„Meinen Sie mich, Anna Grigorjewna? Das können Sie doch wirklich nicht sagen. Niemals, niemals!“

„Ich spreche doch nicht von Ihnen, es gibt doch noch andre Frauen auf der Welt!“

„Niemals, niemals, Anna Grigorjewna. Erlauben Sie mir zu bemerken, daß ich mich sehr gut kenne; das trifft mich wirklich nicht, aber vielleicht andre Damen, die sich den Schein der Unnahbarkeit zu geben suchen.“

„Nein, verzeihen Sie Sofia Iwanowna, bitte lassen Sie sich sagen, daß ich noch nie in eine solche Skandalgeschichte verwickelt war. So etwas mag vielleicht jeder andern begegnen, aber mir nicht, Sie müssen mir schon gestatten, Ihnen dieses zu bemerken.“

„Warum sind Sie denn so gekränkt? Außer Ihnen waren doch noch andre Damen anwesend, welche den Stuhl an der Türe zu allererst besetzen wollten, um möglichst nahe bei ihm zu sitzen.“

Man hätte meinen sollen, diese Worte der angenehmen Dame hätten unbedingt ein Ungewitter zur Folge haben müssen; aber merkwürdigerweise verstummten beide Damen ganz plötzlich, und der erwartete Sturm blieb aus. Die in jeder Beziehung angenehme Dame erinnerte sich noch zur rechten Zeit, daß der Schnitt zum neuen Kleide noch nicht in ihrer Hand war, und die bloß angenehme Dame war sich darüber klar, daß sie noch gar keine Einzelheiten über die Entdeckung ihrer besten Freundin wußte, und daher schloß man sehr schnell wieder Frieden. Übrigens kann man nicht sagen, daß beide Damen von Natur das Bedürfnis hatten, sich Unannehmlichkeiten zu bereiten, auch hatten sie nicht eigentlich einen boshaften Charakter, es kam gleichsam ganz von selbst, daß sich während des Gespräches der fast unmerkliche Wunsch in ihnen regte, einander einen kleinen Hieb zu versetzen; da ereignete es sich denn zuweilen, daß es der einen von beiden eine kleine Freude machte, der Freundin bei Gelegenheit ein herzhaftes Wort zu sagen: „Da hast du’s! nimm und friß es!“ So verschieden sind Herzensbedürfnisse beim männlichen und weiblichen Geschlechte.

„Ich kann nur eins nicht verstehen,“ sagte die bloß angenehme Dame, „wie Tschitschikow, der doch hier nur auf der Durchreise ist, sich zu einem so tollkühnen Abenteuer entschließen konnte. Er muß doch irgend welche Helfershelfer haben.“

„Und Sie glauben wohl er hat keine?“

„Und was meinen Sie, wer könnte ihm dabei helfen?“

„Nun, zum Beispiel — Nosdrjow!“

„Glauben Sie wirklich — Nosdrjow?“

„Warum nicht. Der ist doch zu allem fähig. Wissen Sie denn nicht, er hat seinen leiblichen Vater verkaufen oder richtiger am Kartentisch verspielen wollen.“

„Gott, was für interessante Neuigkeiten ich von Ihnen erfahre! Ich hätte nie gedacht, daß auch Nosdrjow in diese Geschichte verwickelt sei.“

„Und ich hab es mir gleich gedacht!“

„Wenn man denkt, was in der Welt alles vorfällt! Sagen Sie bloß, wer hätte es damals vermuten können, als Tschitschikow zum Besuch in unsere Stadt kam, daß er solche tolle Sprünge machen würde? Ach Anna Grigorjewna, wenn Sie wüßten, wie mich das aufregt! Wenn ich Sie nicht hätte, Ihre Freundschaft und Ihre Güte .... Ich stände wirklich wie vor einem Abgrund .... Wo sollte ich nur hin? Meine Maschka schaut mich an, sieht daß ich bleich bin wie der Tod, und sagt zu mir: ‚Liebe gnädige Frau, Sie sind ja bleich wie der Tod!‘ Und ich sage ihr noch: ‚Ach Maschka, mir gehen jetzt ganz andere Gedanken im Kopf herum!‘ Nein so etwas! Und der Nosdrjow steckt auch dahinter! Schöne Geschichte das!“

Die angenehme Dame brannte darauf, noch weitere Details über die Entführung d. h. etwas über den Tag, die Stunde und so weiter zu erfahren, aber sie verlangte zu viel. Die in jeder Beziehung angenehme Dame erklärte ganz einfach, sie wüßte nichts darüber. Und sie log niemals: eine kühne Hypothese aufstellen — das war eine andre Sache, aber auch dies gelang ihr nur dann, wenn diese Hypothese auf einer tiefen inneren Überzeugung beruhte; war diese innere Überzeugung aber wirklich vorhanden, dann verstand es die Dame auch für sie einzustehen, da hätte es der größte Advokat, der berühmteste Wortfechter und Sieger über fremde Überzeugungen nur versuchen sollen, sich mit ihr im Wettkampfe zu messen —: hier hätte er erst gemerkt, was das bedeutet: eine innere Ueberzeugung.

Daß beide Damen zuletzt ganz fest davon überzeugt waren, was sie vordem auf die bloße Vermutung hin angenommen hatten, das ist durchaus nicht merkwürdig. Unser einer, mit einem Wort wir, die wir uns gescheidte Leute nennen, handeln doch genau ebenso, und der beste Beweis dafür sind unsere gelehrten Erörterungen. So ein Gelehrter geht zuerst auch an die Sache heran wie ein richtiger Gauner, er beginnt ganz vorsichtig und fast schüchtern mit einer ganz bescheidenen Frage: „Hat nicht dies Land seinen Namen von dorther, von jenem Winkel der Erde?“ oder „Gehört nicht vielleicht diese Urkunde einer anderen, späteren Zeit an?“ oder „Müssen wir nicht dies Volk für das und das Volk halten?“ Hierauf zitiert er sofort den und den Schriftsteller des Altertums, kaum aber hat er irgend eine Anspielung entdeckt oder doch etwas was er für eine Anspielung hält, so legt er auch schon im kühnen Galopp los, bekommt Mut, beginnt mit den alten Schriftstellern zu sprechen wie mit seinesgleichen, richtet Fragen an sie, die er sogar selbst in ihrem eigenen Namen beantwortet, und er hat plötzlich ganz vergessen, mit welch bescheidener Hypothese er angefangen hat; jetzt kommt es ihm schon so vor, als sähe er dies alles vor Augen, so klar ist es ihm jetzt und er beschließt seine Betrachtung mit den Worten: „Und so ist es gewesen. Dies Volk also war es. Das ist der Standpunkt, von dem aus dieser Gegenstand beurteilt werden muß!“ Und dann wird es feierlich vom Katheder verkündet, daß alle es hören können — und die neue Wahrheit spaziert in die Welt hinaus, um weitere Anhänger und Bewunderer zu gewinnen.

