„Herrjeh! Schon zwölf Uhr!“ rief Tschitschikow plötzlich aus, indem er auf die Uhr blickte. „Was säume ich bloß so lange? Wenn ich noch etwas Vernünftiges getan hätte, aber da rede ich erst allerhand albernes Zeug und versinke dann noch in törichte Träumereien! Ich bin doch ein rechter Narr! Wahrhaftig!“ Mit diesen Worten vertauschte er sein schottisches Kostüm mit einem europäischen, zog seine Hosenschnalle etwas fester an, um sein kräftiges Bäuchlein nicht so hervortreten zu lassen, besprengte sich mit Eau de Cologne, nahm seinen warmen Hut in die Hand und die Aktenmappe unter den Arm und begab sich nach dem Zivilgericht, um die Kaufkontrakte perfekt zu machen. Dabei beeilte er sich sehr, nicht weil er sich zu verspäten fürchtete — davor brauchte er keine Angst zu haben, denn der Präsident war sein guter Bekannter und konnte auf Wunsch die Sitzung ausdehnen oder aufheben, ganz wie der alte Zeus Homers, der die Tage verlängerte und frühe Nächte herabsandte, wenn er den Streit seiner geliebten Helden unterbrechen oder ihnen ein Mittel an die Hand geben wollte, um ihn auszutragen; aber Tschitschikow hatte selbst den lebhaften Wunsch, die Sache so schnell als möglich zum Abschluß zu bringen; solange dies nicht geschehen war, fühlte er sich unruhig und unbehaglich: denn er konnte den Gedanken nicht ganz los werden, daß es sich hier doch eigentlich nicht um richtige Seelen handele und daß es in solchen Fällen besser sei, eine solche Last möglichst schnell abzuwerfen. Unter solchen Gedanken hüllte er sich in einen warmen Pelz von braunem Tuch, der mit Bärenfell gefüttert war, und kaum war er auf die Straße getreten, als er an der Ecke der Gasse mit einem Herrn zusammenstieß, der gleichfalls einen mit Bärenpelz gefütterten Überwurf um die Schultern geschlagen hatte und eine Pelzkappe mit Ohrenklappen auf dem Kopfe trug. Der Herr stieß einen Freudenschrei aus — es war Manilow. Beide schlossen einander in die Arme und verharrten etwa fünf Minuten lang in dieser Stellung. Dabei waren die Küsse, die sie austauschten, so kräftig und inbrünstig, daß ihnen beiden nachher den ganzen Tag über die Vorderzähne schmerzten. Von Manilows Gesicht blieben vor Freude nichts wie die Nase und die Lippen übrig, seine Augen waren überhaupt nicht mehr zu sehen. Etwa fünfzehn Minuten lang hielt er Tschitschikows Hand in seinen beiden Händen, bis sie ganz warm wurde. In der feinsten und liebenswürdigsten Weise erzählte er ihm, wie er herbeigeflogen wäre, um Pawel Iwanowitsch in seine Arme zu schließen, und er schloß seine Rede mit einem Kompliment, wie man es höchstens einem jungen Mädchen zu sagen pflegt, das man zum Tanze auffordert. Tschitschikow hatte kaum seinen Mund geöffnet, ohne noch recht zu wissen, wie er ihm danken sollte, als Manilow einen zusammengerollten Bogen Papier, der mit einem roten Bändchen zusammengebunden war, aus seinem Pelze hervorholte.
„Was ist das?“
„Das sind die Bauern.“
„Ah!“ — Er rollte den Bogen sogleich auf, überflog ihn schnell mit den Augen und war erstaunt über die Schönheit und Sauberkeit der Handschrift. „Ist das aber schön geschrieben!“ sagte er, „man braucht es gar nicht erst abschreiben zu lassen. Dazu noch der Rand rund herum! Wer hat denn diese wundervolle Einfassung gezeichnet!“
„Ach fragen Sie lieber gar nicht,“ sagte Manilow.
„Sie?“
„Meine Frau!“
„O mein Gott! Es tut mir wirklich leid, daß ich Ihnen soviel Mühe gemacht habe!“
„Für Pawel Iwanowitsch ist uns keine Mühe zu groß!“
Tschitschikow verbeugte sich dankend. Als Manilow erfuhr, daß er nach der Zivilkammer ging, um den Kaufkontrakt abzuschließen, erklärte Manilow sich bereit, ihn dorthin zu begleiten. Die Freunde faßten sich unter und gingen zusammen weiter. Bei jeder kleinen Erhöhung, bei jedem Hügel, oder jeder Stufe stützte Manilow Tschitschikow mit der Hand und hob ihn beinahe in die Höhe, wobei er angenehm lächelte und hinzufügte, er werde es nie zugeben, daß Pawel Iwanowitsch sich weh tue. Tschitschikow wurde verlegen, da er nicht wußte, wie er sich erkenntlich erweisen solle, denn er fühlte, daß er nicht ganz leicht war. So halfen sie sich gegenseitig, bis sie endlich auf dem Platze anlangten, wo das Gerichtsgebäude lag — ein großes dreistöckiges Haus, das so weiß war, wie ein Stück Kreide, wahrscheinlich, um die Seelenreinheit der in ihm tätigen Beamten zu symbolisieren. Die andern Häuser, die sich noch sonst auf dem Platze befanden, konnten sich an Größe nicht im geringsten mit dem steinernen Amtsgebäude messen. Dies waren: ein Wächterhäuschen, vor dem ein Soldat mit einer Flinte stand, zwei bis drei Standplätze für Mietskutschen, und endlich gab es noch hie und da einen von jenen langen Bretterzäunen, mit den bekannten Aufschriften und Zeichnungen, die mit Kohle oder Kreide hingemalt waren. Sonst war nichts auf diesem einsamen, oder wie man sich bei uns zu Lande auszudrücken pflegt, schönen Platze zu sehen. Aus den Fenstern des zweiten oder dritten Stockes guckten ein paar unbestechliche Häupter der Themispriester heraus, um im selben Augenblick wieder zu verschwinden: wahrscheinlich weil der Kanzlei-Chef gerade ins Zimmer trat. Die beiden Freunde traten nicht ein, sondern liefen eilig die Treppe hinauf, weil Tschitschikow seine Schritte beschleunigte, da er nicht wollte, daß Manilow ihn mit der Hand unterstützen solle, dieser aber lief seinerseits wieder voraus, weil er Tschitschikow nicht müde werden lassen wollte, und so kam es, daß beide ganz atemlos waren, als sie den dunkelen Korridor betraten. Weder der Korridor noch die Säle fielen ihnen durch ihre Reinlichkeit besonders auf. Damals kümmerte man sich noch recht wenig darum, und was einmal schmutzig war, blieb schmutzig und nahm niemals ein freundlicheres und angenehmeres Äußeres an. Themis empfing ihre Gäste ganz so wie sie war, im Negligé und im Schlafrock. Eigentlich sollten wir auch noch die Kanzleiräume beschreiben, durch die unsere Helden hindurchschritten, aber der Autor hat eine große Ehrfurcht vor allen Amtsgebäuden. Selbst wenn er Gelegenheit hatte, sie in der Periode ihres höchsten Glanzes, in einem gleichsam veredelten und verschönten Zustande kennen zu lernen und zu durchwandeln, das heißt, wenn die Dielen frisch gewichst und die Tische neu lackiert waren, lief er eilig, mit demütig gesenktem Blicke hindurch, daher hat er auch keine Ahnung davon, wie wohl sich dort alles fühlt und wie dort alles blüht und gedeiht. Unsere Helden sahen gewaltige Mengen Papier, reines und vollgeschriebenes, über den Tisch gebeugte Köpfe, breite Nacken, Fräcke und Röcke von kleinstädtischem Schnitt, oder sogar eine ganz gewöhnliche hellgraue Jacke, die recht stark von den andern abstach und deren Besitzer den Kopf auf die Schulter gebeugt, sodaß er fast auf dem Papier lag, mit schwungvollen Lettern ein Protokoll niederschrieb; wahrscheinlich handelte es von einem Gut, welches sein friedlicher Besitzer, irgend ein Gutsherr, der ein Menschenalter lang darum prozessiert und im ruhigen Genuß seines Eigentums Kinder und Enkel gezeugt, nun verloren hatte, oder das ihm irgendwo konfisziert worden war. Hie und da hörte man ein paar Worte oder kurze Sätze, die von einer heiseren Stimme gesprochen wurden: „Fedossej Iwanowitsch, reichen Sie mir doch die Akten Nr. 368! Immer werfen Sie den Deckel von dem Tintenfaß weg; er gehört doch dem Staat!“ Dazwischen hörte man eine majestätische Stimme, die ohne Zweifel einem Kanzleichef angehörte, gebieterisch rufen: „Da, schreib das ab, sonst laß ich dir die Schuhe ausziehen und dich einsperren, daß du mir sechs Tage lang nichts zu essen kriegst!“ Das Geräusch vom Federgekritzel war sehr stark und erinnerte an den Lärm, den ein paar Fuhren mit Reisig verursachen, wenn sie durch einen Wald fahren, dessen Wege einen Fuß hoch mit dürren Blättern bedeckt sind.
