Titel-Dekoration

Es kommt zum Klappen.

Es war mir eine wahre Wohlthat, von Tante Lina ab, wieder nach Berlin hin zu streben, obgleich ich mich auf den nächsten Tag gefaßt gemacht und das Erforderliche mitgenommen hatte. An einem so wenig bleibwürdigen Platze sich länger als gezwungen aufzuhalten, rechne ich zu den Vergeltungen der Vorsehung, die man für bereits grasbewachsene Thaten aufgebrummt kriegt, — vielleicht daß man mal zu heftig gewesen ist oder Nebenmenschen es besorgt hat — mit Ausnahme der Krausen — oder was sonst nicht mehr zu ändern war, aber doch noch zu Buch steht. Gut, daß ich nichts auf dem Kerbholz hatte und mit der Post den Anschluß erreichte. Und Kriehberg sollen die Heirathsgedanken schon vergehen, wenn der Weg zum Traualtar nicht mit Markstücken gepflastert ist, wie er sich einbildet. Liebt er Ottilie wirklich und will er sie aufrichtig glücklich machen, giebt er ihr das Jawort zurück.

Und wie nette Reisegefährten traf ich in der Bahn. Das waren Leute, die sich auf den Besuch der Ausstellung freuten, weil sie schöne und bildende Beschreibungen darüber gelesen hatten, nicht die übliche Schlechtmacherei von Schreibmenschen, die nur herunterreißen, weil das Aufbauen so seine Mucken hat. Wer nie backt und braut, dem mißräth allerdings auch nichts. Und Fehler — wo ist völlig Vollkommenes? Man muß das Mangelhafte von dem Gelungenen absubtrahiren und das Gute gehörig zusammenaddiren und dabei berücksichtigen, daß Jeder seinen Privatgeschmack hat, dann ergiebt sich das richtige Exempel.

Sie fragten mehr, als ich beantworten konnte und ob es nicht doch zu stark ins Geld ginge, wenn man Alles mitnehmen wollte.

Ich sagte: »Berechnen Sie die Summen, wenn Sie nach Kamerun reisen müßten, um Wilde und ihre Dörfer zu beaugenscheinigen, oder nach Kairo oder nach Spitzbergen, wo die Eisbären sich Gutenacht sagen, oder nach dem Zillerthal, und wo giebt es Rundreisebillets in die Vergangenheit, da doch Alt-Berlin aufgebaut wurde, wie es nach dem dreißigjährigen Kriege erbärmlich war und noch keine Ahnung hatte, wie es nach Einundsiebzig anschwellen würde.

Da flögen so viele blaue Scheine als jetzt Pfennige. Und die ganze große Gewerbe-Ausstellung haben Sie als Beilage, nebst Musik und Beleuchtungseffekten, Gartenanlagen und Dod und Deibel.«

So verursachte ein Wort das andere und auch wegen der Verköstigung fragten sie, und ob in der Fischhalle an einem Sonntag wirklich über hundert Zentner Seefische vermöbelt worden wären?

»Gewogen hab' ich sie nicht,« war meine Antwort, »aber es wird schon so sein, es stand ja in den Zeitungen an der Stelle, wo sie das Glaubhafte hindrucken. Ueberhaupt, versäumen Sie die Fischerei nicht, da schwimmen Regenbogenforellen und die seltensten Fische, vom einfachen Steckerling bis zum Caviar lebendig herum und Hummer in unreifem Zustande, noch ganz blaugrün und junge Fische werden ausgebrütet und als Gegensatz zur Kinderbrutanstalt ist eine Krebswochenstube da, an der man nichts sieht als Drainröhren, die aber höchst naturhistorisch ist, wenn gerade einer von den Amphibienräthen Zeit hat und die Erklärung dazu leistet. Und wenn man sich satt gesehen hat, kann man sich an Fischen satt essen, die große Portion dreißig Pfennige ohne Kellnerschmuhgroschen; mit: vierzig.«

»Da gehen wir hin,« hieß es. »Ich lasse mir zweimal geben,« sagte ein langer Magerer, »das ist ja enorm billig.«

»In der Volksernährung kriegt man es noch umsonster,« unterstützte ich seine guten Absichten, »und in der vegetarischen Eßanstalt bekommen Sie für zwanzig Pfennige ein Gericht saure Linsen, daß sie Ihnen schon aus den Ohren heraustrudeln, ehe Sie den letzten Löffel voll hinter haben.«

Dies erheiterte sie und warum soll man sich nicht scherzhaft geben in aufthauender Gesellschaft, obgleich die Vornehmheit verlangt, sich im Coupé wie eine beschäftigungslose Padde zu verhalten?

Mit Wohnung waren sie schon versorgt, indem sie sich an Stangen gewandt hatten, der Zimmer massenweise an der Hand hat. »Viele schlüpfen bei Bekanntschaften unter,« sagte ich. — »Das würde doch wohl lästig,« meinte eine Dame. — Ich seufzte.

»Haben Sie Erfahrungen darin?« fragte die Dame weiter. »Die kommen noch,« entgegnete ich und dachte an das Huhn, das ich mit Ungermann zu pflücken hatte. Was sage ich Huhn? Mindestens einen Auerhahn. Und für sie, die Ungermann, setzt es auch was; zunächst um ihren neuen Hut. Wie ein Schlittenpferd. Es werden schon Federn fliegen.

Je mehr wir in nächtliche Dunkelheit geriethen, um so dämmeriger wurde auch die Unterhaltung, die sich zuletzt darauf beschränkte, daß die Herren uns ihre Zigarren vorrauchten. Was es für Unkraut war, kann ich nicht sagen, aber sie selbst öffneten von Zeit zu Zeit die Fenster, um nicht zu ersticken. Ich schätzte es auf eine Art von Mottentod.

Dank der Unermüdlichkeit der Lokomotive kamen wir Berlin immer näher und als sie noch lange nicht pfiff, holte jeder sein Handgepäck heran und belästigte sich und die Nachbarn. Aber das ist einmal so in dem Verlangen begründet, rascher anzukommen, wie man ja auch lebensgefährlich dicht an den Schienen dem Zug entgegensieht, damit er sich eilt, wenn man mit will.