Während unsere beiden Damen eine so höchst verworrene und komplizierte Sache so glücklich und mit soviel Scharfsinn geklärt und entwirrt hatten, trat der Staatsanwalt mit seinem starren und ewig unbeweglichen Gesicht, den dichten Augenbrauen und dem blitzenden Auge in den Salon. Beide Damen teilten ihm sofort alle Neuigkeiten mit, erzählten ihm von dem Kauf der toten Seelen, von Tschitschikows Absicht, die Tochter des Gouverneurs zu entführen und redeten so lange auf ihn ein, bis er ganz konfus wurde. Verwirrt stand er auf demselben Fleck, blinzelte mit dem linken Augenlid, staubte sich mit einem Taschentuch den Tabak von seinem Bart ab, und verstand auch nicht ein Wort von dem, was er vernahm. In einer solchen Verfassung überließen ihn die Damen sich selbst und stürmten davon, jede in ihrer Richtung, um die Stadt in Aufruhr zu setzen. Dieses Unternehmen gelang ihnen in kaum mehr als einer halben Stunde. Die Stadt war in ihrem Innersten aufgewühlt, alles befand sich in wilder Gährung und bald begriff kein Mensch überhaupt noch etwas. Die Damen verstanden es, einen solchen Rauch und Nebel zu erzeugen, daß alle, besonders aber die Beamten, ihrer Sinne kaum noch mächtig waren. Ihre Lage glich im ersten Moment der eines Schuljungen, dem seine Kameraden während des Schlafes eine Papierdüte mit Tabak, oder wie man’s bei uns nennt „einen Husaren“ in die Nase gesteckt haben. Schnaufend und mit der ganzen Gewalt des Schnarchenden zieht der Schläfer den Tabak ein, erwacht, springt auf, sperrt die Augen auf, sieht sich nach allen Seiten um, wie ein Narr, und kann nicht begreifen, wo er sich befindet, und was mit ihm vorgeht; doch nun erkennt er die Mauer, auf die der schwache Lichtreflex eines Sonnenstrahles fällt, das Gelächter der Kameraden, die hinter der Ecke hervorgucken, das nahende Morgenlicht, das heiter durch das Fenster strahlt, den erwachenden Wald, aus dem tausende von Vogelstimmen wiedertönen, das in der Morgensonne erstrahlende Flüßchen, hie und da zwischen Schilfrohr versteckt, in dessen glänzender Flut sich unzählige feuchte Knabenleiber tummeln, und zum Bade laden — und nun erst merkt er, daß ihm der Husar in der Nase steckt. Genau so war im ersten Moment die Lage der Bewohner und Beamten unserer Stadt. Ein jeder blieb stehen wie ein Hammel und sperrte die Augen weit auf. Die toten Seelen, die Tochter des Gouverneurs, und Tschitschikow; dies alles wogte und wirbelte in wunderlichster Weise in ihren Köpfen durcheinander; erst später, nachdem die erste Verwirrung sich gelegt hatte, fingen sie an diese verschiedenen Dinge einzeln voneinander zu unterscheiden, eins vom andern zu trennen, Rechenschaft zu fordern, und sie wurden zornig, als sie sahen, daß durchaus keine Klarheit über die ganze Angelegenheit zu gewinnen war. „Was ist denn das für eine Fabel, nein wirklich, was ist das für ein Gefasel von den toten Seelen? Wo bleibt denn da die Logik in dieser Geschichte mit den toten Seelen? Wie kann man denn tote Seelen kaufen? Wo gibt es denn einen solchen Esel, der so etwas täte? Und für was für ein unnützes Geld wird er sie denn kaufen? Und schließlich, wozu kann er diese toten Seelen bloß brauchen? Und dann: was hat nur die Tochter des Gouverneurs mit der Sache zu tun? Wenn er sie aber wirklich entführen wollte, warum sollte er zu diesem Zwecke der toten Seelen bedürfen? Und wenn er sich tote Seelen kaufen will, was braucht er dann die Tochter des Gouverneurs zu entführen? Wollte er ihr etwa die toten Seelen schenken? Was für einen Unsinn sie da in der Stadt verbreiten! Was ist das wieder für eine Ordnung: man darf sich kaum bewegen, dann werden sofort Geschichten über einen verbreitet ... Und wenn die Sache nur überhaupt irgend einen Sinn hätte! ... Andererseits aber muß doch etwas dahinter stecken, sonst wäre doch dies Gerücht nicht entstanden. Irgend einen Grund muß es doch haben. Aber was könnten die toten Seelen für ein Grund sein? Da fehlt es doch sogar an einem vernünftigen Grunde! Das ist doch wirklich fast so wie: „ein hölzernes Eisen“, „ein paar weichgekochte Stiefel“ oder „ein gläserner Stelzfuß!“ Mit einem Wort, man sprach, man klatschte, man tuschelte, und die ganze Stadt redete von nichts anderem als von den toten Seelen und von der Tochter des Gouverneurs, von Tschitschikow und von den toten Seelen, von der Tochter des Gouverneurs und von Tschitschikow, und alles kam in Bewegung. Wie ein Wirbelwind ging es durch die Stadt, die bisher in Schlaf versunken schien. Sämtliche Faullenzer und Stubenhocker, die jahrelang in ihren Schlafröcken hinter dem Ofen hockten und die Schuld bald auf den Schuster, der ihnen zu enge Stiefel gemacht hatte, bald auf den Schneider oder auf ihren betrunkenen Kutscher schoben, kamen aus ihren Höhlen gekrochen, all die, welche längst alle Beziehungen zu ihren Freunden und Bekannten abgebrochen hatten und nur noch mit den beiden Gutsbesitzern Herrn Bärenhäuter und Herrn Ofenhocker verkehrten (zwei berühmte Namen, die von den Ausdrücken „auf der Bärenhaut“ liegen und „hinterm Ofen hocken“ abgeleitet und bei uns sehr beliebt sind, ebenso wie die Redensart: Herrn Schnarchelaut und Schlummersüß einen Besuch abstatten jenen totenähnlichen Schlaf auf der Seite, auf dem Rücken und in allen möglichen anderen Lagen, bezeichnen soll, der von einem kräftigen Schnarchen, sanftem Zephyrsäuseln durch die Nase und allem sonstigen Zubehör begleitet ist); alle die, welche man nicht einmal durch die Aussicht auf eine teure Fischsuppe mit meterlangen Sterlets und allen nur erdenklichen Pasteten, die einem auf der Zunge zergehen, aus ihrem Hause locken konnte, kamen hervor; mit einem Worte, es zeigte sich, daß die Stadt menschenreich und groß war, und daß ein so lebhafter Verkehr in ihr herrschte, wie man es nur wünschen konnte. Es tauchten sogar ein Herr Ssyssoi Pafnutjewitsch und ein Herr Makdonald Karlowitsch auf, von denen man bis dahin noch nie etwas gehört hatte; in den Salons erschien plötzlich ein baumlanger Kerl mit einem durchschossenen Arm, ein wahrer Riese, von einer Größe, wie sie überhaupt noch nie dagewesen war. Auf den Straßen sah man gedeckte Wagen, vorsintflutliche Droschken, Klapperkästen, Rumpelkutschen — und der Brei war eingerührt. Zu einer anderen Zeit und unter anderen Umständen hätten diese Gerüchte vielleicht gar keine Beachtung gefunden, aber die Stadt N. war schon lange ohne Neuigkeiten geblieben. Ja, es war während der letzten drei Monate so gut wie gar nichts passiert, was man in der Hauptstadt eine Kommerage oder eine Klatschgeschichte zu nennen pflegt und was bekanntlich für eine Stadt unter Umständen ebenso wichtig ist, wie die rechtzeitige Zufuhr der Lebensmittel. Die Bevölkerung der Stadt teilte sich plötzlich in zwei völlig entgegengesetzte Parteien, die zwei ganz verschiedene Standpunkte vertraten: die männliche und die weibliche. Der Standpunkt der Männer war ganz unvernünftig und töricht; sie legten das Hauptgewicht auf die toten Seelen. Die weibliche Partei beschäftigte sich dagegen ausschließlich mit der Entführung der Tochter des Gouverneurs. In dieser Partei — zur Ehre der Damen sei es gesagt — herrschte weit mehr Umsicht, Ordnung und Überlegung. Es ist offenbar schon mal Bestimmung der Frauen, gute Wirtinnen zu sein und überall für die richtige Ordnung zu sorgen. Bei ihnen nahm alles sehr bald ein bestimmtes lebendiges Ansehen, scharfe und handgreifliche Formen an, alles klärte sich und wurde durchsichtig und deutlich wie ein vollendetes scharf umrissenes Gemälde. Jetzt kam es an den Tag, daß Tschitschikow schon längst in jene Person verliebt war, daß sie sich im Garten beim Mondenschein getroffen, daß der Gouverneur Tschitschikow seine Tochter längst zur Frau gegeben hätte, weil jener reich wie ein Jude war, wenn nicht Tschitschikows Frau, die von ihm verlassen worden war, dazwischen gestanden hätte (woher man erfahren hatte, daß er verheiratet war, wußte niemand anzugeben), daß diese Frau, die eine hoffnungslose Liebe in ihrem Herzen hegte, einen rührenden Brief an den Gouverneur geschrieben, und daß sich Tschitschikow angesichts der entschiedenen Weigerung von Mutter und Vater, zu einer Entführung entschlossen habe. In manchen Häusern wurde diese Geschichte allerdings etwas anders erzählt: darnach hatte Tschitschikow überhaupt keine Frau, hätte aber als der feine und stets sicher gehende Mann, sich, da er die Tochter haben wollte, zunächst an die Mutter gemacht, und mit dieser eine kleine Herzensaffäre angebahnt, erst später habe er um die Hand der Tochter angehalten; die Mutter aber hätte gefürchtet, hier könne leicht ein Verbrechen geschehen, das den heiligen Geboten der Religion zuwiderlaufe und habe es ihm daher von Gewissensbissen gefoltert ganz kurz abgeschlagen, erst jetzt habe sich Tschitschikow dazu entschlossen, die Tochter zu entführen. Dazu kamen noch eine Menge von Aufklärungen und Richtigstellungen, deren Zahl um so mehr anwuchs, je weiter die Gerüchte sich verbreiteten und bis in die entlegensten Gassen und Winkel der Stadt eindrangen. Bei uns in Rußland haben auch die unteren Schichten der Gesellschaft eine große Vorliebe für Klatschgeschichten, die aus den vornehmen Kreisen kommen, so begann man denn bald auch in solchen Häusern von diesem Skandal zu reden, wo man Tschitschikow überhaupt nicht kannte, und so entstanden bald wiederum neue Erklärungen und Gerüchte. Der Gegenstand wurde jeden Augenblick interessanter, nahm mit jedem neuen Tage immer neue und bestimmtere Formen an und kam so schließlich in voller Bestimmtheit und Abgeschlossenheit der Frau Gouverneurin selbst zu Ohren. Die Gouverneurin fühlte sich, als Mutter einer Familie, und als erste Dame der Stadt, durch diese Geschichten aufs tiefste beleidigt, besonders da sie nichts derartiges auch nur vermutet hatte, und geriet in eine große und auch in jeder Beziehung berechtigte Empörung. Die arme Blondine hatte ein höchst unangenehmes Tete-a-tete mit ihr, wie es nur je ein sechzehnjähriges junges Mädchen zu überstehen hatte. Eine ganze Flut von Fragen, Verweisen, Vorwürfen, Ermahnungen und Drohungen ergoß sie über das arme Mädchen, sodaß diese in Tränen ausbrach und laut zu schluchzen begann, ohne ein einziges Wort von alledem zu verstehen; der Portier erhielt strengste Order Tschitschikow nie wieder und unter keinem Vorwande mehr vorzulassen.

Nachdem die Damen ihre Mission, soweit diese nämlich die Gouverneurin betraf, erfüllt hatten, nahmen sie sich die männliche Partei vor, um sie für sich zu gewinnen. Sie erklärten die Sache mit den toten Seelen für eine pure Erfindung, nur dazu geschaffen, um jeden Verdacht ablenken und so den Mädchenraub ungestört ausführen zu können. Viele von den Männern ließen sich bekehren und schlossen sich der Partei der Damen an, trotzdem sie sich dadurch dem Tadel und den Vorwürfen ihrer Genossen aussetzten, welche sie Pantoffelhelden und Weiberröcke nannten — zwei Epitheta, die bekanntlich für das männliche Geschlecht einen recht kränkenden Sinn haben.

