Ich habe nicht die Absicht, in diesem Büchelchen alle Verirrungen des Geschlechtstriebes ausführlich zu besprechen. Im allgemeinen will ich nur sagen, daß jene Verirrung, über welche in unserer Zeit so viel Lärm gemacht wird, die Neigung zum eigenen, Abneigung gegen das andere Geschlecht, nur höchst selten angeboren sein dürfte. Wo diese Neigung wirklich angeboren ist, beruht sie auf einer Mißbildung. In den allermeisten Fällen ist sie aber gar nicht angeboren, sondern zurückzuführen auf die Weise, in welcher das Individuum zum ersten Male zum Genusse von intensivsten Wollustempfindungen gekommen ist; ein Erlebnis, das bei stark sinnlichen Naturen einen ungemein tiefen Eindruck zu hinterlassen pflegt und namentlich Personen mit krankhafter psychischer Veranlagung dauernd aus der Bahn normalen Empfindens abzulenken vermag.
Wie sich’s übrigens verhalten möge, ob die Verirrung angeboren oder erworben ist, keineswegs dürfen Staat und Gesellschaft dulden, daß diese Personen („Homosexuelle“, „Urninge“) ihre Neigungen ungestört befriedigen, ungestört um ihre Art von Liebe werben. Denn wenn man dies zuließe, würde die Verführung bald in ungeheurem Maße um sich greifen, und wenn nicht die Zahl der Urninge, so doch die der sog. Bisexuellen bald zu einem Heere heranwachsen und eine Zeit geschlechtlicher Ausartung kommen, wie die, welche den Untergang der antiken Kultur herbeiführen half. Der gesetzliche und gesellschaftliche Gegendruck ist übrigens eine Wohltat für die Verirrten selbst. Ich kenne mehrere Fälle, wo unter diesem Druck solche zur Homosexualität Verführte wieder zu durchaus normalem Geschlechtsempfinden zurückgebracht und glückliche Gatten und Väter geworden sind.
Über eine einzige Art von abnormaler Befriedigung des Geschlechtstriebes muß ich mehr sagen: über die Masturbation oder Onanie, da dieses Übel ungemein verbreitet ist und darüber die verkehrtesten Ansichten herrschen, welche die Schäden noch vergrößern. Während die einen erklären, daß das Masturbieren ein sehr zweckmäßiges Mittel sei, sich Erleichterung zu verschaffen, wenn sich zuviel Samen angesammelt hat und der eheliche Beischlaf nicht möglich ist, und daher ebensowenig Tadel verdiene als der Gebrauch des Taschentuches oder der Klistierspritze, mit denen man auch der Natur nachhilft, sehen andere im Masturbieren das furchtbarste Übel mit den schädlichsten Folgen für die Gesundheit. Beide Meinungen sind falsch.
Beim normalen Beischlafe wird die Ejakulation durch mechanische Einwirkung der Scheide auf das Glied herbeigeführt. Es ist nicht einzusehen, warum es schädlicher sein soll, warum die nervöse Erschütterung größer sein soll, wenn die mechanische Einwirkung auf einem anderen Wege vor sich geht als beim natürlichen Beischlaf. Mäßig getriebenes Masturbieren ist für den Geschlechtsreifen wohl ganz unschädlich, wahrscheinlich sogar weniger gefährlich als der unterbrochene Beischlaf.
Nicht in der absoluten Schädlichkeit des einzelnen Aktes liegt die Gefahr der Masturbation, sondern vor allem darin, daß, da zum Beischlafe zwei Personen notwendig sind, zur Masturbation aber nur eine, die Gelegenheit zum Masturbieren ungeheuer viel größer ist als die zum Beischlaf und damit auch die Verlockung zur Unmäßigkeit ganz ungeheuer wächst! Die Leiden, die der Arzt so häufig bei Onanisten findet, sind dieselben, wie sie nach exzessiver Unmäßigkeit im Beischlafe auftreten: also Verstimmung, Reizbarkeit, Schlaflosigkeit, Druck und Schmerzen in der Lendengegend, Störungen der Ernährung, Schwächung des Gedächtnisse und der übrigen geistigen Fähigkeiten, Schwäche der Willenskraft, Schwäche der Erektionen, vorzeitiger Eintritt der Ejakulation und damit Schwierigkeiten, den normalen Beischlaf auszuführen. Wenn diese Störungen so viel häufiger und ausgeprägter bei Onanisten als bei Koitierenden angetroffen werden, so liegt dies eben daran, daß der Koitus selten durch längere Zeit so unmäßig geübt wird, wie dies bei Masturbation vorkommt, und dann daran, daß die Masturbation vor allem von geschlechtsunreifen oder halbreifen Knaben und Jünglingen betrieben wird, für welche jede Betätigung des Geschlechtstriebes ungesund ist.
Es muß daher die ernsteste Sorge der Eltern und Erzieher sein, die Kinder vor diesem hygienischen Laster zu behüten. (Auch Mädchen masturbieren!)
