Wäre er nach Verdienst belohnt worden, so hätte er sich zu seinem eigenen Erstaunen vielleicht zum Range eines Staatsrates erhoben gesehen. Aber, wie seine witzigen Kollegen sagten, durfte er in seinem Knopfloche nichts wie eine Schnalle tragen, und seine ganze Beharrlichkeit trug ihm nur Hämorrhoiden ein.
Übrigens muß ich hier hinzufügen, daß er eines Tages doch eine gewisse Aufmerksamkeit erregte. Ein Direktor, ein anständiger, wohlgesinnter Mann, der ihn für seinen langen Dienst belohnen wollte, befahl, ihm eine wichtigere Arbeit anzuvertrauen als die, die in der Kopierung der gewöhnlichen Akten bestand, und zwar sollte er einen Bericht an irgend eine andere Behörde abfassen, die Titel verschiedener Akten ändern und im ganzen Texte das Pronomen der ersten Person durch das der dritten ersetzen.
Akaki machte sich an die Arbeit, aber sie erregte ihn derartig, sie kostete ihn solche Anstrengungen, daß ihm der Schweiß von der Stirn rann und er endlich ausrief:
„Nein, gebt mir lieber etwas zum Abschreiben!“
Und von nun an ließ man ihn bis an sein Lebensende kopieren.
Es schien fast, als ob außer seinen Kopieen nichts auf der Welt für ihn existiere. An seinen Anzug dachte er nie. Seine ursprünglich grüne Uniform hatte allmählich eine mehlig-rote Farbe angenommen; sein Kragen war so eng und so niedrig, daß sein Hals, der eigentlich kurz war, beträchtlich über ihn hinausragte und abnorm lang erschien, ähnlich wie bei jenen Gipskatzen mit beweglichen Köpfen, die die fremden Hausierer in den russischen Dörfern feilbieten, um sie an die Bauern zu verkaufen.
Stets gab es irgend ein Ding, das an seiner Kleidung haften geblieben war, — bald ein Faden, bald ein Strohhalm. Außerdem hatte er eine ganz besondere Vorliebe dafür, gerade in dem Momente unter einem Fenster vorbeizugehen, wo man aus ihm einen nichts weniger als reinlichen Gegenstand auf die Straße warf, und nur selten war sein Hut nicht mit einer Melonenschale oder ähnlichem Plunder garniert. Niemals fiel es ihm ein, sich mit dem, was auf den Straßen vor sich ging und alltäglich vor sich geht, zu beschäftigen, mit Dingen, die die kecken forschenden Blicke seiner jungen Kollegen unbedingt auf sich zogen; ja, die waren gewohnt, wenn sie spazieren gingen, auf dem entgegengesetzten Trottoir sofort alles Merkwürdige herauszufinden, wenn etwa ein Sterblicher mit zerrissenen Beinkleidern sich zeigte, was ihnen stets ein boshaftes Lächeln entlockte.
Akaki Akakiewitsch seinerseits sah nur die geraden und regelmäßigen Linien seiner Kopieen vor sich, und er mußte schon plötzlich an die Schnauze eines Pferdes, das ihm seinen vollen Atem ins Gesicht blies, geraten, um sich zu erinnern, daß er sich nicht vor seinem Pult befand, vor seinen schönen kalligraphischen Musterbeispielen, sondern mitten auf der Straße. Und kam er nach Hause, so setzte er sich sofort zu Tisch, schlang hastig seine Kohlsuppe hinunter und verzehrte dann unbekümmert um das, was man ihm vorsetzte, irgend ein Stück Rindfleisch mit Knoblauch — samt den Fliegen und andern Lieblichkeiten, die Gott und der Zufall dazugetan hatten. Hatte er seinen Magen gefüllt, dann stand er auf, holte ein kleines Tintenfaß aus der Tasche und begann pflichtgemäß die Akten abzuschreiben, die er sich nach Hause mitgenommen hatte. Hatte er zufällig gerade keine dienstlichen Schriftstücke abzuschreiben, so kopierte er zu seinem eigenen Vergnügen Dokumente, denen er eine besondere Wichtigkeit beimaß — nicht wegen ihrer mehr oder weniger interessanten Fassung, sondern weil sie an irgend eine hochgestellte Persönlichkeit gerichtet waren.
Selbst dann, wenn der graue Himmel St. Petersburgs von dem Schleier der Nacht verhüllt ist und der ganze Beamtenstab sein Mahl je nach seinen gastronomischen Neigungen und dem Gewichte seiner Börse eingenommen hat, — wenn alle Welt sich von dem Kratzen der Federn im Bureau, von den Sorgen und den Geschäften und all den Unbequemlichkeiten, die sich die unruhigen Menschen oft selbst unnützerweise auferlegen, zu erholen sucht, so ist es ganz natürlich, daß die Beamten den Rest des Tages irgend einer persönlichen Zerstreuung widmen. Die einen fahren ins Theater, die andern gehen spazieren und vergnügen sich damit, die Toiletten und Hüte zu betrachten, andere wieder besuchen eine Soirée, wo sie an irgend ein hübsches Mädchen — irgend einen Stern, der am bescheidenen Horizonte ihres bürokratischen Himmels aufsteigt, einige zärtliche und tiefempfundene Worte richten. Manche dagegen — und diese sind die zahlreichsten — besuchen einen Kollegen, der im dritten oder vierten Stockwerke eine kleine Wohnung, bestehend aus einer Küche und einem Zimmer inne hat, ja einem Zimmer, das einen mühselig erbeuteten Luxusgegenstand, eine Lampe oder irgend einen auf Grund langer Einschränkungen gekauften Artikel birgt.
Kurz, es ist die Stunde, da jeder Beamte auf die eine oder die andere Weise seinem Müßiggange nachgeht: hier spielt man eine Partie Whist, dort nimmt man Tee mit billigen Bisquits zu sich oder man raucht aus einer langen Pfeife Tabak. Man erzählt sich die Skandalgeschichten, die in der großen Welt passieren, denn in welcher Situation sich der Russe immer befinden mag, nie kann er seine Gedanken von seiner offiziellen Gesellschaft wegwenden, über die so kuriose Anekdoten im Umlaufe sind, wie zum Beispiel die von dem Kommandanten, dem heimlich hinterbracht wird, irgend ein Schurke habe dem Pferde auf dem Standbild Peters des Großen den Schweif abgeschnitten.
Mit einem Wort, selbst in diesen Stunden der Erholung und des Amüsements blieb Akaki Akakiewitsch seinen Gewohnheiten treu. Niemand hätte sagen können, daß er ihn auch nur ein einziges Mal des Abends in Gesellschaft gesehen habe. Wenn er vom vielen Abschreiben müde geworden war und nicht mehr weiter konnte, legte er sich zu Bett und dachte an die Freuden des folgenden Tages, an all die schönen Kopieen, die ihm der liebe Gott noch reserviert hatte.
So floß das friedliche Leben eines Mannes hin, der bei einem Einkommen von vierhundert Rubeln mit seinem Schicksale vollkommen zufrieden war, und er würde vielleicht ein hohes Alter erreicht haben, wäre er nicht einem unglücklichen Zwischenfall zum Opfer gefallen, wie er nicht nur Titularräte, sondern auch die geheimen, die wirklichen Staatsräte, die Hofräte und selbst die, die niemals einen Rat geben oder empfangen, treffen kann.
In St. Petersburg haben alle diejenigen, die nur über ein Einkommen von ungefähr vierhundert Rubeln verfügen, einen furchtbaren Feind, und dieser gräßliche Feind ist kein anderer als der nordische Winter, obwohl man im allgemeinen behauptet, er wäre der Gesundheit sehr zuträglich.
Gegen neun Uhr morgens, wenn die Beamten der verschiedenen Ämter sich in ihr Bureau begeben, sticht ihnen die Kälte ohne Unterschied so sehr die Nase, daß die meisten von ihnen nicht wissen, wohin sie sie verstecken sollen.
Wenn in solchen Augenblicken die hohen Würdenträger in Person so sehr unter der Kälte leiden, daß ihnen die Stirne weh tut und die Tränen in die Augen steigen, wie schlimm muß es da erst den Titularräten ergehen, die doch über gar keine Mittel verfügen, um sich gegen die Unbilden der Kälte zu schützen. Da sie sich nur in einen leichten Mantel haben hüllen können, so bleibt ihnen als letzte Rettung nur übrig, fünf oder sechs Straßen im Eilschritt zu durchlaufen und sodann bei dem Portier halt zu machen, um hier so lange auf den Füßen herumzuspringen, bis sie ihre eingefrorenen bureaukratischen Fähigkeiten wiedererlangt hatten.
Seit einiger Zeit empfand Akaki Akakiewitsch im Rücken und in den Schultern einen stechenden Schmerz, obwohl er in großer Eile und außer Atem die Entfernung von seiner Wohnung zu seinem Bureau zu durchlaufen pflegte. Nachdem er lange hierüber nachgedacht hatte, gelangte er schließlich zu der Annahme, daß sein Mantel nicht mehr ganz intakt sein müsse. Kaum war er in sein Zimmer eingetreten, als er dieses Kleidungsstück sorgfältig untersuchte und hierbei feststellte, daß der einst so kostbare Stoff an zwei oder drei Stellen sich in den reinsten Tüll verwandelt hatte und so dünn geworden war, daß er fast durchsichtig schien; außerdem war das Futter völlig zerrissen. Man muß nämlich wissen, daß dieser Mantel schon lange zur Zielscheibe für die Spöttereien von Akakis mitleidslosen Kollegen gedient hatte. Ja, man hatte ihm sogar die edle Bezeichnung eines Mantels entzogen, um ihn Kapuze zu taufen. Tatsache ist allerdings, daß dieses Kleidungsstück ein äußerst merkwürdiges Aussehen hatte. Im Laufe der Jahre war der Kragen immer mehr zusammengeschrumpft, denn von Jahr zu Jahr hatte der arme Titular-Rat ein Stück davon abgeschnitten, um mit ihm eine schadhafte Stelle des Mantels auszubessern, und diese Flicke verrieten nichts weniger als eine kundige Schneiderhand. Sie waren möglichst ungeschickt aufgesetzt und sahen keineswegs schön aus. Als Akaki Akakiewitsch seine traurigen Betrachtungen beendet hatte, sagte er sich, daß er ohne Zaudern den Mantel zu dem Schneider Petrowitsch, der im vierten Stock eine ganz dunkle Kammer bewohnte, bringen müsse.