Aber so sehr sich auch die Männer wappnen, so großen Widerstand sie auch leisten mochten, es fehlte in ihrer Partei schließlich doch an jener Ordnung und Disziplin, welche die Frauenpartei auszeichneten. Bei ihnen war alles plump, ungeschickt, unzweckmäßig, unharmonisch und schlecht; in den Köpfen herrschte Unordnung und Wirrwarr, in den Gedanken Unklarheit und Verworrenheit — mit einem Worte, es kam eben die unglückliche Natur des Mannes so recht zum Vorschein, diese grobe plumpe schwerfällige Natur, die weder zur Verwaltung des Haushalts zu brauchen, noch tiefer ehrlicher Überzeugungen fähig ist, diese kleingläubige, träge, von ewigen Zweifeln, von Ängstlichkeit und Furcht zerrüttete Natur. Die Männer behaupteten, das seien alles Torheiten, die Entführung einer Gouverneurstochter sei weit eher etwas für einen Husaren, als für eine Zivilperson, so etwas würde Tschitschikow auf keinen Fall tun, den Frauen sei nicht zu trauen, sie lögen alle, ein Weib sei wie ein leerer Sack, was man in ihn hineinschütte, das käme auch wieder aus ihm heraus: der Hauptpunkt, auf den man sein Augenmerk richten müsse, das seien die toten Seelen, zwar wisse der Teufel allein, was sie zu bedeuten hätten, sicherlich aber stecke etwas sehr Schlimmes und Häßliches dahinter. Warum es den Männern aber schien, daß etwas so Häßliches und Schlimmes dahinter stecke — dies werden wir sogleich erfahren. Es war soeben ein neuer Generalgouverneur für die Provinz ernannt worden — bekanntlich ein Ereignis, das die Beamten stets in einen Zustand voller Unruhe und Aufregung versetzt: da gibt’s dann immer allerhand Untersuchungen und Rüffel, da wird einem der Kopf ordentlich gewaschen und zurechtgesetzt, da muß man von Amts wegen alle Suppen ausessen, mit denen der Vorgesetzte seine Untergebenen zu traktieren pflegt. — „Herr Gott!“ dachten die Beamten, „wenn er auch nur das erfährt, daß in der Stadt solche Gerüchte zirkulieren, dann wird er nicht zum Scherze, sondern ernstlich zornig werden.“ Der Inspektor der Sanitätsverwaltung wurde plötzlich ganz bleich, ihm fiel etwas ganz Schreckliches ein, ob nicht das Wort „tote Seelen“ eine Anspielung auf die vielen Leute sei, die bei der letzten Fieberepidemie erkrankt und wegen der mangelhaften Vorsichtsmaßregeln in den Häusern und Lazaretten gestorben waren, und ob Tschitschikow nicht am Ende ein Beamter aus der Kanzlei des Generalgouverneurs sei, der hier im geheimen eine Untersuchung in die Wege leiten solle. Er teilte seine Befürchtungen dem Gerichtspräsidenten mit. Der Gerichtspräsident erklärte sie für Torheiten, erblaßte aber gleich darauf selbst bei dem Gedanken: wie aber, wenn die von Tschitschikow gekauften Seelen wirklich tot wären? Hatte er es doch zugelassen, daß der Kaufvertrag abgeschlossen wurde und noch dazu selbst die Rolle eines Vertrauensmannes bei Pljuschkin übernommen. Wie, wenn das dem Generalgouverneur zu Ohren käme, was dann? Er teilte diesem und jenem seine Besorgnisse mit, und plötzlich erblaßte auch dieser und jener: die Angst ist ansteckender als die Pest und teilt sich in einem Augenblicke mit. Alle entdeckten plötzlich solche Sünden an sich selbst, wie sie sie garnicht mal begangen hatten. Die Worte „tote Seelen“ hatten einen so unbestimmten Klang, daß sogar der Argwohn laut wurde, ob es sich hier nicht um zwei Fälle handle, wo zwei Menschen zu früh begraben worden waren. Beide Ereignisse lagen noch nicht sehr weit zurück. Das erste war mit ein paar Kaufleuten aus Ssolwytschiegodsk passiert, welche zur Messe in die Stadt gekommen waren und nach Erledigung ihrer Geschäfte mit ein paar befreundeten Kaufleuten aus Ustssyssolsk eine solenne Zecherei veranstaltet hatten. Eine Zecherei nach russischer Art aber mit deutschen Finessen: Grogs, Punschen, Bowlen usw. Diese Zecherei endigte natürlich, wie das gewöhnlich zu passieren pflegt, mit einer weidlichen Prügelei. Die Herren aus Ssolwytschiegodsk setzten denen aus Ustssyssolsk tüchtig zu, obwohl sie von diesen ebenfalls ein paar kräftige Rippenstöße und Püffe in die Bauch- und Magengegend erhielten, welche von den ungeheuerlichen Dimensionen der Fäuste zeugten, mit denen die seligen Prügelhelden begabt waren. Dem einen von den Siegern war sogar der Erker eingetrommelt, wie sich unsere Boxer auszudrücken pflegen, d. h. die Nase derart platt geschlagen, daß kaum mehr als ein Fingerglied von ihr übrig war. Die Kaufleute gestanden ihre Schuld ein und erklärten, sie hätten sich einen kleinen Scherz erlaubt. Man sprach sogar davon, daß sie für jeden der von ihnen Erlegten je vier Hundertrubelscheine bezahlt hätten; übrigens aber blieb das eine sehr dunkle Sache. Aus den angestellten Ermittlungen und Nachforschungen ging hervor, daß die Kaufleute von Ustssyssolsk an Kohlengasvergiftung zugrunde gegangen seien. Und so wurden sie denn auch als solche begraben. Der andere Fall, der sich vor kurzem ereignet hatte, war folgender: die Ministerialbauern des Dorfes Wschiwaja Speß hatten sich mit ebensolchen Bauern der Dörfer Borow, Borowka und Sadirailowo vereinigt und angeblich die Gendarmerie in der Person eines gewissen Schöffen, namens Drobjaschkin vom Erdboden vertilgt. Die Gendarmerie, d. h. der Schöffe Drobjaschkin sollte sich gar zuviel herausgenommen und allzuoft ihr Dorf heimgesucht haben, was unter Umständen fast so gefährlich war, wie eine Epidemie. Der Grund aber sei gewesen, daß die Gendarmerie aus einer gewissen Herzschwäche den Weibern und Dorfmädeln gar zu eifrig nachgestellt habe. Ganz klar ist zwar die Sache nicht, obwohl die Bauern geradezu aussagten, die Gendarmerie sei lüstern gewesen, wie ein Kater, mehr als einmal hätten sie ihn vertreiben und einmal sogar ganz nackt aus einer Bauernhütte hinausjagen müssen. Natürlich hatte die Gendarmerie wegen ihrer Herzschwäche eine harte Strafe verdient, andererseits ließ sich aber die Eigenmächtigkeit der Bauern von Wschiwaja Speß und Sadirailowo auch nicht rechtfertigen und verteidigen, wenn sie wirklich an dem Morde teilgenommen hatten. Immerhin blieb es doch eine ganz dunkle Sache; man fand die Gendarmerie am Wege liegen; ihre Uniform oder ihr Rock glich einem Haufen von Lumpen, und das Gesicht war auch fast unkenntlich. Die Sache kam vor die Behörden und schließlich vor das Kriminalgericht, wo man sie zuerst ganz unter sich erörterte und in folgendem Sinne entschied: da es unbekannt sei, wer von den Bauern eigentlich an dem Tode der Gendarmerie Schuld trug, alle zusammen jedoch eine zu respektable Anzahl ausmachten, da Drobjaschkin andererseits aber ein toter Mann sei, und daher wenig davon haben würde, wenn er den Prozeß gewönne, die Bauern hingegen noch am Leben seien, weshalb denn auch eine günstige Wendung des Prozesses von großer Bedeutung für sie sei, so habe das Gericht beschlossen: daß der Schöffe Drobjaschkin selbst die Schuld an seinem Tode trage, weil er die Bauern von Wschiwaja Speß und Sadirailowo in ungerechter Weise bedrückt und verfolgt habe, und daß er demgemäß, als er eines Abends in seinem Schlitten nach Hause zurückkehrte, an einem Schlaganfall gestorben sei. Die Sache schien damit nach allen Regeln der Kunst erledigt; plötzlich aber fingen die Beamten an zu glauben, daß es sich in diesem Falle um die genannten toten Seelen handele. Dazu kam noch, daß gerade um die Zeit, als sich die Herren Beamten ohnedies in einer schwierigen Lage befanden, beim Gouverneur zwei Papiere eingingen. Das eine enthielt die Mitteilung, daß auf gewisse Anzeichen hin sich in der Provinz ein Falschmünzer aufhalte, welcher falsches Papiergeld herstelle und sich hinter verschiedenen Namen verstecke. Und daher sei es nötig, eine strenge Untersuchung in die Wege zu leiten. Das andere Papier enthielt eine Mitteilung des Gouverneurs der Nachbarprovinz über einen Räuber, der sich der gerichtlichen Verfolgung entzogen hatte, und die Aufforderung, wenn in der Provinz des Herrn Kollegen eine verdächtige Person auftauchen sollte, welche weder Paß, noch sonstige Legitimationspapiere vorlegen könne, diese sofort zu verhaften. Beide Papiere riefen eine allgemeine Bestürzung hervor; alle bisherigen Vermutungen und Folgerungen waren plötzlich über den Haufen geworfen. Es lag natürlich nicht der geringste Anlaß zur Annahme vor, daß sich auch nur ein Wort davon auf Tschitschikow bezöge. Wenn man sich dagegen überlegte und daran erinnerte, daß eigentlich niemand recht wußte, wer Tschitschikow sei, daß er sich selbst nur sehr unklar und unbestimmt über seine Person geäußert und bloß erklärt hatte, daß er in seiner Karriere Schiffbruch gelitten, weil er der Wahrheit hätte dienen wollen, so mußte das frischen Verdacht erregen. Aber das alles war doch zu unklar und verschwommen. Und wenn er weiter sagte, er habe sich viele Feinde erworben, die ihm nach dem Leben trachteten, so gab das noch mehr Grund zum Nachdenken: also hatte er in Lebensgefahr geschwebt, also wurde er doch verfolgt: also mußte er doch irgend etwas begangen haben ... Ja wer war er denn nun eigentlich? Man durfte natürlich nicht annehmen, daß er falsches Papiergeld verfertige, oder gar ein Räuber sei — hatte er doch eine so gesinnungstüchtige Physiognomie; aber bei alledem: wer war er denn nun tatsächlich? Und jetzt endlich stellten sich die Herren Beamten die Frage, die sie sich gleich im Anfang, d. h. im ersten Kapitel dieser Dichtung, hätten stellen sollen. Man beschloß noch einige Nachforschungen bei all den Leuten anzustellen, die ihm die toten Seelen verkauft hatten, um wenigstens zu erfahren, was das für ein Geschäft gewesen sei, was man nun eigentlich unter diesen toten Seelen zu verstehen habe und ob Tschitschikow nicht wenigstens einem von ihnen zufällig oder so nebenher etwas von seinen Plänen und Absichten verraten oder ihnen erzählt hätte, wer er sei. Zuerst wandte man sich an die Karobotschka; aber aus der war nicht viel herauszubekommen: er hätte halt für fünfzehn Rubel tote Seelen gekauft und kaufe auch Daunen ein, ja er habe versprochen, ihr noch alles mögliche andere abzunehmen. Er liefere auch Speck an den Staat und sei daher ganz gewiß ein Gauner; denn es sei schon einmal einer dagewesen, der ihr Daunen abgekauft und Specklieferungen an den Staat übernommen habe. Der habe alle miteinander übers Ohr gehauen und die Frau Oberpfarrer um ganze hundert Rubel betrogen. Mehr war nicht aus ihr herauszuholen; sie wiederholte immer nur ein und dasselbe, und die Beamten überzeugten sich bald, daß Karobotschka ganz einfach eine dämliche alte Schachtel sei. Manilow erklärte, für Pawel Iwanowitsch werde er stets einstehen wie für sich selber. Er würde gerne sein ganzes Gut dafür hingeben, wenn er nur einen hundertsten Teil jener vortrefflichen Eigenschaften besäße, die Pawel Iwanowitsch zierten; überhaupt äußerte er sich in der schmeichelhaftesten Weise über ihn, indem er die Augen zusammenkniff und noch einige Gedanken über Freundschaft von sich aus zugab. Diese Gedanken zeugten natürlich in ausreichender Weise von den zarten Regungen seines Herzens; aber sie klärten die Sache selbst eigentlich doch nicht auf. Sabakewitsch erwiderte: seiner Ansicht nach sei Tschitschikow ein braver Mensch, er Sabakewitsch habe ihm nur seine besten Bauern verkauft: es seien Leute, die in jeder Hinsicht wohlauf und munter seien; aber er könne natürlich nicht dafür garantieren, was in Zukunft nicht noch alles geschehen könne. Wenn sie die Strapazen der Übersiedelung nicht überstehen und unterwegs sterben sollten, so sei das nicht seine Schuld; das liege in Gottes Hand. Es gäbe ja genug Epidemien und andere tödliche Krankheiten in der Welt, und es habe schon Fälle gegeben, wo ganze Dörfer ausgestorben seien. Die Herren Beamten nahmen noch zu einem andern Mittel ihre Zuflucht, das man zwar nicht allzu vornehm nennen kann, das aber doch zuweilen zur Anwendung kommt. Sie ließen die Bedienten Tschitschikows auf allerhand Umwegen durch befreundete Lakaien ausfragen, ob ihnen nicht irgend welche Einzelheiten aus der Vergangenheit und den Lebensverhältnissen ihres Herrn bekannt seien. Aber auch hier bekamen sie nur wenig zu hören. Von Petruschka nahmen sie nichts mit als jenen etwas dumpfigen Geruch der Wohnstube, und Seliphan erklärte nur kurz: „Er ist früher Beamter gewesen und hat beim Zollamt gedient.“ Das war alles. Diese Klasse von Menschen hat eine seltsame Gewohnheit: wenn man sie direkt nach etwas fragt, dann können sie sich nie auf etwas besinnen. Sie können sich die Dinge in ihrem Kopfe nicht zusammenreimen, oder sagen einfach, daß sie nichts wissen. Fragt man sie aber nach etwas anderem, dann bringen sie alles vor, was ihr nur wünscht, und erzählen es euch mit solchen Einzelheiten, wie ihr sie gar nicht mal hören wollt. Alle Nachforschungen, die von den Beamten angestellt wurden, machten ihnen nur eins klar, daß sie wirklich nicht wußten, wer Tschitschikow eigentlich war, und daß er doch aber sicher etwas sein müßte. Schließlich beschlossen sie, sich endgültig über diesen Gegenstand zu einigen, und wenigstens eine definitive Entscheidung zu treffen, was hier zu tun sei, welche Maßregeln sie ergreifen und wie sie ermitteln sollten, wer er sei: ob er ein Mensch, den man als politisch unzuverlässig arretieren und verhaften müsse, oder vielmehr ein solcher sei, der sie selbst als politisch unzuverlässig arretieren und verhaften könne. Zu diesem Zwecke verabredete man sich, im Hause des Polizeimeisters zusammenzukommen, den der Leser ja schon als Vater und Wohltäter der Stadt kennengelernt hat.

