Von den Findlingshäusern.

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Mir ist es unbegreiflich, wie man noch in unsern Tagen hin und wieder behaupten kann, daß es nicht rathsam sey, im Staate Findlingshäuser zu haben! — Wem es nicht gleichgültig ist, ob gefallene Mädchen Kindermörderinnen werden; ob unglückliche Findlinge durch Elend umkommen, oder zu schlechten Menschen erwachsen; dem kann wahrlich hierüber wohl kein Zweifel aufstoßen. — In dem gesellschaftlichen Zustande ist es nun einmal unvermeidlich, daß ein großer Theil und zwar gesunder Menschen im ehelosen Stande leben muß. Die Zahl vermehrt sich noch täglich durch die immer wachsenden, künstlichen Bedürfnisse, und daher ist es sehr natürlich, daß die Natur das Recht des alten Sprichworts: naturam expellas furcâ etc. zuweilen wieder geltend zu machen sucht. Da nun der Staat wohl nie Ehebruch und Hurerei ganz wird stören können, so soll er — wahrlich diese Sache nicht befördern, nicht begünstigen; aber — dem Mord vorbeugen, und hier palliativ verfahren, wo doch selbst, (wie es eine Reihe von Jahrhunderten bewies) Feuer und Schwert nichts vermochten.

Man sagt, die Unmoralität wächst dadurch, und — daran hat man Unrecht. Lüderliche Dirnen, die ihren Körper verkaufen, werden selten Mütter; sie müßten denn sonst ihr Handwerk nicht systematisch gelernt haben. Diese Häuser sind also nur für Unglückliche, nicht für die im wahren Sinne Entehrten. Vorzüglich hat die Geistlichkeit hier und da ihre Stimme dagegen erhoben, und behauptet, „eine solche Anstalt befördere die Sittenlosigkeit.“ Aber ist es wohl wahrscheinlich, daß ein Mädchen eher aufhöre, tugendhaft zu seyn, ihrem Liebhaber nur eine Minute früher einwillige, weil es — ein Findlingshaus gibt? Dies ist der Geistlichkeit, vorzüglich der Katholischen, leicht zu verzeihen, die das Physische der Weiber natürlich zu wenig kennen; denn sonst würden sie wissen, daß die Natur das andre Geschlecht in gewissen Augenblicken alles vergessen läßt. Hätte sie das nicht, wie würde ein Weib sich je entschliessen, Mutter zu werden; wenn sie in diesem Augenblicke an die hundertfachen Beschwerlichkeiten der Schwangerschaft, an die heftigen Schmerzen, selbst bei der natürlichen Geburt und an die zahllosen damit verbundenen Gefahren dächte? Wie wäre es möglich, daß Weiber mehrere Male den Kaiserschnitt ausgestanden hätten; wenn sie in einem solchen Zeitpuncte nicht all ihr Bewustseyn verlören? Was kann also wohl hier der Gedanke eines Findelhauses wirken? Daran denkt erst die Verirrte, wenn es schon zu spät ist, wenn äußerste Armuth oder sich empörendes Ehrgefühl sie an das Schreckliche ihrer künftigen Lage erinnert; und ist es denn nicht Pflicht des Staates der Gefallenen auf den Weg zu helfen, und zwey Unglückliche physisch und moralisch zu erhalten? Die Erfahrung bestätiget diese Theorie vollkommen; seit in Paris, Wien, London, Stockholm etc. Findlingshäuser sind, hört man an diesen Orten wenig, oder gar nichts vom Kindermorde[116].

Man sagt, der Staat muß dadurch viele Kinder von Verheiratheten erziehen, die, um sich die Last der Erziehung zu erleichtern, ihre Kinder zu Findlingen machen. Allein hat denn der Staat nicht Mittel in Händen, dies bei wahrhaft Armen zu verhüten? Und bei den andern, die es aus Gemächlichkeit thun, ist es doch reiner Gewinn für das gemeine Wohl; denn Kinder können bei solchen Aeltern, die so tief sanken, dreist das feste Band zu zerreissen, das die Natur so enge zwischen den Neugebornen und den Aeltern knüpfte, nur Krüppel oder Schurken oder — beides zugleich werden.