Tschitschikow und Manilow traten an den ersten Tisch, an dem zwei jüngere Beamten saßen, und fragten diese: „Bitte! Können Sie uns sagen, wo hier die Abteilung für Kaufverträge ist?“
„Was wollen Sie?“ sagten die beiden Beamten zugleich, indem sie sich umwandten.
„Ich habe ein Gesuch einzureichen!“
„Haben Sie etwas gekauft?“
„Ich möchte zuvor wissen, wo die Abteilung für Kaufverträge ist? Hier oder anderswo?“
„Sagen Sie uns doch, was Sie gekauft haben, und zu welchem Preise, dann werden wir Ihnen sagen, wohin Sie sich wenden müssen. So geht es doch nicht!“
Tschitschikow merkte sogleich, daß die Beamten einfach neugierig waren, wie alle jungen Beamten, und sich und ihrer Stellung mehr Gewicht und Bedeutung geben wollten.
„Hören Sie, meine verehrten Herren,“ sagte er, „ich weiß sehr gut, daß alle Angelegenheiten, die sich auf Kaufverträge beziehen, in ein und dasselbe Ressort gehören, ich bitte Sie daher, mir den Ort zu nennen, wohin ich mich zu wenden habe; wenn Sie nicht wissen, was in diesen Räumen vorgeht, dann müssen wir uns eben bei jemand anders erkundigen!“ Hierauf antworteten die Beamten gar nicht mehr, der eine zeigte bloß mit einem Finger auf eine Zimmerecke, wo ein alter Herr saß, der damit beschäftigt war, Akten zu numerieren. Tschitschikow und Manilow schritten zwischen den Tischen hindurch gerade auf ihn los. Der Alte war ganz in seine Tätigkeit versunken.
„Darf ich fragen,“ sagte Tschitschikow mit einer Verbeugung, „ob dies die Abteilung für Kaufverträge ist?“
Der Alte sah auf und sagte gedehnt: „Nein, hier ist keine Abteilung für Kaufverträge.“
„Wo denn?“
„Die ist in der Kontraktabteilung.“
„Und wo ist die Kontraktabteilung?“
„Bei Iwan Antonowitsch.“
„Und wo ist Iwan Antonowitsch?“
Der Alte zeigte mit dem Finger auf eine andere Zimmerecke, worauf Tschitschikow und Manilow sich zu Iwan Antonowitsch begaben. Iwan Antonowitsch hatte schon mit einem Auge nach ihnen hingeschielt und sie von der Seite angesehen, aber er beugte sich sogleich wieder über sein Papier und schrieb eifrig weiter.
„Darf ich fragen, ob dies die Abteilung für Kaufverträge ist,“ sagte Tschitschikow mit einer Verbeugung.
Iwan Antonowitsch schien ihn nicht gehört zu haben, denn er war ganz in seine Akten vertieft und antwortete nichts. Man sah sofort, daß dies ein Mann von reiferen Jahren war und kein junger Schwätzer und Springinsfeld. Anscheinend war Iwan Antonowitsch ein hoher Vierziger; er hatte dichtes, schwarzes Haar, die ganze mittlere Partie seines Gesichts trat stark hervor und schien sich gewissermaßen in der Nase konzentriert zu haben; mit einem Wort, es war eins von jenen Gesichtern, die man bei uns gewöhnlich als „Kannenschnauze“ zu bezeichnen pflegt.
„Darf ich fragen, wo hier die Abteilung für Kaufverträge ist?“ wiederholte Tschitschikow.
„Hier,“ sagte Iwan Antonowitsch, indem er seinen Rüssel ein wenig empor hob und sogleich wieder zu schreiben begann.
„Ich komme in folgender Angelegenheit: ich habe bei einigen Gutsbesitzern dieser Provinz Bauern gekauft, die ich zu Ansiedlungszwecken benutzen will; ich habe den Kontrakt mitgebracht, er muß bloß noch unterschrieben werden.“
„Und sind die Verkäufer zugegen?“
„Einige sind da, und von den anderen habe ich Vollmachten.“
„Haben Sie das Gesuch mitgebracht?“
„Jawohl, ich habe es hier! Ich möchte gern ... Ich habe große Eile ... Könnte ich die Sache nicht schon heute erledigen?“
„Hm! Heute! Nein heute geht es nicht,“ sagte Iwan Antonowitsch. „Man muß noch Erkundigungen einziehen, ob sie nicht verpfändet sind.“
„Übrigens ist Iwan Grigorowitsch, der Präsident, ein guter Freund von mir; da ließe sich ja etwas zur Beschleunigung der Sache tun.“
„Es handelt sich hier doch nicht bloß um Iwan Grigorowitsch; es sind doch noch andere da,“ sagte Iwan Antonowitsch mürrisch.
Tschitschikow merkte jetzt, wo der Hase im Pfeffer lag und sagte: „Die anderen sollen schon nicht zu kurz kommen. Ich habe selbst gedient und kenne den Instanzenweg.“
„Gehen Sie also zu Iwan Grigorowitsch,“ sagte Iwan Antonowitsch etwas besänftigt. „Er mag an passender Stelle seine Order geben. An uns soll es nicht liegen.“
Tschitschikow nahm einen Schein aus der Tasche und legte ihn vor Iwan Antonowitsch hin. Dieser nahm gar keine Notiz von ihm und deckte ihn sofort mit einem Buche zu. Tschitschikow wollte ihn darauf aufmerksam machen, aber Iwan Antonowitsch gab ihm durch eine Kopfbewegung zu verstehen, daß er das nicht wünsche!
„Der da wird Euch in die Kanzlei führen!“ sagte Iwan Antonowitsch, indem er mit dem Kopfe nickte. Und einer von den anwesenden Hohenpriestern, welcher Themis mit solchem Eifer opferte, daß seine beiden Ärmel an den Ellenbogen geplatzt waren und das Futter aus den Löchern hervorquoll, wofür er seinerzeit den Rang eines Kollegienregistrators erhalten hatte, übernahm die Führerrolle bei unseren Freunden, wie einst Vergil bei Dante, und geleitete sie in die Kanzlei, in der lauter breite Lehnstühle standen, auf deren einem vor einem Spiegeltisch und zwei dicken Büchern der Präsident gleich dem Sonnengott thronte. Hier fühlte sich der neue Vergil von einer solchen Ehrfurcht beseelt, daß er sich durchaus nicht entschließen konnte, seinen Fuß über die Schwelle zu setzen. Er kehrte daher um, indem er den Freunden seinen Rücken zuwandte, welcher abgerieben war wie eine Bastmatte, und an dem eine Hühnerfeder klebte. Als sie ins Zimmer traten, bemerkten sie, daß der Präsident nicht allein war, neben ihm saß Sabakewitsch, der ganz von dem Spiegel verdeckt wurde. Die Ankunft der Gäste entlockte den Anwesenden ein paar freudige Rufe, und der Präsidentensessel wurde geräuschvoll beiseite geschoben. Auch Sabakewitsch erhob sich und stand nun mit seinen langen Ärmeln von allen Seiten sichtbar da. Der Präsident umarmte Tschitschikow, und das Amtszimmer hallte wieder von den Küssen der Freunde. Man erkundigte sich gegenseitig nach dem Wohlergehen, und hierbei stellte sich heraus, daß beide an Hexenschuß litten, was man flugs der sitzenden Lebensweise aufs Konto setzte. Wie es schien war der Präsident von Sabakewitsch schon über das Kaufgeschäft unterrichtet; denn er gratulierte Tschitschikow aufs herzlichste, was unsern Helden zunächst ein wenig in Verlegenheit setzte, besonders jetzt, wo Sabakewitsch und Manilow, die beiden Verkäufer, mit denen er doch im geheimen, unter vier Augen verhandelt hatte, sich nun Aug in Auge gegenüberstanden. Er bedankte sich indessen beim Präsidenten und sagte dann, indem er sich zu Sabakewitsch wandte:
„Und wie befinden Sie sich?“
„Gott sei Dank, ich kann nicht klagen,“ sagte Sabakewitsch, und in der Tat, er hatte wirklich keinen Grund zur Klage, eher hätte sich ein Stück Eisen erkälten und den Husten bekommen können, als dieser wunderbar gebaute Gutsbesitzer.
„Ja, Sie durften sich immer einer guten Gesundheit rühmen,“ sagte der Präsident. „Ihr seliger Herr Vater war auch so stark wie Sie.“
„Ja, der ging auch allein auf die Bärenjagd!“ antwortete Sabakewitsch.