Petrowitsch war ein Individuum, das schielte, pockennarbig war und im nüchternen Zustande der Ehre teilhaftig wurde, für die Herren Beamten Röcke und Beinkleider anzufertigen, wenn er nicht gerade etwas anders im Kopfe hatte. Ich könnte wohl darauf verzichten, hier länger bei diesem Schneider zu verweilen; aber da es der Brauch nun einmal so will, keine Persönlichkeit in einer Erzählung vorzustellen, deren Physiognomie man nicht genau zu schildern vermöchte, so bin ich gezwungen, meinen Petrowitsch mehr oder minder naturgetreu abzukonterfeien. Früher, als er noch bei seinem Herrn Leibeigner war, hieß er ganz schlicht Gregori. Freigelassen, glaubte er es sich schuldig zu sein, den Namen Petrowitsch anzunehmen. Zugleich begann er zu trinken, zunächst nur an den hohen Feiertagen, dann jedoch an allen Kirchenfesten, die im Kalender mit einem Kreuz verzeichnet sind. In dieser Beziehung blieb er den Gewohnheiten seiner Großväter treu, und wenn seine Frau mit ihm zanken wollte, hieß er sie eine gottlose Person und eine Deutsche. Und da wir diese Frau schon erwähnt haben, so wollen wir auch von ihr noch ein paar Worte sagen: leider ist nur nicht viel über sie zu berichten, außer daß sie eben die Frau des Petrowitsch war, und daß sie eine Haube auf dem Kopfe trug. Im übrigen war sie nicht gerade eine Schönheit zu nennen, höchstens erlaubte es sich ein Gardesoldat, wenn er ihr auf der Straße begegnete, ihr unter die Haube zu gucken, seinen Mund zu einem Lächeln zu verziehen und einen unbestimmten Laut von sich zu geben. Akaki Akakiewitsch kletterte also bis zur Mansarde des Schneiders hinauf. Die Treppe, die zu ihr führte, war dunkel, schmutzig, feucht und strömte, wie alle Proletarierwohnungen in St. Petersburg, einen Nase und Augen beizenden Branntweingeruch aus.
Während der Titular-Rat die schlüpfrigen Stufen hinaufkroch, überlegte er, welchen Preis Petrowitsch wohl für die Reparatur fordern könnte, und er beschloß, ihm unter keinen Umständen mehr als zwei Rubel anzubieten.
Die Tür des Schneiders stand weit offen, um den Rauchwolken aus der Küche einen Ausgang zu verschaffen; Petrowitschs Frau war gerade dabei, hier Fische zu braten. Akaki Akakiewitsch ging quer durch die Küche, die so voller Rauch war, daß man nicht einmal die vielen sie bevölkernden Schwaben sehen konnte, er ging durch die Küche, ohne daß die Frau seiner ansichtig wurde und trat in die Stube hinein, wo der Schneider auf einem großen, roh gezimmerten und ungestrichenen Tische saß, die Beine wie ein türkischer Pascha übereinandergeschlagen und nach der Art der meisten russischen Schneider mit nackten Füßen.
Wenn man an ihn näher herantrat, so zog vor allem ein Umstand die Aufmerksamkeit auf ihn: nämlich der Nagel eines Daumens, der zwar ein wenig verstümmelt, sonst aber hart und starr war wie die Schale einer Schildkröte. Um den Hals hatte er einen Knäul Seidenfaden und mehrere Zwirnsträhne geschlungen und auf seinen Knieen lag ein zerfetzter Rock. Seit einigen Minuten bemühte er sich, eine Nadel einzufädeln, jedoch ohne Erfolg. Er wetterte zuerst auf die Dunkelheit, dann auf den Faden.
„Willst du nun endlich hinein, Taugenichts!“ schrie er. „Bald habe ich keine Kraft mehr, verdammtes Ding!“
Akaki Akakiewitsch merkte sogleich, daß er einen ungünstigen Augenblick erwischt hatte, wo Petrowitsch schlechter Laune war. Es wäre ihm lieber gewesen, Petrowitsch in einer jener günstigen Stunden anzutreffen, in denen der Schneider schon ein wenig angeheitert war, oder — wie seine Frau sich auszudrücken pflegte — wo dieser einäugige Teufel sich eine solide Ration Fusel einverleibt hatte. Dann war es für den Kunden ein leichtes, ihm einen beliebigen Preis aufzuschwatzen, ja der Schneider ging in seinen Komplimenten bisweilen so weit, daß er sich ehrfürchtig vor ihm vorbeugte und ihn mit Danksagungen überschüttete.
Oft jedoch mischte sich die Frau in die geschäftlichen Abmachungen, beklagte sich über ihren Mann, schrie und tobte und erklärte, er sei betrunken gewesen und habe die Arbeit zu einem viel zu niedrigen Preise angenommen. Dann bot man einige Kopeken mehr, und der Handel war abgeschlossen.
Heute aber hatte zu des Titular-Rats Unglück Petrowitsch bis zu diesem Momente noch nicht der Flasche zugesprochen, und in dieser Gemütsverfassung war der Schneider starrköpfig, unvernünftig und fähig, einen schrecklich hohen Preis zu fordern.
Akaki Akakiewitsch sah diese Gefahr voraus und hätte gern wieder Reißaus genommen; jedoch es war dazu zu spät: das Auge des Schneiders, sein einziges Auge, denn er war einäugig, hatte ihn bereits entdeckt, und so stammelte denn Akaki Akakiewitsch mechanisch:
„Guten Tag, Petrowitsch!“
„Guten Tag, Herr!“ antwortete der Schneider, dessen Blick sich sofort auf die Hand des Titular-Rates heftete, um zu erkennen, was für ein Objekt sie trug.
„Ich war gekommen ... Petrowitsch, nun ... Ich wollte ...“
Hier ist die Bemerkung am Platze, daß der furchtsame Titular-Rat es sich zur Regel gemacht hatte, seine Gedanken nur durch halbe Phrasen, Worte, Präpositionen, Adverbien oder Redeteile, die überhaupt keinen Sinn ergaben, auszudrücken.
War jedoch die Angelegenheit, um die es sich handelte, von besonderer Wichtigkeit, so gelang es ihm niemals, den angefangenen Satz zu Ende zu sprechen. Wenn die Sache jedoch ganz besonders schwierig war, dann stotterte er nur ein paar Worte heraus: „Das ist doch wirklich ganz ...“ und dann folgte überhaupt nichts mehr. Bald hatte er selbst vergessen, was er eigentlich sagen wollte und glaubte, er habe schon alles gesagt.
„Was wünschen Sie, Herr?“ fragte Petrowitsch ihn, indem er ihn mit seinem einzigen Auge vom Kopf bis zu den Füßen musterte und seinen fragenden Blick über Kragen, Manschetten, Taille, Knöpfe, kurz über die gesamte Uniform Akakis gleiten ließ, die er sehr gut kannte, da er selbst all diese Herrlichkeiten angefertigt hatte. Das ist nun mal die Eigentümlichkeit aller Schneider, dies ist ihr erster Gedanke, sowie sie einem Bekannten begegnen.
Akaki antwortete stotternd wie gewöhnlich:
„Ich möchte ... Petrowitsch, ... dieser Mantel ... sehen Sie das Tuch ... übrigens ... ich für meinen Teil ... ich glaube, er ist noch ganz gut ... nur ein wenig bestaubt ... Ja, ja, er sieht schon ein wenig abgetragen aus ... aber er ist doch noch ganz neu ... nur an einer Stelle ein wenig abgescheuert ... da, am Rücken ... und hier an der Schulter ... zwei oder drei kleine Risse ... Sehen Sie es nicht? ... es ist ja gar nicht der Rede wert ... Es ist gar nicht viel daran zu tun ...“
Petrowitsch ergriff den unglückseligen Mantel, breitete ihn auf dem Tische aus, betrachtete ihn schweigend und schüttelte dann das Haupt. Dann streckte er den Arm nach dem Fenster aus, um sich seine runde mit dem Bilde eines Generals gezierte Tabaksdose herunterzunehmen. Ich weiß nicht, was das für ein General war, denn die Stelle, wo sich das Gesicht befand, war mit dem Finger durchlöchert, und da hatte der Schneider flugs einen viereckigen Streifen Papier darüber geklebt.
Als Petrowitsch sich nun endlich eine Prise genommen hatte, nahm er die Kutte von neuem in die Hände, hielt sie ans Licht und schüttelte zum zweitenmal den Kopf. Sodann schaute er sich genau das Futter an, schüttelte sie nochmals, hob wiederum den Deckel seiner vor Zeiten mit dem Porträt eines Generals geschmückten und mit einem Papierstreifen geflickten Tabakdose hoch, entnahm ihr eine zweite Prise, machte die Dose zu, steckte sie ein und schrie endlich:
„Daran ist überhaupt nichts mehr auszubessern! Das ist ja nur ein ganz elender Fetzen!“
Bei diesen Worten krampfte sich Akaki Akakiewitschs Herz zusammen.
„Weshalb nicht, Petrowitsch?“ fragte er in dem weinerlichen Ton eines Kindes, „dieser Rock sollte nicht mehr auszubessern sein? Aber so sehen Sie doch, Petrowitsch! nicht wahr, es sind ja nur ein paar Risse an der Schulter drin, und Sie haben genug Flicken, um sie aufzunähen.“
„Allerdings habe ich genug Flicken,“ versetzte Petrowitsch, „aber wie soll ich sie denn darauf nähen? Das Tuch ist abgescheuert und hält nirgends mehr stand.“
„Ach was! so werden Sie einfach einen größeren Flicken nehmen!“
„Wo soll man denn da einen Flicken aufsetzen, der wird ja doch nicht halten, der Flicken wäre auch zu groß; das kann man doch kaum noch Tuch nennen, ein Windstoß genügt ja, um es völlig zu zerfetzen!“
„Näh ihn ... schon auf ... Ich bitte dich ... Das geht doch nicht.“
„Nein!“ erwiderte Petrowitsch bestimmten Tones, „da ist gar nichts mehr zu machen! Dieser Stoff hat ausgedient. Es wäre besser, daraus für den Winter Fußlappen zu machen; das wärmt die Füße weit mehr als Strümpfe. Ja, ja, das ist auch so eine deutsche Erfindung, um den Leuten Geld abzunehmen.“
Petrowitsch ließ keine Gelegenheit vorübergehen, ohne den Deutschen eins auszuwischen.
