Ueber die
Oertlichkeiten von New-York, Volks-Charakter, Abreise

und
Ankunft in Hamburg.

Ueberdrüßig des Treibens in Wall-Street und der Jobbers in den verschiedenen mit englischen Baumwollen-Lappen überfüllten Straßen, freute ich mich doch herzlich, daß ich während meiner ununterbrochenen Wanderung wie natürlich auf keinen einzigen Geld-Aristokraten gestoßen war — eine Race, die ich hasse, und welcher ich, gleich Nero, nur Einen Kopf und Hals wünschen möchte, um sie mit Einem Streiche auszurotten. In munterer Gemüthsstimmung beschloß ich, mich um andere fröhlichere Dinge zu bekümmern; der Leser hat also von jetzt an keine trockene kaufmännische Kost mehr zu fürchten.

In einem Journal hatte ich den Tag zuvor gelesen, daß eine Ehebruchs-Sache am Kriminalgerichts-Hofe verhandelt werden solle; dorthin, dachte ich, mußt Du gehen, um Dich von der amerikanischen Justiz zu unterrichten. Indem ich die Straße entlang schlendere, ohne Bescheid zu wissen, und mich eben zurecht weisen lassen will, finde ich in Middle-Street, an einem sehr schmalen Hause, die Firmen von 10–11 Advokaten. Wo die Raben sich aufhalten, da müssen todte Körper oder wenn es auch nur ein corpus delicti ist — in der Nähe sich befinden, der Gerichtshof kann nicht entfernt mehr sein. Ohne zu fragen ging ich daher die Straße hinauf und plötzlich stand ich vor einem neuen, mit egyptischen Säulen verzierten Gebäude; ich trat hinein und erfuhr sogleich, daß ich am gewünschten Orte war, daß jedoch die Verhandlung ausgesetzt sei, weil der Ehebrecher, ein im Schneiderlande Geborner, gegen 30,000 Piaster (Bail) der Haft entlassen wäre und die Sache wahrscheinlich auf dem Wege des Vergleichs abgemacht werden würde. (Werden die 30,000 Piaster hierzu hinreichen?)

Wozu wäre dieser prächtige Gerichtshof, dachte ich, erbaut, oder wozu gäbe es Kriminal-Richter, wenn es keine Verbrecher gäbe; zudem kann ich Liebe, besonders in den V. S., nicht für ein Verbrechen halten, also, meinte ich, müssen außer dieser Schneider-Liebe noch andere Dinge hier zum Vorschein kommen. In der Ueberzeugung, daß ich keinen Ausländer hier antreffen würde, da die europäischen Ausreißer lauter ehrliche Leute sein wollen, betrat ich das Innere des Hofes, dessen innere Verzierung der äußeren nichts nachgab. Da saß der Richter (Recorder) zwischen zwei Magistrats-Personen und ich drang so weit wie möglich zu ihm heran, um die Neuigkeiten brühwarm aus der ersten Hand zu erhalten. Es wurden während meiner Anwesenheit etwa 6 Verbrecher abgefertigt, die Alle ihre Unschuld betheuerten und ich, der ich mich zu den ersten Physiognomen nicht zähle, wollte sie schon für unschuldig passiren lassen, allein der Recorder war anderer Meinung, da er sie alle zu 6–12 monatlicher, harter Arbeit verurtheilte. Bei keiner von allen Verhandlungen wurde geschrieben, vermuthlich, weil das Papier in New-York zu bessern Zwecken (zu Banknoten) verbraucht wird.

Den Rückweg machte ich durch Chatham, in der Hoffnung, vieles Neue dort aufzufinden, um versprochener Weise darüber zu berichten, allein ich fand Nichts von Erheblichkeit. Die noblen Ostpreußen, Polen, Franzosen u. s. w., bewegten sich in ihrer gewöhnlichen Weise. Es wurden viele Auctionen im Beisein von wenigen Käufern abgehalten; Alle waren lüstern nach meinem Leibrock, Jeder wollte ihn kaufen. Da jedoch dieser Rock der einzige auf meinen Reisen mir noch gebliebene war, so lehnte ich alle Anträge in dieser Hinsicht ab und pries die Havaneser-Commissionaire zum erstenmale im Stillen. Indeß sollte ich denn doch nicht aus dieser interessanten und interessirten Straße abziehen, ohne etwas erfahren zu haben. Als ich eben im Begriff war, fortzugehen, begegnete ich einen Schweizer-Uhrenhändler aus Broad-way, der in der Absicht dorthin gekommen war, eine goldene Uhr nebst Kette zu finden, welche er Tages zuvor an einen jungen Mann für 87 Piaster verkauft hatte, und die diesem während einer Conversation mit einem Mädchen gestohlen worden war. Ich fand dieselbe in dem Auslege-Fenster eines jüdischen Galanteriehändlers, der nicht mehr als 47 Piaster dafür forderte. Auf meine Frage, ob er nicht vielleicht nach der Polizei gehe, um diesen Vorfall zu melden, entgegnete er: „ich werde nicht so thöricht sein, ich habe meine Zeit zu nützlichern Zwecken anzuwenden.“ Sehr bald bekam ich Gelegenheit, mir die Gleichgültigkeit dieses Uhrenhändlers bei diesem Diebstahl zu erklären. Unmittelbar nach dieser Conversation traf ich bei diesem Uhrenhändler einen sehr verdächtig aussehenden jungen Mann als Verkäufer einer goldenen Uhrkette, welche der Ladenherr in seiner rechten Hand auf den Werth von 4 Piaster abschätzte und dem Verkäufer diesen Preis dafür zahlen wollte. „Ist es denn Ihr Ernst; diese Kette für ein solches Lumpengeld zu kaufen?“ fragte ich, „sie ist sicher gestohlen und Sie sollten sie daher gar nicht kaufen wollen“, fuhr ich fort. „Kaufe ich sie nicht, so wird sie in Chatham gekauft“, entgegnete er; indeß der Handel kam nicht zu Stande, weil der Verkäufer große Eile verrieth und nicht lange handeln wollte.

Ich führe dies aus keinem anderen Grunde an, als um den Leser von der Denkweise der hiesigen Käufer, die als solche stets auf ihrem Platze stehen, zu unterrichten. Diebstähle können nicht leicht entdeckt werden, da die Gegenstände vermöge der lebhaften Dampfschifffahrt jede Viertel-Stunde expedirt werden können und da überdies sich stets Einkäufer aus Westindien, zum Einkauf gestohlener Gegenstände, in allen Städten der V. S. befinden.

Mit der gewöhnlichen Entschuldigung aller Müßiggänger (denn zu diesen gehörte ich jetzt), schlenderte ich zum Zeitvertreibe die lange William-Street hinauf, um wo möglich eingewanderte Deutsche anzutreffen. Da sah ich denn auch bald einen Troß, mit rosafarbenen Strümpfen chaussirt, auf mich zukommen. Aus welchem Lande her? fragte ich den ersten. Von Buffalo, entgegnete er, von dem Ort, wohin wir durch den teuflischen Colonisten-Commissionär Wolf, in der Washington-Straße, gebracht worden sind. Wir mußten ihm das Passagier-Geld auf Dampfschiff und Kanalböten bis dahin abtragen und erhielten dafür Karten. Als wir aber dort ankamen, wurden diese von den Schiffern nicht respectirt und wir mußten die schon an Wolf erlegten Summen nochmals erlegen. Wir waren nicht so schlecht daran, als viele unserer Landsleute, deren Kassen erschöpft waren, nachdem sie den reißenden Geld-Wolf befriedigt hatten. Diesen armen Leuten blieb kein anderes Mittel übrig, als sich den Seelenverkäufern dort in die Arme zu werfen. Dort lauern diese seelendurstige Deutsche im Besitze ihrer, um ein Weniges von der Regierung erstandenen Ländereien, auf einwandernde, dürftige, in der englischen Sprache unkundige Menschen, denen unter solchen Umständen zu ihrer Erhaltung nichts Anderes übrig bleibt, als sich und die Ihrigen Jenen auf mehrere Jahre zu verpfänden.

Ich hatte jetzt genug gehört und schreibe dies zur Warnung aller unkundigen Auswanderer nieder, damit sie sich vor diesem Wolf im Schaafsgewande hüten mögen. Er spricht mit Theilnahme zu den ankommenden Colonisten, zeigt viel Herzlichkeit, giebt auch wohl, nachdem er sich in Besitz der Gelder gesetzt hat, Empfehlungs-Briefe an seinen Compagnon in Buffalo oder sonst irgendwo, aber ein solcher Compagnon kann nicht gefunden werden, weil er keinen haben will, mit dem er seinen Raub theilt.

