„Sie fragen mich: aus welchem Grunde? Der Grund ist folgender: ich hätte Lust, die Bauern zu kaufen,“ sagte Tschitschikow, fing an zu stottern, und schloß seine Rede.
„Und darf ich mir die Frage erlauben,“ sagte Manilow, „wie wollen Sie die Bauern kaufen, mit dem Lande, oder um sie mitzunehmen, d. h. also ohne Land?“
„Nein, ich will eigentlich keine Bauern,“ sagte Tschitschikow, „ich möchte tote ... haben.“
„Wie? Verzeihen Sie ..., ich höre ein wenig schlecht, mir schien, ich hätte ein ganz seltsames Wort gehört ...“
„Ich möchte die toten Bauern kaufen, die aber nach der letzten Revision noch als lebendig eingetragen sind,“ erklärte Tschitschikow.
Manilow ließ die Pfeife auf den Boden fallen, machte den Mund weit auf und saß ein paar Minuten lang mit offenem Munde da. Die beiden Freunde, die noch soeben von den Annehmlichkeiten der Freundschaft gesprochen hatten, blieben unbeweglich sitzen und starrten sich gegenseitig an wie zwei Porträts, die man in der guten alten Zeit zu beiden Seiten des Spiegels aufzuhängen pflegte. Endlich hob Manilow die Pfeife auf und sah seinem Gast von unten ins Gesicht, wie um zu erforschen, ob nicht ein Lächeln um seine Lippen spiele, und ob er sich nicht bloß einen Spaß erlaubt hätte: aber er konnte nichts derartiges entdecken, im Gegenteil, das Gesicht erschien ihm noch ernster und würdevoller als gewöhnlich. Dann überlegte er ein wenig, ob der Gast nicht plötzlich verrückt geworden sei, und sah ihn aufmerksam und mit einigem Grauen an, aber seine Augen waren ganz klar, er konnte nichts von jenem wilden, unruhigen Feuer in ihnen entdecken, wie es im Auge des Wahnsinnigen flackert: alles war in Ordnung, ganz wie es sich gehört. Und so sehr Manilow auch darüber nachsann, was nun geschehen sollte und was hier zu tun sei, es wollte ihm nichts andres einfallen, als den Tabakrauch in feinen Strahlen auszublasen.
„Ich möchte also wissen, ob Sie mir diese zwar tatsächlich toten, aber vom Standpunkt der gesetzlichen Form noch lebenden Seelen, überweisen oder abtreten wollen, wie es Ihnen am besten erscheint.“
Aber Manilow war so verwirrt und verlegen, daß er ihn nur ansah, ohne ein Wort finden zu können.
„Mir scheint, Sie können sich nicht dazu entschließen?“ bemerkte Tschitschikow.
„Ich ... oh nein, das ist es nicht,“ sagte Manilow, „aber ich kann nicht verstehen ... entschuldigen Sie ... ich war natürlich nicht in der Lage, mir eine so glänzende Bildung anzueignen, von der gewissermaßen jede Ihrer Bewegungen Zeugnis ablegt; auch besitze ich nicht die hohe Gabe, mich so kunstvoll auszudrücken .... Vielleicht ... verbirgt sich hier ... hinter Ihrer Erklärung, die Sie soeben abgaben ... etwas andres ... Vielleicht war es nur eine stilistische Schönheit, um deretwillen Sie sich so auszudrücken beliebten?“
„Oh nein!“ fiel hier Tschitschikow lebhaft ein, „nein, ich nehme den Gegenstand ganz buchstäblich, ganz so wie er ist, d. h. ich meine die Seelen, die tatsächlich schon gestorben sind.“
Manilow kam ganz aus der Fassung. Er fühlte, daß hier etwas geschehen, daß er ihm irgend eine Frage stellen müsse, und doch konnte nur der Teufel wissen, was das für eine Frage war. Der einzige Ausweg, den er schließlich fand, bestand wiederum darin, daß er eine Wolke Tabakrauch ausblies, diesmal aber nicht durch den Mund, sondern durch die Nasenlöcher.
„Wenn die Sache also keine Schwierigkeiten hat, so können wir mit Gottes Hilfe gleich an die Aufstellung des Kaufvertrages gehen,“ sagte Tschitschikow.
„Wie? Ein Kaufvertrag über tote Seelen?“
„Nein! Das nicht!“ antwortete Tschitschikow. „Wir sagen natürlich, sie seien lebendig, wie es ja in der Tat in den Revisionslisten steht. Ich pflege nie von den bürgerlichen Gesetzen abzuweichen; und obwohl ich schon oft im Dienste darunter zu leiden hatte, ich kann nun mal nicht anders; die Pflicht ist mir heilig, und das Gesetz ... vor dem Gesetz muß ich verstummen.“
Die letzten Worte erregten Manilows Beifall, obgleich er den eigentlichen Sinn der Sache noch immer nicht erfassen konnte; statt zu antworten, nahm er ein paar so heftige Züge aus seiner Pfeife, daß diese zu tönen begann wie ein Fagott. Es war fast so, als ob er sich aus der Pfeife eine Ansicht über diesen geradezu unerhörten Fall herausholen wollte; die Pfeife aber gab nur heisere Töne von sich und sonst nichts.
„Vielleicht haben Sie noch irgend einen Zweifel?“
„Nicht doch! Nicht im geringsten! Sie dürfen nicht etwa glauben, ich hätte ein ... gewissermaßen kritisches Vorurteil in bezug auf Ihre Persönlichkeit. Aber darf ich mir die Frage gestatten: wird dieses Unternehmen ... oder um mich sozusagen deutlicher auszudrücken ... dies Geschäft ... wird dieses Geschäft nicht am Ende im Widerspruch mit den bürgerlichen Satzungen und den weiteren Perspektiven Rußlands stehen?“
Bei diesen Worten machte Manilow eine lebhafte Kopfbewegung und sah Tschitschikow mit bedeutungsvoller Miene gerade ins Gesicht; hierbei lag in all seinen Zügen und besonders in den zusammengepreßten Lippen ein so ernster Ausdruck, wie man ihn wohl noch nie an einem Menschenantlitz beobachtet hat, es sei denn bei einem ganz ungewöhnlich klugen Minister, und auch bei dem nur, während er über ein ganz besonders schwieriges Problem nachsann.
Aber Tschitschikow erklärte einfach, ein solches Unternehmen oder Geschäft könne den bürgerlichen Satzungen und den weiteren Perspektiven Rußlands durchaus nicht zuwiderlaufen, und fügte nach einem Augenblick noch hinzu, es würde dabei sogar noch etwas für den Fiskus abfallen, da der Staat ja seine gesetzlichen Gebühren erhalte.
„So meinen Sie also ...?“
„Ich glaube, es geht sehr gut!“
„Nun, wenn es gut geht, ist es freilich eine andre Sache. Dann habe ich nichts dagegen,“ sagte Manilow völlig beruhigt.
„Jetzt müssen wir uns noch über den Preis einigen ...“
„Wie? über den Preis?“ sagte Manilow wieder ein wenig verblüfft. „Sie glauben doch nicht, daß ich Geld für Seelen nehmen werde, die doch gewissermaßen ... ihr Dasein vollendet haben? Aber selbst wenn Sie eine, ich möchte sagen, so phantastische Laune anwandelte, dann würde ich für meinen Teil sie Ihnen ohne jede Vergütung überlassen und auch den Kaufvertrag auf mich nehmen.“
Der Geschichtsschreiber, der über die hier mitgeteilten Begebenheiten berichtet, verdiente sicherlich den schärfsten Tadel, wenn er an dieser Stelle zu erwähnen unterließe, daß unser Gast von einer hohen Freude erfüllt wurde, als er Manilow solche Worte aussprechen hörte. So gesetzt und besonnen er auch war, er hätte am liebsten einen Luftsprung gemacht, wie ein Ziegenbock, was, wie bekannt, nur im Ausbruche höchster Freude geschieht. Er drehte sich so heftig im Lehnstuhl um, daß der wollene Stoff, mit dem der Sitz überzogen war, platzte; auch Manilow wurde aufmerksam und betrachtete ihn mit einigem Erstaunen. In seiner überquellenden Dankbarkeit überschüttete ihn der Gast förmlich mit Worten der Anerkennung, bis jener ganz verlegen wurde, errötete, eine abwehrende Bewegung mit dem Kopfe machte und endlich erklärte, das sei ja ein reines Nichts, er habe ihm eigentlich nur einen Beweis für seine herzliche Zuneigung und den magnetischen Zug seiner Seele geben wollen, und tote Seelen — das sei doch sozusagen eine Bagatelle — die reinste Lumperei.
„Durchaus keine Lumperei,“ sagte Tschitschikow und drückte ihm die Hand.
Hierbei stieß er einen sehr tiefen Seufzer aus. Wie es scheint, hatte er große Lust, sein Herz auszuschütten; und nicht ohne Ausdruck und Gefühl sprach er zuletzt folgende Worte: „Oh! wenn Sie wüßten, was Sie einem Menschen ohne Namen und Titel mit diesem Geschenk, das anscheinend nur eine Kleinigkeit ist, für einen Dienst erwiesen haben. Wahrlich! Was habe ich nicht alles gelitten! Wie ein einsamer Kahn inmitten wütender Wogen ... Was für Verfolgungen hatte ich nicht zu erdulden! Welcher Schmerz blieb mir erspart! Und weswegen? Weil ich der Wahrheit treu blieb, mein Gewissen rein bewahrte, weil ich meine Hand den hilflosen Witwen und armen Waisen entgegenstreckte!“ Und hierbei wischte er sich sogar eine Träne aus dem Auge.
Manilow war ganz gerührt. Beide Freunde drückten sich fortwährend die Hand und sahen sich lange stumm in die Augen, in denen schöne Tränen blinkten. Manilow wollte die Hand unseres Helden durchaus nicht aus der seinen lassen und fuhr fort, sie so herzlich zu drücken, daß jener kaum noch wußte, wie er sie befreien solle. Nachdem er sie endlich sanft zurückgezogen hatte, sagte er, es wäre gut, wenn man den Kaufkontrakt gleich aufsetzen könnte und wenn Manilow selbst in der Stadt die nötigen Erkundigungen einziehen wollte; dann nahm er seinen Hut und verabschiedete sich.