„Sie müssen sich einen neuen Mantel machen lassen,“ fügte er hinzu.
„Einen neuen Mantel?“
Akaki Akakiewitsch ward es schwarz vor den Augen. Das Atelier des Schneiders fing an ihn zu umkreisen und der einzige Gegenstand, den er deutlich zu erkennen vermochte, war das mit Papier überklebte Porträt des Generals auf Petrowitschs Tabaksdose.
„Einen neuen Mantel?“ murmelte er wie traumverloren. „Aber ich habe doch kein Geld dazu.“
„Jawohl, einen neuen Mantel!“ wiederholte Petrowitsch mit grausamer Beharrlichkeit.
„Aber, ... selbst ... wenn ... angenommen, ich faßte einen solchen Entschluß ... wieviel? ...“
„Sie wollen sagen, wieviel er kosten würde?“
„Ja.“
„So was wie hundertundfünfzig Papierrubel werden Sie schon anwenden müssen,“ erwiderte der Schneider, indem er die Lippen zusammenkniff.
Dieser Schneider liebte die starken Effekte und fand ein ganz besonderes Vergnügen darin, seine Kunden zu verblüffen und dann mit seinem einzigen schielenden Auge den Ausdruck ihres Gesichts zu beobachten.
„Hundertundfünfzig Rubel für einen Mantel?“ sagte Akaki Akakiewitsch.
Und der Titular-Rat sprach diese Worte mit einem Ton aus, der fast einem Schrei glich, vielleicht dem ersten, den er seit seiner Geburt ausgestoßen hatte, denn gewöhnlich sprach er ja mit großer Furchtsamkeit.
„Ja,“ versetzte Petrowitsch, „ohne Marderkragen und Seidenfutter für den Umhang; sonst würde er sich auf zweihundert Rubel belaufen.“
„Petrowitsch, ich beschwöre Sie,“ unterbrach ihn Akaki Akakiewitsch flehend, der auf den Schneider und all seine Effekte gar nicht mehr hörte, ihn auch nicht hören wollte; „ich beschwöre Sie, diesen Mantel irgendwie auszubessern, damit er noch eine Zeit halten kann!“
„Nein! das wäre verlorene Mühe und eine unnütze Ausgabe, eine reine Verschwendung,“ versetzte Petrowitsch.
Akaki Akakiewitsch zog sich nach diesen Worten ganz niedergeschmettert zurück, während Petrowitsch mit zusammengekniffenen Lippen, mit sich selbst äußerst zufrieden wegen der so mannhaften Verteidigung des gesamten Schneiderstandes, stehen blieb.
Ziellos und betäubt irrte Akaki wie ein Somnambule in den Straßen umher.
„Welche Widerwärtigkeit!“ sprach er beim Gehen vor sich hin. „Wahrhaftig, ich hätte niemals gedacht, daß das so ausgehen würde ... Nein,“ fuhr er nach einem kurzen Schweigen fort, „ich konnte nicht annehmen, daß es dazu kommen würde ...“ Dann schwieg er wieder eine Weile still und sagte schließlich: „Ich befinde mich augenblicklich in einer durchaus unerwarteten Situation ... in einer solchen Verlegenheit, daß ...“
Und während er solcher Art sein Selbstgespräch fortsetzte, schlug er, anstatt nach Hause zu gehen, eine seiner Wohnung völlig entgegengesetzte Richtung ein, jedoch ohne dessen gewahr zu werden. Ein Schornsteinfeger schwärzte ihm beim Vorübergehen den Rücken. Von einem im Bau befindlichen Hause herab fiel ihm eine ganze Mütze mit Gips auf den Kopf; er jedoch sah und merkte nichts. Erst als er mit gesenktem Haupte gegen einen Wachtposten stieß, der ihm mit vorgehaltener Hellebarde den Weg versperrte und ihm aus seiner Dose Tabak auf die schwielige Hand schüttete, erwachte er rauh aus seinen Träumen.
„Was tust du hier?“ schrie ihn der brutale Hüter der öffentlichen Ordnung an; „kannst du nicht, wie es sich gehört, auf dem Trottoir gehen?“
Dieser plötzliche Anruf riß Akaki Akakiewitsch endlich völlig aus dem Zustande der Betäubung. Er sammelte wieder seine Gedanken, überblickte kaltblütig die Situation und ging ernst und freimütig mit sich zu Rate wie mit einem Freunde, dem man alle seine Herzensgeheimnisse anvertraut.
„Nein,“ sagte er endlich, „heute werde ich nichts bei Petrowitsch erreichen; heute ist er schlechter Laune ... vielleicht hat ihn seine Frau geprügelt, — ich werde ihn nächsten Sonntag wieder aufsuchen. Sonntag Morgen nach einer durchschwärmten Nacht wird er stark schielen, Durst haben, trinken wollen und seine Frau gibt ihm kein Geld dazu. Ich werde ihm ein Zehnkopekenstück in die Hand drücken, dann wird er viel eher zugänglich sein und mit sich über den Mantel sprechen lassen.“
Sich an dieser Hoffnung stützend, wartete Akaki Akakiewitsch bis zum nächsten Sonntag. An diesem Tage begab er sich, als er von ferne Petrowitschs Frau ihr Haus hatte verlassen sehen, zu dem Schneider und fand ihn, wie er erwartet hatte, in dem Zustande völligster Niedergeschlagenheit. Er schielte stärker als je und war ganz verschlafen. Kaum hatte jedoch der Schneider vernommen, worum es sich handelte, als er Akaki Akakiewitsch sofort anschnauzte, als sei der Teufel in ihn gefahren.
„Nein, da gibts gar nichts mehr zu tun! Sie können sich jetzt nur einen neuen Mantel kaufen.“
Akaki Akakiewitsch drückte ihm hier ein Zehnkopekenstück in die Hand.
„Danke, Euer Gnaden,“ antwortete Petrowitsch, „ich werde auf Ihre Gesundheit trinken. Was jedoch Ihren Mantel anbetrifft, so dürfen Sie gar nicht mehr an ihn denken. Er ist nicht mehr einen roten Heller wert. Lassen Sie mich nur ruhig gewähren, ich werde Ihnen einen prachtvollen neuen anfertigen — ich bürge Ihnen dafür!“
Der arme Akaki Akakiewitsch bat ein Mal über das andere Mal den Schneider, den alten zu reparieren, aber Petrowitsch wollte ihn gar nicht mehr anhören und sagte: „Ich will Ihnen schon einen neuen anfertigen ... Glauben Sie mir. Ich werde mir die größte Mühe geben. Ja, ich werde sogar, wie es jetzt Mode ist, silberne Haken und Ösen an dem Kragen anbringen.“
Jetzt erst begriff Akaki Akakiewitsch, daß er sich tatsächlich einen neuen Mantel werde anschaffen müssen, und zum zweitenmal fühlte er sich einer Ohnmacht nahe. Sich einen neuen Mantel machen lassen! Aber womit ihn bezahlen? Er hatte allerdings, um die Wahrheit zu sagen, zu den Feiertagen Ansprüche auf eine offizielle Gratifikation. Aber dafür hatte er schon längst eine Bestimmung gefunden. Er mußte sich ein Paar Beinkleider kaufen und einem Schuhmacher eine alte Schuld bezahlen, der ihm zwei Paar Stiefel ausgebessert und zwei neue Schäfte aufgesetzt hatte. Er mußte sich bei der Näherin drei neue Hemden und zwei von jenen Kleidungsstücken anfertigen lassen, die beim Namen zu nennen, gegen den literarischen Anstand verstößt, kurz alles war schon im voraus bestimmt. Und sollte — ein unerwartetes Glück! — der Direktor etwa die Gratifikation von vierzig auf fünfzig Rubel erhöhen, was wäre schließlich dieser magere Überschuß im Vergleich mit der unerhört hohen Summe, die Petrowitsch für den Mantel gefordert hatte? Ein Tropfen Wasser im Ozean.
Er wußte freilich, daß Petrowitsch die Angewohnheit hatte, mitunter ganz unglaubliche Preise zu verlangen, sodaß sich seine Frau oft nicht enthalten konnte, ihn mit folgenden Worten anzufahren:
„Bist du verrückt, du Esel? Bald arbeitest du für ein reines Nichts, und ein andermal reitet dich der Teufel, einen so unendlich hohen Preis zu fordern, den der Kerl selbst nicht wert ist.“
Er glaube demnach, daß Petrowitsch auch mit einem Preise von achtzig Rubel für einen neuen Mantel einverstanden sein würde. Aber wo sollte man selbst diese achtzig Rubel hernehmen? Vielleicht würde es ihm gelingen, wenn er alle Hebel in Bewegung setzte, die Hälfte oder sogar noch etwas mehr aufzutreiben. Woher aber sollte er die andere Hälfte nehmen!
Wir müssen dem Leser von den Mitteln, die Akaki Akakiewitsch zur Beschaffung dieser Summe anzuwenden gedachte, Rechenschaft geben!
Er hatte die Gewohnheit angenommen, so oft er einen Rubel erhielt, eine Kopeke in eine kleine Sparbüchse zu werfen, die stets fest verschlossen war. Am Ende eines jeden Halbjahres nahm er diese kleinen Kupferstücke heraus und ersetzte sie durch Silbergeld von gleichem Werte. Dieses Sparsystem hatte er schon ziemlich lange durchgeführt, und so beliefen sich nach Verlauf einiger Jahre seine Ersparnisse auf etwas mehr als vierzig Rubel. So besaß er wenigstens die Hälfte der in Betracht kommenden Summe. Aber die andere Hälfte! Wo sollte er die andern vierzig hernehmen? Akaki stellte unabsehbare Berechnungen an; schließlich sagte er sich, daß er mindestens ein Jahr hindurch verschiedene seiner Ausgaben reduzieren könne, des Abends auf den Tee verzichten, keine Kerze anzünden und — wenn er etwas zu arbeiten hätte — sich mit seinen Akten ins Zimmer seiner Wirtin setzen müßte, um seine Arbeit bei ihrer Kerze zu vollenden. Er faßte auch den Entschluß, auf der Straße möglichst sanft und vorsichtig aufzutreten, ja wenn es ging auf den Zehenspitzen über das Trottoir und das Pflaster zu gehen, um seine Sohlen nicht zu schnell durchzuscheuern, seine Wäsche nicht so oft waschen zu lassen, sie beim Nachhausekommen auszuziehen und statt dessen bloß seinen baumwollenen Schlafrock anzulegen, ein zwar sehr altes Stück, das die Zeit jedoch glücklicherweise noch ziemlich verschont hatte.
