Die Abenteuer des Grafen Tschitschikows
oder
Die Toten Seelen.
Erster Teil

Erstes Kapitel

Durch das Tor eines Gasthofes der Provinzstadt N. N. rollte ein schmucker, leicht federnder, kleiner Wagen, wie ihn gewöhnlich Junggesellen zu benutzen pflegen, als da sind: Oberstleutnants a. D., Majore, Edelleute, die etwa hundert Bauern besitzen, u. s. w. — mit einem Worte jene Klasse von Menschen, die man wohlgeborene Herren mittleren Ranges nennt. Im Wagen saß ein Herr von nicht gerade überwältigender Schönheit, aber doch von angenehmem Äußeren; er war weder allzu dick noch allzu dünn, man konnte nicht sagen, daß er alt war, doch war er andererseits auch nicht übermäßig jung. Seine Ankunft erregte in dem Gasthofe nicht das geringste Aufsehen und war von keinerlei besonderen Ereignissen begleitet; nur zwei Bauern, die vor der Türe der dem Gasthof gegenüberliegenden Schenke standen, machten ein paar Bemerkungen, die sich noch dazu mehr auf das Gefährt, als auf den Insassen bezogen. „Sieh dir mal das Rad an,“ sagte der eine zum andern. „Was meinst du? Würde es wohl zum Beispiel bis Moskau halten, oder nicht?“ — „Gewiß,“ antwortete der andere. „Aber bis Kasan wird es wohl nicht halten, denk ich.“ — „Bis Kasan wohl kaum,“ versetzte der andere. Damit war die Unterhaltung zu Ende. Als dann der Wagen vor dem Gasthofe hielt, ging noch ein junger Mann vorüber. Er trug kurze, sehr enge weiße Nankinghosen und einen Frack, der modern sein sollte und unter dem ein Vorhemd hervorguckte, das eine Tulasche-Nadel mit einem Kopf in Form einer bronzenen Pistole schmückte. Der junge Mann drehte sich um, sah sich den Wagen an, während er seine Mütze, die der Wind fortzublasen drohte, mit der Hand festhielt, und ging seiner Wege.

Als der Wagen in den Hof fuhr, wurde der Herr von dem Kellner oder Aufwärter, wie man sie in den russischen Schenken zu nennen pflegt, empfangen, einem so lebhaften und beweglichen Wesen, daß es ein Ding der Unmöglichkeit war, ein Bild von seinen Gesichtszügen zu gewinnen. Gewandt und sicher kam er mit der Serviette in der Hand herausgelaufen, ein hoch aufgeschossener Bursche in einem langen baumwollenen Rock, dessen Taille beinahe in der Höhe des Nackens saß, schüttelte seine Mähne und führte den Herrn flink durch den langen hölzernen Flurgang, um dem Reisenden das ihm von Gott bestimmte Gemach zu zeigen. — Das Zimmer war eins von der bekannten Art; denn auch der Gasthof war einer von der bekannten Art, wie nämlich alle Gasthöfe in den Provinzstädten sind, wo die Reisenden für zwei Rubel täglich ein ruhiges Zimmer erhalten: mit Schwabenkäfern, die wie Pflaumen aus allen Ecken hervorgucken, und mit einer Kommode vor der Tür, die ins anstoßende Gemach führt, in dem der Nachbar wohnt, ein stiller, schweigsamer, aber äußerst neugieriger Mann, der sich aufs lebhafteste für den Reisenden und alle Einzelheiten seiner Person interessiert. Die äußere Fassade des Gasthofes entsprach durchaus dem Innern: sie war sehr lang und hatte zwei Stockwerke; das untere war nicht geweißt und ließ noch die dunkelroten Ziegelsteine erkennen, die, an sich schon nicht ganz sauber, infolge der heftigen Witterungsumschläge noch mehr nachgedunkelt waren. Die obere Etage war gelb angestrichen, wie überall. Unten waren Läden, wo Pferdegeschirr, Bindfaden und Bretzel verkauft wurden. In dem Eckladen, oder richtiger im Fenster des Ladens saß ein Sbitenverkäufer[1] mit einem Samowar aus Kupfer und einem Gesicht, das ebenso kupferrot war wie sein Samowar, sodaß man aus der Ferne fast glauben konnte, auf dem Fenster ständen zwei Samoware, wenn nicht der eine von ihnen einen pechschwarzen Bart gehabt hätte.

Während der Reisende sich noch sein Zimmer näher ansah, wurde sein Gepäck hereingetragen. Zunächst ein etwas abgenutzter Koffer aus weißem Leder, dem man es ansah, daß er nicht zum erstenmal eine Reise machte. Der Koffer wurde vom Kutscher Seliphan, einem kleinen Mann in einem kurzen Pelz, und vom Lakaien Petruscha hereingebracht. Letzterer war ein Bursche von etwa dreißig Jahren und trug einen weiten abgetragenen Rock, der offenbar von seinem Herrn stammte; er machte einen etwas strengen und mürrischen Eindruck und hatte große dicke Lippen und eine ebensolche Nase. Nach dem Koffer wurden ein kleines Kästchen aus Mahagoni mit eingelegten Verzierungen aus Korelischem Birkenholz, ein Paar Schuhleisten und ein gebratenes Huhn hereingebracht, das in blaues Papier eingewickelt war. Als alles besorgt war, begab sich der Kutscher Seliphan in den Stall, wo er sich mit den Pferden zu schaffen machte, während sich der Lakai Petruscha in dem kleinen Vorzimmer einrichtete, einem finstern Loche, wohin er aber schon seinen Mantel und zugleich mit diesem einen merkwürdigen Geruch mitgebracht hatte, der nur ihm eigentümlich war. Dieser Geruch teilte sich auch einem Sack mit allerhand Utensilien der Bediententoilette mit, den er gleich darauf hereinschleppte. In dieser Kammer stellte er an der Wand ein enges dreibeiniges Bett auf und legte einen Gegenstand darauf, der einer Matratze ähnlich sah, flach und zusammengedrückt wie ein Pfannkuchen und vielleicht ebenso fettig wie dieser; er hatte sich das Ding von dem Gastwirte geben lassen.