Wir wünschten uns gegenseitig viel Vergnügen und waren auseinander, als die Thür kaum offen stand. Ich sah weiter kein Vergnügen vor mir, als meinen Karl zu überraschen, da ich erst Morgen erwartet wurde.

Ich hinein in eine Droschke und los. Es war bereits gegen Mitternacht, aber in der Lindengegend und in den Hauptstraßen noch ein Treiben wie bei Tage, die Cafés und Bierpaläste im hellsten Lichte und auch noch Läden geöffnet. In der Provinz liegen sie schon zum zweiten Male auf der rechten Seite, dachte ich, und stärken sich mit gesundem Schlaf und drehen sich bald zum dritten Male im Bewußtsein höherer Solidität. Aber wer bildet das nächtliche Publikum in Berlin? Die Fremden. Und wo sind die her? Aus der Provinz. Wenn sie zu Hause so schwudderten? Ei weih!

Na, Ungermann wird sich über sein Abgangszeugniß aus der Residenz freuen.

Der Kutscher schien mich für außerhalbsch zu halten, indem er mit seinem Zossen auf Zeitfahrt losbummelte, bis ich ihm zurief: »Geben Sie dem ollen Asphaltschoner mal'n bisken langen Haber, er tritt sich ja auf die eigenen Hacken.«

Der Droschkenlenker hielt an und wandte sich um. »Det Ferd,« sagte er und deutete mit der Peitsche auf das Fell voll Knochen, »det war früher Rennpferd, der braucht keenen Dreschflegel. Im übrigen is er nu jlücklich so weit umdressirt, det er allens dhut, wat er will.«

Droschkenpferd

»Na, wat will er denn?« erwiderte ich im Volkstone.

»Nach'n Stall will er.«

»Also dalli!«

»Nee, nu nich, weil et seine contrair entjejenjesetzte Richtung is. Se sollten blos nach'n Wedding jewollt haben, da hätten Se'n kennen jelernt; uff'n Nachhauseweg schlägt er jeden elektrischen Strom um mehrere Nasenlängen. Hü! Schimmel.«

Obgleich der jetzt folgende Galopp nicht rascher ging als der bisherige Schritt, erhob es mich sehr, wie die modernen Kulturerrungenschaften allmählich in der Bevölkerungsdenkweise Wurzel schlagen, während doch feststeht, daß die Griechen Elektricität und Telephon und Photographie und Hygiene nicht einmal dem Namen nach hatten. So frißt die Bildung sich immer weiter in die Massen und greift die Aufklärung um sich, wozu Ausstellungen schichtenweise beitragen, je nachdem Volks- oder Elite-Tage sind. Elite ist theurer, sonst ganz dasselbe. Ein großes Jahrhundert, worin wir leben.

Als wir die Landsbergerstraße gewonnen hatten, war das Haus duster. »Alle in der Bucht,« sagte ich mit innerlicher Zufriedenheit, gab dem Droschkong einen Uebernickel für das Roß und gedachte durch die Fabrik oben zu gehen, meinen Karl zu interwieven ohne zu stören, und mein Gemach aufzusuchen, wo Ottilie wahrscheinlich nach Schlaf schmachtete. Ich konnte ihr Beruhigung bringen, die gesünder hilft als Morphium oder sonst was, wonach man noch kränker wird.

Aber mein Schreck, als ich das Hausthor unverschlossen fand. »Ungermann,« war mein erster Gedanke, mein zweiter »wo ist der Schutzmann als Sicherheitswächter?« Ich sah die Straße lang, kein Helm zu entdecken, nichts als die langsam abzuckelnde Klapperkiste mit dem verkehrsmüden Wettklepper a. D.

Ob ich mich hineinwagte? Wenn ein Mörder auf der Treppe lauerte? Oder blos ein Pennbruder, auf den ich im Dunkeln trat? Das ist schon schauderhaft. Ob ich schrie?

Nein. Listig vorwärts, ganz leise. Dann über den Hof. Der Hausschlüssel paßt zur Fabrik. Hinauf getastet bis an meines Karls Thür. Ich horchte. Keinerlei Schnarchung.

»Schläfst Du, mein Karl!« rief ich halblaut. »Erschrecke nicht, ich bin es, Deine Wilhelmine, Deine treue Gattin. Tante Lina läßt grüßen.«

Keine Antwort. Ich klopfte an. »Es brennt nicht,« rief ich, »es ist auch nicht eingebrochen. Mach' auf, mein Karl.«

Er rührte sich nicht.

»Karl, mach' auf!«

Ich klopfte stärker. »Karl, wenn Du nicht aufmachst, werde ich böse. Sehr böse; verstehst Du mich?«

Ich holte mein Schlüsselbund hervor, aber erst der letzte ging hinein. Und der schloß nicht. Nach einigen vergeblichen Versuchen brach er ab. Da mein Karl nicht von dem Geräusch aufwachte, mußte er abwesend sein. Aber wo? Natürlich im Berliner Zimmer.

Auf dem dunklen Gange nach der Wohnung stieß ich gegen Weiches, daß mir das Blut in den Adern stockte. Es krabbelte jedoch nicht in die Höhe, sondern fühlte sich als Waarenballen heraus. Aha, Ungermann's Bestellung. Ganz hübscher Posten, aber es könnte mehr sein. Die Zwischenthür war eingeklinkt und in der Küche noch Licht; die oberen matten Scheiben waren hell. Ich und eintreten war eins.

Dorette und Schutzmann

Die Dorette kriesch auf; ich sagte blos »Ha!«. Der Schutzmann aber strammte sich kerzengerade hin und salutirte. Dorette suchte die Lampe auszublasen, unsere Tischlampe, jedoch zu spät, ich hatte genug gesehen. Aufgedeckt war, mit Brot und Butter und kaltem Braten und Wein von dem Sonntags-Lafitte und Käse und ein Hafen Kompott und die Cognacflasche und was sonst gut und genießbar war.

»Wo ist der Herr?« fragte ich strenge.