Aber, woher den Fond nehmen, den ein solches Institut kosten würde, wird mancher Plusmacher vor allem andren fragen, der das Glück des Staats bloß in eine gefüllte Kasse setzt, und daher eine solche Anstalt für sehr zweckwidrig ansieht; weil er vielleicht berechnet hat, daß doch der Scharfrichter in einem Jahre lang nicht so viel für an Kindermörderinnen geleistete Exekutionen erhält, als ein solches Haus zu unterhalten nothwendig erfordert. — Ein solcher verdient nun gar keine Antwort; denn jede, die ihm nicht versichert, daß hieran reiner Ueberschuß herauskömmt, würde ihm ohnedies nicht genügen, und eine solche kann ich ihm nicht geben. Uebrigens aber ist diese Frage jedem andern nicht schwer zu beantworten. Eine solche Einrichtung kostet wirklich lange nicht so viel, als es auf den ersten Blick wohl scheint. Die neuere Chemie hat angefangen ihren wohlthätigen Einfluß auf unsre tägliche Bedürfnisse, auf die Haushaltungskunst, auf die Küche, und (wie es natürlich ist) mit auffallendem Glücke auszudehnen. Graf Rumford hat, wie jetzt allgemein bekannt ist, durch seine tiefen Kenntnisse bewirkt, daß man im Werkhause zu München täglich zwölf hundert Menschen sehr vollkommen mit äusserst geringen Kosten ernährt. Die ganze Ausgabe beträgt (Kost, und Lohn von drey weiblichen und zwey männlichen Bedienten, Feuerung und so gar die jährliche nöthige Küchenreparation mit eingerechnet) alle Tage nur etwas über eilftehalb Thaler. Seit er dabei die Kartoffeln einführen konnte, ist das ganze noch weit wohlfeiler; fast in dem Verhältnisse von 4 zu 3[117]. — Das beweist klar, daß ein solches Institut durch Männer von Kenntnissen geleitet, eines nicht sehr großen Aufwandes bedarf. Allein freilich bei allen dem kostet doch eine solche Einrichtung — Geld. — Daran aber wird es hiezu wohl in keinem Lande fehlen.

Es gibt überall noch so viel redliche, gutherzige Menschen, wie man bei so manchem frommen Vermächtnisse sieht, die herzlich gern ihr Scherflein beitragen würden; wenn sie das Gedeihen einer solchen Anstalt vor Augen sähen: und das übrige hiezu — müßte der Beutel der Hagestolzen allein leisten[118]. Das gemeine Wesen ist aus mehr, als einer Rücksicht berechtigt, Beiträge dazu von diesen zu fordern. Jeder der vierzig Jahre alt ist, heirathen kann und nicht will, also sich der Pflicht Vater zu werden, freiwillig entzieht, ist schuldig; wenn er seine eignen Kinder nicht erziehen will, nach dem Verhältnisse seines Vermögens die des Vaterlandes mit erziehen zu helfen. Durch die überhandnehmende Zügellosigkeit wächst dieser Stand ohne dies mit jedem Tage. Die Zahl der Menschen, die das Unangenehme des Ehestandes nicht wollen; aber das sinnliche davon auf den Trümmern der Tugend und des häuslichen Glücks rechtschaffener Familien suchen, wird zusehends immer größer. Freilich gibt es auch Menschen, die aus edlen Absichten nicht heirathen; aber deswegen können sie doch hievon nicht ausgenommen werden; denn ein Unverheiratheter kann doch in Rücksicht seiner Finanzumständen eher zu einer öffentlichen wohlthätigen Anstalt beitragen, als jeder andre.

Auch kann man es wohl so ziemlich verhüten, daß ärmere Menschen nicht ihre ehelichen Kinder in ein solches Institut schicken, und dadurch die Ausgaben zu sehr vergrößern; wenn man einen Theil des Fonds dazu verwendet, Leuten von der ärmsten Klasse, die z. B. drey Kinder haben, für jedes, was über diese Zahl kömmt, monatliche Beiträge zu geben; dadurch wird die Armuth solcher Menschen nie so groß werden, daß sie sich dazu entschliessen können, den Pflichten des Vaters und der Mutter zu entsagen. Und geschähe es bei einigen; so sind das sicher so schlechte Menschen, daß, wie gesagt, der Staat reinen Gewinn dabei hätte; wenn er ihre Kinder erziehen ließ.

