebrochenem Herzen in weiß Atlas im Sarg.«
»Gott soll mich schützen,« lachte mein Karl und sah mich verwundert an, und fragte mit seinen Blicken: »Alte, was hast Du?«
Herr Brauns lachte nicht. Der war blaß geworden und schwieg ernst, furchtbar ernst. Ihm mochte wohl aufdämmern, daß etwas nicht in Ordnung sei und sein Glück wie Edelweiß an einem Abgrund blühte, und ich sollte der Führer sein und weigerte mich aus Sachgründen.
Er brach auch bald auf. — Wie that er mir leid.
Er reichte uns die Hand beim Abschied, sie zitterte leicht. So mächtig war der Aufruhr in ihm, daß er seiner kaum Herr ward, er, der Eisen und Stahl brach, wenn er wollte.
Ich begleitete ihn hinaus. Meinen Karl winkte ich mit dem Ellbogen und der rechten Fußsohle, zurückzubleiben.
»Gewähren Sie mir drei Tage,« sagte ich. »Ich muß verreisen; wenn ich wiederkomme, dann... dann sind wir... älter.« — »Aber Ottilie geht?«
»Vorläufig nicht; ich sagte nur so.«
Ein Freudenschimmer überflog seine Züge.
»Versprechen Sie mir, keine Thorheit zu begehen?«
»Thorheit?« lächelte er, »Thorheit? Nein.«
»So ist's recht. Sehen Sie, Herr Brauns, wenn ein junges Mädchen heiß und verzehrend liebt, dann fürchtet es sich vor der Entscheidung. Es ist, als sollte sie in Gluth und Feuer springen und schließt die Augen und beträgt sich wie blind.«
»Verstehe ich Sie recht?« — »Adieu, Herr Brauns.« —
Mein Karl wollte Auskunft haben; ich bat ihn, mir die Angelegenheit zu überlassen. Heirathen sei Frauenaufgabe. — Darin ergab er sich.
Ungermanns und Ottilie kamen spät nach Hause.
Mein Karl fragte: »Ottilie, würden Sie Herrn Brauns Ihre Hand geben, wenn er sie verlangte?«
Sie sah ihn starr an, dann mich — Ungermanns hatten sich gottlob zurückgezogen — als hätte sie nicht recht gehört.
»Er will Sie zur Frau.«
»Karl!« rief ich.
Es war zu spät. Ottilie lag ohnmächtig auf dem Teppich. Die Wahrheit war ihr zu viel gewesen.
»Karl, wie konntest Du?«
»Einmal muß Euren Heimlichkeiten ein Ende gemacht werden. Ich will nicht, daß Du mir draufgehst.«
»Wie egoistisch, Karl.«
Ottilie kam wieder zu sich. Ich half ihr, sich zur Ruhe zu legen und wärterte an ihrem Bette, bis sie schlief. —
In der Nacht hörte ich sie weinen.
»Ottilie,« sprach ich, »es kann ja noch Alles gut werden.«
»Ich wollte, ich wäre todt,« schluchzte sie.
Da beschloß ich mit Onkel Fritz zu sprechen, wie es geschah. Und seinen Rath, Tante Lina vor das Messer zu nehmen, befolge ich.
Wenn Jemand Schuld an dem Jammer hat, ist es Tante Lina. Nichts ist verderblicher, als das Heirathstiften, zumal von älteren Jungfern, die nur in der Theorie Bescheid wissen.
Geschäftsreisen sind keine Vergnügungs-Ausflüge. Freilich kann eine Geschäftsreise sich zur Quelle reinster Freuden gestalten, wenn der Absatz fluscht, neue Kunden anbeißen und die alten die Waare auftraggebender Weise loben. Anerkennung in Worten klingt sehr schön und befriedigt Dichter und Künstler, zumal in gedrucktem Zustande, aber mit Aufblähung ist dem einfach civilen Bürger nicht gedient; der hat Wechsel einzulösen, Fabrikanten zu zahlen, Rohstoffe anzuschaffen und Arbeiter zu lohnen, der muß umsetzen; denn was auch aufkommen mag, Geld bleibt egal Mode. In keiner Konfession sind die Menschen orthodoxer, als in der Anbetung des Geldes.