»Aus.«

»Und das Hausthor steht offen? Nennen Sie das Bewachung, Schutzmann?«

»Ick habe heute keenen Dienst!« entgegnete er.

»Er ist ja mein Breitijam,« sagte Dorette, »un als solcher hat er doch seine Pflichten. Warum ooch kommt die Frau so unprezise retour?«

»Um zu sehen, was während meiner Abwesenheit vorgeht. Wir reden morgen weiter. Und der Bräutigam ist hoffentlich satt und kann gehen.«

Er schnallte sein Seitengewehr um. »Leuchten Sie ihm, Dorette, und schließen Sie das Haus.« Ich nahm die Lampe und den Cognac an mich. Es hatte tüchtig geschafft.

Weinend ging Dorette voran. Sie fühlte sich schuldbeladen. Angemessene Verpflegung war ihr gestattet, aber keine Orgien. Und mit Lafitte fangen Orgien an!

Also mein Karl war aus. Recht heiter!

Nun zu Ottilien.

»Sei froh, Kind,« rief ich beim Eintritt, »auf Regen folgt Sonnenschein, ich bring' ihn mit für Dich.«

Keine Antwort. Ich leuchte hin: Ottiliens Bett war unberührt. Sie wird sich wohl alleine geängstigt haben und nächtigt bei der Kliebisch. — Ich hin nach dem Vorderzimmer und klopfe an. Kein Ton.

Dies war mir sonderbar. Alle miteinander aus? Nein, auf dem Sopha lag Anna Kliebisch und sägte schaudervoll. Das ist wahr, schlafen hat sie heraus. Selbst bei Tage, wenn sie so dasitzt, möchte man ihr immer zurufen: »Gute Nacht, Anna.« Doch ein bischen zu sehre Drömlade, das Kind.

Nach verschiedenen Mißerfolgen rüttelte ich sie endlich lebendig; sie plierte mich glasäugig an, sagte nichts und schlief wieder ein.

Dies war mir zu dumm. Ich sie gehörig geschüttelt, bis sie endlich wieder zu sich kommt. Aber nicht viel mehr als vorhin.

»Wo ist Mama?« fragte ich.

»Wo Mama ist?« wiederholte sie traumig und nickte wieder ein.

»Anna, werde doch munter. Wo Mama ist?« frage ich.

»Im Bett.«

»Unsinn, da ist sie nicht. Wo ist sie? Und wo ist Ottilie?«

»Im Bett.«

»O Du Demel,« brach ich aus. »Du bist doch'n lieben Gott sein größtes Bähschaf. Dussele weiter und vergiß morgen blos das Aufwachen nicht.«

Mir blieb als letzter Anker der Vernunft nur noch die Ungermann. Die war aber auch nicht vorhanden, im Gegentheil komplet abwesend mitsammt Schloßkorb und Schachteln. Ab nach Kassel. Ihre Sachen standen noch da.

Ich war wie erschossen. Knieewankend setzte ich mich. Was war geschehen? Kein Mensch im Hause als das unzurechnungsfähige Schlafkind und Dorette. Da kam sie gerade wieder herauf.

»Dorette,« rief ich, »hier herein ins Berliner Zimmer und nun nicht länger gewimmert, sondern ohne Mogeln erzählt, was vorgefallen ist. Erstens die Ungermann?«

»Die hat sich verzogen mit'n Mittagszug. Un Trinkjeld hat se nich jejeben. Det haak ihr jleich anjeahnt, als se kam. Det war eene von de Billijen.«

»Gut. Und zweitens die Frau Kliebisch?«

»Die kommt bis spätestens übermorjen retour.«

»Von wo?«

»Det hat se nich jesagt. Et war ja jroßer Ufstand, wie der junge Herr heut Nachmittag kam un er sagte: Ottilie, ick lasse Dir nich, un sie sagte nein, nein, ick derf nich, ick wollte, ick wäre bejraben oder so. Jenau konnt ick't nich verstehn...«

»Also wieder an der Thür gehorcht. Und was sagte Herr Kriehberg?«

»Der? Der sagte jarnischt.«

»Der mußte doch wieder antworten.«

»Nee, det konnt er nich. Der war ja jarnich da.«

»Der nicht? Welcher junge Herr dann?«

»Jotte doch, der mit die braunen Plüschoogen. Ach hat der 'n Blick an'n Leibe! Wenn ick nich so derbe verlobt wäre, in den könnt ick mir verkieken.«

»Dorette, bleiben Sie sachlich. Also Herr Brauns war hier und sich Ottilien erklärt und sie ihn abgewiesen...«

»Se hat schrecklich jebarmt.«

»Und er weggerannt?«

»Na ja, wat man so langsam wegrennen nennt. Aber doch erst später, un wat die Kliebischen is, mit ihn.«

»Unsinn! Und Ottilie blieb zurück?«

»Die war janz verdreht. Se lachte und dann weente se, un mir fiel se um den Hals un küßte mir un sagte, Dorette sagte se, es kann nich sind un es ist doch; so oder so ähnlich. Wat Verrückte sagen, det is schwer zu behalten.«

»Und was that mein Mann... was that der Herr dabei?«

»Die Herren waren schon vor Mittag nach Treptow rausjemacht. Un ick alleene blos mit die Anna; die hab' ick Abendbrot jejeben un da ward se müde. Un wenn mein Breitijam nicht antrat, ick hätte mir zu Tode jeforchten. Nee, hier in'n Hause is et nich mehr scheen.«

»Darüber habe ich zu urtheilen, ich ganz allein. Verstanden? Und wenn Ottilie sich ein Leid angethan hat, kommen Sie vor den Richter.«

»Och Jotte nee!«

»Nicht heulen. Dazu ist Zeit, wenn Sie im Loch sitzen. Geben Sie Acht, was Ihnen blüht. Warum haben Sie nicht aufgepaßt?«

»Se war ja nachher janz vernünftig, blos mit eenmal weg un nich zu finden!«

»Und Sie suchen nicht? Und Ihr Schutzmann läuft nicht hinterher und setzt die Polizei in Bewegung? Und schwemmen ihn mit Lafitte an? Den zieh ich Ihnen vom Lohn ab.«

»Et war ja keen Anderer da.«

»Wozu ist denn die Wasserleitung?«

»Da jeht keen Schutzmann ran.«

Ich sprang auf. »Kommen Sie, wir wollen suchen, ob Ottilie nichts Schriftliches hinterlassen hat, keinen Abschiedszettel oder irgend ein Zeichen.«

So viel wir auch stöberten. Nichts. Nichts und nirgends.