„Wie? Sie wollen schon fahren?“ fragte Manilow, der wie aus einem Traum erwachte und beinahe erschrocken war.
In diesem Augenblick trat Frau Manilow ins Zimmer.
„Lisanka!“ sagte Manilow mit etwas kläglicher Miene, „Pawel Iwanowitsch will uns verlassen!“
„Pawel Iwanowitsch ist unser wohl überdrüssig,“ versetzte Frau Manilow.
„Gnädige Frau!“ sagte Tschitschikow, „hier, sehen Sie hier“ — und dabei legte er seine Hand aufs Herz — „Ja hier werde ich mir die Erinnerung an die schönen Stunden bewahren, die ich mit Ihnen verlebt habe! Und glauben Sie mir, ich kann mir keine größere Seligkeit vorstellen, als mit Ihnen, wenn auch nicht in einem Hause, so doch wenigstens in nächster Nachbarschaft zu leben!“
„Wissen Sie was, Pawel Iwanowitsch!“ sagte Manilow, dem dieser Gedanke offenbar sehr gefiel, „es wäre doch wirklich herrlich, wenn wir so zusammen unter einem Dach leben, im Schatten einer Ulme miteinander philosophieren und uns gemeinsam in die Dinge vertiefen könnten ...“
„Oh, das wäre himmlisch!“ sagte Tschitschikow mit einem Seufzer. „Leben Sie wohl, gnädige Frau!“ fuhr er fort, indem er Frau Manilow die Hand küßte. „Leben Sie wohl, verehrter Freund! und vergessen Sie meine Bitte nicht!“
„Oh, seien Sie ganz ruhig!“ erwiderte Manilow, „wir trennen uns doch nicht auf länger als zwei Tage!“
Sie betraten das Speisezimmer.
„Adieu, meine lieben Kleinen!“ sagte Tschitschikow, als er Alcid und Themistokljus erblickte, die mit einem hölzernen Husaren spielten, der übrigens weder Hände noch Nase mehr hatte. „Lebt wohl, liebe Kinder. Verzeiht, daß ich euch nichts zum Naschen mitgebracht habe, aber ich muß gestehen, ich wußte ja gar nicht, daß ihr auf der Welt seid. Aber wenn ich das nächstemal wiederkomme, bringe ich euch sicher etwas mit. Dir bringe ich einen Säbel. Willst du einen Säbel haben? Wie?“
„Ja!“ antwortete Themistokljus.
„Und dir bringe ich eine Trommel mit. Nicht wahr, du möchtest doch eine Trommel haben?“ fuhr Tschitschikow fort, indem er sich über Alcid beugte.
„Ja, eine Prommel,“ sagte Alcid leise, indem er den Kopf senkte.
„Schön also, ich will dir eine Trommel kaufen. — Weißt du eine feine Trommel. Die wird immer Trrr .... ru ... tra, ta, ta, tra, ta, ta machen. Leb wohl, Herzchen! Adieu!“ Er küßte ihn auf den Kopf und wandte sich mit jenem Lächeln an Manilow und seine Frau, mit dem man sich an alle Eltern zu wenden pflegt, wenn man ihnen zu verstehen geben will, wie unschuldig doch die Wünsche ihrer Kinder sind.
„Ach bleiben Sie doch noch ein wenig, Pawel Iwanowitsch!“ sagte Manilow, als schon alle auf die Freitreppe hinausgetreten waren. „Sehen Sie doch, was dort für Wolken heraufziehen!“
„Das sind nur kleine Wölkchen,“ meinte Tschitschikow.
„Kennen Sie aber auch den Weg zu Sabakewitsch?“
„Danach wollte ich Sie gerade fragen.“
„Erlauben Sie, ich will ihn Ihrem Kutscher erklären!“ Und Manilow machte dem Kutscher die Sache in der liebenswürdigsten Weise klar, und sagte sogar einmal Sie zu ihm.
Als der Kutscher hörte, daß er zwei Wegkreuzungen abseits liegen lassen und erst bei der dritten einbiegen müsse, sagte er: „Wir werden’s schon finden,“ und Tschitschikow fuhr davon, begleitet von den Abschiedsgrüßen der Gatten, die noch lange auf den Fußspitzen standen und ihre Taschentücher schwenkten.
Manilow blieb noch lange auf der Treppe stehen und folgte dem davonrollenden Wagen mit den Augen, und als dieser schon längst nicht mehr zu sehen war, stand er noch immer mit der Pfeife im Munde da. Endlich ging er wieder ins Haus zurück, ließ sich auf einem Stuhl nieder und versank in Sinnen, von Herzen froh, daß er seinem Gast eine kleine Freude bereitet hatte. Dann schweiften seine Gedanken, ohne daß er es merkte, zu anderen Gegenständen hinüber, um endlich, Gott weiß wo, zu landen. Er dachte an die Seligkeiten der Freundschaft, wie schön es doch wäre, mit dem Freunde am Ufer eines Flusses zu leben, dann baute er in Gedanken eine Brücke über den Fluß und darauf ein Haus mit einem gewaltigen Pavillon, von dem aus man sogar Moskau sehen konnte, und er stellte sich vor, wie herrlich es sein müßte, dort abends im Freien seinen Tee zu trinken und sich über angenehme Gegenstände zu unterhalten; oder er malte es sich aus, wie er und Tschitschikow, in eleganten Equipagen zu einer Abendgesellschaft fahren und alle Anwesenden durch ihr feines Benehmen in Entzückung versetzen, und wie dann der Kaiser, der von der Freundschaft der beiden gehört hatte, sie zu Generälen ernennt, und so träumte er immer weiter; was nun noch alles folgte, weiß Gott allein, wußte er es doch selbst nicht mehr genau. Aber plötzlich drängte sich Tschitschikows seltsame Bitte jäh in seine Träumereien, und dieser Gedanke wollte ihm nicht recht in den Kopf: er mochte ihn drehen und wenden soviel er wollte, er konnte sich nicht klar über ihn werden. So saß er noch lange mit der Pfeife im Munde da, bis das Abendessen auf dem Tische stand.
Unterdessen saß Tschitschikow vergnügt in seinem Wagen, der schon seit einiger Zeit auf der Landstraße dahinrollte. Aus dem vorigen Kapitel konnten wir schon erfahren, was der eigentliche Gegenstand seiner Neigung und seines Geschmacks war, und es war daher auch kein Wunder, wenn er sich bald mit Leib und Seele in ihn versenkte. Die Vermutungen, Überschläge und Berechnungen, die er anstellte und die sich auf seinem Gesichte spiegelten, mußten höchst angenehmer Art sein, denn sie hinterließen in einem fort die Spuren eines vergnügten Lächelns auf seinen Zügen. Ganz mit seinen Gedanken beschäftigt, achtete er gar nicht darauf, was für treffende Worte sein Kutscher, der offenbar von dem Empfang durch die Bedienten und Knechte Manilows äußerst befriedigt war, an den Schecken, das rechte Beipferd richtete. Dieser Schecke war sehr schlau, und tat bloß so, als ob er den Wagen auch vorwärts ziehe, während sich das mittlere braune und der Fuchs, das linke Beipferd, das den Namen Assessor trug, weil man es irgend einem Assessor abgekauft hatte, aus allen Kräften abquälten, das Gefährt weiter zu bringen, so daß man ihnen das Vergnügen, welches ihnen das bereitete, von den Augen ablesen konnte: „Brauch soviel Listen als du willst! Es hilft dir doch nichts! Ich will dich doch überlisten!“ sagte Seliphan, indem er sich etwas erhob und dem Trägen einen Peitschenhieb versetzte. „Tu deine Pflicht, du deutscher .......! Der Braune ... das ist ein braves Pferd, der tut seine Schuldigkeit; darum gebe ich ihm auch gern ein Maß Hafer mehr, weil er ein braves Pferd ist. Und der Assessor — der ist auch ein gutes Pferd ... Nun, was schüttelst du die Ohren? Dummkopf, paß auf, wenn man mir dir spricht! Ich werde dich schon nichts Schlechtes lehren, du Esel! Seh einer, wo der hin will!“ Hierbei gab er ihm wieder eins mit der Peitsche und murmelte: „Uf! Barbar! Bonaparte, Verfluchter!“ Dann rief er allen miteinander ein: „He! Ihr Lieben!“ zu, und gab allen dreien eins mit der Peitsche, nicht etwa, um sie zu strafen, sondern zum Beweise, daß er mit ihnen zufrieden war. Nachdem er ihnen diese kleine Freude bereitet hatte, wandte er sich wieder an den Schecken: „Du glaubst, es wird dir gelingen, dein schlechtes Betragen zu verbergen. Nein, mein Lieber, tue recht, wenn du willst, daß man Achtung vor dir haben soll. Siehst du! Die Leute des Herrn, bei dem wir waren — das sind gute Menschen! Mit einem guten Menschen plaudere ich immer gern, ein guter Mensch — das ist mein Freund und lieber Kamerad; mit ihm setze ich mich gerne zu Tisch oder trinke mein Glas Tee mit ihm. Ein guter Mensch wird von jedermann geachtet! Unseren Herrn zum Beispiel — den achten alle Leute, hörst du wohl, weil er unserem Kaiser gut gedient hat und Skollegenrat ist ....“
In dieser Weise ging es weiter, bis Seliphan bei den entferntesten und abstraktesten Materien angelangt war. Hätte Tschitschikow aufmerksam zugehört, er hätte noch manche Einzelheit erfahren, die auf seine Person Bezug hatte; aber seine Gedanken waren so sehr mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt, daß erst ein heftiger Donnerschlag ihn aus seinen Träumen weckte und ihn veranlaßte, sich ein wenig umzusehen; der ganze Himmel war mit Wolken bedeckt, und große Regentropfen trafen die staubige Chaussee. Ein zweiter noch stärkerer Donnerschlag folgte dem ersten aus noch größerer Nähe, und plötzlich prasselte der Regen in Strömen wie aus Gießkannen nieder. Zuerst fiel er in schräger Richtung herab und peitschte bald die eine Seite, bald die andere Seite des Kutschbocks, dann änderte er seine Angriffsmethode und rieselte senkrecht auf den Kutschbock nieder, bis die Tropfen Tschitschikow ins Gesicht spritzten. Er ließ also das lederne Wagendeck mit den zwei kleinen runden Fensterchen aufspannen, die eine freie Aussicht auf die Landschaft gestatteten und befahl Seliphan, schneller zu fahren. Seliphan, mitten in der Rede unterbrochen, sah wohl auch ein, daß jetzt nicht Zeit zum Säumen war, holte etwas wie einen Mantel aus grauem Stoff unter dem Bock hervor, steckte die Hände in die Ärmel, ergriff die Zügel und spornte die drei Gäule durch einen Zuruf an, welche unter dem Eindruck seiner erbaulichen Reden eine angenehme Schwäche in den Beinen spürten und sie kaum vom Flecke brachten. Aber Seliphan konnte sich absolut nicht erinnern, wieviel Wegekreuzungen sie bereits hinter sich hatten, ob es zwei oder drei waren. Nachdem er sich die Sache überlegt und über den Weg nachgedacht hatte, kam er zur Überzeugung, daß sie schon manchen Weg gekreuzt und links liegen gelassen hatten. Da aber ein Russe im entscheidenden Augenblick die Fassung nie verliert und, ohne lange nachzudenken, immer irgend einen Ausweg findet, so machte er bei dem nächsten Kreuzweg eine Wendung nach rechts, indem er den Pferden zurief: „Hüh! liebe Freunde!“ und dann jagte er im Galopp dahin, ohne sich viel Gedanken darüber zu machen, wohin sie der eingeschlagene Weg führen werde.
