„Unbegreiflich!“ dachte Tschitschikow und begab sich sofort zum Gerichtspräsidenten; aber der Präsident wurde bei seinem Anblick so verlegen, daß er keine zwei Worte stammeln konnte und solch ein törichtes Zeug zusammenschwatzte, daß alle beide verlegen wurden. Tschitschikow entfernte sich und gab sich unterwegs alle mögliche Mühe, herauszubekommen, was der Präsident eigentlich gemeint, und was seine Worte für einen Sinn gehabt hätten, aber es wollte ihm durchaus nicht gelingen. Dann ging er zu den andern: zum Polizeimeister, zum Vize-Gouverneur, zum Postmeister, aber sie weigerten sich entweder, ihn zu empfangen, oder bereiteten ihm einen so seltsamen Empfang, führten so eigentümliche Reden, wurden so verlegen und benahmen sich so merkwürdig, daß er wirklich annehmen mußte, sie seien nicht ganz bei Verstande. Er machte noch einen Versuch und ging zu einigen Bekannten, um den Grund dieser Veränderung zu erfahren, aber auch hier wollte es ihm nicht glücken. Wie im Halbschlaf irrte er durch die Stadt, ohne entscheiden zu können, ob er selbst verrückt sei, oder die Beamten den Kopf verloren hätten, ob dies alles nur ein Traum, oder alberne törichte Wirklichkeit sei, die noch abgeschmackter war als ein Traum. Erst spät am Abend, als es schon dunkel zu werden begann, kehrte er in seinen Gasthof zurück, den er in so glänzender Stimmung verlassen hatte, und ließ sich vor Ärger und Langeweile Tee bringen. Nachdenklich und in Grübeln über die Seltsamkeit seiner Lage versunken, schenkte er sich eine Tasse Tee ein, als sich plötzlich die Zimmertür auftat und Nosdrjow, den er am allerwenigsten erwartet hatte, hineintrat.

„Für einen Freund ist kein Weg zu weit! wie das Sprichwort sagt,“ rief dieser und nahm seinen Hut ab: „ich komme eben vorüber und sehe Licht in deinem Fenster. ‚Wahrscheinlich schläft er noch nicht, denke ich mir, ich muß doch mal rauf gehen und nachsehen.‘ Ah! das ist aber schön, daß du Tee hast, ich trinke mit Vergnügen ein Täßchen mit: ich hab’ heute allerhand Zeug gegessen und fühle schon, daß mein Magen zu rebellieren beginnt! Laß mir doch bitte eine Pfeife stopfen. Wo ist denn deine Pfeife?“

„Ich rauche doch keine Pfeife,“ sagte Tschitschikow trocken.

„Unsinn, als ob ich nicht weiß, daß du ein enragierter Raucher bist. He! Wie heißt doch gleich dein Diener? He Bachrameus, hör mal!“

„Er heißt nicht Bachrameus, er heißt Petruschka.“

„Wie? Du hattest doch früher einen Bachrameus?“

„Ist mir nicht eingefallen!“ sagte Tschitschikow. „Richtig, es ist ja wahr. Das ist ja Derebin, der hat einen Bachrameus. Denk mal, was der Derebin für ein Schwein hat: seine Tante hat sich mit ihrem Sohn gezankt, weil der eine Leibeigne geheiratet hat, und nun hat sie dem Derebin ihr ganzes Vermögen zugeschrieben. Das wär doch fein, wenn unser einer so eine Tante hätte, weißt du, das wären schöne Aussichten, was? Sag mal, Freund, was ist denn das mit dir, warum ziehst du dich plötzlich so von uns allen zurück, man sieht dich ja überhaupt nicht mehr. Ich weiß, du beschäftigst dich mit wissenschaftlichen Gegenständen, du liest sehr viel (woraus Nosdrjow schloß, daß unser Held sich mit wissenschaftlichen Gegenständen beschäftigt und sehr viel liest, das können wir, wie wir zu unserem Bedauern gestehen müssen, leider nicht verraten, noch weniger aber hätte es Tschitschikow können). Hör mal Tschitschikow! Wenn du bloß gesehen hättest ... das wär’ was für deinen satirischen Geist gewesen. (Warum Tschitschikow einen satirischen Geist haben sollte — ist leider auch ganz unbekannt.) Denk mal, lieber Freund, beim Kaufmann Liebatschew da haben wir neulich Karten gespielt, nein, und haben wir da aber gelacht! Pererependjew, der mit mir dort war, sagte immer, ‚wenn doch Tschitschikow bloß hier wäre, das wäre was für ihn!‘ (Tschitschikow hatte Pererependjew überhaupt nie gesehen.) Nein, gesteh’s nur, Bester, damals hast du wirklich gemein an mir gehandelt, weißt du noch, als wir Dame spielten? Ich hatte ja gewonnen ... Aber, du hast mich einfach beschwindelt! Aber, hol’s der Teufel, ich kann halt nicht lange böse sein. Neulich beim Präsidenten ... Ach ja, ich muß dir noch sagen: in der Stadt sind alle gegen dich aufgebracht! Sie glauben, daß du falsches Papiergeld machst .. Plötzlich fallen alle über mich her — na, ich stelle mich natürlich wie ein Berg vor dich hin — ich habe ihnen was vorerzählt: daß wir zusammen in die Schule gegangen sind, und daß ich deinen Vater gekannt habe; mit einem Wort, ich habe ihnen tüchtig was vorgeschwindelt!“

„Ich soll falsches Papiergeld machen?“ rief Tschitschikow aus und sprang vom Stuhl auf.

„Warum hast du sie denn auch so in Schrecken gejagt?“ fuhr Nosdrjow fort, „sie sind ja halb toll vor Angst: sie halten dich für einen Spitzel und Räuber. — Der Staatsanwalt ist ja vor lauter Schreck gestorben .. morgen ist die Beerdigung. Du kommst doch bestimmt? Offen gestanden, sie haben Furcht vor dem neuen Generalgouverneur, und haben Angst, es könnte deinetwegen noch eine Geschichte geben; was den Generalgouverneur anbetrifft, so bin ich freilich der Ansicht, daß er mit dem Adel nichts ausrichten wird, wenn er allzu hochnäsig ist und gar zu dicke tut. Der Adel will mit Liebe behandelt sein: nicht wahr? Man kann sich natürlich in seinem Zimmer verstecken und nie einen Ball geben, aber was nützt das? Damit ist noch nichts gewonnen. Aber hör mal, Tschitschikow, du hast da eine gefährliche Sache unternommen?“

„Was für eine gefährliche Sache?“ fragte Tschitschikow unruhig.

„Na, das mit der Entführung der Gouverneurstochter. Offen gesagt, ich habe das von dir erwartet, bei Gott, ich hab es erwartet! Gleich als ich euch zum ersten Mal zusammen auf dem Ball sah: ‚Na! denke ich mir, der Tschitschikow ist nicht umsonst hier ...‘ Übrigens hast du keine gute Wahl getroffen; ich finde gar nichts Gutes an ihr. Es gibt da eine andre, eine Verwandte von Bikussow, eine Tochter seiner Schwester, das ist ein Prachtmädel! Da kann man sagen: Einfach entzückend!“

„Was redest du da für ein Blech zusammen? Wer will denn die Tochter des Gouverneurs entführen. Was fällt dir ein?“ sagte Tschitschikow und starrte ihn verständnislos an.

„Mach doch keine Sachen, lieber Freund: so ein Geheimniskrämer! Ich will ganz offen sein, ich bin eigentlich nur deswegen zu dir gekommen, um dir meine Hilfe anzubieten. Ich will meinetwegen den Brautkranz halten und dir meinen Wagen und meine Pferde zur Verfügung stellen, nur unter einer Bedingung: du mußt mir dreitausend Rubel leihen. Ich hab sie unbedingt nötig, ich bin in einer verzweifelten Lage.“

Während dieser törichten Reden Nosdrjows rieb sich Tschitschikow mehrmals die Augen, um sich zu überzeugen, ob er nicht etwa träume. Das falsche Papiergeld, die Entführung der Tochter des Gouverneurs, der Tod des Staatsanwalts, dessen Ursache er sein sollte, die Ankunft des Generalgouverneurs, dies alles jagte ihm keinen geringen Schreck ein. „Oh weh, wenn die Sache so steht,“ dachte er, „dann darf ich nicht länger säumen, dann muß ich mich schleunigst davonmachen.“

Er suchte sich Nosdrjow möglichst schnell vom Halse zu schaffen, ließ sofort Seliphan rufen und befahl ihm, sich bei Sonnenaufgang bereit zu halten, weil er am nächsten Morgen um 6 Uhr die Stadt verlassen wolle. Daher trug er ihm noch einmal auf, nach allem zu sehen, den Wagen ordentlich zu schmieren usw. usw. Seliphan sagte nur: Zu Befehl, Pawel Iwanowitsch, blieb aber trotzdem eine Weile an der Türe stehen, ohne sich vom Fleck zu rühren. Der Herr befahl Petruschka, sofort den Koffer unter dem Bett hervorzuholen, der schon mit einer dicken Staubschicht bedeckt war, und begann zusammen mit seinem Burschen all seine Sachen einzupacken; dabei machte er nicht viel Umstände und warf alles, was ihm unter die Hände kam, in einen Korb hinein: Strümpfe, Hemden, die reine und die schmutzige Wäsche, Stiefelbürsten, einen Kalender usw. Dies alles wurde in aller Eile eingepackt, denn er wollte unbedingt noch am selben Abend damit fertig sein, um am anderen Morgen nicht unnütz Zeit zu verlieren. Seliphan stand noch ein paar Minuten an der Türe und verließ dann leise das Zimmer. Ganz bedächtig und so langsam, wie man sich’s nur vorstellen kann, stieg er die Treppe hinunter, indem er den Abdruck seiner feuchten Stiefel auf den abgetretenen Stufen zurückließ. Und lange noch stand er da und kratzte sich den Hinterkopf. Was bedeutet diese Gebärde? und was hat sie überhaupt zu bedeuten? War es der Ärger, daß die für morgen verabredete Zusammenkunft mit irgend einem Kollegen in einem ebenso ärmlichen Pelze und einem ähnlichen Gürtel um die Taille in irgend einer kaiserlichen Schenke sich zerschlagen hatte; oder hatte sich an dem neuen Ort schon eine Herzensaffäre angesponnen, und nun sollte es aus sein mit dem Stehen unter dem Toreingange und mit dem höflichen Händedrücken abends in der Dämmerung, wenn die Burschen im roten Hemde vor den Mägden auf der Balalaika[6] klimperten und die bunte Volksmenge nach des Tages Last und Mühe leise Reden wechselt — oder war es nur der Schmerz, das warme Plätzchen in der Küche am Ofen unter dem Pelze, die Genossen, die Kohlsuppe und die weiche Pastete, wie man sie nur in der Stadt bekommt, verlassen zu müssen, um sich aufs neue in den Regen und Schnee hinauszubegeben und die Strapazen und Unbill der Reise auf sich zu nehmen? Das mag Gott wissen — errate wer’s will. Gar vielerlei hat es zu bedeuten, wenn sich das russische Volk hinter den Ohren kratzt.

Elftes Kapitel.