Während die Diener mit der Einrichtung beschäftigt waren, begab sich der Herr in den Salon des Gasthofes. Jeder Reisende weiß aus Erfahrung, wie so ein Salon beschaffen zu sein pflegt: immer dieselben mit Oelfarbe gestrichenen Wände, die oben vom Rauche geschwärzt und tiefer unten wie poliert sind durch die Rücken der Reisenden und mehr noch durch die der einheimischen Kaufleute, die an Markttagen sechs oder sieben Mann hoch hierher kommen, um ihre bestimmte Anzahl Tassen Tee zu trinken; dieselbe rauchige Decke, derselbe geschwärzte Kronleuchter mit einer Unzahl herabhängender Glaskristalle, die jedesmal herumhüpften und klirrten, wenn der Kellner über den abgeriebenen Läufer von Wachstuch sprang und dabei gewandt das Tablett schwenkte, auf dem eine Unmenge von Teetassen ruhte, wie Vögel am Meeresstrande; dieselben Ölgemälde, die eine ganze Wand einnahmen, mit einem Wort: es war alles wie überall, höchstens mit dem Unterschied, daß auf einem der Bilder eine Nymphe mit so gewaltigen Brüsten dargestellt war, wie sie der Leser noch nicht gesehen hat. Übrigens begegnet man ähnlichen Naturspielen auf vielen historischen Gemälden, von denen man nicht weiß, woher sie, wann sie und von wem sie zu uns nach Rußland gebracht wurden; mitunter freilich waren es unsere vornehmen Würdenträger und Kunstliebhaber selbst, die sie in Italien auf Anraten der sie begleitenden Kuriere kauften. Der Herr warf seine Mütze hin und legte sein wollenes, regenbogenfarbenes Halstuch ab, wie es unsere Ehefrauen ihren Gatten eigenhändig zu häkeln pflegen, wobei sie stets noch allerhand nützliche Lehren hinzufügen, wie das Tuch umgelegt werden muß; wer sie dagegen den Hagestolzen anfertigt, das kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen, Gott weiß es, ich habe nie ein solches Halstuch getragen. Nachdem also der Herr sein Halstuch abgelegt hatte, bestellte er sich ein Mittagessen. Während die verschiedenen Speisen, die einem gewöhnlich in den Gasthöfen vorgesetzt werden, aufgetragen wurden, als da sind: Krautsuppe mit Pasteten aus Blätterteig, die wochenlang für die Reisenden aufgehoben und bereit gehalten werden, ferner Hirn mit Schoten, Würstchen mit Kraut, eine gebratene Pularde, eine saure Gurke und das unvermeidliche jederzeit vorrätige Splittertörtchen; während also dies alles aufgetragen wurde, aufgewärmt oder kalt, ließ er sich von dem Diener oder Kellner allerhand törichte Geschichten erzählen: wer den Gasthof früher besessen habe, wer sein jetziger Besitzer sei, wie groß die Einnahmen seien, ob der Herr ein großer Hallunke sei usw., worauf der Kellner die gewohnte Antwort gab: „Oh! ein großer Spitzbube! gnädiger Herr!“ Wie in dem aufgeklärten Europa, so gibt es jetzt auch in dem aufgeklärten Rußland eine Menge höchst ehrenwerter Leute, die es nicht über sich bringen, in einem Gasthaus zu speisen, ohne mit dem Kellner zu schwatzen oder gar mit ihm ihre Scherze zu treiben. Übrigens stellte der Ankömmling nicht nur sinnlose Fragen: er erkundigte sich auch ganz genau nach dem Gouverneur, nach dem Gerichtspräsidenten und Staatsanwalt der Stadt — mit einem Wort: er überging auch nicht einen von den hohen Beamten; und mit fast noch größerer Ausführlichkeit erkundigte er sich nach allen bedeutenden Großgrundbesitzern der Umgegend: wieviel Bauern ein jeder von ihnen habe, wie weit von der Stadt er wohne, ja sogar was er für einen Charakter habe und wie oft er in die Stadt komme; er fragte genau nach den Zuständen, die im Kreise herrschten, ob es in der Provinz vielleicht Krankheiten oder Epidemieen, wie tödlich verlaufende Fieber, Blattern u. s. f. gegeben habe, und dies alles tat er mit einer Peinlichkeit und Ausführlichkeit, die weit mehr als bloße Neugierde erkennen ließ. Im Betragen des Herrn lag etwas Gesetztes und Solides; auch schneuzte er sich ungewöhnlich laut. Es läßt sich kaum sagen, wie er das machte, jedenfalls tönte seine Nase dabei gleich einer Trompete. Aber dieser scheinbar so harmlose und unbedeutende Vorzug eroberte ihm die Hochachtung des Kellners, welcher jedesmal, wenn er diesen Laut vernahm, seine Mähne schüttelte, sich ehrerbietig aufrichtete, seinen Kopf etwas von seiner Höhe herabsinken ließ und fragte: „Wünschen der Herr vielleicht etwas?“ Nach dem Essen trank der Herr eine Tasse Kaffee und ließ sich auf dem Sofa nieder. Er schob sich ein Kissen in den Rücken, das in den russischen Gasthäusern statt mit weicher Wolle mit einem Etwas gestopft wird, das die größte Ähnlichkeit mit Kieseln oder Ziegelsteinen hat. Er begann zu gähnen und ließ sich in sein Zimmer führen, wo er sich niederlegte, um zwei Stunden lang zu schlummern. Nachdem er geruht hatte, schrieb er auf den Wunsch des Kellners seinen Stand, Vor- und Familiennamen auf einen Papierfetzen, damit diese, wie sich’s gehört, der Polizei mitgeteilt werden könnten. Als der Kellner die Treppe hinabstieg, buchstabierte er den Inhalt des Geschriebenen: „Kollegienrat Pawel Iwanowitsch Tschitschikow, Gutsbesitzer, reist in eigenen Angelegenheiten.“ Während der Kellner den Zettel noch immer zu entziffern suchte, verließ Pawel Iwanowitsch Tschitschikow den Gasthof, um sich die Stadt anzusehen, die offenbar einen befriedigenden Eindruck auf ihn machte; denn er fand, daß sie sich durchaus mit jeder andern Provinzhauptstadt messen konnte: die gelbe Farbe der steinernen und das bescheidene Dunkelgrau der hölzernen Häuser fielen besonders ins Auge. Die Häuser hatten ein, zwei oder anderthalb Stockwerke, mit den stereotypen Mansarden, die wohl nach der Ansicht der dortigen Architekten besonders schön waren. Stellenweise schienen diese Häuser wie verloren inmitten der Straße, die breit wie ein Feld war, und zwischen den Bretterzäunen, die gar kein Ende nehmen wollten; an andern Punkten dagegen stießen sie eng aneinander, und hier machte sich auch mehr Leben und Bewegung bemerkbar. Hie und da sah man vom Regen verwaschene Schilder, auf denen ein Bretzel oder ein Stiefel, oder ein Paar blaue Hosen abgebildet waren, und die die Unterschrift zierte: Arschawski, Schneidermeister. Oder ein Hutgeschäft, mit Mützen und Hüten und einem Schild mit der Inschrift: „Der Ausländer Wassili Fjodorow.“ Auf einem dieser Schilder sah man ein Billard mit zwei Spielern in Fräcken abgebildet, wie sie in unseren Theatern die Gäste zu tragen pflegen, die im letzten Akte auf der Bühne erscheinen. Die Spieler waren in der Stellung dargestellt, wo sie mit den Queues gerade zum Stoße ausholen, mit ein wenig zurückgezogenen Armen und gekrümmten Beinen, als ob sie soeben einen Luftsprung gemacht hätten. Unter diesem Bilde befand sich die Inschrift: „Hier ist eine Schenke!“ Hie und da standen unter freiem Himmel auf der Straße Tische mit Nüssen, Seife, und Honigkuchen, die gleichfalls wie Seife aussahen. Etwas weiter befand sich eine Garküche, auf deren Aushängeschild ein mächtiger Fisch abgebildet war, in dem eine Gabel steckte. Am häufigsten aber begegnete man den zweiköpfigen schwarzen Staatsadlern, welche heute bereits durch die lakonische Inschrift: „Ausschank“ ersetzt sind. Das Pflaster war überall ziemlich schlecht. Der Herr warf auch einen Blick in den städtischen Garten, der aus ein paar dünnen Bäumchen bestand, welche offenbar sehr schlecht fortkamen und unten von Pfählen gestützt wurden, die ein Dreieck bildeten und mit grüner Ölfarbe angestrichen waren. Übrigens hieß es von ihnen in den Zeitungen, obwohl sie kaum Schilfhöhe erreichten, bei Beschreibung einer Illumination: „Dank der Fürsorge unseres Zivilgouverneurs ward unsere Stadt durch einen Garten voller breitkroniger, schattenreicher Bäume verschönt, die an heißen Sommertagen angenehme Kühle spenden.“ Weiterhin hieß es: „Es sei rührend anzusehen, wie die Herzen der Bürger in überquellender Dankbarkeit erzitterten und Tränenströme in warmer Anerkennung der Verdienste unseres verehrten Stadtoberhauptes vergössen.“ Der Herr erkundigte sich bei einem Polizisten ausführlich nach dem kürzesten Wege zur Domkirche, zu den Amtsgebäuden, zum Gouverneur und begab sich schließlich zum Fluß hinab, der mitten durch die Stadt floß. — Unterwegs riß er einen Reklamezettel ab, der an einer Plakatsäule klebte, um ihn zu Hause in Ruhe durchzulesen. Dann betrachtete er aufmerksam eine Dame von recht angenehmem Äußeren, die auf den Holzbrettern des Bürgersteiges an ihm vorüberging, begleitet von einem Knaben in militärischem Aufputz, der ein Bündel in der Hand trug. Und nachdem er noch manchmal einen Blick auf das Ganze geworfen hatte, wie um sich die Örtlichkeit gründlich einzuprägen, ging er nach Hause und stieg geradewegs die Treppe zu seinem Zimmer empor, gefolgt vom Kellner, der ihn hierbei leicht unterstützte. Nachdem er seinen Tee getrunken hatte, setzte er sich an seinen Tisch, ließ sich eine Kerze bringen, nahm das Plakat aus der Tasche und begann zu lesen, wobei er sein rechtes Auge ein wenig zukniff. Übrigens stand nicht viel Bemerkenswertes auf dem Zettel. Man gab ein Drama von Kotzebue, in dem ein Herr Popljowin den Rolla und ein Fräulein Sjablowa die Kora spielten. Die übrigen Personen waren noch unbedeutender. Trotzdem las er sämtliche Namen durch, bis auf die Preise der Parterreplätze und erfuhr, daß der Zettel in der städtischen Buchdruckerei hergestellt worden war; dann drehte er ihn um, um sich zu überzeugen, ob nicht noch etwas auf der Rückseite stehe. Aber da er nichts fand, rieb er sich die Augen, faltete ihn sorgsam zusammen und legte ihn in das Kästchen, in dem er alles aufzubewahren pflegte, was ihm unter die Finger kam. Ich glaube der Tag wurde mit einer Portion kalten Kalbsbratens, einer Flasche Kislischtschi (Kaltschale) und einem festen Schlaf beschlossen, den ein Schnarchen begleitete, ähnlich dem Geknarr eines Pumpenkrahns, wie man sich in einigen Gegenden unseres geräumigen russischen Vaterlandes auszudrücken pflegt. —

Der ganze folgende Tag war Besuchen gewidmet. Der Reisende stellte sich allen Honoratioren der Stadt vor. Er machte dem Gouverneur einen Achtungsbesuch, der, wie sich’s herausstellte, ebenso wie Tschitschikow weder dick noch dünn war, den Annenorden im Knopfloch trug und, wie man sich erzählte, selbst Prätendent des Sternes war; im übrigen war er ein gutmütiger alter Herr, der sich sogar bisweilen in Tüllstickereien versuchte. Sodann begab er sich zum Vizegouverneur, zum Staatsanwalt, zum Gerichtspräsidenten, zum Polizeimeister, zum Branntweinpächter und Direktor der staatlichen Fabriken ... leider ist es nicht ganz leicht, all die Gewaltigen dieser Welt aufzuzählen; genug, unser Reisender entwickelte eine lebhafte Geschäftigkeit im Besuchemachen: er ging sogar zum Inspektor der Sanitätsverwaltung und zum Stadtbaumeister, um ihnen seine Aufwartung zu machen. Und lange noch saß er in seinem Wagen, bei sich erwägend, wem er wohl noch einen Besuch machen könne, aber leider fand sich in der Stadt kein Beamter mehr, den er nicht schon beglückt hätte. Im Gespräch mit den Machthabern verstand er es vorzüglich, einem jeden von ihnen eine Schmeichelei zu sagen. Zum Gouverneur sagte er wie beiläufig, wenn man in seine Provinz komme, glaube man sich im Paradiese, die Wege seien herrlich, es sei einem, als führe man über Samt; und er fügte hinzu, die Regierung, welche es verstände, weise Männer auf verantwortungsvolle Stellen zu setzen, verdiente das höchste Lob und die größte Anerkennung. Dem Polizeimeister sagte er etwas höchst Schmeichelhaftes über die städtischen Polizisten und den Vizegouverneur und den Gerichtspräsidenten, die erst Staatsräte waren, nannte er im Gespräche zweimal wie im Versehen „Exzellenz“, was ihnen sichtlich Freude bereitete. Der Erfolg von alledem war, daß der Gouverneur ihn noch am selben Tage zu einer kleinen Abendgesellschaft in seinem Hause einlud; auch von den übrigen Beamten erhielt er Einladungen, vom einen zum Diner, vom andern zu einer Partie Boston oder einer Tasse Tee.

