Zwei Turteltäubchen bringen
Dich flugs zum Grabesstein,
Sie werden girren und singen
Dir von meiner Todespein.
In der letzten Zeile war zwar das Versmaß nicht ganz in Ordnung, aber das machte nichts: der Brief war ganz im Geiste der damaligen Zeit. Auch fehlte die Unterschrift, der Vor- und Familienname, selbst Datum und Jahreszahl fehlten. In einem Postskriptum hieß es bloß, Tschitschikows eigenes Herz müsse die Schreiberin des Briefes erraten, und auf dem Ball des Gouverneurs, der morgen stattfinde, werde das Original persönlich zugegen sein.
Das war alles sehr interessant. In der Anonymität lag soviel Reiz und Lockung, soviel was die Neugierde herausforderte, daß Tschitschikow den Brief noch ein zweites und drittes Mal überlas und schließlich ausrief: „Es wäre doch höchst interessant, zu erfahren, wer eigentlich die Schreiberin ist!“ Mit einem Wort, die Sache begann ersichtlich eine ernste Wendung zu nehmen; mehr als eine Stunde sann er über sein seltsames Abenteuer nach, dann machte er eine nachlässige Gebärde, ließ den Kopf herabsinken und murmelte: „Der Brief hat doch etwas außerordentlich Geziertes!“ Hierauf wurde der Bogen, wie sich das von selbst versteht, sorgfältig zusammengefaltet und in die Schatulle gelegt, wo er in nächster Nachbarschaft mit einem Theaterzettel und einer Hochzeitseinladung zu liegen kam, welche nun schon sieben Jahre unberührt auf demselben Flecke lag. Bald darauf brachte man ihm tatsächlich eine Einladung zum Ball beim Gouverneur. Das ist in Provinzstädten etwas sehr Gewöhnliches: wo es einen Gouverneur gibt, da muß es auch Bälle geben, sonst könnte es der Adel leicht an der gebührenden Liebe und Achtung fehlen lassen.
Er ließ nun sofort alles nicht zur Sache Gehörige liegen und machte sich davon frei, um sich voll und ganz den Vorbereitungen zum Balle zu widmen; denn dazu gab’s so manchen Sporn und Stachel. Dafür ist aber wohl auch noch nie seit Erschaffung der Welt soviel Zeit und Sorgfalt auf die Toilette verwendet worden. Die Besichtigung und Prüfung des eigenen Angesichts vor dem Spiegel nahm allein eine ganze Stunde in Anspruch. Er versuchte es, seinem Antlitz eine ganze Reihe und Skala verschiedenartigster Ausdrücke zu verleihen: bald sollte es Ernst und Würde, bald eine gewisse durch ein Lächeln gemilderte Achtung, bald wieder nur Achtung ohne jedes Lächeln widerspiegeln; dann verbeugte er sich einige Male vor dem Spiegel, welche Bewegung von einigen unartikulierten Lauten begleitet wurde, die einige Ähnlichkeit mit französischen Worten hatten, obwohl Tschitschikow absolut kein Französisch verstand. Hierbei bereitete er sich selbst eine Menge höchst angenehmer Überraschungen, zwinkerte sich mit den Augenbrauen und den Lippen zu und bewegte sogar die Zunge ein paar Mal hin und her; du lieber Gott, was macht man nicht alles, wenn man mit sich allein und sich bewußt ist, daß man ein schöner Mann ist, und noch dazu die sichere Überzeugung hat, daß niemand durch das Schlüsselloch guckt. Endlich kraute er sich noch ein bißchen am Kinn und sagte: „Ei, ei, du kleiner Bullenbeißer!“ und begann sich anzuziehen. Während dieses Prozesses befand er sich die ganze Zeit über in der glücklichsten Stimmung: wenn er die Hosenträger anlegte, oder sich den Schlips umband, machte er Kratzfüße, anmutige Verbeugungen und sogar einen Luftsprung, obwohl er nie tanzen gelernt hatte. Dieser Luftsprung hatte nun allerdings einige Folgen, die übrigens recht harmloser Natur waren: die Kommode fing an zu zittern, und die Kleiderbürste fiel vom Tisch herunter.
Sein Erscheinen auf dem Ball machte einen ganz außerordentlichen Eindruck. Alle Anwesenden eilten ihm entgegen — der eine hatte noch ein Spiel Karten in der Hand, ein anderer brach das Gespräch am interessantesten Punkte ab, als er gerade sagte: „Und denken Sie, hierauf erwiderte das Kreisgericht ...“ Was das Kreisgericht eigentlich erwiderte, führte er gar nicht mehr aus, und stürmte auf unseren Helden los, um ihn zu begrüßen: „Pawel Iwanowitsch!“ „O, mein Gott, Pawel Iwanowitsch!“ „Lieber Pawel Iwanowitsch!“ „Verehrtester Pawel Iwanowitsch!“ „Pawel Iwanowitsch, Herzchen!“ „Da sind Sie ja Pawel Iwanowitsch!“ „Da ist er, unser Pawel Iwanowitsch!“ „Lassen Sie sich umarmen, Pawel Iwanowitsch!“ „Her mit ihm, seien Sie recht herzlich geküßt, mein teurer Pawel Iwanowitsch!“ Tschitschikow fühlte, wie er fast gleichzeitig von mehreren umarmt wurde. Er hatte noch nicht Zeit, sich aus der Umarmung des Gerichtspräsidenten zu befreien, als ihn schon der Polizeimeister in seine Arme schloß, dieser gab ihn an den Inspektor des Sanitätswesens weiter, der Inspektor an den Branntweinpächter, der Branntweinpächter an den Stadtbaumeister .... Der Gouverneur, der währenddessen mit ein paar Damen zusammenstand und in der einen Hand einen Zettel aus einer Bonbonniere, in der andern ein Bologneserhündchen hielt, ließ, als er Tschitschikow erblickte, beides — Zettel und Hündchen — auf den Boden fallen, sodaß das Hündchen laut aufheulte ... mit einem Wort, der Ankömmling verbreitete Heiterkeit und Freude um sich her. Es gab kein Gesicht, das nicht vor Vergnügen strahlte, oder doch wenigstens etwas von der allgemeinen Freude widerspiegelte. So glänzen die Gesichter der Beamten während des Besuchs ihres Chefs, der gekommen ist, die ihrer Leitung unterstehenden Ressorts zu inspizieren; nachdem der erste Schreck vorüber ist, bemerken sie, daß manches seinen Beifall findet, ja daß er sich sogar leutselig zu einem kleinen Scherz herabläßt, d. h. ein paar Worte sagt und angenehm dazu lächelt — und nun lachen die ihn umringenden, ihm zunächst stehenden Beamten doppelt herzlich, und ebenso herzlich lachen jene, die zwar die gesprochenen Worte kaum gehört und noch weniger verstanden haben, ja selbst der weit abseits an der Tür stehende Polizist, der noch nie in seinem Leben gelacht, und eben erst dem Volke die Faust gezeigt hat — selbst er verzieht nach den unwandelbaren Gesetzen der Reflexion und der Nachahmung sein Gesicht zu einem Lächeln, welches aber so wenig Ähnlichkeit mit einem Lächeln hat, daß man eher meinen könnte, er habe eine starke Prise genommen und müsse nun niesen. Unser Held beglückte alle und jeden einzelnen mit einer Antwort und fühlte sich ganz außergewöhnlich leicht und sicher: er verneigte sich nach rechts und nach links, und zwar etwas seitwärts, wie das seine Gewohnheit war, aber doch so ungezwungen, daß er alle Anwesenden entzückte. Die Damen umringten ihn sogleich wie eine glänzende Girlande und hüllten ihn in eine Wolke von Wohlgerüchen aller Art ein: die eine roch nach Rosen, die andere brachte den Duft von Veilchen und Frühling mit, die dritte strömte einen starken Resedaduft aus. Tschitschikow hob bloß die Nase und zog den süßen Duft ein. In ihren Toiletten entwickelten sie unendlich viel Geschmack; die Farben ihrer Mousselin-, Atlas- und Tüllstoffe waren von einer so modernen Blässe und Mattigkeit, daß es schwer wäre, auch nur einen Namen für jede Nuance zu finden — eine solche Höhe und Feinheit hatte Kultur und Geschmack hier erreicht! Schleifen, Bänder und Blumensträuße umflatterten die Kleider in malerischer Unordnung, obwohl an dieser Unordnung manch ordentlicher Kopf sich viele Stunden abgemüht hatte. Der leichte Kopfputz ruhte allein auf den Ohren und schien sagen zu wollen: „Halt! Ich fliege fort! Schade nur, daß ich meine Schöne nicht mit mir forttragen kann!“ Sie hatten alle stark und eng geschnürte Taillen, welche dem Auge feste und angenehme Formen darboten. (Bei dieser Gelegenheit muß ich erwähnen, daß alle Damen der Stadt N. sich durch eine gewisse Fülle auszeichneten, aber sie verstanden es, sich so kunstvoll zu schnüren und hatten dabei so angenehme Umgangsformen, daß man es ihnen garnicht anmerkte, daß sie dick waren). Alles war bei ihnen wohldurchdacht und zeugte von Umsicht und Ueberlegung: der Hals und die Schultern waren nur gerade so weit entblößt, als es unumgänglich notwendig war, auch nicht um einen Zoll weiter: eine jede zeigte von ihren Besitzungen nur gerade soviel, als nach ihrem eigenen Gefühl und ihrer Überzeugung nötig war, um einen Mann zugrunde zu richten; der Rest war mit großem Takt und Geschmack verhüllt und zugedeckt: irgend ein leichtes Halstuch aus einem Band, das noch leichter und luftiger war, als jenes Gebäck, welches unter dem Namen „Baiser“ oder „Kuß“ bekannt ist, schlang sich ätherisch um den Hals, oder es ragte im Nacken unter dem Kleide eine kleine Spitzenwand aus feinem Battist hervor, die man bei uns zu Lande „Sittenschild“ zu nennen pflegt. Diese Spitzenwand bedeckte vorn und hinten all das, was zwar keinen Mann mehr zugrunde richten konnte, doch aber den Argwohn rege hielt, daß gerade hier das eigentliche Verderben lauere. Lange Handschuhe, die nicht ganz bis zu den Ärmeln reichten, ließen die reizenden Teile des Armes oberhalb des Ellenbogens frei, welche bei vielen eine beneidenswerte Fülle erkennen ließen; bei manchen waren die Glacéhandschuhe sogar geplatzt, da sie zu hoch hinaufgeschoben waren — mit einem Wort, es war so, als ob ein jedes Ding hätte sagen wollen: „Nein, dies ist keine Provinz, das ist Paris!“ Nur hie und da guckte plötzlich eine Haube, wie noch nie ein Mensch sie gesehen hat, oder eine Pfauenfeder, oder sonst was, das jeder Mode Hohn sprach und einer Eingebung des eigensten Geschmackes entsprang, hervor. Aber ohne das geht es halt nicht ab — das ist nun einmal die Eigentümlichkeit einer Provinzstadt: es gibt immer einen Punkt, wo sie sozusagen aus der Rolle fällt. Tschitschikow stand vor den Damen und dachte sich: „Welche ist denn nun aber die Verfasserin des Briefes?“ Er versuchte es, einen Augenblick seine Nase hervorzustrecken; aber da stieß er mit ihr gegen eine ganze Reihe von Ellenbogen, Aufschlägen, Ärmeln, Schleifen, duftigen Hemdchen und Kleidern. Eine wilde Galoppade jagte wie toll an ihm vorüber: die Frau des Postmeisters, der Kreisrichter, eine Dame mit einer blauen Feder, eine Dame mit einer weißen Feder, der Georgische Prinz Tschiphaihilidsew, ein Beamter aus Petersburg, ein Beamter aus Moskau, ein Franzose namens Coucou, ein Herr Perchunowski und ein Herr Berebendowski — dies alles wuchs plötzlich vor ihm aus der Erde und stürmte davon ....