„Mir scheint, Sie würden es auch fertig bringen, einen Bären umzuschmeißen, wenn Sie allein mit ihm in den Kampf gerieten,“ meinte der Präsident.
„Nein, das bringe ich doch nicht fertig,“ antwortete Sabakewitsch. „Mein seliger alter Herr war doch kräftiger als ich,“ und er fuhr seufzend fort: „Nein, heutzutage gibt’s keine solchen Menschen mehr. Nehmen Sie z. B. gleich mein Leben. Was ist das für ein Leben, nur so, so, lala ...“
„Und warum ist Ihr Leben nicht schön?“ fragte der Präsident.
„Nein, schön kann man es wirklich nicht nennen,“ sagte Sabakewitsch kopfschüttelnd. „Denken Sie doch selbst, Iwan Grigorjewitsch, ich bin schon in den Fünfzigern und bin noch nie krank gewesen; wenn ich auch nur ein einziges Mal Halsschmerzen, ein Geschwür, oder einen Furunkel gehabt hätte .... Das nimmt sicher kein gutes Ende! Das wird sich noch einmal rächen ...“ Bei diesen Worten wurde Sabakewitsch sehr melancholisch.
„Daß dich der ...!“ dachten fast gleichzeitig Tschitschikow und der Präsident: „Worüber der nicht zu klagen hat!“
„Ich habe auch einen Brief für Sie,“ sagte Tschitschikow, während er Pljuschkins Schreiben aus der Tasche zog.
„Von wem?“ fragte der Präsident. Er nahm den Brief in Empfang, entsiegelte ihn und rief erstaunt aus: „Von Pljuschkin! Existiert der auch noch auf dieser Welt? Das ist auch ein Leben! Was war das doch für ein kluger und wohlhabender Mann! Und nun ...“
„Ein Schweinehund!“ sagte Sabakewitsch. „So ein Schuft, der läßt all seine Leute verhungern!“
„Gern, mit Vergnügen!“ rief der Präsident, nachdem er den Brief gelesen hatte, „ich will ihn gerne vertreten! Wann wünschen Sie den Kauf abzuschließen? Jetzt gleich oder etwas später?“
„Gleich!“ versetzte Tschitschikow: „Ich möchte Sie sogar bitten, dafür zu sorgen, daß es gleich heute geschieht. Ich möchte nämlich schon morgen wieder weiterreisen, den Kontrakt und das Gesuch habe ich gleich mitgebracht!“
„Das ist alles sehr schön und gut, aber Sie werden schon verzeihen: so früh können wir Sie unmöglich fortlassen. Die Kontrakte sollen noch heute unterschrieben werden, aber Sie werden sich schon entschließen müssen, noch ein paar Tage mit uns zu verleben. Ich will sogleich Order erteilen,“ fuhr er fort, indem er die Tür der Kanzlei öffnete, welche ganz voll von Beamten war, die wie ein Bienenschwarm ihre Zellen umschwärmten, wenn nur ein Vergleich der Akten mit Bienenzellen zulässig ist: „Ist Iwan Antonowitsch hier?“
„Ja! Hier!“ antwortete eine Stimme aus dem Innern des Zimmers.
„Er soll herkommen!“
Iwan Antonowitsch, die Kannenschnauze, deren Bekanntschaft der Leser schon gemacht hat, erschien im Amtszimmer und machte eine devote Verbeugung.
„Bitte, Iwan Antonowitsch, nehmen Sie doch alle diese Kaufverträge und ...“
„Iwan Grigorjewitsch!“ fiel hier Sabakewitsch ein, „bitte vergessen Sie nicht, daß wir auch noch Zeugen brauchen, wenigstens zwei Mann von jeder Partei. Schicken Sie doch gleich zum Staatsanwalt, er hat nicht viel zu tun und sitzt sicher zu Hause: Solotucha, der Anwalt, besorgt all seine Arbeiten; einen größeren Räuber wie den gibt’s auf der Welt nicht wieder! Der Sanitätsinspektor ist auch nicht sehr beschäftigt, und ist wahrscheinlich auch zu Hause, wenn er nicht bei einem Bekannten sitzt und Karten spielt; ach, und dann gibt’s ja noch eine ganze Reihe von Leuten, die hier in der Nähe wohnen: Truchatschewski, Bjeguschkin — lauter Leute, die der lieben Erde durch ihren Müßiggang zur Last fallen!“
„Richtig! Sehr richtig!“ sprach der Präsident, und schickte sofort einen Kanzleibeamten fort, um sie holen zu lassen.
„Ich habe noch eine Bitte,“ sagte Tschitschikow: „Schicken Sie doch bitte noch nach dem Vertrauensmann einer Gutsbesitzerin, mit der ich auch ein kleines Geschäft abgeschlossen habe — es ist der Sohn des Oberpriesters Pater Cyrill; er dient bei Ihnen.“
„Mit Vergnügen, ich will ihn gleich holen lassen!“ sprach der Präsident: „es wird alles besorgt, ich bitte Sie nur eins, geben Sie den Beamten nichts. Meine Freunde brauchen nicht zu zahlen.“ Hierauf gab er Iwan Antonowitsch noch einen Auftrag, der diesem recht wenig zu gefallen schien. Die Verträge schienen einen vortrefflichen Eindruck auf den Präsidenten gemacht zu haben, besonders als er sah, daß die Kaufsumme nahezu hunderttausend Rubel betrug. Er sah Tschitschikow einige Minuten lang in die Augen und sagte schließlich: „Sehen Sie wohl, Pawel Iwanowitsch. Sie haben also eine Akquisition gemacht!“
„Sehr richtig!“ antwortete Tschitschikow.
„Daran haben Sie wohl getan. Wahrhaftig! Daran haben Sie sehr wohl getan!“
„Ja, jetzt sehe ich selbst, daß ich nichts Besseres tun konnte. Mag es sein, wie es will, der Lebenszweck des Menschen ist noch nicht endgültig fixiert, solange er nicht festen Fuß auf dauerndem Grunde gefaßt hat, und noch irgend einem chimärischen Jugendideal der Freidenker nachjagt.“ Bei dieser Gelegenheit verfehlte er nicht ein paar tadelnde Worte über die jungen Leute und ihren Liberalismus zu sagen, und das von Rechts wegen. Aber, was sehr merkwürdig war, es lag in seinen Worten noch immer eine gewisse Unsicherheit, wie wenn er gleich darauf zu sich sagen wollte: ‚Ach was? Bester, du schwindelst, und nicht zu knapp!‘ Ja, er wagte es nicht einmal, Sabakewitsch und Manilow anzusehen, weil er sich fürchtete, einem unliebsamen Ausdruck in ihren Gesichtern zu begegnen. Aber seine Sorge war unnütz; in Sabakewitschs Gesicht regte und rührte sich nichts, Manilow aber war ganz hingerissen von der schönen Rede, schüttelte bloß den Kopf vor Vergnügen, und geriet dabei in eine solche seelische Verzücktheit, wie sie sich wohl eines Musikkenners zu bemächtigen pflegt, wenn die Sängerin noch die Violine überbietet und einen so feinen hohen Ton in die Luft schmettert, wie ihn selbst eine Vogelkehle nicht herauszubringen vermag.
„Warum sagen Sie denn Iwan Grigorjewitsch nicht, was Sie eigentlich gekauft haben?“ bemerkte Sabakewitsch. „Und Sie, Iwan Grigorjewitsch? Fragen Sie denn garnicht, was für einen Kauf er gemacht hat? Wüßten Sie nur, was für prächtige Leute das sind! Gold ist nichts dagegen! Ich habe ihm doch auch den Wagenmacher Michejew verkauft.“
„Wahrhaftig? Nein?“ versetzte der Präsident. „Ich kenne den Michejew; der Mann ist ein Meister in seinem Fach; er hat mir einmal eine Droschke repariert. Aber erlauben Sie mal ... Wie ist denn das? ... Haben Sie mir denn nicht gesagt, daß er gestorben ist? ...“
„Wer? Michejew tot?“ fragte Sabakewitsch, der auch nicht einen Augenblick die Fassung verlor. „Sie meinen wohl seinen Bruder, der ist allerdings tot; dieser hier ist so gesund, wie ein Fisch im Wasser; der fühlt sich noch wohler als früher. Vor kurzem hat er mir noch eine solche Kutsche gebaut, wie Sie sie nicht einmal in Moskau bekommen. Der sollte eigentlich zum Hoflieferanten des Kaisers ernannt werden.“
„Ja, Michejew ist ein Meister,“ versetzte der Präsident, „ich wundere mich eigentlich, daß Sie sich so leicht von ihm trennen konnten.“
„Ja, wenn’s nur der eine Michejew wäre! Stepan Probka, der Tischler, der Ziegelbrenner Miluschkin, der Schuster Maksim Teljatnikow — sie gehen alle fort, ich habe sie alle zusammen verkauft.“ Und als der Präsident fragte, warum er sie denn gehen lasse, wenn es doch lauter nützliche Leute und Handwerker seien, die er in seinem Haushalt brauchen könne, antwortete Sabakewitsch, indem er eine gleichgültige Handbewegung machte: „Ich weiß nicht, es ist mir mal so’ne dumme Idee in den Kopf gekommen! Ich habe mir halt gedacht: ach was, ich verkaufe sie, und hab’ sie dann dummer Weise wirklich verkauft!“ Hierauf ließ er den Kopf hängen, wie wenn es ihn jetzt tatsächlich reute, und er fügte hinzu: „Da wird man alt und grau und wird doch nicht klüger!“
„Aber erlauben Sie mal, Pawel Iwanowitsch,“ sagte der Präsident. „Wozu kaufen Sie eigentlich Bauern, ohne Land? Brauchen Sie sie etwa zu Ansiedelungszwecken?“
„Natürlich zu Ansiedelungszwecken!“
„So, das ist freilich was andres. Und wo wollen Sie sie ansiedeln?“
„In dem .... Im Gouvernement Cherson.“
„O, da gibt es ausgezeichneten Boden!“ sprach der Präsident, und er sprach sich sehr lobend über die Höhe und Güte des dortigen Grases aus.