Der Regen schien indessen nicht bald aufhören zu wollen. Der Staub, der die Landstraße bedeckte, verwandelte sich schnell in weichen Dreck, es wurde den Pferden mit jedem Augenblick schwerer, den Wagen fortzubewegen. Tschitschikow geriet bereits in eine lebhafte Unruhe, da noch immer nichts von dem Gute Sabakewitschs zu sehen war. Seiner Berechnung nach hätten sie schon längst da sein müssen. Er blickte nach beiden Seiten zum Fenster hinaus, aber es war stockfinster, und er konnte nichts sehen.
„Seliphan!“ rief er endlich, indem er den Kopf aus dem Fenster steckte.
„Ja, Gnädiger Herr?“ antwortete Seliphan.
„Schau dich mal um; ist das Dorf noch nicht zu sehen!“
„Nein, gnädiger Herr, es ist nichts zu sehen!“ und Seliphan schwang seine Peitsche und stimmte etwas wie einen Gesang an. Ein Lied konnte man es nicht nennen, denn es dehnte und zog sich so in die Länge, daß es gar kein Ende nehmen wollte. Seliphan brachte alles darin unter, alle aufmunternden und anspornenden Rufe, mit denen man im weiten Rußland, von einem Ende bis zum andern, die Pferde zu beglücken pflegt, und alle nur möglichen Adjektiva, ohne jede Auswahl, wie sie ihm gerade auf die Zunge kamen. Schließlich ging er sogar so weit, daß er seine Pferde Sekretäre nannte.
Jetzt aber machte Tschitschikow die Entdeckung, daß sein Wagen von einer Seite auf die andre schwankte, wobei der Insasse jedesmal einen kräftigen Stoß erhielt; das brachte ihn auf den Gedanken, daß sie von der Straße abgekommen seien und wahrscheinlich über ein gepflügtes Ackerfeld führen. Auch Seliphan mußte es wohl bemerkt haben, aber er sagte kein Wort.
„Auf was für einem Wege fährst du eigentlich? du Spitzbube!“ schrie Tschitschikow.
„Was ist zu machen, gnädiger Herr, es ist halt schon spät am Abend. Ich sehe nicht einmal meine Peitsche, so finster ist es!“ Bei diesen Worten neigte sich der Wagen so sehr auf die Seite, daß Tschitschikow sich mit beiden Händen festhalten mußte. Erst jetzt bemerkte er, daß Seliphan einen tüchtigen Rausch hatte.
„Halt! Halt! Du wirfst mich um!“ rief er ihm zu.
„Nicht doch, gnädiger Herr, wie können Sie denken, daß ich Sie umwerfe,“ sagte Seliphan. „Das wäre schlecht von mir, wenn ich das täte, das weiß ich selbst; o nein, das tue ich nicht, unter keinen Umständen werfe ich Sie um!“ Hierauf versuchte er den Wagen umzuwenden, aber er drehte und wendete ihn so lange, bis er ihn ganz umwarf. Tschitschikow fiel mit Füßen und Händen in den Dreck. Übrigens gelang es Seliphan wenigstens die Pferde zum Stehen zu bringen; wahrscheinlich aber wären sie auch schon von selber stehen geblieben, weil sie sehr müde waren. Dieses unerwartete Ereignis brachte Seliphan ganz aus der Fassung. Er kroch von seinem Bock herunter, stellte sich vor den Wagen hin, stemmte beide Hände in die Seite und sagte, während sein Herr sich im Schmutze herumwälzte und sich vergeblich zu erheben versuchte: „Ist das Ding also doch umgefallen!“
„Du bist betrunken wie ein Schwein!“ sagte Tschitschikow.
„Nicht doch, gnädiger Herr! Wie könnte ich auch betrunken sein! Ich weiß doch, daß es schlecht ist, betrunken zu sein. Ich hab’ nur ein wenig mit einem guten Freunde geplaudert; mit einem guten Menschen darf man doch sprechen — das ist doch nichts Schlimmes — und nachher haben wir zusammen gegessen. Das ist doch auch nichts Unrechtes — ein wenig mit einem guten Menschen zu schmausen.“
„Was habe ich dir gesagt, als du das letztemal betrunken warst, wie? Hast du’s schon wieder vergessen?“ sagte Tschitschikow.
„Gewiß nicht, Euer Gnaden, wie könnte ich so etwas vergessen? Ich kenne doch meine Pflicht! Ich weiß doch, wie unrecht es ist, betrunken zu sein. Ich habe doch nur mit dem braven Menschen da gesprochen, es ist doch nicht ...“
„Ich lasse dir eine Tracht Prügel geben, dann wirst du schon wissen, was es heißt, mit einem braven Menschen zu sprechen ...“
„Wie es Euer Gnaden belieben wird,“ antwortete Seliphan, der mit allem zufrieden war. „Wenn’s denn Prügel geben soll, nun gut, ich widersetze mich nicht. Warum sollte es keine Prügel geben, wenn man’s verdient hat; das steht ganz bei Ihnen, dafür sind Sie der Herr! Der Bauer muß mitunter Prügel haben, sonst sticht ihn der Haber. Ordnung muß sein. Wenn ich’s verdient habe, dann laß mich nur durchprügeln, warum sollte es auch keine Prügel geben?“
Auf eine solche Überlegung fand Tschitschikow keine Antwort. In diesem Augenblick aber schien sich das Schicksal selbst seiner erbarmen zu wollen. Plötzlich erklang Hundegebell aus der Ferne. Hocherfreut gab Tschitschikow Seliphan den Befehl zum Aufbruch und schärfte ihm ein, recht schnell zu fahren. Ein russischer Kutscher hat einen feinen Instinkt, wo ihn seine Augen verlassen; so kann es geschehen, daß er die Augen zumacht, im Galopp dahinjagt und dennoch irgend ein Ziel erreicht. Obgleich Seliphan nichts mehr sah, steuerte er mit seinen Pferden gerade auf das Dorf los und machte erst Halt, als der Wagen mit der Deichsel auf einen Zaun stieß, und durchaus nicht mehr weiter kommen wollte. Tschitschikow konnte durch die dichte Nebelhülle nichts außer einem Fleck entdecken, der wie ein Dach aussah. Er gab Seliphan den Auftrag, nach dem Tor zu suchen, was ohne Zweifel recht lange gedauert hätte, wenn es in Rußland nicht statt des Portiers flinke Hunde gäbe, die in so lauter Weise Meldung von seiner Ankunft erstatteten, daß er sich die Ohren mit den Fingern zustopfte. In einem Fenster leuchtete ein Licht auf, dessen trübe Strahlen auch auf den Zaun fielen, und unseren Reisenden den Weg zum Tore wiesen. Seliphan klopfte an, worauf sich bald eine Pforte auftat und eine in einen Schlafrock gehüllte Gestalt sehen ließ. Herr und Diener hörten eine heitere Frauenstimme, die ihnen zurief: „Wer klopft da? Wer lärmt hier so?“
„Wir sind Reisende, Mütterchen, wir suchen ein Nachtquartier,“ sagte Tschitschikow.
„So? Seh einer den Leichtfuß!“ murmelte die Alte. „Kommt zu so später Abendstunde angefahren. Hier ist keine Herberge. Hier wohnt eine Gutsbesitzerin.“
„Was soll ich machen, Mütterchen? Wir haben uns verirrt. Wir können doch bei dem Wetter nicht im Freien übernachten.“
„Ja das Wetter ist trübe und schlecht,“ bemerkte Seliphan.
„Schweig! Esel,“ sagte Tschitschikow.
„Wer sind Sie?“ fragte die Alte.