„Da haben wir die Provinz!“ murmelte Tschitschikow, indem er zurückwich. Aber als sich dann die Damen auf ihre Plätze begaben, fing er wieder an, auszuschauen, ob er nicht nach dem Ausdruck des Gesichts und der Augen erkennen könne, welche die Verfasserin des Briefes sei; allein weder die Gesichter noch die Augen wollten ihm verraten, wer die Unbekannte sei. Überall auf jedem Antlitz schwebte etwas kaum Merkliches, unendlich Feines — oh! wie Feines ...! „Nein,“ sagte Tschitschikow zu sich selbst: „Die Frau — das ist ein Objekt“ — hierbei machte er eine sprechende Handbewegung — „darüber ist überhaupt kein Wort zu verlieren! Es soll mal einer versuchen, all das zu erzählen oder wiederzugeben, was über ihr Gesicht huscht, all diese Schlangenwindungen und dies Wellengekräusel ... das läßt sich eben garnicht ausdrücken! Ihre Augen allein sind ein so unendliches, grenzenloses Reich, wenn sich da ein Mensch hinein verirrt, dann ist er verloren! Da holt ihn kein Haken und keine Winde wieder heraus. Versuch’ doch mal einer ihren Glanz zu beschreiben: diesen feuchten, samtnen, zuckersüßen Glanz ... Gott allein weiß, was es nicht alles für Arten solchen Glanzes gibt: einen harten und weichen, ja selbst einen matten oder wie einige sich ausdrücken, ‚wonnetrunkenen‘ Glanz und dann wieder einen ohne Trunkenheit, der aber noch weit gefährlicher ist — der einen nur so beim Herzen packt und wie mit dem Fidelbogen über die Seele fährt. Nein, da findet man kein Wort dafür: Es ist halt die ‚jalante‘ Hälfte des Menschengeschlechts und weiter nichts!“
Oh weh! Ich fürchte, unserem Held entschlüpfte ein Wort, das er von der Straße her kannte. Aber was soll ich tun? Das ist nun einmal das Los des Schriftstellers in Rußland! Aber selbst wenn ein Wort von der Straße in dies Buch hineingetragen wäre, so ist das nicht die Schuld des Schriftstellers, sondern die der Leser und vor allem der Leser aus den besseren Gesellschaftskreisen: sie sind die ersten, von denen man kein anständiges russisches Wort zu hören bekommt, sie beglücken euch mit deutschen, französischen und englischen Reden in solchem Übermaß, daß man gern darauf verzichten würde, und selbst mit Beibehaltung und Wahrung jeder nur möglichen Aussprache: sprechen das Französisch durch die Nase oder schnarren es, reden englisch wie irgend ein Vogel es nicht besser fertig brächte, ja sie machen ein richtiges Vogelgesicht dazu und lachen einen noch aus, wenn man ihnen dies nicht nachmachen kann. Das einzige, was sie sorgfältig vermeiden, ist alles Russische — höchstens lassen sie sich auf dem Lande eine Villa in russischem Stile bauen. So sind nun mal die Leser aus den höheren Ständen, und alle, die sich selbst zu den höheren Ständen rechnen! Aber andererseits wieder: welche Strenge, welche Ansprüche! Sie wollen durchaus, daß alles in einem absolut korrekten, reinen und edlen Stile abgefaßt werde — wollen mit einem Wort, daß die russische Sprache wie von selbst, ganz reif und fertig aus den Wolken herabfalle und sich ihnen auf die Zunge setze, sodaß sie nur den Mund zu öffnen und ihr freien Lauf zu lassen brauchen. Die weibliche Hälfte des Menschengeschlechts ist freilich höchst rätselhaft; aber ich muß gestehen, die verehrten Herren Leser sind mir oft noch weit rätselhafter.
Unterdessen wurde Tschitschikows Ratlosigkeit immer größer, wie er die Verfasserin des Briefes unter allen anwesenden Damen herauserkennen sollte. Er machte noch einen Versuch, jede einzelne von den Damen mit forschendem Blick zu mustern und bemerkte, daß in den Augen der holden Weiblichkeit ein Etwas aufblitzte, was Hoffnung und süße Qual ins Herz des armen Sterblichen einziehen ließ, sodaß er schließlich ausrief: „Nein, es ist vergebens, ich errate es doch nicht!“ Das hatte indessen nicht den geringsten Einfluß auf seine gute Laune, die ihn die ganze Zeit über nicht verließ. In seiner galanten ungezwungenen Art wechselte er ein paar liebenswürdige Worte mit einigen Damen, ging mit schnellen kleinen Schritten bald auf die eine und bald auf die andere zu, wie das jene alten Gecken auf hohen Absätzen, welche man in Rußland „Mäusehengste“ nennt, zu tun pflegen, die sich gewandt und leicht um die Damen herumbewegen. Wenn er sich schnell und sicher zwischen den einzelnen Menschengruppen durchgewunden hatte, machte er einen Kratzfuß und schlug dabei mit dem Füßchen ein wenig aus, was gewissermaßen die Bedeutung eines Schnörkels oder eines Häkchens am Namenszug hatte. Die Damen waren sehr glücklich und befriedigt und entdeckten an ihm nicht nur einen ganzen Haufen von angenehmen und liebenswürdigen Seiten, sondern fanden sogar etwas Majestätisches, Kriegerisches und Martialisches im Ausdruck seines Gesichts, was den Frauen bekanntlich sehr gefällt. Ja man hätte sich seinetwegen beinahe ein wenig gezankt: es war bald von vielen bemerkt worden, daß Tschitschikow meist in der Nähe der Türe stand, und nun suchte alles die der Türe zunächstehenden Stühle zu besetzen, und als hierbei eine der Damen einer andern zuvorkam, hätte es beinahe einen unangenehmen Auftritt gegeben, wobei viele, die es selbst gern ebenso gemacht hätten, höchst empört über diese Unverfrorenheit und Taktlosigkeit waren.
Tschitschikow verwickelte sich bald in eine lebhafte Unterhaltung mit den Damen, oder wurde vielmehr von diesen in eine lebhafte Unterhaltung verwickelt, wobei er von ihnen mit einer wahren Fülle höchst feiner und geistreicher allegorischer Bemerkungen überschüttet wurde, die alle gedeutet und enträtselt werden mußten, so daß ihm der Schweiß auf die Stirn trat, und er sogar die vornehmste Anstandsregel zu erfüllen vergaß: nämlich der Frau des Hauses seine Aufwartung zu machen. Er erinnerte sich erst daran, als er dicht neben sich die Stimme der Frau Gouverneurin vernahm, die ihm schon einige Minuten lang gegenüberstand. Die Gouverneurin schüttelte freundlich den Kopf und sagte in zärtlichem und etwas schelmischem Tone zu ihm: „So sind Sie also, Pawel Iwanowitsch! ...“ Ich kann die Rede der Gouverneurin hier nicht genau reproduzieren, ich weiß nur, daß sie ihm einige äußerst freundliche und liebenswürdige Worte sagte, in der Art, wie sich die Damen und Kavaliere in den Romanen und Erzählungen unserer vornehmsten Schriftsteller auszudrücken pflegen, die mit besonderer Vorliebe das Leben in unseren Salons beschreiben und bei dieser Gelegenheit merken lassen, daß sie große Kenner des feinen Tones sind: sie sagte etwa: „Hat man sich bereits so sehr Ihres Herzens bemächtigt, daß darin gar kein Plätzchen, ja nicht einmal ein kleiner Winkel für die übrig geblieben ist, die Sie in so hartherziger Weise vergessen konnten?“ Unser Held wandte sich sogleich an die Gouverneurin und war schon im Begriff, ihr mit einer Antwort aufzuwarten, die sicherlich nicht schlechter gewesen wäre, als die, welche wir in unseren modernen Romanen und Novellen von den Swonskijs, Linskis, Lidins, Gremins und andern weltmännisch-gewandten Militärpersonen hören können, als er unwillkürlich die Augen aufschlug und plötzlich wie vom Schlage gerührt stehen blieb.
Vor ihm stand die Gouverneurin, aber nicht allein: sie hielt ein sechzehnjähriges junges Mädchen am Arm, eine frische Blondine, mit feinen regelmäßigen Zügen, spitzem Kinn und schön gerundetem Oval des Gesichts, das wohl einem Künstler als Modell zu einer Madonna hätte dienen können, wie man es in Rußland nur selten findet, wo alle Dinge mehr ins Weite schweifen: Berge und Wälder, Steppen, Gesichter, Lippen und Füße — es war dieselbe Blondine, welcher er unterwegs begegnet war, als er von Nosdrjow kam, und als ihre Wagen durch die Dummheit der Kutscher oder der Pferde auf so seltsame Weise zusammenstießen und mit ihrem Geschirr in einander gerieten, und als Onkel Mitjai und Onkel Minai den Knoten der Verwirrung lösen wollten. Tschitschikow wurde so verlegen, daß er kein vernünftiges Wort über die Lippen bringen konnte und einen so tollen Blödsinn herausstotterte, wie ihn allerdings weder Gremin noch Swonskij noch Lidin jemals vom Stapel gelassen hätten.