„Und haben Sie auch Land genug?“
„Vollkommen genug — genau soviel, als ich brauche, um die Bauern anzusiedeln.“
„Gibt’s dort auch einen Fluß oder nur einen Teich?“
„Einen Fluß. Übrigens ist auch ein Teich da.“ Bei diesen Worten sah Tschitschikow im Versehen Sabakewitsch an, und obwohl dieser ebenso unbeweglich wie vorher in seiner Stellung verharrte, schien es Tschitschikow doch, als läse er in dessen Gesichte die Worte: „Du schwindelt, mein Lieber! Ich bezweifle sehr, daß dieser Teich und Fluß und das ganze Land überhaupt existieren.“
Während die Unterhaltung noch ihren Fortgang nahm, erschienen allmählich die Zeugen: der Staatsanwalt, den der Leser schon kennt und der ewig mit dem linken Augenlide zuckte, der Inspektor der Sanitätskommission, ferner die Herren Truchatschewski, Bjeguschkin und die andern, die nach Sabakewitschs Worten der Erde durch ihren Müßigang zur Last fallen. Viele von ihnen kannte Tschitschikow noch garnicht; die fehlenden Zeugen wurden durch einige diensthabende Beamte ersetzt. Man hatte nicht nur den Sohn des Oberpriesters, Pater Cyrill, sondern auch den Oberpriester selbst herangeholt. Jeder von den Zeugen setzte seine Unterschrift mit Aufführung all seiner Titel und Würden unter das Dokument, der eine in runder, der andre in schräger Schrift; bei einem dritten schienen sozusagen die Buchstaben auf dem Kopf zu spazieren, oder es liefen solche Lettern mit unter, wie sie im russischen Alphabet garnicht einmal vorkommen. Iwan Antonowitsch erledigte alles gewandt und sicher, die Kontrakte wurden notifiziert, mit dem Datum versehen, und in die Bücher und wohin sich’s sonst noch gehört, eingetragen, nachdem die ein halbes Prozent betragenden Gebühren und Spesen für die Ankündigung im Amtsblatt erhoben worden waren, sodaß Tschitschikow nur eine Kleinigkeit zu bezahlen brauchte. Ja, der Präsident gab sogar Order ihm nur die Hälfte von den Gebühren anzurechnen, während die andre Hälfte einem andern Kontrahenten auf die Rechnung gestellt wurde. Wie man das fertig brachte, weiß der liebe Himmel.
„Und nun,“ sagte der Präsident, nachdem alles glücklich erledigt war, „hätten wir das Geschäft nur noch zu begießen.“
„Mit Vergnügen,“ sagte Tschitschikow. „Ich überlasse es Ihnen, die Zeit zu bestimmen. Es wäre eine Sünde, wenn ich meinerseits mich weigern wollte, in so angenehmer Gesellschaft ein paar Flaschen Sekt springen zu lassen.“
„Nein, das fassen Sie falsch auf: den Sekt stellen wir selbst,“ sagte der Präsident; „das ist nur unsere Pflicht und Schuldigkeit. Sie sind unser Gast: also laden wir Sie ein. Wissen Sie was meine Herren? Gehen wir doch einstweilen mal zum Polizeimeister: das ist ein richtiger Zauberkünstler; wenn der am Fischmarkt oder an einer Weinhandlung vorübergeht, braucht er nur zu winken, und es steht gleich ein glänzendes Frühstück da, zu dem man sich gratulieren kann. Bei dieser Gelegenheit können wir auch eine Partie Whist machen.“
Ein solch vernünftiges Anerbieten konnte niemand ausschlagen. Den Zeugen lief schon bei der bloßen Erwähnung des Fischmarktes das Wasser im Munde zusammen; alles griff sofort zu Hut oder Mütze, und die Sitzung war zu Ende. Als man durch die Kanzlei schritt, sagte Iwan Antonowitsch — die Kannenschnauze — mit einer höflichen Verbeugung zu Tschitschikow: „Sie haben für hunderttausend Rubel Bauern gekauft, und ich habe nur fünfundzwanzig für meine Mühe bekommen.“
„Ja, was sind denn das für Bauern,“ flüsterte ihm Tschitschikow leise zu: „lauter schlechtes nichtsnutziges Volk, die sind noch nicht die Hälfte wert.“ Iwan Antonowitsch begriff, daß er einem Mann von festem Charakter gegenüberstand, von dem er nicht mehr herausbekommen würde.
„Wieviel hat Ihnen Pljuschkin für die Seele abgenommen?“ flüsterte ihm Sabakewitsch ins andere Ohr.
„Und warum haben Sie den Sperling eingeschmuggelt?“ antwortete ihm Tschitschikow.
„Welchen Sperling?“ fragte Sabakewitsch.
„Na das Weibsbild, die Elisabetha Sperling. Sie haben ja noch us statt a geschrieben.“
„Von diesem Sperling weiß ich nichts,“ sagte Sabakewitsch und mischte sich unter die anderen Gäste.
Die Gäste begaben sich schließlich in corpore nach dem Hause des Polizeimeisters. Der Polizeimeister war tatsächlich ein Zauberkünstler; kaum hatte er gehört, worum es sich handelte, als er schon einen Polizeikommissar, einen schneidigen Kerl in hohen Lackstiefeln, zu sich heranrief und ihm, wie es schien, kaum mehr als zwei Worte ins Ohr flüsterte; dann fragte er ihn nur noch kurz: „Hast du verstanden?“, und schon erschienen im andern Zimmer, während die Gäste noch ihren Whist droschen, die herrlichsten Dinge auf dem Tische: Störe, Hausen, geräucherter Lachs, frischer und gepreßter Kaviar, Hering, Wels, allerhand Käsesorten, geräucherte Zunge — dies wenigstens war das Menu, soweit es den Fischmarkt betraf. Dazu kamen noch einige Zugaben, die aus dem eigenen Haushalt und der eigenen Küche stammten: eine Fischpastete, die mit dem Knorpel und den Kiemen eines neun Pud schweren Störs gefüllt war, eine Pastete mit Pfifferlingen, Pastetchen aus Butterteig, Splittertörtchen usw. Der Polizeimeister war in gewissem Sinne der Vater und der Wohltäter der Stadt. Er benahm sich im Kreise der Bürger ganz wie im eigenen Familienkreise, und in den Läden oder auf dem Tuchmarkt wußte er Bescheid wie in seiner eigenen Speisekammer. Er war überhaupt, wie man zu sagen pflegt, ganz an seinem Platz und hatte seinen Beruf aus dem ff heraus. Es wäre sicherlich schwer zu entscheiden gewesen, ob er für sein Amt oder sein Amt für ihn geschaffen war. Er wußte seinen Posten so gut auszufüllen, daß seine Einnahmen sich beinahe auf das Doppelte von dem beliefen, was seine Vorgänger erhalten hatten, und doch war er in der ganzen Stadt allgemein beliebt. Die Kaufleute schätzten ihn am meisten, ganz besonders weil er gar nicht stolz war; und in der Tat, er hob ihre Kinder aus der Taufe, stand mit ihnen Gevatter, und obwohl er sie tüchtig bluten ließ, machte er doch auch dies mit einer ganz besonderen Geschicklichkeit: entweder klopfte er ihnen freundlich auf die Schulter und lächelte ihnen zu, oder er lud sie zum Tee ein, ließ sich zu einer Partie Dame auffordern und fragte sie nach allem aus: wie die Geschäfte gehen und wie es sonst stände; wenn er erfuhr, daß eins der Kinder krank sei, dann wußte er gleich Rat und verschrieb ihm die richtige Arzenei; mit einem Wort, er war ein ganz famoser Kerl. Kam er in seinem Wagen daher gefahren, um überall für Ordnung zu sorgen, dann hatte er immer für den einen oder andern das rechte Wort bereit: „Nun Michej, sollen wir nicht einmal unser Spielchen zu Ende spielen.“ — „Freilich, Alexei Iwanowitsch,“ antwortet dieser und zieht die Mütze, „freilich sollten wir!“ „Hör doch, Ilja Paramonowitsch, komm doch mal zu mir und sieh dir mein Rennpferd an; das läuft noch schneller als das deine; laß es doch auch mal vor den Rennschlitten spannen, und dann wollen wir sehen!“ Der Kaufmann, der ein passionierter Pferdefreund war, lächelte hierbei ganz besonders zufrieden, strich sich den Bart und sagte: „Gut, wir wollen sehen! Alexei Antonowitsch!“ Selbst die Ladendiener nahmen hierbei ihre Mützen ab und sahen sich vergnügt an, wie wenn sie sagen wollten: „Alexei Antonowitsch ist doch ein prächtiger Mensch!“ Mit einem Wort, er war sehr populär, und die Kaufleute hatten eine sehr hohe Meinung von ihm und sagten: „Alexei Antonowitsch nimmt zwar ein bissel viel, dafür hält er aber auch sein Wort.“