Über sich selbst viel zu reden, vermied der Reisende offenbar. Und wenn er etwas sagte, so waren es meist Gemeinplätze. Er drückte sich mit einer auffallenden Bescheidenheit aus, und sein Gespräch bewegte sich in diesen Fällen in Redewendungen aus der Büchersprache, wie etwa folgende: er sei ja nur ein unbedeutender Wurm auf dieser Welt, nicht wert, daß man sich viel um ihn kümmere. Er habe in seinem Leben schon viel erfahren und durchgemacht, für die Wahrheit gelitten und sich viele Feinde erworben, die ihm sogar nach dem Leben trachteten. Jetzt sehne er sich nach Ruhe, und daher suche er sich endlich ein Plätzchen, wo er ungestört leben könne. Er habe es bei seiner Ankunft in dieser Stadt für seine erste Pflicht gehalten, die hervorragenden Repräsentanten des Beamtenstandes aufzusuchen und ihnen seine Hochachtung auszusprechen. Das war alles, was man in der Stadt über den Fremden in Erfahrung bringen konnte, der nicht zögerte, bei der Soiree des Gouverneurs zu erscheinen. Die Vorbereitungen zu dieser Abendgesellschaft nahmen gute zwei Stunden in Anspruch, und hierbei legte der Reisende eine solche peinliche Aufmerksamkeit für seine Toilette an den Tag, wie man ihr nur selten begegnet. Nach einem kurzen Nachmittagsschläfchen ließ er sich ein Waschbecken reichen und rieb sich hierauf lange Zeit beide Wangen mit Seife, wobei er die Zunge von innen gegen die Backe drückte. Dann nahm er dem Hausdiener das Handtuch von der Schulter, trocknete sein rundliches Gesicht überall sorgfältig ab, indem er bei den Ohren anfing und dem Diener zuvor zweimal gerade ins Gesicht prustete. Dann trat er vor den Spiegel, um sich das Vorhemd anzulegen, riß sich zwei aus der Nase hervorragende Härchen aus und stand gleich darauf in einem preißelbeerfarbenen roten gesprenkelten Fracke da. Nachdem er so seine Toilette vollendet hatte, bestieg er seine eigene Equipage und fuhr durch die ungemein breiten Straßen, welche von dem spärlichen Lichte beleuchtet wurden, das aus einigen Fenstern fiel. Das Haus des Gouverneurs war indessen so glänzend erleuchtet wie bei einem Ball; vor dem Hause standen Wagen mit hellen Laternen, sowie zwei Gendarmen. Aus der Ferne klangen die Rufe der Vorreiter herüber; mit einem Wort, es war alles so, wie es sich gehörte. Als Tschitschikow den Saal betrat, mußte er die Augen für einen Moment schließen, weil der blendende Glanz der Lichter, der Lampen und Damentoiletten geradezu überwältigend war. Alles war wie mit Licht übergossen. Schwarze Fräcke schwirrten einzeln und in Gruppen durch den Saal, wie Fliegen um den Zuckerhut an einem heißen Julitag, während ihn die Wirtschafterin zerteilt und vor dem offenen Fenster in weiße leuchtende Stücke zerschlägt: alle Kinder umstehen sie und verfolgen mit Neugierde die Bewegungen ihrer arbeitsharten Hände, welche den Hammer schwingen, während geflügelte Schwadronen von Fliegen von einem leichten Winde emporgetragen, kühn herbeifliegen, als wären sie die Herren des Hauses, und sich die Kurzsichtigkeit der Frau und das Sonnenlicht, das ihr Auge blendet, zu nutze machend, die süßen Leckerbissen hier vereinzelt, dort in dichten Haufen umschwirren. Gesättigt vom reichen Sommer, der ohnehin auf Schritt und Tritt leckere Gaben austeilt, kamen sie herbeigeflogen, nicht etwa um zu naschen, sondern bloß um sich zu zeigen, auf dem Zuckerhaufen herumzuspazieren, eine an der anderen ihre Vorder- oder Hinterfüßchen zu wetzen und sie an den Flügelchen zu reiben oder endlich, die beiden Vorderpfötchen vorstreckend, sich das Köpfchen zu krauen und mit einer kühnen Wendung davonzufliegen, um bald in neuen, zudringlichen Schwärmen wiederzukehren. Tschitschikow fand kaum Zeit, sich umzusehen, als der Gouverneur ihn schon am Arme faßte und der Gouverneurin vorstellte. Auch bei dieser Gelegenheit vergab sich der Reisende nichts: er sagte der Dame ein Kompliment, wie es sich für einen Mann in mittleren Jahren schickt, dessen Rang und Titel weder sehr hoch noch sehr niedrig sind. Als die tanzenden Paare Aufstellung nahmen und alle Zuschauer an die Wand drückten, stand er, die Hände auf dem Rücken gekreuzt, da, und betrachtete die Tänzer einige Minuten lang sehr aufmerksam. Viele von den Damen waren sehr gut gekleidet und trugen moderne Toiletten, andre dagegen hatten an, was Gottes Vorsehung in eine Provinzstadt gelangen läßt. Die Herren zerfielen hier wie überall in zwei Kategorien: die einen waren sehr dünn und hager und drehten sich beständig um die Damen herum; unter diesen gab es einige, die man nicht leicht von Petersburger Herren hätte unterscheiden können; sie hatten ebenso sorgfältig gepflegte Backenbärte, und ihre Barttracht war ebenso wohl überlegt und geschmackvoll, oder sie hatten einfach hübsche, glattrasierte Ovale, nahmen ebenso ungezwungen neben den Damen Platz, sprachen ebensogut französisch und brachten die Damen genau so zum Lachen wie in Petersburg. Die andere Kategorie von Herren bildeten die dicken, oder die, welche Tschitschikow glichen, also weder sehr dick waren, ohne doch wiederum zu dünn zu sein. Diese waren ganz anders in ihrem Auftreten, sie sahen weg, gingen den Damen aus dem Wege und schauten immer aus, ob nicht der Kammerdiener des Gouverneurs irgendwo einen grünen Tisch für das Whistspiel aufgestellt habe. Ihre Gesichter waren rund und wohlgenährt, einzelne hatten sogar eine Warze oder Pockennarben; sie trugen ihr Kopfhaar weder in Form von Büscheln, noch Locken, noch ‚a la Diable m’emporte‘ (Hol mich der Teufel), wie die Franzosen es nennen. Das Haar war entweder kurz geschoren oder glatt ins Gesicht gekämmt, wie geleckt, und ihre Gesichtszüge waren rund und kräftig. Das waren die geachteten Würdenträger der Stadt. Ach ja! Die Dicken verstehen es besser, auf dieser Welt Geschäfte zu machen als die Dünnen. Die Dünnen sind meist Beamte für besondere Aufträge oder werden bloß in den Listen geführt und treiben sich müßig herum; ihre Existenz hat etwas gar zu Leichtes, Luftiges und ist ganz unsicher. Die Dicken besetzen dagegen nie einen Platz, der abseits vom geraden Wege liegt, sie nehmen immer die bedeutenden Stellungen ein, und wenn sie sich einmal hinsetzen, so sitzen sie fest und sicher, sodaß eher der Sitz unter ihnen kracht oder sich biegt, als daß sie herunterfallen. Jeder äußere Glanz ist ihnen verhaßt, der Frack sitzt ihnen freilich nicht so gut, wie den Dünnen, dafür sind ihre Schatullen voll, und es ruht der Segen Gottes auf ihnen. Der Dünne hat schon nach drei Jahren keine Seele mehr, die nicht verpfändet ist, der Dicke aber lebt ganz ruhig, und siehe da — plötzlich steht irgendwo am Ende der Stadt ein Haus da, das er sich auf den Namen der Frau erworben hat, dann am andern Ende ein zweites, ferner ein kleines Gut in der Nähe des Städtchens und ein Stück Land mit allem Zubehör. Und schließlich quittiert der Dicke, nachdem er Gott und dem Kaiser genug gedient und sich die allgemeine Achtung erworben hat, seinen Dienst, verläßt die Stadt und wird Landwirt, ein prächtiger russischer Landjunker, macht ein offenes Haus und lebt ruhig und herrlich und in Freuden. Seine dünnen Erben aber bringen wiederum nach guter russischer Sitte den ganzen väterlichen Besitz im Eilposttempo durch. Es läßt sich nicht verheimlichen, daß unseren Tschitschikow ähnliche Betrachtungen beschäftigten, während er sich die Gesellschaft näher ansah, und die Folge hiervon war, daß er sich schließlich zu den Dicken gesellte, wo er beinahe lauter bekannte Gesichter vorfand: da war der Staatsanwalt, ein Herr mit buschigen, schwarzen Augenbrauen, der ein wenig mit dem linken Augenlid zuckte, wie wenn er sagen wollte: „kommen Sie doch ins Nebenzimmer, ich möchte Ihnen etwas erzählen“ — übrigens ein ernster und schweigsamer Mann. Da war der Postmeister, ein kleines Männchen, aber ein Witzbold und Philosoph; ferner der Gerichtspräsident, ein sehr verständiger und liebenswürdiger Herr — sie alle begrüßten ihn wie einen alten Bekannten, worauf Tschitschikow sich ein wenig linkisch, aber doch nicht ohne Grazie verbeugte. Hier machte er auch die Bekanntschaft eines sehr höflichen und freundlichen Herrn, eines Gutsbesitzers, namens Manilow, und eines etwas plump aussehenden Herrn Sabakewitsch, der ihm sofort auf den Fuß trat und „Bitte um Entschuldigung“ dazu sagte. Zugleich reichte man ihm eine Spielkarte, als Aufforderung zu einer Partie Whist, die er mit der gleichen höflichen Verbeugung annahm. Man setzte sich an den grünen Tisch, und blieb bis zum Abendessen sitzen, ohne sich zu erheben. Die Unterhaltung hörte sogleich auf, wie das immer zu sein pflegt, wenn man nun endlich an eine ernste Beschäftigung geht. Und obwohl der Postmeister sehr redselig war, so erhielt doch auch sein Gesicht einen nachdenklichen Ausdruck, er bedeckte seine Oberlippe mit der unteren und verharrte während des ganzen Spiels in dieser Stellung. Wenn er eine Figur ausspielte, dann schlug er mit der Hand kräftig auf den Tisch. War es eine Dame, dann fügte er hinzu: „Raus, alte Popin!“ War es dagegen ein König, so rief er: „Raus mit dem Tambower Bauern!“ Der Präsident aber antwortete: „Dem geb ich’s auf den Schnauzbart! Dem geb ich’s auf den Schnauzbart!“ Zuweilen entschlüpften ihnen Ausdrücke, wie die folgenden, während sie mit den Karten auf den Tisch schlugen: „Ach was: Was nicht is, is nicht, in solchen Fällen spielt man Schellen!“ oder einfache Ausrufe wie: „Herzen! Herzchen! Pikentia!“ oder „Piekchen, Piekchen, Pickelchen!“ oder einfach „Pikkolo“. Lauter Namen, mit denen sie in ihrer Gesellschaft die Farben zu bezeichnen pflegten. Nach Beendigung eines jeden Spieles wurde, wie das so zu geschehen pflegt, laut gestritten. Unser neu angekommener Gast beteiligte sich auch am Streit, aber er wußte das so geschickt zu machen, daß alle zwar sahen, daß er auch mitstritt, doch aber immer liebenswürdig blieb. Er sagte niemals: „Sie spielten ...“ sondern stets: „Sie hatten die Güte ... zu spielen“ oder: „ich habe mir erlaubt, Ihre Zwei zu stechen“ u. s. w. Um seine Gegner noch mehr zu gewinnen, reichte er ihnen jedesmal seine emaillierte Tabaksdose, auf deren Grunde zwei Veilchen zu sehen waren, die er des Wohlgeruchs wegen hineingetan hatte. Am meisten interessierten unseren Reisenden die beiden Gutsbesitzer Manilow und Sabakewitsch, von denen schon oben die Rede war. Er erkundigte sich sogleich nach ihnen beim Präsidenten und beim Postmeister, die er hierbei ein wenig beiseite nahm. Die wenigen Fragen, die er ihnen vorlegte, ließen erkennen, daß der neue Gast nicht nur sehr wißbegierig, sondern auch sehr gründlich war, denn er suchte vor allem in Erfahrung zu bringen, wieviel Bauern ein jeder von ihnen besäße, und in welcher Verfassung sich ihre Güter befänden; erst hierauf fragte er auch nach ihren Vor- und Zunamen. In ganz kurzer Zeit wußte er sie alle zu bezaubern. Der Gutsbesitzer Manilow, ein Mann in den besten Jahren, mit Augen süß, wie Zucker, die er beim Lachen stets zusammenkniff, war ganz begeistert von ihm. Er drückte ihm lange die Hand und bat ihn inständig, ihm doch die Ehre eines Besuchs bei ihm auf dem Lande zu machen, und er fügte hinzu, sein Gut wäre nur fünfzehn Werst vom Stadttor entfernt, worauf Tschitschikow mit höflichem Kopfnicken und warmem aufrichtigem Händedruck erwiderte, er werde dieser freundlichen Aufforderung nicht nur mit dem größten Vergnügen nachkommen, sondern halte es sogar für seine heiligste Pflicht. Sabakewitsch aber sagte lakonisch: „Ich bitte gleichfalls darum,“ dabei machte er eine kleine Verbeugung und zog den Fuß ein wenig an, der in einem Stiefel von so gewaltigen Dimensionen steckte, daß man wohl vergeblich nach einem zweiten Fuß suchen würde, der zu diesem Stiefel gepaßt hätte, besonders zu unserer Zeit, wo die Recken und Ritter in Rußland im Aussterben begriffen sind.