„Kennen Sie meine Tochter noch nicht?“ sagte die Gouverneurin. „Sie hat soeben das Pensionat verlassen.“
Er erwiderte, er habe bereits das Vergnügen gehabt, ganz unerwartet ihre Bekanntschaft zu machen; dann wollte er noch etwas hinzufügen, aber das mißglückte ihm vollständig. Nachdem die Gouverneurin noch ein paar Worte gesagt hatte, entfernte sie sich mit ihrer Tochter nach dem andern Ende des Saals, um sich den andern Gästen zu widmen, und ließ Tschitschikow wie angewurzelt stehen. Lange noch stand er auf demselben Fleck wie ein Mensch, welcher heiter auf die Straße hinaustritt, um einen Spaziergang zu machen, dessen Augen jedem Eindruck der Umgebung offen stehen, und der plötzlich stehen bleibt, weil er sich erinnert, daß er noch etwas vergessen hat; man kann sich überhaupt nichts Unbehilflicheres vorstellen, als solch einen Menschen: Mit einem Schlage ist die unbesorgte Miene von seinem Gesichte verschwunden. Mühsam sucht er sich zu erinnern, was er denn eigentlich vergessen hat: das Taschentuch? Aber das Taschentuch steckt in der Tasche! Sein Geld? Aber auch das Geld ist da! Nichts scheint zu fehlen, und doch raunt ihm ein unbekannter Dämon ins Ohr, er habe dennoch etwas vergessen. Verwirrt und kopflos blickt er auf die vorüberwogende Menge, die vorbeijagenden Equipagen, auf die Helme und Gewehre der Soldaten, die Aushängeschilder usw. und doch kommt ihm nichts klar zu Bewußtsein. So auch wurde Tschitschikow allem entfremdet, was um ihn her vor sich ging. Unterdessen flogen ihm von duftigen Frauenlippen mancherlei Fragen und Anspielungen zu, die Feinheit und Zärtlichkeit atmeten. „Dürften wir armen Erdenbewohner uns wohl erkühnen, Sie zu fragen, worüber Sie nachsinnen?“ — „Wo liegen die seligen Gefilde, wo Ihr Gedanke weilt?“ — „Kann man den Namen derjenigen erfahren, die Sie in dieses holde Tal der Träume gelockt hat?“ Aber er beachtete keine dieser Fragen, und die freundlichen Worte waren wie in den Wind gesprochen, ja er war so unliebenswürdig, daß er die Damen ruhig stehen ließ und sich nach der andern Seite des Saales begab, um auszuspähen, wohin die Gouverneurin mit ihrer Tochter entschwunden war. Aber die Damen wollten ihn doch nicht so leichten Kaufes davonkommen lassen — eine jede von ihnen war innerlich fest entschlossen, keins von jenen Mitteln, die unsern Herzen so gefährlich werden und keinen ihrer stärksten Reize unbenutzt zu lassen. Hier muß ich einschalten, daß einige Damen, ich sage einige und keineswegs alle — an einer kleinen Schwäche leiden: wenn sie etwas Reizvolles an sich bemerken, sei es nun die Stirn, der Mund oder die Hände — dann denken sie gleich, dieser höchste Vorzug müsse auch allen anderen sofort auffallen, sodaß alle wie ein Mann ausrufen sollten: „Seht, seht doch nur, was sie für eine herrliche griechische Nase hat!“ oder „Welch eine entzückende regelmäßige Stirn!“ Hat aber gar eine schöne Schultern, dann ist sie im voraus überzeugt, daß alle jungen Leute von ihrem Anblick ganz benommen sind und unbedingt ausrufen werden, wenn sie vorübergeht: „Nein, was hat sie für herrliche Schultern!“ während sie Gesicht, Haare, Augen und Stirne keines Blickes würdigen, und wenn sie doch hinsehen, diese Dinge als etwas ganz Nebensächliches behandeln werden. Wie gesagt, so denken einzelne unter den Damen. Diesen Abend aber hatte sich eine jede geschworen, beim Tanz so entzückend wie möglich zu erscheinen und die Vorzüge ihrer größten Reize in vollem Glanze erstrahlen zu lassen. Die Frau Postmeisterin ließ, während sie sich nach den Klängen eines Walzers drehte, ihr Köpfchen so matt und müde auf die Schulter sinken, daß man sich wirklich in eine höhere Welt versetzt glaubte. Eine äußerst liebenswürdige Dame, welche garnicht in der Absicht zu tanzen auf den Ball gekommen war, und bei der sich eine kleine Unannehmlichkeit oder Inkommodität, wie sie sich selbst ausdrückte, in Form eines Hühnerauges von der Größe einer Erbse auf dem rechten großen Zeh eingestellt hatte, sodaß sie sogar Plüschstiefel hatte anziehen müssen, — selbst diese litt es nicht auf ihrem Platze, und auch sie machte einige Walzertouren in ihren Plüschstiefeln, nur damit der Postmeisterin ihre Triumphe nicht allzusehr zu Kopfe stiegen.
Aber dies alles übte nicht die gewünschte Wirkung auf Tschitschikow; er blickte kaum hin auf die Pas und Figuren, welche die Damen ausführten, sondern erhob sich nur immer auf den Zehenspitzen, um über die Köpfe hinweg auszuschauen, wo sich die interessante Blondine gerade befand; bald hockte er wieder ein wenig nieder, um zwischen Schultern und Armen etwas von ihr zu erhaschen; und jetzt endlich hatte er gefunden, er sah sie neben der Mutter sitzen, über deren Haupt sich majestätisch eine Art orientalischer Turban mit einer Feder schaukelte. Fast schien es, als wolle er die Festung im Sturme nehmen. War es die Frühlingsstimmung, die so stark auf ihn wirkte, oder gab es jemand, der ihn von hinten stieß? Genug, er drängte sich entschlossen und unter Mißachtung aller Hindernisse bis zu ihnen durch: der Branntweinpächter erhielt von ihm einen Rippenstoß, daß er sich nur mit Not auf einem Beine zu erhalten vermochte, was noch ein Glück war, da er sonst den ganzen Reigen bei seinem Falle in Mitleidenschaft gezogen hätte; auch der Postmeister sprang zurück und sah ihn mit Staunen an, in das sich etwas wie feine Ironie mischte; aber Tschitschikow würdigte sie keines Blickes: er hatte für nichts ein Auge, als für die ferne Blondine, die gerade im Begriff war, einen langen Handschuh anzuziehen und sicherlich vor Verlangen brannte über das Parkett dahinzuschweben. Währenddessen holzten in der andern Ecke schon vier Paare eine Mazurka ab: die Absätze zerstießen fast den Boden, und ein Hauptmann der Armee arbeitete mit Leib und Seele, Händen und Füßen, indem er sich in solchen Figuren produzierte, wie sie die lebhafteste Phantasie sich nicht hätte träumen lassen. Tschitschikow schoß fast über die Füße der Tänzer hinweg geradenwegs auf den Platz zu, wo die Gouverneurin mit ihrer Tochter saß. Allein, er näherte sich ihnen doch nur sehr zaghaft und trippelte nicht so forsch und keck mit den Füßen, ja er wurde sogar etwas verlegen und in all seinen Bewegungen kam eine gewisse Hilflosigkeit zum Ausdruck.
Es läßt sich nicht mit Bestimmtheit sagen, ob in unserm Helden sich wirklich etwas wie Liebe regte; es ist sogar zweifelhaft, ob Männer wie er, oder solche, die nicht gerade dick, aber doch auch nicht allzu dünn sind, überhaupt der Liebe fähig sind; und doch spielte sich hier etwas so Seltsames ab, daß er es sich selbst nicht erklären konnte: es kam ihm so vor, wie er es nachher selbst eingestand, als ob der ganze Ball mit all seinem Rausch und Trubel auf einige Augenblicke wie in weite Ferne gerückt sei, die Geigen und Trompeten schienen wie hinter den Bergen zu verhallen, und alles lag wie im Nebel gehüllt da, der einem nachlässig hingemalten Felde auf einem Gemälde glich. Und von dem Hintergrunde dieses trüben, nachlässig auf die Leinwand geworfenen Feldes hoben sich allein die feinen Züge der entzückenden jungen Blondine scharf und deutlich ab: das reizende Oval ihres Gesichtes, ihre schlanke elastische Gestalt, wie man sie nur bei einem jungen Mädchen trifft, das eben aus dem Pensionate kommt, ihr beinahe schlichtes weißes Kleid, welches sich frei und leicht an die zarten jungen Glieder schmiegte, und überall die herrlichen reinen Linien erkennen ließ. So glich sie einem wunderbaren, kunstvoll geschnitzten Spielzeug aus Elfenbein; sie allein leuchtete schneeweiß, klar und hell aus der trüben dunkelen Masse hervor.
Es ist wohl nicht anders auf dieser Welt; offenbar werden auch die Tschitschikows einmal in ihrem Leben, wenn auch nur für einen kurzen Augenblick, zu Dichtern; doch das Wort Dichter ist ein wenig übertrieben. Wenigstens kam er sich in diesem Moment ganz wie ein junger Mann oder gar wie ein fescher Husar vor. Sowie ein Stuhl neben der Schönen frei wurde, nahm er sofort auf ihm Platz. Das Gespräch wollte zuerst nicht recht vom Flecke kommen, aber nach einiger Zeit kam es in Fluß, er bekam sogar Mut, aber .... Hier muß ich zu meinem großen Bedauern bemerken, daß ältere, würdige Leute, die wichtige Ämter im Staate bekleiden, gerade in der Unterhaltung mit Damen ein bißchen schwerfällig werden; so richtig raus haben das nur die Leutnants, dagegen gilt dies nicht mehr für die höheren Offiziere, vom Hauptmann aufwärts. Wie sie das anfangen, das weiß der liebe Gott: es sind doch wahrhaftig keine abgrundtiefen Dinge, die sie da vorbringen, aber die jungen Mädchen schütteln sich auf ihren Stühlen vor Lachen; dagegen kann euch ein Staatsrat die wundersamsten Dinge erzählen: sich etwa darüber verbreiten, daß Rußland ein gewaltiges Reich ist, oder ein Kompliment vom Stapel lassen, das natürlich nicht ohne Geist ist, aber dies alles schmeckt doch zu sehr nach Bücherweisheit, und wenn er etwas Komisches sagt, dann lacht er sicherlich unvergleichlich viel mehr darüber, als seine Dame. Ich mache diese Bemerkung an dieser Stelle, damit die Leser verstehen, warum unsere Blondine während der Erzählungen unseres Helden zu gähnen begann. Unser Held aber schien das garnicht zu bemerken und fuhr fort all die schönen Dinge auszukramen, die er schon mehrfach und bei verschiedenen Gelegenheiten zum Besten gegeben hatte, und zwar: im Gouvernement Simbirsk bei Sophron Iwanowitsch Bespetschny, in Gegenwart von dessen Tochter Adelheide Sophronowna und drei Schwägerinnen: Marha Gawrilowna, Alexandra Gawrilowna und Adelheid Gawrilowna; ferner bei Fjoder Fjodorowitsch Perekrojew im Gouvernement Rjasan; bei Frol Wossiljewitsch Pobedonski im Gouvernement Pensa und bei dessen Bruder Pjotr Wassiljewitsch, in Gegenwart von dessen Schwägerin Katarina Michailowna und deren Enkelkindern: Rosa Fjodorowna und Emilia Fjodorowna; und endlich im Gouvernement Wjatka bei Pjotr Warßonowjewitsch in Gegenwart der Schwester seiner Schwiegertochter Pelageja Jegorowna und seiner Nichte Sofja Rostislawna und deren beiden Stiefschwestern Sofja Alexandrowna und Maklatura Alexandrowna.