Anfangs waren ihm diese Entbehrungen etwas peinlich, aber nach und nach gewöhnte er sich an seine neue Lebensweise und brachte es sogar soweit, sich, ohne Abendbrot gegessen zu haben, zur Ruhe zu begeben. Während sein Körper unter dieser Unterernährung litt, fand sein Geist in der unaufhörlichen Beschäftigung mit seinem Mantel neue Anregung. Von diesem Augenblicke an hätte man sagen können, daß seine Natur das passende Komplement gefunden, daß er sich verheiratet hätte, daß noch ein anderer Mensch immer um ihn war, daß er nicht mehr einsam war und daß ihm eine Gefährtin zur Seite stände, die ihn auf allen seinen Lebenswegen begleitete; diese Gefährtin — war das Bild seines Mantels, wohl wattiert und gefüttert, eines Mantels, der überhaupt nicht umzubringen war.
Und man sah ihn viel entschlossener und mutiger als früher einherschreiten, er war ein Mensch geworden, der nur ein Ziel vor Augen hatte, das er auf jeden Fall erringen will. Die Charakterlosigkeit und Ängstlichkeit in seinem Gesichtsausdruck und in seinen Handlungen, seine lässige Haltung: mit einem Wort, all jene schwankenden und unsicheren Züge waren auf einmal verschwunden. Mitunter glänzten seine Augen wie in neuem Leben, und in seinen kühnen Träumen legte er sich bereits die Frage vor, ob er sich nicht an seinem Mantel auch ganz gut einen Mantelkragen anbringen lassen könne.
Diese Gedanken machten ihn bisweilen merkwürdig zerstreut. Eines Tages, als er wieder seine Akten abschrieb, bemerkte er plötzlich, daß ihm beinahe ein Fehler untergelaufen wäre.
„O, o!“ rief er aus.
Und schnell machte er das Zeichen des Kreuzes.
Mindestens einmal im Monat begab er sich zu Petrowitsch, um sich mit ihm über den kostbaren Mantel zu unterhalten und andre wichtige Dinge mit ihm festzustellen, zum Beispiel wo er das Tuch kaufen solle, wie teuer es wohl zu stehen kommen werde und welche Farbe in Betracht käme.
Jeder dieser Besuche führte zu neuen Erwägungen; aber jedesmal kehrte er zwar etwas besorgt aber doch glücklich und zufrieden nach Hause zurück, denn nun mußte doch endlich der Tag erscheinen, an dem alles besorgt, und der Mantel fix und fertig sein würde.
Dieses große Ereignis trat viel früher, als er gehofft hatte, ein. Der Direktor bewilligte ihm eine Gratifikation nicht von vierzig oder fünfzig, sondern von fünfundsechzig Rubeln. Hatte etwa dieser brave Beamte bemerkt, daß unser Freund Akaki Akakiewitsch so dringend eines neuen Mantels bedurfte? oder verdankte unser Held diese seltene Freigebigkeit nur seinem guten Sterne?
Wie dem auch immer war, Akaki Akakiewitsch wurde um zwanzig Rubel reicher. Eine solche Vermehrung seiner Ersparnisse mußte notwendig die Verwirklichung seines Vorhabens beschleunigen.
Noch zwei oder drei Monate, während deren er hungerte, und Akaki Akakiewitsch hatte seine achtzig Rubel beisammen. Sein gewöhnlich friedliches Herz begann heftig zu schlagen. Sowie er die ungeheure Summe von achtzig Rubeln beisammen hatte, suchte er Petrowitsch auf, und alle beide begaben sich noch am selbigen Tage zusammen zu einem Tuchhändler.
Ohne Zaudern kauften sie dort eine gute Ware. Kein Wunder! Seit mehr denn einem Jahre hatten sie sich über diese Anschaffung unterhalten, über alle Einzelheiten hatten sie debattiert und Monat für Monat hatten sie die Auslagen des Kaufmanns aufs sorgfältigste studiert um sich über die Preise zu vergewissern. Dafür erklärte aber Petrowitsch auch, einen bessern Stoff würde man schwerlich finden. Als Futter nahmen sie äußerst feste Leinewand, die nach der Meinung des Schneiders besser als Seide war und überdies einen unvergleichlichen, viel schöneren Glanz hatte. Marder kauften sie nicht, da sie ihn zu teuer fanden, aber sie entschieden sich für das schönste Katzenfell, das es in dem ganzen Laden gab und das man schließlich wohl auch für Marder halten konnte.
Um dieses Kleidungsstück anzufertigen, bedurfte Petrowitsch voller vierzehn Tage; denn er machte eine zahllose Menge von Stichen, ohne die wäre er allerdings früher fertig geworden. Er berechnete seine Arbeit mit zwölf Rubeln; weniger konnte er nicht fordern: alles war mit Seide gearbeitet, und der Schneider hatte die Nähte mit den Zähnen, deren Spuren man noch sah, gebügelt. Endlich kam er an, der so innig herbeigesehnte Mantel. Es ist mir nicht möglich, genau den Tag zu beschreiben, aber sicherlich war es der feierlichste Tag in dem Leben Akakij Akakiewitschs.
Der Schneider brachte den Mantel selbst schon am frühen Morgen, bevor der Titular-Rat sich in sein Büro begab. Er hätte garnicht zu gelegenerer Zeit kommen können, denn die Kälte machte sich bereits bitter fühlbar, und drohte mit der Zeit noch weit heftiger zu werden.
Petrowitsch näherte sich seinem Kunden mit der würdevollen Miene eines weltberühmten Schneiders. Seine Physiognomie war von einem seltenen Ernst; niemals hatte der Titular-Rat ihn so gesehen. Er war von seinem Verdienst durchdrungen und bemaß in Gedanken voller Stolz den Abstand, der den Flickschneider von dem Künstler, dem Verfertiger neuer Kleidungsstücke, scheidet.
Der Mantel war in eine neue, erst kürzlich gewaschene Leinewanddecke gehüllt, die der Schneider sorgfältig aufknüpfte und dann wieder zusammenlegte, um sie seiner Tasche anzuvertrauen. Dann faßte er stolz den Mantel mit beiden Händen an und legte ihn Akakij Akakiewitsch auf die Schultern. Hierauf half er ihm vollends hinein, strich ihm mit der Hand noch einmal über den Rücken, und ein Lächeln der Genugtuung überlief seine Züge, als er ihn in seiner ganzen Länge majestätisch herabfallen sah; schließlich mußte Akakij Akakiewitsch ihn noch einmal weit aufmachen und sich dem Schneider von vorne präsentieren.
Als ein Mann reiferen Alters wollte Akakij Akakiewitsch auch die Ärmel anprobieren; Petrowitsch half ihm in die Ärmel hinein, und siehe da, sie saßen wundervoll. Kurz, der Mantel war tadellos in allen seinen Einzelheiten, und der Schnitt ließ nichts zu wünschen übrig.
Während der Schneider sein Werk betrachtete, verfehlte er nicht, darauf hinzuweisen, daß er ihn nur wegen der geringen Miete, weil er in einer kleinen Nebenstraße wohne und nichts für ein Aushängeschild zu zahlen brauche, sowie wegen seiner langjährigen Bekanntschaft mit Akakij Akakiewitsch so billig hergestellt hätte. Dann bemerkte er noch, daß ein Schneider vom Newski Prospekt allein für die Fasson eines gleichen Mantels mindestens fünfundsiebzig Rubel gefordert haben würde. Akakij Akakiewitsch wollte sich jedoch über diesen Punkt nicht erst in eine Diskussion einlassen, denn er fürchtete sich vor den horrenden Summen, mit denen Petrowitsch zu prahlen liebte. Er zahlte, dankte und verließ seine Stube, um sich in seinem neuen Mantel nach dem Büro zu begeben.
Petrowitsch ging mit ihm und machte mitten auf der Straße halt, um ihm so weit wie möglich mit den Augen zu folgen. Dann verließ er die Straße, durchquerte eiligst eine kleine Gasse und rannte nach der Straße zurück, um den Mantel noch einmal von einer andern Seite, d. h. von vorne zu betrachten.
Voll süßer Gedanken, in einer wahren Feiertagsstimmung, näherte sich Akakij seinem Büro. Jeden Augenblick fühlte er, daß von seinen Schultern ein neues Kleidungsstück herabhing und beglückte sich selbst mit einem holden Lächeln der Genugtuung.
Zwei Dinge vor allem gingen ihm durch den Kopf: zunächst, daß der Mantel warm war, sodann, daß er gut aussah. Ohne irgendwie auf den Weg, den er gegangen war, geachtet zu haben, betrat er plötzlich die Kanzlei, legte seinen Schatz im Vorzimmer ab, schaute ihn sich noch einmal sorgfältig von allen Seiten an und bat den Portier, recht sorgsam auf den Mantel zu achten.
Ich weiß nicht, wie sich das Gerücht in den Bureaus verbreitet hatte, daß Akaki Akakiewitsch sich einen neuen Mantel angeschafft, und die alte Kapuze zu existieren aufgehört habe. Jedenfalls eilten alle Kollegen Akaki Akakiewitschs herbei, um seinen herrlichen Mantel zu bewundern und den Titular-Rat mit so warmen Glückwünschen zu überhäufen, daß er nicht umhin konnte, ihnen mit einem Lächeln der Genugtuung zu antworten, das bald jedoch wieder einer gewissen Verlegenheit Platz machte.