Am folgenden Tag war Tschitschikow zum Mittagessen und zu einer Abendgesellschaft beim Polizeimeister geladen. Um drei Uhr, nach dem Mittagessen setzte man sich an den Tisch zum Whistspielen und spielte bis zwei Uhr nachts durch. Dort machte Tschitschikow unter anderm auch die Bekanntschaft eines Gutsbesitzers namens Nosdrjow, eines sehr gewandten Herrn von dreißig Jahren, der ihn nach drei bis vier Worten zu duzen begann. Den Polizeimeister und den Staatsanwalt duzte Nosdrjow gleichfalls und behandelte sie höchst familiär; aber als man sich hinsetzte und um einen hohen Einsatz zu spielen anfing, gaben der Polizeimeister und der Staatsanwalt sehr genau auf die Stiche acht, die er machte, und ließen keine Karte aus den Augen, die er ausspielte. Den nächsten Abend war Tschitschikow beim Gerichtspräsidenten, der seine Gäste, darunter zwei Damen, in einem etwas fettigen Schlafrock empfing. Dann besuchte er eine Soirée beim Vizegouverneur, ein großes Diner beim Branntweinpächter und ein kleines Diner beim Staatsanwalt, das sich übrigens neben dem großen wohl sehen lassen konnte; und endlich noch ein Dejeuner nach der Messe, welches vom Stadthaupt veranstaltet wurde und gleichfalls ein Mittagessen aufwog. Mit einem Wort, er war kaum eine Stunde zu Hause und kam nur in den Gasthof, um zu schlafen. Der Reisende verstand es dabei, sich in jede Situation zu finden und zeigte sich überall als erfahrener Weltmann. Worauf auch die Rede kam, er wußte immer ein passendes Wort einzuflechten; sprach man von Pferdezucht, so wußte auch er etwas über die Pferdezucht zu sagen; sprach man von den Vorzügen der Hunde, so machte er auch hierbei ein paar feine Bemerkungen; unterhielt man sich über eine Untersuchung, die vom Gerichtshof angestellt wurde, — so ließ er merken, daß ihm auch die gerichtlichen Kniffe nicht ganz unbekannt seien; war die Rede vom Billardspiel — so gab er sich auch beim Billardspiel keine Blöße; kam das Gespräch auf die Tugend — so konnte er auch sehr schön, und sogar mit Tränen im Auge von der Tugend reden; oder kam man auf die Branntweindestillation zu sprechen, auch über Branntweindestillation wußte er Bescheid — oder auf die Zollwächter und Zollbeamten — er sprach auch über diese, als ob er selbst Zollbeamter oder Zollwächter gewesen wäre. Das Merkwürdigste dabei war, daß er bei alledem eine gewisse Würde und Gesetztheit bewahrte, und immer ein feines und vornehmes Betragen zeigte. Er sprach weder zu laut noch zu leise, sondern ganz so, wie es sich schickt. Mit einem Wort: von welcher Seite man ihn auch betrachten mochte, er war durchaus ein Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle. Alle Beamten waren hoch erfreut über die Ankunft dieser neuen Erscheinung. Der Gouverneur erklärte ihn für einen wohlgesinnten Mann — der Staatsanwalt für einen tüchtigen Mann — der Gendarmerieoberst für einen gelehrten — der Gerichtspräsident für einen hochgebildeten und ehrenwerten — der Polizeimeister für einen ehrenwerten und liebenswürdigen Mann und die Frau des Polizeimeisters für einen sehr liebenswürdigen und galanten Mann. Ja selbst Sabakewitsch, der selten gut über seine Mitmenschen redete, sprach, als er spät abends aus der Stadt zurückkehrte, während er sich entkleidete und zu seiner mageren Frau ins Bett stieg: „Schatz, ich war heute abend beim Gouverneur und beim Polizeimeister zu Mittag, wo ich die Bekanntschaft des Kollegienrates Pawel Iwanowitsch Tschitschikow gemacht habe: ein äußerst angenehmer Herr!“ Worauf seine Gemahlin „Hm“ machte und ihm einen leichten Fußtritt gab.

Diese für unseren Gast so schmeichelhafte Meinung bildete und erhielt sich so lange in der Stadt, bis eine seltsame Eigentümlichkeit des Reisenden sowie eine Unternehmung oder eine Passage, wie man sich in der Provinz auszudrücken pflegt, von der der Leser in Kürze Näheres erfahren soll, nahezu die ganze Stadt aufs höchste in Staunen und Zweifel versetzten.

