Ein großer Raum, am Ende eine Bühne. Auf der Bühne vergoldete Stühle und auf den Stühlen ein gutes Dutzend Sängerinnen. Alle in kurzen Kleidern, wenn man, was sie anhatten, noch ein Kleid nennen will. »Dies ist ja ein Tingeltangel,« sagte der Sanitätsrath, »gehen wir.« — »Den hab' ich längst einmal sehen wollen,« entschied ich, »bleiben wir.«
Nun sang eine nach der anderen. Immer von Liebe mit Zubehör. Stimme meist nicht vorhanden. Dafür um so mehr Mimik. Mir wurde siedeheiß, wie sie sich betrugen. Aber die Herren in den Vorderreihen johlten Beifall und die Frauenzimmer lachten ihnen zu und machten Augen. Und was für welche! Nun wußte ich, wieso Ungermann seine multerigen Bekanntschaften in Alt-Berlin gemacht hatte, dies war sein Stammlokal gewesen und meinen Karl hatte er auch hingelockt. Warum wollte der sonst sich drücken?
Unsere Herren waren verlegen, daß wir Damen einmal sahen, wie ein Tingeltangel beschaffen ist, bis auf den Amtsrichter, der sich amüsirte. Der durfte, der war unverheirathet.
»Was sagst Du dazu?« fragte ich Betti. Sie antwortete nicht. Sie war bleich und saß kerzengerade, wie früher immer, wenn sie in tiefer Seele litt. Ihre Blicke ruhten fest auf ihrem Mann, als suchte sie auf seinem Antlitz zu lesen. Er war ja auch einst flott gewesen, wie die jungen Leute da vorne, die den Sängerinnen Champagner auf die Bühne reichten. Gedachte sie vergangener Zeiten?
»Komm,« sagte ich. Sie stand auf und nahm meinen Arm. Ohne rechts und links zu sehen, zog sie mich auf die Gasse, durch die Menschenmenge zum Georgenthore hinaus in die grünen Buschwege des Parkes.
»Was hast Du, Betti?« — Sie athmete schwer auf. »Es war ein böser Traum,« sagte sie mühsam. »Ich will nie wieder an ihn denken. Nie wieder nach Alt-Berlin.«
»Kind, Alt-Berlin ist so schön.«
»Aber die Menschen darin! Mama, wo ist mein Felix?«
Er kam mit den Anderen.
Unrecht hatte Betti nicht. Was die Künstler schaffen, verdirbt der Ungeschmack. Aber es soll doch nur Geld verdient werden.
Ein zu allerliebster Mann, der Amtsrichter. Wenn ich nur erst eine Frau für ihn hätte. Ich habe freilich meinem Mann geloben müssen, nie wieder Menschen in ihr Glück zu stürzen, aber um den Amtsrichter wäre es ewig schade, wenn er als Junggeselle verbraucht werden sollte, und mit zarten Blumenstengeln auf die Annehmlichkeiten einer liebevollen Häuslichkeit hinweisen, liegt in dem Gelöbniß doch wohl nicht mit darin.
Und ich hoffe, er bekehrt sich noch, allein schon wegen der Gaskochmaschinen, mit denen es eine wahre Lust sein muß, einen Hausstand zu begründen. Von der elektrischen Küche will ich gar nicht reden: man stellt die Pfanne auf einen beliebigen Tisch, dreht die Schraube und der Eierkuchen ist fertig. Es ist erstaunlich, wie weit die Verfeinerung der Menschheit jetzt reicht. Vergleicht man hiermit die Wilden, glaubt man kaum in demselben Jahrhundert mit ihnen zu leben.
Für nur dreißig Pfennige Thoreinlaß treten wir in unsere Kolonieen, am Karpfenteich zwischen den Gebüschen malerisch gelegen, und können eine Vorstellung von unseren Erwerbungen in Afrika gewinnen.
Viele sind gegen Kolonialbesitz, viele dafür. Mein Karl war bisher der Meinung, er koste nur und brächte nichts ein. Onkel Fritz behauptet, wir müßten ihn haben, weil in absehbarer Zeit Deutschland so übervölkert würde, daß kein Platz mehr wäre. »Fritz,« sagte ich, »sie nehmen das Tempelhofer Feld zu.« — »Worauf sollen dann die Paraden abgehalten werden?« entgegnete er. Daran hatte ich nicht gedacht. Kolonialpolitik hat doch so ihre Eier.
Die Hütten der auswärtigen Eingeborenen sind für das Stralau-Rummelsburger Klima nicht geeignet, dagegen nach der afrikanischen Bauordnung einwandsfrei. Wie die Schwarzen froh sein werden, wenn sie sich wieder an der heimathlichen Sonne wärmen können und ihre Kultur-Sendung in Treptow erfüllt haben, und verwilderter zurückkehren als sie kamen.
Für mich ist es schier unmöglich, die einzelnen Stämme auseinander zu halten, welche die Suaheli sind und welche die Massai oder Dualla oder Papuas oder wie sie sonst geschrieben werden, zumal wenn sie sich mit rother Farbe geschminkt haben und wie anglühende eiserne Oefen aussehen. Seitdem ich obendrein weiß, daß die Papuas arg nach Menschenfleisch sind, geh' ich nicht dichte ran. Nächstenliebe mit Einbeißen ist nicht mein Fall.
Der Amtsrichter ist dem Kolonialischen geneigt und hat sich eingehend damit beschäftigt, schon allein, weil mit der Zunahme der Verbrecher doch vielleicht die Einrichtung von Strafprovinzen nothwendig wird.
»Herr Vetter,« fragte ich, »angenommen den Fall, Sie verdammen einen unverbesserlichen Rufti, dessen Geschäft in Messerstechen und ähnlichem Frevel besteht, nach Papuanien und die dunklen Reichsbrüder essen ihn auf, wäre das nicht eine verschmitzte Art Hinrichtung mit Umgehung des Gesetzbuches und zöge Ihnen Anklage zu?«
»Vorläufig noch nicht,« entgegnete er. »Aber es kann so kommen; dem grünen Tisch ist Alles möglich.«
»Warum wird er nicht anders bezogen? Wenn die alte Kulör nicht taugt, her mit einer frischen.«
»Das Grün frißt sich doch immer wieder durch,« sagte er. »Es ist der Grünspan des Staates, alt und ehrwürdig.«
»Aber giftig.«
Er lächelte. »Ein gesunder Organismus überwindet ihn.« — »Aber er spuckt.« — »Das Recht hat er.« — »Hat er doch etwas.« — »Was das Volk kneift, thut dem werdenden Geheimrath nicht weh,« sagte Onkel Fritz.