„Ein Edelmann, Mütterchen.“
Das Wort Edelmann schien einigen Eindruck auf die Alte gemacht zu haben. „Wart’ ich will’s der gnädigen Frau melden,“ murmelte sie, entfernte sich und kam nach zwei Minuten mit einer Laterne in der Hand wieder zurück. Das Tor öffnete sich. Jetzt wurde auch das andere Fenster hell. Der Wagen fuhr durch das Tor und machte vor einem kleinen Häuschen halt, das in der Dunkelheit nur mit Mühe zu erkennen war. Nur die eine Seite war von dem Lichte erleuchtet, das aus den Fenstern fiel; vor dem Hause sah man noch eine Pfütze im Lichte daliegen. Der Regen trommelte laut auf das Holzdach und rieselte wie ein rauschender Bach in eine daruntergestellte Tonne. Die Hunde heulten in allen Tonarten; der eine hatte den Kopf hoch empor geworfen und stieß fortgesetzt lange klägliche Töne hervor; dabei war er mit einem solchen Eifer bei der Sache, als ob er Gott weiß wieviel dafür bezahlt bekäme; ein anderer produzierte sich mit der Fertigkeit eines Küsters; zwischendurch erklang ununterbrochen wie ein Postglöckchen der Diskant eines wahrscheinlich noch jungen Köters, und dies ganze Konzert wurde getragen von dem gewaltigen Baß eines alten, der wohl mit einer robusten Hundenatur ausgestattet war, denn er schnarrte wie der Konterbaß eines Gesangchors, wenn das Konzert in vollem Gange ist; die Tenöre stellen sich auf die Fußspitzen, um die hohen Töne besser herauszubringen, alles strebt in die Höhe, und wirft die Köpfe in den Nacken; nur er allein, der Konterbaßspieler, steckt das unrasierte Kinn in den Halskragen, hockt mit gebeugten Knieen fast am Fußboden, und schmettert nun plötzlich von dort aus seine Note in die Luft, daß alle Fensterscheiben erklirren und erzittern. Schon allein das Hundegebell, das von diesen Musikanten herrührte, brachte einen auf die Vermutung, daß dies ein recht ansehnliches Dorf sei; aber unser halb erfrorener und durchnäßter Held dachte an gar nichts mehr, außer an ein warmes Bett. Noch ehe der Wagen halten konnte, sprang er hinaus, stolperte und wäre beinahe auf der Treppe hingefallen. Aus dem Flur trat jetzt eine andere Frau, die etwas jünger war als die erste, aber ihr dennoch recht ähnlich sah. Sie geleitete Tschitschikow ins Zimmer. Hier angelangt, warf er einen flüchtigen Blick auf das Innere; das Zimmer war mit alten gestreiften Tapeten bekleidet; an den Wänden hingen ein paar Bilder, auf denen allerhand Vögel abgebildet waren, und zwischen den Fenstern waren kleine altertümliche Spiegel mit dunklen Rahmen aufgehängt, die die Form zusammengerollter Blätter hatten. Hinter jedem Spiegel steckte ein Brief, ein altes Spiel Karten, ein Strumpf oder dergleichen; dazu kam noch eine Wanduhr mit einem geblümten Zifferblatt ... Tschitschikow konnte nicht alles übersehen. Er fühlte, daß seine Augen zufielen und seine Augenlider zusammenklebten, wie wenn sie jemand mit Honig bestrichen hätte. Nach ein paar Minuten erschien die Hausfrau, eine ältere Dame mit einer Nachthaube, die sie offenbar in der Eile aufgesetzt hatte, und mit einem Flanelltuch um den Hals, eine von jenen Matronen und kleinen Gutsbesitzerinnen, die immer über Mißernte und Verluste jammern und den Kopf hängen lassen, während sie ganz im Stillen, wenn auch langsam ein Geldstück nach dem andern in ihren bunten Leinwandbeutel tun, den sie in der Schublade ihrer Kommode verschließen. In den einen Geldsack legen sie die Rubel, in den nächsten die Fünfzigkopeken-, in den dritten die Fünfundzwanzigkopekenstücke, und doch sieht es so aus, als wenn in der Kommode nichts sei, als Wäsche, Nachtjacken, Garnrollen und ein aufgetrennter Rock, der sich in ein neues Kleid verwandelt, wenn das alte vor dem Fest beim Backen von Stollen und Pfefferkuchen anbrennt oder von selbst verschleißt. Wenn das Kleid jedoch nicht anbrennt und noch weiter vorhält, dann läßt unsere sparsame Alte den Rock noch lange aufgetrennt in der Schublade liegen, um ihn in ihrem Testament, zugleich mit manchem anderen Gerümpel, irgend einer Nichte oder Cousine zweiten Grades zu vermachen.
Tschitschikow bat um Entschuldigung wegen der Beunruhigung, die er ihr mit seiner Ankunft verursacht habe. „Macht nichts, macht nichts!“ sagte die Hausfrau, „zu wie später Stunde Sie auch der Herrgott hierher geführt hat! Bei dem Sturm und Schneewetter! Nach dem langen Weg sollte ich Ihnen eigentlich was zu essen anbieten, aber es ist schon so spät in der Nacht; ich kann nichts mehr herrichten!“
Die Worte der Hausfrau wurden durch ein merkwürdiges Zischen unterbrochen, sodaß Tschitschikow nicht wenig erschrak. Es war ein Geräusch, als wenn sich das Zimmer plötzlich mit Schlangen angefüllt hätte; aber ein Blick nach oben genügte, um ihn völlig zu beruhigen; er überzeugte sich, daß der Ton von der Wanduhr herrührte, die offenbar schlagen wollte. Auf das Zischen folgte denn auch gleich ein Schnarren, und endlich schlug sie, nachdem sie alle Kräfte zusammengenommen hatte, zwei Uhr und zwar in einem Ton, als ob jemand mit einem Stock auf einen zerbrochenen Topf klopfte, worauf das Pendel aufs neue fortfuhr, sich im ruhigen Takte hin- und herzubewegen.
Tschitschikow dankte der Hausfrau, indem er versicherte, er brauche gar nichts, sie möge sich nur nicht beunruhigen, außer dem Verlangen nach einem Bett habe er keine anderen Wünsche. Zugleich erkundigte er sich, wohin er sich eigentlich verirrt habe, und ob es noch weit von hier bis zum Gut des Herrn Sabakewitsch sei, worauf die Alte erklärte, sie hätte diesen Namen noch nie gehört, einen Gutsbesitzer dieses Namens gäbe es überhaupt nicht.
„Kennen sie wenigstens Manilow?“ fragte Tschitschikow.
„Wer ist das, Manilow?“
„Ein Gutsbesitzer, Mütterchen.“
„Nein, ich habe seinen Namen noch nie gehört, einen solchen Gutsbesitzer gibt es nicht.“
„Was gibt es denn hier für Gutsbesitzer?“
„Bobrow, Swinjin, Kanapatjew, Charankin, Trepakin, Pljeschako.“
„Sind es reiche Leute oder nicht?“
„Nein, Väterchen, allzu reiche gibt’s hier nicht. Der eine hat zwanzig, der andere hat dreißig Seelen; solche mit hundert gibt’s hier zu Lande nicht.“
Jetzt erst merkte Tschitschikow in was für eine abgelegene Gegend er sich verirrt hatte.
„Können Sie mir zum mindesten sagen, wie weit es von hier bis zur Stadt ist?“
„Es werden wohl gegen 60 Werst sein. Es tut mir wirklich leid, daß ich Ihnen gar nichts vorsetzen kann! Haben Sie nicht Lust zu einem Glas Tee, Väterchen?“
„Danke schön, Mütterchen. Ich brauche nichts als ein Bett.“
„Ja, wahrhaftig, nach einem so weiten Weg will man sich ordentlich ausruhen. Sie können sich hier auf diesem Sofa ausstrecken, Väterchen. He! Fetinja, bring doch eine Decke, ein Kissen und ein Handtuch. Gott, was für ein Wetter! Wie das stürmt! Die ganze Nacht hindurch brennt bei mir die Kerze vor dem Heiligenbild. Ach, Herr Gott, dein Rücken und die eine Seite sind ja voller Dreck, wie bei einem Eber. Wo hast du dich denn so schmutzig gemacht?“
„Gott sei dank, daß ich bloß schmutzig bin; ich kann froh sein, daß ich mir nicht das ganze Rückgrat zerbrochen habe!“
„Heiliger Jesus, was sprichst du? Willst du nicht etwas, um dir den Rücken einzureiben?“
„Nein, danke bestens! Bitte beunruhigen Sie sich nicht! Bitte sagen Sie nur Ihrem Mädchen, sie möchte mir meine Kleider ein wenig trocknen und rein machen!“
„Hör mal, Fetinja!“ sagte die Hausfrau, indem sie sich an das Weib wandte, das mit dem Licht auf die Treppe hinausgetreten war und schon ein Unterbett hereinbrachte, welches sie mit beiden Händen aufschüttelte, sodaß eine ganze Wolke von Daunen durch das Zimmer flog. „Nimm doch den Rock und den Mantel und trockne ihn am Feuer, wie du es dem seligen Herrn zu tun pflegtest, und klopfe und bürste ihn nachher gründlich aus.“
„Jawohl, gnädige Frau!“ sagte Fetinja, indem sie ein Laken über das Unterbett breitete und ein paar Kopfkissen darauflegte.