Unser Felix Schmidt konnte auf das Ergebniß seiner letzten Tour stolz sein, als er zurückkehrte. Er war vergnügt und mein Karl war so vergnügt, daß er mich mit in das Geschäftliche hineinzog, was er nur selten thut, wie ich ihm ja auch nicht mit jeder zerbrochenen Schüssel ins Gesicht springe und nur dann und wann erfreue, wenn ich wirklich Billiges, lächerlich unter dem Einkaufspreis erworben habe. Gewöhnlich berechnet er nach, daß er trotzdem viel zu hoch kam. Neulich kaufte ich auch etwas. Es sah aus wie eine Kneifzange und war patentirt und von zwei Mark auf fünfzig Pfennige herabgesetzt, blos es ließ sich nirgend wozu gebrauchen. Mein Karl drohte, das nächste Mal käme ich unter Kuratel. Ich entgegnete: »Wer eine Mark fünfzig sparen kann und es nicht thut, versündigt sich; übrigens die Frau soll noch geboren werden, die einem Ausverkauf widersteht. Also was brummst Du?«
Jetzt hatte ich Verwendung für den Gegenstand, indem ich ihn nebst anderen Niedlichkeiten als Aufmerksamkeit für Tante Lina mitnahm. Kann sie auch nichts damit anfangen, so freut sie sich doch über den guten Willen, der bei Geschenken das Werthvollste ist. Und den hatte ich.
Ob ich auf einer Geschäftsreise war, als ich in der Eisenbahn saß und nach Tante Lina fuhr, das vermochte ich nicht bestimmt zu beantworten, eine Vergnügungspartie war es jedoch nicht. Würde ich meinen Zweck erreichen? Vielleicht. Blieben meine Bemühungen fruchtlos, waren Fahrkarte, Zeit und Spesen der Katze geweiht. Aus der Füllung des Abtheils machte ich mir nichts, die Stadtbahn-Straffahrten nach Treptow hatten mich abgehärtet, und schon längst hatte ich den Unterschied zwischen Häringen und Berlinern herausgefunden. Die Häringe werden nämlich mit Salz gepökelt und die Berliner mit amtlichen Zumuthungen. Die Verpackung ist dieselbe.
Bei der herrschenden Sommerwärme zog ich die dritte Klasse der gepolsterten zweiten vor, und das hatten sämmtliche Mitleidensgenossen aus demselben Grunde gethan, wie sie sagten, als das allgemeine Gespräch mit Bahnbeschwerden eröffnet wurde. So mächtig wird stets über die Leitung des Ganzen geurtheilt, daß sie aus dem Ohrenklingen gar nicht herauskommen, und deshalb natürlich keinen vernünftigen Verbesserungs-Gedanken fassen kann. Hinterrückisches Zähneknirschen hat gar keinen Einfluß, ebenso wenig wie das Anblaffen der unschuldigen Schaffner etwas an den Bahngesetzen ändert. Man gebe der Verwaltung mehr Ferien unter der Bedingung, sie abzureisen. Das würde ihr gut thun.
So und ähnlich äußerten die Herrschaften sich, und nachdem die Eisenbahn ihre Wischer weghatte, kam Berlin daran.
Ich gab mich nicht zu erkennen, um die freien Aeußerungen nicht zu hemmen.
Es bildeten sich bald zwei Parteien. Die eine ließ an Berlin kein gutes Haar, die andere war der Anerkennung voll, wenn man jedoch genau hinhörte, gingen die meisten Klagen aus dem Geldbeutel hervor. Die, die Alles hatten sehen und genießen wollen, ohne daß es etwas kosten sollte, waren böse, die Anderen, die sich gesagt hatten, daß, wer Vieles in kurzer Zeit abmachen will, an einem Tage mehr ausgiebt, als zu Hause in einer bis verschiedenen Wochen, waren zufrieden. Kann Berlin etwas dafür, daß die Straßen so lang sind?
Die Droschken waren ihnen zu theuer.
Warum sie nicht Pferdebahn gefahren wären oder Omnibus?
Wer wußte denn, wo man damit hinkäme?
Man brauchte nur zu fragen.
Um sich Grobheiten auszusetzen?
Wo das der Fall gewesen wäre? Der Berliner gäbe gern und willig Auskunft.
Damit liefe man den Bauernfängern in die Arme.