Unter diesen Gesprächen gelangten wir zu der Festung Qui-kuru qua Siki. Das ist ein heimtückisches Werk von außen und noch heimtückischer von innen. Die Wälle, dick und fest aus Palissaden und Lehm, sind mit hohen Stangen besteckt und obendrauf weißgebleichte Todtenschädel, die grinsen: Kommt nur heran, auf diese Manier wird hier frisirt. — Geht man durch das enge Thor und sieht die Gräben und Gänge, wie in einem Irrgarten, hat man nur einen Gedanken: hier wird abgemurkst! Entrinnen ist nicht. Immer tiefer flüchtet man in die Mausefalle hinein und findet den Ausweg nicht wieder. Und nun fangen sie an zu schießen. Bums hier, bums da aus den kleinen Löchern in den Wänden und schleichen hervor mit Beilen und Lanzen und massacriren die Eindringenden. Höchst schaudervoll.
Obgleich diese Festung nur ein Stück Nachbildung der echten ist, kann man begreifen, daß solche Verschanzung für die Eingeborenen unüberwindlich war und selbst unseren Truppen nicht beim ersten Anrennen erlag. Aber wir kriegten sie und als sie sich nicht mehr halten konnte — Krupp vertrug sie nicht — da gab es einen Mordsknall. Der Häuptling Sike, ein unangenehmer Herr, der sich unseren humanen Sklavereiaufhebungsbestrebungen widersetzte und nebenbei Branntwein trank, hatte sich mit seiner Familie und seinen Schätzen auf ein Pulverfaß gesetzt und in die Luft gesprengt. Vier Tage hat die Festung gebrannt, mit Erdöl getränkt. Der Sieg war unser und die Kriegsentschädigung wurde in Elfenbein ausgezahlt. Aus dem Elfenbein werden Klaviertasten gesägt und die Klaviere gehen wieder nach Afrika zur Verbreitung der Kultur, die erst ihren Gipfelpunkt erreicht, wenn die Töchter der Wilden ebenso auf dem Piano herumrudern können, wie unsere.
Doch das hat noch gute Wege, denn von erhöhter Bildungsarbeit haben sie keinen Dunst. Ihre Hauptbeschäftigung ist herumlaatschen und sich die Zeit mit Langweile vertreiben. Man liest ja auch, daß verschiedene Stämme unter Tänzen und Freuden dahinleben, ohne die Sorge des Lebens zu kennen. Und das ist wahr, viel Sorgen machen die Weiber sich nicht. Wenn sie kochen, besteht ihre Maschine aus ungehobelten Feldsteinen und um ihr Geschirr zu scheuern, greifen sie beliebig in den neben ihren Füßen befindlichen Erdboden, nehmen eine Handvoll und klarren Pfannen und Kessel damit aus. Wenn das nicht sorglos ist, weiß ich nicht, was sonst! Vielleicht ihre Kleidung? Was die Kinder anbetrifft, die haben blos Natur an. Sonst sind sie süß. Es muß an den Augen liegen. Kinderaugen sind doch wohl auf der ganzen Welt dieselben.
Es war eine Mutter vor einer Hütte. Sie saß im Grase und spielte Pitsche-Patsche mit ihren Kleinen. Die jauchzten vor Lust und das junge Weib strahlte vor Glück. Ihre Augen leuchteten, ihre Lippen lächelten und die weißen Zähne schimmerten beneidenswerth. Ich glaube, die Liebe ist auch dieselbe, so weit die Erde rund ist.
Wir gebildeten Europäer standen an dem Gehege und sahen zu. Manche riefen Redensarten, die sie gottlob nicht verstanden, aber mir schien, als wenn die Frau unter ihrer Wangenschwärze erröthete, wenn den Schnodderigkeiten wieherndes Gelächter folgte. Sie erhob sich und blickte die Weißen an. Was sie wohl dachte? Dann nahm sie ihre Kinder an der Hand und verzog sich in die Hütte. Und wir verzogen uns auch.
»Die wären richtig weggegrault,« sagte Onkel Fritz. »Haben sie Dir gefallen, Erika?« — Seine Frau schwieg. Nach einer Weile sprach sie: »Die Frau that mir so leid.«
Von großem Interesse waren uns die Zauberhütte und die Götzenbilder, weil Niemand Gewisses darüber weiß. Gerade das Geheimnißvolle reizt. Selbst der Amtsrichter konnte keine Auskunft geben. Dagegen erklärte er uns das Versammlungshaus der Papuas. Kein Weib darf die Baracke betreten und vor allen Dingen nicht die große Trommel erblicken, auf der sie das erzeugen, was als Heidenlärm bekannt ist. Solche Furcht haben sie vor ihr, daß sie erschreckt fliehen, sobald darauf gebummert wird. Ja, sie glauben, sie müßten sterben, wenn sie die Trommel blos sähen. Solchen Aberglauben haben die Männer ersonnen, damit sie ungestört ihre Feste und Schmausereien feiern können und keine Frau sie von den Gelagen heimholt.
»Ganz wie bei uns mit Herren-Abenden,« sagte ich. »Aber die Vergeltung rührt sich schon. Wie denken Sie über Frauenemancipation, Herr Vetter?«
»Ich bin für die Freiheit der Frauen,« entgegnete er höflich.
»Siehst Du,« stieß ich Onkel Fritz an. — »Eben deshalb heirathet er nicht,« sagte der.
Ich überhörte diese Unziemlichkeit, um uns nicht aufzuhalten. Denn noch lag die Kolonial-Ausstellung vor, die als eine Darstellung von Sansibar aufzufassen ist, in einer Mischung von afrikanischen Gebäuden und Berliner Erfrischungshallen. Eine bedeutende Sache. »Wir müssen festhalten, was wir haben,« sagte der Vetter, »ich freue mich, einen Einblick in die Wichtigkeit unserer Kolonieen zu erlangen. Hätte die Berliner Ausstellung nichts weiter gebracht, als diese Abtheilung, es wäre genug, ihr zu danken. Aber das genaue Studium erfordert Tage.«
Darin hat er recht. Allein schon das Tropenhaus giebt ein Bild von der Production, dem Handel, dem Verkehr und der Lebensweise des Europäers in unsern Schutzgebieten, vom Auswärtigen Amte hingebaut. Und sollte man denken, die eisernen Pfeiler, auf denen es ruht, sind unten mit ölgefüllten Becken umgeben, damit die Ameisen nicht hochkriegen und Alles zernagen, was sie vorfinden. Und unten hat die Luft freien Durchzug, die Fieberdünste wegzuwehen.