Aber eine andre und zwar bedeutende Frage: müssen diese Institute so bleiben, wie sie jetzt größtentheils sind? Nein! das dürfen sie nicht. Die meisten sind nur einstweilige Niederlagsorte zur baldigen Spedizion ins andre Leben[119]. In manchem Findlingshause erlebt fast jedes vierte Kind den ersten Monat nicht. — Mehr als zwey Drittheile starben ehedem im pariser Findlingshause in den ersten vier Wochen[120]; und in Rouen kamen von hundert acht, schon hundert vier vor ihrem fünfzehnten Jahre um, und nur zwey davon wurden Glieder der Gesellschaft[121]. In einer Discussion, die im Jahre 6 (der franz. Rep.) zu Paris bei dem Rathe der 500 über die Hospitäler vorfiel, sagte Dumolard, daß im verflossenen Jahre von achthundert Kindern, die ins Hospital von Lyon gebracht wurden, siebenhundert fünfzig aus Mangel an gehöriger Pflege gestorben seyen. — In den meisten sehen die Kinder aus, wie wandelnde Skelette, wie ächte Produkte des Jammers und der Wollust. Die Ursachen liegen so nahe, daß wahrlich nicht viel Scharfsinn dazu gehört, sie zu finden. — Gänzlicher Mangel an Muttermilch, selbst Mangel an Ammenmilch oder doch nicht genug davon, denn manchmal trinken vier Unglückliche an einer Amme; verdorbene Luft in einem äußerst hohen Grade; eine zu gedrängte Menge meist kränklicher Kinder, der Geruch ihres Harns, und Exkremente[122], und dabei ein Haufe schmutziger Weiber vergiften diese Zimmer auf eine schreckliche Art. Die ungesunde Lage solcher Häuser wirkt manchmal auch kräftig mit.

Diese Fehler sind nun allerdings äußerst groß, und vermindern den Vortheil sehr, den man von solchen Anstalten erwarten kann; aber sie lassen sich größtentheils heben, und sind zum Theil, wenigstens hier und da in einigen Findlingshäusern schon nicht mehr zu finden. — Der wichtigste Punct ist der erste Monat des Lebens der Findlinge. Wie kann man ihnen Ammen geben? Welches Institut ist reich genug, jedem Säuglinge eine zu schaffen? Mit den Surrogaten für Ammenmilch ist es schlimm genug hergegangen. Die Erfahrung lehrt, daß die, welche man mit Küh- und Ziegenmilch erzog, im Durchschnitte nicht vier Monate lebten[123]. Brodgallerte, die man für Milch gab, raffte die meisten Kinder schon in dem ersten Monate durch Schlagflüsse und Ruhren weg. Man schicke sie um alle diese Nachtheile zu verhüten, und um sie das große Nahrungsmittel (reine gesunde Luft) vollkommen genießen zu lassen, aufs Land, wie es z. B. in London und Paris geschieht. Das hat nun unstreitig sehr große Vortheile, jedes Kind erhält seine eigne Amme; man kann auf die Art genug rechtschaffene arme Weiber finden, die sich zu Ammen selbst anbiethen; man braucht nun keine Amme anzunehmen (sie sey verheirathet oder ledig); wenn sie von dem Vorgesetzten ihres Orts nicht als moralisch gut geschildert wird, und vom Arzte ihrer Gegend ein Gesundsheit Zeugniß hat. Es wird dabei dem Fond weniger kosten, als die Erziehung im Findlingshause, und das Kind kömmt nicht in ein ungesundes Haus, in ungesunde Luft; dabei erhält die Amme jetzt Zuneigung zum Säuglinge, die wenigstens — einen Theil der mütterlichen Zärtlichkeit ersetzt.

Aber dem unerachtet muß bei dem Schicken aufs Land Manches ganz genau beobachtet werden, wenn man nicht seinen Zweck verfehlen will. Man muß die Kinder nicht weiter vom Institute schicken, als eine Tagreise beträgt; weil sie sonst durch die Reise zu viel leiden: und es ist nun einmal so mit den Instituten, der Stifter mag noch so viel Eifer für die Vollkommenheit seiner Stiftung haben, er mag die Reise noch so pünctlich, und gesund anordnen; nach dreyßig Jahren werden die Aufseher die Kinder allenfalls einem Fuhrmanne mitgeben, der sie dann nach seiner Bequemlichkeit, wie und wann er will, als Kaufmannswaare abgeben wird. Eine weitere Entfernung ist auch in Rücksicht der Verbindung zwischen dem Findlinge, und dem Hause schon unzweckmäßig.