Es kam jedoch ganz anders als Tschitschikow vermutet hatte. Erstlich wachte er viel später auf, als er beabsichtigte — dies war die erste Unannehmlichkeit — dann stand er auf und schickte sofort jemand hinunter, um zu erfahren, ob der Wagen in Ordnung, die Pferde angespannt und alles zur Abreise bereit sei, mußte aber zu seinem Leidwesen erfahren, daß die Pferde nicht angespannt und noch gar keine Anstalten zur Abreise getroffen seien — und dies war die zweite Unannehmlichkeit. Das brachte ihn geradezu in Wut, er nahm sich sogar schon vor, unserem Freunde Seliphan einen ordentlichen Nasenstüber zu versetzen, und wartete mit Ungeduld, was der wohl für eine Ausrede zu seiner Entschuldigung vorbringen würde. Bald erschien Seliphan auch in der Tür, worauf sein Herr das Vergnügen hatte, dieselben Reden über sich ergehen zu lassen, die man stets von den Bedienten zu hören bekommt, wenn man verreisen will und große Eile hat.

„Man muß doch aber die Pferde zuerst beschlagen lassen, Pawel Iwanowitsch!“

„Ach du Hundsfott! Du Klotz du! Warum hast du mir das denn nicht früher gesagt? Du hast doch wohl Zeit genug dazu gehabt?“

„Hm, ja, Zeit hätt’ ich freilich dazu gehabt ... Aber dann ist da noch was mit dem Rade los, Pawel Iwanowitsch ... Man wird einen neuen Reifen aufsetzen müssen, der Weg hat so viele Gruben und Löcher, und ist so holperig ... Ja, und dann habe ich noch etwas vergessen: der Kutschbock ist entzwei, der ist so wackelig, daß er keine zwei Stationen mehr halten kann.“

„Schurke!“ schrie Tschitschikow, schlug die Hände zusammen und ging auf Seliphan los, daß dieser Angst bekam, sein Herr könne ihm ein recht unangenehmes Geschenk machen, auswich und ein paar Schritte zurücktrat.

„Willst du mich umbringen? Willst du mich töten? Was? Du willst mich wohl am Wege ermorden, wie ein Räuber und Strauchdieb? Du Schwein du, du Meerungeheuer! Drei Wochen lang rühren wir uns nicht vom Fleck! Und wenn er nur ein einziges Wort gesagt hätte, der nichtsnutzige Kerl! Statt dessen verschiebt er alles bis auf die letzte Stunde! Jetzt wo schon alles so weit ist, daß man einsteigen und fortfahren möchte, gerade da muß er einem solch einen Streich spielen! Was ...? Du hast es doch gewußt? Hast du es etwa nicht gewußt? Wie? Antworte! Nun?“

„Freilich!“ antwortete Seliphan und ließ den Kopf hängen.

„Nun warum hast du dann nichts gesagt? Wie?“ Auf diese Frage erfolgte keine Antwort. Seliphan stand noch immer mit gesenktem Kopfe da, und schien zu sich selbst zu sprechen: „Siehst du wohl, wie das gekommen ist: ich hab’s doch gewußt, und trotzdem nicht gesagt!“

„So, lauf jetzt zum Schmied und laß ihn kommen. In zwei Stunden muß alles fertig sein, verstanden? Spätestens in zwei Stunden! Wenn’s dann nicht fertig ist, dann — dann nehm ich dich und binde dich zu einem Knoten zusammen!“ Unser Held war ganz außer sich vor Wut.

Seliphan wollte schon hinausgehen, um den Befehl seines Herrn auszuführen; aber er besann sich noch einen Augenblick, blieb stehen und sagte: „Wissen Sie, gnädiger Herr, den Schecken, den sollte man eigentlich verkaufen, wirklich Pawel Iwanowitsch, das ist so ein Schurke ... bei Gott, solch ein gemeiner Gaul, der hindert einen ja nur!“

„So? ich soll wohl gleich auf den Markt laufen und ihn verschachern. Was?“

„Bei Gott, Pawel Iwanowitsch. Der sieht nur so kräftig aus; in Wirklichkeit ist er höchst verschlagen und unzuverlässig, so ein Pferd gibt’s gar nicht wieder ...“

„Esel! Wenn es mir paßt, dann verkaufe ich ihn schon selbst. Hält der Kerl hier noch lange Reden! Paß mal auf; wenn du mir nicht gleich ein paar Schmiede holst, und wenn mir nicht in zwei Stunden alles fix und fertig ist, dann kriegst du einen Nasenstüber, daß du nicht weißt, wo dir der Kopf steht! Mach, daß du raus kommt! Marsch!“ Seliphan verließ das Zimmer.

Tschitschikow war in der schlechtesten Laune, die man sich denken kann, und warf seinen Säbel, den er auf Reisen immer bei sich trug, um die Leute in Furcht und Respekt zu halten, wütend auf den Boden. Mehr als eine Viertelstunde zankte er sich mit den Schmieden herum, ehe er mit ihnen einig wurde, denn diese waren, wie das zu geschehen pflegt, ganz abgefeimte Gauner und forderten das Sechsfache, als sie merkten, daß Tschitschikow es sehr eilig hatte. So sehr er sich auch ereiferte, sie Diebe, Räuber und Wegelagerer nannte, es wollte alles nichts fruchten; er versuchte es sogar, sie mit dem jüngsten Gericht zu schrecken; aber auch das machte keinen Eindruck auf die Schmiedegesellen, sie blieben fest, und ließen nicht nur nichts vom geforderten Preise ab, sondern brauchten noch dazu statt zwei Stunden ganze fünfeinhalb, um den Wagen in Ordnung zu bringen. Während dieser Zeit konnte Tschitschikow in vollen Zügen jene schönen Minuten genießen, die jeder Reisende so gut kennt, wenn die Koffer gepackt sind und nur noch einige Stücke Bindfaden, ein paar Papierfetzen und anderer Plunder im Zimmer herumliegen, wenn der Mensch noch nicht im Wagen sitzt, aber auch nicht ruhig zu Hause bleiben kann, und schließlich ans Fenster tritt, um sich die Leute anzusehen, die unten auf der Straße vorüber gehen oder eilen, über ihre Groschen sprechen, ihre blöden Blicke neugierig auf ihn richten und ruhig ihrer Wege gehen, was den armen Reisenden, der durchaus nicht fort kann, noch mehr verstimmt. Alles was er sieht: der vor ihm liegende Kaufladen, der Kopf der alten Frau, die im gegenüberliegenden Hause wohnt, und von Zeit zu Zeit immer wieder an das mit kurzen Gardinen verhängte Fenster tritt, — alles widert ihm an, und doch kann er sich nicht entschließen, vom Fenster wegzugehen. Er rührt sich nicht vom Fleck, seine Gedanken verlieren sich ins Uferlose, er vergißt sich und seine ganze Umgebung, um gleich darauf wieder zu den vertrauten Gegenständen zurückzukehren. Stumpfen Sinnes betrachtet er alles, was um ihn herum lebt und webt, und zerdrückt schließlich ärgerlich eine Fliege, die summend gegen die Fensterscheibe fliegt und ihm dabei gerade unter die Finger kommt. Aber alles in der Welt hat ein Ende, und der ersehnte Augenblick bricht an: endlich war alles in Ordnung: der Kutschbock war repariert, wie es sich gehörte, das Rad hatte einen neuen Reifen, die Pferde hatten zu trinken bekommen, und die Schmiede entfernten sich, nachdem sie ihr Geld noch einmal nachgezählt und Tschitschikow eine glückliche Reise gewünscht hatten. Endlich waren auch die Pferde vor den Wagen gespannt; dann wurden noch schnell zwei warme Bretzel, die man soeben gekauft hatte, in die Kutsche gepackt, auch Seliphan steckte sich noch etwas in die Tasche, die am Kutschbock angebracht war, und unser Held verließ den Gasthof, um seinen Wagen zu besteigen, begleitet vom Kellner, der wie immer seinen baumwollenen Rock anhatte, und grüßend seinen Hut schwenkte, sowie von ein paar Kutschern und Lakaien, die teils zum Gasthof gehörten, teils herbeigelaufen waren, um zu sehen, wie der fremde Herr abfährt; nebst allem sonstigen Zubehör, wie es bei einer Abreise nie fehlen darf; Tschitschikow setzte sich in die Equipage, und die bekannte Junggesellenkutsche, die so lange unbenutzt im Stall gestanden hatte und den Leser vielleicht schon zu langweilen beginnt, rollte zum Tore hinaus. „Gott sei Dank!“ dachte Tschitschikow und schlug ein Kreuz. Seliphan knallte mit der Peitsche, Petruschka, der erst eine Weile auf dem Trittbrett gestanden hatte, nahm neben ihm Platz, unser Held setzte sich recht bequem auf dem grusischen Teppich zurecht, legte sich ein Lederkissen in den Rücken, wobei er die beiden warmen Bretzel kräftig zusammendrückte, und der Wagen setzte sich aufs neue, hopsend und springend in Bewegung, dank dem Pflaster, welches ja bekanntlich eine beträchtliche Schwungkraft besaß. Mit einem seltsamen unklaren Gefühl blickte Tschitschikow auf die Häuser, die Mauern, die Zäune und Straßen, die gleichfalls auf und ab zu hüpfen schienen und langsam an seinen Augen vorüberzogen. Weiß Gott, ob es ihm beschieden sein würde, sie in seinem Leben noch einmal wiederzusehen. Bei einer Straßenkreuzung mußte der Wagen Halt machen, er wurde nämlich durch einen Leichenzug aufgehalten, der sich die ganze Straße entlang dahin bewegte. Tschitschikow steckte den Kopf aus dem Wagen, und sagte Petruschka, er solle einmal fragen, wer da beerdigt werde. Es stellte sich heraus, daß es der Staatsanwalt war. Äußerst unangenehm berührt, lehnte Tschitschikow sich schnell in eine Ecke zurück, ließ den Wagen aufklappen und zog die Vorhänge zu. Während die Equipage still stand, nahmen Seliphan und Petruschka fromm ihre Mützen ab und sahen sich den Zug aufmerksam an, wobei sie sich besonders für die Wagen und ihre Insassen zu interessieren und genau nachzuzählen schienen, wie viele von den Leidtragenden fuhren, und wie viele zu Fuß gingen; auch ihr Herr, der ihnen befohlen hatte, sich nicht zu erkennen zu geben und keinen von den bekannten Lakaien zu grüßen, sah sich den Zug durch ein kleines Fenster im ledernen Verdeck an. Alle Beamten folgten entblößten Hauptes dem Sarge. Tschitschikow fürchtete sich einen Augenblick, sie könnten seine Equipage erkennen; aber sie achteten gar nicht auf sie. Sie unterhielten sich nicht einmal über jene praktischen Fragen, welche gewöhnlich gestreift werden, wenn man an einer Beerdigung teilnimmt. All ihre Gedanken konzentrierten sich auf sich selber; sie dachten darüber nach, was der neue Generalgouverneur wohl für ein Mann sei, wie er die Geschäfte verwalten, und wie er sich zu ihnen stellen werde. Auf die Beamten, welche zu Fuß gingen, folgte eine Reihe von Wagen, aus denen Damen mit schwarzen Hauben und Schleiern hervorblickten. Nach den Bewegungen ihrer Hände und Lippen mußte man schließen, daß sie in einer lebhaften Unterhaltung begriffen waren: vielleicht sprachen auch sie über die Ankunft des neuen Generalgouverneurs, äußerten ihre Vermutungen über die Bälle die er geben würde und sorgten schon jetzt für ihre neuen Rüschen und Aufsätze. Zuletzt kamen noch einige leere Droschken hinter den Equipagen hergefahren, eine hinter der andern, und dann kam lange nichts mehr, die Bahn war frei, und unser Held konnte weiterfahren. Er ließ das Lederverdeck herunter, seufzte aus tiefster Seele, und sagte: „Das war der Staatsanwalt! Er lebte und lebte, und nun ist er tot! Jetzt werden sie in den Zeitungen schreiben, er sei gestorben zum großen Schmerz all seiner Untergebenen und der ganzen Menschheit, er der stets ein geachteter Bürger, ein seltener Vater, das Muster von einem Gatten gewesen sei; was werden sie nicht noch alles schreiben: vielleicht fügen sie auch noch hinzu, daß die Tränen der Witwen und Waisen ihn bis ans Grab begleiteten; sieht man sich aber die Sache aus der Nähe an, und geht man ihr ordentlich auf den Grund, dann war an dir eigentlich nichts merkwürdig, außer deinen buschigen Augenbrauen.“ Und er rief Seliphan zu, er solle sich beeilen und sprach zu sich selber: „Eigentlich ist es doch ganz gut, daß wir einem Leichenzuge begegnet sind, man sagt, es bedeute Glück, wenn ein Leichenwagen vorüberfährt.“