Zweites Kapitel

Schon mehr als eine Woche lebte der Fremde in der Stadt, indem er beständig die Diners und Abendgesellschaften besuchte und so, wie man zu sagen pflegt, seine Zeit auf recht angenehme Weise verbrachte. Endlich entschloß er sich, seine Besuche auch über die Stadtgrenze auszudehnen und den beiden Gutsbesitzern, Manilow und Sabakewitsch, seinem Versprechen gemäß seine Aufwartung zu machen. Mag sein, daß ihn hierzu noch ein anderer triftigerer Grund veranlaßte, eine ernstere Angelegenheit, die ihm noch mehr am Herzen lag ... Doch von alledem wird der Leser schon nach und nach und an der richtigen Stelle etwas erfahren, vorausgesetzt, daß er die Geduld hat, diese lange Erzählung durchzulesen, die sich in ihrem weiteren Verlauf noch mehr ausdehnen und freier entfalten wird, je mehr sie sich dem Ende nähert, welches unser Werk krönen soll. Der Kutscher Seliphan empfing die Weisung, die Pferde in aller Frühe vor den uns schon bekannten Wagen zu spannen; Petruschka aber erhielt den Befehl, zu Hause zu bleiben und das Zimmer nebst dem Koffer zu bewachen. Es wird für den Leser nicht überflüssig sein, die Bekanntschaft dieser beiden Leibeigenen unseres Helden zu machen. Obwohl beide zwar nicht gerade bemerkenswerte und auffallende Persönlichkeiten, sondern wie man zu sagen pflegt, Leute zweiten oder sogar dritten Ranges sind, und obgleich die bedeutendsten Vorgänge und die Federn dieser Dichtung eben nicht auf ihnen ruhen, und sie höchstens einmal berühren oder leichthin streifen; — der Verfasser liebt es nun einmal so sehr, in allen Dingen möglichst gründlich und ausführlich zu sein, und so möchte er auch hier, trotzdem er selbst ein sehr guter Russe ist, genau und peinlich verfahren, wie ein Deutscher. Auch wird es gar nicht viel Zeit und Raum in Anspruch nehmen, weil nicht mehr viel zu dem hinzuzufügen bleibt, was der Leser schon weiß, wie z. B. dies, daß Petruschka einen etwas weiten braunen Rock trug, der einmal seinem Herrn gehört hatte, und daß er wie alle Leute seines Schlages eine große Nase und dicke Lippen hatte. Er neigte eher zur Schweigsamkeit als zur Geschwätzigkeit und war sogar von einem hohen Trieb zur Bildung d. h. zur Lektüre beseelt, worin er sich nicht irre machen ließ, auch wenn er den Inhalt der Bücher nicht verstehen konnte: es war ihm vollkommen gleichgültig, was er las, ob es nun „Die Abenteuer eines verliebten Ritters,“ eine einfache Fibel oder ein Gebetbuch war, — er las alles mit der gleichen Aufmerksamkeit; hätte man ihm ein chemisches Lehrbuch in die Hand gegeben, — er hätte auch dieses nicht verschmäht. Ihn freute nicht das, was er las, sondern das Lesen selbst, oder richtiger der Prozeß des Lesens, daß sich nämlich aus den Buchstaben stets irgend ein Wort bildete, dessen Bedeutung freilich mitunter nur der Teufel selbst enträtseln mochte. Diese Lektüre wurde gewöhnlich im Vorzimmer in liegender Stellung, auf dem Bett oder auf der Matratze vorgenommen, die infolge dieses Umstandes ganz zusammengedrückt und dünn wie ein Pfannkuchen war. Außer der Lesewut hatte er noch zwei Gewohnheiten, die zwei weitere Charakterzüge seiner Person bildeten: er liebte es zu schlafen, ohne sich auszukleiden, so wie er ging und stand, in dem bekannten Rock, und ferner schleppte er immer eine eigene Atmosphäre, jenen ihm eigentümlichen Geruch mit sich, der ein wenig an den Duft eines Wohnzimmers erinnerte, so daß er nur irgendwo sein Bett aufzustellen und seinen Mantel und seine Habseligkeiten mitzubringen brauchte, um sofort den Eindruck zu erwecken, daß dieses Zimmer seit zehn Jahren von Menschen bewohnt werde, selbst wenn bislang noch niemand darin gewohnt hatte. Tschitschikow, ein sehr empfindlicher Herr, der leicht Ekel empfand, rümpfte gewöhnlich die Nase, wenn er morgens gleichsam auf nüchternen Magen mit dem ersten Atemzuge diese Luft einzog, schüttelte den Kopf und murmelte: „Hol’ dich der Teufel, Kerl! Du schwitzt wohl? Geh doch einmal ins Bad!“ Worauf Petruschka gar nichts erwiderte und sich nur mit etwas zu schaffen machte; er nahm wohl die Bürste, um den an der Wand hängenden Frack seines Herrn auszubürsten, oder er begann einfach die Stube aufzuräumen. Woran dachte er wohl, während er still schwieg? Vielleicht sagte er zu sich selbst: „Du bist mir auch der Rechte! Bist du’s noch immer nicht satt, vierzigmal ein und dasselbe zu wiederholen ...“ Gott mag es wissen, es ist schwer zu erraten, was ein leibeigener Bedienter sich denkt, wenn sein Herr ihm gute Lehren gibt. Das ist etwa alles, was sich zunächst über Petruschka sagen läßt. Der Kutscher Seliphan war ein ganz anderer Mensch ... Aber der Autor hat schwere Bedenken, seine Leser so lange mit Leuten der unteren Klasse zu unterhalten, da er aus Erfahrung weiß, wie ungern sie die Bekanntschaft der niederen Stände machen. So ist nun einmal der Russe: nach nichts verlangt ihn mehr, als die Bekanntschaft von Leuten zu machen, ja mit ihnen familiär zu werden, die auch nur um einen Rang höher stehen als er, und der Gruß eines Grafen oder Fürsten gilt ihm mehr als die herzlichste Freundschaft. Der Autor macht sich sogar einige Sorgen, weil sein Held nur Kollegienrat ist. Ein Hofrat wird sich noch allenfalls dazu herablassen, ihn kennen zu lernen, aber die, welche bereits den Rang eines Generals erreicht haben — werden am Ende gar, was Gott verhüte, einen jener verächtlichen Blicke auf ihn werfen, wie sie der Mensch stolz auf alles wirft, was ihm zu Füßen einherkreucht, oder werden was noch schlimmer wäre, mit einer Nichtachtung an ihm vorbeigehen, die für den Autor tödlich wäre. Doch so betrübend beides auch sein mag, wir müssen dennoch zu unserem Helden zurückkehren. Nachdem er also noch am Abend sämtliche notwendigen Anordnungen getroffen hatte, erwachte er in aller Frühe, wusch sich, rieb sich vom Kopf bis zu den Füßen mit einem nassen Schwamm ab, was er nur des Sonntags zu tun pflegte — doch traf es sich gerade so, daß der Tag ein Sonntag war —, dann rasierte er sich, bis seine Wangen an Glanz und Glätte dem Atlas gleichkamen, zog den bekannten gesprenkelten preißelbeerfarbenen Frack und darüber einen mit Bärenfell gefütterten Pelzmantel an und ging die Treppe hinunter, wobei ihn der Kellner unter dem Arm faßte und bald auf der einen, bald auf der anderen Seite unterstützte. Er bestieg den Wagen, welcher rasselnd durch das Tor des Gasthofes auf die Straße hinaus rollte. Ein vorübergehender Pope lüftete seinen Hut und grüßte; ein paar Straßenjungen in schmutzigen Hemden streckten ihre Hand aus und murmelten: „Lieber Herr, eine Gabe für uns arme Waisen!“ Als der Kutscher bemerkte, daß der eine nicht übel Lust hatte, auf den Wagentritt zu springen, langte er ihm eins mit der Peitsche und der Wagen polterte weiter über die Steine. Man war nicht wenig erfreut, als man in der Ferne einen gestreiften Schlagbaum erblickte, der anzeigte, daß die Qualen des holperigen Pflasters und noch manche andere bald überstanden seien. Und nachdem Tschitschikow noch ein paarmal gegen den Kutschbock geflogen war, rollte der Wagen jetzt auf ziemlich weichem Boden fort. Kaum lag die Stadt hinter ihnen, da bot sich ihnen die bekannte Aussicht mit ihren Geschmacklosigkeiten und Langweiligkeiten zu beiden Seiten der Landstraße: kleine mit Moos bewachsene Erdhügel, junger Tannenwald, junge, niedrige und dünne Fichtenstämme, angekohlte Baumstämme, wildes Heidekraut und ähnliches Zeug. Hie und da begegnete man schnurgerade angelegten Dörfern, deren Häuser in ihrer Bauart an alte Holzklaftern erinnerten. Die Hütten waren mit grauen Dächern gedeckt und mit hölzernem Schnitzwerk verziert, das die Form eines gestärkten Handtuches hatte und vom Dache herabhing. Ein paar Bauern saßen wie gewöhnlich in Schafpelzen auf den Bänken vor der Tür. Die Bäuerinnen mit dicken Gesichtern und eingeschnürten Brüsten sahen aus den oberen Fenstern heraus. Durch das untere Fenster guckte ein Kalb oder steckte ein Schwein seine blinde Schnauze hervor. Mit einem Wort: das bekannte Bild. Nachdem sie fünfzehn Werst zurückgelegt hatten, erinnerte sich Tschitschikow, daß nach Manilows Beschreibung sein Gut nicht mehr fern sein könne; aber auch der sechzehnte Streckenpfosten flog vorüber, ohne daß etwas von dem Gute zu entdecken gewesen wäre. Und wenn sie nicht zufällig zwei Bauern begegnet wären, wäre es ihnen sicher nicht geglückt, das Gut zu erreichen. Auf die Frage, ob das Dorf Samanilowka noch weit sei, nahmen die Bauern die Mützen ab, und der eine von ihnen, der etwas klüger zu sein schien und einen Spitzbart trug, antwortete: „Vielleicht meinen Sie Manilowka und nicht Samanilowka?“ —

„Nun ja, Manilowka“ —

„Manilowka! Wenn du noch eine Werst fährst, dann bist du da, d. h. dann liegt es gerade rechts.“ —

„Rechts?“ sagte der Kutscher.

„Rechts,“ sagte der Bauer. „Das ist der Weg nach Manilowka. Ein Samanilowka gibt es überhaupt nicht. Es heißt so, d. h. sein Name ist Manilowka. Ein Samanilowka aber existiert hier nicht. Da gerad auf dem Berge wirst du ein steinernes, zweistöckiges Haus erblicken. Das ist das Herrenhaus. Da wohnt nämlich der Herr selbst. Und das ist Manilowka. Ein Samanilowka gibt es hier garnicht und hat es hier nicht gegeben.“

Man machte sich also auf, Manilowka zu suchen. Nachdem sie noch zwei Werst gefahren waren, kamen sie an einem Feldweg vorüber. Dann fuhren sie noch zwei, drei oder sogar vier Werst; aber das zweistöckige, steinerne Haus war noch immer nicht zu sehen. Hier erinnerte sich Tschitschikow, daß, wenn uns ein Freund auf ein Landgut einlädt, das fünfzehn Werst entfernt ist, die Entfernung dann sicherlich dreißig Werst beträgt. Die Lage des Dorfes Manilowka hatte gewiß wenig Verlockendes. Das Herrenhaus stand einsam auf einer Anhöhe und war jedem Winde ausgesetzt, dem es einfiel, zu blasen. Der Abhang des Berges, auf dem es stand, war mit schön geschorenem Rasen bedeckt. Hie und da standen Bosquets nach englischer Manier aus Flieder und gelben Akazien. Fünf bis sechs Birken streckten stellenweise in kleinen Gruppen ihre dünnbelaubten, schmächtigen Wipfel empor. Unter zweien von ihnen befand sich eine Laube mit einer flachen grünen Kuppel auf blauen, hölzernen Säulen, welche die Inschrift trug: „Tempel einsamer Betrachtungen“; etwas weiter unten lag ein Teich ganz im Grünen, was übrigens in den englischen Gärten der russischen Gutsbesitzer keine Seltenheit ist. Am Fuße dieser Anhöhe und teilweise auch längs des Abhanges schimmerten überall kleine Blockhäuser, welche unser Held aus irgend einem Grunde sofort zu zählen begann und deren er mehr als zweihundert zählte. Sie standen ganz nackt da, nirgends erblickte man ein Bäumchen oder etwas frisches Grün. Nichts wie die kahlen Balken starrten einen an. Die Landschaft wurde durch zwei Bauersfrauen belebt, welche mit malerisch aufgesteckten und aufgepolsterten Kleidern bis an die Knie im Teich wateten und an zwei Stöcken ein zerrissenes Netz hinter sich her schleiften, in dem sich zwei Krebse und eine silbern schimmernde Forelle gefangen hatten. Die Weiber schienen sich veruneinigt zu haben und traktierten einander mit Schimpfworten. Etwas abseits in der Ferne schimmerte ein Fichtenwald in melancholischem Blau. Auch das Wetter entsprach ganz der Stimmung, der Tag war weder klar noch trübe, sondern zeigte eine Art hellgraue Färbung, wie man sie nur an den alten Uniformen unserer Garnisonssoldaten bemerken kann, dieses zwar recht friedlichen, aber besonders an Sonntagen recht unmäßigen Truppenteils. Zur Vervollständigung des Bildes fehlte es nicht an einem Hahn, der die Rolle eines Wetterpropheten spielte und jeden Witterungsumschlag vorausverkündigte. Und obwohl sein Kopf von den Schnäbeln anderer Hähne wegen gewisser Liebeshändel vollkommen bis auf die Hirnschale zerhackt war, krähte er noch immer aus vollem Halse und schlug sogar noch mit den Flügeln, die zerfetzt und zerzupft waren, wie ein Paar alte zertretene Matten. Als Tschitschikow sich dem Tore näherte, bemerkte er den Hausherrn, der in einem grünen Rock von Wolle auf der Freitreppe stand und die Hände wie einen Schirm über die Augen hielt, um den heranrollenden Wagen besser betrachten zu können. In dem Maße, als der Wagen sich dem Hause näherte, wurden seine Augen munterer und verbreitete sich ein Lächeln über sein Gesicht.