Drinnen die Möbel sind zum Theil aus dem schönen Neuguineaholz, ungeleimt, der Feuchtigkeit wegen und mit Messingschrauben zusammengehalten; ebenso sind Schlösser und Schlüssel aus Messing wegen des Rostens. Jegliches ist für das Klima ausgetiftelt und zwar in Berlin. Die Gesammteinrichtung gefiel uns, besonders das Speisezimmer mit gedecktem Tisch, worauf in Wachs geformt die köstlichen Früchte lagen, die zur Speise dienen, und oben an der Decke die Punkah, ein Riesenfächer, den an der Tafel Sitzenden Kühlung zuzuwehen. An den Wänden die Gemälde schilderten die Gegenden, die Jagden und die Schlachten mit den Feinden und was sonst sich malerisch in Oelfarbe ausdrücken läßt, wie z. B. unsere Schutztruppe in graugerippten Sammt und Naturlederzeug mit Gamaschen und Tropenhut; kolossal schneidig. Auch das Schlafzimmer des Gouverneurs war besichtigungshaft. Einer selbst war nicht drinn, wohl aber sein Bett mit Fliegenschleier, Nachts die Mosquitos abzuwehren. Ich warf hin: »Wen das Gewissen nicht sticht, der schlummert auch ohne Gazevorhänge. Gegen Wilde sei man milde.«
»Du sollst in der letzten Zeit mächtig unruhig liegen,« sagte Onkel Fritz mir leise. — »Ich wüßte nicht, wann ich Dir etwas vorgeschlafen hätte?« gab ich zurück. — »Auch nicht nöthig, ich seh Dir doch an, daß Du nicht in Deiner gewohnten Gemüthsverfassung bist. Ist Kriehberg endlich beseitigt?«
»Nicht eher, als bis die Papuas ihn am Spieß braten. Er wankt nicht. Er behauptet, wir lögen ihm vor, daß Tante Lina ihr Geld fest verankert hätte und will auf Entschädigung klagen, wegen des Aufwandes, den er machen mußte, um standesgemäß mit Tante Lina und Ottilie aufzutreten.«
»Laß ihn klagen.« —
»Fritz, Alles — nur nicht vor die Schranken. Siehst Du, Richter können zu reizend sein, wie der Vetter, aber hängt ihnen den Talar um und sie sind unsicher. Paß acht, Kriehberg kriegt Recht. Er geht ans Reichsgericht. Das spricht ihm Ottilie zu und mir die Kosten. Wie das noch endet, weiß ich nicht. Mir steht der Verstand still.«
»Das merke ich. Warum legst Du dem Vetter den Fall nicht vor?«
»Der hat Ferien und will sich amüsiren.« —
»Wer sagt denn, daß er sich nicht darüber amüsirt?« —
Es kam mir eine Erleuchtung. Die Vorsehung will es, warum hat sie uns sonst einen Amtsrichter in die Verwandtschaft gebracht? Auch sind Ferien ohne jegliche Thätigkeit ungesund.
Mir wurde licht und froh im Sinn, gerade so als wenn man sich in fremder Umgebung verlaufen hat und sieht plötzlich ein Wirthshaus. Wir eilten den Anderen nach, die die Hospital-Einrichtung des Tropenhauses in Augenschein nahmen.
Bei all dem Obst und den Fieberlüften, den Ameisen und Gewürmen und Kämpfen können Krankheiten nicht ausbleiben und da ist denn der »Deutsche Frauen-Verein für Krankenpflege in den Kolonieen«, der in hilfreichster Weise für die Siechen in dem fernen Land sorgt, wo nichts zu haben ist, was Leidende benöthigen. Wie es in den Kolonieen zugeht und wie die Frauen hier nun thätig sind, das erfährt man aus der Vereinsschrift »Unter dem Rothen Kreuz«, die ich sofort bestelle. O, wie viel können wir da wirken für unsere Landsleute und für die Schwarzen. Güte bindet fester als Gewalt.
Auf dem Liebesgaben-Tische hatte Erika einen mit Kerzen geschmückten Tannenbaum entdeckt. Er stand groß und breit zwischen den anderen Sachen, aber er war uns nicht aufgefallen, da wir ihn für putzende Grünigkeit hielten. Der Baum war ein künstlicher aus Gedrath und grünen Stoffnadelzweigen, täuschend wie eine Tanne aus dem Walde. Es war ein zweiter solcher Baum vorhanden, eng in eine Blechbüchse verpackt, nicht größer als ein einigermaßener Regenschirm, daß er sicher verlöthet, bis mitten in Afrika hinein versandt werden und überall um die Weihnachtszeit fast zwei Meter hoch aufgebaut werden kann, wo Deutsche weilen, die sich vergebens nach der Tanne sehnen, weil sie dort nicht wächst. Und ein Fläschchen ist dabei mit Tannenduft. Der wird auf den Baum gesprengt. Die Lichter brennen, Goldfrüchte hängen daran und in der Spitze schwebt der Engel mit dem Stern. Dann ist Weihnacht, deutsche Weihnacht. Die Fremden und die Wilden sehen das und fragen, was es bedeutet? »Deutsche Sitte,« wird ihnen gesagt. »Kommt und feiert mit uns das Fest der Liebe.«
Wenn wir Erika nicht bei uns gehabt hätten, wir wären achtlos vorübergegangen. Sie aber sah und fragte und uns wurde Bescheid. Onkel Fritz schrieb sich die Verfertiger auf, sie hießen C. Nicolai Söhne und wohnen in Hamburg. Er will überseeischen Geschäftsfreunden solche Tannenbäume verehren. Er weiß, was er thut.
Wir erlebten darauf im Freien den Aufzug der Afrikaleute. Es muß wohl so sein und sie sind wohl auch derselben Meinung. Männer, Weiber, Kinder schritten daher und machten ihre Musike, die mir klang wie orientalische Musik überhaupt. Die ist, als wenn Teppiche geklopft werden und Einer lernt Clarinette dazu.
