Ein großer, alter Garten, der hinter dem Hause lag, sich von dort weit bis übers Dorf hinaus erstreckte und in den Feldern verlor, belebte allein, obwohl auch schon verwildert und zugewachsen, dieses große Dorf und bot in seiner malerischen Wildheit einen pittoresken Anblick dar. Wie grüne Wolken und unregelmäßige Kuppeln von zitternden Blättern ruhten im klaren Himmelsblau die verschlungenen Wipfel der Bäume, die in ungebändigter Freiheit sich üppig hatten entfalten können. Der mächtige weiße Stamm einer Riesenbirke ohne Krone, die der Sturm oder Blitz gebrochen hatte, erhob sich aus diesem grünen Dickicht und rundete sich in der Luft wie eine schlanke, schöngeformte Marmorsäule. Die schräge, scharfkantige Bruchstelle, in die sie auslief statt in ein Kapitäl, hob sich von dem schneeweißen Grund ab wie ein Hut oder ein schwarzer Vogel. Grünschimmernder Hopfen, der mit seinem dichten Geflecht Holundersträuche, Ebereschen und Haselbüsche in seinen engen Umarmungen zu ersticken versuchte, kletterte am Stamm empor und rankte sich um die halbgeborstene Birke. Auf halber Höhe ließ er sich wieder herabfallen, um sich an andere Baumwipfel zu klammern, oder er senkte seine langen Ranken in die Luft hinab, indem er seine Häkchen zu Ringen aufrollte, die im sanften Winde schaukelten. Hie und da trat das im hellen Sonnenlichte daliegende grüne Dickicht auseinander und ließ einen dunkelen schattigen Grund sehen, der wie ein finsterer Rachen aufgähnte; dieser war ganz in Schatten getaucht, man konnte mehr ahnen, als erkennen, was einem aus der dunklen Tiefe entgegenschimmerte: einen engen, schmalen Fußpfad, ein umgefallenes Geländer, eine verfallene Laube, den hohlen morschen Stamm einer Weide, silbergraues Strauchwerk, das stachelicht und dicht hinter der Weide hervorguckte, vertrocknete Blätter und Äste, die in der allgemeinen Verwilderung wirr durcheinander lagen, und endlich einen jungen Ahornschößling, der seine grünen gelappten Blätter weit ausstreckte, und deren eines ein Sonnenstrahl, der sich Gott weiß auf welche Weise bis hierher den Weg gebahnt hatte, in einen durchsichtig goldigglühenden Stern verwandelte, welcher aus der dichten Finsternis herrlich hervorleuchtete. Ganz abseits am Rande des Gartens standen einige hochgewachsene, alle andern Bäume weit überragende Espen, die ein paar mächtige Krähennester in ihren zitternden Baumkronen trugen. Hie und da ließ eine von ihnen einen gebrochenen, aber noch lose am Stamm haftenden Ast mit seinen vertrockneten Blättern traurig herabhängen. Mit einem Wort es war alles sehr schön, wie weder Natur noch Kunst es für sich allein hervorzubringen vermögen, und wie es nur dort zu gelingen pflegt, wo sich beide zu gemeinsamem Werke vereinigen, wenn die Natur noch einmal über die oft ohne Sinn und Geschmack zusammengestoppelte Schöpfung des Menschen mit ihrem Meißel drübergeht, ihr den letzten Schliff gibt, die schweren Massen belebt, ihnen etwas Leichtes, Schwebendes verleiht, die grobe handgreifliche Regelmäßigkeit und Symmetrie verwischt und die elenden Mängel und Schnitzer beseitigt, welche die nackte Absicht allzu aufdringlich zur Schau stellen, um jene wundersame Wärme über alles zu ergießen, was in der frostigen Kälte wohldurchdachter, errechneter Sauberkeit und Peinlichkeit entstand.
Nachdem der Wagen noch einige Wendungen gemacht hatte, blieb er endlich vor dem Hause selbst stehen, das jetzt fast noch düsterer und trübseliger erschien. Die Mauern und das Tor waren mit grünem Schimmel bedeckt. Im Hofe standen allerhand Gebäude: Vorratskammern, Kornspeicher, das Gesindehaus usw. dicht nebeneinander — auch sie alle gleichfalls mit den deutlichen Spuren des Alters und der Baufälligkeit; rechts und links sah man je ein Tor, das nach einem andern Hofe führte. Alles legte Zeugnis davon ab, daß hier einmal in ganz großem Maßstabe gewirtschaftet worden war, heute aber blickte alles trübe und finster. Da gab es nichts, was das traurige Bild ein wenig erheitert hätte: — keine sich auftuenden Türen, keine ein- und ausgehenden Menschen, keine lebendigen häuslichen Sorgen! Nur das Haupttor stand offen, und auch dies nur, weil ein Mann mit einem schwerbeladenen Wagen, der mit Bastmatten zugedeckt war, in den Hof fuhr; wie mit Absicht, um diesen öden toten Ort ein wenig zu beleben: zu einer andern Zeit wäre auch dieses Tor fest verschlossen gewesen, denn an der eisernen Krampe hing ein mächtiges Riesenschloß. Vor einem der Gebäude entdeckte Tschitschikow bald eine Gestalt, die sich mit dem Wagenführer zankte. Er konnte sich lange nicht darüber klar werden, welchem Geschlechte die Gestalt angehörte; ob es ein Mann oder eine Frau war. Das Kleidungsstück, das sie anhatte, war völlig undefinierbar, und hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Frauenrock; dazu trug sie noch eine Kappe auf dem Kopf, wie sie die Dorfweiber zu tragen pflegen. „Wahrhaftig, ein Weibsbild!“ dachte er, er fügte aber gleich hinzu: „Nein, doch nicht!“ — „Natürlich ein Weibsbild!“ sagte er endlich, nachdem er sich die Gestalt näher angesehen hatte. Diese beobachtete ihn ihrerseits gleichfalls mit großer Aufmerksamkeit. Der Ankömmling schien für sie eine Art Weltwunder zu sein, weil sie nicht bloß ihn, sondern auch Seliphan und selbst die Pferde vom Maule bis zum Schwanze aufs gründlichste musterte. Nach dem an ihrem Gürtel hängenden Schlüsselbund und den kräftigen Schimpfworten, mit denen sie den Bauern überhäufte, urteilte Tschitschikow, daß dies wohl die Schließerin sein müsse.
„Hör mal, Mütterchen,“ sagte er, während er aus dem Wagen stieg, „was macht der Herr?“
„Ist nicht zu Hause!“ versetzte die Schließerin, ohne den Schluß der Frage abzuwarten, und sie fügte gleich hinzu, „und was wollen Sie von ihm?“
„Ich komme in einer geschäftlichen Angelegenheit.“
„Dann treten Sie bitte ins Zimmer,“ sagte die Schließerin, indem sie die Türe öffnete, ihm den mit Mehlstaub bedeckten Rücken zuwandte und dabei ein großes Loch in ihrem Rocke sehen ließ.
Er betrat den großen dunklen Flur, aus dem ihn Grabeskälte wie aus einem Keller anwehte. Aus dem Flur gelangte er in ein dunkles Zimmer, in das nur wenig Licht aus einer breiten Spalte unter der Tür hineinfiel. Er öffnete diese Tür und befand sich endlich in hellem Tageslicht. Die Unordnung, die sich ihm überall aufdrängte, erregte sein Erstaunen. Es sah fast so aus, als ob im ganzen Hause die Dielen gewaschen würden und während dessen sämtliche Möbel in dieser Stube untergebracht worden wären. Auf einem Tische stand sogar ein zerbrochener Stuhl, daneben eine Uhr mit einem zerbrochenen Pendel, das eine Spinne bereits mit ihrem Gewebe umsponnen hatte. Hier standen auch ein seitlich an die Wand gelehnter Schrank mit altem Silbergerät und allerhand Karaffen aus chinesischem Porzellan. Auf dem Schreibpult, das mit Perlmuttermosaik ausgelegt, stellenweise seines Schmuckes entkleidet war und an seiner Stelle die mit trockenem Leim gefüllten Lücken sichtbar werden ließ, lag allerhand bunter Kram beieinander: ein Haufen eng beschriebener Zettel, auf denen ein grünlich angelaufener Briefbeschwerer von Marmor mit einem kleinen Ei als Griff ruhte, ein alter Schweinslederband mit rotem Schnitt, eine trockene ausgepreßte Zitrone, die nicht größer war als eine Walnuß, die abgebrochene Lehne eines Stuhles, ein Schnapsglas mit einer roten Flüssigkeit und drei darin schwimmenden Fliegen, das mit einem Briefbogen bedeckt war, ein Stückchen Siegellack, der Fetzen eines irgendwo aufgelesenen Lappens, zwei Schreibfedern, die mit Tinte beschmiert und ganz vertrocknet waren, wie wenn sie die Schwindsucht hätten, ein gelblicher Zahnstocher, mit dem sich sein Herr wohl noch vor der Einnahme Moskaus durch die Franzosen die Zähne gereinigt haben mochte, usw. An den Wänden hingen nahe beieinander und in recht geschmackloser Anordnung mehrere Bilder: ein schmaler Stahlstich von irgend einer Schlacht, auf dem man fürchterliche Trommeln, schreiende Soldaten mit Dreimastern auf den Köpfen und ersaufenden Pferden erblickte. Der Stich befand sich in einem Rahmen von Mahagoniholz mit schmalen Bronzeleisten und Bronzerosetten in den Ecken, jedoch ohne Deckglas. Daneben hing ein gewaltiges nachgedunkeltes Ölgemälde, das die halbe Wand einnahm, und auf dem Blumen, Früchte, eine zerschnittene Wassermelone, die Schnauze eines Wildebers und der herunterhängende Kopf einer wilden Ente abgebildet waren. Von der Mitte der Decke hing ein in einem Leinewandsack eingenähter Kronleuchter herab, der so dicht mit Staub bedeckt war, daß er dem Kokon eines Seidenwurmes glich. In einem Winkel des Zimmers lag ein Haufen alter Sachen; dies waren gewissermaßen die gröberen Gegenstände, die nicht gewürdigt wurden, auf dem Tisch zu liegen. Was das eigentlich für Sachen waren — das ließ sich nicht leicht angeben; denn es lastete eine so dicke Staubschicht auf ihnen, daß jede Hand, die sie berührte, große Ähnlichkeit mit einem Handschuh bekam; die einzigen Objekte, die sich mit einiger Deutlichkeit von dem Schutthaufen abhoben, waren: ein Stück von einer zerbrochenen hölzernen Schaufel und eine alte Schuhsohle. Kein Mensch hätte geglaubt, daß dies Zimmer von einem lebenden Wesen bewohnt werde, wenn nicht eine alte abgetragene Kappe, die auf dem Tische lag, davon Zeugnis abgelegt hätte. Während unser Held noch in die Betrachtung dieser merkwürdigen Zimmerausstattung versunken war, öffnete sich eine Seitentür, und dieselbe Schließerin, die er auf dem Hofe getroffen hatte, trat herein. Jetzt aber sah er, daß dies eher ein Schließer, als eine Schließerin war: wenigstens pflegte sich eine Schließerin gewöhnlich nicht den Bart zu rasieren, dieser Mensch aber tat es und zwar, wie es schien, recht selten, denn sein Kinn und die untere Partie seines Gesichts glich einem Striegel aus Eisendraht, mit dem man die Pferde im Stalle zu putzen pflegt. Tschitschikows Gesicht nahm einen fragenden Ausdruck an; er wartete mit Ungeduld darauf, was ihm der Schließer sagen würde. Dieser schien jedoch seinerseits wiederum auf Tschitschikows Anrede zu warten. Endlich entschloß sich der letztere, dem diese beiderseitige Unentschlossenheit recht peinlich wurde, zu der Frage:
„Nun, was macht dein Herr? Ist er zu Hause?“
„Der Hausherr ist hier!“ antwortete der Schließer.