„Pawel Iwanowitsch!“ rief er schließlich aus, während Tschitschikow aus dem Wagen stieg. „Endlich haben Sie sich doch an uns erinnert!“

Die beiden Freunde küßten sich sehr herzlich, und Manilow führte seinen Freund ins Zimmer. Obwohl die Zeit, während der sie den Flur, das Vorzimmer und den Speisesaal durchschreiten, nur sehr kurz ist, wollen wir doch zusehen, ob es uns nicht gelingt, sie uns zunutze zu machen, um ein paar Worte über den Hausherrn zu sagen. Hier aber muß der Autor leider gestehen, daß ein solches Unternehmen seine großen Schwierigkeiten hat. Es ist weit leichter einen Charakter von einer gewissen Größe zu schildern. Da braucht man die Farben nur so mit der Hand auf die Leinewand zu werfen — schwarze flammende Augen, dicke buschige Augenbrauen, die große Stirnfalte, der schwarze oder feuerrote Mantel kühn über die Schulter geworfen — und das Porträt ist fertig; aber all diese Herrschaften, deren es so viele auf der Welt gibt, die sich äußerlich so sehr ähnlich sehen, und doch bei näherem Studium und Anblick eine ganze Reihe äußerst feiner, kaum faßbarer Eigentümlichkeiten aufweisen — diese Leute sind äußerst schwer zu porträtieren. Da muß man seine Aufmerksamkeit bis aufs Äußerste anspannen, ehe es einem gelingt, all die feinen, fast verschwindenden Züge hervortreten zu lassen, und es wird überhaupt nötig, den durch die Menschenkenntnis geschärften Blick bis tief auf den Grund der Menschenseele hinabzusenken.

Nur Gott allein hätte vielleicht sagen können, was Manilow für einen Charakter hatte. Es gibt eine Gattung von Menschen, die man folgendermaßen zu bezeichnen pflegt: nicht Fisch, nicht Fleisch, nicht dies noch das, in der Stadt nicht Bogdan, noch auf dem Land Seliphan, wie das russische Sprichwort lautet. Vielleicht könnte man Manilow zu ihnen zählen. Äußerlich machte er einen recht stattlichen Eindruck; seine Züge waren nicht unliebenswürdig, aber diese Liebenswürdigkeit war zu stark mit einer gewissen Süßigkeit versetzt; in seinem Betragen und Verhalten machte sich das Bestreben bemerkbar, Vertrauen und Zuneigung zu erwerben. Er lächelte einnehmend, war blond und hatte himmelblaue Augen. Wenn man sich mit ihm unterhielt, hätte ein jeder im ersten Augenblick ausgerufen: „Welch ein angenehmer und freundlicher Mensch!“ Im darauffolgenden Augenblick sagt man nichts mehr, und noch einen Augenblick später denkt man sich: ‚Pfui Teufel!‘ und macht, daß man fortkommt; oder wenn man ihm nicht entfliehen kann, fühlt man eine geradezu tödliche Langeweile. Nie hörte man ein lebhaftes oder anmaßendes Wort von ihm, wie man es von jedem hören kann, wenn man einen Gegenstand berührt, der ihm am Herzen liegt. Jeder hat sein Steckenpferd: bei dem einen sind es die Windhunde; dem anderen kommt es so vor, als ob er ein großer Musikliebhaber sei, und die ganzen Tiefen dieser Kunst empfinde; ein dritter versteht sich auf ein feudales Mittagessen; ein vierter bemüht sich eine Rolle zu spielen, die um wenigstens einen Zoll höher, als die ihm vorgeschriebene ist; ein fünfter, dessen Ziele weniger hoch gesteckt sind, schläft und träumt davon, wie er bei einem Gartenfeste Seite an Seite mit einem Flügeladjutanten stolz vor allen Menschen, vor seinen Freunden und Bekannten, ja sogar vor denen die er nicht kennt, vorbeispaziert; ein sechster hat eine so kräftige Hand, daß ihm der unnatürliche Wunsch kommt, einem vornehmen Herrn oder auch irgend einer Null einen kleinen Hieb zu versetzen, während die Hand des Siebenten sich durchaus nicht enthalten kann, überall Ordnung zu stiften und sich an die Herrn Stationschefs oder die Postillons heranzumachen — mit einem Wort, ein jeder hat etwas, was er sein Eigen nennt, nur Manilow hatte nichts derartiges. Zu Hause sprach er sehr wenig und dachte nur nach und philosophierte, worüber er aber nachdachte, das weiß wohl auch nur Gott allein. Man konnte auch nicht sagen, daß er sich mit der Landwirtschaft beschäftigte, denn er fuhr niemals aufs Feld; das ging alles wie von selbst, auch ohne ihn. Wenn der Verwalter zu ihm sagte: „Gnädiger Herr, es wäre doch gut, wenn wir es so und so machten,“ dann antwortete er gewöhnlich „Ja, ja, gar nicht übel!“ während er ruhig seine Pfeife weiter rauchte, eine Gewohnheit, die er noch zur Zeit seines Dienstes in der Armee angenommen hatte, wo er für einen der bescheidensten und höflichsten Offiziere gehalten wurde. „Ja, ja, durchaus nicht übel!“ wiederholte er. Wenn ein Bauer zu ihm kam, sich hinterm Ohr kratzte und sprach: „Gnädiger Herr, darf ich auf einen Tag fortgehen, um mir das Geld für die Steuern zu verdienen,“ dann sagte er: „Geh nur!“ und fuhr fort, seine Pfeife zu rauchen, wobei es ihm gar nicht in den Kopf kam, daß der Bauer nur fortwollte, um sich zu betrinken. Zuweilen betrachtete er von der Flurtreppe aus seinen Hof und seinen Teich, dann verbreitete er sich wohl darüber, wie schön es doch wäre, wenn man vom Hause aus einen unterirdischen Gang anlegen oder eine steinerne Brücke über den Teich bauen könnte, zu dessen beiden Seiten Buden lägen, wo Kaufleute allerhand Waren, die die Bauern brauchten, feilböten. Hierbei hatten seine Augen etwas ungemein Süßes und sein Gesicht nahm einen äußerst zufriedenen Ausdruck an. Übrigens blieb es trotz aller Projekte stets nur bei den Worten. In seinem Arbeitszimmer lag immer ein Buch mit einem Lesezeichen auf Seite 14 aufgeschlagen, in diesem Buche las er beständig, schon seit zwei Jahren. Im Hause fehlte es immer an etwas; im Salon standen prachtvolle Möbel, die mit eleganten Seidenstoffen bezogen und sicherlich nichts weniger als billig waren; aber der Stoff hatte wohl für die letzten zwei Lehnstühle nicht gereicht, denn sie standen noch immer so da, bloß mit Sackleinwand überspannt; übrigens warnte der Hausherr seine Gäste schon seit vielen Jahren jedesmal davor, sich auf einen der Stühle niederzulassen und sagte: „Setzen Sie sich nicht auf diese Stühle, sie sind noch nicht fertig.“ In einzelnen Zimmern standen überhaupt keine Möbel, obwohl Manilow zwei Tage nach der Hochzeit zu seiner Frau gesagt hatte: „Herz, wir müssen morgen dafür sorgen, daß wir uns wenigstens für die erste Zeit Möbel kommen lassen.“ Abends wurde ein höchst eleganter Armleuchter aus dunkler Bronze, mit drei antiken Grazien und einem reizenden Perlmutterschirm auf den Tisch gestellt, neben ihm aber stand irgend ein gewöhnlicher kupferner, hinkender, verbogener, und ganz mit Talg bedeckter Invalide, und weder der Hausherr noch die Hausfrau, noch die Diener schienen etwas davon zu bemerken. Seine Frau ..., doch sie waren ja vollkommen mit einander zufrieden. Trotzdem sie schon mehr als acht Jahre miteinander verheiratet waren, schenkten sie sich noch immer Apfelscheibchen, Bonbons oder Nüsse und sprachen mit einer rührend zärtlichen Stimme, welche von inniger Liebe zeugte: „Mach doch dein Mündchen auf, Herzchen, ich will dir dies Stückchen hineinstecken.“ Es versteht sich von selbst, daß sich das Mündchen in solchen Fällen äußerst graziös öffnete. Zum Geburtstag bereitete man sich allerhand Überraschungen — man schenkte sich z. B. ein Perlenfutteral für die Zahnbürste usw. Und es geschah gar nicht selten, daß, während sie beide auf dem Sofa saßen, ohne besonderen Grund er seine Pfeife und sie ihre Arbeit sinken ließ, die sie bis dahin in der Hand hatten, um sich einen langen schmachtenden Kuß auf die Lippen zu drücken, währenddessen man eine kleine Strohhalmzigarre hätte ausrauchen können. Mit einem Worte, sie waren das, was man glücklich nennt. Man könnte freilich einwenden, es gäbe im Hause noch manches andre zu tun, als sich lange Küsse zu geben und Überraschungen zu bereiten, man könnte überhaupt noch vieles andre einwenden. Warum wurden z. B. die Speisen so schlecht und so töricht zubereitet? Warum waren die Vorratskammern so leer? Warum stahl die Haushälterin? Warum waren die Diener immer so unsauber und betrunken? Warum schliefen die Knechte beständig oder lungerten müßig herum? Aber dies alles sind gemeine Dinge, und Frau Manilow war eine Dame von guter Erziehung. Wie bekannt wird die gute Erziehung in Pensionaten erworben, und in diesen Pensionaten gibt es, wie jedermann weiß, drei Gegenstände, die die Grundlage aller menschlichen Tugend ausmachen: die französische Sprache, deren man für das häusliche Glück der Familie bedarf: das Klavierspiel, das dazu dient, dem Gatten ein Paar angenehme Stunden zu bereiten, und schließlich der eigentlich wirtschaftliche Teil: das Häkeln von Geldbeuteln und ähnlichen Überraschungen. Übrigens gibt es mancherlei Verbesserungen und Vervollkommnungen in den Methoden, besonders in neuerer Zeit: es hängt eben alles von der Verständigkeit und der Fähigkeit der Pensionsvorsteherin ab. In gewissen Pensionaten ist es so, daß zuerst das Klavier, dann die französische Sprache und erst zuletzt der wirtschaftliche Teil kommt. Mitunter aber ist es auch gerade umgekehrt: erst kommt der wirtschaftliche Teil: das Häkeln von kleinen Geschenken usw., dann erst die französische Sprache und endlich das Klavierspiel. Die Methoden sind eben verschieden. Doch hier wäre es am Platze, noch die Bemerkung zu machen, daß Frau Manilow .... allein, ich muß gestehen, daß ich mich ein wenig fürchte, über die Damen zu reden, und außerdem ist es längst Zeit, daß ich zu unseren Helden zurückkehre, die schon seit einigen Minuten vor der Türe des Salons stehen und sich gegenseitig bitten, doch voranzugehen.

„Bitte machen Sie sich doch meinetwegen keine Umstände, bitte nach Ihnen,“ sagte Tschitschikow.

„Nein, bitte, Pawel Iwanowitsch, Sie sind mein Gast,“ antwortete Manilow und zeigte mit der Hand auf die Tür.

„Aber ich bitte, bemühen Sie sich doch nicht, nein, bitte bemühen Sie sich nicht; bitte gehen Sie doch voran,“ sagte Tschitschikow.