»Am Ende hat sie die Anna Kliebischen wat anvertraut, ick jloobe sojar, se sagte, vergiß es nich oder Vergißmeinnich oder so, wie man so bei's letzte Lebewohl sagt.«

»Die weiß von sich selber nichts, viel weniger von Ottilie.«

»Det kann wohl sind. Se saß da so misepeterig und da sagte mein Breitijam, en Grogh würd' ihr wohl nich schaden, da kriegte se de richtige Bettschwere nach un wäre unter de Füsse aus.«

»Und Sie folgten dem bodenlosen Vorschlag und machten dem Kinde einen Grogh?«

»Zwee.«

»Von Cognac? Aber Dorette, waren Sie denn gänzlich...?«

»Ick sage ja, et is hier nich mehr scheen in'n Hause.«

Was nützte es? Aus dem Kinde war nichts herauszubringen, das hatte ich eben vergebens versucht und was Dorette erzählte, war so klar verwickelt, daß ich klug blieb wie zuvor. Wenn nur Ottilie nicht zu Wasser gegangen war? Das wäre grauenvoll. Aber was ging die Kliebisch mit Herrn Brauns von dannen? Und Ottilie hatte ihr Handköfferchen mitgenommen. Man ertränkt sich doch nicht mit Gepäck? Wohin konnte sie geflohen sein und warum?

Wir sahen nochmal nach. Auch ihre Brennscheere war weg und ihr Morgenanzug und ihr Regenmantel. Nein, nasse Absichten hatte sie nicht gehabt.

»Dorette,« sagte ich, »selbst wenn Alles gut abläuft, einen anderen Dienst werden Sie sich suchen. Das sehen Sie hoffentlich selber ein?«

»Bis zu'n Frühjahr. Dann wollten wir Hochzeit machen, et kann sind, ooch ehr. Warum soll ick mir vorher verändern? Det wird die Frau mir doch nich anmuthen sind bei die ville Arbeed mit 'n Besuch? Die Frau is ja so jut.«

Sie weinte so reuevoll, daß ich sagte: »Es hängt von Ihrem ferneren Betragen ab. Gehn Sie zu Bett, Dorette.«

Ich setzte mich wartend in's Berliner Zimmer im Reiseanzug, innerlich und auswendig aufgelöst. Waren das Zustände. Kaum wendet man den Rücken und die Welt geht unter.

Und mein Karl, gerade da er nothwendig nicht weichen durfte, macht blau. Ob ich hinüber ging nach Betti, ihr mein Herz auszuschütten? Ich kannte ihr Mitgefühl im Voraus: »Mama, warum hast Du das Hotel eingerichtet?«

Endlich kam etwas die Treppe heraufgepoltert und in die Wohnung herein. Ich richtete meine Blicke fest auf die Thür.

Sie lachten draußen. »Wir heben noch Einen,« sagte jemand, »Ihr Cognac ist gut.« — Das war Kliebisch's Stimme.

»Mir recht.« Das war mein Karl.

»Nur um mich nicht auszuschließen,« sagte der Dritte. Das war Ungermann.

Und herein kamen sie. Und mein Mann, meine Unschuld von Mann schwankend zwischen Kliebisch und Ungermann.

Ich erhob mich. »Meine Herren!« sagte ich. Weiter nichts. Aber der Schreck.

»Du hier, Wilhelmine?«

»Wie Du siehst! Ich will nicht fragen, wo Du warst, ich will es nicht wissen. Dein Zustand verräth genug. Ich danke Ihnen, meine Herren, namentlich Ihnen, Herr Ungermann, daß Sie als künftiger Stadtvater so väterlich für meinen Mann gesorgt Und ihn auf Ihre Studienfahrten mitgenommen haben, während ich weg war.«

Ungermann verfärbte sich. »Wir waren ein bischen vergnügt, zum Schluß... weil ich morgen abreise,« stammelte er.

»Dummes Zeug, Du bleibst,« sagte mein Karl.

»Herr Ungermann reist,« entschied ich, »Du hörst, er will es. Und Sie, Herr Kliebisch, Sie als mehrfacher Familienvater, helfen meinen Mann verführen? Das hätte ich nicht erwartet. Und zu trinken giebt es nichts mehr.« Ich nahm die Flasche und schloß sie ein.

»Aber Mienchen, es war so schön auf der Ausstellung.«

»Die ist längst aus.«

»Ich habe mit Ungermann Brüderschaft getrunken und wir wollen noch fidel sein. Komm, Mienchen, sei mit lustig.«

»Wie könnte ich das? Ottilie liegt vermuthlich tief in der Spree, und Frau Kliebisch ist mit dem jungen Brauns durchgegangen.«

»Was ist das?«

Ein Sturzbad konnte nicht eisiger wirken als meine Worte, und als ich ihnen tropfenweise mitgetheilt hatte, was ich für sie geeignet hielt, war ihre Antäubung so gut wie verflogen.

»Vorläufig läßt sich nichts beginnen,« sagte ich, »die Einzige, die etwas weiß, die Anna, ist nicht vernehmungsfähig.«

»Der Schmerz über die Mutter,« stöhnte Kliebisch.

»Sie muß ihn erst ausschlafen,« versetzte ich ihm. »Und nun gute Nacht, meine Herren. Komm, Karl, Du gehst mit mir, ich habe Dir noch sehr viel mitzutheilen.«

»Ich schlafe doch in der Fabrik.«

»Heute nicht, Du kannst nicht in Dein Zimmer, der Schlüssel ist abgedreht. Komm nur.«

Ein zerknirschteres zu Bett schleichen habe ich noch nie erlebt. Aber in dem Taumelbecher der Freude ist der Rest Bärme. Das mögen die Herren bedenken, wenn sie nicht nach Hause finden können.