Unterdessen fuhr der Wagen schon durch die öden und leeren Straßen der Vorstadt, und bald sah man zu beiden Seiten nichts mehr, als lange Bretterzäune, welche das Ende der Stadt ankündigten. Nun hörte auch schon das Straßenpflaster auf, da war der Schlagbaum, die Stadt lag hinter den Reisenden — man befand sich auf der öden einsamen Landstraße. Und wieder jagte der Wagen den Postweg entlang mit seinen altbekannten Bildern zu beiden Seiten: seinen Meilensteinen, Stationsbeamten, Brunnen, Fuhren, Lastwagen, den grauen Dörfern mit ihren Teemaschinen, den Bauernfrauen und dem forschen bärtigen Hausherrn, der mit einem Hafersack aus der Herberge gelaufen kommt, dem Wanderer, in zerrissenen Bastschuhen, welcher vielleicht schon siebenhundert Werst zurückgelegt hat, den munteren Städtchen mit ihren hölzernen Läden, Mehlfässern, Bastschuhen, Bretzeln und dem übrigen Plunder, den scheckigen Schlagbäumen, den ewig in Reparatur befindlichen Brücken, den unübersehbaren Feldern hüben und drüben, den Erntewagen, dem reitenden Soldaten, der einen grünen Kasten voll Artilleriefutter mit der Inschrift: An die so und so vielste Artilleriebrigade! mit sich führt, den grünen, gelben oder frisch aufgeworfenen schwarzen Streifen Ackerlandes, die hie und da in der Steppe auftauchen, dem aus der Ferne herüberklingenden melancholischen Gesang, den Kiefernwipfeln in zartem Nebeldunst, dem verhallenden Glockengeläute, den Scharen wilder Raben, die vorüberziehen gleich Fliegenschwärmen und dem endlosen grenzenlosen Horizont ... Oh, Rußland! mein Rußland! ich sehe dich, sehe dich aus meiner herrlichen wundersamen Ferne. Arm, weit verstreut und unfreundlich sind deine Gaue, kein frohes Wunder der Natur, gekrönt von frechen Wunderwerken kühner Kunst — erheitern oder schrecken hier den Blick, keine Städte mit vielfenstrigen hohen Palästen in wilde Felsen eingebaut, keine malerischen Bäume und Efeuranken, in Häuser eingewachsen, umbraust vom Staube ewiger Wasserfälle; nicht braucht das Haupt sich zurückzuneigen, um mit dem Blick den grenzenlos zur Höhe emporgetürmten Gebirgsblöcken folgen zu können; nicht blitzen hinter langgestreckten, dunklen Säulengängen, um die sich Rebenzweige, Efeu und Millionen wilder Rosen schlingen: nicht blitzen hinter ihnen auf die ewigen Linien ferner leuchtender Berge, die sich in silberklaren Himmeln verlieren. Frei, wüst und offen liegst du da; wie kleine Pünktchen oder Zeichen, so ragen aus der Ebene deine niedrigen Städte auf: nichts lockt, verführt, bezaubert unseren Blick. Und dennoch, welch unbegreifliche, geheimnisvolle Kraft zieht mich zu dir? Warum klingt unaufhörlich dein melancholisches, nie verstummendes, die ganze unermeßliche Weite durcheilendes, von Meer zu Meere dringendes Lied uns im Ohr? Welch ein geheimer Zauber liegt in diesem Liede? Was ruft und lockt, was schluchzt darin und greift so seltsam uns ans Herz? Was sind das für Töne, die unsere Seele so zärtlich umschmeicheln und küssen, zum Herzen dringen und es süß umspinnen? O, Rußland! sag, was willst du nur von mir? Welch unbegreiflich Band ist zwischen uns geknüpft? Was blickst du mich so an, und warum hält alles, alles was dich erfüllt, seine Augen so erwartungsvoll auf mich gerichtet? ... Noch immer steh’ ich zweifelnd und unbeweglich da, schon hat die finstere regenschwangere Wolke mein Haupt beschattet, und schon verstummt der Gedanke von deiner grenzenlosen Ausdehnung. Was verheißt diese unermeßliche Freiheit und Weite? Oder sollte hier, in deinem Schoße, auch der unendliche Gedanke geboren werden, wo du doch selber kein Ende hast? Nicht hier der Held erstehn? wo frei der Raum sich weitet, auf daß er sich entfalte und ausbreite und frei dahinschreite? Und furchtbar umfängt mich der majestätische Raum, der tief mein Inneres erschüttert mit all seinen Schrecken; von einer übernatürlichen Macht ward mein Auge erleuchtet ... O, welch eine schimmernde, wunderbare unbekannte Ferne! Mein Rußland! ...

„Halt, halt, du Esel!“ rief Tschitschikow Seliphan zu.

„Ich hau dir gleich eins mit meinem Pallasch runter!“ schrie ihn ein vorübersprengender Feldjäger an, der einen Schnurrbart von der Länge eines Meters hatte. „Siehst du denn nicht, daß das ein staatlicher Wagen ist? hol dich der Teufel!“ Und wie eine Vision verschwand unter Donner und Staubwolken das Dreigespann.

Welch eine seltsame, wunderbare Lockung liegt doch in dem Worte: Landstraße! Und wie herrlich ist sie selbst, diese Landstraße! Ein heller Tag, Herbstblätter, die Luft ist kalt ... Hüll dich tiefer in deinen Regenmantel! Die Mütze über die Ohren, und schmieg dich enger und gemütlicher in deine Wagenecke! Ein letztes Mal noch läuft uns ein Schauer durch unsere Glieder, und schon durchströmt uns behagliche Wärme. Die Rosse jagen dahin ... Wie lockend naht der Schlummer. Die Augenlider senken sich. Und wie im Halbschlaf erklingt noch einmal das Lied: „Nicht weißer Schnee ...“, das Schnauben der Pferde und das Rasseln der Räder und schon schnarchst du laut, indem du deinen Nachbar tief in die Wagenecke drückst. Doch nun erwachst du: fünf Stationen liegen hinter dir; der Mond steht hoch am Himmel; du fährst durch eine unbekannte Stadt, vorbei an Kirchen mit altertümlichen Holzkuppeln und dunkelen Turmspitzen, an finsteren hölzernen und weißen steinernen Häusern vorüber: hie und da ein breiter Streifen schimmernden Mondlichts, gleich als ob weiße Leinentücher über Wände und Straßen gebreitet wären, kohlschwarze Schatten legen sich schräg darüber, wie flimmerndes Metall glänzen die helleuchtenden Holzdächer: und keine Seele rings umher: alles schläft. Nur ein einsamer Lichtschein fällt hier oder dort aus einem kleinen Fenster: ist es ein Bürgersmann, der seine Stiefel stopft, oder ein Bäcker, der sich beim Ofen zu schaffen macht? — was kümmert’s dich, o, welche Nacht! Himmlische Mächte! welch eine Nacht webt droben in der Höhe! O Luft, o Himmel, weiter hoher Himmel in deiner unerreichbaren Tiefe, der du dich so unfaßbar klar und helltönend über uns breitest! ... Kühl weht dir in die Augen der kalte Atem der Nacht und lullt dich ein in süßen Schlaf; nun schlummerst du, vergißt dich ganz und schnarchst — doch zornig bewegt und schüttelt sich dein armer, in die Ecke gezwängter Nachbar unter deiner allzu schweren Bürde. Von neuem erwachst du, und wieder liegen vor dir Felder und Steppen; leer ist’s um dich herum, frei dehnt die Ebene sich in die Weite. Ein Meilenstein nach dem andern fliegt an dir vorüber; der Morgen steigt empor; am bleichen kalten Horizont erscheint ein matter Goldstreifen, kühler und kräftiger weht dir der Wind um die Ohren. Hüll dich tiefer in deinen Mantel! Welch herrliche Kälte! Wie wunderbar umfängt aufs neue dich der Schlummer! Ein Stoß und abermals erwachst du. Die Sonne steht schon im Zenith. „Vorsicht, Vorsicht!“ ruft’s neben dir, der Wagen jagt den steilen Berg hinab. Unten wartet eine Fähre: ein breiter, klarer Teich, der wie ein kupferner Kessel in der Sonne glänzt; ein Dorf, mit malerischen Hütten an den Hängen; wie ein Stern blitzt abseits das Kreuz der Dorfkirche; wie tiefes Summen tönt der Bauern munteres Geplauder, und unbezwinglicher Appetit regt sich im Magen ... Mein Gott, wie schön ist doch bisweilen solch weiter, weiter Reiseweg! Wie oft schon klammerte ich mich gleich einem Untergehenden und Ertrinkenden an dich, und jedes Mal noch zogst du mich empor und rettetest hochherzig mich Armen! Und wieviel herrliche Gedanken und Träume voll wundersamer Poesie wurden auf solche Weise geboren, wie viele beglückende Eindrücke erfüllen schon die Seele! ... Indessen auch Freund Tschitschikows Träume waren durchaus nicht so ganz prosaischer Art. Sehen wir einmal zu, was für Gefühle ihn beseelten! Anfangs empfand er überhaupt nichts und sah sich immer wieder um, weil er sich überzeugen wollte, ob die Stadt auch wirklich hinter ihm läge; aber als er sah, daß sie längst verschwunden war, und keine Schmiede, keine Mühle, noch sonst etwas von alledem, was um eine Stadt herum zu liegen pflegt, mehr zu entdecken war, und selbst die weißen Spitzen der steinernen Kirchen längst in die Erde gesunken waren, da richtete sich seine ganze Aufmerksamkeit auf den Weg; er blickte nach rechts und nach links, die Stadt N. war ganz vergessen, wie wenn er vor langer, langer Zeit, in seiner frühesten Kindheit dort gewesen wäre. Schließlich fing auch der Weg an, ihn zu langweilen, er machte die Augen ein wenig zu und lehnte den Kopf an das Kissen. Der Autor muß gestehen, daß er sich eigentlich darüber freut, da er doch so endlich einmal Gelegenheit findet, einige Worte über seinen Helden zu sagen, denn bisher wurde er ja immer — der Leser weiß es ja selbst — bald durch Nosdrjow, bald durch irgend einen Ball, bald durch die Damen oder den Stadtklatsch, oder durch tausend andere Kleinigkeiten daran gehindert, die immer erst dann als Kleinigkeiten erscheinen, wenn sie im Buche stehen, dagegen immer für höchst wichtige Angelegenheiten gehalten werden, solange sie noch in der Welt umherschwirren. Nun aber wollen wir alles beiseite legen und uns ganz der Sache selbst widmen.