Zehntes Kapitel.

Man versammelte sich also im Hause des Polizeimeisters, der ja dem Leser schon als Vater und Wohltäter der Stadt bekannt ist. Hier hatten die Beamten die Gelegenheit, einander darauf aufmerksam zu machen, wie eingefallen und abgemagert ihre Wangen von den beständigen Sorgen und Aufregungen waren. Und in der Tat, die Ernennung des neuen Generalgouverneurs, dann die kürzlich eingegangenen Papiere so bedeutsamen Inhalts und endlich noch die schrecklichen Sorgen — dies alles hatte merkliche Spuren auf ihren Gesichtern hinterlassen, selbst die Fräcke waren ihnen allen zu weit geworden. Alle waren ein wenig heruntergekommen: der Gerichtspräsident, der Inspektor der Sanitätsverwaltung, der Staatsanwalt sahen mager und bleich aus, ja sogar ein gewisser Semjon Iwanowitsch, welchen man nie bei seinem Familiennamen nannte, ein Herr mit einem goldenen Ring am Zeigefinger, den er mit besonderer Vorliebe den Damen zeigte, selbst der war ein wenig abgemagert. Natürlich gab es darunter auch ein paar von jenen verwegenen Rittern ohne Furcht und Tadel, welche nie die Geistesgegenwart verloren: aber ihre Zahl war nur klein: ja es gab eigentlich nur einen einzigen den man dazu zählen konnte, nämlich den Postmeister. Er allein blieb völlig unverändert in dem ruhigen Gleichmaß seines Wesens und sagte wie gewöhnlich in derartigen Fällen: „euch kennt man schon, ihr Herren Generalgouverneure. Von euch wird noch so mancher dem anderen Platz machen müssen, ich aber stehe bald dreißig Jahre auf meinem Posten.“ Worauf die andern Beamten gewöhnlich zu erwidern pflegten: „Sie haben es gut Herr!“ „Sprechen Sie deutsch, Iwan Andreitsch.“ „Dein Geschäft ist der Postdienst — du hast bloß die eingelaufenen Briefe in Empfang zu nehmen und zu expedieren; du kannst höchstens einmal dein Postamt eine Stunde zu früh schließen und dann irgend einem Kaufmann, der sich verspätet hat, für die Annahme des Briefes nach geschlossenem Schalter etwas abverlangen, oder du expediert vielleicht ein Paket, welches nicht abgeschickt werden sollte. Unter diesen Umständen kann natürlich jeder ein Heiliger sein. Aber versetze dich mal in unsere Lage, wo dir täglich der Teufel in eigner Person erscheint und dir fortwährend etwas in die Hände spielt. Du selbst willst ja garnichts nehmen, er aber steckt es dir in die Hand. Bei dir ist das Malheur nicht so groß; du hast bloß ein Söhnchen. Mir aber hat Gott meine Praskowja Fjodrowna so reich gesegnet, daß sie mich jedes Jahr mit irgend einem Praskuschka oder Petruschka beschenkt. Da würdest du auch auf einer anderen Flöte pfeifen.“ So sprachen die Beamten. Ob es aber in der Tat möglich ist, dem Teufel auf die Dauer zu widerstehen, das zu beurteilen, ist nicht Sache des Verfassers. In unserm Konzilium, das sich bei dieser Gelegenheit versammelt hatte, machte sich vorzüglich der Mangel dessen bemerkbar, was man in der Sprache des Volkes den gesunden Menschenverstand zu nennen pflegt. Überhaupt sind wir, wie es scheint, nicht so recht geschaffen für repräsentative Versammlungen. Bei all unsern Sitzungen von denen der ländlichen Bauerngemeinden an bis zu allen gelehrten und ungelehrten Komitees, herrscht, wenn nicht eine leitende Persönlichkeit an der Spitze steht, ein recht bedenklicher Wirrwarr. Es ist eigentlich schwer zu sagen warum das so ist; wahrscheinlich ist unser Volk nun einmal so veranlagt, daß ihm nur die Versammlungen und Beratungen gelingen, die irgend ein Diner oder eine Zecherei zum Gegenstand haben, wie die Salon- und Klubversammlungen auf deutsche Manier. Dagegen ist der gute Wille jederzeit und zu allen guten Dingen vorhanden. Plötzlich fällt es uns ein, wenn der Wind günstig ist, irgend welche Wohltätigkeits-, Hilfs- und Gott weiß was für andere Vereine zu gründen. Und wenn die Sache nur einen guten Zweck hat, kann man sicher sein, daß nichts dabei herauskommt. Vielleicht rührt das daher, daß wir gleich im Anfang, d. h. zu früh, befriedigt sind, und glauben, es sei schon alles getan. Wenn wir z. B. irgend eine Gesellschaft mit wohltätigem Zweck gründen wollen und schon bedeutende Summen dazu gestiftet haben, müssen wir unbedingt, um unsere so löbliche Absicht bekannt zu machen, irgend ein Diner geben, zu dem alle Spitzen der Stadt geladen sind und das mindestens die Hälfte der gezeichneten Summe verschlingt. Für die andere Hälfte richtet sich das Komitee eine prachtvolle Wohnung mit Heizung und Portier ein, worauf von der ganzen Summe fünf und ein halber Rubel übrig bleiben. Aber auch hier sind sich die Mitglieder des Komitees noch nicht einig über die Verwendung und Verteilung dieser Summe, und ein jeder schiebt irgend eine arme Tante oder Base vor. Übrigens war das Kollegium, das sich heute versammelt hatte, ganz anderer Art: ein dringendes Bedürfnis hatte die Anwesenden zusammengeführt. Und es handelte sich auch nicht um irgend welche Arme oder Abseitsstehende, sondern die zur Verhandlung stehende Sache ging jeden Beamten persönlich an; es handelte sich hier um eine Gefahr, die allen in gleicher Weise drohte, und daher war es auch kein Wunder, wenn sich alle Beteiligten unter solchen Verhältnissen einmütiger und enger zusammenschlossen. Aber dennoch und trotzalledem nahm die Sitzung einen ganz tollen Ausgang. Abgesehen von den Meinungsverschiedenheiten und Streitigkeiten, wie sie ja bei all solchen Versammlungen vorzukommen pflegen, kam in den Anschauungen und Äußerungen der Versammlungsteilnehmer auch noch eine merkwürdige Unentschlossenheit zum Ausdruck: der eine behauptete, Tschitschikow stelle falsche Staatspapiere her, fügte jedoch gleich darauf hinzu: „vielleicht ist es aber auch nicht so,“ ein anderer erklärte, er sei ein Beamter aus dem Büro des Generalgouverneurs, verbesserte sich aber sofort wieder und meinte „übrigens: der Teufel mag wissen, wer er ist, vom Gesicht kann man es einem Menschen doch nicht ablesen.“ Gegen den Verdacht aber, daß er ein verkleideter Dieb oder Räuber sei, lehnten sich alle in gleicher Weise auf, man war der Ansicht, daß er doch ein vertraueneinflößendes und gesinnungstüchtiges Äußeres besitze, aber auch in seinen Worten läge nichts, was auf einen Menschen schließen ließe, der einer solch gewalttätigen Handlungsweise verdächtig sei. Plötzlich rief der Postmeister, der eine Zeitlang, in tiefes Sinnen versunken, dagestanden hatte — sei es nun, daß ihm eine momentane Erleuchtung gekommen war, sei es aus einem andern Grunde — ganz unerwartet aus: „Wissen Sie, meine Herren, wer er ist?“ Er hatte diese Worte mit einer Stimme herausgeschrieen, die geradezu etwas Erschütterndes an sich hatte, so daß sich allen Anwesenden wie aus einem Munde der Ruf entrang: „Nun wer?“ „Das ist niemand anderes, meine Herren, das Verehrtester, ist kein anderer, als der Hauptmann Kopeikin!“[5] Und als ihn darauf alle zugleich fragten: „Wer ist denn dieser Kopeikin?“ antwortete der Postmeister erstaunt: „Wie? Sie wissen nicht, wer der Hauptmann Kopeikin ist?“

Alle erwiderten, sie hätten noch nie etwas von diesem Hauptmann Kopeikin gehört.

„Der Hauptmann Kopeikin,“ versetzte der Postmeister, indem er seine Tabakdose nur ganz wenig öffnete, weil er sich fürchtete, es könnte am Ende noch einer von den ihm Zunächststehenden mit den Fingern hineinlangen, von deren Sauberkeit er nicht recht überzeugt war; pflegte er doch zuweilen sogar zu sagen: „Weiß schon, weiß schon, mein Bester, wo Sie Ihre Finger reingesteckt haben mögen! Tabak — das ist ein Objekt, das mit peinlichster Sorgfalt und Sauberkeit behandelt sein will.“ — „Der Hauptmann Kopeikin,“ wiederholte er, nachdem er eine Prise genommen hatte: „ja — übrigens, wenn ich Ihnen von ihm erzählen wollte — das gäbe eine höchst interessante Geschichte; selbst für einen Schriftsteller: sozusagen ein ganzes Poema.“

Alle Anwesenden äußerten den Wunsch, diese Geschichte oder dieses für einen Schriftsteller so interessante „Poema“, wie sich der Postmeister ausgedrückt hatte, kennen zu lernen, und er begann folgendermaßen:

„Die Geschichte vom Hauptmann Kopeikin.