„Nein, ich bitte um Entschuldigung, ich kann es nicht zugeben, daß mein Gast, ein so liebenswürdiger und feingebildeter Herr, nach mir eintrete.“

„Warum denn feingebildet? Bitte gehen Sie voran!“

„Nein, seien Sie doch so freundlich und treten Sie ein.“

„Warum denn nur?“

„Nun, so!“ sagte Manilow mit einem freundlichen Lächeln. Endlich zwängten sich beide Freunde seitwärts durch die Tür, wobei einer den andern leicht zusammendrückte.

„Erlauben Sie, daß ich Ihnen meine Frau vorstelle,“ sagte Manilow. „Herzchen! Dies ist Pawel Iwanowitsch.“

Tschitschikow erblickte jetzt eine Dame, die er gar nicht bemerkt hatte, während er und Manilow sich in das Zimmer hineinkomplimentierten. Sie war ziemlich hübsch und trug ein Kleid, das ihr gut zu Gesichte stand. Sie hatte einen hellen Kapott von Seidenstoff an, der ihr sehr gut saß; die kleine schmale Hand ließ schnell etwas auf den Tisch fallen und preßte ein Battisttaschentuch mit gestickten Ecken zusammen. Dabei erhob sie sich vom Sofa, auf dem sie gesessen hatte. Tschitschikow küßte ihr nicht ohne ein gewisses Vergnügen die Hand. Frau Manilow sagte mit ihrer etwas gaumigen Aussprache zu ihm, er habe ihnen eine große Freude mit seinem Besuch bereitet, und es verginge kein Tag, daß ihr Mann sich seiner nicht erinnere.

„Ja!“ murmelte Manilow, „meine Frau hat mich oft gefragt: ‚Warum kommt denn dein Freund nicht?‘ Ich aber antwortete: ‚Warte nur, er wird schon kommen!‘ Und nun haben Sie uns endlich doch noch mit Ihrem Besuche beehrt. Sie haben uns wirklich einen großen Genuß bereitet — es ist wie ein Maitag, wie ein Fest des Herzens.“ ...

Als Tschitschikow vernahm, daß schon von Festen des Herzens die Rede war, wurde er ein wenig verlegen und versetzte, er sei weder ein Mann von berühmtem Namen, noch besitze er einen hohen Rang und Titel.

„Sie besitzen alles,“ unterbrach ihn Manilow mit demselben einnehmenden Lächeln, „Sie besitzen alles und sogar noch mehr!“

„Wie haben Sie unsere Stadt gefunden?“ fragte jetzt Frau Manilow. „Haben Sie Ihre Zeit angenehm verbracht?“

„Eine vortreffliche Stadt, eine herrliche Stadt!“ versetzte Tschitschikow, „ich habe dort wunderschöne Stunden verlebt; die Gesellschaft ist äußerst liebenswürdig und zuvorkommend!“

„Und wie hat Ihnen unser Gouverneur gefallen?“ fragte Frau Manilow weiter.

„Nicht wahr? ein äußerst ehrenwerter und liebenswürdiger Mann?“ fügte Manilow hinzu.

„Sehr richtig,“ sagte Tschitschikow, „ein höchst ehrenwerter Mann! Und wie vortrefflich er seine Stellung ausfüllt, welches Verständnis er für sie hat! Es wäre zu wünschen, wir hätten mehr solche Menschen!“

„Wie er es versteht, einen jeden zu behandeln, und in all seinen Handlungen den richtigen Takt zu wahren,“ fuhr Manilow lächelnd fort, und dabei kniff er vor Vergnügen die Augen zusammen wie ein Kater, den man sanft hinter den Ohren krabbelt.

„Ein ungemein liebenswürdiger und höflicher Mann!“ sagte Tschitschikow, „und welch ein Künstler! Ich hätte mir gar nicht vorstellen können, daß er so reizende Stickereien und Handarbeiten machen kann. Er hat mir eine Börse gezeigt, die er selbst verfertigt hat; man findet selten Damen, die so schön sticken.“

„Und der Vizegouverneur? Ein reizender Mensch! nicht wahr?“ bemerkte Manilow und kniff die Augen wieder zusammen.

„Eine äußerst würdige und hochachtbare Persönlichkeit!“ versetzte Tschitschikow.

„Erlauben Sie mir noch eine Frage: Wie hat Ihnen der Polizeimeister gefallen? Auch ein sehr liebenswürdiger Herr? Nicht wahr?“

„Oh, ein äußerst liebenswürdiger Herr! Und wie klug und belesen er ist! Ich habe zusammen mit dem Staatsanwalt und dem Gerichtspräsidenten bis zum frühen Morgen Whist bei ihm gespielt. Ein ganz ungemein würdiger Herr!“

„Und wie denken Sie von der Gattin des Polizeimeisters?“ fragte hier Frau Manilow. „Finden Sie nicht auch, daß es eine äußerst liebenswürdige Dame ist?“

„Oh, das ist eine der würdigsten und achtbarsten Damen, die ich kennen gelernt habe!“ erwiderte Tschitschikow.

Auch der Gerichtspräsident und der Postmeister wurden nicht vergessen; so nahm man allmählich wohl sämtliche Beamten der Stadt durch, und es zeigte sich, daß es lauter höchst ehrenwerte Männer waren.

„Leben Sie immer auf dem Lande?“ fragte endlich Tschitschikow.

„Den größten Teil des Jahres!“ antwortete Manilow. „Wir fahren auch wohl hin und wieder in die Stadt, um mit gebildeten Menschen zusammen zu sein. Man verwildert ja ganz, wissen Sie, wenn man sich gänzlich vor der Welt verschließt.“

„Sehr wahr, sehr richtig!“ versetzte Tschitschikow.

„Es wäre ja natürlich etwas andres,“ fuhr Manilow fort, „wenn man angenehme Nachbarn, wenn man z. B. einen Menschen hätte, mit dem man sich sozusagen aussprechen, über die guten Manieren und feinen Umgangsformen unterhalten, irgend eine Wissenschaft treiben könnte, — wissen Sie, so was fürs Herz, was einen über sich selbst hinaushebt ...“ Er wollte noch etwas hinzufügen, da er aber merkte, daß er sich ein wenig vergaloppiert hatte, fuhr er nur mit der Hand durch die Luft und sagte: „Dann hätten natürlich das Land und die Einsamkeit viele Annehmlichkeiten. Aber ich habe tatsächlich niemanden. Höchstens liest man einmal den „Sohn des Vaterlandes“.

Tschitschikow war vollkommen damit einverstanden und fügte hinzu, es könne in der Tat gar nichts Schöneres geben, als ganz für sich allein zu leben, den herrlichen Anblick der Natur zu genießen und nur hin und wieder ein Buch zu lesen ...

„Aber wissen Sie,“ versetzte Manilow, „wenn man keinen Freund hat, dem man sich mitteilen kann ...“

„Oh ja, das ist richtig, das ist ganz richtig!“ unterbrach ihn Tschitschikow, „was könnten uns denn alle Schätze der Welt helfen? ‚Gute Freunde sind besser als alle Reichtümer der Erde‘ hat einmal ein weiser Mann gesagt.“

„Und wissen Sie, Pawel Iwanowitsch,“ sagte Manilow und machte dabei ein freundliches oder vielmehr unangenehm süßliches Gesicht, gleich einer Mixtur, die der allzu gewandte Arzt in der Absicht, dem Patienten einen besonderen Gefallen zu erweisen, mit garzuviel Syrup versetzt hat, „dann spürt man einen ganz besonderen, sozusagen — geistigen Genuß ... Wie zum Beispiel gleich heute, wo mir der Zufall das Glück, ich möchte sagen, das seltene, ungetrübte Glück verschaffte, mich mit Ihnen unterhalten und Ihre angenehme Gesellschaft genießen zu können ...“

„Nein, ich muß doch bitten, was für eine angenehme Gesellschaft? ... Ich bin nur ein unbedeutender Mensch und sonst nichts,“ erwiderte Tschitschikow.

„Ach, Pawel Iwanowitsch! Lassen Sie mich ganz aufrichtig sein! Ich würde mit Freuden die Hälfte meines Vermögens hingeben, um nur einen Teil Ihrer großen Vorzüge zu besitzen!“

„Im Gegenteil, ich hätte vielmehr allen Anlaß, mich zu freuen ...“

Es läßt sich kaum sagen, wie dieser gegenseitige Gefühlserguß der beiden Freunde geendigt hätte, wenn nicht der Diener eingetreten wäre, um zu melden, das Essen sei aufgetragen.

„Darf ich bitten,“ sagte Manilow.

„Sie werden entschuldigen, wenn wir Ihnen nicht mit einem Mittagessen aufwarten können, wie Sie es wohl in den Hauptstädten und in vornehmen Häusern gewohnt sind: bei uns ist’s nur einfach, nach russischer Sitte, nichts wie Kohlsuppe, aber es kommt von Herzen. Bitte seien Sie so freundlich.“

Hierauf stritten sie sich noch eine Weile herum, wer zuerst eintreten solle, bis sich Tschitschikow endlich dazu entschloß und sich seitwärts durch die Tür drückte.

Im Speisezimmer warteten zwei Knaben, Manilows Söhne; sie befanden sich in dem Alter, wo man die Kinder schon am Tische mitessen, aber sie noch auf hohen Stühlen sitzen läßt. Neben ihnen stand der Hauslehrer, der sich höflich lächelnd verbeugte. Die Hausfrau setzte sich vor die Suppenterrine; der Gast mußte zwischen dem Hausherrn und der Hausfrau Platz nehmen, der Diener band den Kindern die Servietten vor.

„Was für reizende Knaben!“ sagte Tschitschikow mit einem Blick auf die Kinder. „Wie alt sind sie?“

„Der ältere ist sieben Jahre, der jüngere ist gestern sechs Jahre alt geworden,“ erklärte Frau Manilow.

„Themistokljus!“ sagte Manilow und wandte sich an den älteren, der sein Kinn unter der Serviette hervorzuziehen suchte, die ihm der Diener vorgebunden hatte. Tschitschikow zog die Augenbrauen leicht in die Höhe, als er diesen halbgriechischen Namen hörte, dem Manilow aus einem unbekannten Grunde die Endung jus gegeben hatte; aber er beeilte sich, seinem Gesicht sofort wieder den gewohnten Ausdruck zu verleihen.

„Themistokljus, sage mir doch, welches ist die schönste Stadt in Frankreich?“

Jetzt richtete der Lehrer seine ganze Aufmerksamkeit auf Themistokljus, als wolle er ihm in die Augen springen, aber schließlich beruhigte er sich wieder und nickte nur mit dem Kopf, als Themistokljus antwortete: „Paris.“

„Und welches ist bei uns die schönste Stadt?“ fragte Manilow wieder.