Als der Polizeimeister sich überzeugte, daß das Frühstück fertig sei, forderte er seine Gäste auf, den Whist nach Tisch fortzusetzen, und alle begaben sich in das Zimmer, von dem aus sich schon lange ein angenehmer Geruch bis in die Nebengemächer verbreitete. Dieser Geruch hatte die Nasen unserer Gäste schon längst in angenehmer Weise gekitzelt, und Sabakewitsch schielte fortwährend durch die Türe nach dem Tisch, da er bereits von dem Stör Notiz genommen hatte, der etwas abseits auf einem großen Teller lag. Nachdem die Gäste erst einen Likör von jener dunkelgrünen Olivenfarbe gekostet hatten, wie man sie nur an den durchsichtigen sibirischen Steinen beobachtet, aus denen bei uns in Rußland Petschaften gemacht werden, trat man von allen Seiten mit Gabeln bewaffnet an den Tisch. Hierbei zeigten sich, wie man zu sagen pflegt, der Charakter und die Neigungen eines jeden in ihrem wahren Lichte, indem der eine sich an den Kaviar, ein anderer an den Lachs, ein dritter an den Käse heranmachte. Sabakewitsch würdigte indessen all diese Kleinigkeiten keines Blickes und richtete sich in nächster Nachbarschaft vom Stör ein; während jene aßen, tranken und sich unterhielten, verleibte er ihn sich in einer kurzen Viertelstunde völlig ein, und als der Polizeimeister sich an den Fisch erinnerte und mit den Worten: „Und was denken Sie von diesem Naturprodukt, meine Herren!“ zugleich die andern aufforderte, ihm zu folgen und mit der Gabel in der Hand vor den Stör hintrat, da merkte er, daß von dem Naturprodukt nur noch der Schwanz übrig geblieben war; Sabakewitsch aber tat so, als ob ihn die Sache garnichts anginge, trat vor einen Teller, der etwas abseits von den andern stand, und stocherte mit der Gabel auf einem kleinen getrockneten Fischchen herum. Nachdem er den Stör verarbeitet hatte, ließ sich Sabakewitsch in einen Lehnstuhl sinken und aß und trank von da ab nichts mehr, sondern blinzelte nur noch mit den Augen. Der Polizeimeister liebte, wie es schien, nicht mit dem Wein zu sparen. Der erste Toast wurde, wie die Leser vielleicht selbst erraten werden, auf das Wohl des neuen Gutsbesitzers von Cherson ausgebracht. Der zweite galt dem Wohlergehen seiner Bauern und ihrer glücklichen Ansiedlung. Dann trank man auf die Gesundheit seiner künftigen reizenden Ehehälfte, was unserm Helden ein freundliches Lächeln entlockte. Dann drängten sich alle um ihn und suchten ihn zu überreden, daß er doch noch wenigstens zwei Wochen in der Stadt bleiben möge. „Nein, Pawel Iwanowitsch! Das hieße ja die Wohnung kalt werden lassen: über die Schwelle und gleich wieder fort! Nein, bleiben Sie doch noch eine Zeitlang bei uns! Kommen Sie, wir wollen Sie verheiraten. Nicht wahr, Iwan Grigorjewitsch, wir verschaffen ihm eine Frau?“
„Ja, ja, eine Frau!“ fiel der Präsident ein, „sträuben Sie sich mit Händen und Füßen, soviel Sie wollen, Sie werden doch verheiratet! Nichts da, mein Bester! Mitgefangen, mitgehangen! Da dürfen Sie sich nicht beklagen, wir lieben nicht zu spaßen!“
„Warum nicht, wozu sollte ich mich mit Händen und Füßen dagegen stemmen? Die Heirat ist doch nicht solch eine Sache, daß man darüber gleich ... Wenn nur eine Braut da wäre.“
„Die Braut wird sich schon finden! Wie sollte sie nicht? Es wird sich alles finden, alles was Sie nur wollen.“
„Nun, unter diesen Umständen ...“
„Bravo, er bleibt!“ schrieen alle: „Vivat Hurrah! Pawel Iwanowitsch, Hurrah!“ Und alle traten mit den Gläsern in der Hand auf Tschitschikow zu, um mit ihm anzustoßen. Tschitschikow stieß mit allen an.
„Nein, noch einmal!“ sagten die Tollsten, und die Gläser mußten noch einmal erklingen; ja sie wollten noch zum dritten Mal anstoßen, und so machte man es denn zum dritten Male. In kurzer Zeit wurden alle außerordentlich lustig. Der Präsident, welcher in angeheitertem Zustande ein äußerst lieber Mensch war, schloß Tschitschikow mehrmals in seine Arme und stammelte im Übermaß seines Gefühles: „Mein liebes Herz, mein liebes Mamachen!“ Ja, er knipste sogar mit den Fingern und begann um Tschitschikow herumzutanzen, wobei er das bekannte Volkslied anstimmte: „Ach du Hundesohn! du Bauer aus Komarinsk.“ Nach dem Sekt ging man zu den Ungarweinen über, welche die Stimmung noch mehr hoben und noch mehr zur Erheiterung der Gesellschaft beitrugen. Der Whist war ganz und gar vergessen: man schrie, man zankte, man unterhielt sich über alle möglichen und unmöglichen Dinge — über Politik, ja sogar über militärische Fragen, man führte freie Reden, für die ein jeder unter gewöhnlichen Umständen seine eigenen Kinder durchgeprügelt hätte. Bei dieser Gelegenheit wurde eine ganze Reihe höchst schwieriger Probleme zur Lösung gebracht. Tschitschikow hatte sich noch nie so froh und heiter gefühlt, er kam sich tatsächlich schon als Chersonscher Gutsbesitzer vor, sprach von allerhand wirtschaftlichen Neuerungen und Verbesserungen, von dem Dreifeldersystem, von dem Glück und der Seligkeit zweier Seelen und deklamierte Sabakewitsch sogar eine gereimte Epistel von Werther an Charlotte vor, wozu jener nur mit den Augen blinzelte, denn er saß in seinem Lehnstuhl und fühlte nach dem Stör eine starke Neigung zum Schlafen. Tschitschikow sah bald selbst ein, daß er sich vielleicht zu sehr habe gehen lassen, er erkundigte sich, ob er nicht einen Wagen bekommen könne und benutzte schließlich die Equipage des Staatsanwalts, um nach Hause zu fahren. Der Kutscher war, wie es sich unterwegs herausstellte, ein gewiegter Wagenlenker, denn er hielt die Zügel in der einen Hand, während er die andere zurückstreckte, um den bedenklich hin und her schwankenden Tschitschikow festzuhalten. So langte dieser im Wagen des Staatsanwalts im Gasthof an, wo er noch lange Zeit allerhand tolles Zeug schwatzte: von einer blonden Braut mit roten Backen und einem Grübchen auf der rechten Wange, von Chersonschen Gütern, Kapitalien und dergleichen mehr. Seliphan erhielt sogar verschiedene Aufträge, die sich auf die Gutsverwaltung bezogen: so sollte er zum Beispiel alle neu angesiedelten Bauern herbeiholen und jeden einzeln aufrufen. Seliphan hörte lange schweigend zu und verließ dann das Zimmer, nachdem er zu Petruschka gesagt hatte: „Geh, kleide den Herrn aus!“ Petruschka versuchte es zunächst, Tschitschikow die Stiefel auszuziehen, wobei er ihn beinahe selbst vom Bette heruntergezogen hätte. Schließlich war er damit fertig, der Herr entkleidete sich, wie es sich gehört, wälzte sich noch ein paar Minuten im Bette herum, welches gewaltig krachte und ächzte, und schlief tatsächlich als Chersonscher Gutsbesitzer ein. Unterdessen trug Petruschka die Hosen und den preißelbeerfarbenen Frack mit den Sternchen ins Vorzimmer hinaus, hängte sie über den hölzernen Kleiderhalter und bearbeitete sie so kräftig mit dem Ausklopfer und der Kleiderbürste, daß der ganze Korridor in eine Staubwolke gehüllt zu sein schien. Als er die Kleider oben herunternehmen wollte, erblickte er Seliphan von der Gallerie aus, der soeben aus dem Stall zurückkehrte. Ihre Augen begegneten sich, und sie verstanden sich sofort wie durch einen gewissen Instinkt: der Herr schlief, warum sollte man da nicht einem bekannten Lokal einen kleinen Besuch abstatten? Petruschka trug also Frack und Hosen schnell wieder ins Zimmer, lief die Treppe hinunter, und beide machten sich, ohne ein Wort über ihr eigentliches Reiseziel zu verlieren, unter ganz gleichgültigen Gesprächen auf den Weg. Ihr Spaziergang nahm nicht allzuviel Zeit in Anspruch, sie gingen bloß über die Straße, bewegten sich auf ein Haus zu, das dem Gasthof gerade gegenüberlag, und traten durch eine niedrige rauchgeschwärzte Glastür, die in eine Art Kellerraum führte, in das Lokal, wo schon eine ganze Gesellschaft von allerhand Leuten ihrer wartete: da