Nach dem Feldzuge vom Jahre 1812, verehrter Herr,“ hub der Postmeister an, trotzdem nicht ein einzelner Herr, sondern ganze sechs im Zimmer saßen, „nach dem Feldzug vom Jahre 1812 wurde zusammen mit anderen Verwundeten auch ein Hauptmann namens Kopeikin ins Lazarett eingeliefert. Ein Bruder Leichtfuß und launenhaft wie der Teufel, hatte er alles durchgemacht, was es auf der Welt gibt, war auf der Hauptwache gewesen und hatte manche Stunde Arrest abgesessen. War es bei Krasnoje oder in der Schlacht von Leipzig gewesen, genug, er hatte im Kriege ein Bein und einen Arm verloren. Sie wissen doch, damals gab’s noch keine von den bekannten Einrichtungen für die Verwundeten: dieser Invalidenfond, das können Sie sich wohl denken, der wurde sozusagen erst viel später gegründet. Der Hauptmann Kopeikin sieht also, daß er arbeiten muß, aber sehen Sie wohl, er hatte eben nur einen Arm, nämlich den linken. Er wandte sich also nach Hause an seinen Vater, aber der Vater gab ihm zur Antwort: ‚Ich kann dich nicht auch noch ernähren; ich,‘ denken Sie sich nur, ‚ich verdiene mir selbst mit knapper Not meinen Unterhalt.‘ Da beschloß denn mein Hauptmann Kopeikin, sehen Sie wohl, Verehrtester, da beschloß er nach Petersburg zu reisen und sich an die Behörden zu wenden, ob sie ihm nicht eine kleine Unterstützung zukommen lassen könnten, er habe doch gewissermaßen, sozusagen sein Leben geopfert und sein Blut vergossen ... Er fuhr also in einem Gepäckwagen oder einem staatlichen Transportwagen nach der Hauptstadt, sehen Sie wohl Verehrtester, genug, er gelangte mit Mühe und Not nach Petersburg. Und nun stellen Sie sich vor: da befindet sich nun dieser selbige, d. h. dieser Hauptmann Kopeikin in Petersburg, das sozusagen in der ganzen Welt nicht seinesgleichen hat! Plötzlich ist es um ihn herum licht und hell, gewissermaßen ein weites Feld des Lebens, so eine Art märchenhafte Scheherazade, verstehen Sie mich wohl. Also denken Sie nur, plötzlich liegt vor ihm so ein Newski-Prospekt oder solch eine Erbsenstraße oder, hol’s der Teufel, irgend so eine Liteinaja, da ragt irgend so ein Turm in die Luft und dort hängen ein paar Brücken, wissen Sie, so ohne jegliche Stützen und Pfeiler, mit einem Wort die reinste Semiramis. Tatsächlich, Verehrtester! Erst trieb er sich eine Weile in den Straßen herum, um sich eine Wohnung zu mieten; aber das war ihm alles zu brenzlich: all diese Gardinen, Rouleaux und all das Teufelszeug, verstehen Sie, diese Teppiche, das reinste Persien, Verehrtester ... Mit einem Wort, beziehungsweise, man tritt das Kapital nur so mit Füßen. Man geht über die Straße, und die Nase merkt schon von ferne, daß es nach Tausenden riecht; und, Sie wissen doch, die ganze Staatsbank meines Hauptmannes Kopeikin besteht aus fünf blauen Scheinen und noch ein paar Silbergroschen ... Nun also, Sie wissen ja, ein Landgut läßt sich dafür nicht kaufen, d. h. es ließe sich vielleicht kaufen, wenn man noch vierzig Tausend dazulegte; aber die vierzig Tausend muß man sich erst beim König von Frankreich leihen. Genug, er mietet sich schließlich in einem Gasthaus zur Stadt Reval ein, für einen Rubel pro Tag. Sie wissen, ein Mittagessen aus zwei Gängen, eine Kohlsuppe und ein Stück Suppenfleisch dazu ... Er sieht also, daß sein Geld nicht mehr allzu lange reicht. Er erkundigte sich, wohin er sich wenden soll. ‚Wohin könntest du dich wenden,‘ sagt man ihm. ‚Die Beamten der Regierung sind nicht mehr in der Stadt. Sehen Sie wohl, das ist alles in Paris. Die Armee ist noch nicht zurück. Aber es gibt hier eine sogenannte provisorische Kommission. Versuchen Sie’s,‘ sagt man ihm, ‚vielleicht können Sie dort was ausrichten.‘ — ‚Nun gut, dann gehe ich zur Kommission,‘ spricht Kopeikin. ‚Ich werd’ es ihnen schon klar machen. So und so steht die Sache. Ich habe, sozusagen, mein Blut vergossen und gewissermaßen mein Leben geopfert.‘ So stand er denn also eines Morgens etwas früher auf, kratzte sich mit der linken Hand seinen Bart, denn, sehen Sie wohl, wäre er zum Barbier gegangen, so hätte das in gewissem Sinne neue Ausgaben verursacht, zog seine Uniform an und begab sich auf seinem Holzfuß einherhinkend zum Vorsitzenden der Kommission. Stellen Sie sich bloß vor! Er fragt also, wo der Vorsitzende wohnt. Da sagt man ihm, jenes Haus dort am Kai, das gehört ihm. Eine richtige Bauernhütte, verstehen Sie! Fensterscheiben, meterlange Spiegel, Marmor, Lack, denken Sie sich nur, Verehrtester! Mit einem Wort, die Sinne schwinden einem. So ’ne Türklinke aus Metall, der feinste Komfort, sodaß man zuerst in den Laden laufen, sich für einen Groschen Seife kaufen und sich dann, sozusagen, stundenlang die Hände reiben muß, ehe man es wagt, sie anzufassen. Vorn am Eingang, verstehen Sie, da steht ein Portier mit einem großen Säbel, mit so ’ner Grafenphysiognomie, und Batistkragen, rein wie ein wohlgepflegter Mops ... Mein Kopeikin schleppt sich also auf seinem Holzfuß ins Vorzimmer, setzt sich in einen Winkel, um nur nicht mit dem Arm gegen irgend so ein Amerika oder Indien, gegen so eine vergoldete Porzellanvase, verstehen Sie wohl, zu stoßen. Sehen Sie wohl, natürlich mußte er eine halbe Ewigkeit dort warten, weil er zu einer Zeit gekommen war, wo der Vorsitzende, sozusagen, noch kaum aus dem Bett gestiegen war und sein Kammerdiener ihm eben irgend so ein silbernes Becken reichte, verstehen Sie wohl, wo man sich drin wäscht. Mein Kopeikin wartet also vier Stunden lang; da kommt endlich der diensthabende Beamte und sagt: ‚Gleich kommt der Präsident!‘ Und schon füllt sich das Zimmer mit allerhand Epauletten und Achselbändern. Mit einem Worte die Menschen drängen sich wie Bohnen in der Schüssel. Endlich, Verehrtester, tritt auch der Präsident herein. Na, Sie können sich natürlich vorstellen: der Präsident in eigener Person sozusagen. Und, natürlich, seinem Rang und Titel entsprechend so eine Physiognomie, so ein Ausdruck, verstehen Sie. Aus allem spricht die „Condewite“ des Großstädters. Erst geht er zu einem dann zum andern: ‚Warum sind Sie hier?‘ ‚Und Sie?‘ ‚Was wünschen Sie?‘ ‚In welcher Angelegenheit kommen Sie?‘ Zuletzt kommt auch mein Kopeikin an die Reihe: ‚So und so,‘ sagt er, ‚ich habe mein Blut vergossen, ein Bein und einen Arm verloren, sozusagen. Ich kann nicht mehr arbeiten und erlaube mir die Anfrage, ob ich nicht eine kleine Unterstützung, irgend so ’ne Anweisung, beziehungsweise auf eine kleine Gratifikation oder Pension, verstehen Sie wohl, bekommen kann.‘ Der Vorsitzende sieht der Mann hat einen Stelzfuß und der rechte Ärmel baumelt leer herunter. ‚Gut!‘ sagt er, ‚fragen Sie nach ein paar Tagen mal wieder an!‘ Mein Kopeikin ist ganz selig. ‚Na,‘ denkt er, ‚die Sache macht sich.‘ Er ist in einer Laune, können Sie sich vorstellen; hüpft geradezu auf dem Trottoir. Dann ging er ins Restaurant von Palkiku um einen Schnaps zu nehmen, aß in der Stadt London zu Mittag, ließ sich eine Kotelette mit Kapern kommen, dazu ’ne Poularde und allerhand Filets, nebst einer Flasche Wein — mit einem Wort, es war eine feudale Zeche, sozusagen. Auf dem Trottoir sieht er plötzlich eine Engländerin kommen. Wissen Sie, schlank wie irgend so’n Schwan. Mein Kopeikin, dessen Blut in Wallung geriet, läuft ihr trach, trach, trach auf seinem Stelzfuß nach; ‚ach nein!‘ denkt er, ‚hol die Kurmacherei einstweilen der Teufel; das kommt nachher, wenn ich meine Pension habe. Ich bin schon gar zu sehr aus Rand und Band geraten.‘ Dabei hatte er an diesem einen Tage, bitte ich zu bemerken, fast die Hälfte seines Geldes durchgebracht. Nach drei vier Tagen, sehen Sie wohl, da kommt er wieder in die Kommission zum Präsidenten: ‚Ich bin gekommen,‘ sagt er, ‚um mir Bescheid zu holen, so und so, infolge der überstandenen Krankheiten und meiner Verwundungen .... Ich habe sozusagen mein Blut vergossen usw., verstehen Sie wohl.‘ Alles in der amtlichen Sprache, natürlich! ‚Ja, ja,‘ sagt der Präsident, ‚zunächst aber muß ich Ihnen mitteilen, daß ich in Ihrer Sache ohne die Zustimmung der Regierung nichts zu tun vermag. Sie sehen selber, was das für eine Zeit ist. Die kriegerischen Operationen sind gewissermaßen, sozusagen, noch nicht beendigt. Warten Sie die Ankunft des Herrn Ministers ab und gedulden Sie sich bis dahin noch ein wenig. Sie können überzeugt sein, man wird Sie nicht vergessen. Sollten Sie indessen nichts zum Leben haben, so nehmen Sie dies. Das ist alles was ich geben kann ...‘ Na, Sie verstehen, er gab ihm natürlich nicht viel, aber bei bescheidenen Ansprüchen hätte man bis zum Entscheidungstermin damit auskommen können. Aber mein Kopeikin hatte keine Lust dazu. Er dachte er würde gleich morgen ein paar Tausender erhalten: ‚Da hast du was, mein Lieber, trink eins und amüsier dich!‘; statt dessen aber muß er warten und weiß nicht einmal, bis zu welchem Termin. Und dabei spuken ihm, sehen Sie wohl, all diese Engländerinnen und Soupers und Kotelettes im Kopfe herum. Da kommt er nun wie so’n Uhu, oder Pudel, den der Koch mit Wasser begossen hat, vom Präsidenten heraus — hat den Schwanz eingezogen und läßt die Ohren hängen. Das Leben in Petersburg hatte ihn schon ein wenig mitgenommen, von diesem und jenem hatte er auch schon gekostet. Und nun heißt es: sieh zu, wie du weiterkommt, von all diesen Schleckereien nicht die Spur, sehen Sie wohl. Und dabei war er noch ein junger frischer Mensch mit gutem Appetit, einem wahren Wolfshunger sozusagen. Wie oft kam er nicht an irgend so einem Restaurant vorüber: und nun stellen Sie sich vor: der Koch ist ein Ausländer, so ein Franzose, wissen Sie, mit solch einem offenen Gesicht, trägt immer nur die feinste holländische Wäsche, und eine Schürze, so weiß wie Schnee sozusagen, da steht nun der Kerl vor seinem Herd und bereitet euch irgend so ein Finserb, oder Koteletts mit Trüffeln, mit einem Wort, irgend so eine Delikatesse, daß unser Hauptmann sich am liebsten selbst aufgefressen hätte vor Appetit. Oder er kommt an den Miljutinschen Läden vorbei: lacht ihm da sozusagen irgend so ein geräucherter Lachs, oder ein Körbchen mit Kirschen — zu fünf Rubel das Stück, oder so ’ne Riesin von Wassermelone, so’n ganzer Omnibus, wissen Sie, aus dem Fenster entgegen, und sucht nach einem Narren, der einen überflüssigen Hunderter in der Tasche hat, verstehen Sie, mit einem Wort, nichts wie Verführungen auf Schritt und Tritt, es läuft einem sozusagen das Wasser im Munde zusammen, für ihn aber heißt’s: warte gefälligst. Und nun stellen Sie sich seine Lage vor: einerseits, sehen Sie wohl, dieser Lachs und die Wassermelone, und andererseits irgend so ein bitteres Gericht unter dem Namen: ‚Komm morgen wieder.‘ ‚Ach was,‘ denkt er, ‚mögen Sie dort machen, was sie wollen, ich gehe hin, setze die ganze Kommission und all die Vorsitzenden in Bewegung und erkläre: nein, bitte schön, das geht nicht so weiter!‘ Und in der Tat, frech und aufdringlich, wie er ist, — je weniger einer im Oberstübchen los hat, desto mehr Mut hat er — kommt er also in die Kommission: ‚Nun was wünschen Sie?‘ fragt man ihn, ‚was wollen Sie noch weiter, Sie haben doch schon Bescheid erhalten.‘ — ‚Ich bitt’ Sie,‘ sagt er, ‚ich kann doch nicht so von der Hand in den Mund leben. Ich muß doch meine Kottelette und eine Flasche französischen Rotwein zum Mittagessen haben und mich ein wenig zerstreuen, einmal ins Theater gehen, verstehen Sie,‘ sagte er — ‚Nein, da müssen Sie uns schon entschuldigen,‘ sagte da der Vorsitzende .. ‚Was das anbelangt, so müssen Sie sich schon gewissermaßen gedulden. Sie haben doch etwas bekommen, um sich über Wasser zu halten, bis die Order von oben eingelaufen ist, und Sie können überzeugt sein, daß Sie nach Gebühr entschädigt werden sollen: denn es ist bisher ohne Beispiel, daß bei uns in Rußland ein Mann, der seinem Vaterland gewissermaßen, sozusagen, einen Dienst geleistet hat, daß der unversorgt geblieben wäre. Aber, wenn Sie sich freilich jetzt an Koteletts delektieren und ins Theater gehen wollen, nein, wissen Sie, dann müssen Sie schon entschuldigen. Dazu verschaffen Sie sich nur gefälligst selbst die Mittel. Da müssen Sie sich schon selbst helfen.‘ Aber denken Sie bloß, mein Kopeikin verzieht keine Miene. Die Worte prallen von ihm ab wie Erbsen von einer Wand. Er erhob ein großes Geschrei und brachte die ganze Gesellschaft in Aufruhr. Er ließ ein wahres Hagelwetter über all diese Regierungsbeamten und Sekretäre los ... ‚Ja dann seid ihr ja dies und jenes,‘ sagte er, ‚ja, dann kennt ihr ja eure Pflicht und Schuldigkeit nicht, ihr Gesetzesverdreher!‘ Mit einem Wort, er wischte ihnen allen kräftig eins aus. Zufällig kam ihm auch noch irgend so’n General aus einem andern Ressort unter die Finger. Und auch der bekam seinen Teil, verstehen Sie wohl. Kurz, er brachte sie alle durcheinander. Was soll man nur mit so einem rasenden Kerl anfangen? Der Präsident sieht, es gibt keinen andern Ausweg, man muß gewissermaßen, sozusagen, zu strengeren Maßregeln seine Zuflucht nehmen. ‚Schön,‘ sagte er, ‚wenn Sie nicht damit zufrieden sind was man Ihnen gibt, und hier in der Hauptstadt nicht ruhig auf die Entscheidung Ihrer Sache warten wollen, so lasse ich Sie sozusagen in Ihre Heimat abschieben. Der Feldjäger soll kommen und ihn nach der Heimat transportieren!‘ Der Feldjäger aber, verstehen Sie wohl, der steht schon da und wartet schon hinter der Tür: so’n baumlanger Kerl, wissen Sie, mit einer Hand wie von der Natur selbst für den Kurierdienst geschaffen. Mit einem Wort: ein richtiger Zahnzieher. So wird denn unser braver Knecht Gottes in den Wagen befördert und ab geht’s in Begleitung des Feldjägers. ‚Na,‘ denkt Kopeikin, ‚da spar’ ich wenigstens das Reisegeld. Auch dafür bin ich den Herren dankbar.‘ So fährt er denn, Verehrtester, mit dem Feldjäger, und während er so an der Seite des Feldjägers sitzt, spricht er gewissermaßen, sozusagen, zu sich selber: ‚Schön,‘ sagt er, ‚du erklärst mir, ich soll mir selbst helfen und die Mittel suchen! Gut, schön,‘ sagt er, ‚ich will mir die Mittel schon verschaffen!‘ Wie er nun an seinen Bestimmungsort befördert, und wohin er eigentlich gebracht wurde, darüber ist nichts bekannt geworden. Und daher sind denn auch die Nachrichten über den Hauptmann Kopeikin im Strome der Vergessenheit untergegangen, in so einer Lethe, wissen Sie, wie die Poeten es nennen. Doch hier, sehen Sie wohl, meine Herren, hier schürzt sich, kann man wohl sagen, der Knoten unseres Romans. Wo also Kopeikin verschwunden ist, das weiß niemand; aber stellen Sie sich vor, es vergingen auch nicht zwei Monate, als in den Wäldern von Rjasan eine Räuberbande auftauchte, und der Hauptmann dieser Räuberbande, sehen Sie wohl, war kein anderer als ...“