„Wo denn nur?“ wiederholte Tschitschikow.
„Sie sind wohl blind, Väterchen? Was?“ versetzte der Schließer. „Herrjeh! Ich bin doch der Herr des Hauses!“
Hier wich unser Held unwillkürlich ein wenig zurück und sah jenen starr an. Er hatte in seinem Leben mancherlei Leute kennen gelernt, selbst solche wie wir, lieber Leser, sie wohl nie zu sehen bekommen. Aber einem ähnlichen Wesen war er noch nie begegnet. An seinem Gesichte war nichts Besonderes zu bemerken. Es unterschied sich kaum von dem der meisten hagern alten Leute; nur das Kinn sprang etwas weit vor, und er mußte es immer mit einem Taschentuch bedecken, um es nicht mit seinem Speichel zu befeuchten. Die kleinen Äuglein waren noch nicht erloschen und bewegten sich unter den buschigen Augenbrauen hin und her wie zwei Mäuschen, wenn sie die zierlichen Schnäuzchen aus dem finsteren Loche stecken, die Ohren spitzen, mit ihren feinen Schnurrbarthärchen spielend, hinauslugen, ob nicht irgendwo ein Kater oder ein mutwilliger Knabe versteckt liegt und argwöhnisch in der Luft herumschnüffeln. Das Kostüm war noch interessanter. Es wäre eine vergebliche Bemühung gewesen, herauskriegen zu wollen, woraus sein Schlafrock eigentlich zusammengeflickt war: die Ärmel und die Kragenschöße waren so schmutzig und glänzend, daß sie dem Juchtenleder glichen, aus dem man Stiefel macht; hinten baumelten ihm statt zweier vier Rockschöße hinunter, aus denen das Futter sich in Knäueln ans Tageslicht drängte. Um den Hals hatte er auch ein undefinierbares Etwas geschlungen, von dem man nicht sagen konnte, ob es ein alter Strumpf, eine Leibbinde oder eine Bandage war. Ein Halstuch war es jedenfalls nicht. Mit einem Wort, hätte ihn Tschitschikow in diesem Aufzug vor irgend einer Kirche getroffen, er hätte ihm sicherlich einen Kupfergroschen gereicht; denn, zur Ehre unseres Helden sei es gesagt, er hatte ein sehr mitleidiges Herz und konnte sich niemals enthalten, einem armen Mann eine Kupfermünze zu reichen. Aber der Mensch, der vor ihm stand, war kein Bettler, sondern ein vornehmer Gutsherr. Und dieser Gutsherr besaß mehr als tausend Seelen, ja man hätte lange nach einem zweiten suchen können, der soviel Getreide, Mehl und Ackerfrüchte in seinen Speichern barg, dessen Vorratskammern, Scheuern und Tennen gleich vollgepfropft waren mit Tuch und Leinewand, rohen und gegerbten Schafsfellen, getrockneten Fischen, mancherlei Gemüsearten und Früchten. Man brauchte bloß einen Blick in seinen Hof zu werfen, wo Holz aller Art und allerhand Geschirr aufgestapelt lagen, welches nie verwendet wurde — und man hätte sich auf den Moskauer Holzmarkt versetzt geglaubt, wo sich täglich die geschäftigen Schwiegermütter und Basen versammeln, begleitet von ihren Köchinnen, um ihre Einkäufe zu machen, und wo uns ganze Berge von geschnitztem, gedrechseltem, geflochtenem und verzahntem Holze entgegenschimmern: Fässer, Bottiche, Teereimer, Kannen mit und ohne Maul, Wannen, Körbe, Hechelbretter, durch welche die Frauen ihren Flachs und anderes Zeug ziehen, Kästchen aus dünnem, gebogenem Espenholz, Körbchen aus geflochtener Birkenrinde und noch vieles, vieles andere zum Bedarf des reichen und armen Russenlandes. Man hätte meinen sollen, wozu brauchte Pluschkin eine solche Unmenge verschiedenartigster Erzeugnisse? Selbst zwei so große Güter, wie das seine, hätten mehrere Menschenalter lang keine Verwendung für sie gefunden. Ihm aber war auch das noch nicht genug. Unzufrieden ging er alltäglich durch die Straßen seiner Dörfer und blickte unter Brücken und Stege und alles, was ihm in den Weg kam: eine alte Schuhsohle, irgend ein Fetzen eines alten Kleiderstücks, ein eiserner Nagel, eine Dachziegelscherbe — alles trug er mit sich fort und warf es auf jenen Haufen, den Tschitschikow in dem Winkel des Zimmers bemerkt hatte. „Da geht unser Fischer wieder auf die Jagd,“ pflegten die Bauern zu sagen, wenn sie ihn beutelüstern nach allen Seiten ausspähen sahen. Und in der Tat: die Straße brauchte man hinter ihm nicht mehr zu fegen; hatte ein vorüberfahrender Offizier einen seiner Sporen verloren — eh man sich’s versah, lag sie auf dem Haufen; hatte ein Weib in ihrer Blödigkeit einen Eimer am Brunnen stehen lassen, — flugs schleppte er auch schon den Eimer mit sich fort. Übrigens, wenn ein Bauer ihn dabei ertappte, dann widersetzte er sich nicht lange und lieferte den geraubten Gegenstand gutwillig wieder aus; aber lag dieser einmal im Haufen, dann war alles vorbei: er schwur und rief Gott zum Zeugen an, daß er das Ding dann und dann, und da und da gekauft, oder wohl gar von seinem Großvater geerbt habe. War er bei sich zu Hause, dann hob er alles auf, was auf dem Fußboden lag: ein Stückchen Siegellack, einen Papierfetzen, eine Feder, und legte alles auf das Schreibpult oder auf die Fensterbank.
Und doch gab es eine Zeit, wo er nur ein sparsamer Hausherr gewesen war! Auch er war einst ein braver Ehemann und Familienvater, und seine Nachbarn besuchten ihn, um bei ihm zu Mittag zu speisen, die Kunst des Haushalts und weise Sparsamkeit von ihm zu lernen. Damals floß das ganze Leben noch rasch und wohlgeordnet dahin: die Mühlen und Walzen klapperten lustig, die Tuchfabriken, die Drechselbänke und Webstühle arbeiteten unermüdlich; in alle Ecken und Winkel des geräumigen Landgutes drang das scharfblickende Auge des Herrn und glitt wie eine fleißige Spinne besorgt und geschäftig von einem Ende des Wirtschaftsnetzes zum andern. In seinem Antlitz spiegelten sich freilich niemals allzu starke Leidenschaften und Gefühle, aber aus seinem Auge blitzte ein heller Verstand, aus seinen Reden sprachen Erfahrung und Weltkenntnis, und seine Gäste hörten ihm gerne zu; die liebenswürdige redselige Hausfrau war berühmt wegen ihrer Gastfreundschaft; zwei liebliche Töchter begrüßten den Ankömmling, beide blond und frisch, wie junge Rosen, der Sohn, ein lebhafter, munterer Junge kam ihm entgegengesprungen, und küßte den Gast, ohne viel danach zu fragen ob es diesem angenehm war, oder nicht. Alle Fenster im Hause standen offen. Im Zwischenstock wohnte der französische Gouverneur, welcher stets gut rasiert war und für einen glänzenden Schützen galt: jeden Tag brachte er ein Birkhuhn oder ein paar Enten, oder zuweilen gar einige Sperlingseier zum Mittagessen mit, aus denen er sich einen Eierkuchen backen ließ, den außer ihm kein Mensch im ganzen Hause aß. Im selben Stock wohnte auch eine Landsmännin von ihm, die Gouvernante der beiden Mädchen. Der Hausherr selbst erschien immer in einem schwarzen Rock, der zwar schon ein wenig abgetragen, aber stets ordentlich und sauber war, zu Tische; die Ellenbogen waren noch nicht durchgerieben, und er war auch noch nicht geflickt. Aber die gute Hausfrau starb, und ein Teil der Schlüssel und der kleinen Sorgen fielen von nun ab ihm zu. Pluschkin wurde unruhig, geizig und argwöhnisch, wie alle Witwer. Auf seine älteste Tochter Alexandra Stepanowna wollte er sich nicht in allem verlassen, und darin hatte er recht, denn Alexandra Stepanowna lief bald darauf mit einem Stabsrittmeister irgend eines Kavallerieregiments davon und ließ sich in aller Eile in einer Dorfkirche mit ihm trauen, da sie wußte, daß der Vater die Offiziere nicht leiden konnte: er hatte nämlich das merkwürdige Vorurteil, sie seien alle Spieler und Verschwender. Der Vater sandte ihr seinen Fluch nach, aber es fiel ihm nicht ein, ihr nachzureisen und sie zurückzuholen. Das Haus wurde von nun ab noch leerer und öder. Der Geiz des Besitzers trat immer offener zutage; die ersten grauen Haare, die bei ihm aufblitzten, die treuen Begleiter der Habsucht, begünstigten noch ihre Entwickelung. Der französische Hauslehrer erhielt seinen Abschied, weil der Sohn in den Staatsdienst treten sollte; Madame wurde weggejagt, weil sie nicht ganz unbeteiligt an der Entführung Alexandra Stepanownas war. Der Sohn, den der Vater in die Provinzhauptstadt geschickt hatte, um ihn hier den Staatsdienst gründlich kennen lernen zu lassen — nämlich wie der Vater ihn verstand — trat in ein Regiment ein, und schrieb dem Vater einen Brief, in dem er ihn — bereits nachdem er Offizier geworden war — um Geld für die Uniformierung bat; natürlich erhielt er hierauf nur das, was man im Volke eine Nase zu nennen pflegt. Schließlich starb auch noch die letzte Tochter, die bei Pljuschkin im Hause lebte, und der Alte blieb mutterseelenallein auf dieser Welt zurück als Hüter, Wächter und alleiniger Besitzer all seiner Reichtümer. Das einsame Leben gab der Habsucht neue, reiche Nahrung, denn der Geiz hat bekanntlich einen rechten Wolfshunger und wird nur um so unersättlicher, je mehr er verschlingt: die menschlichen Regungen, die ja ohnedies nicht allzutief in ihm wurzelten, wurden beinahe stündlich leichter und flacher, und jeder Tag bröckelte von dieser verfallenen Ruine noch ein weiteres Stückchen ab. In solch einem Augenblicke geschah es, daß der Sohn, wie absichtlich, um die schlechte Meinung des Vaters vom Offiziersstand noch zu bestätigen, sein ganzes Vermögen im Kartenspiele verlor; da sandte ihm Pljuschkin seinen aufrichtigen väterlichen Fluch, und von da ab kümmerte er sich überhaupt nicht um ihn, und interessierte sich nicht mehr dafür, ob er noch auf der Welt sei oder