6.
Der Weg von Sosa nach dem Schindlerischen Blaufarbenwerke.

Von Unterblauenthal kommt man nach Sosa, ein ziemliches Dorf, dessen Einwohner sich theils vom Bergbau und Spitzenklöppeln, theils aber vom Arzenei verfertigen und Vitriolbrennen nähren. Man trifft, sogar in den entferntesten Gegenden, bisweilen Bergleute mit Arzeneikästen, welche meistentheils aus Sosa sind. Eigentlich sind es keine gewöhnlichen Bergleute, sie kleiden sich blos aus besonderer Anhänglichkeit in bergmännische Tracht.

Sosa liegt in einem schönen Thale, zwei Stunden von Johanngeorgenstadt, von einem Bache durchschnitten und auf den beiden Bergseiten von Feldern und Büschen umgeben. An dem untern Ende des Dorfes fängt sich ein dichter, finstrer Wald an, welcher sich bis an den Ausgang des Thales fortzieht und wodurch der Weg nach dem Schindlerischen Blaufarbenwerke geht. Aber man stelle sich unter Weg hier ja nicht das vor, was eigentlich mit diesem Begriffe verbunden ist. Es ist vielmehr ein ganz schmaler, oft steiniger, oft lehmiger Pfad, der hier und da plötzlich verschwindet und eben so plötzlich wieder sich zeigt; Gestrippe und Aeste verwirren des Wanderers Fuß, daß man äußerst vorsichtig gehen muß, um nicht Schaden zu nehmen. – Man geht dem Waldbach anfänglich immer rechts zur Seite, aber weiter unten muß man öfters herüber und hinüber springen, um fortkommen zu können. Es ist ein schauerliches, stilles Thal, welches man hier durchwandert, nur selten sieht man den Himmel, kein Vogel singt hier, kein Blümchen duftet hier, ewiger Wald bedeckt Alles mit grauenvoller Finsterniß und eine Kühle, wie in Leichengrüften, herrscht darin. Banger Schauer schüttelte meine Glieder, in unerklärbarer Furcht pochte mein Herz, als ich das erstemal dieses Thal durchwanderte; oft sah ich mich ängstlich um, jedes Knarren einer alten Tanne, jedes unbedeutende Geräusch erschreckte mich Einsamen, kein lebendiges Wesen war zu erblicken, und dennoch freute ich mich in der Beklommenheit meiner Brust dieses wilden Thals. Bald mußte ich über schlüpfrige Wurzeln, bald über Gestripp und Steine klettern, bald über den Bach setzen, bald durch dichte Gebüsche mich drängen, bald auf einem handbreiten Ufer, an herab hängende Aeste mich festhaltend, klimmen, bald hinan, bald herabsteigen. Weiter unten erhoben sich zu meiner Linken weißgraue Felsen aus dem grünen Dunkel empor, welche hier und da mit Moos bedeckt waren. Dieses überraschte mich sehr, und nach einer kleinen Strecke kam ich an einige schlüpfrige über den Bach gelegte Hölzer, auf welchem Wege ich dann einen Fahrweg erreichte, der bis an den Ausgang des Thals führt. So sehr Furcht und Grauen das Herz des Wanderers füllten, als er sich in diesem langen, schauerlichen Thale einsam und verlassen sah: um so größer war die freudige Ueberraschung und das Erstaunen bei dem Ende dieses Thals.

Aus dem schaurigen Dunkel des schweigenden Forstes trat ich plötzlich in ein breites, grünes, freundliches Thal, durch dessen Mitte hinab die Mulde sich schlängelte; Blumen prangten hier, Vögel sangen fröhlich, die Wellen des Flusses schlugen plätschernd an die Ufer, über mir war so rein und klar der Himmel ausgespannt und eine warme Luft umwehte mich. Ich kann nicht sagen, wie angenehm ich überrascht war, mit welchen frohen Gefühlen ich umherblickte; mir war, als sei ich einer Gefahr entgangen, als käm ich aus dem Todtenhaine des Tartarus in die freundlichen Gefilde Elysiums. – Zu beiden Seiten sah ich die sehr hohen Gebirge mit vermischter Waldung bedeckt, an deren Saum hier und da Felsen von Buchen umschattet aufragten; vor mir erblickte ich das große, steinerne Wehr, auf dessen mittelsten Pfeiler ein weißes Monument daher blinkte, welcher Anblick ausserordentlich viel romantisches in sich faßt. Ich gieng nun weiter und kam auf das Wehr, welches zugleich eine Brücke über die Mulde bildet. Es ist aus lauter Quaderstücken auf dem felsigen Bette des Flusses gebaut und man hat hier zugleich den angenehmsten Anblick eines, wenn auch nicht hohen, aber doch starken, Wasserfalls; mit Pfeilesschnelle strömt das klare Wasser über die schrägen Quadersteine und stürzt dann schäumend und siedend sich in die klippenvollen Bassins hinab, wo es nun murmelnd weiter fließt. Ein dumpfer, ewiger Donner herrscht hier. Das weißmarmorne Monument auf dem mittlern Pfeiler ist einfach und geschmackvoll; es ist zur Erinnerung an den verstorbenen, verdienstvollen Factor Bauer auf dem Schindlerischen Blaufarbenwerke errichtet. In einem Oval ist eine lateinische Innschrift, welche sich ungefähr so anfängt:

En petrarum molem perennem! Perennis quoque sit memoria etc.

Die Mulde fließt hier hart an dem waldigen Fuße des Gebirges linker Hand fort, welches sehr schön in die Augen fällt. Man geht nun über das Wehr und immer den Weg an einem starken Bache fort, welcher von der Mulde abgeleitet ist und die Räder auf dem Blaufarbenwerke treibt. Zu beiden Seiten ist man von Erlen und Haselgebüschen umgeben, lachende Wiesen breiten sich aus, immer steiler und höher werden die Gebirge, tiefer wird das Thal und Alles schöner und freundlicher. – Jetzt sieht man das Blaufarbenwerk, weiße Dampfsäulen steigen empor, eine Menge dichter Holzstöße umschanzt es; die Gebäude sind gut gebaut und das ganze Werk überhaupt schön angelegt, welches Alles in diesem schönen Thale auf die angenehmste Weise sich darstellt. Das Schindlerische Blaufarbenwerk liegt an dem Fuße des Steinbergs, eines sehr hohen, steilen Berges, welchen Waldung und allerlei gestaltete Felsenblöcke bedecken. Es ist sehr angenehm daselbst und man findet vortreffliche Spatziergänge.

Der Weg geht jetzt hinter dem Werke vorbei und steigt ein wenig an, so, daß die ganzen Gebäude tiefer unten liegen. Weiter hin geht jetzt ein Weg den steilen Berg hinan, man kommt auf demselben nach einem kleinen Dorfe Albernhau;41 der andere Weg geht gerade auf dem Fuße des Gebirges fort, daß man immer noch am waldigen, steilen Ende des gegenüber ragenden Gebirges die Mulde zur Seite hat. Dann kommt man bei dem Floßhause vorbei, wo sich ein Floßgraben42 anfängt, welcher durch mehrere Thäler fließt und dann in Schlema bei Schneeberg sich endigt. –

Von hier kommt man endlich an die sogenannte Muldenbrücke, welche überbaut ist und hart an einem Felsen anstößt, durch welchen ein tiefer, wagenbreiter Weg gehauen ist, welches sehr schön aussieht; im heißesten Sommer herrscht in diesem Felsenwege die angenehmste Kühle. Hier hat man eine herrliche Aussicht hinab auf das Thal, wo auf der einen Seite durch Wiesen, auf der andern die Mulde an Felsengethürme sich dahin schlängelt, an welcher man öfters Leute mit Angeln sitzen sieht. Einzelne Waldung bedeckt die Berge und weiter unten macht das Thal einen schnellen Bogen, daß es scheint, als endige es sich hier; Tannen und Fichten verhüllen Alles und in das dunkle Grün verschwindet hier die Mulde.

Der durch den Felsen gehauene Weg steigt jetzt einen ziemlichen Berg auf und ist bis zur Hälfte gepflastert; er führt nach dem nicht weit entfernten Dorfe Bockau. –

Diese Wanderung von Sosa aus gewährte mir viel und mannichfaltigen Genuß. Der Uebergang vom Schauerlichen und Wilden zum Freundlichen und Sanften, die immer neuen Abwechselungen, die Ruhe und der Friede in dem reizenden Muldenthale that meinem Herzen so wohl, daß ich mit Petro ausrief: Hier will ich mir Hütten bauen!