Aber wie groß war seine Überraschung, als seine schrecklichen Kollegen ihn merken ließen, daß sein Mantel einer feierlichen Einweihung bedürfe und daß sie auf ein feines Mahl rechneten. Der arme Akaki Akakiewitsch war darüber so bestürzt, so betäubt, daß er nicht wußte, was er zu seiner Entschuldigung anführen sollte. Errötend stotterte er, das Kleidungsstück sei gar nicht so neu, wie man glauben mochte, der Mantel wäre vielmehr schon ganz alt.
Einer seiner Vorgesetzten, irgend ein Gehilfe des Bürovorstehers, der ohne Zweifel dartun wollte, daß er so gar nicht stolz auf seinen Rang und Titel war und daß er die Gesellschaft seiner Untergebenen nicht verschmähte, nahm das Wort und sagte:
„Meine Herren, anstelle von Akaki Akakiewitsch werde ich Sie bewirten. Ich lade Sie ein, diesen Abend den Tee bei mir einzunehmen, ich habe heute gerade Geburtstag!“
Alle Beamten dankten ihrem Chef für seine Güte und beeilten sich, seine Einladung mit großer Freude anzunehmen. Akaki Akakiewitsch wollte zuerst ablehnen, man hielt ihm jedoch vor, daß das sehr unhöflich von ihm wäre, gewissermaßen eine unverzeihliche Handlungsweise, und so fügte er sich denn in das Notwendige.
In Gedanken empfand er übrigens eine gewisse Freude darüber, daß er auf diese Art Gelegenheit hatte, sich in seinem Mantel auf der Straße zu zeigen. Dieser ganze Tag war für ihn ein Fest. In dieser glücklichen Stimmung trat er in seine Wohnung ein, zog seinen Mantel aus und hängte ihn, nachdem er einmal übers andre Stoff und Futter geprüft hatte, an die Wand. Dann holte er seine alte Kapuze herbei, um sie mit Petrowitschs Meisterstück zu vergleichen. Seine Blicke wanderten von einem Kleidungsstück zum andern und sanft lächelnd dachte er: „Welch ein Unterschied!“ Und noch lange nachher, beim Mittagessen konnte er sich eines Lächelns nicht erwehren, wenn er daran dachte, in was für einer Verfassung sein alter Mantel sich befand.
Ganz fröhlich nahm er diesmal seine Mahlzeit ein, und darnach setzte er sich nicht wie sonst an seine Kopieen. Nein er streckte sich wie ein rechter Sybarit auf seinem Sofa aus und erwartete das Herannahen des Abends. Dann zog er sich schnell an, nahm seinen Mantel und ging.
Es dürfte mir leider nicht möglich sein, Ihnen die Wohnung dieses Vorgesetzten anzugeben, der seine Untergebenen so freigebig eingeladen hatte. Mein Gedächtnis beginnt bereits etwas nachzulassen, und die Straßen und Häuser St. Petersburgs richten in meinem Hirn eine derartige Verwirrung an, daß ich große Mühe habe, mich nur einigermaßen zurecht zu finden. Einzig und allein daran erinnere ich mich, daß der würdige Beamte in einem der schönsten Stadtviertel wohnte, und daß infolgedessen seine Wohnung sehr weit von der Akakis entfernt war.
Zuerst durchwanderte der Titular-Rat mehrere schlechtbeleuchtete Straßen, die ganz ausgestorben schienen, aber je mehr er sich der Wohnung seines Vorgesetzten näherte, um so heller und belebter wurden die Straßen. Er begegnete einer zahllosen Menge nach der neuesten Mode gekleideter Spaziergänger, schönen eleganten Frauen und Herren, die Biberkragen trugen. Die Bauernschlitten mit ihren Holzbänken und ihren mit goldenen Nägeln geschmückten Gittern wurden immer seltener, und alle Augenblicke bemerkte er forsche Kutscher mit roten Samtmützen, die mit Bärenfellen versehene Schlitten aus lackiertem Holz und prachtvolle Karossen lenkten, oder er sah vornehme Equipagen mit eleganten Kutschböcken, die knirschend über den Schnee dahinglitten.
Das war für unsern Akaki Akakiewitsch ein gänzlich neues Schauspiel. Seit vielen Jahren war er nicht des Abends ausgegangen. So recht neugierig blieb er vor der Auslage einer Kunsthandlung stehen. Ein Gemälde zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Das war das Porträt einer Frau, die ihren Schuh ausgezogen hatte und ihren kleinen entzückenden Fuß von einem jungen Manne mit dickem Schnurrbart und langer Fliege, der durch eine halbgeöffnete Tür blickte, bewundern ließ.
Nachdem Akaki Akakiewitsch dieses Bild genug angeschaut hatte, schüttelte er den Kopf und setzte lächelnd seinen Weg fort. Warum lächelte er wohl? Etwa wegen der Fremdheit des Gegenstandes? für den er sich trotzdem gleich allen anderen Leuten ein gewisses Verständnis bewahrt hatte? Oder vielleicht deshalb, weil er wie die meisten seiner Kollegen dachte: die Franzosen haben mitunter etwas zu seltsame Einfälle; wenn sie einmal so eine Sache machen wollen, dann ist es wirklich so eine Sache. Ach, er dachte wohl an gar nichts, und im übrigen ist es sehr schwer, sich in die Seele eines andern zu versetzen und die Gedanken der Menschen zu lesen.
Endlich gelangte er vor das Haus, in dem der Gehilfe des Bureauchefs wohnte. Sein Vorgesetzter lebte wie ein Grandseigneur; auf der Treppe brannte eine Laterne, bewohnte er doch eine ganze Etage im zweiten Stock. Als unser Akaki Akakiewitsch eingetreten war, erblickte er eine lange Reihe Galoschen, dazwischen dampfte und brodelte mitten im Zimmer ein Samowar, an den Wänden hingen die Mäntel, von denen mehrere mit Samt- und mit Pelzkragen versehen waren. Aus dem Zimmer nebenan drang ein wirres Geräusch, das bestimmtere Formen annahm, als ein Diener die Tür öffnete und mit einem Tablett voll leerer Tassen, einem Topf mit Sahne und einem Korb mit Kuchen herausschritt. Die Gäste mußten bereits lange versammelt sein, und sie hatten augenscheinlich bereits ihre erste Tasse Tee geleert.
Akaki hängte seinen Mantel selbst an einen Haken und ging dann auf das hell erleuchtete Zimmer zu, in dem sich seine mit langen Pfeifen ausgerüsteten Kollegen um einen Spieltisch gruppiert hatten, sich sehr laut unterhielten und ihm Stühle hin und her schoben.
Er trat ein, blieb jedoch verlegen auf der Türschwelle stehen, da er nicht wußte, was er tun sollte. Aber seine Kollegen hatten ihn schon bemerkt, begrüßten ihn mit großem Hallo und eilten sofort in das Vorzimmer, um seinen Mantel zu bewundern. Dieser Ansturm raubte unserem braven Titular-Rat seine ganze Haltung. Da er aber ein schlichter und treuherziger Mann war, freute er sich dennoch ganz aufrichtig über die Glückwünsche, die man ihm zu seinem kostbaren Kleidungsstücke darbrachte. Bald darauf gaben seine Kollegen ihm nun die Freiheit wieder und gingen an ihre Whisttische zurück. Diese Bewegung, diese Erregung, die lebhafte Konversation, die vielen Menschen ... das alles verwirrte unseren schüchternen Akaki Akakiewitsch im höchsten Grade. Er wußte nicht, wo er seine Hände und Füße hintun, wie er sie verbergen sollte; schließlich setzte er sich zu den Spielern, sah bald auf ihre Karten, bald auf ihre Gesichter, nach kurzer Zeit fing er jedoch zu gähnen und sich zu langweilen an, denn er empfand, daß die Stunde bereits längst verstrichen war, um die er sich zur Ruhe zu begeben pflegte. Er wollte sich zurückziehen, doch hielt man ihn zurück, indem man ihm klarmachte, er dürfe sich unmöglich entfernen, ohne ein Glas Champagner zur Feier dieses denkwürdigen Tages getrunken zu haben.
Nach einer Stunde trug man das Abendessen auf, das aus Heringsalat, kaltem Kalbsbraten, Kuchen, Pasteten und gemischtem Backwerk bestand; zu jedem Gang gab es den sogenannten Champagner. Akaki Akakiewitsch sah sich genötigt, zwei große Gläser von diesem prickelnden Getränk zu leeren, und nach kurzer Zeit bereits begann alles um ihn herum ein heiteres Ansehen anzunehmen. Indes vergaß er nicht, daß Mitternacht vorüber und daß es längst Zeit zum Nachhausegehen war.
In der Furcht, noch länger zurückgehalten zu werden, schlich er sich insgeheim ins Vorzimmer, wo er den Schmerz erlebte, seinen Mantel auf dem Boden erblicken zu müssen. Er schüttelte ihn mit größter Sorgfalt, entfernte jedes kleine Federchen, zog ihn an und ging die Treppe hinunter.
Die Straßen waren noch beleuchtet. Die kleinen von den Dienstboten und dem niederen Volke besuchten Läden waren noch geöffnet; einige waren zwar schon verschlossen, doch konnte man an dem Lichtschein, der aus den Türspalten fiel, unschwer erkennen, daß die Gäste noch nicht gegangen waren. Wahrscheinlich saßen die Knechte und Mägde noch immer in lebhaftem Gespräche beisammen, in dem sie ihre Herren in vollkommener Unklarheit über ihren Aufenthaltsort ließen.
Überaus froh und etwas bezecht schlug Akaki Akakiewitsch den Weg nach seiner Wohnung ein. Er lief sogar, ohne zu wissen warum, einer Dame nach, die wie ein Blitz an ihm vorbeihuschte, und deren sämtliche Körperteile sich in lebhafter Bewegung befanden. Aber er besann sich bald wieder, blieb einen Augenblick stehen und setzte dann seinen Weg langsam weiter fort, höchst verwundert über das lebhafte Tempo, das er angeschlagen hatte. Bald gelangte er wieder in dunkele und unbelebte Gassen und plötzlich merkte er, daß er sich in einer jener Straßen befand, die sich des Tags und noch mehr in der Nacht durch ihre Ruhe auszeichneten. Heute aber erschien sie noch einsamer und schauerlicher. Alles um ihn hatte ein finsteres Aussehen. Die Laternen wurden immer seltener, da die Stadtverwaltung offenbar nur wenig Öl für die Beleuchtung dieses Viertels bewilligte ... Holzhäuser, Palisadenzäune — aber nirgends eine lebende Seele. Bei dem fahlen Schein dieser Laternen glänzte der Schnee, und all die kleinen Häuser mit ihren verschlossenen Läden lagen in der Dunkelheit gar trübselig da. Er gelangte an eine Stelle, wo die Straße in einen riesigen, mit Häusern bebauten Platz mündete, die von der anderen Seite aus kaum zu sehen waren. Es schien fast, als befände man sich in einer weiten und trostlosen Wüste.