nicht. Jedes Jahr wurde ein neues Fenster im Gutshause verschlossen oder zugenagelt, bis schließlich nur noch zwei übrig blieben, von denen eins, wie der Leser schon gehört hat, mit Papier verklebt wurde; jedes Jahr verlor er ein neues richtiges Stück von seinem Haushalt aus dem Auge, und sein enger Blick wandte sich immer mehr allerhand Zettelchen und Federchen zu, die er in seinem Zimmer vom Fußboden auflas; er wurde immer unzugänglicher und unnachgiebiger gegen die Käufer, welche angereist kamen, um ihm etwas von seinen landwirtschaftlichen Produkten abzukaufen; sie handelten und feilschten mit ihm, gaben ihn endlich ganz auf und erklärten, dies sei ein Teufel und kein Mensch; sein Heu und sein Korn verfaulten, seine Vorräte und Heuschober verwandelten sich in reinen Dünger, es fehlte bloß, daß man auf ihnen Kohl pflanzte; das Mehl in den Kellerräumen wurde hart wie Stein, so daß man es mit dem Hammer zerklopfen mußte; die Leinwand, die Wolle und die zu Hause gewebten Stoffe durfte man gar nicht berühren, wenn sie sich nicht in Staub auflösen sollten. Pljuschkin wußte selbst nicht mehr recht, was er alles besaß; das einzige, dessen er sich noch erinnerte, war: ein Regal im Schrank, — wo eine Karaffe mit irgend einem Likörrest stand, auf der er ein Zeichen eingeritzt hatte, damit sich nur niemand etwas vom Inhalt aneigne, — und ein Platz, wo eine Feder oder ein Stückchen Siegellack lag. Die Einkünfte aber liefen ein wie früher! Der Bauer mußte nach wie vor seinen Zins bezahlen, die Weiber hatten noch immer dieselbe Ration Nüsse abzuliefern, die Weberin war noch immer verpflichtet, eine bestimmte Menge ihres Ertrages an Gewebe dem Herrn abzugeben. Das wurde alles in den Vorratskammern aufgespeichert, wo es verfaulte und sich in Schutt verwandelte, und auch er wurde schließlich zu einem menschlichen Schutthaufen. Alexandra Stepanowna besuchte ihn ein paar Male mit ihrem kleinen Söhnchen, in der Hoffnung, etwas von ihm herauszubekommen; das Nomadenleben mit dem Stabsrittmeister war offenbar doch nicht so reizvoll, wie es ihr vor der Hochzeit erschienen war. Pljuschkin verzieh ihr und schenkte dem kleinen Enkel sogar einen Knopf zum Spielen, der gerade auf dem Tische lag, aber mit Geld wollte er nicht herausrücken. Ein andres Mal kam Alexandra Stepanowna mit zwei Kindern angefahren und brachte ihm einen Stollen zum Tee mit, sowie einen neuen Schlafrock, weil der Vater einen solchen Schlafrock trug, daß es nicht nur peinlich, sondern geradezu eine Schande war, ihn anzusehn. Pljuschkin liebkoste und streichelte beide Enkelkinder, setzte einen auf sein rechtes und den andern auf sein linkes Knie, und ließ sie auf- und niederhopsen, wie wenn sie auf einem Pferde säßen; den Stollen und den Schlafrock nahm er dankbar an, ohne jedoch der Tochter ein Gegengeschenk zu machen, so daß Alexandra Stepanowna unverrichteter Sache zurückkehren mußte.
So also war der Mann, der jetzt vor Tschitschikow stand! Man muß zugeben, daß solche Gestalten einem in Rußland nicht allzuoft begegnen, wo sich der Mensch eher auszubreiten und zu entfalten, als zusammenzuziehen und zu konzentrieren liebt, und eine solche Erscheinung setzt einen um so mehr in Erstaunen, als man gleich daneben in der nächsten Nachbarschaft einen Gutsbesitzer treffen kann, der sein Leben mit jenem breit ausladenden Elan genießt, und sein Hab und Gut mit jener vornehmen Großartigkeit bis auf den letzten Heller verschwendet, die den Russen nun einmal auszeichnen. Ein Reisender, der noch nicht viel von der Welt gesehen hat, würde beim Anblick eines solchen Herrensitzes stutzig werden und sich fragen, wie es nur möglich sei, daß ein so mächtiger Prinz mitten unter diese kleinen unscheinbaren Bauern geraten sei: schier wie Paläste ragen seine weißschimmernden steinernen Häuser, mit ihren zahlreichen Schornsteinen, Aussichtstürmen und Seitenflügeln, die von einer ganzen Schar von Nebengelassen und Wohnräumen für die Besucher und Gäste umgeben sind. Was gibt es da nicht alles! Theater, Bälle, Maskenfeste, die ganze Nacht hindurch liegt der feenhaft illuminierte Garten im bunten Laternenglanze da, und rauschende Musik erfüllt die Luft. Die halbe Provinz lustwandelt in reichem Festtagsputze unter den Bäumen, niemand merkt und empfindet etwas von der wilden drohenden Disharmonie dieser gewaltsamen Helligkeit, wenn aus dem Baumdickicht von falschem Lichte beleuchtet sich plötzlich ein Ast theatralisch hervorstreckt; kahl ragen seine des lichten Blätterschmucks beraubten Arme in die Lüfte, hoch oben über allem breitet sich noch ernster fast und dunkler und furchtbarer als sonst, der nächtliche Himmel, und tief hinein in ewige Finsternis flüchten die rauhen Wipfel der Bäume und grollen ob des Flitterglanzes, der ihre Wurzeln bestrahlt.
Schon mehrere Minuten stand Pljuschkin schweigend da, ohne ein Wort zu sagen; auch Tschitschikow wollte es nicht gelingen, ein Gespräch einzuleiten, da er durch den Anblick seines Wirtes und der ganzen seltsamen Umgebung immer wieder von seinem Vorhaben abgelenkt wurde. Es wollte ihm lange nichts einfallen, mit welchen Worten er seinen Besuch motivieren sollte. Es kam ihm schon der Gedanke, etwa folgendes zu sagen: da er von den Tugenden und den ausgezeichneten Charaktereigenschaften Pljuschkins gehört habe, habe er es für seine Pflicht gehalten, ihm persönlich einen Beweis seiner Achtung zu geben; aber er besann sich noch zur rechten Zeit und sagte sich, daß das denn doch zu weit gegangen wäre. Er warf noch einen verstohlenen Blick auf die ganze Zimmereinrichtung, und hatte die Empfindung, daß die Worte Tugend und seltene Charaktereigenschaften mit Erfolg durch die Worte Sparsamkeit und Ordnungsliebe ersetzt werden könnten; so verbesserte er denn seine Rede in dem angegebenen Sinne, und sagte: da er von der Sparsamkeit und der vortrefflichen Verwaltung der Pljuschkinschen Güter gehört habe, habe er es für seine Pflicht gehalten, ihn näher kennen zu lernen und ihm persönlich den Ausdruck seiner Hochachtung zu Füßen zu legen. Es wäre selbstverständlich möglich gewesen noch einen anderen besseren Grund anzuführen, aber es wollte ihm, wie gesagt, durchaus nichts Hübscheres einfallen.
Pljuschkin murmelte etwas, wobei er nur die Lippen bewegte, — denn er hatte keine Zähne mehr —; was er eigentlich sagen wollte, läßt sich nicht mit Bestimmtheit angeben, wahrscheinlich aber hatten seine Worte etwa folgenden Sinn: „Wenn du doch zum Teufel gingest, mit deiner Hochachtung!“ Aber da bei uns die Gastfreundschaft für eine der ersten Pflichten und Tugenden gehalten wird, sodaß selbst der Geizhals ihre Gesetze nicht ungestraft übertreten darf, so fügte er etwas deutlicher hinzu: „Bitte nehmen Sie gefälligst Platz!“
„Es ist schon sehr lange her, daß ich keine Gäste mehr empfangen habe,“ sagte er, „wenn ich offen sein soll, kommt auch wenig dabei heraus. Da haben die Leute die höchst überflüssige und unsinnige Mode eingeführt, sich gegenseitig Besuche zu machen — und dann wundert man sich noch, daß zu Hause alles drunter und drüber geht ... dazu muß man auch noch immer Heu für die Pferde bereit halten! Ich habe schon längst zu Mittag gespeist, meine Küche ist auch so niedrig und häßlich, und der Schornstein ist ganz eingefallen: ich darf den Herd gar nicht anheizen, damit es kein Schadenfeuer gibt.“
„Steht es so!“ dachte Tschitschikow, „gut, daß ich bei Sabakewitsch ein Stück Quarkkuchen und einen Happen Lammfilet gegessen habe!“
„Denken Sie bloß, was für ein Pech! Wenn ich nur einen Büschel Heu im Hause hätte!“ fuhr Pljuschkin fort. „Und in der Tat, woher soll man es bloß nehmen? Ich habe nur wenig Land, der Bauer ist faul, liebt nicht zu arbeiten und denkt nur immer an die Schenke ... man muß sich in acht nehmen, daß man auf seine alten Tage nicht noch betteln gehen muß!“
„Man hat mir aber doch gesagt,“ wandte hier Tschitschikow bescheiden ein, „daß Sie mehr als tausend Seelen haben!“
„Wer hat Ihnen das gesagt, Sie hätten dem Kerle ins Gesicht spucken sollen, der solche Gerüchte verbreitet, Väterchen! Das ist wohl ein Spaßvogel, der sich über Sie lustig machen wollte. Da sagt man: tausend Seelen, aber wenn man nachrechnet, dann bleibt nicht viel übrig! Im vergangenen Jahr sind mir durch das verdammte Fieber ein ganzes Schock Bauern weggestorben.“
„Wahrhaftig? Sind es wirklich so viele,“ rief Tschitschikow teilnehmend aus.
„O ja, sehr viele!“
„Und darf ich fragen, wie viele?“
„An die achtzig Mann!“
„In der Tat?“
„Ich lüge nicht, Väterchen!“
„Und darf ich mir noch eine Frage erlauben? Diese Zahl bezieht sich doch auf die ganze Zeit nach der letzten Revision?“
„Das wäre ja noch gut!“ sagte Pljuschkin, „so gerechnet sind es noch viel mehr: etwa hundert und zwanzig Seelen!“
„Wirklich? Ganze hundert und zwanzig?“ rief Tschitschikow aus und riß sogar den Mund vor Verwunderung auf.
„Ich bin schon zu alt, um noch zu lügen, Väterchen: ich bin schon über die sechzig hinaus!“ sprach Pljuschkin, der sich durch Tschitschikows beinahe freudigen Ausruf gekränkt zu fühlen schien. Tschitschikow sah ein, daß eine solche Kälte und Teilnahmslosigkeit gegen fremdes Leid in der Tat nicht schön sei, daher stieß er schnell noch einen Seufzer aus und äußerte sein Bedauern.