New-York eignet sich am wenigsten als Landungsplatz für die Auswanderer, denn von hier aus muß eine weite Reise nach dem Innern, woselbst Arbeiter nöthig sind, unternommen werden und diese ist mit einem bedeutenden Kosten-Aufwande verbunden, welcher größtentheils erspart wird, wenn man in Philadelphia, Boston, Baltimore oder New-Orleans landet. Die beste Zeit zur Ankunft daselbst sind die Monate October und November, weshalb die Monate Juli und August zur Abreise zu empfehlen sind. Von Havre gehen wöchentlich Paquetboote ab. Ferner möchte ich Jedem rathen, sich bei seiner Ankunft in Amerika an keinen Commissionair zu wenden, sondern vielmehr irgend einen dort etablirten deutschen Kaufmann aufzusuchen, welcher sich gewiß eher zur Hülfe, als zum Berauben der Ankommenden bereit finden wird.

Der berühmte Franklin empfahl es als Lebensregel, daß jeder Mann, was er auch sonst treiben und unternehmen wolle, ein Gewerbe, ein Handwerk lerne, weil Jeder in den Fall kommen könne, es gebrauchen zu müssen. Ohne zu untersuchen, in wie fern dies auf Alle paßt, halte ich es für gerathener, aus allen Fächern und Gewerben das Praktische, was am häufigsten im Leben vorkömmt, sich anzueignen. Erlangt man auch darin nur oberflächliche Kenntnisse und Fertigkeiten, so kann man sich dadurch doch aus mancher Verlegenheit helfen, die für Andere eben so empfindlich als schwer zu beseitigen ist. Der Leser wird lächeln, wenn ich einige dieser Verlegenheiten näher bezeichne, indessen — er lache meinetwegen — Strümpfe stopfen und Knöpfe an Hemden oder Röcke anzusetzen und es gut zu verstehen, gehört zu den Hauptkenntnissen für Jeden, welcher nach der neuen Welt reisen will, denn von allen Wäscherinnen daselbst will sich keine zu dergleichen Arbeiten verstehen. Hieraus geht denn die Alternative hervor: entweder selbst Hand ans Werk zu legen, oder mit Löchern in den Strümpfen und ohne Knöpfe am Rock umherzuwandern, oder, wenn es für den Gebrauch nicht mehr tauglich ist, das alte Zeug durch neues zu ersetzen. Die Leser, welche vielleicht von bedeutenden Sendungen von Leinen- und Strumpf-Waaren nach der neuen Welt gehört haben, können aus meiner Erzählung bald die Ursache dieser Sendungen auffinden.

Nachdem ich den geneigten Leser von der Nothwendigkeit des Praktischen in allen Fächern zu überzeugen gesucht habe, wird sich wohl Niemand wundern, wenn ich versichere, daß ich mich in New-York auch des Praktischen im Müßiggange befleißigte. Müßiggang praktisch ausgeübt, kann erst zur Wissenschaft, hernach aber zur Kunst werden, allein vielleicht giebt es auch hierin nur wenig wahrhafte Künstler, obgleich die Zahl der Müßiggänger mit jedem Jahr zunimmt. Der Müßiggangs-Künstler muß vor allen Dingen darauf achten, daß er keine einzige Minute zur Disposition seiner Collegen übrig hat, er muß vielmehr stets über Mangel an Zeit klagen.

Da es indeß wenige praktische Müßiggänger giebt, so findet man viele Hypochondristen unter ihnen. Um diesem Uebel entgegenzuarbeiten, sei jeder Studiosus oder Candidat des Müßigganges vorsichtig in der Wahl seines Umganges; er vermeide die Trägen, die Geizigen und die Gourmands, und wähle lebenslustige, mit Kenntnissen ausgerüstete Männer als Gesellschafter, so wird der Müßiggang selbst für den thätigen Mann weniger fühlbar sein. In New-York, wohin so Viele aus Deutschland wegen zu großer Gedankenfreiheit sich geflüchtet haben, kostet die Wahl in dieser Beziehung nicht so viel Mühe, als etwa in Bremen. Deshalb fand ich denn auch dort sehr bald Leute, die mit mir sympathisirten, unter Anderen einen Doctor, welcher, ich weiß nicht mehr genau, aus Hessen, oder aus Baiern flüchten mußte und als Oberlehrer bei einer Schule in New-York angestellt ist; ich fand in demselben, was ich zu finden wünschte.

„Wie wäre es,“ sagte dieser eines Nachmittags zu mir, „wenn wir, da das Wetter so schön ist, mit einem der Dampfschiffe nach Staten-Island (dem Quarantaine-Platz des New-Yorker Hafens) hinüberführen?“ Mir war das ganz recht, und wir gingen sogleich zum Samson, dasselbe Dampfschiff, welches an jenem Festtage, trotz seiner Stärke, nicht stark genug war, die Masse von Menschen zu halten, und zehn Menschen das Leben kostete. Heute that seine Samson’sche Kraft besser ihre Schuldigkeit und bald standen wir auf dem etwa 400 Fuß hohen Belvedere. Nicht mit sehnsuchtsvollern Blicken kann der Prinz von Coburg nach der ihm bestimmten Brittish Queen (Victoria) sich umsehen, als ich nach der von mir erwarteten Brittish Queen, das ganz neue Dampfschiff, welches von London erwartet wurde und worauf ich meine Rückreise nach Europa machen wollte. Allein vergebens! dreißig Meilen weit konnte ich von hier aus die schönen Ufer betrachten und mit einem Tubus jedes Schiffssegel unterscheiden, allein von der angebeteten Brittish Queen ließ sich Nichts sehen.

Unterdessen war es sieben Uhr und Zeit zur Rückkehr geworden. Wir langten sehr bald an der Batterie an, wo ich mich vom Doctor trennte, um nach meiner Wohnung zu gehen. Während ich über den Batterie-Platz schlenderte, fand ich einen Polizei-Diener in seiner Function begriffen; er weckte nämlich einen auf dem Rasen eingeschlummerten Bürger aus seinen vielleicht süßen Träumen, mit den Worten: „wenn Sie nicht sofort gehen, so müssen Sie fünf Piaster erlegen, denn das ist der Preis für eine Schlafstelle hier;“ er stand auf und ging fort. Einen so gutmüthigen und sanften Polizei-Beamten wollte ich persönlich näher kennen lernen; ich war eben im Begriff, ihn anzureden, als ich wegen seines übermäßigen Diensteifers bei der folgenden Sache davon abgehalten wurde. Er trat nämlich an einen jungen Herrn heran, der von einem großen New-Foundland-Dog begleitet wurde, um ihn auf das Gesetz aufmerksam zu machen, wonach es ihm freistehe, den Hund zu tödten. Jener zog denn auch sogleich einen Strick aus der Tasche und führte ihn fort. „Milde Gesetze, noch mildere Vollstrecker und dennoch ein sehr großer Gehorsam,“ sagte ich zu diesem treuen Staats-Beamten, als er weiter gehen wollte. „Dies müssen wir wohl gegen unsere Mitbürger sein,“ entgegnete er; „es thut mir oft leid, die armen Loafers aus dem Schlafe zu wecken;“ — Loafers, muß ich bemerken, sind diejenigen, welche keine Wohnungen haben, vielmehr stets auf dem Rasen, oder sonst außer Betten schlafen; sie sind dessenungeachtet gewöhnlich sehr anständig gekleidet. Eines Tages traf ich einen aus Berlin gebürtigen Loafer in der Batterie, der mit Thränen in den Augen mich um ein Almosen bat; er erzählte, daß er, mit allen erforderlichen Mitteln ausgerüstet, hier angekommen sei, und, nachdem Alles aufgegangen, sich zu den härtesten Arbeiten im Chaussee-Bau hergegeben habe; er habe dieselben in physischer Rücksicht nicht aushalten können, da er wochenlang im Hospital zugebracht habe. — „Es thut mir leid,“ fuhr der Polizei-Diener fort, „allein es ist meine Pflicht; hätte der Mann fünf Piaster, so schliefe er sicher an einem bessern Ort; in einer halben Stunde können Sie ihn an einem anderen öffentlichen Orte schlafend finden.“ — Ein schwerer Dienst für Sie, sagte ich; wie hoch beläuft sich Ihr Gehalt dafür? Nur auf 600 Piaster das ganze Jahr, wobei ich noch jeden Tag die Flagge aufziehen muß — kein leichter Dienst! meinte er.

Nachdem ich in meinem Logis meine Sachen und Gelder revidirt hatte, welche in New-York nicht selten in Abwesenheit des Eigenthümers einen fremden Herrn finden, begab ich mich nach einer sehr beliebten Bier-Kneipe, Shadow (Schatten) genannt, woselbst ich viele Deutsche, Schweizer und Franzosen antraf, lauter Leute, die reich zu werden große Lust hatten. Wir plauderten viel über Deutschland im Vergleich zu den Vereinigten Staaten, besonders aber sprachen Jene über den Unwerth der deutschen Goldmünzen, der Louisd’ore, welche den Leuten für 5⅔ Thlr. aufgedrungen werden und dabei nur fünf Thlr. Werth haben, ferner von den in Philadelphia gebrauten, giftartigen Bieren mit dem Zusatz von Aloe und Taback — ein Beweis, daß nicht aller Kentucky-Taback gebissen und verbissen wird. Da sich mein deutscher Magen hiergegen sträubte, so verließ ich bald diesen Bier-Tempel.