Ich bin sehr im Zweifel, ob der Held meiner Dichtung dem Leser gefallen wird. Den Damen wird er ganz sicher nicht gefallen, das läßt sich schon im Voraus mit Bestimmtheit behaupten — denn die Damen wollen, daß ihr Held ein Muster jeglicher Vollkommenheit darstelle, und wenn ihm nur der kleinste leibliche oder seelische Makel anhaftet, dann ist es für immer vorbei. Der Autor mag ihm noch so tief in die Seele hineinleuchten, sein Bild reiner zurückstrahlen lassen, als ein Spiegel — der Mann hätte doch nicht den geringsten Wert in ihren Augen. Schon die Fülle und das Alter Tschitschikows müssen ihm sehr schaden: diese Fülle wird man unserem Helden nie verzeihen, und viele Damen werden sich verächtlich abwenden und sagen: „Pfui, wie häßlich er ist!“ Ach ja! Das alles ist dem Autor wohl bekannt, und dennoch — und trotz alledem kann er sich keinen tugendhaften Menschen zum Helden wählen ... Allein ... vielleicht wird man in dieser selben Erzählung noch nie angeschlagene Saiten vernehmen, wird der russische Geist in ihr in seinem unendlichen Reichtum vor uns erscheinen, ein Mann begabt mit göttlichen Vorzügen und Tugenden an uns vorüberschreiten, oder ein herrliches russisches Mädchen, wie man es auf der ganzen Welt nicht wieder findet, ausgestattet mit allen Schönheiten der weiblichen Seele voll hochherzigen Strebens und zu jedem höchsten Opfer bereit! Verblassen und dahinschwinden werden vor ihnen alle tugendhaften Männer und Frauen anderer Stämme, wie der tote Buchstabe vor dem lebendigen Wort! Zum Lichte drängen werden sich alle mächtigen Regungen der russischen Seele, .. und es wird an den Tag kommen, wie tief die slavische Natur ergreift und festhält, was nur die Oberfläche fremder Völker streifte ... Allein, warum soll ich davon reden, was noch vor uns liegt? Nicht ziemt sich’s für den Dichter, der längst des Mannes reifes Alter erreichte, und den die ernste Strenge inneren Lebens und die erfrischende Nüchternheit der Einsamkeit härteten und stählten, dem Knaben gleich sich zu vergessen. Jedes Ding hat seinen Platz und seine Zeit! Und doch, trotz alledem ward nicht der Tugendhafte zum Helden erwählt. Wir können es sogar sagen warum er nicht erwählt ward. Weil es endlich einmal Zeit ist dem armen Tugendbold etwas Ruhe zu gönnen; weil das Wort „tugendhafter Mensch“ fortwährend auf allen Lippen schwebt; weil man den tugendhaften Menschen zu einem Steckenpferd gemacht hat, und weil es keinen Schriftsteller mehr gibt, der nicht beständig auf ihm herumreitet und ihn fortgesetzt mit seiner Peitsche und Gott weiß womit sonst noch, vorwärts treibt; weil man den tugendhaften Menschen so zu Tode gehetzt hat, daß bald auch nicht der Schatten einer Tugend mehr an ihm sein wird, und nur noch ein paar Rippen und etwas Haut statt des Leibes von ihm übrig bleiben werden, weil man den tugendhaften Menschen einfach nicht mehr achtet. Nein, es ist endlich Zeit, auch mal den Schurken vor den Wagen zu spannen. Und so wollen wir ihn denn vor unseren Wagen spannen!

Bescheiden und dunkel ist die Herkunft unseres Helden. Seine Eltern waren Edelleute, ob freilich von altem oder nur von persönlichem Adel — das weiß der liebe Gott. Äußerlich zeigte er keine Ähnlichkeit mit ihnen: wenigstens hatte eine Verwandte, die bei seiner Geburt zugegen war, eine kleine kurze Dame, die man bei uns zu Lande einen Kiebitz zu nennen pflegt, das Kind auf die Arme genommen und ausgerufen: „Ach herrjeh! der ist aber ganz anders, wie ich ihn mir vorgestellt habe! Er sollte eigentlich der Großmama von mütterlicher Seite ähnlich sein, das wäre sicherlich das Beste gewesen, statt dessen gleicht er, wie das Sprichwort sagt: weder Vater noch Mutter sondern ’nem wandernden Junker.“ Das Leben sah ihn anfangs unfreundlich und mürrisch, wie durch ein trübes vom Schnee verwehtes Fenster an: er hatte weder einen Freund, noch Genossen seiner Kinderjahre! Ein kleines Stübchen, mit kleinen Fensterchen, die weder im Sommer noch im Winter geöffnet wurden; sein Vater war ein kranker Mann in einem langen mit Lammfell gefütterten Rock, und in gestrickten Pantoffeln, die er über die nackten Füße zog; beständig ging er im Zimmer auf und ab, seufzte und spuckte in den Sandnapf in der Ecke, ewig mußte der Knabe auf der Bank sitzen, die Feder in der Hand, Finger und Lippen mit Tinte beschmiert, die unvermeidliche Vorschrift vor Augen: „Du sollst nicht lügen, sollst die älteren Leute ehren und die Tugend im Herzen tragen!“ Das ewige Klappern und Schlürfen der Pantoffeln, die bekannte, ewig rauhe und strenge Stimme: „Machst du schon wieder Dummheiten?“ die sich immer dann vernehmen ließ, wenn das Kind, angewidert von der Einförmigkeit seiner Beschäftigung, irgend ein Häkchen oder Schnörkelchen an einem Buchstaben anbrachte; und dann das lang bekannte aber immer peinliche Gefühl, das den Worten folgte, wenn die Nägel der langen Finger sich von hinten heranbewegten und das Ohrläppchen so schmerzhaft zusammendrehten. Das ist das traurige Bild seiner ersten Kindheit, an die ihm nur eine schwache Erinnerung geblieben war. Aber im Leben ändert sich alles schnell und plötzlich: eines schönen Tages, als die ersten Strahlen der Frühlingssonne die Erde erwärmten, und die Bäche zu rauschen begannen, nahm der Vater seinen Sohn bei der Hand und bestieg mit ihm einen Bauernwagen, der von einem braungescheckten Pferdchen gezogen wurde, einem von jener Sorte, welche unsere Pferdehändler „Elstern“ zu nennen pflegen; der Wagen wurde von einem kleinen, buckligen Kutscher gelenkt, dem Stammvater der einzigen Leibeigenenfamilie, die Tschitschikows Vater gehörte. Fast anderthalb Tage lang dauerte die Fahrt, unterwegs übernachtete man einmal, setzte über einen Fluß, nährte sich von kalten Pasteten und gebratenem Hammelfleisch, und erreichte erst am dritten Tage gegen Morgen die Stadt. Diese machte einen tiefen Eindruck auf den Knaben durch den ungeahnten Glanz und die Pracht ihrer Straßen, daß er den Mund vor Erstaunen weit aufriß. Dann plumpste die „Elster“ mitsamt dem Wagen in eine Grube, welche den Anfang einer engen, abschüssigen und ganz mit Schmutz bedeckten Straße bildete; lange arbeitete sie dort aus aller Kraft, watete mit den Beinen im Kot herum, angespornt und ermuntert von dem buckligen Kutscher und dem Herrn selbst, bis sie die Kutsche schließlich aus dem Dreck herauszog und in einem kleinen Hof landete; dieser lag an einem kleinen Hügel; vor dem alten Häuschen standen zwei blühende Apfelbäume und hinter demselben befand sich ein kleines niedriges Gärtchen, das nur aus ein paar Ebereschen, Hollunderbüschen und einem ganz tief im Innern liegenden kleinen hölzernen Hüttchen bestand, welches mit Dachschindeln gedeckt war und ein einziges halberblindetes Fensterchen hatte. Hier wohnte eine Verwandte von Tschitschikow, ein altes vertrocknetes Mütterchen, die aber noch jeden Morgen auf den Markt ging und ihre Strümpfe an der Teemaschine trocknete. Sie klopfte den Jungen auf die Wange und freute sich darüber, daß er so dick und wohlgenährt aussah. Hier sollte er von nun ab bleiben und die städtische Schule besuchen. Der Vater blieb die Nacht über bei der Alten. Am andern Tage machte er sich wieder auf den Weg, um nach Hause zu fahren. Als er sich von seinem Sohne verabschiedete, vergoß er keine Träne: er gab ihm einen halben Rubel Kupfergeld für die kleinen Ausgaben und Naschwerk, und was bei weitem wichtiger war, noch ein paar weise Lehren dazu: „Merk dir’s Pawluscha, lerne was Ordentliches, treib keine Dummheiten und mach keine schlechten Streiche, vor allem aber: such stets deinen Vorgesetzten und Lehrern zu gefallen. Wenn du’s deinen Vorgesetzten recht machst, wird dir alles gelingen, selbst wenn du unbegabt bist und keine großen Fortschritte in den Wissenschaften machen solltest; und du wirst all deine Mitschüler überholen. Laß dich nicht zu viel mit den Kameraden ein; sie werden dir nicht viel Gutes beibringen; aber wenn es dennoch dazu kommt, dann wähle dir die zu Freunden, die wohlhabend und reich sind, denn sie können dir helfen und von Nutzen sein. Sei nicht zu freigiebig und gastfrei, sondern mache es immer so, daß die anderen dich einladen und freihalten; vor allem aber: sei sparsam und ehre den Pfennig: auf ihn kannst du dich eher verlassen, als auf alles in der Welt. Deine Freunde und Kameraden werden dich übers Ohr hauen, sie sind die ersten, die dich im Unglück verlassen, der Pfennig aber wird dich nie verlassen, weder in Not noch Gefahr! Mit dem Pfennig kannst du alles durchsetzen, wirst du alles erreichen, wonach dein Herz nur begehrt.“ Nach diesen weisen Lehren verabschiedete sich der Vater von seinem Sohne und trat die Rückreise mit seiner „Elster“ an. Der Sohn sollte ihn nie wiedersehen, allein, er bewahrte seine Worte und Lehren tief in der Seele.