»Nun, Schwager?« fragte Onkel Fritz. »Wie gefallen Dir die Kolonialbrüder und Schwestern?« — »Gar nicht,« sagte mein Karl, »was haben wir von ihnen?«
»Sieh doch nur genau hin, mich dünkt, die Strümpfe, die ihnen an den Stellen herunterhängen, wo sonst die Waden sitzen, könnten aus Deiner Fabrik stammen.« — Mein Karl prüfte. »Es sind von meinen halbwollenen,« sagte er, »die rothblaue Borde ist ein Versuch, der nicht recht einschlug.« — »Das ist eben der Segen der Kolonieen, wie ich Dir vor Jahren bereits gesagt habe: Die Wilden sind hundert Meilen hinter dem Leipzigerstraßengeschmack zurück.« — »Ganz zu verwerfen sind Kolonieen doch am Ende nicht,« erwiderte mein Mann. — »Karl,« sagte ich und wies auf einen besonders schlampigen Neger, »wenn alle so mit den Wollwaaren umgehen, wie der lange Lulei, kann der Absatz riesenhaft werden. Der hat schon mindestens vierzehn Zehen durchgestochen.«
Seit dieser Beobachtung ist mein Karl für Afrika etwas geneigter. —
Von Sansibar begaben wir uns nach Kairo. Als mein Karl und ich es zum ersten Male besuchten, genossen wir reine Wiedersehenswonnen und ein über das andere Mal riefen wir: sind wir denn wirklich nicht im Pharaonenlande, wo wir unvergeßliche Wochen zubrachten? So getreu ist das Kairo an der Coepenicker Chaussee hingestellt, mit Arabern, Beduinen, Fellachen, Eseln und Eseljungen besiedelt. Wir schwelgten über jedes, das wir als lieb Bekanntes begrüßen konnten. Es war mein einziger Wunsch, noch einmal hin nach Kairo, aber ich hatte ihn aufgegeben. Und nun wurde er so dichte bei erfüllt.
Wir trafen Leute, denen war unsere Begeisterung lachhaft. Die hatten sich unter Kairo ganz etwas Anderes vorgestellt: Flitterprunk, ungefähr als wenn im Opernhaus großes Galla-Ballet neu ist. Sie wußten nicht, daß der Orient allmählich untergeht, zerbröckelt und zerfällt, und ahnen nicht, daß die Gluthsonne des Morgenlands dazu gehört, ihn zu vergolden. Ich sagte: »Lesen Sie, Buchholzens im Orient, da steht's drin.« Was soll ich mir Quesen in den Mund reden, gegen vorgefaßte irrige Meinungen? Und wenn ein arabischer Stiefelputzer — es ist ja Horde die Bande, aber komisch und unverwüstlich — seine rasch gelernten deutschen Brocken redete, was sagten sie dann?
»Ackerstraße,« sagten sie, als wenn Berliner Schusterjungen gefärbt wären.
Es wird eben so viel gefälscht, daß die Leute bald an nichts Echtes mehr glauben.
So etwas verdrießt. Und gar zu viel Handel und Unfug treiben sie. Nicht die Egypter, nein die wirklich aus der Ackerstraße mit einem Tarbusch auf dem Kopfe und Pantinen im Benehmen.
Der Vetter verstand, das Echte vom Unechten zu scheiden, und Erika war wie in der Welt der Phantasie, die nahm das Ganze, wie es sich bot. Mit den Beiden die Bazargassen zu durchwandern, das war ein Vergnügen. Ich zeigte ihnen die vergitterten Haremsfenster. — »Arme Frauen,« sagte Erika.
Und in der Arena, die Beduinen auf ihren arabischen Pferden, wie sie daherstürmten und aus ihren langen Flinten schossen. Selbst Onkel Fritz meinte: »Hier könnte Renz auf die hohe Schule gehen.« Und der Hochzeitszug mit Kameelen und Sänften und dem farbigen Egyptervolk. Wer das sah, kann sagen, er hat ein Stück Orient gesehen.
Und alles das, die ganze Stadt doch nur ein Sommertagtraum. Wo jetzt die Moscheen stehn und die krummen Straßen Kairo sich hinziehen, grünen im nächsten Frühjahr die Kornfelder und wo der Muezzin zum Gebet rief, singt die Lerche. Kein Edfu-Tempel, keine Pyramide mehr, dahin, dahin. Und der Wind, der die Palmen nicht mehr findet, eilt weiter über die märkische Ebene, wie er gewohnt ist von jeher. Dann sind die Egypter bei den ihrigen und erzählen von Berlin Kebir, dem großen gewaltigen Berlin, und wir erzählen uns von der Märchenstadt am Nil, die zu Besuch war an der Spree.
Die Pyramiden sind ein Weltwunder des Alterthums. Daß sie mit Sack und Pack auf Reisen gehen, das ist ein Weltwunder unserer Zeit. Was unsere Nachkommen wohl anstellen, um die Vergangenheit zu überbieten? Denn mehr als Radschlagen kann der Mensch nicht.
Noch einige Tage und mein Hotel steht leer. Der letzte Gast, der Vetter Amtsrichter, muß wieder in Dienst. Daß ein so liebenswürdiger, hochgebildeter Mann von Verbrechen leben muß! Aber andererseits, wenn blos Edles auf Erden begangen würde, wären die gesammte Jurisprudenz brodlos, und es sähe für reich betöchterte Familien noch flauer aus als jetzt, wo zum Aufziehen gebildeter Weiblichkeit die Gelegenheiten immer massenhafter, die zum Versorgen jedoch immer zählbarer werden. Da steckt es.
Wir sehen ihn ungern scheiden und hoffen von nun an in regerem Verkehr zu bleiben, wenigstens einmal im Jahre, und dann auf längere Wochen. Die Uhren ticken freilich ihren gleichen Schritt, aber die Zeit wird eilsamer im Alter, und Wochen fliehen wie Tage und die Tage wie kurze Stunden. Kaum hatten wir uns über das erste Grün gefreut, und nun fielen schon gelbe Blätter hier und da. Und doch war der Sommer nicht eigentlich heiß gewesen, ausgenommen für mich. Mir war nicht schlecht eingekachelt worden.
Doch das war vorbei.
Ottilie schrieb mir reumüthige Briefe. Es war ja auch nicht 'was, durchzubrennen, während ich mich in ihren Angelegenheiten Reisegefahren aussetzte, aber indem sie um Verzeihung flehte und schriftlich über sich nachzudenken gezwungen war, kam sie zu der Erkenntniß ihrer Unvollkommenheiten, und den Gewinn schlage ich als ihre beste Mitgift an. Auch Musjeh Urian, ihr Verlobter, gestand seitenlang seinen Frevel ein und bat um mein ferneres Wohlwollen. Kann man ihm denn böse sein?