Das Kind muß (wenn kein medicinischer Gegengrund eintritt, bei dem der Arzt der Gegend allein, und zwar schriftlich mit angeführten Gründen dispensiren darf) anderthalb Jahr die Brust seiner Amme trinken; und damit es, und zugleich die Amme während der ganzen Zeit seines Aufenthalts, unter gehöriger Aufsicht sey, so müssen die Verwalter in den Orten, wo sich Findlinge befinden, sie der Oberaufsicht eines rechtschaffenen Mannes übergeben. Es gibt ja doch der guten Menschen noch viele, die Vormundschaften Und andre beschwerlichen Geschäfte zum Wohl der Unmündigen annehmen; es wird sich daher gewiß auch überall jemand finden, der sich den Findling die Woche ein paarmal zeigen läßt, und dafür sorgt, daß das, was das Institut vorschreibt, an dem Kinde geschieht. — Ueberhaupt ist dieser Punct leicht zu berichtigen. Es gibt in jedem Orte, vorzüglich in den kleinen Landstädtchen, so viele gutherzige Müßiggänger, die aus Mangel an Beschäftigung Neuigkeiten in jedem Hause umtauschen, und sich ein Vergnügen daraus machen würden, (wenn der Staat sie nur bemerkt) so etwas sehr pünctlich zu verrichten. —

Die Findlinge sind aber auch oft venerisch, wovon sich manchmal erst nach einigen Wochen, und später, die Spuren zeigen. Gibt man nun sogleich das gefundene Kind einer Amme nach Hause; so kann man leicht Schuld daran seyn, daß diese (vielleicht mit mehrern eignen Kindern) auch angesteckt werde! Ich glaube, daß man es dennoch kühn wagen darf, wenn man nur folgende Vorsorge dabei trifft; man nimmt ein Glas mit einem doppelten Boden, wovon der untere so concav ist, daß die Brust gewissermaßen hineinpaßt. In seiner Mitte ist eine kleine Oeffnung, um die Warze hinein zu lassen. Die beiden Böden stehen ungefähr zwey Zoll weit überall von einander ab. Oben an dem convexen Boden nicht weit vom Rande ist eine Oeffnung, worin eine biegsame pickelsche Röhre befestigt ist, die die Länge hat, daß die Amme das Mundstück bequem in den Mund nehmen kann. In der Mitte dieses Bodens ist eine andre Oeffnung, worin sich eine gebogene gläserne Röhre befindet, die in dem Zwischenraume zwischen den beiden Böden bis beinahe unten an den Rand reicht, und höchstens anderthalb Linie im Durchmesser hat. An dieser Röhre ist ein eben so durchbohrtes kleines Stück Elfenbein befestigt, das sich in einen kleinen Knopf endigt, der mit einigen feinen Löchern durchbohrt, und dann mit Leder überzogen ist. Zwischen dieser künstlichen Warze, und dem Glase ist in dem Stückchen Elfenbein ein kleiner Krahn, um die Verbindung mit der Brust herzustellen oder zu verhindern. Wenn die Amme nun dem Kinde zu trinken geben will; so macht sie den kleinen Krahn zu, und säugt an der obern Röhre. Sie sieht nun, wie viel Milch in dieses Glas fließt, und hört auf, wenn sie glaubt, daß es genug sey; sie öffnet denn den Krahn, und läßt das Kind an der künstlichen Warze trinken. Sie sieht hier genau, wie viel das Kind trinkt; sie läuft auch keine Gefahr angesteckt zu werden; da sie nie mit ihm in unmittelbare Verbindung kömmt, und sie kann diese ganze Vorrichtung immer ohne Mühe recht rein halten.

Mit einer solchen künstlichen Brust soll nun jeder Findling wenigstens fünf bis sechs Wochen gestillt werden, damit man sieht, ob er angesteckt ist; ist er das nicht: so kann jetzt die Amme ihn ohne diese Vorrichtung stillen. — Ist er angesteckt; so muß ihn der Arzt der Gegend behandlen.