„Ihr Bedauern nützt mir leider nichts! Ich kann es doch nicht in den Beutel stecken!“ sagte Pljuschkin. „Sehen Sie, da wohnt neben mir ein Hauptmann. Weiß der Teufel, wie der hier hereingeschneit ist. Will ein Verwandter von mir sein: das geht immer Onkelchen hin, Onkelchen her, und dabei küßt er mir stets die Hand; wenn der anfängt einem seine Teilnahme zu äußern, dann erhebt er ein wahres Geheul, daß man sich rein die Ohren zuhalten möchte. Der Mann hat ein ganz blaurotes Gesicht, er liebt wohl die Branntweinflasche zu sehr. Wird sein Geld beim Regiment durchgebracht haben, oder irgend eine Schauspielerin hat es ihm aus der Tasche gelockt. Das wird der Grund sein, warum er so mitleidig ist!“
Tschitschikow versuchte ihm zu erklären, daß seine Teilnahme ganz anderer Art als die des Hauptmanns, und daß er bereit sei, sie nicht allein mit Worten sondern auch durch die Tat zu beweisen; er schob daher die Sache nicht länger auf und erklärte ohne alle Umschweife seine Bereitwilligkeit, die schwere Pflicht der Steuerzahlung für sämtliche Bauern, die durch einen so unglücklichen Zufall hinweggerafft worden wären, auf sich nehmen zu wollen. Dieses Angebot brachte Pljuschkin anscheinend völlig aus der Fassung. Seine Augen quollen hervor und starrten ihr Gegenüber lange Zeit unverwandt an. Endlich sagte er: „Waren Sie etwa beim Militär?“
„Nein!“ antwortete Tschitschikow schlau ausweichend, „ich war nur im Zivildienst tätig.“
„Im Zivildienst!“ wiederholte Pljuschkin und kaute dabei an seinen Lippen, wie wenn er einen Bissen im Munde hätte. „Ja, wie denn nur? Das wäre ja doch nur zu Ihrem eigenen Schaden.“
„Ihnen zu Gefallen würde ich selbst diesen Schaden auf mich nehmen.“
„Ach, Väterchen! Ach, du mein Wohltäter!“ rief Pljuschkin aus, ohne in seiner Freude zu merken, daß ihm ein Stückchen Schnupftabak wie dicker Kaffeesatz aus der Nase quoll, was keinen gerade malerischen Anblick bot, und daß die zurückgeschlagenen Schöße seines Schlafrockes die Unterkleidung sehen ließen, welche auch nicht appetitlich anzuschauen war. „Sie tun ein gutes Werk an einem armen Greise! O, du mein Gott, du mein Heiland!“ Mehr brachte Pljuschkin nicht heraus. Aber es verging keine Minute, als die Freude, die so plötzlich in den erstarrten Zügen aufgeleuchtet war, ebenso schnell wieder verlosch, ohne eine Spur zu hinterlassen, und sein Gesicht nahm wieder den alten besorgten Ausdruck an. Er wischte es sich sogar mit dem Taschentuch ab, ballte es zu einem Klumpen zusammen und rieb sich damit die Oberlippe.
„Wollen Sie denn wirklich — ich möchte Sie unter keinen Umständen erzürnen — mit Verlaub zu sagen, jedes Jahr diese Steuern bezahlen? Und soll ich oder die Krone das Geld erhalten?“
„Wissen Sie was? das machen wir einfach so: wir schließen einen Kaufkontrakt miteinander ab, als ob sie noch am Leben wären und Sie sie mir verkauft hätten.“
„Ja, einen Kaufkontrakt ...“ sagte Pljuschkin, wurde ein wenig nachdenklich und begann wieder an seinen Lippen zu kauen. „Sie sagen, einen Kaufkontrakt — das macht wieder neue Unkosten! Die Beamten beim Gericht sind so unverschämt! Früher waren sie schon mit einem halben Rubel in Kupfer und einem Sack Mehl dazu abzufinden. Jetzt aber verlangen sie gleich eine ganze Fuhre Gerste und noch einen roten Lappen als Zugabe. So geldgierig sind sie heutzutage. Ich begreife garnicht, daß das niemand an die Öffentlichkeit bringt. Wenn man ihnen doch wenigstens eine Moralpredigt halten wollte. Mit einem guten Wort kann man schließlich jeden breitschlagen. Man mag sagen, was man will: einer tüchtigen Moralpredigt widersteht niemand!“
„Na na, du würdest ihr gewiß widerstehen,“ dachte Tschitschikow; aber er fügte gleich darauf laut hinzu, daß er aus persönlicher Hochachtung für ihn bereit sei, auch die Kosten des Kaufvertrags auf sich zu nehmen.
Als Pljuschkin hörte, daß sein Gast sogar die Spesen des Kaufvertrages zu übernehmen gedenke, schloß er hieraus, daß er ein vollendeter Narr sein müsse, und sich bloß so anstelle, als ob er im Zivildienst gewesen sei, in Wahrheit aber bei irgend einem Regiment gedient und sich mit Schauspielerinnen herumgetrieben habe. Bei alledem vermochte er es jedoch nicht, seine Freude zu unterdrücken und überhäufte den Gast mit allerhand Segenswünschen für ihn selbst und seine Kinder, ohne sich übrigens erkundigt zu haben, ob er auch welche besitze. Dann trat er ans Fenster, trommelte mit den Fingern gegen die Glasscheibe und rief: „Heh! Proschka!“ Gleich darauf hörte man, wie jemand atemlos über den Flur rannte, sich dort geräuschvoll hin und her bewegte und mit den Stiefeln aufstampfte. Endlich tat sich die Türe auf und Proschka, ein dreizehnjähriger Junge, trat herein. Er hatte so weite Wasserstiefel an, daß er sie beinahe bei jedem Schritte verlor. Warum Proschka eigentlich so große Stiefel anhatte, soll der Leser sofort erfahren. Pljuschkin besaß für seine sämtlichen Dienstboten nur ein Paar Stiefel, die immer im Vorzimmer stehen mußten. Ein jeder, der in die herrschaftlichen Gemächer beordert wurde, mußte erst quer über den ganzen Hof einen Tanz ausführen, bis er den Flur erreicht hatte, wo er die Stiefel anzog, um in diesem Aufzuge ins Zimmer zu treten. Beim Verlassen des Zimmers entledigte er sich im Flure wiederum seiner Fußbekleidung und trat den Rückweg auf seinen höchsteigenen Sohlen an. Wenn jemand zur Herbstzeit und besonders des Morgens, wenn schon der erste Reif gefallen war, aus dem Fenster geblickt hätte, so hätte er sich des schönen Anblicks erfreuen können, was für prächtige Sprünge Pljuschkins Diener vollführten.
„Sehen Sie nun diese Visage, Väterchen,“ sagte Pljuschkin zu Tschitschikow, indem er mit dem Finger auf Proschka zeigte. „Der Kerl ist so dumm wie ein Holzklotz. Aber lassen Sie bloß etwas liegen, schwupp, hat er es schon weggegrapst. Na, was willst du hier, du Esel? Ja, was denn nur?“ Hier machte er eine kleine Pause, während der Proschka gleichfalls keinen Laut von sich gab. „Stell den Samowar auf! Hörst du? Hier hast du den Schlüssel! Gib ihn der Mawra und sag ihr, sie soll in die Speisekammer gehen. Da liegt auf dem Regal noch ein Zwieback von Ostern her, Alexandra Stepanowna hat ihn mir mitgebracht; den soll sie zum Tee servieren ... Wart, wo willst du hin, dummer Kerl? Bist du ein Schafskopf! Dir sitzt wohl der Teufel in den Fersen. Hör mich doch erst an! Der Zwieback ist oben nicht mehr ganz frisch. Sie soll ihn ein bissel mit dem Messer abschaben; aber daß sie mir die Krumen nicht wegwirft! Die müssen für die Hühner übrig bleiben. Und daß du mir nicht mit ins Speisezimmer gehst: sonst gibt’s was mit der Birkenrute, verstehst du? daß du Geschmack daran bekommst. Du hast ja jetzt schon so einen guten Appetit. Den wollen wir noch ordentlich vermehren. Geh mir nur ins Speisezimmer! Ich werde schon auf deine Schliche kommen, hier vom Fenster aus. Man kann den Kerlen in nichts trauen,“ fuhr er fort, indem er sich an Tschitschikow wandte, als Proschka mit seinen Siebenmeilenstiefeln bereits in der Türe verschwunden war. Hierbei warf er einen argwöhnischen Blick auf Tschitschikow. Dieser Zug einer geradezu unerhörten Großmut und Großherzigkeit kam ihm unwahrscheinlich und verdächtig vor, und er dachte sich: „Weiß der Teufel, vielleicht ist er auch nur so ein Prahlhans, wie alle diese Prasser und Verschwender! Lügt einem was vor, um ein Stündchen zu verplaudern und ein paar Tassen Tee zu trinken und macht dann, daß er fortkommt!“ Er sagte daher teils aus Vorsicht, teils um dem Gast ein wenig auf den Zahn zu fühlen, daß es nicht übel wäre, den Kaufvertrag so bald als möglich abzuschließen, denn der Mensch sei ein gar unzuverlässiges und gebrechliches Ding: heute rot, morgen tot.
Tschitschikow erklärte sich bereit, den Kontrakt auf Wunsch sofort zu unterschreiben und bat nur um ein Verzeichnis sämtlicher Bauern.
Dies beruhigte Pljuschkin. Man merkte es ihm an, daß er irgend einen Plan überdachte, und in der Tat zog er jetzt den Schlüsselbund hervor, näherte sich dem Schrank, öffnete ihn, suchte lange unter den Gläsern und Schalen herum und rief schließlich aus: „Jetzt kann ich ihn nicht finden; ich hatte da doch einen feinen Likör; wenn die Bande ihn nur nicht wieder ausgetrunken hat! Diese Leute sind die reinsten Banditen. Ah da ist er schon?“ Tschitschikow bemerkte in seinen Händen eine kleine Karaffe, die in einer Staubhülle steckte wie in einem Trikothemd. „Der stammt noch von meiner seligen Frau her,“ fuhr Pljuschkin fort, „die Schließerin, diese Spitzbübin hat ihn hier stehen lassen und sich überhaupt nicht mehr um ihn gekümmert, nicht einmal zugekorkt hat sie ihn, die Kanaille! Weiß Gott was für Würmer und Fliegen und sonstiger Plunder drin herum schwammen, aber ich habe alles herausgefischt, jetzt ist er wieder ganz rein, ich will Ihnen doch ein Gläschen einschenken.“
Aber Tschitschikow lehnte dies Anerbieten mit einigem Eifer ab und bemerkte, daß er schon gegessen und getrunken habe.