Verliebte sind unzurechnungsfähig, und Rudolph mußte man lassen, daß er verhältnißmäßig vernünftig gehandelt hatte, wenn man sich es recht benahm. Denn wie verliebt war er trotz Ottiliens Fehlerhaftigkeiten. Schöne Gestalt hat große Gewalt.
Das hatte Kriehberg auch an sich erlebt, obgleich nicht so wie Rudolph, sondern mehr mit Geldnebengedanken.
Ich fragte den Vetter Amtsrichter: »Wenn Einer von Einer schriftliche Indizien verwahrt und derselbe beabsichtigt, wenn diejenige demjenigen, der dieselben besitzt, denjenigen vorzieht, welchen dieselbe später kennen lernte, mit denselben zu schikaniren und derselbe sich nicht entblödet in das Ja vor dem Geistlichen hineinzufahren. Darf derselbe das?«
Der Vetter entgegnete: »Ich habe Sie nicht ganz verstanden, verehrte Cousine.«
»Das wundert mich, ich gab mir doch Mühe, Amtsstil zu reden.«
»Der ist bisweilen selbst ergrauten Actenlesern zu viereckig, als daß sie daraus klug würden. Aber wenn Sie die Güte haben, mir den Fall in der gewöhnlichen Umgangssprache mitzutheilen, hoffe ich, Ihnen Auskunft geben zu können. Und wenn ich bitten darf, ohne Voreingenommenheit und ohne Beschönigung.«
»Zu beschönigen ist nichts, Kriehberg ist, wie er ist, ein Subject.«
»Erlauben Sie, das scheint mir parteilich.«
»Wo denn? Wenn ich Partei nehme, doch für Rudolphen, und von dem hab' ich kein Sterbens-Atom erwähnt.«
»Ahem!« sagte der Vetter. »Liebe Cousine, so kommen wir nicht weiter. Also zunächst der genannte Kriehberg. In welchem Verhältnis stehen Sie zu ihm?«
»Herr Vetter, solche Fragen muß ich mir dringend verbitten. Ueberhaupt Kriehberg! Ich kenne keinen Menschen, mit dem ich quaranzetter stände, als mit ihm.«
»Ich verstehe. Waren Sie von Anfang an derselben Meinung?«
»Herr Vetter, wie jemand sich entwickelt, solchen Verlauf nimmt die Freundschaft!« Und nun erzählte ich ihm von den Berichten und von Kriehberg und Ottilie als Hilfs-Assistenten und von Tante Lina in ihrer Eigenschaft als Erbvorspieglerin und von Rudolph und Ottilien, als wirkliche Liebe, und von Kriehberg's Eifersucht und von Ottiliens Entführung und Kriehberg's Herausforderungsgelüsten, die sich sogar bis auf mein Lamm von Mann erstreckten. »Warum ist es nicht möglich, das Duell mit Stumpf und Stiel auszurotten?« fragte ich.
»Weil die Ehre, Gott sei Dank, noch lebt, die höher steht als das Leben. Ihr Hort gegen Vergewaltigung und Heimtücke ist der Zweikampf. Wer sich an die Ehre wagt, wisse, daß er sein Leben auf's Spiel setzt.«
»Ganz recht, auf den Zufall! Der entscheidet.«
»Wie im Kriege um die Ehre des Vaterlandes, der Sieg oft Werk des Zufalls ist. Wer die Ehre nahm, mag auch das entwerthete Leben nehmen oder das seinige lassen als Sühne. Wie es sich fügt.«
Die Antwort hätte ich mir denken können; die Schmisse des Herrn Vetter — sie stehen ihm nicht übel zu Gesicht — sagen ja offenkundig, daß er schon als Jüngling mannhaft für sich eintrat.
Und Rudolph hat auch so einen Kratzer auf der Stirn, von der technischen Studentenzeit und dem Farbentragen. Der geht los. Deshalb fragte ich: »Es existiren doch Festungen. Ist keine frei für Kriehberg, ehe er beleidigt und zwar mit lebenslänglicher Beköstigung?«
»Nein,« sagte der Vetter, »die Freiheit eines Menschen einzuschränken ist nicht gestattet.«
»Aber wenn man doch weiß, daß er Unheil anrichten wird?«
»Auch dann nicht.«
»Warum leben wir nicht mehr in Alt-Berlin, Herr Vetter? Damals saß die Senge loser als heute.«
»Sie machen sich unnöthige Sorge. Wenn das Fräulein die Verlobung rückgängig machen will, werden wir ausreichende Gründe finden. Er vermag ihr keinen Unterhalt zu bieten, sein exaltirtes Wesen deutet auf geistige Störung. Ist ihm irgend ein verschrobener Verwandter nachzuweisen, liefern wir ihn den Psychiatern aus.«
»Ist das sehr etwas Schlimmes?«
»Bei einem Anhänger Lombroso's ist er so gut wie verloren, dem genügt schon eine dämliche Kinderfrau zur erblichen Belastung bis ins vierte Glied.«
»Das ist Alles recht schön; aber wer hindert ihn, das Glück der Beiden durch seine Unvernunft zu stören? Und da Ottilie nicht frei von Schuld ist, welch' ein Brautstand wird das, welch' eine Ehe? Das ist meine Behauptung. Und solche Verbrechen an Glück und Freude sind straflos?«
Dies sah der Vetter ein. Glück muß rein sein, sonst ist es kein Glück.
Er ließ sich Kriehberg's Adresse von mir geben, von ihm selbst zu erfahren, ob er aus Liebe handele oder aus Eigennutz. — »Von jedem etwas,« sagte ich »halb sauer und halb mit Essig.« —
Als der Vetter wiederkam, waren wir einen Tippel klüger, aber auch nicht mehr. Kriehberg wollte gegen eine Abstandssumme zurücktreten und Ottiliens Briefe herabrücken.
Es waren man blos 5000 Mark, mehr nicht. Und die sollte ich berappen. Wer sonst?
Ottilie verfügte nicht über so viel. Und Rudolph konnte doch unmöglich seine Braut kaufen? Blieb ich allein vor dem Rest sitzen.
Oder Tante Lina.