Titel-Dekoration

Alt-Berlin.

Als ich zum ersten Male Alt-Berlin betrat, wurde mir ganz nachtwandlerisch. Das war vor der Baumblüthe zur Bauzeit mit der Gestattung, die werdenden Herrlichkeiten im Voraus zu besichtigen. Die Stadt stand schon. Eine ganze Stadt mit Straßen und Plätzen, einer Kirche, einem Rathhause, mit Festungswällen, Thürmen und Thoren, Brücken, Gäßchen, Ecken und Winkeln, eine Stadt aus vergangener Zeit. Berlin vor dreihundert Jahren, ebenso klein, armselig und gering.

Photographieen von damals sind nicht vorhanden, weil sie noch kein Collodium hatten und Zeichnungen und Gemälde wegen Mangels illustrirter Zeitungen ebenfalls nicht, so daß die Phantasie aufbauen mußte, was die Zeit langsam und die Menschen gewaltsam zerstörten. Aber alle sagen sie, gerade so hätte Berlin um's Jahr 1650 ausgesehen, und wenn Kliebisch meint, es wäre mehr ein Abguß von Kottbus und Angermünde, muß er erst beweisen, was er sagt. — Für mich ist es Berlin, schon allein, weil richtige vorzeitliche Thran-Latichten an den Tauen über den Straßen hängen.

Als ich im Maien-Sonnenschein durch die Stadt schritt — ganz allein — vergaß ich völlig, wo ich war. So still die Straßen, daß ich mich besinnen mußte, ob wirklich schon Pferdebahnen erfunden seien und ob die Stadtbahn, auf der ich vor kaum einer halben Stunde nach Treptow toste, nicht ein Spiel meiner Einbildung gewesen wäre. Wohin waren die Menschen verschwunden, die hier wohnten? Ausgewandert? Verjagt? Verstorben?

Dies war Vergangenheit, ich konnte sie mit der Hand berühren: das alte Gemäuer, die Balken und Pfosten und durch grüne Scheiben hineinsehen in niedrige Stuben, und Käfterchen. Die standen alle leer.

In solchen Räumen hatte einst Glück gewohnt und über solche Schwellen war einst Unglück geschritten, daß aus dem fröhlichen Heute ein trauriges Morgen wurde, bis es wieder weichen mußte in ruhelosem Wechsel. Denn in den Häusern lebten Menschen.

An den Schildern ließ sich erkennen, welcherlei Gewerbe getrieben wurden. Es muß eine recht unsolide liederliche Stadt gewesen sein, das alte Berlin, so viel Schänken, Wirthshäuser und Trinkstätten entdeckte ich. Selbst das Rathhaus war ausschließlich auf Getränk eingerichtet. Die Mittagssonne schien lustig auf die Weinhauskränze und in die Biergärten, in denen jedoch Niemand saß. Es war spukhaft am hellen Tage. Und doch so traulich und wehmüthig, wie eine vergessene Schachtel Spielzeug aus den Kindertagen.

Ich schritt langsam durch die Straßen: überall die gleiche Verlassenheit. »Du träumst, Wilhelmine,« sagte ich zu mir. »Gleich fällst Du irgendwie und wachst auf.«

Endlich gewahrte ich einen Menschen. Es war ein junger Mann auf einer Leiter mit Pinseln und Farbtöpfen; der malte an einem alten Dache.

»Sie!« rief ich, »ach sind Sie doch so gut und sagen Sie mir, wo bin ich eigentlich?«

»In der Bolings-Gasse,« antwortete er.

»Hab' ich nie von gehört! 'Ne neue Straße?«

»Nee, uralt. Schon längst vom Erdboden verwischt.« Er kam herunter in seinem langen Leinenkittel und musterte das Dach aus der Entfernung.

»Es hat wohl durchgeregnet?« fragte ich.

»Nee, vorläufig nicht. Wie finden Sie das Moos?«

»Welches Moos?«

»Na, das ich da eben hingemalt habe. Wirklich eminent echt, was? Feines Grün? Wie?«

»Ach so. Danke Ihnen. Nun weiß ich wieder Bescheid. Ich meinte aber wirklich, ich wäre in vergangenen Jahrhunderten.«

»Machen wir; blos mit Farbe. Das Uebrige ist Holz, Leinewand und Gips. Wenn Sie's interessirt, zeig ich's Ihnen.«

Er führte mich zu Halbfertigem, wo die Papp-Neubauten aussahen, als wenn sie kaum den Sommer über halten würden. So wie aber Farbe darauf sitzt, schwört man, sie hätten vom Großen Kurfürsten an gestanden. Darüber sprach ich meine Verwunderung aus.

»Machen wir,« sagte er. »Ich habe einen diebischen Spaß daran, Alles zu fingern, als wäre es leibhaftig. Man lebt sich ordentlich hinein.«

»Sie sind wirklich ein Künstler!«

Er lächelte, aber es war ein bitteres Lächeln. »Das sagen Sie,« sprach er, »meine Kollegen denken anders.«

»Haben denn die das Moos gesehen?«

»Mehr als das. Ich habe fleißig studirt, bin auf der Akademie mit Preisen ausgezeichnet, ich habe Bilder gemalt...«

»Und jetzt streichen Sie Häuser an?«

»Was bleibt mir? In der Kunst-Ausstellung hat man für meine Arbeiten keinen Platz. Da hängen sie allen möglichen Schmierkram aus Frankreich und Belgien, Holland und wer weiß sonst noch von wo her an die Wände, bis das Lokal vollgestopft ist und sagen zum Deutschen: Du kommst bei internationalen Bestrebungen an den Katzentisch oder bleibst besser ganz zurück. Ja, wenn die Ausländer blos Meisterwerke schickten, gut, dann hat die Kunst den Oberbefehl. Aber wenn sie ihren Abhub mit einpacken, begreift man nicht, warum unsereins verzichten muß, dem Publikum seine Leistungen vor Augen zu führen, die es mit den Fremden dreimal aufnehmen. Und wo ist sonst Gelegenheit, an das Urtheil des Publikums zu appelliren als auf den großen Ausstellungen? Die Akademie wird vom Staate erhalten, hat man sie durchgemacht und will vorwärts, heißt es, die staatlich begünstigte Ausstellung bedauert, keine Ecke für Dich zu haben, nicht die kleinste. Dagegen nehmen sie Schinken, die ein verrückter Norweger sudelt, auf, weil... weil so was international ist. Darum male ich jetzt Dachpfannen und Moos und quaste Mauern an und verdiene damit. Ich geh' überhaupt zum Handwerk; von Kunstgenossen, die nicht mehr können, als ich, mich bevormunden zu lassen, bin ich zu stolz.«