„So, nun ist das Bett fertig!“ sagte die Hausfrau. „Gute Nacht, Väterchen, schlaf gut. Brauchst du nicht noch irgend etwas? Vielleicht bist du es gewöhnt, daß dir jemand die Fersen streicht. Mein seliger Mann konnte ohne das gar nicht einschlafen.“
Aber der Gast verzichtete auch auf dies Vergnügen. Die Hausfrau ging hinaus, worauf er sich schleunigst entkleidete. Er gab Fetinja seine ganze Rüstung, die obere wie die untere, und sie zog mit den nassen Trophäen ab, nachdem sie ihm gleichfalls eine gute Nacht gewünscht hatte. Als er allein war, vertiefte er sich nicht ohne Vergnügen in die Betrachtung seines Bettes, das beinahe bis an die Decke reichte. Er stellte einen Stuhl daran, stieg mit seiner Hilfe ins Bett, das unter ihm beinahe bis zum Fußboden herabsank, und die aus ihren Schranken verdrängten Daunen flogen nach allen Richtungen im Zimmer auseinander. Nachdem er das Licht ausgelöscht hatte, zog er sich die Kattundecke über den Kopf, rollte sich unter ihr wie eine Brezel zusammen und schlief ohne Verzug ein. Am andern Tage wachte er ziemlich spät auf. Die Sonne schien ihm durch das Fenster gerade ins Gesicht, und die Fliegen, die gestern abend ruhig an den Wänden und an der Decke geschlafen hatten, wendeten ihm jetzt ihre ganze Aufmerksamkeit zu: eine setzte sich ihm auf die Unterlippe, eine andre aufs Ohr, eine dritte traf Anstalten, sich ihm aufs Auge zu setzen; eine dagegen, welche so unvorsichtig war, gerade unterm Nasenloch Platz zu nehmen, zog er beim Erwachen mit einem Atemzuge in die Nase hinein, was ihn natürlich veranlaßte, kräftig zu niesen — ein Umstand, der den Grund für sein Erwachen abgab. Er warf einen Blick auf das Zimmer und bemerkte jetzt, daß nicht nur Vogelbilder an der Wand hingen, es fand sich auch ein Porträt von Kutusow und ein Ölgemälde, das einen alten Mann in einer Uniform mit roten Aufschlägen, wie man sie unter Pawel Petrowitsch trug, darstellte. Die Wanduhr schnarrte und schlug neun; der Kopf einer Frau guckte zur Türe hinein und verschwand sofort wieder, denn Tschitschikow hatte seine sämtlichen Kleidungsstücke abgelegt, um besser einschlafen zu können. Das Gesicht kam ihm übrigens bekannt vor. Er suchte sich zu erinnern, wer das wohl gewesen sein könnte, und besann sich schließlich darauf, daß es die Wirtin selbst war. Er zog schnell sein Hemd an, seine Kleider lagen trocken und reingebürstet neben ihm. Nachdem er sich angekleidet hatte, trat er vor den Spiegel und nieste noch einmal so laut, daß ein Truthahn, der sich gerade dem Fenster genähert hatte — es lag nicht sehr hoch über dem Erdboden — plötzlich laut zu gackern anfing und ihm in seiner seltsamen Sprache ganz schnell etwas zurief, wahrscheinlich sollte es soviel bedeuten als „Prosit“, worauf ihn Tschitschikow einen Trottel nannte. Dann trat er ans Fenster, um sich die Gegend anzusehen; das Fenster ging, wie es schien, auf den Hühnerhof hinaus; wenigstens war der kleine enge Hof, der vor ihm lag, voller Vögel und anderer Haustiere. Eine unendliche Anzahl von Hühnern und Puten tummelte sich dort umher; zwischen ihnen hindurch stolzierte gemessenen Schrittes ein Hahn, schüttelte seinen Kamm und legte seinen Kopf auf die Seite, als lausche er auf etwas. Auch eine Schweinefamilie war hier vertreten; das alte Mutterschwein wühlte in einem Schutthaufen herum, wie im Vorbeigehen verschlang es ein Küchel und fuhr gleich darauf wieder ruhig fort, die Schalen alter Wassermelonen, die hier herumlagen, weiter zu fressen. Dieser kleine Hof oder Hühnerhof wurde von einem Bretterzaun umgrenzt, hinter dem sich große Gemüsegärten mit Kohl, Zwiebeln, Kartoffeln, roten Rüben und anderen Gemüsearten ausdehnten. In den Gemüsegärten bemerkte man hie und da Apfelbäume und andere Obstbäume, die zum Schutz gegen die Elstern und Sperlinge mit Netzen bedeckt waren. Und in der Tat schwirrten die Spatzen immerfort wie eine schräge Wolke von einer Stelle zur andern. Aus demselben Grunde waren mehrfach Vogelscheuchen auf langen Stangen und mit ausgebreiteten Armen aufgestellt; eine von ihnen hatte sogar die Haube der Hausfrau auf. Auf den Gemüsegarten folgten Bauernhütten, die zwar recht zerstreut dalagen und keine regelmäßige Häuserflucht mit Plätzen und Straßen bildeten, aber doch nach Tschitschikows Ansicht vom Wohlstand der Bewohner zeugten, denn sie waren alle gut instand gehalten: das Bretterdach war überall renoviert, wo es alt und schlecht zu werden begann, nirgends sah man ein schiefes verfallenes Tor, und in den gedeckten Scheunen und Ställen, in die man vom Fenster aus hineinsehen konnte, erblickte er meist einen, häufig aber auch zwei beinah neue Reservewagen. „Hm! Das Dörflein ist gar nicht so klein!“ sagte er zu sich selbst und beschloß sogleich, mit der Hausfrau zu sprechen, um sie näher kennen zu lernen. Er guckte durch die Türspalte, durch die sie ihren Kopf hineingesteckt hatte, und als er sie am Teetisch sitzen sah, trat er ins Zimmer und ging ihr heiter und freundlich entgegen.
„Guten Tag, Väterchen! Wie haben Sie geruht?“ sagte die Hausfrau, indem sie sich von ihrem Platze erhob. Sie war heute eleganter gekleidet als gestern und hatte statt der Nachthaube ein schwarzes Häubchen auf dem Kopfe. Der Hals war jedoch noch immer mit allerhand Tüchern umwickelt.
„Vortrefflich, ausgezeichnet,“ sprach Tschitschikow und ließ sich im Lehnsessel nieder. „Und Sie, Mütterchen?“
„Schlecht! Väterchen!“
„Wieso?“
„Ich kann nicht schlafen. Das Kreuz tut mir weh, und mein Bein schmerzt mich, hier über’m Knöchel.“
„Das geht vorüber, Mütterchen, achten Sie nur nicht darauf.“
„Gott gebe, daß es schnell vorübergeht. Ich habe es schon mit Schweinefett und Terpentin eingerieben. Was nehmen Sie zum Tee? Dort im Glas ist Fruchtsaft.“
Der Leser wird wohl schon bemerkt haben, daß Tschitschikow trotz seiner Freundlichkeit sich viel ungezwungener ausdrückte und überhaupt nicht viel Umstände machte. Man kann zugeben, daß Rußland vielleicht noch in mancher Hinsicht hinter dem Ausland zurücksteht: was aber das feine Benehmen anbelangt, so haben wir die Ausländer weit hinter uns gelassen. Die vielen Schattierungen und Finessen in unseren Verkehrsformen sind gar nicht aufzuzählen. Ein Franzose oder ein Deutscher kommen ihr Lebtag nicht dahinter, nie werden sie die Eigenart und die feinen Unterschiede in unserem Verhalten verstehen; sie sprechen fast in dem nämlichen Ton und mit derselben Stimme mit einem Millionär und mit einem kleinen Tabakkrämer, wenn sie sich auch in ihrer Seele vor dem ersteren noch so sehr beugen und erniedrigen. Bei uns ist das ganz anders: wir haben solche Künstler, die mit einem Gutsherrn, der zweihundert Seelen hat, ganz anders sprechen, wie mit einem solchen, der dreihundert besitzt; und mit diesem sprechen sie wieder ganz anders, wie mit einem, dem fünfhundert gehören; und den letzteren behandeln sie wiederum anders, wie einen reichen Gutsbesitzer, der über achthundert Seelen gebietet; so kann man meinetwegen bis zu einer Million weiter fortgehen, immer findet sich eine bestimmte Nüance. Nehmen wir einmal an, es gäbe, nicht bei uns, sondern irgendwo in einem fernen Königreiche, eine Kanzlei, und nehmen wir ferner an, diese Kanzlei habe einen Vorsteher oder Chef. Ich bitte den Leser, sich diesen Mann einmal anzusehen, wenn er mitten unter seinen Untergebenen dasitzt — ich wette, das Wort würde ihm vor Schrecken im Munde stecken bleiben. Stolz und Edelmut — und was nicht alles noch liegt in seinem Blick? Man möchte zum Pinsel greifen und ihn malen, um ihn in dieser Stellung festzuhalten: der reinste Prometheus! wahrhaftig: ein Prometheus! Er blickt wie ein Adler, und sein Gang ist biegsam, gesetzt und fest. Aber seht euch einmal diesen Adler an, wenn er den Saal verläßt und sich dem Zimmer seines Chefs nähert, er ist kaum wiederzuerkennen; wie ein flüchtiges Schneehuhn eilt er mit seinem Aktenbündel unterm Arme dahin, daß ihm fast der Atem ausgeht. In einer Gesellschaft oder auf einer Soiree, wo nicht allzu hochstehende Persönlichkeiten zugegen sind, bleibt unser Prometheus ein echter Prometheus, aber es braucht nur einer da zu sein, der etwas höher steht als er, und mit unserem Prometheus geht eine solche Verwandlung vor, wie sie sich selbst ein Ovid nicht träumen ließe: eine Fliege kann nicht kleiner sein, er ist ganz wie vernichtet, wie ein Sandkorn! „Aber das ist doch nicht Iwan Petrowitsch!“ sagt man sich, wenn man ihn erblickt, „Iwan Petrowitsch ist größer, der da ist ja ganz klein und mager; jener spricht laut, hat eine Baßstimme und lacht niemals, aber dieser hier, Teufel auch, der piepst ja wie ein Vogel und lacht immerzu.“ Kommt man aber näher und sieht genauer zu — dann ist es doch Iwan Petrowitsch. „Aha, soso!“ sagt man zu sich selbst .... Aber wenden wir uns wieder zu den handelnden Personen. Wie wir sahen, war Tschitschikow entschlossen, keine Umstände zu machen; so nahm er denn eine Tasse Tee und etwas Fruchtsaft und sagte:
„Sie haben aber ein schönes Gut, Mütterchen. Wieviel Seelen hat es wohl?“
„Etwas weniger als achtzig,“ sagte die Hausfrau, „leider haben wir bloß so schlechte Zeiten; voriges Jahr gab’s wieder eine Mißernte, daß Gott erbarm!“
„Aber die Bauern sehen doch recht kräftig aus, und die Hütten sind ganz stattlich. Gestatten Sie mir übrigens eine Frage: Wie ist Ihr Familienname? Ich war so zerstreut, als ich gestern so spät ankam ....“
„Karobotschka,[2] Kollegiensekretärswitwe.“
„Danke bestens. Und Ihr Vor- und Vatername?“
„Nasstassja Petrowna.“
„Nasstassja Petrowna? Ein schöner Name! — Nasstassja Petrowna. Ich habe eine leibliche Tante, die Schwester meiner Mutter, die heißt auch Nasstassja Petrowna.“
„Und wie ist Ihr Name?“ fragte die Gutsbesitzerin. „Sie sind doch Assessor? Nicht?“
„Nein, Mütterchen,“ antwortete Tschitschikow lächelnd. „Ich bin nicht Assessor; ich reise in eigenen Geschäften.“
„So sind Sie Lieferant? Wie schade! ich habe meinen Honig so billig verkauft; du hättest ihn mir sicher abgenommen, Väterchen, wie?“
„Nein, Honig hätte ich wohl kaum gekauft.“
„Nun, dann was anderes. Vielleicht Hanf? Davon habe ich jetzt zwar auch nicht mehr viel — ein halbes Pud höchstens.“
„Ach nein, Mütterchen, ich brauch’ eine andere Ware; sagen Sie mal, sind bei Ihnen viele Bauern gestorben?“
„Oh je! Väterchen, achtzehn Mann!“ sagte die Alte seufzend. „Und lauter so prächtige Leute, alles tüchtige Arbeiter. Es ist ja freilich auch Nachwuchs da, aber was hat man davon, lauter schmächtiges Volk, und der Steuereinnehmer kommt und will seine Steuer für jede Seele haben. Sie sind doch schon tot, und doch muß man für sie zahlen, wie wenn sie noch am Leben wären. Vorige Woche ist mir ein Schmied verbrannt, ein so geschickter Schmied! Der hat auch das Schlosserhandwerk verstanden.“
„War denn im Dorfe eine Feuersbrunst, Mütterchen?“
„Gott verhüte ein solches Unglück! Eine Feuersbrunst, das wäre ja noch viel schrecklicher. Nein, er ist ganz von selbst verbrannt. Das Feuer ist da irgendwo im Innern bei ihm entstanden; er hat auch gar zu viel getrunken, man sah nichts wie ein blaues Flämmchen, und so ist er allmählich verkohlt, bis er auch ganz schwarz wurde wie eine Kohle; ach war das ein geschickter Schmied. Jetzt kann ich gar nicht mehr ausfahren. Es ist niemand da, der die Pferde beschlagen kann.“
„Das war wohl Gottes Wille, Mütterchen,“ sagte Tschitschikow seufzend, „gegen Gottes Weisheit darf man nicht murren. Wissen Sie was? Überlassen Sie sie mir, Nasstassja Petrowna?“
„Wie Väterchen?“
„Nun, all diese Leute, die gestorben sind.“
„Wie kann ich sie Ihnen denn überlassen?“
„Nun sehr einfach. Oder meinetwegen, ich kann sie Ihnen auch abkaufen. Ich will Ihnen Geld für sie geben.“
„Ja wie denn nur? Wirklich, ich verstehe Sie noch nicht. Willst du sie aus der Erde ausgraben?“
Tschitschikow merkte, daß die Alte übers Ziel hinausgeschossen hatte, und hielt es daher für notwendig ihr klar zu machen, worum es sich handele. Er erklärte ihr mit wenigen Worten, daß die Abtretung oder der Verkauf nur auf dem Papiere statthaben und die Seelen als lebende gelten sollten.