In den allermeisten Fällen verfallen die Kinder nicht von selbst darauf, sondern kommen durch Verführung und böses Beispiel dazu. Sorgfältige Auswahl der Spielkameraden und Gefährten und beständige Überwachung des Verkehrs der Kinder miteinander sind daher der wichtigste Schutz.
Nichts macht die Kinder der Verführung zugänglicher als die unbefriedigte Neugierde bezüglich der Herkunft der Kinder. Es ist daher im höchsten Grade töricht, die Kinder mit dem Storchenmärchen abzuspeisen, statt sie rechtzeitig in beschränktem Umfange aufzuklären. Die Zeit zwischen dem zehnten und zwölften Jahre ist dazu am besten geeignet; die Kinder haben schon genug Verständnis, während ihr Geschlechtstrieb noch nicht erwacht ist. Ohne viel Aufheben zu machen, zeige man den Kindern in der Blüte auch die Staubfäden und den Fruchtknoten mit seinen Eiern und erkläre ihnen, daß die Eier durch den Pollenstaub befruchtet werden müssen, damit neue Pflanzen daraus hervorgehen können. Wenn die Kinder Käfer oder Schmetterlinge finden oder Hunde auf der Straße sehen, die gerade in der Begattung begriffen sind, und man ihrer Frage nicht ausweichen kann, ohne ihr Mißtrauen gegen unsere Aufrichtigkeit zu erwecken, so sage man ihnen kaltblütig, ohne Verlegenheit oder verdächtiges Schmunzeln, mit kurzen Worten, daß dies geschehe, damit das Weibchen Eier lege bzw. Junge bekomme; ohne die geringste Andeutung, daß dies für die Tiere mit Lustgefühlen verbunden ist! Bei einigem Geschicke läßt sich dies so machen, daß das Kind von selbst den erforderlichen Analogieschluß zieht, ohne daß seine Phantasie ungebührlich erregt wird. Sollte das Kind fragen, ob es beim Menschen ebenso sei, so antworte man ohne Zögern trocken mit Ja, schneide aber weitere Fragen mit einem: „Das kannst du noch nicht verstehen!“ ab. Schon dem ganz kleinen Kinde, das fragt, sage man, daß es von seiner lieben Mutter unter Schmerzen geboren worden sei. Man wird davon nur günstige Wirkungen sehen. Dagegen hüte man sich, mit der Aufklärung vorzeitig zu weit zu gehen und dadurch erst Aufmerksamkeit und Phantasie des Kindes auf das Geschlechtliche zu lenken.
Von frühester Jugend auf muß darauf geachtet werden, daß das Kind nicht die üble Gewohnheit annimmt, seine Geschlechtsteile anzufassen, das Glied zwischen den Schenkeln zu drücken und ähnliches. Lange vor Erwachen des Geschlechtstriebes können sich, wie wir gehört haben, Erektionen und Lustempfindungen einstellen, und so kann es kommen, daß manchmal Knaben von zwei und drei Jahren schon masturbieren; selbstverständlich, ohne daß es zu einer Samenergießung kommt. Wie ich aus Erfahrung weiß, kann man dem Kinde sehr leicht Sorge vor den schädlichen Folgen der Betastung der Geschlechtsteile beibringen, ohne daß man ihm deren Bestimmung auseinanderzusetzen braucht. Der Umstand, daß die Geschlechtswerkzeuge zugleich Harnwerkzeuge sind, macht es sehr bequem, dem Kinde die üblen gesundheitlichen Folgen von Hantierungen an ihnen verständlich zu machen. Diese Belehrung wird dem Kinde um so weniger auffallen, je mehr man ihm auch sonst hygienische Ratschläge gibt und es zu hygienischer Lebensweise anleitet.
Überaus wichtig ist es, den Körper der Kinder, namentlich die Geschlechtsteile, reinzuhalten — selbstverständlich, ohne sie durch zartes Reiben zu reizen —, Hautausschläge rasch behandeln zu lassen, damit nicht Jucken zur Masturbation führe. Die Körperwaschungen müssen auch benützt werden, um einen lebhaften Ekel gegen alles Unreine, alle unreinen Berührungen usw. anzuerziehen. Dieser Ekel wird zu einem nicht zu unterschätzenden Schutzmittel sowohl gegen widernatürliche Hantierungen als gegen den Verkehr mit den von so vielen Männern besudelten Prostituierten.
Die Kinder sollen geschlossene Hosen tragen, so daß sie die Geschlechtsteile nicht ohne weiteres mit der Hand erreichen können; andererseits sollen die Hosen weit genug sein, um nicht zu drücken und zu spannen. Man bringe die Kinder müde zu Bett, so daß sie sofort einschlafen, und lasse sie alsbald nach dem Erwachen aufstehen. Man dulde nicht, daß sie die Hände unter die Bettdecke schieben, geradesowenig als daß die Knaben mit den Händen in den Hosentaschen umhergehen und sitzen. Man sehe häufig nach, ob die Nähte der Hosentaschen nicht zerrissen sind und so nicht etwa ein verborgener Weg zu den Geschlechtsteilen eröffnet ist. Im übrigen helfen alle jene Maßregeln, die wir früher schon als Mittel zur Erleichterung der Enthaltsamkeit kennen gelernt haben, auch zur Verhütung der Masturbation.