„Schon gegessen und getrunken!“ sagte Pljuschkin. „Freilich, freilich. Einen Mann von gutem Stande erkennt man doch auf den ersten Blick: er hat keinen Hunger und ist immer satt, so einen Schwindler kann man füttern, soviel man will .... Da ist z. B. der Hauptmann: wenn der angefahren kommt, dann heißt es gleich: ‚Onkelchen, haben Sie nicht etwas zu essen?‘ Dabei bin ich ebensowenig sein Onkel, wie er mein Großvater ist. Wahrscheinlich hat er selbst zu Hause nichts zu essen, darum treibt er sich überall herum! Sie brauchen also ein Verzeichnis von all diesen Faulenzern? Natürlich, Sie haben ganz recht! Ich habe sie alle miteinander, so gut es ging, auf einen besonderen Zettel geschrieben, um sie bei der nächsten Revision gleich streichen zu lassen.“ Pljuschkin setzte die Brille auf und begann in seinen Papieren herumzuwühlen. Dabei löste er die Schnur von so manchem Päckchen und warf die Papiere so durcheinander, daß eine Staubwolke dem Gaste in die Nase stieg, und dieser niesen mußte. Endlich zog er einen Zettel hervor, der beiderseits eng beschrieben war. Die Bauernnamen bedeckten ihn so dicht wie Fliegenschmutz. Da waren alle Kategorien vertreten, da gab es einen Paramonoff und Pimenow, einen Panteleimonow, ja es tauchte sogar ein gewisser Grigorij „Immerlangsamvoran“ aus der ganzen Menschenflut hervor. Im ganzen waren es etwas mehr als hundertundzwanzig. Tschitschikow lächelte unwillkürlich als er diese stattliche Zahl übersah. Er steckte den Zettel in die Tasche und erklärte Pljuschkin, er werde wohl zum Abschluß des Kaufes nach der Stadt fahren müssen.
„Nach der Stadt? Wie kann ich denn ...? Ich kann doch mein Haus nicht sich selbst überlassen! Meine Dienstboten sind lauter Diebe und Spitzbuben; die ziehen mich in einem Tage so aus, daß ich keinen Nagel mehr übrig behalte, an dem ich meinen Rock aufhängen könnte.“
„Haben Sie nicht wenigstens irgend einen Bekannten?“
„Wer sollte das sein? Meine Bekannten sind alle schon tot, oder wollen nichts mehr von mir wissen. Ach ja, doch, Väterchen! Wie denn nicht! Natürlich habe ich einen,“ rief er plötzlich aus. „Der Gerichtspräsident, das ist ja mein guter Freund! Der hat mich früher oft besucht; wie sollte ich den nicht kennen! Das ist ja mein Jugendfreund. Wie oft sind wir zusammen über so manchen Zaun geklettert. Keinen Bekannten? Ich sage Ihnen, das ist ein Bekannter! ... Ich könnte doch an ihn schreiben?“
„Aber natürlich.“
„Ein so guter Bekannter! Ein alter Schulkamerad!“
Und über das erstarrte Gesicht huschte plötzlich etwas wie ein warmer Strahl, ein schwacher Ausdruck oder doch wenigstens ein matter Abglanz eines Gefühls belebte die toten Züge; wie wenn auf der Oberfläche eines Gewässers ganz plötzlich und unerwartet ein Ertrinkender auftaucht und nun die am Ufer versammelte Menge in freudiges Jauchzen ausbricht; aber vergebens werfen die freudig erregten Schwestern und Brüder das rettende Seil aus und warten ungeduldig darauf, daß sich eine Schulter oder der vom Todeskampfe ermattete Arm aus den Fluten emporstrecke — er war zum letzten Mal emporgetaucht. Und stumm wird’s ringsumher, und schrecklicher noch, und öder erscheint jetzt die glatte ruhige Fläche des launischen Elementes. So wurde auch Pljuschkins Gesicht, nachdem der Schimmer eines Gefühls darüber hinweggeglitten war, fast noch kälter, gemeiner und gefühlloser.
„Auf dem Tisch lag doch ein Stückchen reines Papier,“ sagte er, „aber ich weiß nicht, wo es hingekommen ist: diese Taugenichtse von Dienstboten!“ — Und er guckte unter den Tisch und auf den Tisch, kramte überall herum und rief schließlich: „Mawra, he! Mawra!“ Auf sein Geschrei erschien ein Weib mit einem Teller in der Hand, auf dem der dem Leser schon bekannte Zwieback thronte. Jetzt entspann sich folgendes Gespräch zwischen beiden:
„Wo hast du das Papier gelassen, du Diebin?“
„Bei Gott, gnädiger Herr! Ich habe kein Papier gesehen, außer dem Stückchen, mit dem Sie das Spitzglas bedeckt haben.“
„Man sieht dir’s ja an den Augen an, daß du es stibitzt hast.“
„Wie käme ich dazu, es zu stibitzen? Ich wüßte doch nichts damit anzufangen. Ich kann ja nicht einmal lesen und schreiben.“
„Das lügst du, du hast es zum Küster hingetragen, das ist ein Tintenklexer, dem wirst du’s wohl gegeben haben.“
„Wenn der will, so kann er sich jederzeit Papier verschaffen. Der Küster hat Ihren Papierfetzen überhaupt nicht zu sehen bekommen!“
„Warte nur! Die Teufel werden dir beim jüngsten Gericht tüchtig zusetzen mit ihren eisernen Halseisen. Paß einmal auf, wie die dich plagen werden!“
„Wofür sollten sie mich denn quälen, wenn ich doch das Papierstückchen garnicht in der Hand gehabt habe. Sie können mir jede andere weibliche Schwäche vorwerfen, aber daß ich stehle, das hat mir noch niemand gesagt.“
„Du wirst schon sehen, wie die Teufel dir zusetzen werden! Das hast du dafür, daß du deinen Herrn beschwindelt hast, werden sie sagen und dich mit ihren glühenden Zangen zwacken!“
„Dann werd’ ich eben antworten: Ich bin unschuldig, bei Gott, ich bin unschuldig ... Aber da liegt es ja auf dem Tisch. Immer machen Sie einem unnütze Vorwürfe!“
Pljuschkin sah den Papierschnitzel in der Tat daliegen, hielt einen Augenblick inne, kaute an seinen Lippen und sagte: „Na was regst du dich denn gleich so auf? So ein Trotzkopf. Man sagt ihr ein Wort, und sie kommt einem gleich mit einem ganzen Dutzend. Geh’, bring mir etwas Feuer, damit ich den Brief versiegeln kann. Halt! du bringst mir womöglich noch eine Talgkerze; der Talg schmilzt so schnell, weg ist er, und man hat das Nachsehen! Bring mir lieber einen brennenden Kienspan!“
Mawra entfernte sich, Pljuschkin aber setzte sich in den Lehnstuhl, nahm die Feder in die Hand und drehte und wendete den Zettel noch lange in den Fingern hin und her; er überlegte wohl, ob er nicht noch die Hälfte davon abschneiden könne, aber schließlich sah er wohl ein, daß das nicht ging; er tauchte also die Feder ins Tintenfaß, das mit einer verschimmelten Flüssigkeit angefüllt war, in der eine Menge Fliegen herumschwammen, und begann zu schreiben; er setzte die Buchstaben, die große Ähnlichkeit mit Noten hatten, dicht nebeneinander, und mußte fortwährend den Lauf der Feder hemmen, die sich auf dem Papier in übermütigen Sprüngen erging. Ängstlich fügte er Zeile an Zeile mit dem lebhaften Bedauern, daß trotzdem noch immer etwas leerer Raum zwischen ihnen übrig blieb.
Und bis zu einer solchen Armseligkeit, Kleinlichkeit und Erbärmlichkeit konnte ein Mensch herabsinken? So furchtbar konnte er sich wandeln? Hat das überhaupt noch den Schein der Wahrheit? — Jawohl! — Es gibt überhaupt nichts Unwahrscheinliches. Alles kann mit dem Menschen geschehen! Ein feuriger Jüngling von heute würde vielleicht mit Entsetzen zurückprallen, wenn man ihm das Bild seines eigenen Greisenalters vorhielte. O, hütet sorgsam auf eurem Lebenswege, wenn ihr heraustretet aus euren milden zarten Jugendtagen in das ernste härtende Mannesalter — o, hütet sorgsam jede menschliche Regung, verschwendet, verliert sie nicht unbedacht unterwegs: ihr findet sie nie wieder! Furchtbar und grauenvoll ist das in der Ferne drohende Greisenalter, es liefert nichts wieder aus, es gibt uns nichts zurück. Das Grab selbst ist barmherziger; auf dem Leichenstein wird vielleicht die Inschrift stehen: „hier liegt ein Mensch begraben.“ Aber kein Schriftzeichen belebt die kalten gefühllosen Züge des menschlichen Alters.
„Haben Sie nicht vielleicht einen Freund,“ sagte Pljuschkin, während er den Brief zusammenfaltete, „der flüchtige Bauern brauchen könnte?“
„Haben Sie auch flüchtige?“ fragte Tschitschikow schnell, wie aus einem Traume erwachend.
„Das ist es ja gerade, daß ich welche habe. Mein Schwager hat schon Erkundigungen eingezogen, und sagt, er hätte gar keine Spur von ihnen entdecken können; aber er ist Soldat, der kann nur mit den Sporen klirren, wenn man sich dagegen beim Gericht darum bemühen wollte, so ....“
„Und wieviel werden’s wohl sein?“
„So an die siebzig Mann, mindestens.“
„Wahrhaftig?“
„Bei Gott! Es vergeht kein Jahr, ohne daß mir ein paar davonlaufen. Die Leute sind heutzutage alle so unmäßig; tun den ganzen Tag nichts und wollen nur immer fressen, und ich habe doch selbst nichts zu essen ... Wahrhaftig ich würde sie fast umsonst hergeben. Nicht wahr, Sie sagens doch Ihrem Freunde: wenn er auch nur ein Dutzend wiederbekommt, hat er ein hübsches Sümmchen verdient. Eine eingetragene Seele ist doch an die fünfhundert Rubel wert.“
„Die soll der Freund nicht einmal zu riechen bekommen!“ dachte Tschitschikow, und erklärte, daß er leider keinen solchen Freund besäße, und daß allein die Kosten dieses Verfahrens mehr betragen würden; die Gerichte hält man sich am liebsten ganz vom Leibe, denn da muß man ja selbst noch die Rockschöße hingeben. Aber wenn Pljuschkin sich wirklich in einer so bedrängten Lage befände, dann sei er, Tschitschikow, aus Sympathie für ihn bereit, eine kleine Summe zu bezahlen ... Aber das sei, wie gesagt, eine solche Kleinigkeit, die nicht einmal der Rede wert sei.
„Und wieviel würden Sie geben?“ fragte Pljuschkin, der vor Habgier bebte, und seine Hände zitterten wie Espenlaub.