Ich sagte: »Jeder muß wissen, was er thut; und das ist wahr, an tüchtigen Professionisten fehlt es. Wenn Sie sich gesetzt haben, schicken Sie mir Ihre Geschäftskarte, unsere Malerarbeit bekommen Sie.«

»Nein,« rief er, »so meine ich es nicht. Ich widme mich dem Kunsthandwerk. Früher ersann jeder Handwerker sich seine Muster selbst. Heute ahmen sie nach, was vorhanden ist. Ich will Neues schaffen. Und ich kann es, habe ich doch im Geiste der alten Zeit ohne Muster jetzt gearbeitet und meine Schaffenskraft erkannt. Im Geiste der Neuzeit ersinne und zeichne ich weiter. Machen wir.«

Darauf zeigte er mir Verzierungen und Geranke, Beschläge und vielerlei, was er erfunden und gemalt. »Es lebe Alt-Berlin,« rief er, als er sah, wie ich mich daran ergötzte, »von ihm aus geht mein Lebensweg.«

»Vom Fischerdorf zur Kaiserstadt,« fiel ich ein, »nur Muth und Selbstvertrauen.«

»Und Arbeit und Gelegenheit zur Entfaltung des Könnens. Das Handwerk ist heute freier als die Kunst, die sich in Mode und Klickenwesen enge Zunftschranken zieht. Und verhungern, weil einige Leithämmel zur Veränderung sich auf dürre Haide verrannt haben? Danke. Ich will leben und verdienen. Und das machen wir.«

»Sehr vernünftig,« sagte ich. »Gut, wenn junge Leute zur Einsicht kommen; alten nützt sie meist nichts mehr.«

Er erklärte mir noch manches Alterthümliche, wie das Rathhaus und die Gerichtslaube mit dem Block und dem Halseisen. Da mußten die Verbrecher zu ihrer eigenen Schande stehen und wurden von den anständigen Bürgern ausgenetscht und mit faulen Eiern beworfen. Wenn Weiber sich gescholten und gehauen hatten, hing der Büttel ihnen einen Stein um den Hals und band sie aneinander und jede bekam einen Stock, in den vorne ein spitzer Nagel eingeschlagen war. Damit mußten sie sich gegenseitig prickeln, was umso besser ging, als sie blos ein Hemd anhatten. Bei besonderen Fällen wurde Hornmusik dazu geblasen. Das muß ein Spaß zumal für die Kinderwelt gewesen sein, die sich in ihrer Unschuld selbst an Schrecklichem freut. Gottlob, daß solche Strafen abgeschafft worden sind, obgleich es einige giebt, den das Prickeln nicht schadete. Wenn zum Beispiel die Krausen und die Ungermann in damaliger Zeit gelebt hätten, welche der andern wohl mit dem Nagel über gewesen wäre? Der Zunge nach zu rechnen, die Krausen. Aber sehen möchte ich es doch nicht. Lieber wäre mir ein Hochzeitstag auf der Straße. Der Maler sagte, später würden Alt-Berliner in ihren Trachten die Stadt bevölkern.

Nach und nach kamen Bauleute, Maurer, Zimmerer und mancherlei Arbeiter, denn die Mittagszeit war um. Ich bedankte mich bei dem Dachpfannen-Rafael, der weiter auf alt malte, und schritt durch das Spandauer Thor und über die Brücke in den Ausstellungspark.

Wie traumhaft war die Stunde in Alt-Berlin gewesen. Die bleibt der Erinnerung. —

Und nun hatten wir einen Familienabend nach Alt-Berlin verabredet, nämlich mein Karl und ich und der Amtsrichter Buchholz, der mit Verlegung seines Urlaubs unser lieber Gast war, nachdem Ungermann's sich verduftet und Kliebisch's sich auf ihre Klietsche zurückgezogen hatten.

Ungermann's Abgang war höchstes Gebot. Mein Karl kennt wohl Kopfschmerzen aus früherer Zeit, aber solche wie am Morgen nach dem Brüderschaftpicheln mit Ungermann hatte er in seinem Leben nicht erlebt. Ihm saßen die Augen noch am Nachmittag schief und sein Appetit war einzig auf Selterwasser gerichtet. Dabei Neigung zu horizontaler Lagerung. O Karl, warst Du krank!

Kliebisch war auch vollgesogen genug, jedoch die Unruhe wegen seiner Gattin störte ihn verhältnißmäßig rechtzeitig auf. »Noch keine Nachricht von meiner Frau?« fragte er bekümmert. — »Nein,« entgegnete ich, »und ein Glück, daß sie weg ist. Betrachten Sie blos Ihr Spiegelbild, Herr Kliebisch, und sagen Sie, ob eine Frau Wohlgefallen an solchem Portrait finden würde? Wo in aller Welt sind Sie gewesen?«

»Ausstellung,« brachte er hervor. »Dressel... Alt-Berlin.« —

»Sonst nirgends?« — Er seufzte leidend. — Ich schenkte ihm Kaffee ein. Den trank er. Brötchen interessirten ihn nicht. Dann fragte und klagte er wieder nach seiner Frau.