»Jawohl,« rief ich dazwischen, »wenn man nämlich ein Bauer ist.«
»Sie sind wohl aus Berlin und wissen Alles besser?« entgegnete der Mann. »Wie ist es einem Herrn gegangen, den ich zufällig kennen gelernt hatte? Er machte nämlich die Bekanntschaft von einem Grafen und der Graf führt ihn in höhere Zirkel ein und es ist auch sehr nett da, blos daß die Gesellschaften immer so spät in der Nacht stattfanden. Doch dies fiel ihm nicht weiter auf, indem er sich amüsirte mit ungarischen Gräfinnen und Comtessinnen aus Polen, in die er ganz weg war; hochfein. Und da er sich nicht knauserig zeigen durfte, wenn mal gespielt wurde, haben sie ihm nicht blos sein Geld abgenommen, sondern auch die Uhr; und wie er sie am nächsten Abend einlösen will, hat die Polizei die ganze noble Gesellschaft ausgehoben.«
»Hat er seine Uhr wieder?« fragte Jemand.
»Nicht doch. Wenn er sich meldet, muß er als Zeuge aussagen und das paßt ihm nicht wegen seiner Stellung. Wenn sein Name in der Zeitung steht und wie die Frauenzimmer ihn hineingelegt haben und daß der Graf ein entlassener Heilgehilfe mit Vorstrafen war: die Blamage ist zu enorm.«
»Was man nicht Alles mit guten Freunden erlebt,« bemerkte ich. Die übrigen lachten und tuschelten und einer rief: »Der gute Freund sind Sie doch nicht am Ende selber?«
»Würd' ich die Geschichte dann erzählt haben?«
»Na, na!« zweifelte ein Herr. »Es mag nett zugehen, wo Sie her sind!«
»Ich bin es weiß Gott nicht,« suchte er sich herauszureden. »Sie können es mir glauben.«
»Wer glaubt, wird selig.«
»Auf Ehrenwort, ich bin es nicht. Ich kann Ihnen auch den Namen nennen, es war ein gewisser Ungermann.«
»Ein kleiner untersetzter Herr mit durchgewachsenem Schädel?« fragte ich erstaunt.
»Ganz derselbige. Kennen Sie ihn?«
»Nur so von Ansehen. Ich kann mich auch irren.«
»Vielleicht wissen Sie mehr von den ungarischen Gräfinnen als wir?« argwöhnte der Herr und fixirte mich.
Ich wurde verlegen.
»Und wo die Uhr geblieben ist?«
»Mein Herr!« fuhr ich auf.
»Ich kenne Berlin,« höhnte er.
»Berlin bei Nacht,« gab ich ihm zurück, »gerade so wie Ungermann. Jawohl! Den hat die gerechte Strafe für seine Aushäusigkeit und Duckmäuserei ereilt. Hoffentlich sind seine Genossen nicht leer ausgegangen. Sagten Sie nicht, er wäre ein guter Freund von Ihnen?«
»Ich verbitte mir jede Anspielung.«
»Ich mir dito!«
»Uebrigens wenn Sie es interessirt, wurde ich in Alt-Berlin mit dem Herrn bekannt. Die Ausstellung ist doch für Fremdenverkehr, da treffen sich eben die Fremden.«
Dagegen sagte keiner etwas. Voller Aufregung suchte ich nach meinem Riechsalz, wobei die merkwürdige Zange herausfiel, die mein Schräg-à-vis aufhob und prüfend betrachtete, anstatt sie mir höflichst zu überreichen.
»Erlauben Sie, was ist das für ein Instrument?« fragte er.
»Das weiß ich nicht.«
»Merkwürdig!«
»Wieso?«
»Man führt doch keine Brechzangen bei sich, ohne zu wissen, wozu sie gebraucht werden?«
»Ach so? Eine Brechzange ist es,« erwiderte ich. »Mir sehr angenehm, das zu erfahren.«
»Was denn sonst? Man schiebt das Ding zwischen die Thür, knack, und auf springt sie.«
Alle blickten mit neugieriger Abscheu erst auf das Instrument und dann auf mich. Die neben mir saßen, rückten zur Seite, so gut es ging.
Ich lachte und wandte mich an den Herrn, der mir die Zange noch nicht wiedergegeben hatte: »Darf ich mir mein Eigenthum gefälligst ausbitten?«
Er sah mich an, mit so unverkennbaren Criminalaugen, daß ich eine Gerichtsperson auf Ausstellungsurlaub in ihm witterte und von plötzlicher Angst erfaßt, zurückfuhr. Darauf sah er mich noch durchbohrender an und sagte: »Dieses verfängliche Geräth muß der Polizei eingeliefert werden.«
»Meinethalben, für mich hat es keinen Werth.«
»Und doch kann es Ihnen theuer zu stehen kommen.«
»Wollen Sie mir jetzt mein Besitzthum wiedergeben? Oder soll ich klagbar werden?«
Er zögerte.