In der Ferne, Gott weiß wo, schimmerte ein Licht von einem Schilderhause her, das ihm am Ende der Welt zu stehen schien. Mit einem Male verlor Akaki Akakiewitsch seine fröhliche Stimmung. Er ging mit starkem Herzklopfen auf das Licht zu, er ahnte eine drohende Gefahr. Der vor ihm liegende Raum erschien ihm größer als der Ozean.
„Nein,“ sagte er, „ich will lieber garnicht hinsehen!“
Und er ging weiter, indem er die Augen beständig zumachte. Als er sie öffnete, sah er sich plötzlich von mehreren bärtigen Männern umgeben, deren Gesichter er nicht erkennen konnte. Es wurde ihm dunkel vor den Augen, sein Herz krampfte sich zusammen.
„Dieser Mantel gehört mir,“ schrie einer der Männer, indem er Akaki Akakiewitsch an dem Kragen faßte.
Akaki Akakiewitsch wollte um Hilfe rufen. Einer der Angreifer schloß ihm indessen mit seiner Faust, die die Größe eines Beamtenkopfes hatte, den Mund und sagte zu ihm:
„Laß dir’s nur nicht einfallen, zu schreien!“ Im selben Augenblick fühlte der Titular-Rat, wie man ihm seinen Mantel auszog, und fast gleichzeitig ließ ihn ein Fußtritt in den Schnee rollen, in dem er bewußtlos liegen blieb.
Einige Sekunden später kam er wieder zu sich; aber er vermochte niemand mehr zu erblicken. Seiner Kleidung beraubt und ganz erfroren begann er aus Leibeskräften zu schreien, aber seine Rufe konnten kaum bis zum anderen Ende des Platzes dringen. Ganz außer sich lief er über den Platz und stürzte mit der letzten Kraft der Verzweiflung auf das Schilderhäuschen zu, wo die Wache, Gewehr bei Fuß, ihn neugierig betrachtete und fragte, weshalb zum Teufel er denn einen solchen Lärm vollführe und wie ein Verrückter liefe.
Als Akaki Akakiewitsch den Soldaten erreicht hatte, beschuldigte er ihn mit bebender Stimme der Trunkenheit, weil er nicht bemerkt hatte, daß man in nächster Nähe von ihm die Passanten bestehle und ausplündere.
„Ich habe nichts gesehen,“ erwiderte der Mann, „ich sah Sie nur mitten auf dem Platze zusammen mit zwei Individuen. Ich glaubte, es wären Ihre Freunde. Es ist unnütz, sich deshalb aufzuregen. Suchen Sie morgen den Polizei-Inspektor auf, er wird die Angelegenheit in die Hand nehmen, nach den Dieben des Mantels forschen lassen und eine Untersuchung einleiten.“
Der unglückliche Akaki Akakiewitsch kam in einem fürchterlichen Zustande zu Hause an: die wenigen Haare, die er noch am Hinterkopf und an der Schläfe hatte, hingen ihm wirr über die Stirn; Brust, Rücken und Beinkleider waren voller Schnee. Als seine alte Wirtin ihn wie einen Besessenen an die Tür klopfen hörte, stand sie schnell auf und kam auf nackten, nur in Pantoffeln steckenden Füßen herbeigeeilt. Sie öffnete die Türe, indem sie ihre nur mit einem Hemde bekleidete Brust mit der einen Hand schamhaft zudeckte. Aber bei Akaki Akakiewitschs Anblick prallte sie entsetzt zurück.
Als er ihr erzählte, was ihm zugestoßen war, rang sie die Hände und rief:
„Sie müssen sich nicht an den Polizei-Inspektor wenden, sondern an den Bezirks-Kommissar. Der Inspektor wird Sie mit schönen Worten abspeisen und doch nichts für Sie tun. Aber den Bezirks-Kommissar kenne ich schon lange. Meine alte Köchin Anna, eine Finnländerin, dient jetzt bei ihm als Amme, und ich sehe sie oft unter unseren Fenstern vorbeikommen. Er geht jeden Sonntag in die Kirche, um zu beten, und wirft allen Leuten freundliche Blicke zu, man sieht es ihm gleich an, daß er ein braver Mann ist.“
Nach dieser beruhigenden Empfehlung zog sich Akaki traurig in sein Zimmer zurück. Wer sich nur einigermaßen in die Situation eines andern hinein versetzen kann, wird begreifen, wie er die Nacht verbrachte.
Am andern Morgen begab er sich sofort zum Bezirks-Kommissar. Man bedeutete ihm, daß dieser hohe Beamte noch schlief. Um zehn Uhr kam er wieder. Der hohe Beamte schlief noch. Um elf Uhr war der Kommissar ausgegangen. Der Titular-Rat stellte sich noch einmal um die Essenszeit ein, aber die Schreiber wollten ihn durchaus nicht vorlassen und fragten ihn, was er wolle und warum er es denn so eilig habe, ihren Chef zu sprechen. Zum erstenmal in seinem Leben machte Akaki Akakiewitsch einen Energieversuch. Er erklärte kategorisch, daß er unbedingt und zwar auf der Stelle mit dem Kommissar reden müsse, er komme aus dem Departement, daher dürfe man ihn keinesfalls abweisen, denn es handle sich um eine äußerst wichtige Staatsangelegenheit, und sollte es etwa jemand einfallen, ihn zu behindern, so würde er sich beschweren, und dies könnte ihnen teuer zu stehen kommen.
Auf solchen Ton konnte man nichts weiter erwidern. Einer der Schreiber ging hinaus, um den Chef herbeizuzitieren. Dieser gewährte nun Akaki Akakiewitsch eine Audienz, hörte sich jedoch seine Erzählung über den Raub seines Mantels in einer recht merkwürdigen Weise an. Anstatt sich für den Hauptpunkt, nämlich den Diebstahl, zu interessieren, fragte er den Titular-Rat, wie er denn dazu gekommen wäre, zu so ungewöhnlicher Stunde nach Hause zu gehen, und ob er nicht etwa in einem verdächtigen Hause gewesen sei.
Völlig verblüfft durch diese Frage fand der Titular-Rat keine Antwort und zog sich zurück, ohne genau zu wissen, ob man sich überhaupt mit seiner Angelegenheit beschäftigen würde oder nicht.
Er war den ganzen Tag über nicht in seinem Bureau gewesen: (ein unerhörtes Ereignis in seinem Leben). Am folgenden Tage erschien er wieder, aber in welchem Zustand! bleich, aufgeregt, mit seinem alten Mantel, der nun noch jämmerlicher aussah als ehedem. Als seine Kollegen erfuhren, welches Unglück ihn betroffen hatte, fanden sich noch immer einige Rohlinge, die aus vollem Halse darüber lachen zu müssen glaubten; die Mehrzahl indessen empfand aufrichtiges Mitleid mit ihm und veranstaltete zu seinen Gunsten eine Subskription. Unglücklicherweise hatte dieses löbliche Unternehmen nur ein völlig ungenügendes Resultat, weil diese selben Beamten und Vorgesetzten bereits kurz vorher zu zwei Subskriptionen beigesteuert hatten: zunächst mußten sie sich ein Porträt ihres Direktors anfertigen lassen, sodann handelte es sich um das Abonnement auf ein Werk, das ein Freund ihres Chefs soeben hatte erscheinen lassen. Das war der Grund, weswegen nur eine ganz unbedeutende Summe zusammenkam.
Einer von ihnen, der Akaki Akakiewitsch ehrliche Teilnahme entgegenbrachte, wollte ihm wenigstens aus Mangel an Besserem einen guten Rat geben. Er sagte ihm, daß es verlorene Mühe wäre, sich noch einmal an den Bezirkskommissar zu wenden, denn vorausgesetzt, daß dieser Beamte sich wirklich Mühe geben sollte, um sich das Lob seiner Vorgesetzten zu verdienen, und daß es ihm in der Tat glücken sollte, seinen Mantel aufzufinden, so würde die Polizei dieses Kleidungsstück so lange in Verwahrung behalten, bis sich der Titular-Rat nicht unumstößlich sicher als der alleinige und wahre Besitzer des Mantels legitimiert habe. Er ermahnte ihn also, sich an eine gewisse, hochgestellte Persönlichkeit zu wenden, welche hochstehende Persönlichkeit dank ihrer guten Beziehungen zu den Behörden die Sache ohne große Schwierigkeit erledigen könne.
In seiner Verwirrung entschloß sich Akaki, dieser Ansicht Folge zu leisten. Welche Stellung in der Beamtenskala diese hohe Persönlichkeit eigentlich bekleidete, wie hoch denn ihr Rang in Wirklichkeit war, hätte man nicht sagen können. Man wußte einzig und allein, daß diese hohe Persönlichkeit erst seit kurzer Zeit in ihrem Amte säße, bis dahin war sie nämlich eine ganz unbedeutende Persönlichkeit gewesen. Allerdings gab es andre noch höher gestellte Persönlichkeiten, aber bekanntlich finden sich ja immer Leute, in deren Augen eine Persönlichkeit, die andre Menschen für unbedeutend halten, eine sehr hohe und bedeutende Persönlichkeit ist. Genug, der in Frage stehende Beamte setzte alle möglichen Hebel in Bewegung, um noch höher zu steigen. So zwang er alle andern Beamten, die unter ihm standen, am Fuße der Treppe auf ihn zu warten, bis er erschien, und niemand konnte direkt zu ihm gelangen, sondern dies alles mußte auf dem strengsten Ordnungswege geschehen. Der Kollegien-Sekretär teilte einem Regierungs-Sekretär das Audienzgesuch mit, der es seinerseits an einen Titular-Rat oder einen noch höheren Beamten weitergab, und dieser stattete endlich der hohen Persönlichkeit darüber Bericht ab.