Wieder heftete der Lehrer den Blick auf den Knaben.

„Petersburg!“ antwortete Themistokljus.

„Und weiter?“

„Moskau,“ sagte Themistokljus.

„Ein kluger Knabe! Brav, mein Junge!“ sagte Tschitschikow. „Sagen sie bloß ...,“ fuhr er fort, indem er sich mit dem Ausdruck höchsten Erstaunens an Manilow wandte. „So jung und schon ein solches Wissen. Ich muß Ihnen gestehen, dieses Kind hat außerordentliche Fähigkeiten!“

„Oh, Sie kennen ihn noch nicht!“ erwiderte Manilow, „er ist ungemein scharfsinnig. Bei dem Jüngeren, Alcid, geht es nicht so schnell, dieser dagegen ... wenn der irgend etwas bemerkt, einen Käfer oder ein Würmchen, da blitzen seine Augen nur so, gleich läuft er hin und merkt sich’s. Ich will ihn die diplomatische Karriere ergreifen lassen. Themistokljus!“ fuhr er fort, indem er sich wieder an den Knaben wandte, „willst du Gesandter werden?“

„Ja“ antwortete Themistokljus, während er an seinem Brot kaute und mit dem Kopfe hin und her wackelte.

Jetzt aber wischte der hinter dem Stuhl stehende Diener dem Gesandten die Nase ab, und das war nötig, sonst wäre ihm ein großer, recht überflüssiger Tropfen in die Suppe gefallen. Das Gespräch wandte sich jetzt den Genüssen des stillen und zurückgezogenen Landlebens zu und wurde nur durch einige Bemerkungen der Hausfrau über das Stadttheater und die Schauspieler unterbrochen. Der Lehrer beobachtete die Sprechenden mit gespannter Aufmerksamkeit, und sowie er bemerkte, daß sie ihre Gesichter zu einem Lächeln verzogen, machte er seinen Mund weit auf und lachte krampfhaft. Wahrscheinlich hatte er ein dankbares Gemüt und wollte sich dem Hausherrn auf diese Weise für die gute Behandlung erkenntlich zeigen. Nur einmal machte er eine ernste Miene und klopfte streng auf den Tisch, wobei er seinen Blick auf die ihm gegenübersitzenden Kinder richtete. Und das hatte seinen guten Grund, denn Themistokljus hatte den Alcid ins Ohr gebissen, welcher die Augen zusammenkniff, den Mund weit öffnete und in ein klägliches Geschrei ausbrechen wollte; da er aber wohl ahnte, daß er dadurch um die süße Speise kommen würde, brachte er den Mund wieder in seine frühere Stellung und begann an seiner Hammelkeule zu nagen, während ihm die Tränen über die Wangen liefen, die nur so vom Fette glänzten.

Die Hausfrau wandte sich mehrmals mit folgenden Worten an Tschitschikow: „Sie essen ja gar nichts, Sie haben sich aber so wenig genommen,“ worauf Tschitschikow regelmäßig versetzte: „Ich danke bestens, ich bin satt. Eine angenehme Unterhaltung schmeckt besser als der schönste Leckerbissen.“ Dann stand man vom Tische auf. Manilow war äußerst zufrieden und wollte seinen Gast eben in den Salon geleiten, indem er ihm die Hand auf den Rücken legte und ihn sanft unterstützte, als Tschitschikow plötzlich mit höchst bedeutungsvoller Miene erklärte, er müsse ihn in einer sehr wichtigen Angelegenheit sprechen.

„Dann möchte ich Sie bitten, mir in mein Zimmer zu folgen,“ versetzte Manilow und führte den Gast in ein kleines Gemach, dessen Fenster auf den bläulich schimmernden Wald hinausging. „Dies ist mein kleiner Winkel,“ sagte Manilow.

„Ein freundliches Stübchen,“ sprach Tschitschikow und ließ seinen Blick durch das Zimmer schweifen. Dieses hatte in der Tat mancherlei Annehmlichkeiten: die Wände waren mit einer undefinierbaren Farbe, halb blau, halb grau angestrichen; das Ameublement bestand aus vier Stühlen, einem Lehnstuhl und dem Tisch, auf dem man das Buch mit dem eingelegten Lesezeichen, das wir schon bei Gelegenheit erwähnt haben, ein paar vollgeschriebene Bogen Papier und vor allem sehr viel Tabak erblickte. Der Tabak war in mancherlei Gestalt vertreten: in Form von Paketen, als Inhalt der Tabaksdose, oder er lag einfach in Häufchen auf dem Tische herum. Auf beiden Fensterbänken sah man auch ein paar Häuflein Pfeifenasche, die sorgfältig in hübschen und regelmäßigen Abständen angeordnet waren. Man hatte den Eindruck, daß diese Beschäftigung dem Hausherrn mitunter zum Zeitvertreib diente.

„Darf ich Sie bitten, in diesem Lehnstuhl Platz zu nehmen,“ sagte Manilow. „Hier sitzen Sie bequemer.“

„Erlauben Sie mir, auf dem Stuhl Platz zu nehmen!“

„Erlauben Sie mir, Ihnen das nicht zu erlauben!“ sagte Manilow lächelnd. „Dieser Lehnstuhl ist nun einmal für den Gast bestimmt. Ob Sie nun wollen oder nicht — Sie müssen drin Platz nehmen!“

Tschitschikow setzte sich.

„Gestatten Sie, daß ich Ihnen eine Pfeife anbiete!“

„Nein danke, ich rauche nicht!“ sagte Tschitschikow freundlich und wie bedauernd.

„Warum nicht?“ fragte Manilow ebenfalls freundlich und mit dem Tone des Bedauerns.

„Ich bin es nicht gewöhnt und fürchte mich, es mir anzugewöhnen; man sagt, das Rauchen sei schlecht für die Gesundheit!“

„Erlauben Sie mir, zu bemerken, daß dies ein Vorurteil ist. Ich bin sogar der Ansicht, daß das Pfeifenrauchen weit gesünder ist als das Tabakschnupfen. Wir hatten einen Leutnant in unserem Regiment, einen herrlichen, außerordentlich gebildeten Menschen, der legte die Pfeife nie aus dem Munde, und nicht nur bei Tisch, sondern mit Respekt zu sagen, auch nicht an anderen Orten. Und heute ist er bereits vierzig Jahre alt und Gott sei dank so gesund, wie nur möglich.“

Tschitschikow wandte ein, daß dies in der Tat vorkomme; überhaupt gäbe es viele Dinge in der Natur, die auch ein großer Geist nicht begreifen könne.

„Aber erlauben Sie mir, Ihnen zuvor eine Bitte vorzutragen ...“ fuhr er mit einer Stimme fort, in der ein seltsamer, oder doch beinahe seltsamer Ausdruck lag, und dabei sah er sich aus irgend einem Grunde um. Auch Manilow sah sich um, ohne daß man hätte sagen können weshalb. „Wie lange ist es her, daß Sie die Revisionsliste zum letztenmal einreichten?“

„Ja, das ist schon sehr lange her, oder um die Wahrheit zu sagen, ich erinnere mich nicht mehr.“

„Sind Ihnen seitdem viele Bauern gestorben?“

„Das weiß ich leider nicht; darnach muß man den Verwalter fragen. Hollah! Bursch! Ruf doch den Verwalter, er muß heute hier sein.“

Bald darauf erschien der Verwalter. Das war ein Mann von etwa vierzig Jahren; er hatte ein glattrasiertes Kinn und einen Gehrock an, offenbar führte er ein sehr ruhiges Leben, denn sein Gesicht war rundlich und wohlgenährt, die gelbe Hautfarbe und die kleinen Äuglein waren ein Beweis dafür, daß er mit weichen Daunendecken und Plumeaus aufs beste vertraut war. Man sah sofort, daß er seine Laufbahn vollendet hatte, gleich allen Leibeigenen, die die Güter ihrer Herrn verwalten; erst war er ein gewöhnlicher Junge gewesen, der im Hause seines Herrn aufgewachsen und Lesen und Schreiben gelernt hatte; dann hatte er irgend eine Agaschka, die Wirtschafterin war und bei der Hausfrau in besonderer Gunst stand, geheiratet, und war dann selbst Hausmeister und endlich Verwalter geworden. In seinem neuen Amt als Verwalter benahm er sich natürlich genau so wie alle Verwalter: er verkehrte und befreundete sich mit den reicheren Leuten im Dorf, legte den Ärmeren noch neue Lasten auf, stand morgens früh gegen neun Uhr auf, wartete auf seine Teemaschine und trank Tee.

„Hör mal, mein Lieber! Wieviel Bauern sind bei uns gestorben, seit wir die Revisionsliste zum letztenmal eingereicht haben?“

„Wie meinen Sie das. Wie viele? Seitdem sind viele gestorben,“ sagte der Verwalter, rülpste und hielt sich die Hand wie ein Schild vor den Mund.

„Ja, ja, das habe ich mir auch gedacht,“ nahm jetzt Manilow das Wort, „es sind sehr viele gestorben!“ Hierbei wandte er sich an Tschitschikow, indem er noch hinzufügte: „Wirklich sehr viele!“

„Und wieviel werden es ungefähr sein?“ fragte Tschitschikow.

„Ja, wie viele ungefähr?“ fiel Manilow ein.

„Ja, wie soll ich sagen — wie viele ungefähr. Das weiß man ja nicht, wie viele gestorben sind. Niemand hat sie gezählt.“

„Natürlich,“ sagte Manilow, indem er sich an Tschitschikow wandte, „das dachte ich mir gleich, die Sterblichkeit war sehr groß; wir wissen gar nicht, wie viele gestorben sind.“

„Bitte, zähle sie doch einmal,“ sagte Tschitschikow, „und stelle mir ein ausführliches Verzeichnis aller Namen auf.“

„Jawohl, aller Namen!“ sagte Manilow.

Der Verwalter sagte: „Zu Befehl!“ und entfernte sich.

„Und aus welchem Grunde interessieren Sie sich dafür?“ fragte Manilow, nachdem der Verwalter fortgegangen war.

Diese Frage schien dem Gast einige Verlegenheit zu bereiten: in dem Ausdruck seines Gesichtes machte sich eine gewisse Anstrengung bemerkbar, die ihn sogar ein wenig erröten ließ — die Anstrengung, die man macht, wenn man etwas aussprechen will, und die Worte wollen sich nicht fügen. Und in der Tat, was Manilow endlich zu hören bekam, waren so seltsame und unerhörte Dinge, wie sie noch nie ein menschliches Ohr vernommen hat.