Aber die konnte ja nicht an das Ihrige heran.
Machte ich mir wirklich ungelegte Eier, wie der Vetter meinte: »Genau genommen, geht Sie die ganze Angelegenheit gar nichts an.«
Wie oft hatte ich mir das einzureden versucht, und Onkel Fritz sagte es auch. Es half jedoch nicht. Mir war Ottiliens und Rudolphs Zukunft zur Herzensfreude geworden. Daran lag es, daß ich Unheil von ihnen zu wenden suchte, was jedoch erschwert wurde durch Ottiliens Rückkehr.
Rudolphs Eltern wollte sie zu mir bringen, meinen Karl und mich kennen zu lernen, und die Verlobung sollte gefeiert werden.
Und wenn wir rufen: »Hoch lebe das Brautpaar!« und Kriehberg stürzt herein und vollführt Aufruhr? Oder schießt gar? Und keiner mag an die Stunde zurückdenken, die sonst wie eine Sonne aus der Erinnerung in's Leben hineinstrahlt, wenn trübe Tage kommen. Weder Rudolph noch Ottilie. Und können sie auch nicht vergessen.
Ich setzte mich hin und weinte.
Dorette meldete Besuch.
»Ich kann Niemanden empfangen, ich habe Migräne.«
»Det paßt jrade. Der Herr is ooch wat Feines.«
»Mein Mann ist im Kontor.«
»Nee, er will bei Madame,« sagte Dorette und hielt mir die Karte hin.
Dorette hatte die Thür halb aufgelassen. »Verzeihen Sie, wenn ich ungelegen komme, aber meine Zeit ist gemessen.«
»Ich blickte hin, der Herr war mir fremd... und doch bekannt. Wo hatte ich ihn gesehen? Richtig, auf der Ausstellung. Er war es, Johannes Viedt.«
»Sie kommen von Tante Lina?« fragte ich, ohne die Vorstellungsförmlichkeiten zu erledigen.
»Ich bringe Grüße von ihr. Und um kurz zu sein, sie hat mich gebeten, einem jungen Manne in seinem Fortkommen drüben behilflich zu sein, einem Architekten...«
»Ja, ja,« unterbrach ich ihn. »Kriehberg heißt er, eine außerordentliche Kraft...«
»Freut mich zu hören. Für einen tüchtigen Baumeister ist bei uns ein lohnendes Feld. Ich selbst habe große Unternehmungen vor in St. Louis. Sein Weg ist gemacht, wenn er sein Fach versteht.«
»Besser als die anderen, er baut Ihnen Alles.«
»Sonderbar, und doch kämpft er mit Schwierigkeiten?«
»Wo soll er hier seine Kräfte entfalten? Aber drüben in dem freien Lande wird er Bedeutendes leisten.«
»Freut mich. Die Dame nimmt innigsten Antheil an ihm... wie eine Mutter.«
»Das fiel mir nie auf. Aber wer weiß?«
Er schwieg.
»Sie spricht nicht über ihre Vergangenheit,« fing ich an. »Und doch spürt man aus Allem, daß sie ein verlorenes Leben betrauert. Deshalb ist sie mitunter so verbittert, und wiederum weich zu anderer Zeit. Ist es ihr Wunsch, dem jungen Mann fortzuhelfen... ich würde ihn erfüllen, wenn es an mir läge... so bald wie möglich... vielleicht ist es die einzige Freude, die sie noch hat. Sie glauben nicht, wie ich ihr dies nachfühle.«
»Das macht Ihrem Herzen Ehre,« sagte Herr Johannes Viedt.
»O, bitte.« — Wie er sich wohl meine Erröthung deutete?
»Wo ist der junge Mann? Von Ihnen würde ich Auskunft erhalten...«
»Sagte Tante Lina? Ja, das habe ich ihr versprochen. Ich werde Ihnen Herrn Kriehberg senden.«
»Kaiserhof, Zimmer fünfundvierzig.«
»Soll geschehen.«
»Ich danke Ihnen.«
Er ging. Ich mit fliegender Hast auf und davon nach Kriehberg. Glücklicherweise traf ich ihn, wenn auch nicht in rosenfarbner Laune. Er sollte Miethe abladen und es fehlten ihm die Groschen.
»So weit sind Sie herunter und doch noch zu Pferde?« rüffelte ich ihn an. »Noch immer keine Einsicht? Und nun schleunigst mit Ihnen nach dem Kaiserhof, da ist einer von den amerikanischen Naböbbern, Sie mitzunehmen zum Cementanrühren und was Sie sonst vom Bau los haben. Aber so können Sie nicht antreten....«
»Ich kann doch meine Pfandscheine nicht anziehen?«
»Nee,« sagte ich, »aber wir können sie einlösen.«
»Würden Sie das?«
»Gewiß, aber erst her mit Ottiliens Briefen.«
»Sie legen mir eine Falle!«
»Junger Mann, die Vorsehung reicht Ihnen die Hand. Hier das erbärmlichste Elend — dort eine Zukunft, um die Sie Hunderte beneiden. Und sie zögern auch nur eine Minute? Ich zähle bis drei. — Mit drei ist unwiderruflicher Schluß. Also: Eins!«
Er rührte sich nicht. Ich ging einen Schritt auf die Thür zu.
»Zwei! — Freie Ueberfahrt nach den Goldbergen. Sogleich in Thätigkeit!« — Ich faßte den Thürgriff.
»Zwei ein halb. Adje Herr Kriehberg. Eins und zwei und...«
»Halt!«
»Na, sehen Sie!«
Er holte die Briefe hervor und die Versatzamts-Dokumente. Auch die Miethe wurde erledigt.
Und was sagte er, als ich ihm noch Taschengeld ließ aus der Wechselei mit seinen Hausleuten?
»Sie schreiben mir es wohl auf meine Arbeiten gut« — Ob das Bramsigkeit war den Leuten gegenüber oder Unverfrorenheit, daß er sich solche Worte herausnahm, soll unentschieden bleiben, ich ließ ihn ohne Antwort stehen. Mit dem war ich fertig.
»Aber er war noch lange nicht über das Wasser. Wenn Herr Viedt ihn nicht mitnahm?«
Ich hatte wenigstens die Briefe, damit konnte er nichts mehr anstiften.