Das ist der gewöhnliche Gang der Geschäfte in unserem heiligen Rußland. Der Wunsch, es den hohen Beamten gleich zu tun, bewirkt, daß jeder die Manieren seines Vorgesetzten nachäfft. Vor noch nicht allzu langer Zeit ließ ein erst eben zum Chef eines kleinen Bureaus beförderter Titular-Rat über einem seiner Zimmer die Aufschrift „Beratungssaal“ anbringen. An der Tür standen Diener mit roten Kragen und gestickten Röcken, um die Bittsteller anzumelden und einzulassen, die sie in einen äußerst kleinen, kaum einem gewöhnlichen Schreibtisch Platz bietenden „Saal“ hineinführten.
Aber kehren wir zu unserer hohen Persönlichkeit, zu unserem Beamten, zurück. Er hatte eine imponierende majestätische Haltung, wenngleich sein Benehmen und seine Gewohnheiten recht primitiv waren; sein System faßte sich in einem einzigen Wort zusammen, und dieses hieß: Strenge, Strenge, Strenge. Er pflegte dieses Wort dreimal zu wiederholen, und beim letztenmal sah er den, mit dem er gerade zu tun hatte, bedeutungsvoll an. Er hätte gut darauf verzichten können, soviel Energie zu entfalten, denn seine zehn Untergebenen, die den ganzen Regierungsmechanismus seiner Kanzelei bildeten, fürchteten ihn schon ohnehin genug. Wenn sie ihn nur von weitem sahen, legten sie eiligst ihren Federhalter hin und stürzten herbei, um bei seinem Vorübergang Spalier zu bilden. In seinen Gesprächen mit seinen Untergebenen beobachtete er immer eine strenge Haltung und sprach stets nur folgende Worte:
„Was erlauben Sie sich? Wissen Sie auch, mit wem Sie sprechen? Vergessen Sie nicht, wen Sie vor sich haben!“
Im übrigen war er ein braver Mann und liebenswürdig und gefällig gegen seine Freunde. Nur sein Generalsrang hatte ihm den Kopf verdreht. Seit dem Tage, an dem er ihn erhalten hatte, verbrachte er den größten Teil seiner Zeit in einer Art Schwindel und wußte kaum noch, wie er sich benehmen sollte, doch wurde er wieder im Verkehr mit seinesgleichen menschlich und vernünftig. Dann benahm er sich wie ein anständiger und in mancher Beziehung sogar wie ein recht gescheiter Mensch. Befand er sich jedoch mit einem Untergebenen zusammen, dann war der Teufel los — dann beschränkte er sich auf ein strenges Schweigen, und in dieser Situation war er wirklich zu bedauern, um so mehr, als er selbst empfand, wie viel angenehmer er seine Zeit hätte verbringen können.
Allen, die ihn in solcher Stimmung beobachteten, konnte es nicht entgehen, daß er vor Verlangen brannte, sich in eine interessante Konversation zu mischen, aber die Furcht, unklugerweise zu zuvorkommend zu erscheinen, sich etwas zu vergeben, sich zu familiär zu zeigen, hielt ihn davon zurück. Um sich Gefahren dieser Art zu entziehen, beobachtete er eine außerordentliche Reserve und sprach nur von Zeit zu Zeit irgend ein einsilbiges Wort. Kurz, er hatte sein System so auf die Spitze getrieben, daß man ihn einen langweiligen Peter nannte, und dieser Titel war wohl verdient.
Das war die hohe Persönlichkeit, die Akaki Akakiewitsch um Hilfe und Schutz angehen mußte. Der Augenblick, den er wählte, um seine Absicht auszuführen, schien äußerst ungünstig, besonders für Akaki Akakiewitsch, dagegen um so günstiger, um der Eitelkeit des Generals zu schmeicheln.
Die hohe Persönlichkeit befand sich gerade in ihrem Arbeitszimmer und plauderte angeregt mit einem alten Jugendfreunde, der vor kurzem angekommen war und den sie seit Jahren nicht mehr gesehen hatte, als man ihr meldete, daß ein Herr Baschmakschin um die Ehre einer Audienz bei Seiner Exzellenz nachsuchte.
„Wer ist das?“ fragte er kurz und sehr erstaunt.
„Ein Beamter!“
„Warten lassen. Beschäftigt. Ich habe keine Zeit, ihn zu empfangen.“
Die hohe Persönlichkeit schwindelte. Nichts hinderte sie daran, die gewünschte Audienz zu gewähren. Beide Freunde hatten schon alles durchgesprochen. Schon mehr als einmal war ihre Unterhaltung von langen Pausen unterbrochen worden, nach deren Beendigung sie sich beide freundschaftlich auf die Knie klopften:
„So geh, lieber Iwan Abramowitsch!“
„Ja, ja, Stephan Warlamowitsch!“
Aber der Direktor wollte den Bittsteller nicht gleich empfangen, um seinen Freund seine ganze Bedeutung empfinden zu lassen, dieser hatte nämlich den Dienst quittiert und wohnte jetzt auf dem Lande; daher wollte ihm der Direktor deutlich demonstrieren, daß die Beamten sich so lange im Vorzimmer zu gedulden hätten, bis es ihm gefiele, sie zu empfangen.
Endlich — nach mehreren Zwiegesprächen und einigen neuen Pausen, währenddessen die beiden Freunde in ihren bequemen Lehnsesseln liegend, den Rauch ihrer Zigarren zur Decke sandten, schien sich der General-Direktor plötzlich daran zu erinnern, daß man ihn um eine Audienz gebeten hätte. Er rief seinen Sekretär, der mit verschiedenen Akten an der Tür stand, und sagte: „Ich glaube es wartet da irgend ein Beamter auf mich. Lassen Sie ihn herein!“
Als er Akaki Akakiewitschs ansichtig wurde, der sich ihm mit untertäniger Miene in seiner alten Uniform näherte, wandte er sich schroff zu ihm und fuhr ihn in jenem strengen und rauhen Tone an, den er sich, wenn er in seinem Zimmer allein war, vor dem Spiegel einstudiert hatte, noch eine ganze Woche bevor er seinen neuen Posten einnehmen und sich General nennen durfte.
„Was wollen Sie?“
Der schon ganz eingeschüchterte Akaki Akakiewitsch war wie niedergeschmettert von dieser schroffen Anrede. Indes versuchte er es sich so gut er konnte verständlich zu machen und zu erzählen, wie man ihn in unmenschlicher Weise seines neuen Mantels beraubt hatte, nicht ohne seinen Bericht mit einer Menge überflüssiger Flickworte zu verbrämen. Er fügte hinzu, er habe sich an Seine Exzellenz gewandt in der Hoffnung, daß er dank dieser hohen und gütigen Protektion bei dem Polizei-Präsidenten oder bei andern hohen Behörden wieder in den Besitz seines Kleidungsstückes gelangen könne.
Der General-Direktor fand aus irgend einem Grunde, daß dies Benehmen viel zu familiär sei und herrschte ihn daher kurz an: „Wie Herr! Sie wissen nicht, was Sie in so einem Falle zu tun haben? Was fällt Ihnen ein? Sie kennen wohl den Instanzenweg nicht? Sie hätten eine Bittschrift einreichen sollen, die in die Hände des Bureauchefs und aus ihnen in die des Abteilungsvorstandes gelangt wäre; dieser hätte sie meinem Sekretär überreicht, durch den sie mir hätte zugestellt werden müssen.“
„Gestatten Sie mir,“ unterbrach ihn Akaki Akakiewitsch mit großer Anstrengung, um den kargen Rest von Geistesgegenwart, der ihm geblieben war, zusammenzunehmen. Fühlte er doch, daß er schon vor Schrecken und Erregung schwitzte. „Gestatten Sie mir, Eure Exzellenz, Ihnen zu bemerken, daß, wenn ich mir die Freiheit genommen habe, Sie mit dieser Angelegenheit zu belästigen, die Sekretäre ... die Sekretäre sind Leute, von denen man nichts zu erwarten hat.“
„Wie? Was? Wahrhaftig!“ schrie ihn der General-Direktor an. „Sie wagen es, hier eine solche Sprache zu führen? Wie sind Sie denn zu solchen Ansichten gelangt? Es ist eine Schmach, zu sehen, wie sich junge Leute derartig gegen ihre Vorgesetzten empören!“
In seinem Ungestüm sah wohl der General-Direktor garnicht, daß der Titular-Rat bereits die Fünfzig überschritten hatte und daß die Bezeichnung: junger Mann nur noch relativ auf ihn angewendet werden konnte: im Vergleich mit einem Siebzigjährigen nämlich!
„Wissen Sie auch,“ fuhr die hohe Persönlichkeit fort, „mit wem Sie sprechen? Erinnern Sie sich, vor wem Sie stehen? Erinnern Sie sich daran! Ich sage: erinnern Sie sich daran!“
Diese Worte begleitete er mit heftigem Fußstampfen, und seine Stimme nahm eine solche Schärfe, einen so furchterregenden Umfang an, daß auch ein anderer erschrocken zusammengefahren wäre.
Akaki war völlig gelähmt; er zitterte, seufzte, konnte sich kaum aufrecht halten und wäre ohne das Zuhilfekommen des Bureaudieners unfehlbar zu Boden gesunken. Man führte, oder vielmehr man schleppte ihn fast ohnmächtig hinaus.
Der General-Direktor war über die Wirkung seiner Worte ganz erstaunt; sie überstieg seine Erwartung, und voller Genugtuung darüber, daß sein herrischer Ton auf einen Greis einen solchen Eindruck gemacht hatte, daß dieser arme Mann sein Bewußtsein verlor, warf er einen flüchtigen Blick auf seinen Freund, um zu sehen, wie er diesen Ausgang aufgenommen hatte. Wie grenzenlos wurde da seine Zufriedenheit mit sich selbst, als er sogar bei seinem Freunde, der unschlüssig dasaß und ihn mit einem gewissen Schrecken ansah, einen tiefen Eindruck feststellte!
Wie Akaki Akakiewitsch die Treppe hinunter gelangte und wie er die Straßen durchwanderte, darüber hätte er selbst niemals Rechenschaft geben können; denn er war mehr tot als lebendig. In seinem ganzen Leben war er noch nicht von einem General-Direktor, und noch dazu von einem so strengen General-Direktor, so heftig gescholten worden.