Noch am folgenden Tage fing Pawluscha an, die Schule zu besuchen. Besondere Fähigkeiten für eine bestimmte Wissenschaft legte er nicht an den Tag; er zeichnete sich mehr durch Fleiß und Ordnungsliebe aus; dafür aber kam bei ihm bald eine andere Fähigkeit zum Durchbruch: ein großer praktischer Verstand. Er begriff sofort, worum es sich handelte und benahm sich im Verkehr mit den Kameraden ganz so, wie der Vater es ihn gelehrt hatte, d. h., er ließ sich stets einladen und freihalten, er selbst dagegen tat nie etwas derartiges, ja, er hob sich sogar mitunter die erhaltenen Gaben und Geschenke auf, um sie später bei Gelegenheit an den Geber selbst zu verkaufen. Schon als Kind hatte er es gelernt, sich alles zu versagen. Von dem halben Rubel, den er vom Vater erhalten hatte, nahm er keine Kopeke, sondern fügte noch im selben Jahre etwas zu dieser Summe hinzu, wobei er einen großen Unternehmungsgeist an den Tag legte: er knetete aus Wachs einen Dompfaffen, strich ihn hübsch an und verkaufte ihn sehr vorteilhaft. Dann versuchte er es eine Zeitlang mit andern Spekulationen und zwar mit folgenden: er kaufte auf dem Markte Eßwaren ein und setzte sich in der Schule neben die, welche am reichsten waren und das meiste Geld hatten; und wenn er bemerkte, daß einem Kameraden schlecht wurde — was ein Zeichen des eintretenden Hungergefühles war — ließ er ihn unter der Bank, wie im Versehen, die Ecke eines Pfefferkuchens oder eines Brötchens sehen. Hatte er ihn dann ganz wild gemacht, so nahm er ihm eine bestimmte Summe ab, die stets in einem gewissen Verhältnisse zur Größe seines Appetites stand. Zwei Monate lang machte er sich in seiner Wohnung ununterbrochen mit einer Maus zu schaffen, die er in einen kleinen hölzernen Käfig eingesperrt hielt; er brachte es endlich soweit, daß sich die Maus auf die Hinterbeine stellte, sich auf Befehl hinlegte und wieder aufrichtete, worauf er sie dann gleichfalls mit hohem Gewinn losschlug. Als er sich auf diese Weise ungefähr fünf Rubel zurückgelegt hatte, nähte er sie in ein Säckchen ein, und fuhr fort, neues Geld zu sparen. In seinem Verhalten zur Schulobrigkeit war er noch klüger. Niemand verstand es so gut, wie er, mäuschenstill auf der Bank zu sitzen. Hier müssen wir bemerken, daß der Lehrer ein großer Freund der Ruhe und eines guten Betragens war und die klugen und gescheiten Jungen nicht leiden konnte; es schien ihm immer, daß diese über ihn lachten. Es braucht nur einer, der im Verdacht stand, gescheit und witzig zu sein, sich ein wenig auf der Bank zu bewegen oder im Versehen mit der Wimper zu zucken, um den Zorn des Lehrers auf sich zu lenken. Er verfolgte und strafte ihn ganz unbarmherzig. „Ich will dir deinen Hochmut und deine Aufsässigkeit austreiben!“ rief er, „ich kenne dich durch und durch, so wie du dich selbst nicht kennst! Kniee einmal nieder! Du sollst schon erfahren, wie der Hunger schmeckt!“ Und der arme Knabe mußte sich die Kniee durchscheuern und tagelang hungern, ohne selbst zu wissen, warum. „Fähigkeit, Begabung, Talent — das ist alles Unsinn!“ pflegte der Lehrer zu sagen, „ich sehe vor allem aufs Betragen. Einem Schüler, der sich anständig benimmt, würde ich auch dann noch die besten Noten in allen Fächern geben, wenn er keinen Deut von allem versteht; wo ich dagegen jenen bösen Geist des Widerspruches und der Spottlust entdecke — da gibt’s eine 0 selbst wenn er einen Solon in die Tasche steckte!“ So pflegte der Lehrer zu sprechen; daher haßte er auch Krylow so ingrimmig, weil dieser in einer seiner Fabeln gesagt hatte: „Sauf meinethalben, doch verstehe deine Sache!“ Auch erzählte er immer mit großer Befriedigung, wobei sein Gesicht und seine Augen leuchteten, wie in der Schule, in der er früher unterrichtet hatte, eine solche Stille geherrscht habe, daß man eine Mücke durchs Zimmer fliegen hören konnte; daß keiner von den Schülern während des ganzen Jahres auch nur einmal zu husten und sich während der Stunde zu schneuzen wagte, und daß bis zum Glockenzeichen niemand hätte entscheiden können, ob jemand in der Klasse war oder nicht. Tschitschikow erfaßte sofort den Geist und die Absichten des Lehrers und was dieser unter einem guten Betragen verstand. Er bewegte kein Auge und zuckte während der ganzen Stunde auch nicht einmal mit der Wimper, man mochte ihn kneifen und zwicken, soviel man wollte; sowie das Glockenzeichen ertönte, stürzte Tschitschikow kopfüber an die Türe, um dem Lehrer als erster die Mütze zu reichen — der Lehrer trug eine gewöhnliche Bauernmütze; hierauf verließ er zuerst die Klasse und suchte ihm recht häufig auf der Straße zu begegnen, wobei er jedesmal ehrerbietig den Hut abnahm. Sein Verhalten war vom schönsten Erfolge gekrönt. Die ganze Zeit über, während er die Schule besuchte, war er sehr gut angeschrieben, und bei seinem Abgang erhielt er ein vorzügliches Zeugnis mit den besten Noten in sämtlichen Fächern und außerdem noch ein Buch mit einer Inschrift in goldenen Lettern: „Für lobenswerten Fleiß und musterhaftes Betragen.“ Bei seinem Abgang von der Schule war er bereits ein Jüngling von recht anziehendem Äußeren, mit einem Kinn, das der sorgsamen Pflege durchs Rasiermesser bedurfte. Um diese Zeit starb sein Vater. Er hinterließ seinem Sohne vier völlig abgetragene Flaushemden, zwei alte Röcke, die mit Lammfell gefüttert waren und eine ganz unbedeutende Geldsumme. Der Vater verstand es offenbar nur, gute Lehren im Sparen zu erteilen, er selbst aber hatte nur wenig zurückgelegt. Tschitschikow verkaufte sogleich das alte Häuschen samt dem dazugehörigen dürftigen Grund und Boden für tausend Rubel, und schickte die Leibeigenen-Familie die es bewohnt hatte, nach der Stadt, da er beabsichtigte, sich daselbst niederzulassen und in den Staatsdienst einzutreten. Um diese Zeit wurde sein armer Lehrer, der soviel Wert auf Ruhe und gutes Betragen legte, wegen seiner Unfähigkeit oder einer andern Verfehlung halber entlassen; er begann vor Gram zu trinken; aber bald reichten die Mittel nicht einmal mehr dazu; krank, hilflos, ohne einen Bissen Brot verkam und verhungerte er in irgend einer ungeheizten abgelegenen Dachkammer. Als seine früheren Schüler, hinter deren Witz und Scharfsinn er immer Ungehorsam und Aufsässigkeit gewittert hatte, von seiner Lage erfuhren, veranstalteten sie sofort eine kleine Geldsammlung für ihn, und verkauften sogar einige von ihren eigenen Sachen, die sie nur schwer entbehren konnten; nur Pawluscha Tschitschikow machte Ausflüchte, er habe nichts, und opferte bloß ein armseliges silbernes Fünfkopekenstück, das ihm die Kameraden mit den Worten: Oh, du Geizhals! vor die Füße warfen. Der arme Lehrer bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen, als er von dieser Handlung seiner früheren Schüler erfuhr; die Tränen stürzten ihm in Bächen, wie bei einem hilflosen Kinde aus den erlöschenden Augen. „Noch auf dem Totenbett schickt Gott mir diese Tränen!“ rief er mit schwacher Stimme, er seufzte schmerzlich, als er vernahm, wie Tschitschikow an ihm gehandelt hatte und fügte hinzu: „Ach, Pawluscha, Pawluscha! Wie sich doch der Mensch verändert! Was für ein braver artiger Junge er doch war! Er hatte so gar nichts Wildes und war so weich wie Seide. Wie hat er mich betrogen, o, wie hat er mich doch betrogen! ...“