Am folgenden Sonntags-Morgen wollte ich den früher erwähnten Demagogen-Prediger Försch noch einmal hören, allein er war der Ketzerei angeklagt und von der Synode zur Verantwortung gezogen worden. Er hatte seine Gemeinde in New-York verlassen und ein belletristisches Wochenblatt gegründet, worin er sich gegen die Synode vertheidigte. Dabei hatte er zugleich eine neue Gemeinde, einige Meilen von New-York erlangt, wo er nicht wenig Beifall fand und besonders viel mit Trauungen und Taufen zu thun hatte. Bei einer der letztern, erzählte mir der Doctor, soll jener Prediger die Eltern des Kindes gefragt haben, ob er dasselbe in Dreiteufels- oder Gottes-Namens taufen solle! Dazu führt die Glaubenslizenz! Ein Mann, der solchen Unsinn begeht und die wichtigsten Wahrheiten des Christenthums öffentlich verwarf, übt nach wie vor sein Predigtamt aus und wird noch sogar stark besucht! Weniger Glück dagegen dürfte er mit seinem Blatte machen, denn die Deutschen in New-York sind zu sehr mit dem Lesen in Reiskörnern, Tabacksblättern, Schweinsborsten, besonders aber mit ihrer promissory-notes beschäftigt, um Zeit zum Lesen der Journale zu verwenden. Bücher wissenschaftlichen Inhalts finden in den V. S. gar keinen Absatz; nur Schulbücher werden begehrt. Daß die New-Yorker Jugend übrigens sehr gelehrig ist, ergiebt sich schon daraus, daß es so viele gescheidte Männer in Wall-Street giebt.

Unterdessen war von England die Nachricht eingegangen, daß die Ausrüstung der Brittish-Queen mehr Zeit erfordere, als man geglaubt habe, sie werde daher wohl um acht Tage später in New-York eintreffen. Man muß den Damen Zeit zur Toilette lassen, dachte ich; auch hatte ich so Manches noch in New-York zu sehen, daß mir die Verzögerung nicht so unwillkommen war. Zunächst bekümmerte ich mich um das Praktische in der wohlfeilsten Bekleidungsart in New-York. Alles ist hier enorm theuer, sagten Viele; hat man 1500–2000 Piaster Jahrgehalt, und das Jahr ist vorüber, so ist’s mit jener Summe geschehen. Ich habe indeß auf meinen vielen Reisen gefunden, daß man auch in den für theuer ausgeschrieenen Städten und Ländern bei einer gewissen Umsicht und Lokalkenntniß mit Wenigem eben so gut und anständig leben kann, wie die Meisten, welche vieles Geld aufwenden. Meines Erachtens sind die Berliner Meister in dieser Kunst. Man trage ein Souper, bestehend in Nichts anderem, als sogenannten Pell-Kartoffeln, in silbernen Schaalen auf und jeder der Gäste wird von einer boshaften Kritik sich abgehalten sehen, indem der Kontrast ihn zum Nachdenken und Zweifeln bringt, doch zur Sache zurück! Man behauptet, in New-York kostet ein Paar Stiefeln 11 Piaster, ein Paar Pantalons 14, ein Rock 38 etc.; freilich in Broad-Way! allein ein ehrlicher Schneidermeister in Oliver- und William Street begnügt sich mit einem Piaster Arbeitslohn für ein Paar Pantalons und sechs Piaster für einen Rock; kauft man nun das Tuch mit Sachkenntniß, so hat man ein Kleid um den halben Preis. Eben so bekommt Ihr dauerhafte Stiefeln in Nassau-Street um den halben Preis, aber hütet Euch, es bekannt werden zu lassen, daß Ihr Stiefeln aus Nassau-Street tragt, denn Mancher würde sich bedenken, mit Euch auf Broad-Way zu promeniren. Es ist für solche Handwerksleute und Gastwirthe in den V. S. ein Glück, daß Viele hier zwischen den beiden Ausdrücken:

Wir verdienen, was wir brauchen und
Wir brauchen,[L] was wir verdienen.

keinen Unterschied finden können. Mit den Restaurateurs verhält es sich eben so. Der Globe, Sans-Souci und die Gebrüder Dalmonico sind diejenigen, welche nur von Leuten ersten Ranges besucht werden. Hier findet man eine Speisecharte à la Paris in Form eines Buches. Obgleich die Hälfte der darin angeführten Speisen gewöhnlich nicht zu haben ist, so ist es doch eine außerordentliche Charte, und jede Speise, welche zu haben und um das doppelte schlechter und theurer ist, als die Speisen im Dawning’schen Keller in Wall-Street, gilt nichts destoweniger als außenordentlich und jeden als Preis werth. Der Eingeborne indeß ist nicht so thöricht.

Von den Abend-Vergnügungen hatte ich bisher nur einen schattenreichen über die Bierkneipe Shadow abgestattet; ich wende mich zu den ersten und zwar zu dem mit Gas beleuchteten Castle-Garden, ein Schloß-Garten ohne Bäume. Doch nein! eine Trauerweide befindet sich am Eingange. Der Weg zu diesem Garten führt über den Batterie-Platz, den Sammelplatz der schönen Welt nach Sonnenuntergang; er ist mit Gas beleuchtet, hat einen Quai von Granitstein zur Promenade und daneben stehen Bänke für die Ermüdeten; eine herrliche Aussicht bietet sich dar nach den gegenüber liegenden Ufern des Staates Jersey; auch gewähren die am Abend vorüberfahrenden Dampfschiffe viel Vergnügen. Raketten und Trompetenschall ließen sich im Innern, von den Balcons des unbedeutenden Gartens vernehmen. Also zur Casse hin! Sie befindet sich auf derselben Brücke, wo an der entgegengesetzten Seite ein recht elegantes reinliches Flußbad liegt, wo man für fünf Piaster Abonnement den ganzen Sommer hindurch baden kann. Als Ersatz für Handtücher erhält man zwei Flicke von grober, grauer Packleinwand, etwa eine Elle lang, welche nie gerollt werden, damit die Haut nicht verzärtelt werde. Die Importeurs der englischen Waaren werden hier auf eine bequeme Art ihre Emballagen los, wie mir gesagt worden ist. — An der Casse erhielt ich zwei Carten für vier Schilling; für die eine sollte ich, wie der Carten-Empfänger bemerkte, am Buffet Ice-cream (Gefrornes) essen. In Erwägung, daß man Alles, ausgenommen Heirathen, rasch betreiben muß, eilte ich schnell dem Schloß-Garten zu. Er ist ganz wie die Pavillons auf der Aelster in Hamburg gebaut; in der Mitte ist ein freier, mit Kieseln belegter Platz, worauf sich kleine Logen mit Tischen und Bänken befinden. Drei von meinen Sinnen sollten also für vier Schilling beschäftigt und befriedigt werden, allein ich sah mich veranlaßt, den Garten zu verlassen, ehe das Concert begann und das Feuerwerk abgebrannt wurde. Die beiden Sinne des Gefühls und Gehörs gingen also leer aus, dafür aber wurde auf unerwartete Weise das Gefühl sehr beschäftigt — durch Rippenstöße. Von dem Eis ist nur noch zu sagen, daß man den Kältegrad des letzten Winters in New-York und die Entfernung der Zucker-Plantagen darnach hätte berechnen können, denn es war ein sehr hart gefrorner Eisklumpen ohne Geruch und Geschmack.

Um über das Theater berichten zu können, muß man unbedingt dasselbe besucht haben. Obgleich ein verwöhnter Kostgänger (woraus in der Regel Kostverächter entstehen), entschloß ich mich dennoch aus Anhänglichkeit für meinen ehemaligen Reisegefährten, den Director W., das National-Theater zu besuchen.

Da Logenschließer, wie mir versichert worden ist, in New-York große Jahrgehalte von 6–800 Piaster beziehen, so begnügt sich der Director mit Einem für jeden Rang derselben. Diejenigen, welche ihre Billets am Eingange lösen, müssen sich mit den (vom Billetverkauf im Bureau) übrig gebliebenen Plätzen begnügen und von diesen hat der Logenschließer ein Verzeichniß. Durch diese Anordnung mußte ich wohl eine halbe Stunde auf ein Plätzchen warten. Es wurde zum 14ten male die große Oper: Amalie, gegeben, vom ersten englischen Componisten — doch nein! der erste ist wohl der des Volksliedes: God save the king, also die vom allerletzten englischen Componisten verfertigte Oper. Zwei Sänger und eine Sängerin waren hierfür vom Covent-Garden-Theater engagirt worden. Die Yankees waren entzückt und benahmen sich, als wären sämmtliche Sänger mit Amphionsstimmen begabt und als käme das Orchester und die Composition selbst aus der Schule des Orpheus: jedes einzelne Stück mußte wiederholt werden. Orpheus der Erste, als Dirigent des Orchesters ließ sein Instrument (die Geige) durch die Schreiereien der Chöre nicht in Schatten stellen, er wies sie vielmehr mit seinem kräftigen Arm in die Schranken der Anständigkeit zurück. Ueber die prachtvolle Ausstattung des Theaters, über die blauen und rothen Feuer, die am Schluß der Oper brannten, will ich nichts sagen, da dieses Theater seit dieser Zeit im Monat October 1839 durch ein Feuer ganz anderer Art abgebrannt ist.