„Aber erlaube mal, Iwan Andrejewitsch,“ unterbrach ihn plötzlich der Polizeimeister, „du sagtest doch selber, dem Hauptmann Kopeikin habe ein Bein und ein Arm gefehlt; und Tschitschikow hat doch ...“

Da schrie der Postmeister laut auf, schlug sich mit aller Kraft vor die Stirne und nannte sich vor versammeltem Publikum ein Rindvieh. Er konnte garnicht verstehen, wie dieser Umstand ihm nicht gleich zu Anfang dieser Erzählung eingefallen war, und erklärte, das russische Sprichwort: „der Verstand des Russen ist von hinten am stärksten!“ sei vollkommen wahr. Aber gleich darauf fing er an, Winkelzüge zu machen und versuchte sogar sich aus der Affäre zu ziehen, indem er behauptete, die Engländer hätten, wie man aus den Zeitungen ersehen könne, die Mechanik sehr vervollkommnet, und einer hätte sogar hölzerne Füße mit einem solchen Mechanismus erfunden, daß man nur auf eine Spirale zu drücken brauche, damit diese Füße einen in unbekannte Gegenden forttrügen, sodaß man den Menschen überhaupt nicht mehr auffinden könne.

Aber trotzdem zweifelten alle, daß Tschitschikow der Hauptmann Kopeikin sei, und fanden, daß der Postmeister schon gar zu weit über das Ziel hinausgeschossen habe. Übrigens wollten sie sich ihrerseits auch nicht lumpen lassen und verirrten sich, angeregt durch die geistvolle Hypothese des Postmeisters, womöglich noch weiter. Unter den vielen in ihrer Art geistreichen Vermutungen war besonders eine bemerkenswert: so seltsam es klingt, es wurde die Ansicht laut, daß Tschitschikow vielleicht Napoleon sein könne, der sich verkleidet in ihrer Stadt aufhielte; die Engländer seien schon längst eifersüchtig auf Rußland, auf seine Macht und seine Größe, und es wären schon mehrmals Karikaturen erschienen, auf denen ein Russe im Gespräch mit einem Engländer abgebildet war: der Engländer steht da und hält einen Hund an der Leine, dieser Hund aber soll Napoleon vorstellen: ‚Paß auf,‘ sagt der Engländer, ‚wenn mir etwas nicht behagt, dann hetze ich diesen Hund auf dich.‘ Wer weiß, vielleicht hatten sie jetzt diesen Hund von St. Helena losgelassen, und er schweifte nun unter der Maske Tschitschikows in Rußland umher, während er doch in Wahrheit garnicht Tschitschikow sei.