Tschitschikows Benehmen erregte das Mißfallen aller Damen. Eine von ihnen ging absichtlich an ihm vorbei, um ihm dies zu verstehen zu geben, und streifte die Blondine sogar etwas nachlässig mit der breiten Schleppe ihres Kleides, während sie den Shawl, der um ihre Schultern flatterte, so dirigierte, daß sie die junge Dame mit dem Zipfel gerade ins Gesicht traf; um dieselbe Zeit entfloh dem Munde einer anderen Dame hinter Tschitschikows Rücken zugleich mit dem Veilchengeruch der von ihr ausströmte, eine recht boshafte und bissige Bemerkung. Aber sei es nun, daß er in der Tat nichts davon gehört hatte, sei es, daß er bloß so tat, als ob er nichts höre, genug, seine Handlungsweise war in diesem Falle nicht sehr korrekt und schön, denn man soll etwas auf die Meinung der Damen geben: er sollte seinen Fehler bereuen, aber leider erst nachher, als es schon zu spät war.
Eine wirklich berechtigte Empörung malte sich in vielen Zügen. So groß auch Tschitschikows Ansehen in der Gesellschaft war, so sehr man davon überzeugt war, daß er Millionär sei, und obwohl sein Gesicht einen majestätischen und sogar martialischen Ausdruck hatte, — es gibt Dinge, welche die Damen keinem Manne verzeihen, er mag sein, wer er will, und sein Untergang ist besiegelt. Es gibt Fälle, wo die Frau, so charakterschwach sie auch im Vergleich mit dem Manne ist, plötzlich nicht nur fester und unbeugsamer wird, als der Mann, sondern als alles in der Welt. Die Mißachtung, die Tschitschikow, ohne es eigentlich selbst zu bemerken, den Damen erwiesen hatte, führte wieder zum Frieden und zur Einigung, die durch den Vorfall mit dem Stuhl beinahe in die Brüche gegangen wäre. In den von ihm leicht hingeworfenen ganz unwichtigen und belanglosen Reden entdeckte man plötzlich boshafte und spitzige Anspielungen. Um das Unglück zu vollenden, hatte noch ein junger Mann ein paar satirische Strophen auf die Tänzer gedichtet, ohne das es bekanntlich bei Bällen in der Provinz, beinahe nie abgeht. Sofort wurden diese Verse Tschitschikow zugeschrieben. Die Empörung wurde immer größer, die Damen standen in den verschiedenen Ecken des Saales zusammen und tuschelten miteinander, wobei einige sehr unfreundliche Äußerungen über ihn fielen; die arme Blondine aber ward vollkommen vernichtet, ihr Todesurteil war unterschrieben.
Inzwischen wartete unseres Helden eine höchst peinliche Überraschung; während seine junge Nachbarin gähnte, und er ihr allerhand Geschichten aus den entferntesten Zeitläuften erzählte, und sogar den griechischen Philosophen Diogenes erwähnte, erschien plötzlich Nosdrjow auf der Bildfläche, der gerade aus einem der hinteren Zimmer in den Saal trat. Kam er aus dem Restaurationsraum oder war er aus dem kleinen grünen Zimmer entsprungen, wo nicht bloß Whist, sondern weit weniger harmlose Spiele gespielt wurden, erschien er aus freien Stücken, oder war er herausgeschmissen worden, genug, er trat plötzlich fröhlich und sehr aufgeräumt in den Saal, den Staatsanwalt am Arme, den er wohl schon eine ganze Weile mit sich herumschleppte, denn der arme Staatsanwalt runzelte seine Stirne und schaute nach allen Seiten aus, wahrscheinlich weil er darüber nachsann, wie er sich von seinem freundlichen Reisebegleiter befreien könne. Und in der Tat, seine Lage war wirklich unerträglich. Nosdrjow hatte zwei Tassen Tee — natürlich nicht ohne Rumzusatz heruntergeschlürft und sich Mut getrunken. Jetzt log er wieder, daß sich die Balken bogen. Als Tschitschikow ihn von ferne erblickte, entschloß er sich sogar ein Opfer zu bringen, das heißt seinen angenehmen Platz zu verlassen, und sich so schnell als möglich zu entfernen: denn er versprach sich nichts Gutes von dieser Begegnung. Aber wie zum Trotz tauchte plötzlich der Gouverneur neben ihm auf, um ihm seine große Freude darüber auszudrücken, daß er Pawel Iwanowitsch endlich gefunden habe, und hielt ihn fest, indem er ihn bat, Schiedsrichter in einem kleinen Streit mit zwei Damen zu sein; man konnte sich nämlich nicht darüber einigen ob die Liebe der Frau von Dauer sei oder nicht; jetzt aber hatte Nosdrjow ihn schon bemerkt und ging geradewegs auf ihn zu:
„Ah! Der Chersoner Gutsbesitzer! Der Chersoner Gutsbesitzer!“ schrie er, während er näher kam und so laut lachte, daß seine frischen Backen, die so rot waren wie Frühjahrsrosen, nur so zitterten: „Nun? Hast du viel Tote gekauft? Sie wissen doch Exzellenz!“ schrie er aus vollem Halse, indem er sich an den Gouverneur wandte, „er handelt mit toten Seelen! Bei Gott! Hör mal Tschitschikow! Hör doch, ich sag dir’s in aller Freundschaft, wir sind doch hier unter lauter Freunden, da ist ja auch Seine Exzellenz, ich würde dich hängen lassen, bei Gott, ich lasse dich hängen!“
Tschitschikow wußte nicht mehr, wie ihm wurde. „Sie werden mir’s nicht glauben, Exzellenz!“ fuhr Nosdrjow fort: „wie er mir sagte: ‚Hör mal, verkauf mir doch deine toten Seelen,‘ da bin ich fast geplatzt vor Lachen. Dann komme ich in die Stadt, und da sagt man mir, er habe drei Millionen Bauern gekauft, die er zur Kolonisation verwenden will, schöne Kolonisation das! Er wollte mir doch Tote abkaufen. Hör mal Tschitschikow: du bist ein Schwein, bei Gott, du bist ein Schwein! Da ist ja auch seine Exzellenz, nicht wahr, Herr Staatsanwalt?“
Aber der Staatsanwalt und Tschitschikow waren so verlegen und verwirrt, daß sie gar keine Antwort fanden; unterdessen aber fuhr Nosdrjow, der ein wenig angeheitert war, ohne auf irgend jemand Rücksicht zu nehmen, in seiner Rede fort: „Ja, ja mein Bester ... ich lasse dich nicht eher los, als bist du mir sagst, wozu du die toten Seelen gekauft hast. Hör mal, Tschitschikow, du solltest dich schämen; du weißt ja selbst, daß du keinen besseren Freund hast, als mich. Sieh mal, da ist ja auch Seine Exzellenz ... nicht wahr, Herr Staatsanwalt? Sie werden es nicht glauben, Exzellenz, wie wir aneinander hängen, tatsächlich, wenn Sie mich fragten — hier steh ich, und wenn Sie mich fragten: ‚Nosdrjow, sag mal auf Ehre und Gewissen, wer ist dir lieber, dein eigener Vater oder Tschitschikow!‘ so müßte ich sagen: Tschitschikow! Bei Gott! ... Herzchen komm laß mich dir einen Kuß, einen Baiser geben. Sie werden wohl erlauben, daß ich ihn küsse, Exzellenz. Sträube dich doch nicht Tschitschikow, laß mich dir doch ein Baiserchen auf deine schneeweiße Wange drücken!“ Aber Nosdrjow kam mit seinem Baiser so übel an, daß er beinahe auf den Boden geflogen wäre. Alle zogen sich von ihm zurück und hörten nicht mehr auf ihn. Allein seine Worte von dem Kauf der toten Seelen waren doch so laut aus vollem Halse herausgeschrieen und von einem so schallenden Gelächter begleitet worden, daß sie selbst die Aufmerksamkeit der Gäste auf sich lenkten, die sich in den entferntesten Ecken des Zimmers befanden. Diese Nachricht klang so seltsam, daß alle starr und stumm, mit einem halb fragenden, halb törichten Ausdruck auf dem Gesichte dastanden. Tschitschikow bemerkte, wie mehrere Damen sich mit den Augen Zeichen machten und sich boshaft und gehässig zulächelten, und er glaubte in manchen Gesichtern etwas ganz Eigentümliches und Zweideutiges zu entdecken, was die allgemeine Verlegenheit noch verstärkte. Daß Nosdrjow ein Erzlügner und Schwindler war, das wußte jedermann, und es wäre keinem Menschen aufgefallen, wenn er etwas ganz Unsinniges und Törichtes von ihm gehört hätte; aber der sterbliche Mensch ist — nein, es ist wirklich schwer zu verstehen, wie dieser sterbliche Mensch nun eigentlich beschaffen ist; so albern und läppisch eine Neuigkeit auch sein mag, wenn es nur eine Neuigkeit ist, so wird er sie unbedingt einem andern Sterblichen mitteilen, wenn auch nur um zu sagen: „Was sie da wieder für ein Lügenmärchen verbreiten!“ Und der andre Sterbliche wird höchst vergnügt die Ohren spitzen, wenn er auch später sagen wird: „Aber das ist doch eine gemeine Lüge, der man gar keine Beachtung schenken sollte!“ Und gleich darauf wird er sich aufmachen und sich einen dritten Sterblichen suchen, um ihm die Geschichte zu erzählen und dann mit ihm zusammen in edler Empörung auszurufen: „Was für eine gemeine Lüge!“ Und so wird das Gerücht die Runde durch die ganze Stadt machen, und alle Sterblichen, soviel ihrer da sind, werden solange über die Sache sprechen, bis sie sie satt kriegen, und dann behaupten, die ganze Geschichte sei es nicht wert, daß man über sie rede.