Auch Seiltänzer sah ich hierselbst, die Familie Ravelé. Da ich dergleichen Künstler in sehr langer Zeit nicht gesehen hatte, so kann ich wohl eher, wie die Meisten, ein Urtheil über die Fortschritte in dieser Kunst fällen, und da muß ich denn bekennen, daß ich vor 30 Jahren mehr Sehenswertheres hierin als jetzt gesehen habe. Hat vielleicht diese Kunst bald das Schicksal der Glas-Malerei, daß sie als eine verlorne zu betrachten ist? Dieser Verlust würde gewiß von Wenigen betrauert werden!

Nach meiner Schilderung der Vergnügungen in den V. S. wird mancher Leser, welcher diese Vergnügungen denen der freien Natur, welche die V. S. in reichem Maaße darbieten, vorzieht, keine Neigung fühlen, dieses Land zum Vergnügen zu besuchen. Abstrahirt man indeß von den Vergnügungen der ersten Art, so kann nicht leicht ein Land gefunden werden, worin man sich, mit Anwendung des Praktischen beim Reisen, die Zeit besser verkürzen könnte, wie hier. Erscheinen doch in diesem Lande täglich 1553 Zeitungen und Journale (dieses ist die Anzahl nach Angabe des Morning-Heralds) von eben so vielen Redacteuren, die Alle es auf das Vergnügen des Publikums anlegen und worunter es sehr viele witzige Köpfe giebt. Unter diesen will ich vorzugsweise nur den Redacteur des Morning-Herald nennen, der täglich 17,000 Exemplare absetzt, ein Blatt, auf welches Jeder mit noch weit größerer Begierde, als auf seinen Caffee wartet und welches von Vielen mit größerem Appetit als dieser verzehrt wird.

Der Europäer überzeugt sich wenige Tage nach seiner Ankunft, daß das von seiner Seite vermißte Militair, die Gensdarmerie und Polizei, durch jene Blätter vertreten wird und daß für Republiken Preßfreiheit eine unbedingte Nothwendigkeit ist, weil die Sittlichkeit, die öffentliche Ordnung und Reinlichkeit in den Straßen lediglich durch die Presse herbeigeführt wird. Der geringste Verstoß gegen Ruhe und Ordnung wird sofort zur Publicität gebracht. Aber wie ist es den Redaktoren möglich, so geschwind und unmittelbar ein solches Ereigniß rapportiren zu können? Der Verfasser glaubt nicht zu irren, wenn er den früher erwähnten Loafers, die in allen Straßen anzutreffen sind, einen großen Antheil an der Berichterstattung zuschreibt. Ihr Honorar kann, nach dem Preis der Blätter berechnet, freilich nicht von solcher Art sein, daß sie ihre jetzigen Schlafstellen auf dem Rasen gegen solche in Aster-House oder andern Hotels austauschen könnten, indeß wäre letzteres der Fall, so würden alle nächtlichen Vorfälle in den Straßen für die Redacteure verloren gehen.

Was nun den allgemeinen Charakter der Amerikaner betrifft, so wird von vielen Autoren, besonders auch von den neuesten Reisebeschreibern, dem Amerikaner der V. S. Geldbegierde oder Habsucht zur Last gelegt. Ehe ich das Resultat meiner Beobachtungen hierüber ausspreche, muß ich Folgendes bemerken: Ist dieser Vorwurf, den die Europäer den Amerikanern machen, gegründet, so fällt er auf die Europäer selbst zurück; sind denn die Einwohner der V. S., mit Ausnahme weniger eigentlicher Amerikaner, von indianischer Abkunft, nicht alle Europäer?[M] Hört denn der in Amerika geborene Deutsche oder Franzose auf, Deutscher und Franzose zu sein, und wird durch das Wohnen daselbst zum Amerikaner? Wenn ein Edelmann im Kuhstalle geboren würde, wäre er dann zum Bauer geworden? Also nicht der Ort bestimmt die Abstammung, sondern das Volk, zu dem man ursprünglich gehört. Es wäre also zu untersuchen, durch welche von den verschiedenen Abkömmlingen die Geldbegierde hierher verpflanzt worden sei. Eine solche Untersuchung aber führt uns auf die Engländer zurück, die, wenige Ausnahme abgerechnet, überall den Hauptbestand der Bevölkerung in den nördlichen Staaten bilden, und Sprache, Sitte und den Volkscharakter bestimmt haben. Und der Apfel fällt, wie man weiß, nicht weit vom Stamme.

Da die Bewohner der V. S. also von so verschiedener Abstammung sind, so ist es unstatthaft, dieselben unter dem Namen von Amerikanern als ein so oder solches Volk zu charakterisiren und Alles über einen Leisten zu schustern, wie es gewöhnlich geschieht. Der Verfasser wird sich daher bemühen, diese Amerikaner nach ihrer verschiedenen Abstammung zu sondern und jeder einzelnen Abtheilung ihr Recht widerfahren zu lassen. Und zunächst wollen wir, da doch nun einmal auch in Amerika die Frauen den Männern vorangehen, auch hier den Amerikanischen Frauen den Vortritt gestatten.

Die Amerikanerinnen sind Freie, ohne frei zu sein und sehr schön. Wäre ich Besitzer der Stobwasserschen Dosenfabrik, ich würde den Maler zum Einsammeln von schönen Modellen weiblicher Köpfe nach den V. S. schicken, denn besonders in letzterer Hinsicht sind die Amerikanerinnen ausgezeichnet.

Daß man unter allen in Amerika Geborenen keinen Einzigen mit den Grundsätzen eines Diogenes findet, ist wahr, allein ein solcher Sonderling von Enthaltsamkeit möchte heutiges Tages auch in Europa schwer anzutreffen sein. In der Tonne will Keiner mehr residiren; Jeder strebt nach bequemer Wohnung, nach Annehmlichkeiten im Leben u. s. w., und da solche Dinge uns nicht von selbst besuchen und zu unserm Gebrauche sich darbieten, sondern nur gegen Geld zu haben sind, so ist Keinem zu verargen, daß er nach Geld strebt. Tritt man in Amerika in Männergesellschaften, so bemerkt man keinen Diogenes darunter, man sieht sogleich das Zusammengesetzte der Bevölkerung; sie ist mit einem Vaudeville zu vergleichen, in welchem man hin und wieder Musikstücke berühmter Meister auffindet, wodurch die Bilder angenehm verlebter Zeiten in der Seele wieder auftauchen, und während man hierbei in der Vergangenheit schwärmt, überhört man manche Stücke, die wenig oder gar kein Interesse für uns haben. Wer nun aber nach einem oder zwei Stücken, die ihm gerade auffallen, das ganze Vaudeville beurtheilt, der ist ein schlechter Kritiker; eben so leichtsinnig und ungerecht urtheilen die Autoren, welche, wie schon bemerkt, nur von einem allgemeinen Amerikaner sprechen, der gar nicht existirt.

Die Amerikaner sind, so weit meine Erfahrung reicht, in folgende vier Klassen einzutheilen:

1. Der eigentliche Amerikaner indianischer Abstammung. Betrachtet man denselben genauer, so entdeckt man bald etwas Originelles, oder, besser gesagt, etwas Wildes an ihm. Man könnte ihn mit einem wilden Vogel vergleichen, der aus dem Nest genommen und wie ein Hausthier erzogen worden ist, in welchem aber plötzlich sein natürlicher, in die Welt mitgebrachter Instinkt zur Wildheit wieder auflebt, der ihn zur Flucht aus dem friedlichen Erziehungsorte seines Wohlthäters antreibt. Ich sah eines Tages einen im Rufe stehenden Amerikaner von Indianischem Stamme, auf einem mit Sammet überzogenen Sopha ausgestreckt und die schmutzig bestiefelten Füße auf dasselbe erheben, um sich durch Anstemmen gegen die kostbar gemalte Seitenwand des Zimmers in eine bequemere Lage zu bringen.