Natürlich schenkten die Beamten dieser Hypothese keinen Glauben, aber sie wurden doch nachdenklich und, wenn jeder von ihnen sich im stillen die Sache überlegte, konnte er sich’s nicht verhehlen, daß Tschitschikows Profil eine verdächtige Ähnlichkeit mit dem Napoleons hatte. Der Polizeimeister, welcher den Feldzug von 1812 mitgemacht hatte, hatte Napoleon persönlich gesehen und mußte gleichfalls zugeben, daß er sicherlich nicht größer als Tschitschikow und auch von Statur weder allzu dick, aber andererseits auch wiederum nicht allzu dünn gewesen sei. Vielleicht wird mancher Leser dies alles für sehr unwahrscheinlich halten, — nun auch der Autor ist bereit ihm zuliebe zuzugestehen, daß die Geschichte sehr unwahrscheinlich ist; aber wie zum Tort mußte sich alles geradeso abspielen, wie wir es hier erzählen, was um so seltsamer ist, da die Stadt nicht irgendwo abseits vom Wege, sondern in nächster Nähe von beiden Hauptstädten lag. Übrigens darf man nicht vergessen, daß all diese Ereignisse bald nach der glorreichen Vertreibung der Franzosen stattfanden. Um diese Zeit waren alle unsere Gutsbesitzer, Beamten, Kaufleute, Handlungsgehilfen und alle gebildeten und ungebildeten Leute wenigstens für die ersten acht Jahre eingefleischte Politiker geworden. Die „Moskauer Nachrichten“ und der „Sohn des Vaterlandes“ wurden so zerlesen, daß sie an den letzten Leser nur noch als ein Häuflein Papierfetzen gelangten, der zu nichts mehr zu gebrauchen war. Statt Fragen, wie die folgenden: Wie teuer haben Sie den Scheffel Hafer verkauft, Väterchen? — Was denken Sie vom gestrigen Schneefall? — hörte man nur noch Fragen: Nun, was steht in der Zeitung? — Ist Napoleon nicht wieder entwischt? — Besonders die Kaufleute fürchteten sich sehr davor, denn sie glaubten fest an die Prophezeiung eines Wahrsagers, welcher schon seit drei Jahren im Kerker saß. Dieser neue Prophet war plötzlich — kein Mensch wußte woher — in Bastschuhen und in Felle gehüllt, die schrecklich nach faulen Fischen rochen, in der Stadt aufgetaucht und hatte verkündigt, Napoleon sei der Antichrist, der jetzt hinter sechs Mauern und sieben Meeren an einer steinernen Kette schmachte, aber bald werde er seine Ketten sprengen und sich die ganze Welt unterwerfen. Dieser Prophet war wegen seiner Prophezeiungen ins Gefängnis geworfen worden, und das von Rechts wegen. Trotzdem aber hatte er seine Mission erfüllt und die Kaufleute vollkommen um ihr bißchen Verstand gebracht. Und lange noch, selbst während des flottesten Geschäftsganges kamen die Kaufleute im Wirtshaus zusammen, um sich hier beim Tee über den Antichrist zu unterhalten. Viele von den Kaufleuten und den vornehmen Adeligen dachten auch, selbst ohne es zu wollen, über die Sache nach und glaubten unter dem Einflusse der mystischen Stimmung, welche bekanntlich damals alle Geister beherrschte, in jedem Buchstaben, der in dem Wort Napoleon vorkam, einen besonderen, bedeutungsvollen Sinn zu entdecken; viele wollten in ihm sogar die Zahlen aus der Apokalypse wiedererkannt haben. Daher war es durchaus nicht so wunderbar, wenn auch die Beamten in diesem Punkte stutzig wurden. Allein bald kamen sie wieder zur Besinnung und merkten, daß ihre Phantasie schon allzu üppig wucherte, und daß die Sache doch ganz anders liege. Sie dachten hin und dachten her, überlegten her und überlegten hin, und kamen schließlich zur Überzeugung, daß es vielleicht nicht übel wäre Nosdrjow einmal gründlich auszuhorchen. Da er es ja gewesen war, der die Geschichte mit den toten Seelen zuerst in die Welt gebracht hatte und, wie man sagte, in so nahen Beziehungen zu Tschitschikow stand, mußte er doch etwas über dessen Lebensverhältnisse wissen; und so beschloß man denn, erst einmal zu hören was Nosdrjow sagen werde.

Höchst seltsame Leute, diese Herren Beamten, und mit ihnen die Vertreter aller anderen Berufe: sie wußten doch ganz genau, daß Nosdrjow ein Lügner sei, daß man ihm kein Wort glauben könne, selbst da nicht, wo es sich um eine Bagatelle handelte und doch nahmen sie zu ihm ihre Zuflucht. Da mag einer den Menschen verstehen! Er glaubt nicht an Gott, aber glaubt dafür, daß er unbedingt sterben müsse, wenn ihm seine Nase juckt; er geht gleichgültig an einer Schöpfung des Dichters vorbei, welche so deutlich für sich zeugt, wie das Licht der Sonne, ganz durchdrungen ist von innerer Harmonie und schlichter weiser Einfalt, um sich gierig auf das Erzeugnis eines kecken Kopfes zu stürzen, der ihm irgend ein wirres, krauses Zeug vorschwatzt und die Natur verrenkt und vergewaltigt. Und das gefällt ihm. Da tut er den Mund weit auf und schreit mit lauter Stimme: „Seht ihr! das ist reine Herzenskündigung!“ Sein ganzes Leben lang pfeift er auf die Ärzte, um am Ende zu einem alten Weibe zu laufen, welches die Leute mit Sympathiemitteln und Spucke kuriert, oder er braut sich gar selbst ein Dekokt aus irgend einem Zeug, weil ihm plötzlich die tolle Idee kommt, es könne ihm etwas gegen seine Krankheit nützen. Man hätte natürlich die Herren Beamten mit ihrer schwierigen Lage entschuldigen können. Man sagt ja, daß ein Ertrinkender nach einem Strohhalm greife, und daß er nicht soviel Überlegung habe, um sich zu sagen, auf einem Strohhalm könne höchstens eine Fliege einen Spazierritt wagen, nicht aber er, der vier oder gar fünf Zentner wiegt; aber wie gesagt, in der Gefahr stellt er diese Überlegung überhaupt nicht an und greift nach dem Strohhalm. So nahmen denn auch unsere Herren schließlich ihre Zuflucht zu Nosdrjow. Der Polizeimeister schrieb ihm sofort einen Brief, in dem er ihn einlud, bei ihm zu Abend zu speisen, und ein Polizeikommissar in hohen Wasserstiefeln und mit freundlichen roten Backen machte sich spornstreichs auf den Weg, nahm seinen Säbel in die Hand und lief im Galopp zu Nosdrjow, um ihm das Schreiben zu überbringen. Nosdrjow war gerade mit einem sehr wichtigen Gegenstande beschäftigt; schon den vierten Tag verließ er das Haus nicht, empfing keinen Menschen und ließ sich sogar das Mittagessen durch das Fenster reichen — mit einem Wort, er war ganz abgemagert und sah beinah grün im Gesicht aus. Die Sache selbst erforderte die größte Aufmerksamkeit und Sorgfalt: sie bestand in der Auswahl und Zusammenstellung eines Kartenspieles von gleicher Zeichnung aus einem ganzen Schock. Dabei mußte die Zeichnung aber so scharf sein, daß man sich auf sie verlassen konnte, wie auf seinen besten Freund. Eine solche Arbeit erfordert mindestens zwei Wochen. Während dieser ganzen Zeit mußte Porphyr dem kleinen Bullenbeißer den Nabel mit einer besonderen Bürste reinigen und ihn dreimal am Tage mit Seife waschen. Nosdrjow war sehr ärgerlich, daß er in seiner Einsamkeit gestört wurde; zuerst schickte er den Polizeikommissar zum Teufel, als er jedoch von dem Polizeimeister erfuhr, daß sich heute abend ein kleines Geschäftchen machen ließe, da irgend ein Neuling zum Souper erwartet werde, war er sofort milder gestimmt; er schloß also sein Zimmer schnell ab, kleidete sich in aller Eile an und begab sich zum Polizeimeister. Nosdrjows Aussagen, Zeugnisse und Vermutungen standen in so scharfem Gegensatz zu denen der Herren Beamten, daß selbst ihre kühnsten Hypothesen über den Haufen geworfen wurden. Dies war tatsächlich ein Mensch, für den es überhaupt kein Schwanken und kein Zweifeln gab; und so schüchtern und vorsichtig ihre Vermutungen waren, so fest und sicher waren die seinen. Er antwortete sogleich, ohne auch nur einen Moment zu stocken auf alle Fragen. Er erklärte, Tschitschikow habe für einige tausend Rubel tote Seelen gekauft, und er, Nosdrjow selbst, habe ihm welche verkauft, weil er den Grund einsehe, warum man das nicht tun solle. Auf die Frage, ob jener nicht ein Spitzel sei, der gekommen wäre, um herumzuschnüffeln, antwortete Nosdrjow: natürlich sei er ein Spitzel; schon in der Schule, die sie zusammen besucht hätten, sei er allgemein eine Petze gescholten worden, sämtliche Kameraden, und unter ihnen auch er, hätten ihn dafür einmal so kräftig durchgebläut, daß man ihm nachher allein an den Schläfen zweihundertvierzig Blutegel setzen mußte — er hatte ursprünglich nur vierzig sagen wollen, aber die zweihundert waren ihm wie von selbst entschlüpft. — Auf die Frage, ob er nicht falsches Papiergeld mache, antwortete Nosdrjow: natürlich mache er welches. Bei dieser Gelegenheit erzählte er eine Geschichte von Tschitschikows unglaublicher Geschicklichkeit und Gewandtheit: es sei nämlich herausgekommen, daß er in seinem Hause für zwei Millionen falsches Papiergeld versteckt habe. Da habe man denn das Haus gerichtlich gesperrt, einen Posten vor den Eingang und zwei Soldaten vor jede Tür gestellt; Tschitschikow aber hätte die Banknoten in einer Nacht alle miteinander vertauscht, sodaß man am anderen Tage, als die Siegel gelöst wurden, lauter echte Scheine vorfand. Auf die Frage: ob Tschitschikow tatsächlich die Absicht habe, die Tochter des Gouverneurs zu entführen, und ob es denn wahr sei, daß er, Nosdrjow, ihm seine Hilfe und Beistand dazu angeboten habe, antwortete dieser: gewiß habe er ihm geholfen, und wenn er nicht dabei gewesen wäre, so wäre die ganze Sache mißglückt. Hier stockte er ein wenig; er sah nämlich, daß er ohne allen Grund gelogen habe und dadurch leicht in Unannehmlichkeiten geraten konnte, aber er hatte eben die Zunge nicht im Zaum halten können. Und dies war auch keine Kleinigkeit, denn es drängten sich seiner Phantasie gleich so interessante Einzelheiten auf, daß es tatsächlich ein Ding der Unmöglichkeit war, ganz auf sie zu verzichten: so nannte er denn sogar das Dorf, wo sich die Kreiskirche befand, in der die Trauung stattfinden sollte; dies sei nämlich das Dorf Truchmatschowka, der Pope heiße Pater Sidor, die Trauung sollte fünfundsiebzig Rubel kosten, trotzdem aber hätte der Priester seine Einwilligung nie gegeben, wenn ihm Tschitschikow nicht gedroht hätte, er werde es bekannt machen, daß jener den Kaufmann Michael mit einer Verwandten getraut habe; er, Nosdrjow, habe ihnen sogar seinen Wagen zur Verfügung gestellt und auf allen Stationen für Pferde gesorgt. Er verlor sich bereits soweit in Details, daß er sogar die Postillone bei ihrem Namen nannte. Hier wagte es jemand, Napoleon zu erwähnen, aber er wurde dessen selbst nicht froh, denn Nosdrjow schwatzte einen solchen Unsinn zusammen, der nicht nur gar keine Ähnlichkeit mit der Wahrheit hatte, sondern in jeder Beziehung unmöglich war, sodaß die Beamten schließlich aufstanden und seufzend weggingen; nur der Polizeimeister hörte ihm noch lange aufmerksam zu, weil er immer noch erwartete, daß sich was aus ihm herausholen ließe, aber schließlich machte auch er eine hoffnungslose Gebärde und sagte nur: „Pfui Teufel!“ Und alle Anwesenden waren mit ihm einverstanden, jede weitere Bemühung gliche wahrhaftig bloß dem Versuch, den Bock zu melken. So war denn die Lage unserer Beamten noch schlimmer als vorher, und man kam zum Schluß, daß es ganz unmöglich sei, herauszukriegen, wer nun Tschitschikow eigentlich sei. Und hier kam es wieder so recht ans Licht, was für ein Wesen der Mensch ist: er ist nur da klug, vernünftig und weise, wo es sich um Sachen handelt, die andere Leute, nicht aber ihn selbst was angehen. Mit was für umsichtigen und wohlüberlegten Ratschlägen versorgt er euch nicht in den schwersten Lebenslagen! „Welch ein gescheiter Kopf!“ ruft die Menge: „welch ein unbeugsamer Charakter!“ Aber laßt nur einmal irgend ein Unglück über diesen „gescheiten Kopf“ hereinbrechen, laßt ihn selbst einmal in schwere Lebenslagen kommen — wo ist da plötzlich sein Charakter geblieben! dieser unbeugsame Mann steht völlig fassungslos da, er hat sich in einen erbärmlichen Feigling, in ein schwaches, jammerndes Kind oder einfach in einen Waschlappen verwandelt, wie Nosdrjow sich auszudrücken liebte.