Diese anscheinend so unbedeutende und belanglose Begebenheit hatte unseren Helden indessen merklich verstimmt. So dumm und albern auch die Reden eines Narren sind, oft reichen sie doch hin, um auch einen klugen Mann in Verlegenheit zu bringen. Er fühlte sich plötzlich sehr unbehaglich und peinlich berührt, wie wenn er mit einem schöngeputzten Stiefel in eine schmutzige, stinkende Pfütze getreten wäre; mit einem Wort, es war nicht schön, garnicht schön! Er versuchte es, nicht daran zu denken, sich zu vergessen, zu zerstreuen, setzte sich sogar an den Whisttisch, aber es ging alles schief wie ein verbogenes Rad: zweimal spielte er die falsche Farbe aus, er vergaß sogar einmal, daß er eine Karte nicht stechen durfte, holte mit der Hand aus und übertrumpfte seine eigene Karte. Der Gerichtspräsident konnte es durchaus nicht verstehen, wie es bloß möglich war, daß Pawel Iwanowitsch, der ein so guter, ja man kann sagen feiner Spieler war, sich solche Schnitzer zuschulden kommen und sogar seinen Pique-König übertrumpfen lassen konnte, auf den er seine ganze Hoffnung gesetzt hatte, wie auf den lieben Gott; dies waren seine eigenen Worte. Natürlich machten sich der Postmeister, der Gerichtspräsident und sogar der Polizeimeister, wie das zu geschehen pflegt, ein wenig über unsern Helden lustig und neckten ihn damit, daß er wohl gar verliebt sei und daß Pawel Iwanowitsch, wie sie ja wüßten, ein leicht entzündliches Herz habe. Auch sei es ihnen bekannt, wer es verwundet hätte. Aber dieses war kein Trost für ihn, so sehr er es auch versuchte, zu lächeln und die Scherze mit Scherzen zu beantworten. Beim Abendessen wollte es ihm auch nicht gelingen, sich so recht zur Geltung zu bringen, obwohl die Tischgesellschaft sehr angenehm war und trotzdem man Nosdrjow schon längst hinausbefördert hatte, weil selbst die Damen schließlich anerkennen mußten, daß sein Benehmen gar zu skandalös war. Während des Kotillons hatte er nämlich ganz plötzlich auf dem Parkett Platz genommen und die Tänzer bei den Frackschößen gepackt, was nach dem Ausdruck der Damen, schon ein ganz unmögliches Betragen war. Das Abendessen war sehr lustig: Alle Gesichter, die zwischen den dreiarmigen Leuchtern, Blumen, Flaschen und Schüsseln mit Konfekt hindurchschimmerten, glänzten vor eitel Freude und Befriedigung. Die Offiziere, die Damen und die befrackten Herren — flossen alle über vor Liebenswürdigkeit bis zum Überdruß. Ein Oberst überreichte sogar seiner Dame die Saucenschüssel, indem er sie auf der nackten Degenspitze balancierte. Die älteren Herren, in deren Mitte auch Tschitschikow saß, debattierten eifrig, und jedes treffende Wort wurde von einem kernhaften Bissen Fisch oder Fleisch, der nur so von Senf triefte, begleitet; man stritt gerade über die Gegenstände, für die sich Tschitschikow immer lebhaft interessiert hatte, und doch glich er heute Abend einem Menschen, der müde und zerschlagen von einem langen Wege heimgekehrt ist, dessen Gehirn ihm den Dienst verweigert und dem nichts mehr einfallen will. So wartete er denn nicht einmal das Ende des Soupers ab, und fuhr viel früher nach Hause, als dies sonst seine Gewohnheit war.
Dort in jenem Zimmer, das der Leser so gut kennt, mit der Kommode, die vor der Türe stand, und den hie und da aus den Ecken herausguckenden Schwabenkäfern, wollten indessen sein Geist und seine Gedanken ebenso wenig zur Ruhe kommen, wie der wacklige Lehnstuhl, in dem er saß. Es war ihm sehr schwer ums Herz. Eine lastende Leere quälte ihn: „Wenn doch alle die Menschen, welche diese Bälle erfunden haben, der Teufel holte!“ rief er wütend. „Welchen Anlaß haben sie nur, so zu jubeln? In der Provinz herrschen Mißernte, Teuerung und Hungersnot, und sie geben Bälle! Auch was Rechtes: hüllen sich da in alte Weiberlappen. Denken Wunder was sie sind, wenn sie mehr als tausend Rubel auf ihrem Leibe tragen! Das muß doch schließlich der Bauer mit seiner Steuer bezahlen, und am Ende fällt es gar auf unsereinen zurück. Man weiß doch, weswegen die Herren so heucheln und sich dennoch bezahlen lassen: um ihrer Frau einen teuren Shawl, Roben und weiß der Teufel wie sie es sonst noch nennen zu kaufen! Und wozu das alles? Damit nur ja keins von diesen liederlichen Frauenzimmern sagen kann, die Frau Postmeisterin habe ein besseres Kleid angehabt, — deswegen schmeißt man tausend Rubel aus dem Fenster. Da schreit man: ein Ball, ein Ball, wie amüsant! Ich mache mir einen Dreck aus so ’nem Ball, das entspricht dem russischen Wesen gar nicht, das ist eine ganz unrussische Einrichtung. Pfui Teufel noch einmal: kommt da plötzlich ein reifer erwachsener Mensch im schwarzen Frack wie ein nackter, gerupfter Teufel angesprungen und fuchtelt mit den Beinen hin und her. Und ein anderer steht wohl gar mit einem andern zusammen, unterhält sich mit ihm über eine ernste Angelegenheit und führt rechts und links allerlei Arabesken auf dem Fußboden aus ... Das ist alles nichts wie Nachäfferei; nichts wie Nachäfferei. Weil der Franzose mit vierzig Jahren noch gerad so ein Kind ist, wie mit fünfzehn, darum müssen wir’s auch so machen! Nein wirklich, nach jedem Ball ist mir zumute als hätte ich irgendein Verbrechen begangen, man möchte lieber gar nicht daran denken! Der Kopf ist einem so leer wie nach einem Gespräch mit einem vornehmen Weltmann: der schwatzt einem was vor, berührt alles nur ganz obenhin, tischt einem was auf, was er sich aus Büchern zusammengerafft hat; das klingt alles sehr schön und nett, und doch ist einem der Kopf grad so leer, wie vordem; so daß man schließlich überzeugt ist, daß eine Unterhaltung mit einem einfachen Kaufmann, der nichts kennt wie sein Geschäft, es dafür aber auch gründlich und aus dem ff kennt, mehr wert ist als all diese Kinkerlitzchen. Was hat man nun von solch einem Ball? Wenn es zum Beispiel einem Schriftsteller einfiele, diese ganze Szene zu schildern, genau so wie sie sich abgespielt hat? Sie würde sich doch in einem Buche genau so töricht und albern ausnehmen wie in Natur. Man weiß wirklich nicht, wie sie wirken würde: sittlich oder unsittlich? Weiß der Teufel, was das ist. Man würde nur ausspucken und das Buch zuklappen!“ So unfreundlich äußerte sich Tschitschikow über die Bälle im allgemeinen; aber ich glaube, sein Unwillen hatte auch noch einen andern Grund. Was ihn am meisten ärgerte, war in Wahrheit garnicht der Ball, sondern der Umstand, daß er hereingefallen, plötzlich vor allen Leuten in Gott weiß was für einem Lichte erschienen war, und dabei eine so seltsame und höchst zweideutige Rolle gespielt hatte. Freilich, wenn er das Vorgefallene mit dem Auge eines vernünftigen Menschen überschaute, sah er, daß das alles nur Kleinigkeiten waren, und daß ein törichtes Wort gar nichts zu bedeuten habe, besonders jetzt, wo die Hauptsache bereits glücklich vollendet und erledigt war. Aber — so seltsam ist nun einmal der Mensch: was ihn so tief betrübte, war dies, daß er sich die Zuneigung derselben Menschen verscherzt hatte, die er doch selbst nicht achtete, über die er so hart urteilte und die er wegen ihrer Eitelkeit und Putzsucht so scharf getadelt hatte. Das ärgerte ihn um so mehr, als er sich bei genauerer Prüfung eingestehen mußte, daß er selbst einige Schuld daran trug. Trotzdem zürnte er sich selber nicht im geringsten und darin hatte er natürlich recht. Wir leiden alle an dieser kleinen Schwäche, daß wir uns selbst gerne etwas schonen und uns lieber irgend einen von unseren Nächsten aussuchen, an dem wir unseren Ärger auslassen können, entweder einen Diener oder einen von unseren Untergebenen, der uns gerade in den Weg läuft, oder unsere Frau, oder endlich gar einen Stuhl, den wir gegen die Türe oder weiß der Teufel wohin schleudern, sodaß ein Bein oder die Lehne bricht, damit die Herrschaften unseren Zorn einmal gründlich kennen lernen! So fand auch Tschitschikow bald einen Nächsten, der alles auf seinen Schultern davon tragen mußte, was ihm sein Zorn eingab. Dieser liebe Nächste war Nosdrjow, und es läßt sich nicht leugnen, daß er so kräftig von hinten und vorne und von allen Seiten vermöbelt wurde, wie höchstens noch irgend ein Spitzbube von einem Dorfschulzen oder ein Postkutscher von einem Reisenden, einem Hauptmann mit reicher Erfahrung oder unter Umständen auch von einem General vermöbelt wird, welcher zu den vielen klassischen Schimpfworten, die er ihm an den Kopf wirft, noch eine ganze Reihe von andern unbekannten auskramt, die seinem eigensten Erfindergeist entspringen. Nosdrjows ganzer Stammbaum wurde hergenommen, und vielen Mitgliedern seiner Familie in aufsteigender Linie wurde stark mitgespielt.