2. Der Deutsche, den ich als Deutscher dem Eingebornen zunächst anführe, ist, wie überall, auch in Amerika bald zu Hause, ja er scheint fast in Amerika mehr einheimisch zu werden, als er es in Deutschland sein würde. Die Kost kömmt ihm dort besser vor als zu Hause, der amerikanische Essig hat nach seinem Geschmack mehr Weinartiges, als der Rhein- und Moselwein; das Bier ist nach seiner Meinung das allerbeste, welches in der Welt gebraut wird und die amerikanischen Banknoten übersteigen in seinen Augen den Werth der Friedrichsd’ors; mit Einem Worte, er bildet sich ein, Amerikaner zu sein. Ich meine hier natürlich diejenigen Deutsche, welche sich in den letztern Jahren dort angesiedelt haben, denn dort geborene Abkömmlinge früherer Einwanderer sind freilich von ganz anderem Schlage. Die letztern freuen sich, wenn sie einen deutschen Abkömmling erblicken; sie bemühen sich um seine Bekanntschaft, um ihm erzählen zu können, daß seine Voreltern Deutsche gewesen; man hört ihn mit Vergnügen die alten deutschen Sprüchwörter aussprechen und befolgen; kurz das deutsche Gemüth ist in ihnen noch nicht erstorben.

3. Der Franzose weicht in jeder Beziehung von dem Amerikaner und Deutschen ab. Er bleibt in Amerika, wie überall, Franzose in Sprache, Kleidung und Lebensweise; er ist Franzose von Anfang bis zu Ende; er fühlt sich glücklich, Republikaner zu sein, und noch glücklicher, nicht zu den Yankees gezählt zu werden. Er politisirt noch mehr als diese, flickt an Staat und Regierung, ist Staats-Oekonom, trinkt viel Bordeaux-Wein (Essig), mit Wasser versetzt, ißt nach vaterländischer Weise seine dreifache Portion Brod zu der Suppe und erblickt schon in seiner Einbildung freudig die gefüllten Geldsäcke, welche zu gewinnen er hierher gekommen ist. Am wenigsten wird man unter den Franzosen einen Diogenes finden, denn Geld, recht viel Geld zu gewinnen, ist die Tendenz ihres Treibens.

4. Jetzt gehe ich zu den eigentlichen Yankees über, die bei Weitem den größten Theil der Bevölkerung ausmachen. Auch hier müßte man wieder das englische, das schottische und das irische Blut unterscheiden, was jedoch mich hier zu weit führen würde; ich werde nur zwei Klassen unterscheiden: die erste, der Abkömmlinge derjenigen, die sich seit der Besitznahme Amerika’s dort niedergelassen haben, und die zweite derer, welche nach und nach die Gewinnsucht dorthin geführt hat. Aber sind denn die Engländer gewinnsüchtig? Der scharfblickende Napoleon schilderte England als ein von Krämern bewohntes Land. Ein Krämer aber muß, um als Krämer zu gelten, gewinnsüchtig sein: folglich wird man die Gewinnsucht der englischen Nation nicht absprechen können.

Die erste Klasse oder die von der früheren Generation sind allerdings Sonderlinge, jedoch keinesweges, wie sie von so manchen Autoren ausgeschrieen worden sind, Geldbegierige; sie sind lebenslustige Menschen und streben daher nach Geld, um sich die Annehmlichkeiten des Lebens, nach denen sie verlangen, zu verschaffen. Diesem Yankee ist schon aus dem Grunde Nichts zu theuer, weil er sich durch splendide Ausgaben von den alltäglichen Yankees zu unterscheiden wünscht; er wirft daher mit dem Gelde um sich. Die Unterhaltung des Yankee ist nicht eben sehr unterhaltend; denn er ist mit sich selbst uneinig, ob er Engländer oder Nicht-Engländer sein soll und ist daher für die Gesellschaft? — ein Yankee, jedoch ist er klug genug, sich in dieser Yankee-Rolle angenehm zu machen und verdient also nicht zu den Dummen gezählt zu werden; denn derjenige, der seine Dummheit zu verbergen weiß, kann wohl zu den Klugen gerechnet werden. Da wissenschaftliche Bücher, wie schon bemerkt, keine Abnehmer bei ihnen finden, so ist es wohl selten, daß man wissenschaftlich Gebildete unter ihnen findet; die Wissenschaft des Reichwerdens ist die einzige, die sie mit Glück cultiviren, ja sogar mit der leeren Hand sich anzueignen verstehen, indem die Regierung den Acker Landes für 1¼ bis 1½ Piaster (der im cultivirten Zustande den hundertfachen Werth hat) hingiebt; indeß sind diese gerade die Geachtetsten in den V. S., und verdienen es auch!

Die zweite Klasse der Yankees ist zusammengesetzt aus lauter Engländern der letzten Generation und denen, welche unter dem Beistand Gottes, der vielen Banken Englands und der V. S., auch nicht minder zur Freude der Fabrikanten in England, ihr Geschäft in Amerika treiben. Sie denken stets an ihr Mutterland, sie finden es zwar nicht schlecht in den V. S., da sie ja hieselbst ihren Endzweck des Geldverdienens erreichen, und dabei auch recht gut leben, allein dennoch denkt Jeder nach Lord Byron’s Spruch:

England! with all thy faults, I love thee still.

Und sehr natürlich! der Engländer fühlt sich nur in England zu Hause; fehlt ihm doch überall das englische Kohlenfeuer, sein Topf Porter-Bier, sein beaf-steak und seine langen Parlaments-Reden, welche selbst Lord Byron als die vier köstlichsten Dinge Englands schildert: und hätte er dieses alles, so fehlen ihm noch seine heimathlichen starken Herbstnebel. Diese letzte Klasse, welche den vierten Theil der Bewohner in den V. S. ausmacht, trägt wenig zur geselligen Unterhaltung bei, jedem diesen Leuten die Worte „money making“ (Geld verdienen) stets in ihren Ohren klingen. Aus diesen Gründen also ist die Unterhaltung dort sehr trocken. Dagegen findet man überall in allen Städten, Flecken und Dörfern ein außerordentlich reges Treiben, da Jeder verdienen will; das Wort „Genügsamkeit“ kennt Niemand, deshalb verderben auch so Viele.

So angenehm auch das Reisen überhaupt erscheinen mag, so wird doch der Leser, der meiner Erzählung mit Aufmerksamkeit und wohlwollendem Vertrauen gefolgt ist, mit mir der Meinung sein, daß Jemand, der, sei es zum Vergnügen oder zur Ausdehnung von kaufmännischen Geschäften, eine Reise unternehmen will, keine glückliche Wahl trifft, wenn er sich die V. S. oder Westindien wählt. Mag auch Westindien für den Naturforscher vieles Anziehende darbieten, so haben doch die dort einheimischen epidemischen Krankheiten, das gelbe Fieber, das schwarze Erbrechen, die Cholera, verbunden mit der erbärmlichen Lebensweise, so viel Abschreckendes, daß die meisten Naturforscher wohl sich freuen, wenn sie diesem Lande den Rücken kehren können. Eben so wenig aber sind die V. S. dem Reiselustigen zu empfehlen. Schon die Fahrt dahin ist theils höchst gefährlich, theils höchst langweilig, mag man sich nun der Dampfschiffe bedienen, von deren Gefährlichkeit oben die Rede gewesen ist, oder der Segelschiffe, die zum Wenigsten 6–8 Wochen Zeit gebrauchen, um die Strecke von 3228 Meilen von Portsmouth bis nach New-York zurückzulegen. Während man im cultivirten Europa überall vernünftige oder interessante Unterhaltung und geistreiche Getränke in geselligen Circeln findet, vermißt man beides im neuen Welttheil, dessen Cultur noch in der Kindheit ist. Man muß sich also für das Opfer der geselligen Freuden entweder am Spieltisch zu unterhalten suchen, oder man muß höchst mittelmäßige Theater und Concerte für enorm hohe Entrée-Preise besuchen, wird dabei noch im Genuß ganz gestört und fühlt die Ohren zerrissen durch das ununterbrochene Beifallklatschen und Dacaporufen der Yankees. Beim Reisen in Europa braucht der Reisende nicht unbequem in Boarding-Häusern und von außen groß scheinenden Hotels zu wohnen; er wird bei der Abreise keine Rechnungen bezahlen müssen für Speisen und Getränke, die er hätte genießen können und nach der Meinung des Gastwirths hätte genießen können, aber er logirt in reinlichen Gasthöfen und wird von ehrlichen Aufwärtern bedient. Mit der dienenden Klasse hat es in Amerika seine eigene Bewandniß: Niemand will hier als Diener angesehen sein, da es nach dem Gesetz keine persönliche Unterwürfigkeit geben kann, und da Hülfsleistung weit höher als Dienstleistung abgeschätzt werden muß, auch nach der Meinung Vieler gar nicht zu bezahlen ist, so will jeder Diener sich als Gehülfe behandelt wissen. Zieht man alle diese Umstände in Erwägung, so wird man von dem Entschluß, eine Reise nach den V. S. zum Vergnügen zu unternehmen, bald zurückkommen.