„Ja, wozu brauchst du sie nur,“ sagte die Alte, indem sie ihn verwundert anstarrte.
„Das ist schon meine Sache!“
„Aber sie sind doch tot!“
„Ja wer sagt denn, daß sie lebendig sind? Es ist doch Ihr eigener Schade, daß sie tot sind. Sie zahlen doch Steuern für sie, und ich will Sie von dieser Last und Sorge befreien. Verstehen Sie jetzt? Und nicht nur befreien; ich will Ihnen noch fünfzehn Rubel dazu schenken. Nun, ist’s Ihnen jetzt klar?“
„Ich weiß wirklich nicht,“ sagte die Alte zögernd, „Tote habe ich noch niemals verkauft.“
„Das ist doch kein Wunder! Es wäre eher eins, wenn Sie schon welche verkauft hätten. Oder glauben Sie tatsächlich, daß sie überhaupt irgend einen Wert haben?“
„Nein, das glaube ich freilich nicht. Was könnten sie auch für einen Wert haben? Sie sind ja zu nichts nütze! Mich beunruhigt bloß dies eine: daß sie schon tot sind.“
„Hat das Weib aber ein Brett vorm Kopf,“ dachte Tschitschikow. „Hören Sie, Mütterchen; denken Sie doch ein wenig nach! Das ist doch eine bedeutende Einbuße für Sie. Sie müssen doch für jeden die Steuern bezahlen, als ob er noch am Leben wäre.“
„Ach, Väterchen, erinnere mich bloß nicht daran,“ unterbrach ihn die Gutsbesitzerin. „Vor drei Wochen habe ich erst wieder hundertfünfzig Rubel einzahlen müssen, und dabei mußte ich noch den Steuerbeamten gründlich spicken.“
„Sehen Sie, Mütterchen, und nun denken Sie mal, von heute ab brauchen Sie den Beamten nicht mehr zu spicken, denn jetzt zahle ich die Steuern und nicht Sie. Ich nehme alle Lasten auf mich, auch die Kosten des Kaufvertrags. Verstehen Sie!“
Die Alte wurde nachdenklich; sie fing an einzusehen, daß das Geschäft nicht so übel wäre; nur war es schon gar zu neu und unerhört, und sie fürchtete, der Käufer könne sie wohl gar übers Ohr hauen. War er doch Gott weiß woher und noch zu so später Stunde herein geschneit.
„Also schlagen Sie ein, Mütterchen,“ sprach Tschitschikow.
„Wahrhaftig, Väterchen, Verstorbene habe ich noch nie verkauft. Lebendige schon öfters, so noch vor drei Jahren: da habe ich dem Protopopoff zwei Mädchen überlassen, jede für hundert Rubel; und er war sehr zufrieden. Es sind vorzügliche Arbeiterinnen geworden. Sie können sogar Servietten weben.“
„Hier handelt es sich aber nicht um Lebende. Gott mit ihnen! Ich brauche Tote!“
„Wirklich, ich fürchte vor allem, ein schlechtes Geschäft zu machen. Du willst mich am Ende betrügen, Väterchen. Vielleicht sind sie ..., kosten sie gar viel mehr.“
„Hören Sie, Mütterchen ... Wie Sie sich bloß anstellen! Was können sie denn wert sein; überlegen Sie sich es doch nur! Das ist doch nichts! Begreifen Sie doch, ein reines Nichts! Nehmen Sie das letzte, unnützeste Ding, sagen wir sogar irgend einen alten Lappen: selbst der hat noch einen Wert; den kauft Ihnen noch der Lumpenhändler ab. Aber die da, die braucht doch überhaupt Keiner! Nein, sagen sie selbst, zu was sind sie nütze!?“
„Das ist schon ganz richtig! Freilich sind sie nichts nütze. Mich hält auch nur ab, daß sie schon tot sind.“
„Herr Gott, ist das eine klotzige Dickköpfigkeit,“ sagte Tschitschikow zu sich selber, und fing bereits an, die Geduld zu verlieren. „Mit der soll einer auskommen. Wahrhaftig, ich schwitze! Verdammte Alte!“ Und er nahm sein Schnupftuch aus der Tasche und wischte sich den Schweiß von der Stirne. Übrigens hatte Tschitschikow eigentlich keinen Grund zu seinem Ärger. Es gibt höchst achtbare Leute, sogar unter den Staatsmännern, die, wenn man näher zusieht, auch nicht besser wie Karobotschka sind. Hat sich so einer mal was in den Kopf gesetzt, so bringst du es mit zehn Pferden nicht wieder heraus. Mach ihm Einwände soviel du willst. Sie mögen so klar sein wie der lichte Tag, sie prallen doch immer wieder zurück wie ein Gummiball von einer Steinmauer. Nachdem sich Tschitschikow den Schweiß abgetrocknet hatte, kam er auf den Gedanken, noch einen Versuch zu machen, ob es ihm etwa gelänge, sie von einer anderen Seite her auf den rechten Weg zu bringen.
„Mütterchen,“ sagte er, „entweder Sie wollen mich nicht verstehen, oder Sie reden das alles nur, um nur überhaupt etwas zu reden ... Ich gebe Ihnen Geld, fünfzehn Rubel in Banknoten; verstehen Sie? Das ist doch Geld und liegt nicht auf der Straße. Wie teuer haben Sie zum Beispiel Ihren Honig verkauft? Gestehen Sie mal!“
„Für zwölf Rubel das Pud.“
„Versündigen Sie sich nicht, Mütterchen! Zwölf haben Sie gewiß nicht dafür bekommen.“
„Bei Gott, Väterchen!“
„Nun also sehen Sie, dafür war das auch Honig. Sie haben vielleicht ein Jahr gebraucht, voller Sorgen und Mühe und Arbeit, bis Sie ihn einsammeln konnten. Sind hin und her gefahren; haben die armen Bienen geplagt. Sie einen ganzen Winter über im Keller gefüttert. Sehen Sie wohl! Dagegen die toten Seelen, die sind doch nicht von dieser Welt. An die haben Sie keinerlei Mühe und Arbeit gewendet. Es war halt Gottes Wille, daß sie diese Welt verlassen und ihrem Hause Abbruch tun mußten. Dort haben Sie für alle Ihre Sorge und Mühe zwölf Rubel bekommen, und hier sollen Sie für ein reines Nichts, ganz umsonst, nicht zwölf, sondern sogar fünfzehn Rubel und nicht in Silber, sondern in lauter schönen blauen Scheinen ausbezahlt erhalten.“ Nachdem Tschitschikow so starke und überzeugende Gründe ins Feld geführt hatte, zweifelte er kaum noch, daß die Alte endlich nachgeben werde.
„Nein wirklich,“ versetzte die Gutsbesitzerin, „ich bin eine arme und unerfahrene Witwe, lieber will ich noch ein wenig warten, bis noch andere Käufer kommen. Damit ich mich über den Preis vergewissern kann.“
„Schämen Sie sich, Mütterchen! Denken Sie bloß selbst, was Sie da reden. Wer wird denn so etwas kaufen wollen. Was soll er denn bloß damit anfangen.“
„Vielleicht kann man sie doch bei Gelegenheit in der Wirtschaft verwenden ...“ erwiderte die Alte. — Aber sie vollendete ihre Rede nicht, machte den Mund auf und starrte ihn beinahe mit Entsetzen an, gespannt auf seine Antwort harrend.
„Die Toten in der Wirtschaft! — Herr Gott, wozu Sie sich wieder verstiegen haben! Etwa um nachts die Spatzen in Ihrem Garten zu scheuchen?! Wie?“
„Heiliger Jesus hilf uns! Welch schreckliche Dinge du da sprichst,“ sagte die Alte, indem sie das Kreuz schlug.
„Wozu wollen Sie sie denn sonst verwenden? Übrigens das Grab und die Knochen können sie ja behalten. Der Kauf findet ja nur auf dem Papiere statt. Nun also wie steht es? Geben Sie mir doch zum wenigsten eine Antwort.“
Die Alte versank wieder in Nachdenken.