Und doch kann man nicht sagen, daß die Natur unseres Helden so rauh und hart, und daß sein Gefühl so abgestumpft war, daß er weder Mitleid noch Teilnahme kannte. Beide Gefühle waren ihm sehr wohl bekannt, und er wäre zu jeder Hilfe bereit gewesen, nur durfte sie nicht in einem gar zu großen Geldopfer bestehen, denn unter keinen Umständen hätte er die Summe angegriffen, die er beschlossen hatte, nie auszugeben; mit einem Wort, der väterliche Rat: „sei sparsam und ehre den Pfennig“ war auf guten Boden gefallen. Und doch hing er nicht am Gelde, um des Geldes selbst willen; Geiz und Habsucht waren keineswegs die Triebfedern, die ihn ganz beherrschten. Nein, nicht sie waren die Motive, von denen er sich leiten ließ; was ihm vorschwebte, war ein Leben in Wohlstand und Überfluß, mit jeglichem Komfort, Equipagen, ein wohlgeordneter Haushalt, schmackhafte Diners — das war es, was ihn ganz erfüllte und fortwährend beschäftigte. Und dazu sparte und ehrte er die Kopeke, die er sich selbst und andern versagte, um, wenn die Stunde schlagen würde, all diese Herrlichkeiten voll auszukosten. Wenn irgend ein reicher Mann in einem leichten eleganten Wagen, mit stolzen Pferden in schimmerndem Geschirr an ihm vorüberjagte, dann blieb er wie festgewurzelt stehen, und sprach dann wie wenn er aus tiefem Traum erwachte: „Und er war doch ein gewöhnlicher Handlungsgehilfe und trug gekräuseltes Haar!“ Alles, was von Reichtum und Wohlstand zeugte, machte einen so tiefen Eindruck auf ihn, daß er es mitunter selbst nicht recht verstehen konnte. Als er die Schule verließ, ruhte er nicht einmal ein wenig aus: so stark war sein Wunsch, so schnell als möglich ans Werk zu gehen und in den Staatsdienst einzutreten. Allein trotz der vorzüglichen Zeugnisse gelang es ihm nur eine unbedeutende Stelle in der Finanzkammer zu erhalten; selbst in den entlegensten Nestern kommt man nicht ohne Protektion aus! Schließlich fand sich doch noch ein kleines Pöstchen, mit einem Gehalt von dreißig bis vierzig Rubel jährlich. Aber er war fest entschlossen, sich ganz dem Dienste zu widmen und alle Hindernisse zu besiegen und zu überwinden. Und in der Tat, er legte eine geradezu unerhörte Selbstverleugnung und Geduld an den Tag, und schränkte seine Bedürfnisse auf das Allernotwendigste ein. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend saß er unermüdlich hinter seinem Tische, ohne daß seine geistigen und körperlichen Kräfte nur im geringsten nachließen, schrieb und schrieb, verschwand vollkommen hinter seinen Akten, ging kaum nach Hause, schlief in der Kanzlei auf dem Tische, aß mitunter mit den Hausknechten und Wächtern zu Mittag und verstand es bei alledem, sich ein sauberes wohlgepflegtes Äußeres zu bewahren, sich anständig zu kleiden, seinem Gesicht einen angenehmen Ausdruck zu verleihen und sogar seinen Bewegungen einen gewissen Adel zu geben. Man muß sagen, daß die Beamten der Finanzkammer sich besonders durch ihre Unscheinbarkeit und Häßlichkeit auszeichnen. Sie hatten alle Gesichter wie schlecht gebackene Semmel; eine Backe war geschwollen, das Kinn war schief, die Oberlippe aufgedunsen wie eine Blase, und noch dazu gesprungen; mit einem Wort es sah gar nicht hübsch aus. Sie führten alle eine sehr strenge Sprache, und ihre Stimme war so rauh, als wollten sie einen durchhauen; sie brachten dem Gott Bachus reichliche Opfer, sie bewiesen, daß sich bei den Slaven noch mancherlei Reste von Heidentum erhalten haben; ja sie kamen sogar häufig etwas angeheitert in den Dienst, so daß es im Amtszimmer recht ungemütlich wurde, da man die Luft nichts weniger als aromatisch nennen konnte. Unter solchen Beamten mußte Tschitschikow natürlich auffallen, war er doch fast in allem das vollkommene Gegenteil von ihnen; seine Züge waren eindrucksvoll, seine Stimme angenehm, auch enthielt er sich aller geistigen Getränke. Und doch wurde ihm die Karriere durchaus nicht leicht gemacht. Er erhielt einen ganz alten Aktuar zum Chef, ein wahres Muster starrer Gefühllosigkeit und Unerschütterlichkeit; er blieb immer gleich unnahbar, nie belebte ein Lächeln sein Gesicht, nie kam er einem freundlich grüßend entgegen, oder erkundigte sich nach dem Befinden. Noch nie hatte ihn jemand anders gesehen, als er sich immer zu geben pflegte, nicht einmal zu Hause oder auf der Straße; nie äußerte er das geringste Interesse oder etwas wie Teilnahme an fremdem Schicksal; nie war es ihm begegnet, daß er betrunken gewesen wäre und in diesem Zustand einmal herzhaft gelacht hätte; nie hatte er sich einem wilden Taumel hingegeben, wie es selbst der Räuber in Augenblicken des Rausches tut; — von alledem war auch nicht ein Schatten bei ihm zu finden. Er war frei von Bosheit und Güte, aber gerade in diesem vollständigen Mangel aller starken Gefühle und Leidenschaften lag etwas Grauenerregendes. Sein hartes Marmorgesicht, an dem man keinen unsymmetrischen Zug entdeckte, erinnerte an kein Menschenantlitz und in seinen Linien herrschte eine rauhe Proportion. Nur die zahlreichen Pockennarben und -Gruben, mit denen es übersät war, machten es zu einem von jenen Gesichtern, auf denen der Teufel nachts Erben drischt. Man sollte meinen, es hätte über alle Menschenkraft gehen müssen, einem solchen Menschen näher zu treten und seine Zuneigung zu gewinnen; Tschitschikow aber wagte dennoch diesen Versuch. Zuerst suchte er sich ihm in allerhand unbedeutenden Kleinigkeiten gefällig zu erweisen; er untersuchte sorgfältig wie die Federn geschnitten waren, mit denen der Aktuar schrieb, dann besorgte er sich ein paar von der genannten Art, und legte sie so hin, daß jener sie leicht finden konnte; er blies und wischte den Streusand und Tabak von seinem Tische ab; schaffte einen neuen Lappen für das Tintenfaß an; ferner lief er stets nach seiner Mütze — der häßlichsten Mütze, die es je auf der Welt gab, und legte sie jedesmal kurz vor dem Schluß der Sitzung neben ihn hin; oder er bürstete ihm den Rücken ab, wenn er sich an der Wand weiß gemacht hatte u. s. f. Aber dies alles machte nicht den geringsten Eindruck, gerad als ob es überhaupt nicht geschehen wäre. Schließlich jedoch gelang es Tschitschikow, einen Einblick in das Familienleben seines Chefs zu gewinnen: er erfuhr, daß er eine erwachsene Tochter hatte, deren Gesicht gleichfalls so aussah, als ob „nachts Erbsen darauf gedroschen“ würden. Und nun versuchte er die Festung von dieser Seite zu bestürmen. Er hatte in Erfahrung gebracht, welche Kirche sie Sonntags besuchte; er stellte sich also jedesmal aufs feinste und tadelloseste gekleidet, mit einem prachtvoll gestärkten Vorhemd vis à vis von ihr auf, und die Sache hatte Erfolg: der gestrenge Aktuar ließ sich erweichen und lud ihn zum Tee ein! Im Handumdrehen war es so weit gekommen, daß Tschitschikow zu ihm ins Haus zog und sich hier bald geradezu unentbehrlich zu machen wußte; er kaufte Mehl und Zucker ein, verkehrte mit der Tochter wie mit seiner Braut, nannte den Herrn Aktuar „Papachen“ und küßte ihm die Hand. Im Gericht war alles überzeugt, daß Ende Februar, vor den großen Fasten die Hochzeit stattfinden werde. Der gestrenge Aktuar bemühte sich sogar bei seinem Vorgesetzten für ihn, und bald darauf saß Tschitschikow selbst als Aktuar auf einem Platz, der gerade frei geworden war. Das war wohl der Hauptzweck seiner Annäherung an den greisen Aktuar gewesen, denn noch am selbigen Tage ließ er seinen Koffer heimlich zu sich nach Hause tragen und am folgenden Tage nahm er sich schon eine andere Wohnung. Er hörte auf, den Aktuar „Papachen“ zu titulieren und ihm die Hand zu küssen, die Sache mit der Heirat wurde immer weiter hinausgeschoben, fast als ob überhaupt niemals davon die Rede gewesen wäre. Trotzdem drückte er dem Aktuar auch fürderhin, wenn er ihm begegnete, zärtlich die Hand, lud ihn zu sich zum Tee ein, so daß der Alte trotz seiner großen Schwerfälligkeit und seiner hartnäckigen Gleichgültigkeit jedesmal den Kopf schüttelte und murmelte: „Hat der mich beschwindelt, dieser Satan!“

Dies war das schwierigste Hindernis, das aber nun genommen war. Von da ab ging es leichter und mit noch größerem Erfolge vorwärts. Man fing an, ihn zu beachten. Besaß er doch alles, was man braucht, wenn man sich auf dieser Welt durchschlagen will: die angenehmen Manieren, das feine Betragen und den kecken Wagemut in allen geschäftlichen Unternehmungen. Mit diesen Mitteln eroberte er sich in kürzester Zeit das, was man ein „warmes Plätzchen“ zu nennen pflegt, und wußte es aufs trefflichste auszunützen. Man muß nämlich wissen, daß man um diese Zeit streng gegen die Bestechlichkeit vorzugehen begann. Alle Maßnahmen hatten indes für ihn keine Schrecken, da er sie vielmehr zu seinem eigenen Vorteil auszunutzen wußte, und er legte hierbei einen echt russischen Erfindungsgeist an den Tag, der sich während der Zeiten starken Drucks stets in seiner höchsten Blüte zeigt. Er machte es nämlich folgendermaßen: sobald ein Bittsteller erschien, und die Hand in die Tasche steckte, um eins von den sattsam bekannten „Empfehlungsschreiben des Fürsten Chowanski“ wie man sich bei uns in Rußland ausdrückt, hervorzuziehen — sagte er sogleich mit einem freundlichen Lächeln, wobei er den Bittsteller an der Hand festhielt: „Sie denken wohl, daß ich .... nein, bitte! nein! Das ist unsere Pflicht und Schuldigkeit, das müssen wir auch ohne jede Entschädigung tun! Was das anbelangt, so können Sie ganz ruhig sein. Morgen ist alles in schönster Ordnung! Darf ich fragen, wo Sie wohnen? Sie brauchen sich selbst garnicht zu bemühen. Es wird Ihnen alles nach Hause geschickt!“ Der entzückte Bittsteller kehrte ganz begeistert nach Hause zurück und dachte sich: „Endlich mal ein Mensch! ach, wenn es doch mehr solcher gäbe, das ist ja ein wahres Kleinod!“ Jedoch der Bittsteller wartet einen Tag, wartet zwei, aber seine Akten wollen noch immer nicht kommen. Am dritten Tag ist es ebenso. Er geht noch einmal in die Kanzlei — man hat seine Papiere noch garnicht angesehen. Er geht wieder zu seinem Kleinod. „Ach entschuldigen Sie,“ sagt Tschitschikow sehr höflich, indem er den Herrn bei beiden Händen ergreift: „Wir hatten so schrecklich viel zu tun, aber morgen, morgen sollen Sie sie unbedingt haben! Es ist mir selbst höchst peinlich!“ All diese Worte wurden von geradezu bezaubernden Gesten begleitet. Wenn bei dieser Gelegenheit der Rock aufgeknöpft wurde, so suchte die Hand diesen Fehler sofort wieder gut zu machen, indem sie den Bittsteller daran hinderte. Aber die Akten wollen trotzdem nicht kommen, weder morgen, noch übermorgen, noch überübermorgen. Der Bittsteller fängt an zu überlegen: „Hm! stimmt da vielleicht etwas nicht?“ Er erkundigt sich, und erhält die Antwort: „Die Schreiber müssen was bekommen!“ „Meinetwegen, warum sollte ich ihnen nichts geben: Sie sollen ihre fünfundzwanzig, meinetwegen sogar fünfzig Kopeken haben.“ — „Nein, damit ist’s nicht getan, Sie müssen schon mindestens einen weißen Zettel[7] hinlegen.“ „Was? den Schreibern einen weißen?“ ruft der Bittsteller erstaunt aus. „Ja, warum regen Sie sich nur so auf?“ antwortet man ihm: „das stimmt doch: die Schreiber erhalten wirklich nur ihre fünfundzwanzig Kopeken, der Rest geht an die Herren Vorgesetzten weiter!“ Hier schlägt sich der harmlose Bittsteller vor den Kopf und flucht wütend über die neue Ordnung, über die Maßnahmen gegen das Bestechungswesen, und die verfeinerten Umgangsformen der Beamten. Früher, da wußte man wenigstens, was man zu machen hatte: da legte man dem Geschäftsführer einen roten Zettel auf den Tisch, und die Sache war erledigt; jetzt muß man dagegen einen weißen opfern und verliert noch dazu eine ganze Woche, ehe man überhaupt heraus kriegt, was hier eigentlich los ist! ... hol der Teufel diese Uneigennützigkeit und die Vornehmtuerei der Herren Beamten! Der Bittsteller hat natürlich ganz recht: aber dafür gibt’s eben heute keine Bestechungen mehr: alle geschäftsführenden Beamten sind rechtschaffene, ehrliche Leute und nur die Schreiber und Sekretäre sind noch Halunken und Gauner. Bald jedoch tat sich vor Tschitschikow ein weites Feld der Tätigkeit auf: es bildete sich eine Kommission für den Bau eines großen Staatsgebäudes. In diese Kommission ließ auch er sich hineinwählen, und wurde eins ihrer tätigsten Mitglieder. Man schritt sofort zur Tat. Sechs Jahre lang bemühte man sich um das Staatsgebäude, aber war es nun das Klima, oder lag es an den Materialien, genug, der Bau wollte durchaus nicht fortschreiten und kam nicht über das Fundament hinaus. Dafür aber schafften sich die Mitglieder der Kommission an verschiedenen Enden der Stadt eine Reihe von schönen Häusern in gut bürgerlichem Stile an; offenbar war dort der Boden etwas besser. Die Herren Mitglieder fingen schon an, sich eines gewissen Wohlstandes zu erfreuen und sich eine Familie zu gründen. Erst jetzt und unter den neuen Verhältnissen begann auch Tschitschikow, sich von dem schwer lastenden Druck seiner strengen Enthaltsamkeitsprinzipien und der Selbstverleugnung zu befreien. Erst jetzt entschloß er sich zu einer milderen Handhabung der Fastenvorschriften, die er solange aufs strengste beobachtet hatte, und nun erst stellte es sich heraus, daß er eigentlich nie ein Feind jener Genüsse gewesen war, deren er sich in den Tagen einer feurigen Jugend so gut zu enthalten verstand, gerade in den Jahren, wo der Mensch noch nicht Herr seiner selbst ist. Er erlaubte sich sogar einen gewissen Luxus: schaffte sich einen Koch und feine holländische Hemden an. Auch kaufte er sich solche Stoffe, wie sie in der Provinz keineswegs allgemein getragen wurden und bevorzugte besonders die braunen und glänzenden hellroten Farben, er schaffte sich auch ein Paar stattliche Pferde an und lenkte selbst seinen Wagen, wobei er wohl die Zügel selbst in der Hand hielt und das Beipferd elegante Seitensprünge machen ließ; jetzt wurde auch die Sitte eingeführt, sich mit einem Schwamm, der in eine Mischung von Wasser und Eau de Cologne getaucht wurde, zu waschen; schon kaufte er sich teure Seife, um seine Haut weich und glatt zu erhalten, schon ...