Die Kaufleute, welche Speculations-Reisen nach den V. S. zu machen gedenken, mögen die von mir dargelegten Beobachtungen und Erfahrungen wohl erwägen, ehe sie zur Ausführung schreiten; mögen sie um so mehr dabei bedenklich sein, wenn sie die dortige Justizpflege berücksichtigen, nach welcher Jahre verstreichen, ehe man Prozesse durch Advocaten eingeleitet sieht. Ergo, ist die neue Welt wunderschön und gut, so kann ich mich doch aus vielen angeführten und anderen Gründen des Urtheils nicht enthalten, daß die alte Welt besser ist. Und selbst auch, was das Geldverdienen betrifft: sollte es nicht leichter sein, in dem mit so vielen physischen, moralischen und pecuniären Mitteln ausgerüsteten Europa, welches eine Bevölkerung von 220 bis 230 Millionen zählt, sein Brod zu erwerben, als in den V. S. und ganz Westindien, welche inclusive Neger, Mulatten u. s. w., kaum 35 Millionen aufweisen können? Wer freilich Chatham und dergleichen Erwerb aufzusuchen sich geneigt fühlt, der mag immerhin Europa verlassen!

Endlich war der von mir ersehnte Tag da; die Brittish Queen war angekommen und wollte nur einige Tage in New-York verweilen. Da ich so ziemlich alles Sehenswerthe in Augenschein genommen hatte, so konnte die Verkürzung der Frist mir nur angenehm sein. Etwas jedoch, was mir sehr am Herzen lag und was ich bisher versäumt hatte, war noch zu thun übrig, nämlich den berühmten Redacteur des Morning Herald zu besuchen. Dieser Mann, dessen Blatt im ganzen Lande mit großer Begierde gelesen wird, ist meines Erachtens eine der Hauptpersonen im Lande; sein Lob und Tadel wird geliebt und gefürchtet, wie das eines Lehrers von seinen Schülern. Ohne diesen Mann persönlich kennen gelernt zu haben, wollte ich nicht gern von New-York abreisen. Ich theilte mein Vorhaben dem obenerwähnten deutschen Doctor mit; dieser aber äußerte, es sei hierzu wahrscheinlich zu spät, da jener Mann selten Jemand vor sich lasse; er selbst habe in dieser Beziehung vergebliche Versuche gemacht.

Als geübter Bekämpfer von Schwierigkeiten aller Art trat ich am Tage vor meiner Abreise meine Wanderschaft nach seinem Bureau an. Zwar wurde ich von seinen Untergebenen abgewiesen; da ich aber vernahm, daß er in seinem Arbeitszimmer, 1 Treppe hoch, sich befinde, so ging ich sofort hinauf. Er empfing mich sehr artig; zunächst gab ich ihm den Endzweck meines Besuches zu erkennen, daß ich von seinem vielgelesenen Blatte ein Exemplar in Berlin, wohin ich am folgenden Tage abreise, jede Woche zu erhalten wünsche. Er freute sich, daß ihn ein Preuße mit seinem Besuch beehre und sprach Vieles zum Lobe unserer Landsleute. Hierauf richtete er mehrere Fragen an mich in Beziehung auf die V. S., wahrscheinlich in der Erwartung, Amerika gepriesen zu hören. Da ich indeß in meinem Urtheile stets meiner Ueberzeugung folge, so sah er sich zuletzt zu der ausdrücklichen Frage getrieben, ob die Amerikaner nicht erstaunende Fortschritte gemacht hätten, worauf ich entgegnete, daß sie bei dem guten Willen, den wir Europäer für sie gezeigt, indem wir ihnen die Quintessenz unserer lebenslustigen Genies zukommen ließen, viel weiter sein müßten, als sie sind. Er lachte und meinte, man müsse nicht außer Acht lassen, daß das Land noch sehr jung sei; hierauf bemerkte ich, daß man mit der Jugend begangene Thorheiten nicht immer beschönigen könne u. s. w. Er entließ mich beim Abschiede höchst artig und ich verließ ihn ganz befriedigt, da ich nicht weniger, als ich erwartete, in ihm gefunden hatte.

Mit Sehnsucht erwartete ich den Tag meiner Abreise, der mit dem 1. August erschien. Am Bollwerk wimmelte es von Neugierigen, so daß ich nur mit Mühe zum Schiff gelangen konnte; Jeder wünschte, das majestätische Schiff sich in der Nähe ansehen zu können, allein, daß den Majestäten schwer zu nahen ist, bewährte sich auch hier, denn die vom Capitain aufgestellten Mulatten-Wachen ließen das abweisende Wort vernehmen: die freien Entreen sind ohne Ausnahme nicht gültig. Es war für die Stadt ein Festtag, denn neben den 2 Dampfschiffen, die heute abfahren sollten, nämlich außer der Brittish Queen und der Great Western, segelten noch 4 andere Schiffe an diesem Tage ab, und entführten der Stadt 6 bis 700 Seelen. Alle Schiffe, die Ufer und die auf diesem befindlichen Häuser waren mit Menschen übersäet und zu unserer Begleitung waren sechs Dampfschiffe mit allen nöthigen Erfrischungen für 8–10,000 Personen ausgerüstet und mit Musik-Chören versehen; man sah Flaggen in den vielfältigsten Farben wehen. Unter den 6 Schiffen zeichnete sich das für Seereisen bestimmte Dampfschiff Neptun in jeder Hinsicht aus. Seiner Pflicht eingedenk, benahm sich der mächtige Gott nicht anders, denn als Begleiter; um den schuldigen Respect nicht außer Acht zu lassen, folgte er der kraftvollen Königin auf der Ferse und seine Hofkapelle mußte immerfort das „God save the Queen“ executiren, worauf ein allgemeines Hurrah erschallte. Unser Capitain zeigte sich jetzt, wie zu erwarten stand, dem Wassergotte dankbar; er supplicirte nämlich bei der brittischen Majestät, daß sie sich ihrer Macht und Schnelligkeit nicht überheben wolle. Wir bewegten uns demnach sehr langsam vorwärts und hatten recht lange das Vergnügen, den herrlichen Inhalt jener 6 Schiffe mit der Elite der New-Yorker Frauen in unserer Nähe zu sehen. Es war ein herrlicher Anblick, die liebenswürdigen Amerikanerinnen zu sehen, wie sie mit ihren weißen Battist-Tüchern wehten und den Abschied zuwinkten; ich glaube, der festeste Hagestolz hätte nicht ungerührt dabei bleiben können. Auch in meiner Brust stiegen Wünsche auf und — was wäre der Mensch ohne Wünsche!

Das Wetter war ausgezeichnet schön und die Zeit, welche zur Fahrt bis zum Hafen erfordert wird, verstrich sehr bald. Jetzt erfolgte der Abschiedsgruß und nachdem dieser mit großer Innigkeit ausgedrückt war, wurde mit Trompetenschall zum Mittagessen eingeladen. Da jede Freude um so stärker empfunden wird, wenn ihr ein Schmerz vorangeht, so mußte jetzt der Anblick eines im prächtigen Salon in silbernen Gefäßen auf den Tischen prangenden Mittagessens bei den Meisten wenigstens sehr freudige Empfindungen erregen. Es war Alles so reich servirt, daß der Werth der silbernen Geräthe vielleicht zur Erhaltung der Banken in Philadelphia hätte zureichen dürfen.

Vor Allem erhielt jeder der Passagiere die polizeilichen Schiffsverordnungen auf einer Carte; hiernach durfte vom Anfang bis zu Ende der Reise der Platz bei Tische nicht gewechselt werden, es war bestimmt, auf wie viele Bettüberzüge und Handtücher man Anspruch machen dürfe. Unstreitig gehörte die Bestimmung, daß nach 11 Uhr kein Licht in irgend einem der Zimmer geduldet werden solle, zu den allerbesten, und es wurde auch sehr strenge darauf gehalten.

Die Gesellschaft in beiden Cajüten bestand aus etwa 110 bis 130 Personen; daß daher die Rückreise bei dieser bessern und zahlreichern Gesellschaft mir mehr Unterhaltung gewähren werde, als die Hinreise auf dem Quebeck, war zu erwarten. Bald zeigte sich dies aber auch deutlich, indem man sich allgemein mir näherte und ich bei meinem Namen angeredet wurde. Die Ursache hiervon aufzufinden gelang mir mit allem Nachdenken nicht, bis ich endlich, als wir uns zum Mittagessen niedersetzten, Aufschluß darüber erhielt. Mein Platz am Tische wurde mir nämlich in der Nähe des Capitain Roberts angewiesen; Capitaine aber präsidiren in der Regel auf allen Schiffen beim Mittagessen. Dieser Capitain, welcher früher im Dienste der Königlichen Marine gestanden hatte, und also ein höchst gebildeter und charmanter Mann war, reichte mir ein Extra-Blatt des Morning Herald, welches eine Stunde vor unserer Abfahrt erschienen war, mit der Aufforderung, die durch seinen Finger bezeichnete Stelle zu lesen. Wie erstaunte ich, als ich den Endzweck meiner Reise durch den Redakteur dieses Blattes, zwar sehr schmeichelhaft für mich, allein auf ganz entgegengesetzte Weise berichtet fand! Er ließ mich nämlich in der Eigenschaft eines Schriftstellers und zwar auf Kosten der Preußischen Regierung reisen. Ich bedauerte die Unwahrheit des ganzen Aufsatzes, hätte aber wohl gewünscht, daß ein Theil davon, daß ich nämlich auf Kosten der Regierung reise, wahr gewesen wäre. Der Aufsatz schloß mit der Versicherung, daß mein, wie er hoffe, bald herauskommendes Buch über die V. S. seiner Meinung nach zu den besten bis jetzt erschienenen werde gezählt werden können. Sollte der Redakteur zu dieser Meinung durch meine Urtheile über die V. S. veranlaßt worden sein? In diesem Falle könnte ich mich seiner Zustimmung zu meiner Ansicht versichert halten und die Zustimmung eines solchen Mannes wäre mir in jeder Hinsicht angenehm.