„Ich könnte fünfundzwanzig Kopeken pro Stück anlegen.“
„Und zahlen Sie bar?“
„Ja, Sie können das Geld gleich bekommen.“
„Hören Sie Väterchen, Sie wissen doch, wie arm ich bin, Sie könnten mir wirklich vierzig Kopeken geben.“
„Verehrtester, ich würde Ihnen gerne nicht nur vierzig Kopeken, sondern selbst fünfhundert Rubel pro Kopf bezahlen! Mit dem größten Vergnügen, denn ich sehe, daß ein hochachtbarer, edler Geist infolge seiner Gutmütigkeit Not leidet.“
„Ja, nicht wahr! Bei Gott!“ sagte Pljuschkin, ließ den Kopf hängen und schüttelte ihn heftig. „Das macht alles die Gutmütigkeit.“
„Nun sehen Sie, ich habe Ihren Charakter sofort erkannt. Warum sollte ich nicht fünfhundert Rubel pro Mann geben? Aber ich bin eben auch nicht vermögend; fünf Kopeken will ich meinetwegen noch zulegen, dann kostet jede Seele rund dreißig Kopeken.“
„Legen Sie noch zwei Kopeken zu, Väterchen!“
„Also gut, meinetwegen noch zwei Kopeken! Wieviel Seelen waren es doch, sagten Sie nicht siebzig?“
„Nein, es sind sogar achtundsiebzig.“
„Achtundsiebzig, achtundsiebzig zu dreißig Kopeken, das macht ...“ hier dachte unser Held eine Sekunde und nicht einen Augenblick länger nach und sagte, „das macht vierundzwanzig Rubel sechsundneunzig Kopeken!“ Er war sehr stark in der Arithmetik. Dann ließ er Pljuschkin die Quittung schreiben und händigte ihm das Geld aus, welches jener mit beiden Händen ergriff und mit ängstlicher Vorsicht nach dem Schreibpulte trug, als hielte er in seinen Händen eine Flüssigkeit, die er jeden Augenblick zu verschütten fürchtete. Als er vor dem Pulte stand, betrachtete er die Banknoten noch einmal genau und legte sie ebenso vorsichtig in eines der Schubfächer, wo das Geld wahrscheinlich begraben blieb, bis Pater Karp und Pater Polikarp, die zwei Priester des Dorfes, ihn selbst zur ewigen Ruhe bestatteten: zur unbeschreiblichen Freude seiner Tochter und des Schwiegersohnes — und vielleicht auch des Hauptmanns, der durchaus mit ihm verwandt sein wollte. Nachdem Pljuschkin das Geld eingeschlossen hatte, ließ er sich auf dem Lehnstuhle nieder, ohne, wie es schien, einen neuen Gesprächsstoff finden zu können.
„Wie, Sie wollen schon fahren,“ sagte er, als er Tschitschikow, der im Begriff war, sein Taschentuch herauszuholen, eine kleine Bewegung machen sah. Diese Frage erinnerte jenen daran, daß es in der Tat zwecklos sei, sich hier noch länger aufzuhalten. „Ja, es ist Zeit!“ sprach er und griff nach dem Hute.
„Nein, ich danke! Ich spreche lieber bei anderer Gelegenheit einmal zum Tee vor.“
„Ja, wie denn nur? Ich habe doch die Teemaschine aufsetzen lassen! Wenn ich ehrlich sein soll, ich mache mir auch nichts aus Tee: es ist ein teures Getränk, und dann sind auch die Zuckerpreise so unerhört gestiegen. Proschka! Wir brauchen die Teemaschine nicht mehr. Und den Zwieback bringst du der Mawra! Hörst du? Sie soll ihn wieder auf den alten Platz legen; oder nein, gib ihn lieber her, ich will ihn schon selbst hintragen. Leben Sie wohl, Väterchen; Gott segne Sie! Und den Brief geben Sie dem Gerichtspräsidenten, nicht wahr? Er soll ihn lesen! Er ist doch ein alter Freund von mir. Ja, ja, ein Jugendgespiele.“
Hierauf begleitete ihn diese seltsame Gestalt, dieser merkwürdig eingeschrumpfte alte Mann in den Hof hinab. Nachdem Tschitschikow davongefahren war, ließ Pljuschkin das Tor sofort schließen. Dann schritt er durch alle Vorratskammern und Speicher, um sich zu überzeugen, ob auch alle Wächter an ihrem Platze seien, die an jeder Ecke standen und mit Holzschaufeln auf ein leeres Faß statt auf eine Blechtrommel schlugen; er warf auch einen Blick in die Küche, sah dort nach, ob auch das Essen für die Dienstboten gut und schmackhaft zubereitet sei, was für ihn jedoch nur ein Vorwand war, sich selbst gründlichst an Brei und Kohlsuppe satt zu essen. Nachdem er schließlich noch alle bis auf den letzten wegen ihrer schlechten Aufführung tüchtig gescholten und ihnen Diebstahl vorgeworfen hatte, kehrte er in sein Zimmer zurück. Als er allein war, kam ihm einen Augenblick sogar die Idee, sich dem Gast gegenüber für dessen beispiellosen Edelmut erkenntlich zu erweisen: „Ich will ihm die Taschenuhr zum Geschenk machen,“ dachte er — „es ist doch eine schöne silberne Uhr, und nicht etwa von Tomback oder Bronze; sie ist freilich etwas verdorben, aber er kann sie ja reparieren lassen; er ist noch ein junger Mann, und braucht eine Taschenuhr, wenn er bei seiner Braut Eindruck machen will. Oder nein!“ — fuhr er nach einigem Nachdenken fort: „ich will sie ihm lieber vermachen; er soll sie erst nach meinem Tode erhalten, damit er sich später noch meiner erinnert.“
Aber unser Held war auch ohne Uhr in höchst vergnügter Stimmung. Eine so unerwartete Akquisition war eine wahre Gottesgabe. In der Tat, dagegen ließ sich nichts einwenden: nicht nur ein Paar Schock tote Seelen, sondern auch noch einige Dutzend flüchtige dazu: zusammen etwa zweihundert Stück! Er hatte ja freilich schon so eine Ahnung gehabt, als er sich Pljuschkins Landgute näherte, daß es hier was zu verdienen geben würde, aber auf ein so gutes Geschäft hatte er nicht gerechnet. Den ganzen Weg über war er außergewöhnlich lustig, pfiff und sang vor sich hin, indem er sich die Faust vor den Mund hielt und hineinblies wie in eine Trompete. Zuletzt stimmte er sogar ein Lied an, welches so seltsam und sonderbar klang, daß selbst Seliphan verwundert aufhorchte, den Kopf schüttelte und sagte: „Sieh mal an, wie mein Herr singen kann!“ Es war schon ganz dunkel, als sie sich der Stadt näherten. Licht und Finsternis gingen vollkommen ineinander über, und alle Gegenstände schienen zusammenzufließen. Der gestreifte Schlagbaum hatte eine ganz unbestimmte undefinierbare Farbe angenommen; dem Posten vor der Stadt schien der Schnurrbart hoch über den Augenbrauen zu sitzen, und seine Nase schien überhaupt nicht mehr vorhanden zu sein. Das Gerassel der Räder und die Luftsprünge, die die Equipage machte, ließen erkennen, daß man sich bereits wieder auf der gepflasterten Straße befand. Die Laternen waren noch nicht angezündet, hie und da blitzte in den Fenstern der Häuser ein Licht auf, und in den Winkeln und Gassen spielten sich die bekannten Vorgänge ab; man hörte es munkeln und flüstern, was um die nächtlichen Stunden in Städten stets zu geschehen pflegt, wo es viele Soldaten, Kutscher, Arbeiter und jene besondere Menschengattung gibt, eine Art von Damen mit roten Shawls, in Schuhen und ohne Strümpfe, die an den Straßenkreuzungen herumschwirren wie die Fledermäuse. Aber Tschitschikow bemerkte sie nicht, ebensowenig wie die schlanken Beamten, die mit Spazierstöckchen in der Hand wohl von einer Promenade außerhalb der Stadt zurückkehrten. Hie und da drangen Rufe an sein Ohr, die von weiblichen Stimmen herzurühren schienen: „Das lügst du, du bist wohl besoffen; ich hätte ihm nie eine solche Frechheit erlaubt!“ oder „du suchst wieder Händel du Grobian, komm mal mit auf die Polizei, da will ich dir’s schon zeigen.“ Mit einem Wort, all jene Reden, die wie ein Dampfbad auf einen phantasiereichen zwanzigjährigen Jüngling wirken, wenn er aus dem Theater zurückkehrend eine spanische Gasse, eine dunkle Mondnacht und ein herrliches Frauenbild mit einer Gitarre in seinem Kopfe trägt. Welch wundersame Träume, welche tollen Phantasien wirbeln in seinem Hirne durcheinander. Er glaubt im siebenten Himmel zu schweben, und stattet sogar dem Dichter Schiller einen Besuch ab — da schlagen plötzlich jene verhängnisvollen Worte wie ein Donnerschlag neben ihm ein, er fühlt sich wieder auf die Erde zurückversetzt, ja sogar auf den „Heumarkt“ in die nächste Nähe einer Schenke, und aufs neue verschlingt ihn des Werktages altersgraue Öde.
Endlich machte der Wagen noch einen kräftigen Satz und tauchte wie in einem Erdloch im Tore unter. Tschitschikow wurde von Petruschka empfangen, welcher, einen seiner Rockschöße in der einen Hand haltend — denn er liebte es nicht, daß die Schöße sich entzweiten — mit der anderen seinem Herrn aus dem Wagen half. Auch der Kellner kam mit einer Kerze, die Serviette über die Schulter geworfen, angelaufen. Es läßt sich nicht sagen, ob Petruschka über die Ankunft seines Herrn sehr erfreut war, jedenfalls zwinkerten Seliphan und er sich verständnisinnig mit dem Auge zu, und sein sonst so strenges Gesicht schien sich ein wenig zu erhellen.
„Sie haben aber eine lange Spazierfahrt zu machen geruht,“ sagte der Kellner, indem er ihm auf der Treppe voranleuchtete.
„Ja,“ sagte Tschitschikow und stieg die Stufen empor. „Und wie gehts bei euch?“
„Gottlob!“ antwortete der Kellner mit einer Verbeugung. „Gestern ist ein Offizier angekommen. Er wohnt auf Nummer sechzehn.“
„Ein Leutnant?“
„Ich weiß nicht. Er kommt aus Rjasan und hat braune Pferde.“
„Schön, schön! Benimm dich auch fernerhin gut!“ sagte Tschitschikow und trat in sein Zimmer. Während er durch den Flur schritt, rümpfte er die Nase und sprach zu Petruschka gewandt: „Du hättest auch die Fenster aufmachen können.“
„Ich habe sie ja aufgemacht,“ entgegnete Petruschka; aber er log. Uebrigens wußte sein Herr selbst, daß es eine Lüge war. Doch er wollte nicht widersprechen. Nach der langen Fahrt bemächtigte sich eine starke Ermattung aller seiner Glieder. Er bestellte sich eine ganz leichte Abendplatte, die nur aus einem Stück Spanferkel bestand, entkleidete sich sofort, kroch unter die Decke und versank sogleich in einen tiefen, festen Schlaf, in jenen wundersamen Schlaf, den nur die Glückspilze kennen, welche nichts ahnen: weder von Hämorrhoiden, noch von Flöhen, noch von einer allzu regen Geistestätigkeit.