Aber während Tschitschikow so von trüben Gedanken geplagt, schlaflos in seinem harten Lehnstuhle saß und Nosdrjow samt seiner ganzen Familie tüchtig durchhechelte, während das Talglicht langsam niederbrannte, dessen Docht schon ellenlang verkohlt war, sodaß die Kerze jede Minute zu verlöschen drohte, während undurchdringliche nächtliche Finsternis durchs Fenster blickte, und bei der nahenden Morgenröte schon im Begriff war, in blaue Dämmerung umzuschlagen, während sich in der Ferne ab und zu ein paar Hähne ihren Weckruf zukrähten, und irgendwo ein Unglücklicher von unbekanntem Stand und Herkommen in einfachem Wollmantel heimlich durch die stillen Straßen der verschlafenen Stadt schlich, er, der nur den einen (leider nur den einen!) von dem unbändigen russischen Volke ausgetretenen Weg kennt — spielte sich am andern Ende der Stadt ein Vorgang ab, welcher die peinliche Lage unseres Helden noch verschlimmern sollte. Durch die entlegenen Straßen und Gäßchen rasselte nämlich in diesem Augenblick ein gar seltsames Gefährt, für welches nicht gleich ein Name zu finden wäre. Es hatte weder Ähnlichkeit mit einem Bauernwagen, noch mit einer Kutsche, noch mit einer Equipage, sondern glich eher einer pausbäckigen, dickbauchigen Wassermelone, die man auf ein paar Räder gestellt hatte. Die Backen dieser Wassermelone, d. h. die Wagentüren, welche noch Spuren von gelber Farbe aufwiesen, schlossen sehr schlecht wegen des üblen Zustandes, in dem sich die Klinken und Schlösser befanden, die nur notdürftig mit ein paar Stricken zusammengebunden waren. Diese Wassermelone war mit Kattunkopfkissen, die wie Tabaksbeutel, Rollkissen oder gewöhnliche Kissen aussahen, und mit Säcken voll Getreide, Semmeln, Wecken und Bretzeln aus gebrühtem Teig angefüllt. — Oben guckten sogar eine Hühner- und eine Salzpastete heraus. Auf dem Trittbrett stand eine Gestalt, von lakaienhaftem Aussehen in einer gesprenkelten Jacke. Sie war unrasiert, und ihre Haare begannen schon zu ergrauen. Mit einem Wort, es war die bekannte Figur, die bei uns zu Lande „Bursch“ genannt zu werden pflegt. Der Lärm und das Gerassel der eisernen Klammern und rostigen Schrauben weckten den Wächter am andern Ende der Stadt, sodaß er seine Hellebarde aufrichtete und noch schlaftrunken aus voller Kehle: Wer da? rief. Als er jedoch bemerkte, daß niemand da war, und nur ein starkes Rasseln aus der Ferne herüber tönte, machte er sich flugs daran ein Tierchen, das auf seinem Kragen saß, zu fangen, worauf er sich der Laterne näherte, um hier eigenhändig das Todesurteil auf seinem Nagel zu vollstrecken. Dann ließ er die Hellebarde wieder aus der Hand sinken, um nach den Satzungen seines Ritterordens wieder einzuschlafen. Die Pferde stolperten über ihre Vorderbeine, weil sie nicht beschlagen waren und weil sie offenbar das bequeme Stadtpflaster noch nicht genügend kannten. Die Kalesche machte noch ein paar Wendungen, indem sie aus einer Straße in die andere einbog, und nahm endlich ihren Weg durch eine dunkle Gasse an der kleinen Pfarrkirche St. Nikolaus vorüber, um vor dem Hause der Frau Oberpfarrer Halt zu machen. Aus dem Wagen kroch ein Mädchen in einem Flausrock und einem Tuch um den Kopf, und hämmerte mit beiden Fäusten so stark auf das Tor los, wie ein Mann. (Der Bursche in dem gesprenkelten Rock wurde erst nachher an den Füßen von seinem Standort heruntergezogen, denn er schlief so fest wie ein Toter.) Die Hunde fingen an zu bellen. Nach einiger Zeit öffnete sich auch das Tor und verschlang, wenn auch nicht ohne Mühe, dieses plumpe Vehikel. Der Wagen rollte in den engen Hof, in dem Holz aufgestapelt war, und in dem sich mehrere Hühnerställe und andere Ställe befanden; zuletzt stieg noch eine Dame aus dem Wagen; dies war die Gutsbesitzerin und Kollegiensekretärin Korobotschka. Die alte Dame war bald nach der Abreise unseres Helden in große Unruhe und Aufregung darüber geraten, daß sie von ihm betrogen sein könnte, und hatte sich nach drei schlaflos verbrachten Nächten endlich entschlossen, nach der Stadt zu fahren, obwohl die Pferde nicht beschlagen waren, um dort Erkundigungen darüber einzuziehen, welchen Kurs die toten Seelen hätten, und ob es nicht am Ende eine große Torheit war, als sie sich überreden ließ, sie so billig zu verkaufen. Was ihre Ankunft für Folgen hatte, kann der Leser aus einer Unterhaltung entnehmen, welche bald darauf zwischen zwei Damen stattfand. Diese Unterhaltung .... doch diese Unterhaltung mag lieber im nächsten Kapitel stattfinden.
Eines Morgens, noch vor der Stunde, wo in der Stadt N. die Besuchszeit beginnt, flatterte aus der Türe eines orangefarbenen, hölzernen Hauses mit einem Erker und einigen blau angestrichenen Säulen, eine Dame in einem eleganten gestreiften Kleidchen heraus, begleitet von einem Lakai in einem Mantel mit mehreren Kragen und einem runden glänzenden Hut mit goldenen Tressen. Die Dame hüpfte eilig die steile Treppe hinab, um gleich darauf in dem vor der Türe haltenden Wagen zu verschwinden. Der Lakai warf sogleich die Wagentüre zu, sprang auf das Trittbrett und schrie dem Kutscher „Vorwärts!“ zu. Die Dame brachte eine Neuigkeit mit, die sie soeben erfahren hatte, und spürte ein schier unüberwindliches Verlangen, sie auch anderen Leuten mitzuteilen. Sie blickte jeden Augenblick aus dem Fenster und mußte sich zu ihrem unendlichen Ärger überzeugen, daß sie kaum mehr als die Hälfte des Weges zurückgelegt hatte. Jedes Haus kam ihr heute länger vor als gewöhnlich, das armselige Asyl für alte Frauen mit seinen schmalen Fenstern schien gar kein Ende nehmen zu wollen, so daß die Dame es schließlich nicht mehr aushielt und ausrief: „Das verfluchte Haus, ist es denn noch immer nicht zu Ende!“ Der Kutscher hatte schon zweimal den Befehl erhalten, sich doch zu beeilen: „Schneller, schneller, Andrjuschka! Du fährst ja heute unerträglich langsam!“ Endlich war das Ziel erreicht. Die Kutsche hielt vor einem einstöckigen hölzernen Haus von dunkelgrauer Farbe mit weißen Basreliefs über den Fenstern, vor denen sich ein hohes Holzgitter befand; ein schmaler Staketenzaun friedigte das Ganze ein, dahinter standen ein paar magere Bäumchen, die beständig mit Straßenstaub bedeckt waren und daher ganz weiß aussahen. An den Fenstern sah man einige Blumentöpfe, einen Papagei, der sich in seinem Käfig schaukelte, indem er sich mit seinem Schnabel an ein Stäbchen anhakte, und zwei Hündchen, die in der Sonne schliefen. In diesem Hause wohnte eine treue und aufrichtige Freundin der soeben eingetroffenen Dame. Der Autor ist in großer Verlegenheit, wie er beide Damen bezeichnen soll und zwar so, daß ihm niemand deswegen zürne, wie man dies ehemals zu tun pflegte. Irgend einen Familiennamen erfinden — das wäre zu gefährlich. Was er auch für einen Namen wählen würde — es würde sich ganz sicher in irgend einem Winkel unseres Landes — groß genug ist es dazu — jemand finden, der denselben Namen trägt, ihm ganz ernstlich böse sein, sein Todfeind werden und sagen würde, der Autor sei allein deswegen hingereist, um im geheimen zu erforschen und zu erfahren, wer dieser Jemand eigentlich sei, in was für einem Pelz er spazieren gehe, bei welcher Frau Agrafena Iwanowna er verkehre, und was seine Lieblingsgerichte seien; oder nenne ihn bei seinem Rang und Titel — so begibst du dich in eine noch größere Gefahr. Gott behüte! Heutzutage sind alle Berufe und Stände bei uns so empfindlich geworden, daß sie alles, was sie in einem Buche gedruckt lesen, sofort für eine persönliche Beleidigung halten: das liegt nun mal so in der Luft. Man braucht nur zu erklären: in der und der Stadt gebe es einen dummen Kerl — sofort ist’s eine persönliche Beleidigung: im Handumdrehen meldet sich schon ein Herr von sehr würdigem Äußeren und schreit einen an: „Ich bin doch auch ein Mensch, also bin ich wohl dumm?“ Mit einem Wort, er hat es sogleich heraus, um was es sich handelt. Und darum wollen wir, um all diesen unangenehmen Eventualitäten aus dem Wege zu gehen, die Dame, welche den Besuch erhielt, so nennen, wie sie fast einstimmig von der ganzen Stadt N. genannt wurde: nämlich: die in jeder Beziehung angenehme Dame. Diesen Namen hatte sie von Rechts wegen erhalten, denn sie hatte in der Tat kein Mittel gescheut, um im höchsten Grade angenehm und liebenswürdig zu erscheinen, obwohl freilich aus ihrer Liebenswürdigkeit oft die ganze Schlauheit und Gewandtheit des weiblichen Charakters hervorblickte, und in manch einem ihrer stets angenehmen Worte eine ganz gefährliche Spitze verborgen lag! Garnicht erst davon zu reden, was für ein Grimm gegen jede in ihrem Herzen kochte, die es gewagt hätte, auf irgend eine Weise in eine erste Stellung einzurücken. Aber dies alles kleidete sich in das Gewand feinster weltmännischer Formen, wie man sie nur in einer Provinzstadt finden kann. Jede ihrer Bewegungen war geschmackvoll, sie schwärmte sehr für lyrische Gedichte, verstand es sogar, hin und wieder ihr Köpfchen träumerisch auf die Schulter sinken zu lassen, mit einem Wort, alle waren einverstanden, daß sie wirklich eine in jeder Beziehung angenehme Dame sei. Die andre Dame, das heißt jene, welche soeben angekommen war, hatte keinen so vielseitig veranlagten Charakter, und daher wollen wir sie bloß die angenehme Dame nennen. Ihre Ankunft weckte die Hündchen, welche sich auf der Fensterbank sonnten: die zottige Adèle, die sich beständig in ihrem eigenen Pelze verstrickte und den Rüden Potpourri, der zwei Paar äußerst dünne Beinchen hatte. Beide stürzten mit geringelten Schwänzen und unter lebhaftem Gebell ins Vorzimmer, wo die neuangekommene Dame sich soeben ihres Shawles entledigte und nun in einem Kleid von neustem Schnitt und moderner Farbe, mit einer langen Boa um den Hals dastand. Ein intensiver Jasmingeruch verbreitete sich durch das ganze Zimmer. Kaum hatte die in jeder Beziehung angenehme Dame von der Ankunft der bloß angenehmen Dame erfahren, als auch sie schon ins Vorzimmer gelaufen kam. Beide Freundinnen ergriffen sich bei der Hand, küßten sich und schrieen dabei auf, wie zwei junge Mädchen, die sich bald nach ihrer Entlassung aus dem Pensionat wieder treffen, bevor noch die beiden Mütter ihnen klar gemacht haben, daß der Vater der einen ärmer und kein so hoher Beamter ist, als der Vater der andern. Sie küßten sich so laut, daß beide Hündchen wieder zu bellen begannen, wofür sie einen sanften Schlag mit dem Tuche erhielten, — und beide Damen begaben sich in den natürlich blautapezierten Salon, in dem ein Sofa, ein ovaler Tisch und ein paar Fensterschirme standen, um die sich Efeu rankte; nach ihnen kam die zottige Adèle und der große Potpourri mit den langen Beinen knurrend ins Zimmer gelaufen. „Hierher, hierher, in dieses Eckchen!“ sagte die Hausfrau, indem sie den Gast in einer Ecke des Sofas Platz nehmen ließ. „So ist’s schön, so ist’s recht! Da haben Sie auch ein Kissen!“ Mit diesen Worten schob sie jener ein schön gesticktes Kissen in den Rücken; die Stickerei stellte einen von jenen Rittern dar, wie sie gewöhnlich auf Tülle gestickt werden: seine Nase hatte große Ähnlichkeit mit einer Treppe und die Lippen waren viereckig. „Wie froh ich bin, daß Sie ... Ich höre jemand vorfahren und denke mir, wer könnte das wohl sein, schon so früh? Parascha meinte, es sei die Frau Vizegouverneur, und ich sage noch zu ihr: sollte die dumme Person schon wieder gekommen sein, um mich zu langweilen? ich wollte mich schon verleugnen lassen ...“
Die andre Dame war schon im Begriff zur Sache zu kommen und ihre Neuigkeit auszukramen, aber ein Ausruf, den die in jeder Beziehung angenehme Dame in diesem Augenblick tat, gab dem Gespräch eine ganz neue Wendung.