Ich las sie zu Hause durch. Unverantwortlich überschwänglich mit himmlisch und entzückend, mit Liebe und Daseinswonne und Seligkeiten und doch kein Satz aus dem Herzen, sondern aus Büchern, ebenso wie ihre Wissenschaften eine bloße Behaltssache mit dem Kopfe; nichts Innerliches. Solchen Brast hatte ich oft genug gelesen; wahrscheinlich in denselben Romanen, woraus Ottilie sich mit Liebesweisheit belernte. Nein, geliebt hat sie Kriehberg nie. Es war die reine Gymnasialpoussade, nicht mehr und nicht dauerhafter, ohne einen Fleck zu hinterlassen, obgleich man nie vorsichtig genug sein kann! Umgang färbt ab.
Und doch der Schreck, als Kriehberg am Spätnachmittage erschien... Natürlich Herrn Viedt vor den Kopf gestoßen und der Tanz beginnt von Neuem, war meine feste Ueberzeugung.
Aber gottlob nein. Der Himmel hatte ein Einsehen gehabt mit meinen Leiden. Er war angenommen, am folgenden Tage ging es nach Hamburg und von da in die neue Welt, neuem Leben entgegen. Nun wollte er mir danken.
»Herr Kriehberg,« sagte ich, »daß Sie glauben, mir Dank schuldig zu sein, nehme ich als ein Zeichen Ihrer Reue an, im Uebrigen will ich Ihren Dank nicht. Was ich für Sie ausgelegt habe, steht zu Buch. Sie werden mir es wiedererstatten, wenn Sie in Dollars wühlen. Wir haben blos geschäftlich miteinander zu thun. In meiner Zuneigung haben Sie weder Sitz noch Stimme.«
»Wenn Sie wüßten, wie die Gesellschaft mich behandelt hat, diese selbstsüchtige, verlogene Brut, die mir feindlich gesonnen ist von jeher, die mich nie verstanden hat...«
»Ach was, Gesellschaft! An Ihnen liegt es, daß Sie überall gegen rennen. Sie wollen mehr für Ihr Bischen Können haben, als es werth ist, das ist Ihr Zorn. Verstehen Sie die Welt, dann werden Sie wieder verstanden werden.«
Das mochte er nicht hören, er empfahl sich mit einer kurzen Verbeugung und verschwand. —
Ich athmete auf, die Luft war rein. Aber ganz frei fühlte ich mich erst, nachdem ich dem Vetter die Unterhaltung mit Kriehberg erzählt hatte. »Wenn jetzt nichts aus ihm wird, trifft mich keine Schuld,« schloß ich, »an ihm ist gethan, was gethan werden konnte.«
Der Vetter lächelte. »Keine mächtigere Gunst als Frauengunst,« sagte er. »Nach meinem Urtheil ist Kriehberg ein Mensch, der immer wieder angebracht werden muß, da er selbst sich meistens unmöglich macht. So einer ist auf Protection angewiesen und findet sie auch, so bald es ihm gelingt, mit doppeltem Boden als vielversprechendes Talent zu imponiren und als verkanntes Genie Mitleid zu erwecken. Und hat er einmal die Gönnerschaft eines weiblichen Herzens gewonnen, bleibt sie ihm und hilft ihm vorwärts, auch wenn er sie nicht mehr verdient!«
»Sehr richtig, Herr Vetter, als wenn ich Tante Lina leibhaftig vor mir sähe; meine Gunst dagegen hatte Kriehberg längst verscherzt. Aber sagen Sie selbst, hätten Sie es über sich gebracht, ihn in seiner Laufbahn zu behindern? Schließlich dauert er Einen doch und er kann sich ja auch ändern.«
»Vielleicht findet er eine liebende Gattin, die ihn erzieht.«
»Für seine Zukünftige wäre das Beste, er bliebe unverheirathet. Oder auch er kriegte seinen Lohn durch sie. Die Vorsehung wird schon wissen, wie sie's anfängt« —
Mein Karl mußte noch einmal in seine Fabrikwohnung ziehen, da ich Ottilie bei mir hatte.
Es war ein wunderliches Wiedersehen, als sie kam und nicht wußte, ob es Schelte gäbe oder gute Worte und er dabei war, ihr Bräutigam. In seiner Gegenwart mich einer Kanzelrede für fähig zu halten, traute sie mir nicht wohl zu, aber wäre inhaltlose Höflichkeit nicht eben so hart gewesen, wie ein Ausputzer mit Amen und Sela? Genug, sie fürchtete, ob ich doch nicht...
Nein. Als sie zögernd dastand und ihre Blicke schüchtern baten, breitete ich die Arme aus und sie umhalste mich schluchzend und bebend.
»Kind, Kind, es ist Alles gut,« sagte ich und flüsterte ganz leise: »Alles, Alles.«
Sie mußte verstanden haben, was ich meinte. Nun ließ sie mich erst recht nicht los.
»Da sehen Sie, was Sie angerichtet haben,« wandte ich mich an Rudolph. »Sie sind mir der Rechte. Sie versprechen mir, keine Thorheiten zu begehen — ja, das haben Sie — und kaum bin ich aus der Sehatmosphäre, entführen Sie Ottilie.«
»Das war doch keine Thorheit.«
Als er das sagte, lachte er über das ganze Gesicht. Und ich... ich lachte mit. —
Herrn Braun's Eltern waren im Hôtel de Rome abgestiegen, mein Pfuschhôtel konnte ich ihnen nicht gut anbieten; sie sind es vornehm gewohnt, wenn auch nicht ausgeschlossen ist, sie einmal in richtiger Berliner Manier bei uns zu sehen, mit warmem Abendbrot, einfach und gediegen und dafür lieber etwas reichlich. Die Leute sind wirklich nette Leute. Obgleich so reich, mußte ihr Sohn von der Pike auf dienen, arbeiten und schlossern und schmieden und zeichnen und rechnen, als hätte er nichts zu erwarten. Und deshalb hatte er auch die Freiheit nach seinem Herzen zu wählen. Er konnte etwas und stand auf eigenen Füßen.
Und dabei die Ungermann, des älteren Herrn Brauns' Schwester. Familienäpfel fallen doch manchmal sehr weit vom Stamm. Oder aber Ungermann hat sie schädlich angewöhnt. Der ist nach keiner Richtung empfehlenswerth. Denn anstatt von meinem Karl einen größeren Posten zu kaufen, hat er eine Lappalie bestellt und unserem Konkurrenten alle verregnete Waare billig abgenommen und sonst noch viel dazu. So etwas gehört sich nicht. —
Braun's besuchten die Ausstellung nicht des Vergnügens wegen, sondern in wichtigster Absicht. Es galt, dem Sohn ein eigenes Heim einzurichten, und wo konnte das Zubehör besser ergründet und beschafft werden, als da, wo das Beste und Schönste nahe bei einander war?