gab’s Rasierte und Unrasierte, Männer mit Pelzen und ohne solche, im bloßen Hemd und hie und da auch einen in einem Mantel. Wie Petruschka und Seliphan hier ihre Zeit verbrachten, — weiß nur der liebe Gott; genug sie kamen nach einer Stunde Arm in Arm und stumm wieder heraus, wobei sie sehr besorgt umeinander zu sein schienen und sich gegenseitig auf jede Straßenecke aufmerksam machten. Dann stiegen sie wohl eine Viertelstunde lang Arm in Arm und ohne einander auch nur einen Augenblick loszulassen, die Treppe hinauf, bis auch dies Hindernis genommen war und sie oben anlangten. Petruschka blieb einen Moment vor seinem niedrigen Bette stehen, still erwägend, wie er sich wohl am besten darin plazieren könnte, dann legte er sich quer darüber, sodaß seine Füße den Fußboden berührten. Seliphan stieg in dasselbe Bett, indem er seinen Kopf auf Petruschkas Bauch legte; er hatte ganz vergessen, daß dies ja nicht seine eigentliche Schlafstätte, und daß sein Platz irgendwo in der Bedientenstube oder im Stall bei den Pferden war. Beide schliefen sofort ein, indem sie ein Schnarchduett von gewaltiger Kraft und Stärke anstimmten, dem ihr Herr mit seinem feinen Zephyrsäuseln durch die Nase sekundierte. Bald darauf wurde es auch im ganzen Gasthofe still, und ein tiefer Schlaf bemächtigte sich aller Bewohner; nur in einem Fenster schimmerte noch ein schwacher Lichtschein; dort wohnte ein angereister Leutnant aus Rjasan, der eine große Leidenschaft für Stiefel zu haben schien, denn er hatte sich bereits vier Paar Schuhe bestellt, und ließ sich nun schon das fünfte Paar anmessen. Wiederholt trat er ans Bett, um sich die Stiefel auszuziehen und sich niederzulegen, aber er konnte sich nicht dazu entschließen: die Stiefel saßen wirklich vorzüglich und immer wieder hob er den Fuß in die Höhe und betrachtete wohlgefällig den schneidigen, wunderbar geformten Absatz.
Tschitschikows Einkäufe waren bereits der Gegenstand des Stadtgespräches geworden. Man stritt, man unterhielt sich und debattierte darüber, ob es vorteilhaft sei, Bauern zu Ansiedelungszwecken anzukaufen. Viele von diesen Debatten zeichneten sich durch Gründlichkeit und Sachlichkeit aus: „Natürlich ist das so,“ sagten die einen, „das läßt sich nicht bestreiten, der Boden ist in den südlichen Gouvernements wirklich gut und sehr fruchtbar; aber was werden Tschitschikows Bauern ohne Wasser anfangen? da gibt’s doch gar keine Flüsse.“ — „Das wäre noch nicht schlimm, daß es kein Wasser gibt, das macht noch nichts, Stepan Dimitrwejewitsch; aber die Kolonisation ist eine sehr riskante Sache. Man weiß ja, wie so’n Bauer ist: da wird er auf eine ganz jungfräuliche Scholle verpflanzt, und soll nun Ackerbau treiben — und dabei ist nichts da — weder Haus noch Hof — ich sag Ihnen, der läuft davon, das ist so sicher wie zwei mal zwei vier, schnallt sich seine Schuhe an, macht daß er fortkommt, dann können Sie lange suchen, bis Sie ihn finden!“ — „Nein, erlauben Sie mal, Alexei Iwanowitsch, ich bin durchaus nicht Ihrer Ansicht, wenn Sie sagen, die Bauern werden dem Tschitschikow davonlaufen. Ein rechter Russe ist zu allem fähig und gewöhnt sich an jedes Klima. Geben Sie ihm nur ein Paar warme Handschuhe, dann können Sie ihn schicken, wohin Sie wollen, meinetwegen bis nach Kamtschatka, der läuft ein bißchen herum, bis er warm ist, nimmt die Axt und baut sich eine neue Hütte.“ „Aber lieber Iwan Grigorjewitsch, du hast eins ganz vergessen: du hast garnicht berücksichtigt, was das für Leute sind, die Tschitschikow da gekauft hat. Du vergißt ganz, daß ein Gutsbesitzer doch einen tüchtigen Kerl nicht so leicht ziehen läßt, ich möchte meinen Kopf dafür geben, daß das lauter Säufer, Trunkenbolde und wilde arbeitsscheue Leute sind.“ — „Schon gut, das gebe ich zu, das ist freilich richtig, daß niemand einen tüchtigen Kerl verkaufen wird, und daß Tschitschikows Leute wahrscheinlich größtenteils Trinker sind, aber man muß doch beachten, daß ja gerade dies die Moral von der Geschichte ist: jetzt sind es vielleicht lauter Taugenichtse, wenn man sie aber ansiedelt, können plötzlich brave und tüchtige Untertanen daraus werden. Das ist doch nicht der erste Präzedenzfall in der Welt und in der Geschichte.“ „Nie — niemals,“ versetzte der Verwalter der Staatsfabriken: „glauben Sie mir, das kann niemals passieren, denn gegen Tschitschikows Bauern werden sich jetzt zwei mächtige Feinde erheben. Der eine Feind — das ist die Nähe der kleinrussischen Gouvernements, wo, wie bekannt, der Branntweinverkauf frei ist. Ich versichere Ihnen, in zwei Wochen werden sie dem Suff verfallen und Faullenzer und Tagediebe sein. Der zweite Feind — das ist die Gewohnheit und der Hang zum Vagabundenleben, den sich die Bauern durch die Übersiedelung erwerben werden. Es müßte denn sein, daß Tschitschikow sie beständig im Auge behält und beaufsichtigt, er müßte sie sehr streng behandeln, für jede Kleinigkeit hart bestrafen und sich dabei nicht etwa auf einen anderen verlassen, sondern selbst überall, wo es nötig ist, Püffe und Maulschellen austeilen.“ — „Wozu soll Tschitschikow denn die Püffe selbst austeilen? Dazu kann er sich doch einen Verwalter nehmen.“ — „Ja finden Sie gefälligst einen guten Verwalter? Das sind lauter Gauner und Halunken!“ — „Sie sind nur darum Gauner, weil die Besitzer es eben nicht richtig anzustellen wissen.“ — „Das ist richtig,“ fielen hier viele ein. — „Wenn der Gutsherr nun selbst etwas von der Landwirtschaft versteht, und seine Leute kennt — dann wird er immer einen tüchtigen Verwalter finden.“ Aber der Direktor der Staatsfabriken wandte ein, für weniger als 5000 Rubel könne man keinen guten Verwalter finden. Dagegen bemerkte der Präsident, man könne auch schon für 3000 einen haben, worauf der Direktor erklärte: „Wo wollen Sie ihn denn hernehmen? Sie können ihn sich doch nicht aus der Nase ziehen?“ worauf der Präsident versetzte: „Aus der Nase freilich nicht, nein, aber hier, im hiesigen Kreise, da gibt es einen, nämlich Peter Petrowitsch Samoilow: das ist der rechte Mann, wie ihn Tschitschikow für seine Bauern braucht!“ Viele versuchten sich in Tschitschikows Lage zu versetzen, und die große Schwierigkeit, eine solche Menge von Bauern in einem fremden Lande anzusiedeln, erfüllte sie mit Angst und Besorgnis; jemand äußerte sogar die Befürchtung, es könne noch ein Aufruhr unter diesen unruhigen Elementen, wie die Bauern Tschitschikows es wären, ausbrechen. Darauf bemerkte der Polizeimeister, einen Aufruhr brauche man nicht zu befürchten; um dies zu verhindern, gebe es ja Gottlob eine Macht: nämlich den Kreisrichter; der Kreisrichter brauche sich nicht einmal selbst an Ort und Stelle zu begeben, sondern nur seinen Hut hinzusenden, dieser Hut würde schon genügen, um die Bauern zur Raison zu bringen, sodaß sie sich zerstreuen und ruhig nach Hause gehen würden. Viele äußerten ihre Ansichten und machten Vorschläge, wie der aufrührerische Geist niederzuhalten sei, der Tschitschikows Bauern ergriffen habe. Die Meinungen darüber gingen recht weit auseinander. Es gab solche, die sich gar zu sehr durch eine gewisse militärische Strenge und überflüssige Grausamkeit auszeichneten, und dann wieder andere, welche eine gewisse Milde ausströmten. Der Postmeister machte die Bemerkung, Tschitschikow sehe sich jetzt einer heiligen Pflicht gegenüber; er könne gewissermaßen der Vater seiner Bauern werden, und, wie er sich auszudrücken beliebte, eine wohltuende Aufklärung unter ihnen verbreiten. Bei dieser Gelegenheit unterließ er es nicht, sich höchst lobend über die Lancastersche Methode des gegenseitigen Unterrichts zu äußern.