„Woran denken Sie bloß, Nastassja Petrowna?“
„Wirklich, ich weiß nicht recht, was ich da machen soll? Kaufen Sie mir lieber etwas Hanf ab!“
„Ach was Hanf! Ich bitte Sie! Ich will was ganz anderes von Ihnen, und Sie schwatzen mir Ihren Hanf auf. Lassen Sie den Hanf ruhig Hanf bleiben! Wenn ich ein anderes Mal vorspreche, kaufe ich Ihnen vielleicht auch Hanf ab. Nun, wie ist es, Nastassja Petrowna?“
„Bei Gott es ist eine so seltene Ware, mit der ich noch nie was zu tun gehabt habe.“
Hier war Tschitschikows Geduld zu Ende. In seiner Wut packte er einen Stuhl, stieß ihn auf die Erde und wünschte ihr den Teufel an den Hals.
Vor dem Teufel war die Gutsbesitzerin aufs höchste entsetzt.
„Ach, sprich mir nicht von ihm! Gott mit ihm!“ rief sie aus und erbleichte. „Noch die ganze vorige Nacht hab ich ihn fortwährend im Traume gesehen, den Verfluchten. Ich wollte mir nach dem Gebet noch einmal die Karten legen. Da hat ihn mir Gott offenbar zur Strafe hergesandt. So greulich sah er aus. Seine Hörner waren länger als die eines Ochsen.“
„Ich wundere mich, daß sie Ihnen nicht zu Dutzenden erscheinen! Mich leitet nichts wie die reinste Christenliebe; ich sehe eine arme Witwe, die sich plagt und Not leidet ... Daß du doch krepiertest zusamt deinem Gute.“
„Ach, was für schreckliche Flüche du da ausstößt,“ sagte die Alte und sah ihn entsetzt an.
„Wahrhaftig, es fehlen einem ja die Worte, rein wie ein — entschuldigen Sie den harten Ausdruck — wie ein Kettenhund, der auf seinem Stroh liegt; frißt das Stroh selbst nicht und läßt doch keinen andern ran. Ich wollte Ihnen allerhand von Ihren landwirtschaftlichen Erzeugnissen abkaufen, weil ich ja auch Lieferungen für den Staat übernehme ...“ Hier log er etwas hinzu, so ganz nebenher, und ohne es sich recht überlegt zu haben, aber sehr geschickt.
Diese Lieferungen für den Staat machten einen tiefen Eindruck auf Nastassja Petrowna; wenigstens sagte sie mit beinahe flehender Stimme: „Warum wirst du denn gleich so zornig? Hätte ich früher gewußt, daß du so wild werden kannst, dann hätte ich lieber garnicht widersprochen.“
„Ach was, ich bin garnicht zornig! Die ganze Sache ist keine ausgepreßte Zitrone wert. Und ich sollte mich ärgern?“
„Schön, schön, ich will sie dir ja für 15 Rubelscheine lassen. Nur eins, Väterchen, vergiß mich nicht bei den Lieferungen, wenn du etwa Roggen oder Gerstenmehl oder Buchweizen oder Fleisch brauchen solltest.“
„Nein, nein, Mütterchen, ich werde dich schon nicht vergessen,“ sagte er, während er sich den Schweiß mit der Hand abtrocknete, der in drei Sturzbächen über sein Gesicht floß. Er erkundigte sich bei ihr, ob sie nicht in der Stadt einen Vertrauensmann beim Gericht, einen Vertreter oder einen Bekannten habe, den sie zum Abschluß des Kaufkontraktes und aller übrigen notwendigen Maßnahmen bevollmächtigen könnte. „Gewiß, den Probst, Vater Kirill; sein Sohn ist am Gericht,“ sagte Karobotschka. Hierauf bat Tschitschikow sie, ihm eine Vollmacht zu schicken, ja er übernahm es sogar, diese selbst aufzusetzen, um der Alten jegliche unnütze Arbeit zu ersparen.
„Es wäre doch gut,“ dachte unterdes Karobotschka, „wenn er mir etwas Mehl und Vieh für den Staat abnähme. Ich muß ihn für mich gewinnen. Es ist noch etwas Teig von gestern abend da. Ich will mal hingehen und der Fetinja sagen, sie soll Pfannkuchen backen. Auch eine Eierpastete von Butterteig wäre nicht übel. Die macht sich sehr gut, und es nimmt nicht viel Zeit weg.“ Damit ging die Hausfrau hinaus, um ihren Plan mit der Pastete auszuführen und ihn noch durch andere Produkte der häuslichen Koch- und Backkunst zu ergänzen. Tschitschikow aber ging in den Salon, in dem er die Nacht zugebracht hatte, um die notwendigen Papiere aus seiner Schatulle zu holen. Das Zimmer war schon längst aufgeräumt, die üppigen Plumeaus und Unterbetten waren hinausgeschafft. Vor dem Sofa stand ein Tisch mit einer Decke darauf. Er setzte seine Schatulle auf ihn und ließ sich auf das Sofa nieder, um ein wenig auszuruhen; denn er fühlte, daß er ganz in Schweiß gebadet sei: alles, was er am Leibe trug, vom Hemd bis zu den Strümpfen, war vollständig naß. „Hat die mir zugesetzt, die verfluchte Alte,“ sagte er, nachdem er ein wenig ausgeruht hatte, und öffnete die Schatulle. Der Autor ist überzeugt, daß mancher Leser neugierig sein wird, den Plan und die innere Fächereinteilung der Schatulle kennen zu lernen. Meinetwegen, warum sollte ich diese Neugierde nicht befriedigen. Also, da habt ihr sie, die Einteilung; in der Mitte befindet sich der Seifennapf; auf den Seifennapf folgen sechs bis sieben schmale Fächer für die Rasiermesser. Dann kommen zwei viereckige Behältnisse für die Streusandbüchse und das Tintenfaß. Zwischen beiden ist eine Rille für Federn, Siegellack und Gegenstände von längerer Statur. Weiter folgten allerhand Fächer mit Deckel und ohne Deckel, für die kürzeren Gegenstände, welche mit Visitenkarten, Beerdigungsanzeigen, Theaterbilleten und anderen Zetteln angefüllt waren, die hier als Reminiszenzen ruhten. Das ganze obere Kästchen mit all seinen Fächern ließ sich herausheben. Unter ihm öffnete sich ein weiter Raum, in dem Stöße von Papier in Bogengröße aufgeschichtet lagen. Darunter befand sich ein kleines verborgenes Kästchen, das sich unauffällig seitlich auftat, in dem er sein Geld zu bewahren pflegte. Dieses Kästchen wurde von seinem Besitzer stets mit einer solchen Geschwindigkeit auf- und im selben Augenblick wieder zugemacht, daß man nicht mit Sicherheit angeben konnte, wieviel Geld es enthielt. Tschitschikow ging sogleich an die Arbeit, schnitt die Feder zurecht und begann zu schreiben. In diesem Moment trat die Hausfrau ins Zimmer.
„Hast du aber einen schönen Kasten, Väterchen!“ sagte sie, indem sie sich neben ihn setzte, „den hast du wohl in Moskau gekauft?“
„Ja, in Moskau,“ antwortete Tschitschikow und fuhr fort zu schreiben.
„Ich weiß, dort kriegt man’s nur gut. Vor zwei Jahren hat meine Schwester gefütterte Stiefel für die Kinder von dort mitgebracht. Vortreffliche Ware! So dauerhaft! Sie tragen sie noch heute. Ach, hast du viel Stempelpapier,“ fuhr sie fort, während sie einen Blick in die Schatulle warf. Und in der Tat, es war sehr viel Papier darin. „Du könntest mir ein paar Bogen schenken. Bei mir herrscht solch ein Mangel daran. Es kommt doch vor, daß man ein Schreiben ans Gericht zu senden hat. Dann ist immer kein Papier da.“
Tschitschikow erklärte ihr, das sei kein Papier, wie sie es wünschte. Es sei nur für Kaufkontrakte, und nicht für Gesuche geeignet. Übrigens gab er ihr, um sie zu beruhigen, einen Bogen im Werte von einem Rubel. Nachdem er seinen Brief vollendet hatte, ließ er sie unterschreiben und bat sie um ein kurzes Verzeichnis der Bauern. Es stellte sich heraus, daß die Gutsbesitzerin gar keine Listen über ihre Bauern führte, sondern ihre Namen nur auswendig wußte. Er forderte sie auf, ihm diese zu diktieren. Mehrfach geriet er in höchstes Erstaunen über ihre Familiennamen und mehr noch über ihre Spitznamen, sodaß er jedesmal beim Hören ein wenig innehielt, ehe er sie niederschrieb. Einen besondern Eindruck machte auf ihn ein gewisser Peter Saweljew genannt der Waschtrogverächter, sodaß er sich nicht enthalten konnte, auszurufen: „Ist das aber ein langer Kerl!“ Ein anderer trug den Beinamen Kuhfladen. Ein dritter wurde einfach Johann das Rad genannt. Nachdem er mit dem Schreiben fertig war, sog er die Luft tief durch die Nase ein und roch den Duft einer in Butter schmorenden Speise.
„Bitte bedienen Sie sich,“ sagte die Wirtin. Tschitschikow sah sich um und bemerkte, daß der Tisch mit leckeren Gerichten reich besetzt war; da gab es Pilze, Gebäck, Spiegeleier, Pfannkuchen, Käsekeulchen, Splittertörtchen und Fladen mit allerhand Pastetchen: Pastetchen mit Zwiebeln, Pastetchen mit Mohn, Pastetchen mit Quark, Pastetchen mit Stinten und weiß Gott, was sonst noch alles.
„Bitte, vielleicht eine Eierpastete aus Butterteig gefällig?“ sagte die Wirtin.
Tschitschikow rückte näher an die Eierpastete aus Butterteig heran, und sprach sich sehr lobend über sie aus, nachdem er eine gute Hälfte von ihr verspeist hatte. Und in der Tat, die Pastete war schon an und für sich nicht übel; nach all den Plackereien und dem Geplänkel mit der Alten aber schmeckte sie noch weit vorzüglicher.