»Ich denke, Ihre Tochter wird ihre sieben Sinne allmählich so weit beisammen haben, daß sie Auskunft geben kann,« sagte ich. »Heute Nacht war sie übermüde. — Die Mutter wird ihr Kind doch nicht ohne Abschied verlassen haben?«

»Eine Mutter, die durchgeht, nimmt keine Rücksichten. Keine!« rief er bitter. »Berlin ist ein schrecklicher Ort, überall Verführung.«

»Das müssen Sie selbst am besten wissen,« warf ich ihm kühl vor. »Meinen Mann so zuzurichten. Schämen Sie sich.«

»Oho! Buchholz war der Fidelste; nicht nach Hause zu kriegen. Wenn ein Mann einmal seine langentbehrte Freiheit genießen kann...«

»Was? Sie wollen meinen Mann herabsetzen, Unfrieden stiften, Eheglück ruiniren? Glauben Sie, das mit einem Sack Kartoffeln gut machen zu können? Doch bei mir nicht?«

Die Anlappung verschüchterte ihn. — »Hätte er eine Ahnung gehabt, daß er lästig fiele, wäre er garnicht gekommen,« sagte er mucksch, »und das Beste wäre wohl, er ginge gleich.«

Ich entgegnete, ich allein könnte nicht ab- noch zureden, in unserem Hause hätte mein Mann die Oberleitung, der wäre vollkommen frei in seinem Willen, augenblicklich jedoch zu unwohl, um gefragt zu werden.

»Gut,« sagte er, »ich gehe mit meinem Kinde.« — Ich schwieg.

Er hin und Anna'chen geweckt und es gehetzt, sich reisefertig anzuziehen. Jedoch dies Packen konnte ich nicht mit ansehen, das war purer Kuddelmuddel, weshalb ich helfend eingriff. Die Kleine war noch schlafhaft. »Anna,« fragte ich, »hat Mama Dir nichts gesagt, als sie ging?« — »Nein.« »Auch Ottilie nicht?« — »Nein.« — »Besinne Dich doch.« — »Ja, einen Brief gab sie mir.« — »Wohin hast Du den gelegt? Auf den Tisch?« — Das wußte sie nicht. — »Unter's Kopfkissen?« — »Ich glaube.«

Wir suchten. Kein Brief zu finden. »Hat Mama Dir wirklich nichts an mich aufgetragen?« — »Mama meinte, Ottilie würde Alles schreiben, ich behielte es wohl nicht richtig.«

»Sie kennt Dich, scheint's. Kind, einen Rath geb' ich Dir: geh' nie allein aus die Straße, Du kommst unter'n Leichenwagen.«

Darüber entsetzte sie sich und fing an zu flennen. Nun war nichts mehr herauszubringen. Zum Verzagen.

Um Elfen verabschiedete sich Ungermann sehr höflich und gemessen mit dem Wunsche, daß die Beziehungen der beiden Häuser die altbewährten bleiben möchten. »Ihre Kundschaft wird meinem Manne stets schätzenswerth sein,« sagte ich, »und ich hoffe, daß Sie mit dem zufrieden waren, was wir bieten konnten. Ungarische Gräfinnen verkehren leider nicht bei uns, dafür sind Uhr und Kette sicher.«

Er versuchte zu lächeln, es war aber danach. »Ich verlasse Berlin mit den Erfahrungen, die ich zu sammeln vorgenommen,« erwiderte er. »Man wird meine Bemühungen an rechter Stelle anerkennen, auf Mißverständnisse rechnete ich von vornherein und wie ich sehe, sie sind nicht ausgeblieben.«

Nun lächelte ich. Daran erkannte er, wie ich dachte. So ein Leisetreter.

Um Zwölfen gondelten Kliebisch und Tochter ab. Ich hielt es für meine Pflicht, das Kind sicher in die Eisenbahn zu befördern, und fuhr bis zum Alexanderplatz mit. Kliebisch gab die Koffer auf, während ich die Anna an der Hand hielt, um sie nicht im letzten Augenblick zu verlieren. Sie weinte, der jählingse Luftwechsel war ja auch so seltsam für sie.

Dann stiegen sie ein. »Anna,« fragte ich noch einmal, »Kind, kannst Du Dich gar nicht besinnen, wo Du den Brief hast?« — »Ich glaube in der Tasche« — »Dann her damit.« — Sie fuhr in ihr Gewand und grabbelte. — Kein Brief. — »Er ist in dem anderen Kleide.« — »In welchem?« — »Das ist unten im Koffer.«

Die Lokomotive pfiff, der Zug setzte sich mitsammt den Koffern, dem Kleide und dem Brief in Bewegung. Herr Kliebisch sah sehr unglücklich aus, entweder wegen des beschleunigten Abschieds, oder aus alkoholischen Gründen von gestern, oder wegen der Zukunft seiner Aeltesten. Denn was soll aus dem Wurm werden? Schließlich heirathet es einen Canditaten der Viehlologie mit gleichgesinnten Anlagen und nachher wundert so was sich, wenn die Landwirthschaft einen Aufschwung nach rückwärts nimmt. In dieser Weise sah ich wahrsagend voraus; hingegen die letzte Vergangenheit war mir unklar, da Niemand sagte, was sich ereignet hatte, und noch nicht offenbarte was mir blühte. Gerade in diese Unruhe fiel der Amtsrichter.

Der Mann war jedoch gleich so gemüthlich, daß ich Stab und Stütze in ihm hatte. »Der Vetter hat die Bier-Influenza,« sagte er, meines Karls Zustand verständig durchschauend, »und wenn ich Ihnen, verehrte Cousine, ungelegen komme, nur keine Schüchternheit. Ich ziehe sofort nach der Putsch oder wie sie heißt.«

»Nein, die Butschen hat voll besetzt, immer solche Fremde, die das Nachtgewand in Packpapier mitbringen. Sie bleiben bei mir.«

Um die Weitläufigkeit der Verwandtschaft abzukürzen, betitelten wir uns vetterschaftlich und der Amtsrichter machte von seinem Familienrechte gleich Gebrauch, indem er meinem Karl eine bengalische Auster anrührte, aus einem Eigelb, einem Theelöffel Salz, ebenso viel Pfeffer und Mostrich mit einem Cognac gemildert. Er giebt sie seinen Assessoren und Referendaren, denen das Recept immer hilft, wenn sie Montags leidend sind. Auch meinem Karl nützte es; er schwor, nie wieder mit Ungermann auszugehen, als er noch an dem Nachgeschmack würgte.