In dem heulenden Schneesturm, der draußen tobte, wanderte er mit offenem Munde dahin, ohne dieses abscheuliche Wetter überhaupt zu bemerken, und ohne auf dem Trottoir vor dem Schneegestöber Schutz zu suchen. Der Wind, der nach Petersburger Sitte aus allen vier Himmelsrichtungen blies, verursachte ihm eine Halsentzündung. Nach Hause zurückgekehrt, war er außerstande, ein Wort zu sprechen. Sein ganzer Körper war geschwollen, und daher legte sich Akaki Akakiewitsch zu Bett. So groß ist mitunter die Wirkung einer gründlichen Moralpauke!
Am folgenden Tage fieberte Akaki heftig. Dank der großmütigen Hilfe des St. Petersburger Klimas machte seine Krankheit in kurzer Zeit beunruhigende Fortschritte. Als der Arzt sich einstellte, war all seine Kunst bereits nutzlos. Der Doktor fühlte ihm den Puls, aber er konnte nichts mehr ausrichten, so verschrieb er ihm denn ein Rezept, um ihn doch nicht ohne die Segnungen der medizinischen Wissenschaft sterben zu lassen, und erklärte, daß der Kranke nur noch zwei Tage zu leben hätte.
Dann wandte er sich an Akakis Wirtin und sagte: „Sie haben keine Zeit mehr zu verlieren; lassen Sie ihm doch gleich einen Sarg aus Fichtenholz machen, denn ein eichner wäre für diesen armen Mann wohl zu teuer.“
Hörte Akaki Akakiewitsch diese verhängnisvollen Worte? Waren sie es, die eine so erschütternde Wirkung auf ihn ausübten? Beklagte er sich ganz leise über sein trauriges Schicksal? Niemand hätte es sagen können, redete er doch bereits im Delirium. Seltsame Visionen jagten unaufhörlich durch sein geschwächtes Hirn. Bald sah er sich Petrowitsch gegenüber, den er beauftragte, ihm einen Mantel anzufertigen, bald sah er Fußangeln für die Diebe, die er beständig unter seinem Bett zu entdecken glaubte. Bald hatten sie sich unter seiner Decke verkrochen, und er flehte seine Wirtin an, sie fortzujagen. Bald fragte er, warum die alte Kapuze noch an der Wand hänge, wo er doch einen neuen Mantel habe, bald sah er sich vor dem General-Direktor, der ihn wieder mit Vorwürfen überhäufte, so daß er seine Exzellenz um Gnade bat. Bald verwirrte er sich in so seltsame und schreckliche Flüche und Reden, daß die erschreckte alte Frau sich bekreuzigte. Niemals in ihrem Leben hatte sie derartige Dinge von ihm gehört, und die zornigen Worte des Kranken ließen sie um so mehr außer sich geraten, als der Titel einer Exzellenz jeden Augenblick wiederkehrte. Bald murmelte er von neuem sinnlose Sätze ohne Zusammenhang, die sich aber immer um denselben Punkt drehten: um den Mantel.
Endlich hauchte der arme Akaki Akakiewitsch seinen letzten Seufzer aus. Man legte weder auf sein Zimmer noch auf seinen Schrank Siegel — und zwar aus dem einfachen Grunde, weil er keinen Erben hatte und nur ein Päckchen Gänsefedern, ein Heft mit weißem Aktenpapier, drei Paar Strümpfe, einige Hosenknöpfe und seinen alten Mantel hinterließ. Wem fielen diese Reliquien zu? Das weiß Gott allein! Der Verfasser dieser Erzählung muß gestehen, daß er es unterlassen hat, sich genauer darüber zu informieren.
Akaki Akakiewitsch wurde in ein Leichentuch gehüllt und nach dem Kirchhof gebracht, auf dem man ihn beisetzte. Die große Stadt Petersburg fuhr in ihrem gewöhnlichen Leben fort, wie wenn der Titularrat niemals existiert hätte.
So schwand ein menschliches Wesen dahin, das weder einen Beschützer, noch einen Freund gehabt, das nie jemand ein wahrhaft herzliches Interesse eingeflößt, das nicht einmal die Neugier der sonst doch so forschungswütigen Männer erregt hatte, jener Schnüffler, die es doch sonst nicht verschmähen, eine gewöhnliche Fliege zum Zwecke einer mikroskopischen Untersuchung auf die Nadel zu spießen. Ohne ein einziges Wort der Klage hatte dieses Wesen die Mißachtung und den Spott seiner Kollegen ertragen. Ohne daß es je ein außerordentliches Erlebnis gehabt hätte, war es seinen Weg zum Grabe dahingewandert, und als ihm am Ende seiner Tage ein Lichtblick in Form eines Mantels sein elendes Dasein belebt hatte, mußte das Schicksal es niederwerfen, ganz so, wie es auch die Großen dieser Welt niederzuwerfen pflegt! ....
Einige Tage nach seinem Tode ließ ihm sein Chef durch einen Boten mitteilen, daß er sich sofort auf seinen Posten zu begeben habe. Der Bureaudiener kam jedoch mit der Nachricht zurück, daß der Titular-Rat nicht mehr kommen könne.
„Und weshalb nicht?“ fragten die Beamten.
„Weil er bereits tot und vor vier Tagen begraben worden ist!“
So erfuhren Akaki Akakiewitschs Kollegen seinen Tod.
Am Tage darauf nahm seinen Platz ein anderer Beamter ein, der viel robuster und gröber war und der sich nicht die Mühe nahm, beim Kopieren der Akten die Buchstaben so aufrecht hinzumalen, sondern der eine viel schrägere Schrift hatte.
Es könnte scheinen, als müsse Akaki Akakiewitschs Geschichte hier endigen, und als hätten wir nichts mehr über ihn mitzuteilen. Allein der bescheidene Titular-Rat war dazu bestimmt, nach seinem Tode noch manchen Tag von sich reden zu machen: wie zur Belohnung für sein bescheidenes von niemandem beachtetes Dasein, und unsere Erzählung nimmt hier ganz unerwarteter Weise eine recht phantastische Wendung.
Eines Tages verbreitete sich in St. Petersburg das Gerücht, daß in der Nähe der Katharinenbrücke Nacht für Nacht ein Gespenst in der Uniform eines Kanzleibeamten erscheine, einen gestohlenen Mantel suche und allen Passanten, ohne sich im mindesten um deren Titel oder Rang zu kümmern, ihre wattierten, mit Katzen-, Otter-, Bären-, Biberfell gefütterten Mäntel, kurz alle solche, die die Menschen erfunden haben, um ihr eigenes Fell gegen die Kälte zu schützen, abnehme. Ein dermaliger Kollege des Titular-Rates hatte dieses Gespenst gesehen und in ihm sofort Akaki Akakiewitsch erkannt. Er war, tödlich erschrocken, so schnell er konnte, davongelaufen, und so war es ihm gelungen, zu entkommen, aber — obwohl er schon fern war — hatte er es doch mit der Faust drohen sehen. Überall erfuhr man, daß die Rücken und die Schultern von Räten, — nicht nur von Titular-Räten, — sondern auch von Staatsräten infolge dieses unqualifizierbaren Raubes ihrer schönen warmen Kleidung den heftigsten Erkältungen ausgesetzt waren.
Die Polizei traf natürlich alle möglichen Maßregeln, um dieses Gespenst — tot oder lebend — zu ergreifen und an ihm eine exemplarische Strafe zu vollziehen; und das wäre ihr auch beinahe gelungen.
Eines Abends hatte ein Posten in der Kirjuschkingasse das Glück, das Gespenst gerade in dem Momente am Kragen zu packen, wo es einem alten Musiker, der vormals die Flöte gespielt hatte, seinen Friesmantel fortnehmen wollte. Die Wache rief zwei Kameraden zu Hilfe und vertraute ihnen den Gefangenen an, während sie mit der Hand in ihren Stiefel langte, um ihre Tabaksdose zu suchen, und ihre schon zum sechsten Male erfrorene Nase wieder etwas zu beleben. Aber der Tabak war wohl von solcher Art, daß selbst ein Toter ihn nicht gut vertragen konnte. Kaum hatte der Posten seinem linken Nasenloche einige Körnchen anvertraut, während er das rechte zuhielt, als der Gefangene so gewaltig zu niesen begann, daß die drei Soldaten fühlten, wie ein Nebel ihre Augen verhüllte. Während sie sich die Lider rieben, verschwand das Gespenst spurlos, so daß sie nicht recht wußten, ob sie es auch wirklich in ihren Händen gehalten hatten. Von diesem Tage an hatten alle Wachen eine so große Furcht vor Gespenstern, daß sie nicht einmal einen lebendigen Menschen mehr zu verhaften wagten und sich darauf beschränkten, ihm von ferne zuzurufen:
„Geht weiter! Geht weiter!“
Das Phantom fuhr fort, in der Nähe der Kalinkinbrücke umzugehen, und verbreitete in dem ganzen Viertel einen gewaltigen Schrecken unter allen ängstlichen Leuten.
Kehren wir jedoch zu der hohen Persönlichkeit, der ursprünglichen Veranlassung unserer phantastischen, aber durchaus wahren Geschichte, zurück. Der Wahrheit gemäß müssen wir zugeben, daß die hohe Persönlichkeit, bald nachdem sich der arme von ihr so schlecht behandelte Akaki Akakiewitsch entfernt hatte, etwas wie Mitleid mit ihm empfand. Ein gewisses Gefühl der Teilnahme war dem Herzen des hohen Herrn durchaus nicht fremd; er selbst hatte manch edle Regung, — sein einziger Fehler bestand darin, sie infolge des maßlosen Stolzes auf seinen Titel zu unterdrücken. Als sein Freund gegangen war, hatte er sich aufs teilnahmsvollste mit diesem unglücklichen bleichen Titular-Rat beschäftigt, den er immer in seiner Verstörtheit vor sich sah, sich krümmend unter den grausamen Vorwürfen, die er ihm gemacht hatte. Diese Vision beunruhigte ihn derartig, daß er eines Tages einem seiner Beamten den Auftrag gab, sich über Akaki Akakiewitschs Schicksal zu unterrichten und festzustellen, ob man noch etwas für ihn tun könne.