„Was für ein hübscher heller Kattunstoff!“ rief die in jeder Beziehung angenehme Dame, während sie das Kleid der bloß angenehmen Dame aufmerksam musterte.
„Ja ein sehr heller lebhafter Stoff! Praskowja Fjodorowna findet aber, daß es hübscher aussehen würde, wenn die Karos noch etwas kleiner und die Pünktchen nicht braun, sondern blau wären. Ich habe meiner Schwester einen Stoff geschickt; der ist so entzückend! ich kann’s gar nicht sagen! Denken Sie nur: ganz schmale schmale Streifchen, auf blauem Grunde, so schmal wie man sich’s überhaupt nur vorstellen kann und zwischen zwei Streifen immer Äuglein und Pfötchen, Äuglein und Pfötchen .... Mit einem Wort, ganz herrlich! Man kann getrost behaupten, etwas Schöneres hat es noch nie auf der Welt gegeben.“
„Wissen Sie, Liebste, das wirkt zu bunt.“
„Oh nein! Gar nicht bunt!“
„Oh doch! Viel zu bunt!“
Hier muß ich einschalten, daß die in jeder Beziehung angenehme Dame in gewissem Sinne Materialistin war, eine starke Neigung zur Negation und zum Zweifel hatte und sehr vieles an diesem Leben verneinte.
Jetzt aber erklärte die bloß angenehme Dame, daß es durchaus nicht zu bunt sei, und rief: „Ach ja, ich gratuliere, man trägt keine Faltenbesätze mehr!“
„Wieso trägt man keine mehr?“
„Statt dessen werden jetzt nur noch Festons getragen!“
„Ach! Festons sind doch aber nicht hübsch!“
„Ja man trägt nur noch Festons, nichts wie Festons. Pelerinen aus Festons, auf den Ärmeln Festons, Aufsätze aus Festons, unten Festons, mit einem Wort überall Festons.“
„Das ist aber schade Sofja Iwanowna, Festons sind nicht hübsch!“
„Doch Anna Grigorjewna, sie machen sich reizend, ganz entzückend, man näht sie so: erst faltet man sie zweimal, läßt einen breiten Schlitz und oben ... Aber warten Sie, jetzt muß ich Ihnen etwas erzählen, worüber Sie sich wundern werden und sagen werden, daß ... Ja wundern Sie sich nur: die Taillen werden jetzt viel länger getragen, vorn laufen sie ein wenig spitz aus und das vordere Fischbein ragt ganz weit hervor; der Rock wird rings herum gerafft wie bei den alten Reifröcken, und sogar hinten ein wenig wattiert, ganz à la belle femme.“
„Nein, wissen Sie, das geht zu weit! Das muß ich denn doch sagen!“ rief die in jeder Beziehung angenehme Dame aus, machte eine empörte Kopfbewegung und richtete sich im Gefühl ihrer Würde stolz auf.
„Sehr richtig, das geht zu weit, das muß ich auch sagen!“ antwortete die bloß angenehme Dame.
„Nein, Verehrteste, machen Sie was Sie wollen, aber da tue ich nicht mit!“
„Ich auch nicht ... Wenn man sich vorstellt, was nicht alles Mode wird ... da hört doch alles auf! Ich habe meine Schwester um den Schnitt gebeten, bloß so zum Scherz, wissen Sie. Meine Melanie ist eben am Nähen.“
„Was, Sie haben den Schnitt?“ rief die in jeder Beziehung angenehme Dame aus, nicht ohne daß man ihr eine gewisse innere Bewegung angemerkt hätte.
„Natürlich. Meine Schwester hat ihn mitgebracht!“
„Herzchen, geben Sie ihn mir, bei allem, was Ihnen heilig ist!“
„Schade, ich habe ihn schon Proskowja Iwanowna versprochen. Vielleicht nach ihr?“
„Wer wird denn etwas tragen, was Proskowja Iwanowna schon getragen hat? Ich fände das sehr merkwürdig von Ihnen, wenn Sie eine Fremde ihrer nächsten Freundin vorzögen!“
„Aber sie ist doch meine Tante zweiten Grades?“
„Ach, was ist das für eine Tante. Sie sind doch nur durch Ihren Mann mit ihr verwandt ... Nein, Sofja Iwanowna, davon will ich gar nichts hören — Sie wollen mich beleidigen, Sie haben mich wohl schon satt bekommen und wollen die Bekanntschaft mit mir abbrechen ...“
Die arme Sofja Iwanowna wußte garnicht, was sie anfangen sollte. Sie merkte sehr gut, in welch ein Kreuzfeuer sie geraten war. Das kam von der Wichtigtuerei! Sie hätte sich ihre dumme Zunge mit Nadeln zerstechen mögen.
„Nun, und was macht unser Galan?“ fuhr jetzt die in jeder Beziehung angenehme Dame fort.
„Ach Gott, ach Gott. Und da sitze ich die ganze Zeit über mit Ihnen zusammen. Eine schöne Geschichte! Wissen Sie Anna Grigorjewna, was ich Ihnen für eine Neuigkeit mitgebracht habe?“ Hier ging ihr der Atem aus, ein ganzer Schwall von Worten drängte sich ihr auf die Zunge wie eine Schar von Habichten, die wie ein Sturmwind dahinjagen und sich in schnellem Fluge zu überholen streben. Es gehörte schon die ganze unmenschliche Härte und Grausamkeit ihrer treusten Freundin dazu, um ihr an dieser Stelle ins Wort zu fallen.
„Loben Sie ihn und heben Sie ihn in den Himmel, soviel Sie wollen,“ sagte sie mit einer ungewöhnlichen Lebhaftigkeit. — „Und ich sage Ihnen — ich will es ihm meinetwegen selbst ins Gesicht sagen: er ist ein nichtswürdiger Mensch; ein nichtswürdiger, nichtswürdiger Mensch!“
„Ja aber hören Sie doch nur, was ich Ihnen mitzuteilen habe!“
„Da redet alle Welt davon, daß er schön sei, und dabei ist er nichts weniger als schön, nichts weniger — seine Nase — er hat eine geradezu widerwärtige Nase.“
„Aber lassen Sie mich, lassen Sie mich Ihnen doch erzählen, Herzchen, Anna Grigorjewna, so lassen Sie mich doch nur erzählen. Das ist ja eine ganze Geschichte, ich sage Ihnen, eine Geschichte ‚Bö kon apell istoar‘,“ sprach die Freundin mit dem Ausdruck vollkommenster Verzweiflung und mit flehender Stimme. — Es ist vielleicht nicht überflüssig, bei dieser Gelegenheit zu erwähnen, daß beide Damen sehr viel fremde Worte und sogar lange französische Phrasen in ihr Gespräch einflochten. Aber so groß die Ehrfurcht ist, die der Verfasser für die französische Sprache hegt, wegen der heilsamen Folgen, die sie für unser Vaterland hat, so groß seine Achtung vor jener löblichen Sitte unserer besseren Kreise ist, welche diese Sprache zu allen Tageszeiten, natürlich nur aus innigster Liebe für ihr Vaterland, zu ihrer Verständigung gebrauchen, er kann es trotzdem nicht über sich gewinnen, einen Satz aus einer fremden Sprache in diese rein russische Dichtung hineinzunehmen, und so fahren wir denn auch russisch fort.