Nun ich fühlte, daß ich Oberwasser kriegte, gewann ich Muth: »Besehen Sie sich es genau, wenn Sie lesen können. Da steht D. R.-P. darauf, Deutsches Reichs-Patent. Glaubt denn ein vernünftiger Mensch, das Deutsche Reich patentire Einbrechzangen und Diebgeräth?«
»Warum nicht? Patentirt wird vieles.«
»Die Frau scheint mir Recht zu haben,« rief ein jüngerer Mann aus einer Ecke.
»Hab' ich immer!« stimmte ich ihm bei.
»Und ich finde es nicht schön, sofort gleich zu verdächtigen, wo garnichts vorliegt. Hat die Frau denn schon eingebrochen? Und wenn sie einbrechen will, seit wann ist die Absicht strafbar? Außerdem fragt sich, ob das Ding wirklich zum Einbrechen taugt? Mir scheint es für diesen Zweck viel zu schwach gearbeitet. Ein Geldspinde bringt sie nicht damit auf. Das ist meine Meinung.«
»Aber wozu dient das Instrument denn?«
»Mir scheint es ein Briefbeschwerer,« sagte eine Dame.
»Das sieht man doch im Dunkeln,« klammerte ich mich an diesen Rettungsstrohhalm. »Giebt es etwas unnatürlicheres als Briefbeschwerer? Dazu nimmt man alte Schuhe, Hufeisen, Beile, Aepfel und Birnen, Töpfe aus Metall und Stein und worauf das Kunstgewerbe sonst verfällt.«
»Das ist wahr,« bestätigte mein Nachbar zur Linken.
»Wer die Ausstellung betrachtete, der hat auch Briefbeschwerer gesehen,« sagte ich. »Aber wer blos nach Berlin ging, um zu schwiemeln, weiß von nichts. Geben Sie mir meinen Kunstgegenstand. — Danke!«
Während ich das Unglücksgeschirr wegstopfte, begann der Herr, der sich als Ungermann's Freund verrathen hatte, auf die Ausstellung zu raisonniren: »Wer kann Alles sehen? Die Vergnügungen erdrücken die Industrie.« — Und was der nicht wußte, ergänzten Andere.
Als sie es jedoch zu schlimm machten, bildete sich Gegnerschaft, die immer mehr in's Loben kam und gut fand, was vorher getadelt und herabsetzte, was in den Himmel gehoben war.
Ich verhielt mich zuhörend; ich war zu zerknittert, einzugreifen. Hingegen war mir klar: Allen recht zu machen, ist selbst Kommerzienräthen unmöglich.
Mit wahrer Aufathmung begrüßte ich meinen Aussteige-Haltepunkt, verließ die Gesellschaft mit deutlicher Nichtbeachtung und suchte den Postwagen auf, der mich weiter befördern sollte. Im Wartesaal nahm ich einen kleinen Trosttropfen; nur einen. Dem genossenen Aerger nach hätte ich Grund gehabt, mich dem Alkohol gründlichst zu ergeben und begriff, wie fortgesetzter Verdruß einen Menschen schließlich ins Delirium treiben kann. Welche Charakterfestigkeit gehört dazu, Ausstellungscomité zu sein, das täglich aufgemöbelt kriegt und doch nie molum gesehen wurde!
In solchem gelben Stephans-Kasten war ich noch nicht gefahren; er ist ja auch im Absterben und deshalb waren die englischen Mehlkutschen, die weiter nichts sind als eine Kreuzung von Omnibus und Post, in Berlin, wenn es hoch kam, nur mit einer Person bevölkert. Wir haben unsere billigeren flinken Droschken erster Güte, was sollten wir mit den Noah-Archen auf Rädern? Sie hier unübertrefflich halten, weil sie von England kamen? Ueber solchen Mumpitz sind wir längst hinweg.