So redete und disputierte man in der Stadt, und viele teilten Tschitschikow aus persönlichem Interesse ihre Ansicht mit, gaben ihm gute Ratschläge und boten ihm sogar eine Eskorte an, um die Bauern auch sicher an ihren Bestimmungsort zu transportieren. Für die Ratschläge dankte Tschitschikow höflichst, indem er versprach, sie bei Gelegenheit zu verwerten, dagegen verzichtete er sehr entschieden auf die Eskorte und erklärte, sie sei vollständig überflüssig; die von ihm gekauften Bauern hätten einen ganz besonders friedfertigen Charakter. Sie würden den Umzug bereitwilligst mitmachen und begrüßten ihn sogar freudig. Von einem Aufruhr könne überhaupt nicht die Rede sein.
All diese Gespräche und Unterhaltungen hatten indessen für Tschitschikow die allergünstigsten Folgen, die er für sich nur erhoffen konnte. Es verbreitete sich nämlich das Gerücht, er sei nicht mehr und nicht weniger als ein Millionär. Die Stadtbewohner hatten, wie wir schon im ersten Kapitel gesehen haben, Tschitschikow auch ohnedies in ihr Herz geschlossen. Nach diesen Gerüchten aber gewannen sie ihn noch weit lieber. Übrigens, um die Wahrheit zu sagen: es waren lauter brave, gutmütige Leute, die sich gut miteinander vertrugen, auf freundschaftlichem Fuße miteinander lebten, und ihre Unterhaltungen trugen den Stempel ganz besonderer Treuherzigkeit und Milde: „Lieber Freund, Ilja Iljitsch!“ „Hör mal, Antipater Zararowitsch, mein Bester!“ „Du schwindelst, Mütterchen, Iwan Grigorowitsch!“ Zum Postmeister, der Iwan Andrejewitsch hieß, pflegte man gewöhnlich zu sagen: „Sprechen Sie deutsch, Iwan Andreitsch?“
Mit einem Wort, es ging dort sehr familiär zu. Viele waren nicht ganz ohne Bildung: der Gerichtspräsident kannte sogar die „Ludmilla“ von Shukowski auswendig, welche damals noch den vollen Reiz der Neuheit hatte, und er trug manche Stellen daraus geradezu meisterhaft vor, so zum Beispiel den Vers: „Es schläft der Wald, die Täler schlummern“, ganz besonders schön aber klang das Wort „hu“ in seinem Munde, sodaß man tatsächlich zu sehen glaubte, wie die Täler schlummerten; um die Ähnlichkeit noch vollkommener zu machen, kniff er bei dieser Gelegenheit auch noch die Augen zusammen. Der Postmeister neigte mehr der Philosophie zu und las ganze Nächte hindurch sehr fleißig in Youngs „Nächten“, sowie im „Schlüssel zu den Geheimnissen der Natur“ von Eckartshausen, aus dem er sich lange Exzerpte machte; worauf sie sich bezogen, konnte freilich niemand mit Bestimmtheit angeben. Übrigens war er ein großer Witzbold, er hatte eine überaus blühende Sprache und liebte es, wie er sich selbst ausdrückte, seine Rede „auszuschmücken“. Und zwar schmückte er seine Reden mit einer Menge von Flickworten aus, als da sind: „Lieber Herr, so und so, wissen Sie, verstehen Sie, können Sie sich vorstellen, gewissermaßen, sozusagen“ und andre mehr, mit denen er nur so um sich warf; ferner schmückte er seine Reden noch recht geschickt durch ein verständnisinniges Augenblinzeln aus, oder indem er das eine Auge ganz zukniff, womit er vielen von seinen satirischen Anspielungen einen recht boshaften Ausdruck lieh. Auch die übrigen Herren waren meist recht gebildete und aufgeklärte Leute: der eine las Karamsin, der andre die „Moskauer Nachrichten“ und ein dritter las sogar überhaupt nichts. Der eine war was man eine Schlafmütze zu nennen pflegt, d. h. ein Mensch, dem man immer erst einen kräftigen Rippenstoß geben muß, wenn man ihn zu etwas bewegen will, ein anderer war ganz einfach ein Faulpelz, der sein ganzes Leben lang auf der Bärenhaut lag und bei dem jeder Versuch vergeblich gewesen wäre, ihn überhaupt aufzurütteln, da er ja doch nicht aufgestanden wäre. Was ihr Äußeres anbelangt, so waren sie natürlich alle hübsche, stattliche, vertraueneinflößende Leute — einen Schwindsüchtigen gab es unter ihnen nicht. Sie gehörten alle zu jener Menschengattung, welcher die Frauen in zärtlichen Schäferstündchen unter vier Augen Namen wie die folgenden zu geben pflegen: mein Dickerchen, mein lieber Dickwanst, mein Schnudelchen, mein Tönnchen, mein Moppelchen usw. Aber im allgemeinen war es ein guter Menschenschlag, liebe, freigiebige Leute, und ein Mensch, der ihre Gastfreundschaft genossen oder einen Abend mit ihnen am Whisttisch verbracht hatte, kam ihnen sehr schnell nahe und wurde gewissermaßen einer der ihren. — Dies traf aber noch mehr auf Tschitschikow mit seinem bezaubernden Wesen zu, denn er kannte wirklich das Geheimnis, sich beliebt zu machen. Sie schlossen ihn so in ihr Herz, daß er garnicht wußte, wie er aus der Stadt herauskommen sollte; er hörte immer nur: „Ach nur noch eine Woche; bleiben Sie doch noch eine einzige Woche bei uns, Pawel Iwanowitsch“ — mit einem Worte, er wurde geradezu auf Händen getragen, wie man zu sagen pflegt. Aber unvergleichlich viel stärker und bedeutender, ja höchst erstaunlich und wunderbar war der Eindruck, den Tschitschikow auf die Damen machte. Um das einigermaßen verständlich zu machen, müßten wir eigentlich mancherlei über die Damen selbst sagen, über ihre Gesellschaften usw., müßten sozusagen ihre seelischen Eigenschaften mit lebendigen leuchtenden Farben ausmalen: aber das wird dem Autor sehr schwer. Einerseits hält ihn seine unbegrenzte Achtung und Ehrfurcht vor den Gattinnen der hohen Beamten davon ab, und andererseits ... ja andererseits ... ist es eben einfach sehr schwierig. Die Damen der Stadt N. waren ... nein es geht unmöglich: tatsächlich, ich habe Angst. — Was an den Damen der Stadt N. am bemerkenswertesten war ... Nein, es ist zu seltsam, die Feder will nicht vom Fleck, wie wenn sie ein Bleiklumpen wäre. Also gut: ich werde es wohl schon einem andern überlassen müssen, der eine reichere Auswahl von hellen und leuchtenden Farben auf seiner Palette hat, als ich, ihren Charakter zu schildern; wir werden uns darauf beschränken müssen, zwei, drei Worte über ihr Äußeres und das, was gewissermaßen mehr an der Oberfläche liegt, zu sagen. Die Damen der Stadt N. waren das, was man präsentabel nennt, und in dieser Beziehung dürften alle Frauen sie sich zum Muster nehmen. Was korrektes Benehmen, was guten Ton, Etikette und jene feinsten und zartesten Gebote des Anstands anbelangt, vor allem was die Beobachtung der Mode in ihren letzten Einzelheiten anbetrifft, so waren sie hierin selbst den Petersburger und Moskauer Damen um eine Ellenlänge voraus. Sie kleideten sich mit großem Geschmack, fuhren in schönen Equipagen durch die Stadt: wie die letzte Mode dies vorschrieb, begleitet von einem Lakai mit goldenen Tressen, der auf dem Trittbrett hin- und herschwankte. Eine Visitenkarte war, selbst wenn der Name auf einer Treff-Zwei oder einem Karo-Aß stand, eine heilige Sache. Zwei Damen, die vordem große Freundinnen und Basen gewesen waren, kamen wegen solch einer Visitenkarte ganz auseinander — eine von ihnen hatte es nämlich unterlassen, der anderen einen Gegenbesuch abzustatten. Und so sehr sich ihre Männer und Verwandten nachher