Da wurde plötzlich anstelle der alten Schlafmütze ein neuer Sektionschef ernannt, ein strenger Herr, der beim Militär gedient hatte, und ein geschworener Feind des Bestechungssystems, und alles dessen war, was man Ungerechtigkeit und Unehrlichkeit nennt. Schon am folgenden Tage scheuchte er alle Beamten bis auf den letzten auf, verlangte Rechenschaftsberichte, entdeckte auf Schritt und Tritt Mißstände, sah, daß überall Summen fehlten, bemerkte sofort die stattlichen Häuser im bürgerlichen Stil — und ordnete sogleich eine Untersuchung an. Die Beamten wurden ihres Dienstes entsetzt; die Häuser im bürgerlichen Stil vom Staate beschlagnahmt und in allerhand wohltätige Anstalten und Schulen für Kantonisten umgewandelt; alle Beamten erhielten eine kräftige Moralpauke, am meisten aber unser Freund Tschitschikow. Sein Gesicht erregte plötzlich trotz seines angenehmen Ausdrucks das höchste Mißfallen des Chefs — warum eigentlich — das weiß Gott allein; oft gibt es überhaupt keinen Grund dafür — genug, er warf einen tödlichen Haß auf Tschitschikow. Und der unerbittliche Chef war geradezu furchtbar in seinem Zorn! Da er aber schließlich doch nur ein alter Soldat war und all die feinen Kniffe und Kunstgriffe des Zivils nicht kannte, gelang es den andern Beamten durch Vortäuschung eines ehrlichen Gesichts und durch die Kunst, sich an alles anzupassen, sich seine Gnade zu erwerben, und der General kam bald in die Hand noch weit größerer und schlimmerer Halunken, die er noch dazu garnicht dafür hielt; ja er war schließlich sogar noch zufrieden, daß er die rechten Leute gefunden habe und rühmte sich ernstlich, wie gut er es verstehe, die Menschen nach ihren Talenten und Fähigkeiten zu würdigen und abzuschätzen. Die Beamten kamen sogleich hinter seinen Charakter und seine Eigenschaften. Alle, die unter ihm standen, wurden gewaltige Wahrheitsfanatiker, die jedes Unrecht und jegliche Ungerechtigkeit unbarmherzig ahndeten; überall, wo sie dergleichen antrafen, verfolgten sie es, so wie ein Fischer mit seiner Harpune einem fetten Stör nachjagt, und zwar mit so großem Erfolg, daß ein jeder von ihnen in ganz kurzer Zeit im Besitz von einigen Tausend Rubeln Kapital war. Um dieselbe Zeit bekehrten sich auch mehrere von den früheren Beamten und wurden wieder in Gnaden aufgenommen. Tschitschikow allein wollte es nicht glücken, sich wieder beim Chef einzuschmeicheln; so sehr sich auch der erste Sekretär des Generals unter dem Eindruck eines Empfehlungsbriefes des Fürsten Chowanski um ihn bemühte und für ihn einsetzte, er, der so vortrefflich die Lenkung und Steuerung der Nase des Gouverneurs verstand — er vermochte dennoch nichts auszurichten. Der General war nun einmal ein solcher Mensch, der sich wohl an der Nase herumführen ließ (übrigens ohne, daß er es selbst wußte); hatte sich aber einmal ein Gedanke in seinem Kopfe festgesetzt, dann saß er so fest, wie ein eiserner Nagel und keine Macht der Welt hätte ihn wieder herausziehen können. Alles was der kluge Sekretär erreichen konnte, war, daß die alte schmutzige Dienstliste vernichtet wurde, aber selbst hierzu konnte er seinen Chef nur veranlassen, indem er an sein Mitleid apellierte und ihm in glühenden Farben das traurige Schicksal Tschitschikows und seiner unglücklichen Familie ausmalte, die ja Gott sei Dank garnicht existierte.