Die wichtigsten Vorbeugungsmaßregeln, um die Kinder von sexuellen Verirrungen und späterhin von ungezügeltem Geschlechtsgenusse zurückzuhalten, sind Erziehung zu Pflichterfüllung, Selbstbeherrschung und freiwilliger Enthaltung von einzelnen Genüssen überhaupt; ohne diese werden alle anderen wenig helfen.
Ist ein Kind bereits auf das Masturbieren verfallen, so sind alle eben besprochenen Maßregeln um so strenger anzuwenden und das Kind beständig zu überwachen. Namentlich achte man auch darauf, daß es nicht zu lange auf dem Abort verweile. Übertriebene Strenge und harte Bestrafungen sind nicht am Platze. Viel nützlicher ist es, das Kind selbst zu belehren und sein Vertrauen zu gewinnen. Im übrigen lasse man sich durch die übertriebenen Schilderungen, die man nicht selten auch in ärztlichen Schriften aus früherer Zeit findet, nicht allzusehr erschrecken. Wenn die Masturbation nicht exzessiv getrieben wird, tritt geradeso wie nach Übermaß im Beischlaf bei Enthaltsamkeit und passender Lebensweise wieder vollständige Erholung ein. Sehr schwere Gesundheitsstörungen sind überhaupt selten. Wenn man liest, daß infolge von exzessiver Masturbation Geistesstörungen, Krämpfe, Veitstanz und Epilepsie auftreten, so liegt eine Verwechslung von Ursache und Wirkung vor. Das Verhältnis ist vielmehr dies, daß zügellose Masturbation ein Zeichen einer schon bestehenden psychischen Krankhaftigkeit ist, die sich dann später zu den genannten Krankheiten ausbildet.
Eine sehr häufige Erscheinung ist, daß junge Männer, die, nachdem sie gewohnheitsmäßig masturbiert haben, in die Ehe treten, fürs erste nicht fähig sind, den Beischlaf auszuführen. Es ist dies fast immer nur die Folge ihrer Besorgnis, daß sie zum Beischlafe nicht fähig sein werden, da sie in den populären Schriften gelesen haben, daß die Masturbation zur Impotenz führe. Ihre Aufregung hemmt das Zustandekommen der Erektion. In einem solchen Falle heißt es nichts erzwingen wollen und in Geduld die gute Stunde abwarten. Sie kommt ganz bestimmt, und mit dem ersten Gelingen sind alle Schwierigkeiten überwunden.
Die Neigung zur Masturbation erlischt beim gesunden Manne meist sofort, wenn er den normalen Geschlechtsverkehr kennen gelernt hat. Dies ist der Grund dafür, daß masturbierenden jungen Männern häufig der Rat gegeben wird, Prostituierte aufzusuchen. Ich halte dies aber für eine verwerfliche Torheit, da — um von allem anderen zu schweigen — das Masturbieren für den gesunden Geschlechtsreifen eine winzige Schädlichkeit ist verglichen mit den venerischen Krankheiten, die man sich im Verkehr mit Prostituierten früher oder später fast mit Gewißheit holt. Einen Unreifen aber frühzeitig zum Beischlafe mit Prostituierten verlocken hieße erst recht ihn völlig in die Gefahr des Verderbens stürzen.
Ich mußte die Besorgnis wegen der Schädlichkeit des Masturbierens auf das richtige Maß zurückführen, da die beständige Angst und die Verzweiflung des Masturbierenden die Schädlichkeit seines Tuns ganz wesentlich steigert. Der Jüngling möge aber darin keinen Anlaß finden, weniger energisch gegen eine etwa bei ihm vorhandene Neigung dazu anzukämpfen. Denn grade für den Jüngling ist es fast unmöglich, Maß zu halten, wenn er einmal der Verlockung erlegen ist. Und wenn ihm die strotzenden Hoden Beunruhigung schaffen, so möge er stets bedenken, daß von dieser strotzenden Fülle seiner Geschlechtsdrüsen auch das beglückende Gefühl der Lebensfreude und der Jugendkraft, sein Wagemut und seine Tatenkraft abhängen, und daß er sich des größten irdischen Glücken beraubt, wenn er sich durch Gebrauch eines elenden Surrogats bereits abgestumpft hat, bevor er zum ersten Male ein geliebtes Weib umarmt.
In der Anziehung, welche die beiden Geschlechter aufeinander ausüben, liegt der reizvolle Zauber der Jugend. Das geschlechtliche Verlangen zieht uns zu unserem Wohle unwiderstehlich in die menschliche Gemeinschaft. Derjenige, der sich selbst befriedigt, wird leicht zum vereinsamten Sonderling und Selbstling.