Um aber die wohlthätige Wirkung eines solchen Hauses noch zu vergrößern, sollte man die Einrichtung treffen, daß jede unglückliche Mutter wenigstens vier bis sechs Wochen vor ihrer Entbindung schon da seyn und dort niederkommen dürfte. Der Staat würde dadurch verhüten, daß nicht manche Unglückliche mit ihrem Kinde wegen Mangel und Elend nach der Niederkunft umkäme. Er würde einem solchen Findlinge mehr, als seine Amme, er würde ihm — seine Mutter zum Stillen geben können. Nach der Geburt müßte sie mit ihrem Kinde heraus, und der Fond müßte ihr monatlich etwas geben, um die Amme ihres Säuglings zu werden. Stirbt ihr Kind; so weiß der Arzt des Instituts, ob er sie dem Publicum als eine taugliche Amme empfehlen kann. Unter diesen ankommenden Gebährenden sind auch venerische; diese müssen ihre Kinder selbst stillen, und dabei, wenn die Zahl nicht gar zu groß ist, die Kinder unter sich vertheilen, die von dem Arzte bei ihrer Ankunft für angesteckt gehalten werden; denn das ist ja ohne dies einer der sichersten Wege, durch welchen man diese unglücklichen Kinder heilen kann.

Nach vier Jahren soll der Findling in das Erziehungshaus zurück. Nun ist er der gemeinschaftlichen Erziehung fähig geworden. Die Hauptepoche, wo die Mortalität der Kinder so groß ist, ist jetzt vorüber. — Wenn die Macht des Beispiels unwiderstehlich ist, die Kinder zu verführen und sie zu schlechten Menschen zu machen; so ist sie nicht minder wirksam, sie gutmüthig, gelehrig und fleißig zu machen; daher bin ich sehr dafür, daß in diesem Zeitpuncte die Findlinge in einer öffentlichen Anstalt vereinigt leben; wo es so leicht zu machen ist, daß Alles ungezwungene Heiterkeit und gefälligen Frohsinn athmet, daß überall ein zufriedenes, genügliches Wesen herrscht. Daher soll er nicht, wie an den meisten Orten der Fall ist, seine ganze Zeit unter immerwährendem Bethen, Singen und in die Schule Gehen zubringen. Auch der Findling soll natürlich erzogen werden. Die Bewegung, diese wesentliche Bedingung zur Gesundheit des Kindes, darf ihm hier nicht fehlen. Er soll rauh, brauchbar für den Staat; aber nicht grausam, nicht sclavisch erzogen werden. Seine Kleidung soll aus wohlfeilem Zeuge bestehen; sie muß aber so eingerichtet seyn, daß Kopf, Brust, Arme und Füße unbedeckt bleiben.

Vorzüglich sehe man in einem solchen Institut auf Reinlichkeit, und sorge dafür, daß in Rücksicht des Badens u. s. w. alles das pünctlich beobachtet werde, was oben gesagt worden ist; denn werden gewiß die garstigen und den Findlingshäusern eignen Hautkrankheiten diese Unglücklichen nicht mehr verunstalten und elend machen.

Viermal des Tags müssen solche Kinder essen. Die Kost kann wohlfeil und doch gesund seyn. Ich glaube, der Vorschlag, den ich schon vor mehrern Jahren machte[124], bei Armeen im Felde die tablettes de bouillon (aus Knochen bereitet) einzuführen, würde auch hier ganz anwendbar seyn. Man wirft so viele Knochen in jeder Stadt weg, die, gehörig benutzt, alle Armen desselben Ortes hinreichend ernähren könnten. Wie leicht würde also Findlingen eben derselbe Bestandtheil aus den Knochen zu gesunder Nahrung gegeben werden können, den man gewöhnlich nur im Fleisch zu finden glaubt, besonders wenn man die nun in ganz Europa bekannten Rumford’schen Suppen zugleich damit verbände[125].