„Was tun!“ sprach Tschitschikow: „ich hab eingehakt, raufgezogen, und das Ding ist mir doch wieder abgeschnappt — da ist kein Wort zu verlieren. Durch Geheul und Gegrein macht man das Unglück nicht wieder gut. Man muß ans Werk gehen und handeln!“ Und er beschloß, seine Laufbahn von neuem zu beginnen, sich aufs neue mit Geduld zu wappnen und sich wieder zu beschränken, so schön und herrlich er sich auch vordem zu entfalten begonnen hatte. Er entschloß sich, in eine andere Stadt überzusiedeln und dort bekannt und berühmt zu werden. Aber es wollte alles nicht recht glücken. In ganz kurzer Zeit mußte er zwei- oder dreimal sein Amt und seinen Beruf wechseln, denn die damit verbundene Tätigkeit war höchst unsauber und widerwärtig. Der Leser muß nämlich wissen, daß Tschitschikow soviel auf Anstand und Sauberkeit gab, wie kaum sonst jemand in der Welt. Und obwohl er sich im Anfang auch in einer unsauberen Gesellschaft bewegen mußte, blieb seine Seele doch immer rein und fleckenlos, daher liebte er es auch, wenn die Tische in den Amtsstuben lackiert waren und alles fein und nobel aussah. Nie erlaubte er sich in seinen Reden ein unanständiges Wort, und es kränkte ihn tief, wenn er in den Worten eines anderen die schuldige Achtung gegen seine Titel und Würden vermißte. Ich glaube, es wird dem Leser angenehm sein, zu erfahren, daß er jeden zweiten Tag seine Wäsche wechselte; im Sommer während der heißesten Zeit sogar zweimal täglich: jeder unangenehme Geruch beleidigte sein empfindliches Geruchsorgan. Daher steckte er sich auch jedesmal, wenn Petruschka erschien, um ihn anzukleiden und ihm die Stiefel auszuziehen, ein paar Nelken in die Nase; und oft waren seine Nerven zarter als die eines jungen Mädchens; daher wurde es ihm auch so schwer, wieder in jene Schichten unterzutauchen, wo alles nach Fusel roch und die feinen Manieren ganz unbekannt waren. So sehr er sich auch beherrschte, er magerte dennoch ein wenig ab und bekam eine grünliche Gesichtsfarbe von all diesen Widerwärtigkeiten und Schicksalsschlägen. Eben hatte er angefangen, dick zu werden und sich jene runden und gefälligen Körperformen zuzulegen, in deren Besitz der Leser ihn angetroffen hat, als er seine erste Bekanntschaft machte; und oft schon hatte er, wenn er sich im Spiegel betrachtete, an mancherlei irdische Annehmlichkeiten gedacht: an ein reizendes Weibchen, eine volle Kinderstube, und ein Lächeln hatte bei diesem Gedanken sein Gesicht belebt; wenn er jetzt dagegen unversehens in den Spiegel blickte, konnte er nicht umhin, auszurufen: „Heilige Mutter Gottes, wie häßlich ich geworden bin!“ Und es verging ihm für lange Zeit die Lust, sich im Spiegel zu betrachten. Aber unser Held ertrug alles, ertrug es geduldig und mutig — und so erhielt er denn endlich eine Stellung beim Zollamt. Hier müssen wir erwähnen, daß ein solcher Posten schon längst Gegenstand seiner geheimen Wünsche gewesen war. Er hatte gesehen, was sich die Zollbeamten für wunderschöne ausländische Sachen anschafften, was für herrlichen Batist und Porzellan sie ihren Schwestern, Vettern und Basen zum Geschenk machten. Oft schon hatte er seufzend ausgerufen: „Das wär so etwas für mich: die Grenze ist nahe, man ist in der Nähe von gebildeten Leuten, was für feine holländische Hemden man sich da zulegen könnte!“ Und wir müssen hinzufügen, daß er auch noch an eine besondere Sorte französischer Seife dachte, welche der Haut eine außerordentliche Weiße und Geschmeidigkeit und den Wangen Frische und Glanz verlieh; was das für eine Marke war, das mag Gott wissen, jedenfalls hatte er Grund zu vermuten, daß sie nur an der Grenze zu haben war. Genug, er sehnte sich schon lange nach dem Zollamt, aber die augenblicklichen Vorteile, die ihm aus dem Dienst in der Baukommission erwuchsen, hielten ihn noch zurück, und er sagte sich mit Recht, daß das Zollamt eben doch nicht mehr als eine Taube auf dem Dache sei, während die Baukommission doch immerhin ein Sperling in der Hand war. Jetzt aber hatte er sich entschlossen, unter allen Umständen beim Zollamt unterzukommen — und das setzte er denn auch tatsächlich durch. Mit wahrem Feuereifer machte er sich ans Werk. Das Schicksal selbst schien ihn zum Zollbeamten prädestiniert zu haben. Eine gleiche Geschäftigkeit und ein solch durchdringender Scharfblick war noch nie vorgekommen. In drei oder vier Wochen hatte er sich bereits eine solche Sicherheit im Zollfach angeeignet, daß er buchstäblich alles wußte: er brauchte garnicht abzumessen oder nachzuwiegen; denn er erkannte sofort nach der Faktur, wieviel Meter Stoff in einem Paket enthalten waren; und wenn er ein Gepäckstück in die Hand nahm, konnte er sofort sagen, wieviel es wog; was aber die Untersuchung anbetraf, so hatte er, wie seine eigenen Kameraden sich ausdrückten, geradezu „eine Witterung wie ein guter Jagdhund“: es war wirklich wunderbar, wie geduldig er jeden Knopf befühlte, und dies alles geschah mit einer vernichtenden Kaltblütigkeit und einer geradezu unglaublichen Höflichkeit. Während die unglücklichen Objekte der Untersuchung vor Wut rasten, alle Selbstbeherrschung verloren und eine unwiderstehliche Lust verspürten, sein angenehmes Gesicht tüchtig durchzubläuen, verzog er keine Miene und sagte immer mit der gleichen Liebenswürdigkeit: „Wollen Sie nicht die Gefälligkeit besitzen, sich ein wenig zu bemühen und aufzustehen!“ oder „Wollen Sie nicht die Güte haben, gnädige Frau, und ein wenig ins Nebenzimmer treten. Die Gattin eines unserer Beamten möchte ein paar Worte mit Ihnen sprechen“, oder „Sie erlauben wohl, daß ich Ihnen das Unterfutter Ihres Mantels ein wenig mit dem Messer auftrenne“. Und mit diesen Worten zog er ganz kaltblütig alle möglichen Tücher, Shawls usw. von dort hervor, ganz wie aus seinem eigenen Koffer. Selbst die Vorgesetzten erklärten, das sei ein Teufel und kein Mensch. Überall fand er etwas: zwischen den Rädern, in der Deichsel, in den Ohren der Pferde und Gott weiß, wo noch sonst, wo es wohl selbst keinem Dichter in den Kopf käme, etwas zu suchen, und wohin sich höchstens ein Zollbeamter verirren kann. Der arme Reisende konnte sich noch lange, nachdem er die Grenze passiert hatte, nicht auf sich selbst besinnen, wischte sich den Schweiß, der ihm aus allen Poren getreten war, ab, schlug ein Kreuz und murmelte: „Na, na!“ Seine Lage erinnerte sehr an die eines Schuljungen, der eben dem Karzer entronnen ist, wohin der Lehrer ihn rief, um ihm eine kleine Standrede zu halten und ihn statt dessen zu seinem höchsten Erstaunen kräftig durchwalkte. Bald wußten sich die Schmuggler vor ihm nicht mehr zu retten: er war der Schrecken und die Verzweiflung der gesamten polnischen Judenschaft. Seine Ehrlichkeit und Unbestechlichkeit waren unvergleichlich und geradezu unnatürlich. Er legte sich nicht einmal ein kleines Kapital aus den konfiszierten Waren und den beschlagnahmten Sachen an, welche dem Staate vorenthalten wurden, um die unnützen Schreibereien zu vermeiden. Ein solcher uneigennütziger Eifer im Dienst mußte natürlich allgemeines Staunen erregen und schließlich auch der Regierung zu Ohren kommen. Er erhielt einen Titel und wurde befördert, woraufhin er der Regierung ein Projekt vorlegte, wie man sämtliche Schmuggler fangen und dingfest machen könnte. Diesem Projekte legte er nur noch die Bitte um Einsendung der hierzu erforderlichen Mittel bei. Sogleich wurde ihm das Oberkommando und die unbeschränkte Vollmacht zur Ausführung aller möglichen Untersuchungen und Ermittelungen erteilt. Das war es allein, was er brauchte. Um diese Zeit hatte sich gerade eine große Gesellschaft von Schmugglern gebildet, welche ganz bewußt und planmäßig vorgingen: das freche Unternehmen versprach, Millionen abzuwerfen. Tschitschikow hatte schon längst etwas davon erfahren und sich sogar geweigert, die Abgesandten zu kaufen, indem er ganz trocken erklärte, die Zeit sei noch nicht gekommen. Nachdem er jedoch alle Fäden in seiner Hand hatte, benachrichtigte er die Gesellschaft sofort, indem er ihr sagen ließ: Jetzt ist es Zeit. Er hatte fast zu sicher gerechnet. In einem Jahre hätte er hier mehr gewinnen können, als er sich je in zwanzig Jahren durch noch so eifrige Diensttätigkeit erwerben konnte. Vordem wollte er sich nicht mit ihnen einlassen, weil er doch nichts wie eine Schachfigur war, und daher nicht viel erhalten hätte. Jetzt dagegen lagen die Dinge ganz anders, jetzt konnte er ihnen seine Bedingungen diktieren. Damit die Sache sich möglichst glatt abwickle, versuchte er noch einen andern Beamten auf seine Seite zu bringen und das Unternehmen gelang, der Kollege konnte der Versuchung nicht widerstehen, trotzdem seine Haare schon zu grauen begannen. Der Pakt wurde geschlossen und die Gesellschaft schritt zur Tat. Ihre ersten Operationen waren von glänzenden Erfolgen gekrönt. Der Leser hat sicher schon jene berühmte Geschichte von der Reise der gescheidten, spanischen Hammel gehört, welche die Grenze in doppelten Häuten überschritten und dabei für eine Million Brabanter Spitzen unter dem Pelze mitnahmen. Dieses ereignete sich gerade zu der Zeit, als Tschitschikow beim Zollamt war. Hätte er selbst nicht an diesem Unternehmen teilgenommen, kein Jude in der ganzen Welt hätte es fertig gebracht, einen ähnlichen Streich auszuführen. Nachdem die Hammel die Grenze drei oder viermal überschritten hatten, stellte es sich heraus, daß beide Beamten je vierhunderttausend Rubel Kapital besaßen. Ja man munkelte, daß es bei Tschitschikow sogar in die Fünfhunderttausend gegangen wäre, weil er noch etwas kecker war, als der andre. Gott weiß, welche gewaltige Höhe diese gepriesenen Summen erreicht hätten, wenn nicht irgend ein vertraktes Tier ihnen über den Weg gelaufen wäre. Der Teufel verdrehte beiden Beamten den Kopf. Der Haber stach sie, und sie gerieten ohne jeden Grund aneinander. Während einer lebhaften Unterhaltung nannte Tschitschikow, der vielleicht auch etwas zu viel getrunken hatte, den andern Beamten einen Popensohn, worauf dieser, der wirklich der Sohn eines Popen war, sich aus irgend einem Grunde aufs tiefste beleidigt fühlte und ihn sehr heftig und außerordentlich scharf anfuhr. Und zwar sagte er ihm folgendes: „Das lügst du! Ich bin Staatsrat und kein Popensohn. Du bist vielleicht ein Popensohn,“ und dann fügte er, um ihm einen Stich zu versetzen und ihn noch mehr zu ärgern, noch hinzu: „Jawohl, so ist’s!“ Obwohl er unseren Tschitschikow damit noch übertrumpfte, indem er ihm das auf ihn selbst gemünzte Schimpfwort zurückgab, und trotzdem die Wendung: „Jawohl, so ist’s“ schon stark genug war, genügte ihm dies jedoch noch nicht, sondern er sandte noch außerdem eine geheime Denunziation an die Behörde. Übrigens ging die Rede, beide hätten überdies noch einen Streit wegen eines frischen handfesten Weibleins gehabt, die nach dem Ausdruck der Beamten „kernig“ gewesen sei, wie eine Rübe, ja es seien sogar ein paar kräftige Kerle gedungen worden, die unseren Helden eines Abends in einer dunkelen Gasse tüchtig durchwalken sollten; schließlich aber hätten beide Beamten eine Nase erhalten, und ein gewisser Hauptmann Schamschajew habe sich der betreffenden Dame bemächtigt. Wie sich die Sache in Wahrheit zugetragen hat, das weiß Gott allein. Genug, die geheimen Abmachungen mit den Schmugglern wurden ruchbar und kamen an den Tag. Der Staatsrat wurde zwar gleichfalls gestürzt, aber er zog seinen Kollegen mit in seinen Sturz hinein. Die Beamten wurden vor Gericht gestellt, ihr ganzer Besitz konfisziert und versiegelt, und dies alles brach über ihre schuldigen Häupter herein, wie ein Donnerschlag aus heitrem Himmel. Ihr Geist war wie von Rauch und Dunst umnebelt, und als sie wieder zu sich kamen, bemerkten sie mit Entsetzen, was sie angerichtet hatten. Der Staatsrat überlebte diesen Schicksalsschlag nicht und ging irgendwo elendiglich zugrunde, der Kollegienrat aber hielt dem Schicksal stand und blieb fest. Er verstand es, einen Teil der Summe in Sicherheit zu bringen, so fein auch die Witterung der Beamten war, die erschienen waren um die Untersuchung zu leiten; er wandte alle Schliche und Ausflüchte an, deren sich ein erfahrener Mann, welcher die Menschen nur allzu gut kennt, zu bedienen pflegt: hier suchte er durch seine angenehmen Umgangsformen Eindruck zu machen, dort durch rührende Reden, hier wirkte er durch Schmeicheleien, die nie etwas schaden können, und da erwarb er sich die Gunst der Beamten, indem er ihnen etwas zusteckte, mit einem Wort, er wußte seine Sache so gut zu führen, daß er wenigstens keinen so schmählichen und unehrenhaften Abschied erhielt, wie sein Kollege und, wenn auch mit knapper Not, dem Strafrichter entrann. Freilich: das Kapital und all die schönen ausländischen Sachen waren dabei draufgegangen; für diese Dinge hatten sich andre Liebhaber gefunden. Es gelang ihm, sich höchstens zehntausend Rubel aus diesem Zusammenbruch zu retten, die er sich für alle Fälle zurückgelegt hatte, dazu noch zwei Dutzend holländische Hemden, eine kleine Kutsche, wie sie Junggesellen zu besitzen pflegen und zwei Leibeigene: den Kutscher Seliphan und den Bedienten Petruschka, außerdem hatten ihm die Zollbeamten, aus reiner Herzensgüte noch fünf oder sechs Stück Seife geschenkt: damit er sich seine Wangen rein und frisch erhalte — das war alles. In so trauriger Lage befand sich nun mit einem Male wieder unser Held. Welch ungeheueres Mißgeschick war plötzlich über ihn hereingebrochen! Das nannte er im Dienste der Wahrheit leiden. Man sollte meinen, nach all diesen Stürmen, Versuchungen, Schicksalsschlägen und den bösen Zufällen dieses Lebens hätte er sich mit seinen letzten teuren Zehntausend in den friedlichen Erdenwinkel eines Provinzstädtchens zurückgezogen, um dort für immer einzurosten: da hätte er wohl im geblümten Schlafrock am Fenster eines niedrigen Häuschens gesessen und zugesehen wie Sonntags die Bauern rauften, oder er wäre vielleicht zur Erholung einmal in den Hühnerhof hinabgegangen, um sich persönlich das Huhn anzusehen, aus dem die Suppe gekocht werden sollte, und so hätte er sein Dasein zwar still, doch in seiner Art auch nicht ganz nutzlos hingebracht. Aber es kam anders; man muß der unbezwinglichen Charakterstärke unseres Helden Gerechtigkeit widerfahren lassen. Nach all diesen Schlägen, welche genügt hätten, einen Menschen wenn nicht umzubringen, so doch für immer gegen alles abzukühlen und zahm zu machen, war in ihm jene unerhörte Leidenschaft noch immer nicht erloschen. Er war ärgerlich und zornig, murrte wider die ganze Welt, schimpfte über die Ungerechtigkeit des Schicksals, war empört über die Schlechtigkeit der Menschen, und konnte es dennoch nicht lassen, neue Versuche zu unternehmen. Mit einem Wort: er legte eine Mannhaftigkeit an den Tag, vor der die träge Geduld des Deutschen zu Nichts zusammenschrumpft, welche ja in dem ruhigen, langsamen Blutumlauf seinen Grund hat. Tschitschikows Blut dagegen wallte feurig durch die Adern, und es bedurfte eines starken, vernünftigen Willens, um all jene Triebe zu zügeln, welche in ihm nach außen drängten, um sich hier frei zu ergehen und auszuleben. Er überlegte lange hin und her, und in seinen Überlegungen war immer etwas Richtiges enthalten. Warum bin ich es gerade? Warum mußte das Unglück jetzt über mich hereinbrechen? Wer säumt denn jetzt in seinem Berufe? Alles strebt nach Erwerb. Ich habe doch niemand unglücklich gemacht, habe keine Witwe beraubt, keinen Menschen an den Bettelstab gebracht, nur von dem Überflusse genommen dort wo jeder andere an meiner Stelle auch die Hand ausgestreckt hätte. Hätte ich nicht die Gelegenheit beim Schopfe gepackt, so hätten andere es statt meiner getan. Warum sollen denn andere schwelgen und glücklich sein? Und warum soll ich denn verfaulen wie ein Wurm? Was bin ich jetzt? Wozu tauge ich? Wie soll ich jetzt einem braven Familienvater ins Auge sehen? Muß ich nicht Gewissensbisse empfinden, wenn ich daran denke, daß ich nur die Erde unnütz belaste? Und was sollen einst meine Kinder sagen? — „Seht unsern Vater an,“ werden sie sagen; „er war ein Schweinehund, und hat uns kein Vermögen hinterlassen.“