bemühten, sie wieder zu versöhnen, es war vergebens — es stellte sich vielmehr heraus, daß alles auf der Welt möglich ist, nur dies eine nicht: zwei Damen zu versöhnen, die sich wegen eines unterlassenen Gegenbesuches verfeindet haben. Die Damen verharrten also in „gegenseitiger Abneigung“, wie sich die Gesellschaft der Stadt ausdrückte. Wegen der Frage, wem der Vorrang gebühre, gab es auch eine Menge äußerst erregter Auftritte, welche in den Herren oftmals höchst erhabene und ritterliche Vorstellungen von ihrer Beschützerrolle entstehen ließen. Zu einem Duell kam es unter ihnen natürlich nicht, weil sie alle Zivilbeamte waren; dafür aber suchten sie einander etwas am Zeuge zu flicken, wo sie nur konnten, was bekanntlich unter Umständen weit schwieriger ist als ein Duell. In ihren Sitten waren die Damen der Stadt N. sehr streng und voll edler Entrüstung gegen alle Laster und Versuchungen, sie verurteilten unbarmherzig jede Schwäche, wo sie nur eine solche wahrnahmen. Und wenn in ihrem Kreise selbst etwas vorkam, was man das eine oder andere nennt, so spielte es sich stets ganz im Geheimen ab, und niemand ließ sich merken, was eigentlich vorgegangen war. Das Dekorum wurde stets gewahrt. Selbst der Mann wurde rechtzeitig vorbereitet, sodaß er, auch wenn er dies eine oder andere bemerkte oder davon hörte, kurz und bündig antworten konnte: „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß,“ wie das Sprichwort sagt. Hier muß noch erwähnt werden, daß die Damen der Stadt N. sich wie ihre Petersburger Gefährtinnen stets einer großen Vorsicht und eines sicheren Taktes in Worten und Ausdrücken befleißigten. Niemals hörte man sie sagen: „Ich habe mich geschneuzt.“ „Ich schwitze.“ „Ich habe ausgespuckt,“ sondern sie drückten sich stattdessen folgendermaßen aus: „Ich habe mir die Nase geputzt“ oder „Ich habe von meinem Taschentuch Gebrauch gemacht.“ Unter keinen Umständen aber durfte man sagen: „Dieses Glas oder dieser Teller stinkt.“ Ja, man durfte nicht einmal etwas sagen, was wie eine Anspielung darauf erscheinen konnte, sondern, man wählte stattdessen einen Ausdruck wie den folgenden: „Dieses Glas benimmt sich nicht gut“ oder sonst etwas in dieser Art. Um die russische Sprache noch mehr zu veredeln, wurde nahezu die Hälfte aller Worte aus dem Sprachgebrauch verbannt, weswegen man sehr oft seine Zuflucht zum Französischen nehmen mußte. Das war dann eine ganz andere Sache. Im Französischen waren noch ganz andere, weit kräftigere Worte gestattet als die oben erwähnten. Das also ist es, was sich von den Damen der Stadt N., oberflächlich gesprochen, sagen läßt. Freilich, wenn man etwas tiefer hineinblickte, so würden noch ganz andere Dinge zum Vorschein kommen; aber es ist sehr gefährlich, zu tief in ein Frauenherz zu blicken. Ich bleibe also an der Oberfläche und fahre fort. Bis dahin hatten alle Damen merkwürdigerweise nur wenig von Tschitschikow gesprochen, obwohl sie ihm natürlich, was seine angenehmen und weltmännischen Umgangsformen anbelangt, volle Gerechtigkeit widerfahren ließen. Aber seitdem sich das Gerücht von seinen Millionen verbreitet hatte, wurde die Aufmerksamkeit auch auf seine sonstigen Eigenschaften gelenkt. Übrigens waren unsere Damen keineswegs eigennützig oder gar habgierig. An alledem war nur das Wort Millionär — nicht der Millionär selbst, sondern eben das Wort allein schuld; denn in dem bloßen Klang dieses Wortes ist neben der Anspielung auf den Geldsack noch ein gewisses Etwas enthalten, welches in gleicher Weise auf die Schurken wie auf die guten Menschen und auch die, welche weder das eine noch das andere sind, einen starken Eindruck macht; mit einem Wort, es verfehlt seine Wirkung auf keinen. Der Millionär hat den Vorzug, daß er die ganz uneigennützige Niedertracht, die reine Niedertracht, die auf keinerlei Berechnung und Hintergedanken beruht, vortrefflich beobachten kann: Viele Menschen wissen sehr gut, daß sie nichts von ihm bekommen werden und auch gar keinen Anspruch darauf haben, und doch laufen sie vor ihm her, lächeln ihm freundlich zu, nehmen den Hut vor ihm ab, oder provozieren eine Einladung zu einem Mittagessen, an dem der Millionär teilnehmen wird. Man kann nicht sagen, daß diese sanfte Hinneigung zur Niedertracht auch von den Damen geteilt wurde. Allein man fing doch in vielen Salons an, darüber zu reden, daß Tschitschikow zwar kein Ausbund von Schönheit, aber doch ein stattlicher Mann sei, wie er sein soll, und daß er schon nicht mehr so hübsch wäre, wenn er auch nur ein ganz klein wenig dicker und voller wäre. Bei dieser Gelegenheit fielen sogar einige beinahe verletzende Worte über die dünnen Männer: das seien ja eigentlich Zahnstocher und keine Männer. An den Toiletten der Damen konnte man auch allerhand Ergänzungen wahrnehmen. Auf dem Tuchmarkt herrschte ein großes Gedränge, man schob und stieß sich dort geradezu. Es war die reinste Kirmeß. Soviel Equipagen reihten sich aneinander. Die Kaufleute waren erstaunt, als sie sahen, daß ein paar Tuchsorten, die sie von der Messe mitgebracht und wegen ihres allzu hohen Preises bisher nicht hatten loswerden können, eine gesuchte Ware wurden und reißenden Absatz fanden. Während des Gottesdienstes bemerkte man bei einer der Damen unten am Kleide eine Schleppe, welche den Rock so aufbauschte, daß er die ganze Kirche einnahm, und daß der anwesende Polizeikommissar dem Volke befehlen mußte, Platz zu machen und sich in die Vorhalle zurückzuziehen, um das Kleid der Gnädigen nicht zu beschädigen. Auch Tschitschikow mußte schließlich etwas von der ungewöhnlichen Aufmerksamkeit auffallen, die ihm gezollt wurde. Als er eines schönen Tages zu sich nach Hause kam, fand er einen Brief auf seinem Schreibtisch. Es ließ sich durchaus nicht herausbekommen, von wem er stammte und wer ihn gebracht habe: Der Kellner erzählte, der Überbringer habe ihm verboten, zu sagen, wer der Absender sei. Der Brief fing sehr bestimmt und entschlossen an und zwar folgendermaßen: „Nein, ich muß dir schreiben!“ Dann war davon die Rede, daß es eine geheime Sympathie der Seelen gebe, und diese Wahrheit fand ihre Bekräftigung in einer Reihe von Punkten und Gedankenstrichen, welche beinahe eine halbe Zeile einnahmen. Weiter folgten einige Sentenzen, deren Richtigkeit ihnen eine so hohe Bedeutung verleiht, daß wir es fast für unsere Pflicht halten, sie hier anzuführen: „Was ist unser Leben? — Ein Tal, in dem sich unsere Leiden angesiedelt haben. Was ist die Welt? — Ein Haufen von Menschen, der nichts empfindet.“ Hierauf erwähnte die Schreiberin, daß sie die Briefe ihrer zärtlichen Mutter, welche seit fünfundzwanzig Jahren nicht mehr auf der Welt sei, mit Tränen benetze; sie forderte Tschitschikow auf, ihr in eine Wüste zu folgen und die Stadt für immer zu verlassen, wo die Menschen in der Gefangenschaft geistiger Mauern und aus Luftmangel erstickten; das Ende des Briefes strömte sogar eine wirkliche Verzweiflung aus, und folgende Zeilen bildeten den Abschluß: