5.
Von Wildenthal über Eibenstock nach Ober- und Unterblauenthal.

Das Hammerwerk Wildenthal liegt nicht übel in einem tiefen Thale, an dem einen Fuße des Auersbergs. Das Herrschaftshaus, hinter welchem sich eine waldleere, grüne Bergseite, mit einem am Saume des Waldes hervor stehenden Hause, erhebt, nimmt sich vorzüglich gut aus. Ueberhaupt herrscht eine auffallende Thätigkeit und Lebhaftigkeit in diesem einsamen, wildromantischen Thale; das Geräusch der Hämmer, des Fuhrwerks, des Wassers, der dazwischen tönende Klang der kleinen Glocke, – und wer zählt all das Geräuschvolle in diesem Thale hier auf? –

Sehr angenehm aber ist vorzüglich von hier aus der Weg nach Eibenstock zu.

Nicht weit von dem Wirthshause geht man über eine Brücke, unter welcher sich ein röthlicher Bach über Granitblöcke schäumend wälzt und in kleinern Gräben dann auf die Räder vertheilt, welche hier in einigen Hütten gehen. Zugleich senkt sich hier das Thal tiefer, so daß man jetzt an der untern Seite eines Berges fortgeht und den Rest des weit hinab sich dehnenden Thales zur Rechten hat. Der Weg zieht sich links an dem hohen Gebirge hin, ist eben und fest, und so über eine Stunde fast lang zu beiden Seiten abwechselnd und gemischt von Buchen und Tannen beschattet. Je weiter man wandert, desto angenehmer wird es; große, bunte Felsenblöcke ragen dicht zwischen den hochstämmigen Fichten, Buchen und Tannen, welche die linke hohe Gebirgsseite bis zum Wege herab beschatten, hervor; von da senkt sich sogleich der dunkle Wald wieder hinab in das Ende des Thals, aus welchem das Gemurmel des Waldbachs dringt. Gebrochene Tannen liegen trauernd hier und da, und durch die Lücken der Waldung sieht man drüben die kahlen, oft von Buchenhölzern und Felsen belebten, übrigen verschiedenen Gebirgsseiten hervorragen, vorzüglich den Abfall des Auersberges. Hier herum wachsen viele stärkende und gesunde Kräuter, deren Duft zur Abendzeit im Sommer den Geruchsinn lebhaft ergötzt.

Ich wanderte diesen Weg einst in einer warmen, mondhellen Sommernacht; aber es war schaurig, der Mond bildete allerlei Gestalten, die tiefste Stille herrschte, nur vom Gewimmer flatternder Eulen unterbrochen, der Bach rauschte unten so einförmig dahin; ich war allein, und damals von düstern Gedanken umlagert. Aber es war dennoch schön, eben dieses schauerliche Wesen schuf mir Genuß! Auf einem hohen Felsenblocke saß ich, mitleidig stahl durch den Raum schwarzer Tannen des Mondes bleicher Strahl sich zu mir herab, mit trübem Blicke sah ich die glückliche Vergangenheit im fliegenden Rosengewande vorüber schweben und trauernd blickten auf mich die geschiedenen Freuden, – als ich auf einmal langsam Tritte daher schallen hörte, ich fuhr empor. – Ein alter Mann gieng vorüber und eilte erschrocken zurück, als er mich gewahrte. Ich lief auf ihn zu und beruhigte ihn. »Ach! mein lieber Herr, – meinte er in seiner Einfalt, – hierum ists auch nicht richtig!« – Ich lächelte für mich und gab blos meine Neugierde zu erkennen, weil es eine vergebliche Mühe ist, alte Leute von dem Glauben an wandelnde Geister zu heilen. Er gieng einen Weg mit mir und erzählte mir folgendes Mährchen:

»Vor vielen hundert Jahren, da hier noch alles menschenleer und wild war, verirrte sich in dieser Thalgegend ein reicher böhmischer Graf, welcher von einem Feste, das ein Reußischer Fürst gab, mit seiner Tochter nach Böhmen zurück kehrte. Er war mit der schönen Tochter von seinem Gefolge abgekommen und hatte sich auf diese Art mit ihr verirrt. Beide waren zu Roß, aber da sie in dieser Wildniß nicht mit den Rossen durchkommen konnten, banden sie dieselben an und giengen um auf einen Weg oder auf ihr Gefolge zu stoßen. – Es war Nacht, Alles dunkel und finster, kein Stern stand am Himmel und so geriethen sie abgemattet, hungrig und durstig an den Ort, wo ich erst saß und wo der große Felsenblock liegt. – Der Graf war ein böser Mann, der seine Unterthanen drückte und quälte, manche Jungfrau, manches Weib schon unglücklich gemacht hatte und stets in Schwelgerei lebte. Er fieng auch jetzt an, zu fluchen und zu toben, als er sich verirrt sah und lästerte den Namen Gottes; aber seine Tochter, ein gutes, frommes Kind, betete zu Gott, daß er sie und ihren Vater aus dieser Wildniß erretten möchte. Den bösen Vater verdroß ihr Gebet, er zog das Schwerdt und gebot ihr unter den gräßlichsten Drohungen, zu schweigen; aber sie betete in ihrem Herzen fort. Endlich wurde es plötzlich hell, wie wenn der Mond scheint, – ein fremder, großer Ritter in schwarzer Rüstung stand vor ihnen und sprach: »Graf! so du mir dein Kind giebst, will ich dich erlösen aus allem Ungemach: ich bin ein Rittersmann, nicht weit von hier liegt meine Burg!« – Und der Graf antwortete: »Wohl will ich dir die Dirne überlassen, so du mich aus der Wildniß geleitest.« Aber das Mädchen zitterte heftig und betete zu Gott. Da sprach der schwarze Ritter: »Ich habe keine Gewalt an ihr, doch du bist reif, grausamer Vater! Deine Zeit ist vorbei, du mußt mit mir von hinnen!« – Ob dieser Worte entbrannte der Graf in seinem Zorne und hob das Schwerdt. Aber der schwarze Ritter grinzte ihn schrecklich an, und, als der Graf auf ihn zustürzte, ergriff er einen großen Felsenblock und schleuderte ihn auf den Grafen. Dieß ist der Block, den man heutiges Tages noch links am Wege sieht, darunter soll nun der böhmische Graf liegen. – Der schwarze Ritter war – der Satan, welcher alsbald mit Gestank und Dampf verschwand. Aber vom Himmel stiegen die heiligen Engel hernieder, trugen die fromme Tochter aus der Wildniß und heim auf ihr Schloß nach Böhmen. Zum Andenken an diese Begebenheit stiftete sie ein Kloster, welches aber im Jahr 1507. von einer Räuberhorde verbrannt und zerstört wurde.« –

Dieses Mährchen hat freilich viel Lücken, aber um der Gegend willen, welche ich schilderte, rücke ich es hier mit ein. – Am Ende dieses schönen Weges, nämlich bey den Eibenstöcker Feldern, wo die Poststraße einen großen, bogigen Umweg macht, hat man die Aussicht theils auf die vor uns liegenden, sich ausbreitenden Fluren, theils auf Berge, Wälder, Felsen und Häuser, welche vermischt in einem Halbrunde sich darstellen.

Man geht nun auf dem Fußsteige fort, welcher sich bei einer Mühle vorbei zieht. Rechts senken sich die Wiesen tiefer hinab bis an den Saum des Waldes und an diesem Saume ragt ein ziemlich hoher, ruinförmiger Fels auf einer kleinen Anhöhe auf, welches einen schönen Anblick gewährt.

Jetzt kommt man durch ein kleines romantisches Wäldchen von Tannen und Laubholz, welches rings herum von Feldern eingeschlossen ist; mehrere Felsentrümmer liegen hier und da, angenehm und vielfach ertönen der Vögel Gesänge und die Liebe scheint hier mit ihren süssen Geheimnissen zu weilen. Mehrere kleine Gräben durchschneiden die nahen Wiesen zur Wässerung, welches, wenn die Sonne das Wasser in Silber verwandelt, herrlich aussieht; und nun weiter vorn kommt man wieder auf die Straße und erblickt Eibenstock.

Eibenstock ist gewissermaßen in einem Halbrund gebaut, auf der einen Seite ziemlich eben, auf der andern aber ziehen sich die Häuser etwas bergab, und steigen zum Theil dann wieder an einem Berge auf. Im Ganzen ein recht schöner Anblick. Uebrigens ist die Gegend um Eibenstock nicht etwa schlecht, aber man findet auch keine besondere merkwürdige Gegenstände welche eine nähere Schilderung verdienten. –

Der Weg von Eibenstock bis Oberblauenthal, ein Eisenhammerwerk an der Mulde, ist auch sehr unterhaltend.

Bis an den Wald vor Oberblauenthal hat man nun wieder allerlei Berge, Wälder und Gefilde vor den Augen, doch in dem Walde selbst herrscht eine angenehme Kühle und Abwechselung, und wenn man eine Strecke darin fortgegangen ist, senkt sich der Weg allmählich einen ziemlichen Berg hinab. – An dem Ausgange der Waldung wird man auf die angenehmste Weise durch den Anblick des Hammerwerks überrascht.

Dieses sieht man vor sich in einem engen Thale, auf dem obern Theile der Gebirgsseiten von Waldung fast überall umgeben; an den Bergen herab und unten breiten sich Felder und Wiesen aus, durch welche sich die Mulde, an ihren Ufern mit Gebüschen geschmückt, hindurch schlängelt. Die gewöhnliche Lebhaftigkeit und all das geschäftige Wesen auf solchen Hammerwerken, das Rauschen mehrerer Bäche, alles dieses erhöht auch hier den schönen Anblick und giebt ihm viel anziehendes. Wenn man den Berg vollends hinunter gestiegen ist, hat man unten wieder eine interessante Ansicht von dem Thale.