Ich war allein in dem Wagen auf der langsamen Straße mit Feldern auf beiden Seiten, Dörfern in der Ferne und Gehöften, an denen man vorüberfuhr in ländlicher Stille. Wie viele Menschen doch außerhalb Berlins glücklich sind. Und doch meinen die Meisten, das Glück sei nur in der großen Stadt zu Hause. Aber was ist Glück? Das einzige, was der Mensch sucht, wenn er es gefunden hat. Denn es giebt keinen Zufriedenen.
Wie glücklich hätte ich jetzt sein können, wenn ich mich weder mit Kriehberg noch Ottilien beschwert hätte. Waren denn Ruhe und Frieden und meine Häuslichkeit nicht Glück genug? Was hatte ich Noth, mich in die Schreibtinte zu begeben? Nun saß ich drinn. Ohne die Beiden wäre ich nicht auf der Spritztour nach Tante Lina, die sehr verhängnißvoll hätte werden können. Der Mann, der mich möglicherweise für das Ehrenmitglied einer Einbrecherbande hielt, war nahe daran, mich der Obrigkeit zu überantworten. Man weiß ja nie, mit wem man fährt, welch' unbewußtes großes Thier er ist und was er einem anthun kann?
Und dieser Ungermann! So ein Nachtbruder. Und bei Tage wie neugeborne Unschuld. Den werd' ich abmalen!
Mit dieser Absicht drusselte ich ein und erwachte erst, als der Postillon sein Stückchen blies. Ich träumte gerade, Ungermann winselte um Gnade, so klang das Geblase.
Wir rumpelten über holperiges Pflaster durch ein thurmartiges Thor und waren in der Stadt. Tante Lina wohnte nicht weit von der Post, sie aufzufinden ging ohne Adreßkalender.
Sie freute sich nur mittelmäßig, als ich bei ihr eintrat mit den Worten: »So, da bin ich. Sie können sich wohl denken, daß ich wegen wichtiger Angelegenheiten komme. Wie geht es Ihnen, Tante Lina?«
»Ganz gut,« erwiderte sie. »Recht gut. Viel besser, als sonst. Bitte, setzen Sie sich. Ich nehme jeden Abend vor dem Schlafengehen, mit Erlaubniß zu sagen, drei Stücken Rhabarber. Apotheker Bahnsen rieth es mir und es hilft auch, weil ich die Berliner Kost nicht vertragen konnte und wenn nichts gethan wurde, es leicht schlimm geworden wäre. Im vorigen Jahre hatte Maler Brandt's Frau es ebenso, aber weil sie nichts brauchte, schlug, mit Erlaubniß zu sagen, innerliche Gedärmgicht dazu und in fünf Tagen war sie todt. Sie hat so geschrieen, daß sie es drei Häuser weit gehört haben.«
»Wer lange Rhabarber ißt, kann alt werden,« sagte ich, nur um etwas zu sagen, da ich den rechten Dreh noch nicht hatte.
»Will ich auch,« entgegnete sie. »Ich will noch vom Leben haben, was es mir bieten kann. Und wozu auch nicht? Das Essen und Trinken schmeckt mir und zu sorgen hab' ich für Niemand mehr, für Niemand. Der, auf den ich wartete, der braucht nicht, was ich zusammenhielt, der ist reich; darum hab' ich Alles auf Leibrente gegeben.«
»Aber Tante Lina!«
»Ja, nun erbt Keiner was. Keiner. Viedt's haben auch genug. Und Sie brauchen es auch nicht. Und Kriehberg ist noch jung, der kann arbeiten. Das hat Johannes auch gemußt.«
»Sie können über das Ihrige verfügen, wie Ihnen gut dünkt, Tante Lina, aber sagen Sie mir das eine: Haben Sie Kriehberg etwas versprochen?«
»Nicht gerade versprochen. Aber da er und Ottilie sich so sehr lieben, sagte ich, sie sollten heirathen, ehr etwas dazwischen käme. Warum dürfen die jungen Leute nicht glücklich werden?«
»Wovon sollen sie existiren?«
»Sie sind ja noch jung. Es verheirathen sich so viele und sind glücklich.«
»Doch blos nicht in Berlin! Was kostet ein Haushalt in Berlin? Allein die Miethe. Und er hat nichts.«
»Oh, so viel wird er wohl haben.«