Das höchste Ziel des heutigen Menschen ist eine eigene Villa. Ottilie hatte es erreicht. Die Pläne waren bereits entworfen, die Ausstattung stand fertig in den Hallen der Ausstellung. Wir brauchten blos aussuchen. Brauns senior bezahlte.
Wie ganz anders doch die einzelnen Gegenstände erscheinen, wenn sie erworben werden sollen und nicht als gewerbliche Anstauungsleistungen ermüden. Und Möbel haben wir gewählt: propper! Die Villa wird kostbar. —
Auch die Hochzeitsreise ist bereits geographisch abgesteckt, mit Madrid als Endpunkt. Nun kommt Ottilie dahin, und kann die spanische Residenz mit ihrer Examensarbeit vergleichen. Rudolph sucht eben jeden ihrer Wünsche zu erfüllen, selbst den weitesten. Wenn sie nur nicht verwöhnt wird. Aber Mama Brauns ist eine kluge Frau. Und Ottilie ordnet sich ihr unter aus freien Stücken. Sie hat ja eine Mutter in ihr wieder.
Als ich mit Ottilie allein war, am ersten Abend nach ihrer Rückkehr sagte ich: »Reich mir mal die Schweden und mach die Ofenthür auf.«
Nachdem sie dies gethan, hielt ich ihr ein Päckchen Papiere hin und fragte: »Kennst Du diese?«
»Meine Briefe!« rief sie verlegen.
»Deine Jugend-Dummheit. Von ihr soll nichts bleiben, als Staub und Asche. Weg und aus!«
Wie der Ofen voller Flammen prasselte, sagte ich: »Schade, daß wir Deine Wissenschaften nicht mit eins verbrennen können, oder ergiebst Du Dich ihnen auch noch ferner?«
»Nein, nein!« erwiderte sie rasch.
»Du hast noch manches nachzuholen, wobei Dir die Wissenschaft im Wege ist. Du mußt Hausstand studiren und Nahrungsmittel lernen und Dienstmädchen regieren und...«
»Meinen Rudolph glücklich machen.«
»Kind, das ist das einfachste von der Welt: Liebe ihn mehr als Dich.«
Sie faltete unwillkürlich die Hände und senkte schweigend das Haupt. Ich küßte sie.
Wenn ein Engel durch das Gemach flog, weiß ich wohin er ging mit dem stillen Gebet um Liebe. —
Die Verlobungsfeier fand in dem runden Thurmgemach im Hauptrestaurant statt. Auf der Ausstellung hatten die jungen Leute sich gefunden, dort wollte Rudolph uns alle an seinem Bräutigamsglück theilnehmen lassen. Wir kamen auch sämmtlich — Sanitätsraths hatten eigens nur dürftig zu Mittag gegessen — und Butsch und Frau hatte er gebeten, war sie doch sein Compagnon. Daß heißt Antheil wollte er nicht, das war Scherz gewesen, dagegen die Barometer-Idee der Butschen hatte er beim Patentamt gehißt. Zweitausend und hundertundfünfzig Mark hatte sie nach Abzug der Musterschutz-Auslagen bekommen und für später waren Procente in Aussicht.
Sie, die Butschen, strahlte, als ich ihr zu dem Erfolge gratulirte. »Wer hätte das für möglich gedacht?« sagte sie, »aber es ist so. Butsch will, daß ich noch ein Mädchen halte und blos noch sitze und erfinde.«
»Haben Sie denn schon wieder etwas?«
»Ach nee und wenn ich noch so blödsinnig nachdenke. Und Butsch thut es auch nicht gut. Der wird schon en ganzer Simulante.«
»Wie so?«
»Na ja, er simulirt in eins weg Barometer. Aber er bringt sie nicht zum Hacken.«
»Daß er nur sein Geschäft nicht darüber versäumt. Am Vorbei-Erfinden ist schon mancher zu Grunde gegangen.«
»Ach nee, da paßt er auf. Seine Weiße ist die Beste überall in der Gegend. Es kommt auch kein Tropfen Wasser mehr mang, als muß. Er will nicht an Ausstellungsfremden verdienen, wie viele thun. Butsch weiß, was er der Ehre Berlins schuldig ist.«
»Ja, ja,« sagte ich. »Es hat so jeder seine Ehre.«
»Wie meinen Sie das?«
»Liebe Butschen, so ausgezeichnet Sie auch im Erfinden sind, die Fragen der socialen Gesellschaft zu lösen muthe ich Ihnen nicht zu und wenn Sie noch drei Mädchen nähmen. Auch ist hier nicht der Ort für dergleichen. Kommen Sie, es geht zu Tisch. Wir werden vergnügt sein, so recht von Herzen vergnügt.«
»Buchholzen! Sie treffen doch immer die Gefühle Anderer mitten auf den Kopf. Wenn Eine vor Lust krieschen möchte, bin ich es. Blos ich habe Bange, daß Butsch zu viel kriegt. Dann singt er. Passen Sie auf, er singt.«
Wir aßen und tranken und waren froh. Es war zu hübsch. Und so schön auch Gemach und Tafel waren, mit Blumen und kostbarem Gedeck, das schönste war doch das Brautpaar. Und wir Alle freuten uns an ihrem Glück.
Als es dunkelte, begann draußen die Illumination. Wir traten an die Fenster und blickten auf den lichtumrankten See, auf den Flammen-Springbrunnen und das Hauptgebäude, das wie ein Riesenschloß in feurigen Umrissen gegen den Nachthimmel stand. Und die Töne der Musik drangen herauf in jubelnden Weisen.
»Ein Fest der Arbeit ist die Ausstellung,« sagte der alte Herr Brauns. »Möge allzeit Segen ruhen auf redlicher Arbeit, sie ist die Kraft des Vaterlandes.«
Rudolph winkte. Die Lohndiener brachten frisch gefüllte Gläser mit Dressel's bestem Rheinwein.
»Der Deutschen Arbeit in Deutschem Wein!« rief er, »Ihr gilt dieses Glas.« Und dann noch eins:
»Auf das, was wir lieben!«
Und Herr Butsch stimmte an:
»Hoch soll'n sie leben. Dreimal hoch!«