So unangenehm mir indeß jener Irrthum war, den ich nicht ermangelte, dem Capitain zu bezeichnen, so war mir derselbe doch nach genauer Erwägung nicht unwillkommen. Der Redakteur jenes Blattes hatte die ganze Masse von 600 Personen, die an jenem Tage New-York verließen, analisirt und nur sieben männliche Personen, unter welchen auch ich mich befand, von der Vagabonden-Liste ausgeschlossen: außer diesen sieben und 200 Matrosen, waren sämmtliche übrigen Passagiere Spitzbuben, Taschendiebe, Spieler von Profession, Stock-Jobbers, Menschen ohne Beschäftigung, Herumtreiber (Loafers). Darunter sind jedoch nicht zu vergessen: 24 alte Jungfern, 36 tugendhafte Frauen und 5 Prediger, welche unnamhafter Weise unter jenen aufgeführt waren.

Die ganze Reise war Jedem höchst angenehm, weil einer von den Direktoren der Dampfschifffahrts-Gesellschaft (Namens Lare) sich auf dem Schiffe befand und in Verbindung mit dem Captain Roberts Alles aufbot zum Vergnügen der Gesellschaft, und Alles abzustellen suchte, was nur den Schein von Kleinheit hatte. Hiervon will ich nur einen geringen Beweis anführen. Das Signal zum Aufstehen, welches des Morgens um acht Uhr auf einer Trompete gegeben wurde, stimmte ganz mit dem überein, welches in deutschen Dörfern die Hirten beim Heraustreiben des lieben Viehes vernehmen lassen. Als ich dies eines Morgens scherzhaft berührt hatte, wurde dem Schiffs-Componisten (wie denn überhaupt für jedes Geschäft besondere Officianten sich am Bord des Schiffes befinden, z.B. zum Entpfropfen der Flaschen, zum Abfeuern der Kanonen u. s. w.) der Befehl gegeben, ein für menschliche Ohren angenehmes Thema zu wählen, worauf denn dieser, mit dem letzten Componisten der großen Oper Amalie wetteifernd, ein Thema componirte, wie es die Preußischen Extra-Post-Postillons blasen, — es war klassisch!

Da sich der Capitain das Interesse der Passagiere so sehr angelegen sein ließ, so machte ich der Gesellschaft den Vorschlag, unsere Erkenntlichkeit durch ein Geschenk an den Tag zu legen. Mein Vorschlag fand Anklang und bald waren 50 L. St. zur Anschaffung eines Silbergeschirres, worauf die Namen der Steuerer zu engraviren wären, zusammen. Die sich hiervon ausschlossen, sollten, wie man mir sagte, Banquiers aus Philadelphia sein; waren sie vielleicht schon mit ihrer Baarzahlung, die hier in Gold entrichtet werden mußte, auf der Hut, so hat ihnen ihre Vorsicht nichts geholfen, denn die Banken Philadelphias sind gefallen.

Die Zeit auf der Reise verstrich mir unglaublich rasch; selten habe ich in meinem bereisten Leben 14 Tage mit solcher Ruhe und Zufriedenheit erlebt. Befand man sich im Saale, welcher ganz in der Form des Audienz-Saales der Königin Elisabeth erbaut und ganz im Geschmack dieser Zeit und mit derselben Pracht decorirt war, beim Mittagessen, so hätte man glauben können, sich bei einer Königin zu Tische zu befinden, da Speisen sowohl als Getränke königlich waren. Zum Trinken feiner Weine findet Jeder bekanntlich leicht einen Beweggrund; ich fand einen solchen sehr häufig in der Aufforderung vieler Reisegefährten, welche, nachdem sie von dem Preußischen Schriftsteller im Herald gelesen, gern ein Gläschen Champagner mit mir leeren wollten, was ich denn auch annahm. Dieser Aufsatz im Herald bewirkte demnach meine Versöhnung mit einem Weine, den ich viele Jahre hindurch gehaßt hatte, wovon ich aber hier, seiner Vortrefflichkeit wegen, manche Flasche leerte.

Am Abend vertrieb man sich die Zeit durch Spielen Vingt-un, Ecarté, Whist und Schach; die Vormittage wurden mit Wetten über die Meilenzahl, welche das Schiff in den letzten 24 Stunden zurückgelegt haben würde, hingebracht; nachdem die Observationen vollendet waren, wurde jene Meilenzahl durch ein Bulletin bekannt gemacht. Auch befanden sich Lotterie-Unternehmer am Bord, welche die Anzahl der während der letzten 12 Stunden gemachten Meilen, mit der vermuthlichen Steigerung, auf Zetteln niederschrieben, zusammenrollten und aus einem Hut ziehen ließen. Der Preis eines solchen Looses war 2–4 Schillinge; wer nun die richtige Stunde gegriffen hatte, erhielt die ganze Summe. An den sehr bedeutenden Wetten nahmen nur die Engländer Theil, sie wurden meistens von 30 bis zu 50 L. St. abgeschlossen. Hierbei zeichnete sich vor Allen ein, wie es schien, unschuldiger Jüngling aus, angeblich Sohn eines englischen Lords. — Keine Summe schien ihm zu hoch zu sein; er wettete auf die unsinnigste Weise 50 L. St. gegen 20 L. St., was die Yankees zur Verbesserung ihrer Finanzen sehr zu benutzen sich angelegen sein ließen. Allein als wir in Portsmouth ankamen und die Comptanten zum Vorschein kommen sollten, siehe da! da waren keine zu finden. Es kam zu merkwürdigen Auftritten, die Gewinner drängten ohne alle Rücksicht auf den jungen Mann ein. Ein pensionirter englischer Oberst erhob sich zuletzt als Retter für ihn und bot seine Gehalts-Quittungen an Zahlungsstatt für den unerfahrenen jungen Mann. Man griff zu, aber da die Sicherheitspapiere nur für einen kleinen Theil des Verlorenen ausreichten, so begnügten sich Viele mit dem Ehrenworte des Jünglings, seine Schulden in London bezahlen zu wollen. Unter seinen Gläubigern befand sich auch ein Franzose und dieser befand sich einmal, da jener wieder eine Wette abschloß, in meiner Nähe. Er zeigte seine Verwunderung über das unsinnige Wetten der Passagiere aus der ersten Cajüte und sagte: „dieser Herr wettet bedeutende Summen mit den Herren aus Ihrer Cajüte, während daß er uns allen, die mit ihm in der zweiten Cajüte sich aufhalten, kleine Summen, die er im Whist u. s. w. verloren hat, nicht bezahlt.“

Als ich am folgenden Morgen beim Abschließen einer Wette von Bedeutung zwischen dem Lords-Sohn und einem Liverpooler Kaufmann hinzutrat, warnte ich den letztern vor einer gefahrvollen Wette, wobei Nichts zu gewinnen stehe; der Kaufmann hielt die Erzählung von Seiten des Franzosen für eine Verleumdung und erbot sich, sogleich die schuldige Summe dem Franzosen auszuzahlen, wenn er ihm eine schriftliche Anweisung auf seinen Schuldner einhändige. Der Franzose nahm nur die Hälfte des Belaufs und war sehr froh, so viel erwischt zu haben. Die Anweisung wurde auch später acceptirt, aber gleich den übrigen nicht ausbezahlt. Der Liverpooler Kaufmann, der in Portsmouth blieb, bat mich, an seiner Stelle sie in London einzukassiren; da aber jener mit dem Gelde sich nicht bei mir gemeldet hat, so wünsche ich, daß der Liverpooler Kaufmann seine Anweisung von mir in Empfang nehmen mag.

In Portsmouth verließen uns auch diejenigen, welche ihre Reise nach Frankreich fortsetzen wollten und Alle nahmen einen recht innigen Abschied von uns. Der Wahrheit gemäß muß ich bekennen, daß mir derselbe mit wärmeren Ausdrücken als vielen Andern zu Theil wurde, indem man mir die Ehre erwiesen hatte, mir den Titel: leading soul of the company (leitende Seele der Gesellschaft) beizulegen — eine Folge des Champagner Geistes. Bei dieser Gelegenheit muß ich bemerken, daß ich mich zwar oft auf Paqueten in Gesellschaft vieler Passagiere befunden, aber nirgends diese Eintracht und Herzlichkeit wie hier bemerkt habe. Auch der Capitain äußerte sich auf dieselbe Weise gegen mich, dessen Urtheil um so ehrenvoller ist, da er das erste Dampfschiff Syrius nach Amerika geführt hat, weshalb man ihn auch in den sämmtlichen Amerikanischen Staaten zum Ehrenbürger ernannte und seinen Namen in den Annalen aufzeichnete.