»Aber nein. Nicht so viel, die bescheidenste Wohnung zu nehmen mit Küche, eben groß genug, eine Karmenade auf einmal zu braten. Tante Lina, da haben Sie nicht gut gerathen.«
»Sie lieben sich.«
»Wissen Sie das so genau? Ich bin anderer Ansicht. Er allerdings will Ottilie...«
»Und sie ihn. Und ich gab ihnen meinen Segen und sprach, werdet glücklicher als ich und da verlobten sie sich mit Liebe und Treue für alle Ewigkeit.«
»Welcher Leichtsinn. Arme Ottilie. Tante Lina, haben Sie ihnen wirklich nichts versprochen? Garnichts? Reinigen Sie Ihr Gewissen, von Ihnen wird einst Rechenschaft gefordert, wenn die Beiden in Elend zu Grunde gehen.«
Sie mimmelte mit den Lippen. »Nun ja,« begann sie zögernd, »ich warf so hin, daß, wenn sie sich brav hielten, ich Ottilie in meinem Testamente bedenken würde, und das will ich auch.«
»Nun Sie ihr Vermögen für immer weggegeben haben?«
»Meine Sachen sind wie neu, blos in der einen Kommode ist der Wurm.«
»Aber Kriehberg rechnet entschieden auf Geld.«
»Wie sie alle; alle miteinander.« Sie blickte mich an, als wenn sie sagen wollte »und Du auch!«
Ich besann mich kurz. »Ich will Ihnen die Beiden schicken; sie können sich hier verheirathen und bei Ihnen wohnen, damit Sie das von Ihnen eingerührte Glück aus erster Hand mit verzehren. Ich habe für so etwas keinen Platz.«
»Ich auch nicht. Was würden die Leute dazu sagen?«
»Was Leute immer sagen, wenn Zweie zusammengeredet worden sind und hinterher ihre Ohren abreißen möchten, mit denen sie nach all den schönen Worten hingehorcht haben.«
»Und was sagen die Leute immer?«
»Gut, wer damit nichts zu thun hat. Das sagen sie!«
»Was kann ich aber dabei machen?«
»Viel, sehr viel. Nur einige Zeilen an mich, daß weder Ottilie noch Kriehberg Baares von Ihnen zu erwarten hat.«
»Nein.«
»Ja! Und zwar eine Bescheinigung von Ihrem Renteninstitut. Es muß sein.«
»Muß?«
»Tante Lina, ein Leben mit unerfüllter Liebe ist großes Weh — Sie wissen es. Doch, ohne Liebe mit Wort und Schwur gebunden sein, das ist gebranntes Leid. Nur wenn Kriehberg sein Wort zurückgiebt, wird Ottilie frei. Und sie liebt einen anderen. Dies Ihnen zu sagen, bin ich hier. Das Glück zweier Menschen liegt in Ihrer Hand. Können Sie noch zaudern?«
Sie schwieg geraume Zeit. »Wie ist das gekommen?« fragte sie.
Ich erzählte ihr Alles und sie gab genau Acht; dann sagte sie: »Ich will ihn bitten, ihn, Johannes, daß er sich Kriehberg's annimmt. Vielleicht daß er drüben sein Fortkommen besser findet, als hier. Johannes wird es mir nicht abschlagen. Er ist ja glücklich. Aber Verantwortung habe ich keine. Nein. Nein!«
Wir blieben zusammen, bis am Spätnachmittage die Post wieder abging. Ihr Rechtsanwalt schrieb den Schein, worin er beglaubigte, daß sie ihr Capital auf Leibrente gegeben hätte und nachdem diese Angelegenheit erledigt war, spendete ich das Mitgebrachte. Eine Tasse mit der Berolina darauf war ihr genehm, desgleichen eine Medaille zur Erinnerung an die Ausstellung; der Briefbeschwerer fand dagegen weniger ihren Beifall, obgleich sie nichts sagte.
»Es ist das Neueste in Nippsachen,« pries ich ihn an.
»O nein!« wehrte sie ab. »Viedt's haben gerade solchen in ihrem Laden und können ihn nicht los werden; von ihrem Lieferanten in Berlin, zur Probe. Es ist, mit Erlaubniß zu sagen, ein Reise-Taschenstiefelknecht.«
Zum Glück kam das Mädchen und meldete, die Post ginge gleich. Tante Lina hatte das Geschenk sichtlich übel genommen und wer weiß, ob ich sie herumgekriegt hätte, wäre ich ihr gleich zu Anfang mit den Spenden gekommen.
Guter Wille zieht nur dann, wenn er mit guter Laune zusammentrifft.