Da, wo die Mulde hervorfließt, bildet hinten die schwarze Waldung ein schönes Halbrund, welches sich, je höher es steigt, in lichteres Grün verwandelt. Zur Seite sieht man den steilen Fuß des Berges, von welchem man herab kam, an seinem Ende nimmt man junge Fichtengebüsche und weiß hervor ragende Sandsteine wahr. Weiter hin, der Mulde entgegen, ragt ein großer, kahler, felsiger Berg majestätisch hervor, einzelne hohe Tannen zieren seinen Scheitel, an seinem jähen Fuße breiten sich bebuschte Wiesen aus, durch welche in einem schönen Bogen die Mulde sich windet. Der Anblick dieses blaßroth grauen Berges, ist so auffallend, als schön: aber auch hinter ihm ragen noch in der Nähe einige solche Berge, nur oben mit mehr Waldung, und unten aus der weiten Schlucht schimmert das schöne, herrschaftliche Gebäude des Hammerwerks Unterblauenthal hervor, welches zusammen gewiß ein angenehmer Genuß für das Auge ist. –

Dahin nun richte man seine Schritte selbst und betrete den Weg, welcher durch Erlengebüsche oft hart an dem felsigen Ufer der Mulde sich hin windet.

Unterblauenthal liegt fast noch angenehmer, als Oberblauenthal; freilich kommt es hier auf das Urtheil eines Jeden selbst an, der diese Gegenden durchwanderte und kennt. Von Unterblauenthal, vorzüglich von dem sogenannten Herrnhause aus, hat man die schönste Aussicht durch das ganze lange Thal hinab; ich sage es noch einmal, die schönste, vortrefflichste Aussicht hat man hier. –

In Merkels, von Engelhardt neu herausgegebener Erdbeschreibung von Sachsen im ersten Bd. S. 201. ließt man Folgendes:

»Die Gegend über Eibenstock, Johanngeorgenstadt, Wiesenthal, Jöhstadt u. s. w. bis nach Böhmen auf der einen, und bis ins Voigtland auf der andern Seite, nennt man gewöhnlich (??) das Sächsische Siberien, ein Name, der freilich paßt, wenn man jene Gegenden mit Meisnischen oder Thüringischen vergleicht. Denn man erblickt dort, ausser etwas kärglichem Ackerbau, fast nichts, als Wald und Wüstung. Der Schnee liegt gewöhnlich 2–3 Ellen, in den Hohlwegen wohl 20–30 Ellen, tief, und schmilzt immer erst spät im Frühjahr, oft kaum vor Johannis. In einer Nacht verschneit gleich Haus und Hof, daß ein Meisner oder Thüringer etc. nicht wissen würde, ob er in Sachsen oder Siberien sei.« – –

Da Herr Engelhardt das Meiste aus handschriftlichen Nachrichten erfahren hat, so mag die angeführte Stelle auch aus einer dergleichen Nachricht vielleicht herrühren. Denn der verdienstvolle Herr Herausgeber würde sich gewiß bedacht haben, dieses einzurücken, wenn er die Gegenden bei Johanngeorgenstadt und Eibenstock durchwandert hätte, und Derjenige, welcher ihm jene Nachricht überschickte, hat entweder dabei besondere Absichten gehabt, oder er ist nicht weiter, als vor die Thüre gekommen. – Mir sowohl, als mehrern unpartheiischen Erzgebirgern, welche die Gegenden gewiß kennen, in welchen sie leben, kam es sehr lächerlich vor, daß man wähnen kann, in diesem Theile des Gebirges bloß kärglichen Ackerbau, Wald und Wüstung zu erblicken; daß ferner der Schnee in den Hohlwegen 20–30 Ellen tief liegen soll. Das ist nun wahrlich übertrieben! – Denn man stelle sich nur vor, wenn der Schnee 20–30 Ellen in den Hohlwegen liegen soll, müssen diese natürlich selbst so tief seyn;39 aber ich kann behaupten, daß es in dortiger Gegend nicht einen solchen Hohlweg gebe. Der Boden ist steinigt und fest, und kann so tief gar nicht durchgefahren werden, man würde sehr bald auf Felsen stoßen, womit die ganze Gebirgskette versetzt ist; übrigens ist auch das Fuhrwesen gar nicht so stark und häufig. Der Begriff überhaupt, welchen man hier den Meisnern und Thüringern von dem obern Erzgebirge geben will, ist nun wohl ein wenig überspannt und falsch. Nicht ein Winter ist wie der andere, und man findet, wenn im Gebirge ein großer Schnee gefallen ist, auch in Meißen und Thüringen nicht wenig, wie ich sehr wohl weiß. – Es giebt sogenannte Spaßvögel, welche in den andern sächsischen Provinzen die fadesten Lügen40 von dem obern Erzgebirge gesagt haben. Verständige Leute sollten daher nicht Alles unbedingt glauben, das Ungewöhnliche nicht für das Gewöhnliche halten und weniger partheiisch seyn!! –