Von Gravesand aus mußten wir uns, wegen Mangel an Wasser, in der Themse ein kleines Dampfschiff miethen, indem wir sonst wohl 24 Stunden später in London angekommen wären. Der erste Steuerbeamte unseres Dampfschiffes expedirte einen Untergebenen mit unsern Effecten nach London ab; es wurde ihm ein Verzeichniß über Alles mitgegeben, welches er in London zur Bescheinigung vorlegen und zurückbringen sollte. Dieses schwerfällige Verfahren war für die Passagiere sehr unbequem. Man denke sich, welche Zeit dazu erforderlich war, das Gepäck von einer so großen Anzahl Reisender, wovon Niemand weniger als drei, Manche vier bis fünf Stücke hatte, vom Ufer nach dem Revisions-Saale hinzuschaffen und dies um so mehr, da nur vier Träger hierzu kommandirt waren, und der Ueberbringer darf nicht eher zur Ueberlieferung schreiten, bevor nicht jedes der mitgebrachten Stücke im Saale da liegt: mehrere Stunden vergingen, ehe das Geschäft beendet war. Sämmtliche Herren warteten im Nebenzimmer des Saales, aus welchem eine Thüre nach jenem führt und eben so an der andern Seite die Damen. Nach dem Verzeichniß der Angelangten, welches der Beamte von Gravesand mitgebracht hat, werden jene nun, der Reihe nach, aufgerufen und in den Saal hineingelassen. In den Gehirnen der sämmtlichen Revisoren befinden sich vermuthlich brennende Cigarren, und da Cigarren als Monopol der Regierung zu betrachten sind, indem für jedes Pfund neun Sch. (etwa drei Thlr.) Steuer gezahlt wird, so sehen die Revisoren in den Koffern, Säcken u. s. w. nichts als Cigarren.

Da ich nur einige Tage in London zu verweilen mir vorgenommen hatte, so nahm ich nur so viel Cigarren mit, als ich auf meiner Reise bis nach Hamburg nöthig zu haben glaubte. Sie wurden gewogen und das Gewicht auf 14 Unzen angegeben. Beim Fortgehen wurde ich vom Beamten an Bezahlung der Steuergefälle für diese Cigarren erinnert, welche auf 10 Sch. (3½ Thlr.) bestimmt wurden. Vertraut mit der Landessprache und den Gesetzen, erlaubte ich mir, gleich einem Eingebornen, den Steuerbeamten auf seine gesetzwidrige Forderung aufmerksam zu machen und die ihm gemäß der Constitution gebührenden Verweise zu geben. Hierauf erwiederte derselbe mit großer Gelassenheit: „Wenn Sie sich als Reisender zur Einführung einer Quantität Taback unter einem Pfund an Gewicht berechtigt glauben, so bezahlen Sie nichts dafür.“ Dies geschah denn natürlich.

Sollte die englische Regierung nicht vielleicht noch einmal auf den Einfall kommen, zum Wohl und zur Erleichterung der Reisenden eine Revision wie die in Belgien einzuführen? Der Verfasser langte einst zu Antwerpen in Gesellschaft von 140–150 Passagieren an und überzeugte sich, daß sämmtliches Gepäck und Pässe in Zeit von einer ½ oder höchstens ¾ Stunde durch zwei Beamte, welche sich sogleich nach Ankunft des Dampfschiffes auf demselben eingefunden hatten, revidirt wurden.

Mein Aufenthalt in London war, wie immer, nur von kurzer Dauer, da ich diesem bewundernswürdigen Orte nie Geschmack abzugewinnen vermochte. Es geht mir beinahe mit London, wie dem Philosophen Mendelssohn mit dem Schachspiel; er urtheilte, daß es als Spiel zu viel, als ernsthafte Sache zu wenig sei. Eben so ist mir London als Stadt zu groß, als Königreich aber zu gering; die unendliche Anzahl der Wagen und Karren in der City vom Mittag an bis um fünf Uhr Nachmittags muß Einem lästig werden.

Die Caledonia nach Hamburg! hieß es, ein überaus rasches, der general steam-navigation-Company zugehöriges Schiff, in welchem sich mit jener Eigenschaft Pracht und Herrlichkeit vereinigt haben. — Allein was fand ich, als ich mich Morgens früh in die untern Räume begab, in welchen die Ausstreckplätze für Reisende sich befinden? Eine finstere Höhle, in welcher sich bereits sämmtliche Mitreisende am vorigen Abend eingefunden und auf das Lager ausgestreckt hatten, eine Höhle, angefüllt mit pestilenzialischen Gerüchen von altem Maschinen-Fett, von abgestandenem Seewasser u. s. w. Mir wurde beinahe übel davon und ich mußte dem Decke zueilen, um zur Besinnung zu gelangen. Zwei Nächte sollte ich hier zubringen? Nachdem ich eben die Brittish Queen und eins von den ersten Hotels verlassen hatte, mußte ich mich mit einem Orte begnügen, ähnlich dem, worauf die Arbeitsleute Londons für einen Pence schlafen. Indeß die Vernunft gebietet, Alles zu nehmen, wie es ist und davon zu abstrahiren, was es sein könnte; dieser Vernunftlehre folgte ich und fühlte mich daher nicht so unglücklich, wie mehrere meiner Reisegefährten, von welchen ich nur einige sehr hohe russische Staatsbeamten, einen General und einen Kaiserlichen Leibarzt, anführen will. Diese fühlten sich in der That sehr unglücklich und um nicht in jener mit grauenvollen Gerüchen überfüllten Höhle zu schlafen, legten sie sich unentkleidet auf die Sopha’s in der obern Cajüte.

Am zweiten Tage zerbrach eine Maschine dieser prächtigen Caledonia, dennoch kamen wir weit rascher vorwärts als auf der Hinreise nach Hull mit den geschwinden zwei Maschinen der Rob Roy. Bald freute ich mich zu sehen, daß die hamburgischen Bootsleute noch gesund waren, uns rasch der Caledonia entführten, und bald überzeugte ich mich, daß sie den Werth der holsteinischen Zwei-Drittelstücke noch kannten, dies auch leider schwerlich bald verlernen werden.

Da saß ich nun endlich wieder an der table d’hote bei dem freundlichen Wirth des Hotels St. Petersburg in der Mitte von Hamburgern. Wie ich schon früher wiederholt gethan; so nahm ich auch jetzt Gelegenheit, gegen das Verfahren der hamburger Regierung bei der Brief-Versendung nach England mich dahin auszusprechen: „daß es weit sicherer und zugleich auch vortheilhafter für Deutschland sein müsse, seine Correspondenz statt in einem für Reisende ganz ungeeigneten Dampfschiffe, lieber in einem von Hamburg aus besser ausgerüsteten, unter Aufsicht des Hamburger Postamts, befördert zu wissen. Dadurch würde der englischen Regierung das Amt eines General-Postmeisters für diesen Theil der deutschen Schifffahrt streitig gemacht und auch der Willkühr der general steam-navigation-Company in Erhebung des Passage-Geldes Schranken gesetzt.“ Obgleich die Zuhörer mir beipflichteten, so bin ich doch überzeugt, daß es beim Alten bleiben wird, weil in Hamburg in einem weit höhern Grade gemeiner Geist als Gemeingeist herrscht, was wohl dem Umstande zuzuschreiben ist, daß es auch daselbst zu viele Commissionaire giebt. Es wird Manchem unglaublich scheinen, wenn ich versichere, daß die größere Hälfte der Bevölkerung auf direktem oder indirektem Wege von Commissionsgeschäften nicht allein leben, sondern auch groß leben und zwar nicht selten 3–4 Familien von einem und demselben Geschäft. Da giebt es Quartiers-Leute, Litzenbrüder, Mäkler u. s. w. in Legionen, welche Alle zur Erhaltung der Commissionaire auf das kräftigste wirken. Wer diese Wirksamkeit belohnen muß, ist sehr klar. Sollte indeß Hannover dem Zollverbande einstens beitreten, welches für diesen höchst wünschenswerth sein muß, weil er durch Embden einen Landungspunkt in der Nordsee erlangte, so dürften für Hamburg nach so viel fetten Jahren die magern nicht fern mehr sein.

Verbesserungen.

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26 24 statt einem brennenden Cigarren, lies: brennender Cigarr
33  3 Handelsstand bier, Handelsstand hier,
46 20 the hole in the wale, the hole in the Wall
52  2 Gäng und Gäbe, Gang und gebe
64 25 40 Millionen, 140 Millionen
66 19 Umstände, Bestände
67 30 aus Spekulation, auf Spekulation
74 33 aufgetrieben, aufgerieben
75 19 95 Piaster, 98 Piaster, wie S. 1.

Gedruckt bei A. W. Hayn.