All dies Gerede, diese Gerüchte und Hypothesen machten aus irgend einem Grunde den größten Eindruck auf den armen Staatsanwalt. Dieser Eindruck war so stark, daß er nach Hause ging, zu grübeln begann und so ins Grübeln hineinkam, daß er sich eines schönen Tags ganz plötzlich, und ohne daß man hätte sagen können, warum, hinlegte und starb. Hatte ihn ein Schlag gerührt, oder war es etwas anders, genug, er fiel mit einem Mal vom Stuhl herab und streckte sich lang auf den Fußboden aus. Wie das in solchen Fällen zu geschehen pflegt, schrieen alle laut auf vor Schrecken; schlugen die Hände zusammen, riefen: „Ach Gott, ach Gott!“ ließen den Arzt holen, um ihn zur Ader zu lassen, und überzeugten sich schließlich, daß der Staatsanwalt nur noch ein seelenloser Leichnam war. Jetzt erst erfuhr man zum allgemeinen Bedauern, daß der Verstorbene tatsächlich eine Seele gehabt hatte, trotzdem er sich in seiner Bescheidenheit nichts davon hatte merken lassen. Und doch war die Erscheinung des Todes hier genau so schrecklich, wo sie sich nur an einem der kleinen Menschen offenbarte, wie wenn sie sich an einem großen manifestiert hätte: er, der noch vor kurzem unter den Lebenden gewandelt war, sich bewegt, Whist gespielt, alle möglichen Papiere unterschrieben und so oft mit seinen buschigen Augenbrauen und den blinzelnden Augen unter den Beamten geweilt hatte, er lag jetzt auf dem Tische, das linke Auge blinzelte nicht mehr, und bloß die eine Augenbraue war noch ein wenig emporgezogen, was dem Gesichte einen seltsamen fragenden Ausdruck verlieh. Was das wohl für eine Frage war, die auf seinen Lippen schwebte? ob er wissen wollte, wozu er gelebt hatte, oder wozu er gestorben sei — das weiß Gott allein.

„Aber das ist doch unmöglich, das ist ganz undenkbar! das kann doch garnicht sein, daß die Beamten sich gegenseitig so in Furcht und Schrecken jagten, eine solche Verwirrung anrichteten und sich so von der Wahrheit entfernen konnten, wo doch jedes Kind einsehen mußte, um was es sich hier handelte!“ So wird mancher Leser sprechen und dem Autor vorwerfen, er bringe unwahrscheinliche und unmögliche Dinge vor, oder man wird die armen Beamten für Narren erklären, weil der Mensch ja bekanntlich sehr freigiebig mit dem Worte „Narr“ und zwanzigmal am Tage dazu bereit ist, seinen Mitmenschen, diesen Kosenamen an den Kopf zu werfen. Es genügt schon, daß man eine törichte Eigenschaft unter zehn vernünftigen habe, um trotz alledem für einen Narren erklärt zu werden. Der Leser hat es leicht, zu urteilen, wo er ruhig in seinem stillen Winkel sitzt und von seinem hohen Standort, von dem aus sich ihm der ganze weite Horizont auftut, auf das Treiben da unten herabzusehen, wo der Mensch nur gerade die Gegenstände erkennen kann, die sich unmittelbar vor seiner Nase befinden. Und es gibt in der Chronik der Weltgeschichte so manches Jahrhundert, das er einfach streichen und für überflüssig erklären möchte. Wie reich an Irrtümern ist doch die Welt, an Irrtümern die heute vielleicht ein Kind zu vermeiden wüßte. Was für seltsame Schlangenwindungen, was für enge, verwachsene, unzugängliche, abseitsführende Wege wählte die Menschheit in ihrem Streben nach der ewigen Wahrheit, während der gerade Weg offen vor ihren Augen lag, wie der Weg, der in das prunkende Heiligtum des königlichen Palastes führt. Breiter und herrlicher ist er als alle Wege, im strahlenden Sonnenglanze liegt er da und nachts erhellen ihn leuchtende Flammen; und doch irrten die Menschen an ihm vorbei in düsterer Finsternis, oft schon stieg die Vernunft vom Himmel herab und wies sie zurecht. Aber auch jetzt noch schreckten sie zurück, kamen sie immer aufs neue vom rechten Wege ab, verstanden sie es am hellichten Tage, sich in verborgene wüste Gegenden zu verlaufen, immer wieder den andern undurchdringliche Nebel vor die Augen zu weben, und trügenden Irrlichtern nachjagend, bis zu Abgründen vorzudringen, um sich dann mit Entsetzen zu fragen: wo ist ein Steg, wo gibt es einen Ausweg? Wohl ist dies alles unserem in der Klarheit wandelnden Geschlechte bekannt. Es wundert sich über die Verirrungen, es lacht über die Torheiten seiner Vorfahren, aber es sieht nicht, daß diese Chronik mit der Flammenschrift des Himmels geschrieben ist, daß jeder Buchstabe die Wahrheit laut verkündet, daß auf allen Seiten der mahnenden Finger auf es selbst weist, auf unser heute lebendes Geschlecht; aber es lacht das Geschlecht von heute, und stolz und seiner selbst bewußt beginnt es eine neue Reihe von Verirrungen, über welche die Nachkommen ebenso stolz lächeln werden.

Tschitschikow hatte nichts von alledem erfahren; wie mit Absicht hatte er sich gerade um diese Zeit eine leichte Erkältung, Reißen im Gesicht und eine kleine Halsentzündung zugezogen, eine von jenen Krankheiten, mit denen das Klima vieler unserer Provinzstädte die Einwohner besonders freigebig bedenkt. Damit nur sein Leben um Gottes Willen kein jähes Ende nähme, ehe er noch Zeit gehabt, für seine Nachkommenschaft zu sorgen, beschloß er lieber drei, vier Tage zu Hause zu bleiben. Während dieser Zeit gurgelte er beständig mit Milch, in der eine Feige schwamm, welche er jedesmal mit Genuß verzehrte, auch trug er ein kleines Säckchen mit Kamillen und Kampfer auf der Wange. Um sich ein wenig zu zerstreuen, legte er sich ein ausführliches Verzeichnis über die von ihm gekauften Bauern an, las dann noch irgend ein Buch von der Herzogin Savallière, das er in seinem Koffer fand, sah noch einmal alle Zettelchen und Sächelchen durch, die sich in seiner Schatulle befanden, und überflog manches noch einmal, bis ihm auch dies alles langweilig wurde. Er konnte durchaus nicht verstehen, was es zu bedeuten habe, daß kein einziger von den Beamten der Stadt zu ihm kam, um sich nach seiner Gesundheit zu erkundigen, während doch noch vor wenigen Tagen fast immer ein Wagen vor seiner Tür gehalten hatte — bald der des Staatsanwalts, bald der des Postmeisters, bald der des Präsidenten. Er zuckte fortwährend mit den Achseln, während er im Zimmer auf- und abging. Endlich fühlte er sich etwas besser, und er war ganz glücklich, als er wieder soweit hergestellt war, daß er an die frische Luft gehen konnte. Er machte sich ohne Verzug an die Toilette, öffnete die Schatulle, goß etwas warmes Wasser in ein Glas, nahm Seife und Bürste heraus und ging daran, sich zu rasieren, wozu es übrigens schon längst Zeit war, denn als er sein Kinn mit der Hand befühlte und in den Spiegel blickte, rief er aus: „Das ist ja der reinste Wald!“ Und in der Tat: wenn’s auch gerade kein Wald war, so ließ sich’s doch nicht leugnen, daß auf Kinn und Wangen die Saat üppig sproßte. Nachdem er sich rasiert hatte, kleidete er sich ganz schnell an, ja er sprang beinahe aus seinen Hosen heraus. Endlich war er angezogen; er besprengte sich noch mit Kölnischem Wasser, hüllte sich recht warm in seinen Mantel und trat auf die Straße hinaus, nachdem er sich vorsichtiger Weise vorher noch ein Tuch um die Wange gebunden hatte. Sein erster Ausgang hatte, wie der jedes wiedergenesenen Menschen — etwas wahrhaft Festliches. Alles, was er erblickte, schien ihm freundlich zuzulächeln, die Häuser und die Bauern auf der Straße, die eigentlich eine sehr ernste Miene zur Schau trugen und von denen schon mancher seinen Bruder übers Ohr gehauen hatte. Sein erster Besuch sollte dem Gouverneur gelten. Unterwegs kamen ihm allerhand Gedanken in den Sinn: bald dachte er an die junge Blondine, ja seine Phantasie schlug sogar ein wenig über die Schnur, und er begann über sich selbst zu lachen und sich über sich selbst lustig zu machen. In solcher Stimmung fand er sich plötzlich dem Hause des Gouverneurs gegenüber. Schon hatte er den Flur betreten und war eben im Begriff, eilig seinen Mantel abzulegen, als der Portier plötzlich auf ihn zuging und ihn durch folgende Worte überraschte: „Ich habe den Befehl erhalten, Sie nicht vorzulassen!“

„Wie? Was fällt dir ein? Du erkennst mich wohl nicht? Sieh mich doch ordentlich an!“ fiel Tschitschikow erstaunt ein.

„Gewiß habe ich Sie erkannt! Ich sehe Sie doch nicht zum ersten Mal,“ sagte der Portier. „Sie allein darf ich ja gerade nicht vorlassen; jeden andern, nur Sie nicht!“

„Ach was! Weswegen nur nicht, warum denn nicht?“

„So lautet der Befehl; es wird wohl seinen Grund haben,“ sagte der Portier und fügte noch ein „Ja“ hinzu, worauf er in nachlässiger Haltung vor ihm stehen blieb, ganz ohne jenes freundliche Lächeln, mit dem er ihm sonst so dienstbeflissen aus seinem Mantel herausgeholfen hatte. Wahrscheinlich dachte er sich: „He! wenn dich die Herrschaften von der Schwelle jagen, dann bist du sicherlich irgend ein Prolet!“