Glücklich der Reisende, der nach einer weiten, langweiligen Fahrt mit ihrer Kälte, ihrem Schmutz und Kot, ihren verschlafenen Posthaltern, ihrem Schellengeklingel, ihren Reparaturen, ihrem Herumgezanke, ihren Postknechten, Schmieden und ähnlichen Vagabunden, endlich das traute Dach mit dem immer heller werdenden Lichterglanz erblickt — schon taucht vor seinem geistigen Auge sein liebes Heim mit den bekannten Zimmern auf, schon hört er die jubelnden Rufe der ihm entgegeneilenden Hausgenossen, die freudige Aufregung und das Gelärm der Kinder, stille sanfte Worte unterbrochen von glühenden Zärtlichkeiten, die die Kraft haben, alles vergangene Leid aus dem Gedächtnis zu tilgen. Glücklich der Familienvater, dem ein solches Heim beschieden ward; aber wehe dem Hagestolzen! Glücklich der Schriftsteller, der an den langweiligen, widerwärtigen, durch ihre traurige Blöße erschreckenden Gestalten der Wirklichkeit flüchtig vorüber eilend sich Charakteren nähert, welche des Menschen hohe Würde verkörpern und erscheinen lassen, der aus dem großen Wirbel ewig wechselnder Formen sich nur die wenigen Ausnahmen erkiest, der auch nicht einmal dem heiligen Schwunge seiner Leier untreu ward, der nie von seiner eigenen Höhe zu seinen armseligen, schwachen Brüdern herab stieg und, ohne das Irdische zu berühren, sich selig stürzte in den erdentrückten Chor erhabener Gestalten. Doppelt beneidenswert ist sein herrliches Los, er wandelt unter ihnen wie im trauten Kreise der Familie; indes schallt weit und laut sein Ruhm durch alle Lande. Mit Weihrauchwolken hat er die Augen der Menschen umhüllt, mit Zauberworten nahm er schmeichelnd ihren Geist gefangen, verbergend vor ihnen des Lebens rauhe Wirklichkeit und ihnen den schönen Menschen weisend. Händeklatschend folgt alles seiner Spur und umschwärmt jauchzend seinen Wagen. Einen großen Weltendichter nennt man ihn, der im hohen Raume schwebt ob allen andern Genien dieser Welt, wie der Aar über allem hochfliegenden Getier. Sein Name schon weckt heilige Schauer in jungen glühenden Herzen, Tränen der Sympathie erglänzen in jedem Auge ... An Macht kommt ihm kein Wesen gleich — er ist ein Gott! Wie ganz anders ist das Los des Schriftstellers, der sich erkühnte, all das ans Licht zu ziehen, was jederzeit vor jedem Auge liegt und doch dem gleichgültigen Blicke entgeht: den grauenvollen Schlamm des Nichtigen, der unser Leben umstrickt, die ganze abgründige Tiefe jener kalten zerklüfteten Alltagscharaktere, die unsern dornigen, oft öden Erdenweg bevölkern, und mit dem kräftigen Schlag des unerbittlichen Meißels es wagte, sie klar und plastisch dem Blick der Menschen preiszugeben! Er erntet nicht des Volkes lauten Beifall, kein Dank strahlt ihm aus den Tränen und der einmütigen Begeisterung tieferregter Seelen, die sein Wort tief im Innersten aufwühlte; ihm fliegt keine sechzehnjährige Jungfrau entzückten Sinnes voll heroischer Leidenschaft entgegen; er kann sich nicht berauschen am süßen Klang der Töne, die er der eigenen Leier entlockte, und nicht wird er dem Gerichte des Tages entgehen, dem heuchlerisch gefühllosen Richterspruch des Augenblicks, der die am eignen warmen Busen genährten Geschöpfe armselig, gemein und nichtig nennen, ihm einen elenden Winkel anweisen wird inmitten jener Schriftsteller, die die Menschheit schänden, ihm die Charakterzüge seiner eigenen Helden beilegen und ihm Herz und Seele und den göttlichen Funken des Talentes rauben wird; denn das Gericht des Tages erkennt nicht an, daß gleich bewundernswürdig jene Gläser sind, in denen sich die Sternenheere spiegeln und jene, durch die man die zarten Bewegungen unsichtbarer Lebewesen wahrnehmen kann, denn das Gericht des Tages erkennt nicht an, daß hohes begeistertes Lachen sich wohl messen kann mit hohem lyrischen Schwunge, und daß ein Abgrund gähnt zwischen jenem und den unwürdigen Fratzen des Jahrmarktgauklers. Das Gericht des Tages versteht dies nicht und verwandelt alles in Schimpf und Vorwurf für den verachteten Dichter: ohne Mitleid, ohne Antwort, ohne Teilnahme wie ein heimatloser Wanderer steht er allein auf öder Straße. Schwer und hart ist sein Beruf und bitter fühlt er seine Einsamkeit.
Und lange noch ist mir’s von der geheimnisvollen Schicksalsmacht beschieden, den Weg fortzuwandeln Hand in Hand mit meinem Helden, das ganze gewaltig treibende Leben zu überschauen, durch das aller Welt sichtbare Lachen und die keinem bekannten unsichtbaren Tränen. Und noch fern ist die Zeit, wo ein andrer Springquell hoher Begeisterung wie ein Wirbelsturm aus dem von heiligem Schauer erschütterten flammenden Haupte aufsteigen, und wo verzagt die Menge dem majestätischen Donner anderer Reden lauschen wird ...
Vorwärts! Vorwärts! fort mit der finsteren Miene, fort mit der grämlichen Runzel, die deine Stirne furcht. Laßt uns geschwind wieder untertauchen in das Leben mit all seinem tonlosen Gelärm und Schellengeklingel: laßt uns zusehen was Tschitschikow macht.
Tschitschikow war soeben aufgewacht, er dehnte und streckte sich, denn er hatte das behagliche Gefühl, sich gut ausgeschlafen zu haben. Nachdem er noch ein paar Minuten ruhig auf dem Rücken gelegen hatte, schnalzte er mit den Fingern, und sein Gesicht verklärte sich bei dem Gedanken, daß er jetzt nahezu vierhundert Seelen besaß. Dann sprang er aus dem Bett, betrachtete sich nicht einmal im Spiegel, und warf keinen Blick auf sein Gesicht, das er aufrichtig liebte, und an dem ihm das Kinn ganz besonders gefiel, denn er pries es bei jeder Gelegenheit vor seinen Freunden, ganz besonders während des Rasierens. „Sieh mal,“ pflegte er dann gewöhnlich zu sagen, „was ich für ein schönes rundes Kinn habe.“ Und dabei streichelte er es mit der Hand. Heute aber warf er keinen einzigen Blick weder auf sein Kinn noch auf sein Antlitz, sondern zog sich sogleich seine Saffianstiefel mit dem gestickten Blumenbesatz an, mit denen die Stadt Torshok einen so schwunghaften Handel treibt, welcher in unserer russischen Bequemlichkeit eine so reiche Nahrung findet. Hierauf machte Tschitschikow in einem kurzen schottischen Hemdchen zwei kühne Luftsprünge, wobei er sich nicht ohne Geschicklichkeit eins mit dem Hacken auswischte. Und dann ging er sofort ans Werk: er rieb sich vor der Schatulle ebenso vergnügt die Hände wie ein unbestechlicher Kreisrichter, der hinausfuhr, um eine Untersuchung vorzunehmen und nun vor das Anrichtetischchen tritt, beugte sich über das Kästchen und holte ein Päckchen Papier hervor. Er wollte die Sache so schnell als möglich erledigen, um sie nicht auf die lange Bank zu schieben. Daher ging er rasch entschlossen an die Aufsetzung des Kaufkontraktes und kopierte ihn dann eigenhändig, um sich die Unkosten für den Notar zu sparen. Auf die Formalitäten verstand er sich vortrefflich; zuerst malte er mit schwungvollen, großen Buchstaben die Jahreszahl achtzehnhundert und so und so viel hin; hierauf schrieb er mit kleinen Buchstaben darunter: Gutsbesitzer Soundso und was noch sonst drum und dran hängt. In zwei Stunden war alles fix und fertig. Als er danach auf diese Blätter hinblickte, auf die Namen der Bauern, welche tatsächlich einmal gelebt, gearbeitet, geackert, getrunken, Kutscherdienste geleistet, ihre Herren betrogen hatten oder vielleicht einfach brave Bauern gewesen waren, da beschlich ihn ein wundersames, unheimliches Gefühl. Jeder Zettel schien seinen eigenen Charakter zu besitzen, und das schien den Bauern selbst eine eigentümliche Wesensart zu verleihen. Die Bauern, welche Karobotschka gehört hatten, trugen alle irgend einen Spitznamen als Anhängsel. Pljuschkins Liste zeichnete sich durch Kürze und Gedrängtheit des Stiles aus: oft standen nur die Anfangssilben der Vor- und Beinamen da, worauf ein paar Punkte folgten. Sabakewitschs Register setzte durch seine außerordentliche Ausführlichkeit und Vollständigkeit in Erstaunen; da gab es keine noch so geringe Eigentümlichkeit, die nicht sorgfältig gebucht war: von einem hieß es: „Ein guter Tischler,“ von einem andern: „Er versteht seine Sache und säuft nicht.“ Ebenso sorgfältig waren die Eltern eines jeden aufgezählt und ihr Charakter wie ihr Benehmen genau beschrieben. Nur von einem gewissen Fedotow stand vermerkt: „Der Vater ist unbekannt, die Mutter ist eine meiner Dienstmägde, namens Kapitolina, die jedoch einen guten Charakter hat und nicht stiehlt.“ All diese Einzelheiten verliehen dem Ganzen eine gewisse Frische. Man gewann den Eindruck, als hätten die Bauern gestern noch gelebt. Tschitschikow überlas die Namen noch einmal genau und sorgfältig. Eine seltsame Rührung erfaßte ihn, er seufzte und sprach leise vor sich hin: „Herrgott welche Menge da dichtgedrängt beieinander steht! Was mögt ihr wohl alles getrieben haben, euer Leben lang, ihr Lieben? Wie mögt ihr euch durchgeschlagen haben?