„Nehmen Sie Pfannkuchen?“ sagte die Wirtin. Als Antwort auf diese Frage, spießte Tschitschikow gleich drei Pfannkuchen auf, rollte sie zusammen, tauchte sie in die geschmolzene Butter und beförderte sie in den Mund, worauf er sich Lippen und Hände mit der Serviette abwischte. Nachdem er dieses etwa dreimal wiederholt hatte, bat er die Hausfrau die Pferde anspannen zu lassen. Nasstassja Petrowna schickte Fetinja sofort in den Hof hinunter, und trug ihr zugleich auf, noch ein paar heiße Pfannkuchen mitzubringen.
„Ihre Pfannkuchen sind ausgezeichnet, Mütterchen,“ sagte Tschitschikow, indem er sich über die frischen Pfannkuchen hermachte.
„Ja, das versteht meine Köchin sehr gut,“ versetzte die Hausfrau, „leider war nur die Ernte so schlecht, und das Mehl ist nicht so gut geraten. Aber warum eilen Sie so? Väterchen?“ fuhr sie fort, als sie sah, daß Tschitschikow schon seinen Hut in der Hand hielt, „der Wagen ist ja noch gar nicht fertig.“
„Oh der ist schnell fertig, Mütterchen. Bei mir geht das sehr schnell.“
„Nicht wahr, Sie vergessen mich also nicht bei den Lieferungen?“
„Nein, nein,“ sagte Tschitschikow, während er in den Flur hinaustrat.
„Sie wollen mir also keinen Speck abkaufen?“ sagte die Hausfrau, indem sie ihn hinausbegleitete.
„Warum nicht? Gewiß kaufe ich Ihnen welchen ab. Nur nicht gleich jetzt.“
„Zu Ostern werde ich schönen Speck haben.“
„Seien Sie ruhig, ich kaufe Ihnen welchen ab; ich kaufe ihnen alles ab, was Sie wollen, auch Schweinespeck.“
„Vielleicht brauchen Sie auch Daunen? Während der Weihnachtsfasten werde ich auch Daunen haben.“
„Schön, schön,“ sagte Tschitschikow.
„Siehst du wohl, Väterchen, dein Wagen ist noch nicht fertig,“ sprach die Hausfrau, als sie auf die Treppe hinaustraten.
„Er ist gleich fertig. Sagen Sie mir bloß, wie ich auf die große Landstraße gelange.“
„Wie mache ich das nur?“ sagte die Hausfrau. „Es ist nicht leicht, dir das klar zu machen, man muß so oft wenden; vielleicht ist es das Beste, ich gebe dir ein Mädchen mit, die dir den Weg zeigt. Du wirst doch auf dem Bock noch einen Platz haben, wo sie sich hinsetzen kann.“
„Natürlich.“
„Nun gut, dann gebe ich dir das Mädel mit, sie kennt den Weg, entführt sie mir nur nicht gar, hörst du, neulich haben mir schon ein paar Kaufleute einmal eine weggeholt.“
Tschitschikow gab ihr das Versprechen, das Mädchen nicht zu entführen und Karobotschka kehrte wieder beruhigt zur Durchmusterung ihres Hofes zurück. Erst glotzte sie die Haushälterin an, welche eine hölzerne Kanne mit Honig aus der Speisekammer holte. Dann warf sie einen Blick auf einen Bauern, — der im Torweg erschien, um allmählich immer mehr in ihrem Haushalt unterzutauchen. Wozu aber beschäftigen wir uns eigentlich so lange mit Karobotschka? Was ist uns Karobotschka, Manilow, wirtschaftliches oder unwirtschaftliches Leben? Lassen wir sie! Ist es nicht wunderbar eingerichtet in dieser Welt! Jede Freude geht, ehe man sich’s versieht, in Trauer über, wenn man sich gar zu lange bei ihr aufhält, und Gott weiß, was sich einem dann für Gedanken aufdrängen! Man könnte gar auf die Idee kommen: Wie!? Steht denn Karobotschka wirklich so tief auf der unendlich langen Stufenleiter menschlicher Vollkommenheit? Sollte er wirklich so tief sein, der Abgrund, der sie von ihrer Schwester trennt. Von ihr, welche unnahbare Mauern eines aristokratischen Hauses mit seinen lieblich duftenden gußeisernen Treppen beschützen, die mit Kupferglanz, Mahagoniholz und kostbaren Teppichen prunken. Von ihr, welche gähnend neben ihrem halbgelesenen Buche sitzt, in unruhiger Erwartung des weltmännisch-geistreichen Besuchers, in dessen Gegenwart sich ihrem Geiste ein Feld eröffnet, wo sie ihren Verstand leuchten und eingelernte Gedanken spielen lassen kann. — Gedanken, welche nach der heiligen Satzung der Mode eine ganze Stadt wochenlang beschäftigen, Gedanken, die sich nicht darum drehen, was in ihrem Hause und auf ihren Gütern vorgeht, die in Unordnung geraten darniederliegen, sondern allein darauf gerichtet sind, welche Umwälzung in der französischen Politik bevorsteht, oder welche Wendung der moderne Katholizismus nehmen wird. Doch weiter, weiter! Wozu über diese Dinge reden? Aber warum fällt bisweilen in Augenblicken froher, sorgenfreier Gedankenlosigkeit wie von selbst ein wundersamer Strahl in uns hinein? Noch fand das Lächeln kaum Zeit, dem Gesichte zu entschwinden, und schon verwandelte es sich bei demselben Menschen in ein anderes, und ein neues Licht erleuchtet jetzt sein Antlitz?
„Da ist er, da ist ja mein Wagen,“ rief Tschitschikow, als er seine Kutsche heranrollen sah, „was hast du nur solange getrödelt, du Esel! Dein Rausch von gestern ist wohl noch nicht ganz verflogen.“
Hierauf erwiderte Seliphan kein Wort.
„Leben Sie wohl, Mütterchen! Nun wo ist Ihr Mädchen?“
„Heh! Pelagia!“ rief die Alte einem Mädchen von etwa elf Jahren zu, das in der Nähe der Treppe stand. Die Kleine hatte ein selbstgewebtes, farbiges Leinenkleid an. Sie war barfüßig, und schien doch Stiefeln anzuhaben, denn ihre Füße waren bis oben hinauf mit frischem Straßenschmutz bedeckt. „Zeig dem Herrn den Weg!“
Seliphan half dem Mädchen auf den Bock, welches zuerst mit einem Fuß auf das Trittbrett stieg, das sie bei dieser Gelegenheit ein wenig beschmutzte. Hierauf schwang sie sich auf den Kutschersitz, wo sie sich neben Seliphan niederließ. Nach ihr setzte Tschitschikow seinen Fuß auf das Trittbrett und nahm endlich im Wagen Platz, der sich unter seinem Gewichte nach rechts beugte. „So, jetzt ist alles in Ordnung. Leben Sie wohl Mütterchen!“ mit diesen Worten verabschiedete er sich von der Gutsbesitzerin und die Pferde zogen an.
Seliphan war den Weg über sehr ernst und streng und widmete sich seinem Dienst mit großer Aufmerksamkeit, was immer dann zu geschehen pflegte, wenn er etwas verschuldet hatte oder betrunken gewesen war. Die Pferde waren von einer bewundernswerten Sauberkeit. Das Kummet bei dem einen, welches gewöhnlich zerlocht und zerfetzt war, sodaß das Werg unter dem Leder hervorquoll, war sorgfältig genäht und ausgebessert. Er war während des ganzen Weges sehr schweigsam, schwang nur hin und wieder die Peitsche und unterließ es vollkommen, seine Pferde mit lehrhaften Reden zu beehren, obwohl der Schecke natürlich gerne eine Belehrung entgegengenommen hätte. Denn während einer solchen Rede pflegte der wortfrohe Wagenlenker die Zügel immer recht lose in der Hand zu halten, und er ließ auch die Peitsche nur pro forma über den Rücken der Pferde hüpfen. Aber der finstere Mund ließ dieses Mal nur monotone und unfreundliche Ausrufe vernehmen, wie: „Hüh! Hüh! alte Krähe! was trödelst du!“ sonst nichts. Aber selbst der Braune und der Assessor waren nicht zufrieden, weil sie kein einziges freundliches und Achtung zollendes Wort zu hören bekamen. Der Schecke erhielt sogar häufig äußerst unangenehme Schläge auf seine weichen, wohlgerundeten Körperteile. „Sieh mal, was in den gefahren ist!?“ dachte er sich, indem er seine Ohren ein wenig spitzte. „Der weiß auch, wohin er haut; sucht sich nicht etwa den Rücken aus, sondern gerade die empfindlichsten Stellen. Schlägt einem die Peitsche um die Ohren oder geht einem sogar an den Bauch.“
„Rechts? Wie?“ Mit dieser trockenen Frage wandte sich Seliphan an das neben ihm sitzende Mädchen, indem er mit der Peitsche auf den vom Regen geschwärzten Weg hinwies, der sich zwischen frischen, in hellem Grün leuchtenden Feldern dahinzog.
„Nein, noch nicht! Ich werde es dir schon sagen!“ antwortete das Mädchen.
„Nun, wohin denn?“ fragte Seliphan, als sie sich dem Kreuzweg näherten.
„Dorthin!“ sagte das Mädchen, indem es mit dem Finger die Richtung anzeigte.
„Ach! du!“ sagte Seliphan, „das ist doch rechts! Kann rechts und links nicht unterscheiden.“
Obwohl der Tag sehr heiter war, war die Straße derartig schmutzig, daß der Kot an den Wagenrädern kleben blieb und sie bald wie mit einer Filzschicht bedeckte, was die Equipage am Fortkommen hinderte. Dazu war der Boden noch sehr locker und lehmig. Dieses war die Ursache, daß sie die Landstraße nicht vor Mittag erreichten. Ohne das Mädchen wäre es ihnen wahrscheinlich auch schwerlich gelungen, weil die Wege nach allen Richtungen auseinanderliefen, wie gefangene Krebse, wenn man sie aus dem Netze schüttet. Und Seliphan hätte sich ohne seine Schuld leicht verirren können. Bald darauf zeigte das Mädchen mit der Hand auf ein Gebäude, das in der Ferne sichtbar wurde, und sagte: „Da ist die Poststraße.“