Der Unterricht soll ihnen in faßlicher Sprache ertheilt werden, und vorzüglich Bildung des Herzens betreffen. Vor allem soll man sich bestreben, ihnen einzuprägen, was jederman und vorzüglich der Findling dem Vaterlande schuldig ist. Lesen und Schreiben ist von dem ganzen wissenschaftlichem Krame alles, was sie zu wissen nöthig haben. Die übrige Zeit sollen die Kleinern unter Aufsicht der Vorgesetzten in einem freien, offnen Platze sich balgen, spielen und ihre Glieder üben. Und bricht denn auch zuweilen einer, was doch sehr selten geschehen wird, einen Arm oder ein Bein; so ist doch bei weitem dieser Schade nicht so groß, als wenn man, um solches sicher zu verhüten, sie alle so erzieht, daß keiner in der Folge einen Arm oder ein Bein — zu brauchen weiß. —

Wenn sie zwölf Jahre alt sind; so kann man allmählig anfangen, sie arbeiten zu lassen. Im Menschen liegt aber, wie nicht zu läugnen ist, ein natürlicher Hang zur Faulheit, und Unthätigkeit; und obgleich die Gewöhnung zum Fleiße, wie alle Gewohnheiten, die Uebung desselben leicht und angenehm macht, so mühevoll und beschwerlich sie anfänglich auch war; so wählt doch niemand in keinerlei Verhältniß die Arbeit um ihrer Selbstwillen. Immer nur die Furcht vor einem größern Uebel oder die Hoffnung eines angenehmen Genusses locket, oder treibt die Menschen an, wenn sie sich mit anstrengenden Geschäften befassen. Diese nicht zu bezweifelnde Wahrheit halte man also ja stets vor Augen, wenn man den Kindern Lust zur Arbeit beibringen will!

Es ist ein großer Fehler, daß man diese Kinder meist immer zu ungesunden Handwerken und Fabriken bestimmt. Warum sollen sie nicht (Knaben und Mädchen) den Bauernstand recrutiren? Dieser Stand nimmt (so wichtig er auch ist) doch alle Jahre ab, weil unsre Bauern nur zu oft die armselige Ambition haben, ihre Söhne — Gelehrte, oder Handwerker u. s. w. werden zu lassen; da im Gegentheil kein andrer Stand seine Kinder zu Bauern macht. Ueberdies sind unsre Landleute keine Schäfer mehr; ihr Leben ist kein Schäferleben! In manchem Winkel der Erde sind sie aus eigner oder fremder Schuld so verdorben, daß es durchaus nicht anders, als vortheilhaft seyn kann, wenn man ihnen öfter moralisch- und physischgute Menschen zumischt. Auch gibt es ja noch in jedem Lande so viele nicht ganz bebaute Gegenden, daß man wahrlich dort der arbeitenden Hände noch lange nicht zu viel hat.

Doch müssen auch natürlich die Findlinge die ersten seyn, die Soldaten werden, wenn ihr Vaterland sie braucht; denn nicht bloß die reichere Klasse, sondern die Städter überhaupt suchen sich ohnedies dieser wichtigen, aber freilich schweren Pflicht immer mehr und mehr zu entziehen, obschon erstere natürlich weit mehr zur Vertheidigung ihres Vaterlands beizutragen schuldig sind. Der Enthusiasmus für das allgemeine Wohl ist in den Städten mitten unter den Künsten in manchen Gegenden beinahe ganz verloschen. Daran war bis hieher zuverlässig unsre schlechte, weichliche Erziehung Schuld. — Es ist aber deswegen sehr nöthig, Zuneigung für diesen unentbehrlichen Stand in den Herzen der Jugend anzufachen, und das wird vorzüglich gut bei Findlingen Statt haben. — Das, was so manchen von der Vertheidigung des Vaterlandes zurückzieht, ist ein weichlicher, verzärtelter Körper, Hang zur Familie und zum väterlichen Hause; das alles fällt hier ganz weg. Der Findling ist gesund erzogen; sein Körper ist daher dauerhaft und stark, und sein Vater und Mutter — sind das Vaterland. Er wird also durch seine bessere physische und moralische Erziehung nicht allein mit Vergnügen diese Last übernehmen, sondern durch seine Treue, durch seine Anhänglichkeit, durch seine warme Liebe zum Vaterland, und so gar durch sein Beispiel diesem Stande die wesentlichsten Vortheile verschaffen.


Köln,

gedruckt bei J. M. Heberle und Gebr. Mennig.