Während mein Mann sich langsam auf sich selbst besann und der Herr Vetter sich häuslich einrichtete, kam die Kliebisch angesegelt. Aber der Aufstand, als sie Gatten und Töchterchen abgereist vorfand. Und keine Erklärung angenommen, sondern mich verantwortlich gemacht. Zum Glück hatten wir in der Person des Vetters ein lebendes Tribunal im Hause, so daß die Hauptinjurien mehr innerlich gedacht als äußerlich angebracht wurden. Justiz erfordert Vorsicht.

Wegen Ottilie mußte der Amtsrichter eine richtige Sitzung abhalten mit Belastung und Entlastung und Dorette als Zeugin. Als ich verlangte, mein Mann müßte sein gestriges Alibi nachweisen, wodurch ich erfahren hätte, wo die Drei gewesen, bemerkte der Vorsitzende: »Zeuge hat nicht nöthig, Nachtheiliges gegen sich auszusagen.« Mein Karl athmete erleichtert auf. Was sie wohl betrieben haben? Und mir schien, als wenn der Amtsrichter sich das Lachen verbiß.

Die Kliebisch kam nach und nach so weit, daß sie nicht mehr ganz vorbei antwortete und sagte, es müsse Alles in dem Briefe stehen, den Ottilie geschrieben hatte, während sie mit Herrn Brauns gegangen war, Verlobungsringe zu besorgen und eine kostbare Brosche und was Ottilien sonst noch fehlte, bei Herrn Brauns Eltern einigermaaßen nicht als Bettelprinzessin erscheinen und was sie im Zorn redete. Sie hätte den Anstand des Hauses gewahrt und Ottilie zu Herrn Brauns Eltern begleitet und der Dank dafür sei die Vertreibung ihres Mannes und Kindes. Ob ich es verantwortet hätte, Herrn Brauns und Ottilie allein reisen zu lassen? Er wäre ja wie ein Wahnsinniger aus Liebe, da hätte sie nach Feuer und Licht sehen müssen.

Also Rudolph hatte sein Mädchen entführt.

»Sehr recht,« sagte mein Karl. »Er ist nicht der Mann, lange zu zappeln. Ich hätte es eben so gemacht.«

»Karl, aus Dir redet die bengalische Auster. Schweige und bereue Dein gestriges Betragen.«

Der Amtsrichter stiftete friedlichen Vergleich und ich war froh, endlich zu wissen, wie Haase gelaufen war. Meine Verantwortung hörte auf, die jungen Leute hatten ihr Schicksal selbst in die Hand genommen. Schließlich dankte ich der Kliebisch noch, daß sie mit Rudolph und Ottilie als Ehrenwache gegangen war. Die Eltern hatten die künftige Schwiegertochter wohlwollend empfangen. Das war ein Lichtblick nach so vieler Finsterniß. —

Und nun waren wir ein Trifolium, wie der Amtsrichter betonte, und zwar ein vergnügtes. Mit ihm die Ausstellung durchpilgern, war reizend. Erstens hatte er Verständniß und zweitens Durst immer zur rechten Zeit, nicht wie Kliebisch, der an den Zapfstätten schwer vorbei zu bringen war. Der Familienabend in Alt-Berlin war sein Vorschlag. Theil nahmen außer uns Dreien noch Betti und ihr Mann und der Sanitätsrath und Frau.

Wie anders war Alt-Berlin jetzt, als damals in der Mittagseinsamkeit. Wie von einem Jahrmarkt überschwemmt ließen die Gassen; Verkaufstisch an Tisch und Waaren darauf: der ganze Quark, Stück 'ne Mark. Das war nicht gerade mittelalterlich, trotz der Maskentrachten der Mamsellen und der Landsknechte. Und in den Häusern Kneipe an Kneipe mit und ohne Musik, und Kostümtrompeter auf den Plätzen, daß eine heftige Art von Lustigkeit herauskam.

Wir versuchten in die wegen ihrer Grobheit beliebte Bauernschänke zu dringen, konnten jedoch nicht ganz hinein, so voll war sie. »Machen Se man, dett Se wieder raus kommen,« schrie der Wirth uns an, »Se sehen doch, dett hier anständige Leute sitzen.« — »Hierbleiben!« schrieen die Gäste. — »Rin mit der Schwiegermutter,« rief der Wirth, »die fehlt noch in meinem Museum.« Da gröhlten sie Alle: »Wir brauchen keine Schwiegermama — ma.« Mit dieser Probe vollkommen befriedigt, wandten wir uns zum Gehen und es war auch Zeit, daß wir die Thür frei machten, da uns ein Herr nachgeworfen wurde, der wohl lange genug drinnen gesessen hatte. Brüllendes Gelächter belohnte den handgreiflichen Scherz. — Ob es wohl in der großen Kurfürstenzeit ähnlich so herging? Ich will hoffen, daß dieser Ton sich aus Alt-Berlin nicht auf Berlin verbreitet. Das wäre eine üble Ausstellungserbschaft.

Doch nun kam das belebende Element durch die Gassen daher, der historische Festzug. Es waren Männer und Frauen, wie vom Theater ins Freie verirrt, bunt angezogen, mit falschen Bärten und Perrücken und was Helden und Knappen und Ruinenfräuleins und ihre Zofen so um Fastnacht tragen. Bei Licht, aus Opernglasferne, vielleicht ganz annehmbar, in der Nähe und bei Tage jedoch zu ungediegen.

»Entweder ganz echt oder gar nicht,« meinte der Amtsrichter. — »Oder wenigstens komisch,« erwiderte ich. »Die Ritter z. B. mit Ofenröhren und Theekesseln, daß man lachen könnte.«

»Hier scheint etwas zum Lachen zu sein,« sagte er. »Gehen wir hinein in die Singspielhalle?«

»Ich fürchte, es ist zu rauchig drin für die Damen,« weigerte sich mein Karl. Das fiel mir auf. Wir hinein. Ich voraus.