“ Und seine Augen hefteten sich auf eine Stelle, wie unwillkürlich angezogen von einem Namen. Dies war der bekannte Peter Saweljewitsch, der Trogverächter, welcher einst der Gutsbesitzerin Karobotschka gehört hatte. Und abermals konnte er den Ausruf nicht unterdrücken: „Herrjeh, ist der aber lang, der nimmt ja die ganze Zeile ein! Was magst du wohl gewesen sein: ein Meister deines Handwerks, oder ein schlichter Bauer, und wie hat der Tod dich ereilt? War’s in der Schenke, oder hat dich gar auf breiter Straße eine plumpe Fuhre überfahren, du Schlafmütze? — Stepan Probka, der Tischler, ein braver nüchterner Mann. — Sieh da bist du ja, mein Stepan Probka, du großer Held, der du für die Garde geboren warst! Hast wohl manch weites Stück Weges durchwandert, die Axt am Gürtel und die Stiefel über die Schulter geworfen, für einen Groschen Brod verzehrt und für zwei Groschen gedörrten Fisch und du brachtest dann wohl jedes Mal einen Hunderter in deinem Beutel mit oder nähtest dir gar einen Tausender in deine Nangkinghose ein oder stecktest ihn dir in den Stiefel. Wo holte dich der Tod? Bist du vielleicht nur um des gemeinen Mammons willen bis auf die Kirchenkuppel hinaufgestiegen oder gar bis aufs Kreuz emporgeklettert und von dem Gerüst herabgestürzt zu Füßen irgend eines Onkel Michei, der sich nur den Kopf kratzte und mitleidig murmelte: ‚Ach Wanja, was ist nur in dich gefahren!‘ um sich sogleich den Strick um den Leib zu binden und ruhig an deiner Stelle hinaufzuklettern. — Maxim Telhatnikow, der Schuster. Der Schuster? He? ‚Besoffen wie ein Schuster‘, sagt ein Sprichwort. Ich kenn’ dich, kenne dich, mein Liebling; willst du’s, so erzähle ich dir deine ganze Lebensgeschichte. Du kamst zu einem Deutschen in die Lehre, der euch allesamt fütterte, für eure Nachlässigkeit mit dem Riemen züchtigte und nie auf die Straße ließ, damit ihr keine Streiche macht. Du warst ein wahres Weltwunder und kein Schuster, und der Deutsche konnte dein Lob nicht hell genug singen, wenn er mit seiner Frau oder seinem Kameraden über dich sprach. Und als deine Lehrzeit aus war, da sprachst du zu dir selbst: ‚Jetzt will ich mir ein eigenes Häuschen kaufen, aber ich will’s nicht machen wie der Deutsche, der einen Groschen zum andern legt, ich will mit einem Schlage ein reicher Mann werden!‘ Und du zahltest deinem Herrn einen reichen Erbzins, schafftest dir einen Laden an, besorgtest dir einen Haufen Aufträge und legtest los. Dann triebst du irgendwo zum Drittel des Preises ein Stück halbverfaulten Leders auf und verkauftest jeden Stiefel mit doppeltem Gewinn, aber deine Schuhe platzten schon nach zwei Wochen und deine Kunden schimpften dich kräftig aus, wie du’s verdientest. So kam es, daß es in deinem Laden leer ward, du fingst an zu trinken, dich auf der Straße herumzutreiben und sprachst: ‚Ist das eine schlimme Welt! Wir Russen können rein verhungern: und an alledem ist niemand schuld als der Deutsche!‘ — Und was ist das für ein Mann: Jelisawetus Sperling? Verdammt noch einmal: das ist ja ein Weibsbild! Wie ist die hierhergekommen? Der Sabakewitsch, der Schurke hat sie mit hineingeschmuggelt!“ Tschitschikow hatte ganz recht: dies war wirklich eine Frau. Wie sie in diese Gesellschaft gekommen war, das wußte Gott allein; aber ihr Name war so geschickt und kunstvoll hingemalt, daß man sie von ferne wirklich für ein Mannsbild halten konnte, ja der Vorname hatte sogar die männliche Endung und lautete: Jelisawetus, statt Jelisaweta. Allein Tschitschikow nahm keine Rücksicht darauf und strich sie einfach aus der Liste. — „Und du Grigorij Immerlangsamvoran! Was warst du wohl für ein Mensch? Warst du ein Postknecht, der sich ein Dreigespann samt einem gedeckten Wagen anschaffte, und dem eignen Heim, dem trauten Winkel für immer Valet sagte, um sich mit den Kaufleuten auf den Jahrmärkten herumzuplagen? Gabst du unterwegs deinen Geist auf, brachten dich deine eigenen Freunde wegen eines dicken rotbackigen Soldatenweibes um, oder fand irgend ein Wegelagerer Gefallen an deinen ledernen Fausthandschuhen und dem Dreigespann deiner kleinen aber kräftigen Pferde, oder fiel’s dir vielleicht ein, derweil du auf deinem Lager lagst und vor dich hingrübeltest, plötzlich ohne jeden Grund und Anlaß in die Schenke hineinzuspazieren und von dort geradewegs in ein Eisloch, so daß keine Menschenseele weiß, wo du verschwunden bist? Oh du mein russisches Volk! Du liebst es nicht, eines natürlichen Todes zu sterben! — Und ihr meine Lieblinge,“ fuhr er fort, indem er einen Blick auf die Liste warf, auf der Pljuschkins flüchtige Seelen verzeichnet standen: „ihr freut euch zwar noch eures Lebens, aber was für einen Wert habt ihr? Ihr seid so gut wie tot. Und wohin tragen euch wohl jetzt eure schnellen Füße! Hattet ihr’s wirklich gar so schlecht bei dem Pljuschkin, oder machte es euch bloß Spaß im Walde herumzustreichen und die Reisenden auszuplündern? Sitzt ihr vielleicht im Gefängnis oder habt ihr euch einen anderen Herrn gesucht, dessen Felder ihr nun pflügt? Jeremej Leichtfuß, Nikita Renner, Anton Renner, dessen Sohn, euch merkt man’s schon an euren Namen an, daß ihr gute Läufer seid; Popor, der Knecht ... War wohl ein gelehrter Mann, der sich auf’s Lesen und Schreiben verstand! der hat sicher kein Messer in die Hand genommen und sich ein hübsches Vermögen zusammengestohlen. Paß auf! paßloses Individuum, du fällst noch einmal dem Polizeihauptmann in die Hände. Zwar stellst du mutig deinen Mann: ‚Wer ist dein Herr?‘ fragt dich der Hauptmann und begleitet, da sich eine so gute Gelegenheit dazu bietet, seine Worte mit einem kräftigen Fluch: — ‚Gutsbesitzer Soundso,‘ antwortest du keck. ‚Und wie kommst du hierher?‘ fragt dich der Hauptmann. ‚Ich bin gegen Bezahlung des Erbzinses freigelassen,‘ erwiderst du ohne Zaudern. ‚Wo ist dein Paß?‘ ‚Bei meinem Herrn, dem Kleinbürger Pimenow.‘ Pimenow wird gerufen. ‚Bist du Pimenow?‘ ‚Jawohl.‘ ‚Hat er dir seinen Paß gegeben?‘ ‚Nein, er hat mir keinen Paß gegeben.‘ ‚Du lügst also?‘ sagt der Polizeihauptmann und läßt wieder ein kräftiges Wort folgen. ‚Zu Befehl,‘ antwortest du frech: ‚ich gab ihm den Paß nicht, weil ich sehr spät nach Hause kam, ich habe ihn dem Glöckner zur Aufbewahrung gegeben.‘ — ‚Der Glöckner soll herkommen! Hat er dir seinen Paß gegeben.‘ — ‚Nein, ich habe keinen Paß von ihm bekommen.‘ ‚Warum lügst du schon wieder!‘ fragt der Polizeihauptmann aufs neue und flicht zur Bestätigung abermals ein kräftiges Wörtlein ein. ‚Wo ist denn dein Paß?‘ ‚Ich weiß genau, daß ich ihn bei mir hatte,‘ antwortest du sicher, ‚wahrscheinlich werde ich ihn wohl unterwegs irgendwo verloren haben.‘ — ‚Und warum hast du dem Soldaten den Mantel und dem Pfarrer einen Kasten mit Kupfermünzen gestohlen?‘ sagt der Polizeihauptmann, indem er zur Bekräftigung wiederum ein kerniges Wörtlein anfügt. ‚Wahrhaftig nicht,‘ sagst du ohne mit der Wimper zu zucken, ‚beim Stehlen hat mich noch keiner ertappt.‘ ‚Und wie kommt es, daß man den Mantel bei dir gefunden hat?‘ ‚Ich weiß nicht, wahrscheinlich hat ihn ein anderer bei mir liegen lassen!‘ — ‚O, du Hallunke, du Bestie!‘ sagt der Polizeihauptmann kopfschüttelnd, und stemmt die Hände in die Seiten. ‚Legt ihm Fußschellen an und führt ihn ins Gefängnis.‘ — ‚Zu Befehl, ich habe nichts dagegen,‘ antwortet du. Und du ziehst deine Tabaksdose aus der Tasche, reichst sie gutmütig den zwei Invaliden, die dir die Fußschellen angelegt haben und fragt sie aus, ob es schon lange her ist, daß sie beim Militär waren und an welchem Kriege sie teilgenommen haben. Und dann wanderst du ins Gefängnis und bleibst ruhig drin sitzen, während das Gericht deine Sache prüft. Schließlich fällt es seinen Spruch, und du wirst aus Zarewo-Kokschaisk nach dem ***er Gefängnis transportiert. Das dortige Gericht läßt dich nach Wessjegonsk oder sonst wohin weiterbefördern usw.; so wandert du aus einem Gefängnis ins andre und sprichst jedesmal, wenn du dein neues Heim erblickst: ‚Nein das Wessjegonskische Gefängnis ist doch netter, da ist doch mehr Platz, da kann man auch einmal das Knöchelspiel spielen, und da gibt’s auch mehr Gesellschaft.‘ — Abakum Fyrow? Na und du mein Bester? Wo, in welcher Gegend treibst du dich herum? Lebst du vielleicht irgendwo an der Wolga und bist ein Fährmann geworden, weil du ein freies Leben liebst? ...“ Hier hielt Tschitschikow inne und wurde ein wenig nachdenklich. Worüber sann er wohl nach? Dachte er an das Schicksal Abakum Fyrows, oder war es jene natürliche, fast selbstverständliche Nachdenklichkeit, die jeden Russen in jedem Lebensalter überfällt, welchem Stande und Berufe er auch angehören mag, wenn er an die Lust eines freien ungebundenen Lebens denkt? „In der Tat wo war jetzt Fyrow? Wahrscheinlich spazierte er laut und fröhlich am Landungsplatze herum, sich heiter unter die Kaufleute mischend. Mit Blumen und Bändern an den Hüten plaudert und lärmt der ganze Troß der Bootsführer, welche sich von ihren schlanken, hohen Frauen und Schätzen verabschieden, die Perlenbänder um den Hals und bunte Schleifen im Haar tragen; es schwingt sich der Reigen, helle Lieder ertönen aus fröhlichen Kehlen, der ganze Landungsplatz wogt auf und nieder, während die Last- und Gepäckträger unter Lärmen, Gezänk und ermunternden Zurufen sich mit einem Haken neun Pud schwere Ballen auf den Rücken laden, Weizen und Erbsen geräuschvoll in geräumige Schiffe schütten und Säcke mit Hafer und Buchweizen fortschleppen; weithin blinken die gewaltigen Haufen gleich einer Pyramide von Kanonenkugeln aufeinander getürmter Säcke und Ballen, die den ganzen Platz bedecken, und machtvoll ragt dieses ganze Getreidearsenal empor, bis es in all’ die geräumigen Barken und Fahrzeuge verladen ist, und diese endlose Flotte zugleich mit dem Frühjahrseise den Fluß hinabschwimmt. Da gibt’s Arbeit für euch in Hülle und Fülle, ihr Schiffer, und vereint, so wie ihr einst munter geschwärmt und über alle Stränge geschlagen, geht ihr nun ans Werk und zieht im Schweiße eures Angesichts an dem Strange, unter Liedern und Gesängen, die so unendlich sind, wie die russische Heimat selbst!