„Was für eine Geschichte?“
„Ach, meine liebste Anna Grigorjewna, wenn Sie sich bloß vorstellen könnten, in was für einer Lage ich mich befand! Denken Sie sich, da kommt heute die Oberpfarrerin, die Frau Oberpfarrer, die Frau des Vater Cyrill zu mir; na, und was denken Sie? unser sanfter Heinrich! Sie wissen schon: der neue Gast, ja was sagen Sie bloß zu ihm?“
„Wie? Er schneidet doch nicht am Ende der Frau Oberpfarrer die Kur?“
„Ach, je! Anna Grigorjewna! Das wäre noch nicht das schlimmste! Nein, hören Sie bloß, was die Frau Oberpfarrer mir erzählt hat! ‚Denken Sie sich,‘ sagte sie, ‚kommt da plötzlich die Gutsbesitzerin Karobotschka bleich wie der Tod zu mir gestürzt und erzählt mir, nein, Sie glauben garnicht, was die mir erzählt hat. Hören Sie doch nur, was die mir erzählt hat! Das ist ja der reinste Roman! Mitten in der Nacht, während im Hause schon alles schlief, hört sie plötzlich einen Höllenlärm, wie man ihn sich schlimmer garnicht denken kann; mit aller Gewalt wird ans Tor geklopft, und sie hört eine menschliche Stimme rufen: ‚Macht auf! Macht auf! Sonst stoß ich das Tor ein ...‘ Nun, wie gefällt Ihnen das? Was sagen Sie bloß zu unserm Galan?“
„Ja, ist denn die Karobotschka jung und hübsch?“
„Ach, was! Eine alte Schachtel!“
„Das sind aber schöne Geschichten! Also hat er sich wohl an die Alte rangemacht? Na, unsere Damen haben auch einen guten Geschmack, das kann man wohl sagen. Haben gerade den Rechten erwischt zum Verlieben!“
„Aber nicht doch, Anna Gregorjewna! Es ist ganz anders, wie Sie vermuten. Denken Sie sich, plötzlich steht er bis an die Zähne bewaffnet vor ihr, der reinste Rinaldo Rinaldini, und brüllt sie an: ‚Verkaufe mir die Seelen derer, die gestorben sind,‘ sagte er. Die Karobotschka antwortet natürlich ganz vernünftig: ‚Ich kann sie nicht verkaufen; sie sind doch schon tot.‘ — ‚Nein,‘ ruft er, ‚sie sind nicht tot. Das ist meine Sache, zu wissen, ob sie tot sind oder nicht,‘ sagte er. ‚Sie sind nicht tot, sind nicht tot!‘ schreit er. ‚Sie sind nicht tot!‘ Mit einem Wort, er macht einen furchtbaren Skandal, das ganze Dorf läuft zusammen, die Kinder heulen, alles schreit durcheinander, kein Mensch versteht den andern, kurz: ein Orrörrr, Orrörrr, Orrörrr! Sie können sich garnicht vorstellen, Anna Grigorjewna, wie erschrocken ich war, als ich dies alles hörte. ‚Liebe gnädige Frau,‘ sagt meine Maschka zu mir. ‚Besehen Sie sich doch in dem Spiegel! Sie sind ganz bleich!‘ ‚Ach, jetzt ist mir nicht darum zu tun,‘ sage ich, ‚ich muß schnell zu Anna Grigorjewna hinfahren und es ihr erzählen.‘ Ich lasse sofort anspannen. Mein Kutscher Andruschka fragt mich, wohin er fahren soll, aber ich bringe kein Wort heraus und sehe ihm nur ganz blöde ins Gesicht. Ich glaube wahrhaftig, er hat gedacht, ich sei verrückt geworden. Ach, Anna Grigorjewna, wenn Sie sich nur vorstellen könnten, wie mich das aufgeregt hat!“
„Hm! Das ist sehr merkwürdig!“ sagte die in jeder Beziehung angenehme Dame. „Was hat das wohl zu bedeuten, das mit den toten Seelen? Ich muß gestehen, von dieser Geschichte verstehe ich nichts, rein garnichts. Jetzt höre ich bereits zum zweiten Male von diesen toten Seelen. Und da behauptet mein Mann, daß Nosdrjow lügt! Irgend etwas steckt sicher dahinter!“
„Nein, aber denken Sie sich bloß in meine Lage hinein, Anna Grigorjewna, wie mir zu Mute war, als ich das hörte!„Und jetzt,“ sagt Karobotschka, „weiß ich gar nicht, was ich anfangen soll! Er hat mich gezwungen irgend eine falsche Urkunde zu unterschreiben,“ sagt sie, „und mir dann fünfzehn Rubel in Papier auf den Tisch geworfen. Ich,“ sagt sie, „bin eine unerfahrene hilflose Witwe und verstehe nichts von diesen Sachen.“ Das ist ’ne Geschichte! Nein, wenn Sie sich bloß vorstellen könnten, wie mich das alles aufgeregt hat.“
„Nein, sagen Sie was Sie wollen! Hier handelt es sich nicht um die toten Seelen! Da steckt etwas ganz anderes dahinter.“
„Ich muß gestehen, ich dachte schon selbst daran,“ sagte die bloß angenehme Dame ein wenig erstaunt. Sie wurde sofort von der heftigsten Begierde gepeinigt, zu erfahren, was wohl dahinter stecken könne, und daher sprach sie gedehnt: „Und was glauben Sie, was dahinter steckt?“
„Nun, was denken Sie wohl?“
„Was ich denke ...? Ich muß sagen ich stehe wie vor einem Rätsel.“
„Ich möchte aber doch wissen, was Sie sich wohl dabei gedacht haben?“
Allein der angenehmen Dame fiel nichts ein und daher schwieg sie. Sie konnte sich bloß über die Dinge aufregen, aber feine Vermutungen und Kombinationen aufzustellen, das war nicht ihre Sache, und daher empfand sie mehr als jede andere ein starkes Bedürfnis nach zärtlicher Freundschaft, Rat und Beistand.
„Nun gut, dann will ich es Ihnen sagen, was diese toten Seelen zu bedeuten haben,“ sagte die in jeder Beziehung angenehme Dame und ihre Freundin horchte auf und war ganz Ohr; ihre Ohren spitzten sich wie von selbst. Sie richtete sich im Sitzen auf, sodaß sie das Sofa kaum noch berührte und obwohl sie etwas kompakt war, wurde sie plötzlich beinahe schlank und leicht wie Federflaum, sodaß man hätte glauben können, ein noch so leichter Lufthauch müßte sie mit sich emportragen.
So scheint ein vornehmer russischer Junker, ein Hundefreund, Jäger und Draufgänger, wenn er sich dem Walde nähert, aus dem eben ein von den Treibern halb tot gehetzter Hase herausspringt, sich mit seinem Roß und der hocherhobenen Koppelpeitsche in der Hand in einem geronnenen Augenblick in ein Pulverfaß zu verwandeln, in das im nächsten Moment der zündende Funke fallen soll. Seine Augen möchten die trübe Luft durchbohren, und für das arme Tier gibts kein Entrinnen mehr. Er setzt ihm unaufhaltsam nach, und selbst wenn tausend wirbelnde Schneefelder sich gegen ihn erhöben, die ihm mit ganzen Garben silberner Sterne Mund und Augen, Schnurrbart, Augenbrauen und die kostbare Bibermütze überschütteten.
„Die toten Seelen ..“ sagte die in jeder Beziehung angenehme Dame.
„Wie? Was?“ fuhr die Freundin ganz aufgeregt dazwischen.
„Die toten Seelen ...!“
„Ach so sprechen Sie doch, um Gottes Willen!“
„Sind eine bloße Erfindung und nichts wie ein Vorwand. Hier handelt es sich in Wahrheit um folgendes: er will die Tochter des Gouverneurs entführen.“
Diese Schlußfolgerung kam in der Tat sehr unerwartet und war in jeder Beziehung ungewöhnlich. Als die angenehme Dame dieses hörte, blieb sie wie versteinert auf ihrem Platze sitzen; sie erbleichte, wurde blaß wie der Tod, und geriet diesmal ernstlich in Aufregung. „Oh mein Gott!“ rief sie, indem sie die Hände zusammenschlug: „das hätte ich mir wirklich nicht träumen lassen!“
„Ich muß sagen, Sie hatten kaum den Mund aufgetan, da wußte ich schon, worum es sich handelt“ antwortete die in jeder Beziehung angenehme Dame.
„Was soll man aber nach alledem von der Erziehung im Pensionat denken. Die liebe Unschuld!“
„Schöne Unschuld! Ich habe die Dinge reden hören! wahrhaftig ich hätte nicht den Mut gehabt, so etwas auszusprechen.“
„Wissen Sie, Anna Grigorjewna, es ist wirklich zu schmerzlich, wenn man sieht, wie weit heute die Unsittlichkeit geht!“
„Und die Herren sind ganz verschossen in sie. Ich dagegen muß gestehen, daß ich nichts an ihr finden kann.“
„Sie ist schrecklich affektiert, geradezu unerträglich affektiert.“
„Ach liebste Anna Grigorjewna, sie ist kalt wie ein Marmorbild, ohne den geringsten Ausdruck im Gesicht.“
„Nein, wie affektiert, wie schrecklich affektiert sie ist, Gott, wie affektiert! Wer sie das nur gelehrt haben mag? Aber ich habe noch nie ein Mädchen gesehen, das ein so geziertes Wesen gehabt hätte.“
„Liebste, Sie ist eine Marmorstatue, und bleich wie der Tod.“
„Ach, sagen Sie doch das nicht, Sofia Iwanowna, sie legt ja Rot auf, daß es ’ne Schande ist.“
„Nein, was sprechen Sie, Anna Grigorjewna; sie ist ja bleich wie Kreide, ganz wie Kreide.“
„Meine Liebe, ich habe doch neben ihr gesessen, die Schminke sitzt ihr ja fingerdick auf den Wangen, und bröckelt stückweise ab wie der Kalk von der Wand. Das hat sie von ihrer Mutter. Die ist selbst eine abgefeimte Kokette, aber die Tochter ist der Mutter noch über.“
„Nein, erlauben Sie, nein, sagen Sie selbst, wobei ich schwören soll, ich gebe gleich alles hin, meinen Mann, meine Kinder, all mein Hab und Gut, wenn sie auch nur ein bißchen, ein Fünkchen, auch nur einen Anflug von Farbe hat!“
„Ach, was reden Sie bloß, Sofia Iwanowna,“ sagte die in jeder Beziehung angenehme Dame, und schlug die Hände zusammen.
„Nein, wie sonderbar Sie sind! wirklich, Anna Grigorjewna, ich sehe Sie bloß an und staune!“ sagte die angenehme Dame, und schlug gleichfalls die Hände zusammen.
Der Leser darf sich nicht darüber wundern, daß beide Damen sich durchaus nicht über das einigen konnten, was sie doch fast zu gleicher Zeit gesehen hatten. Es gibt tatsächlich sehr viele Dinge auf der Welt, die diese merkwürdige Beschaffenheit haben; werden sie von einer Dame betrachtet, so sind sie ganz weiß; betrachtet sie dagegen eine andre Dame, so sind sie ganz rot, rot wie Preißelbeeren.
„Nun, da haben Sie noch einen Beweis dafür, daß sie blaß ist,“ fuhr die angenehme Dame fort: „ich erinnere mich noch ganz deutlich, wie wenn es heute wäre, daß ich neben Manilow saß und zu ihm sagte: ‚Sehen Sie doch, wie bleich sie ist!‘ Wirklich, man muß schon so unvernünftig sein, wie unsere Herren, um sich für sie zu begeistern. Und unser Herr Galan ... Herrgott, wie er mir in diesem Augenblick widerwärtig war! Sie können sich garnicht vorstellen, wie er mir widerwärtig war!“
„Und doch gab es gewisse Damen, denen er nicht ganz gleichgültig war.“