2.
Das Gerichtswäldchen und das Hammerholz.

Wenn man an das Schießhaus kommt, sieht man gegen Nord-Ost auf einer sanften, von Feldern eingeschlossenen, Anhöhe ein kleines Wäldchen, welches das Gerichtswäldchen heißt; ehedem war nämlich daneben der Gerichtsplatz und noch 1799. stand eine Radsäule da. Jetzt aber ist alles urbar gemacht, und man sollte überhaupt überall die Brandmale der Menschheit demoliren und alle Gerichtsplätze urbar machen, damit aus dem Boden, der Verbrecher-Blut trank, für die Menschheit wenigstens noch einiger Segen keime. Und soll ja ein Verbrecher hingerichtet werden, so wird sich gewiß noch ein Plätzchen finden. Aber daß man besondere, eingerichtete Plätze und schön gemauerte Galgen noch hat und darauf hält, dieß läßt schließen, daß man von den Menschen, also von sich selbst, Alles fürchtet und nichts hofft. So bauen sich die Menschen ihre eigenen Schandmäler! –

Doch von dieser kleinen Ausschweifung kommen wir wieder zurück und auf den Weg, welchen wir nach dem Gerichtswäldchen hin betreten haben, nämlich die Lindenallee vom Schießhause an. Es ist Schade, daß diese Allee so ungleich und bisweilen holpricht ist, daß sie nicht besser conservirt wird; sonst hat sie manches Angenehme. Zu Anfange hat man rechts die Hopfenplantagen, um welche sich der verstorbene Kaufmann Etler so verdient gemacht hat und wodurch dem Brauwesen in Schneeberg kein geringer Vortheil erwachsen ist. Weiter unten geht es sich, an einem schön gezogenen Fichtenzaune vorbei, äußerst angenehm durch den duftenden Hopfengarten. Ueberhaupt ist die Partie um das Schießhaus nicht übel und könnte bei einer gewählteren Anpflanzung der Lauben und mehrerer verschiedenartiger Bäume recht schön genannt werden.

Jetzt sind wir da, wo sich die Allee verliert und, links nach dem Keilberge zu, ein Fahrweg sich abbeugt, welcher über Langenbach nach Wildenfels hinführt. Wir aber gehen immer den geraden Weg fort, bis wir auf der Höhe sind und eine, hinten von Waldung eingeschlossene, mit Wiesen und Gebüschen zum Theil geschmückte, seichte Thalfläche vor uns haben. Rechts nicht weit von der Straße erhebt sich ein kleiner, aber zum Sitzen und Umsehen bequemer, Fels; auf diesen zu gehen wir, ersteigen ihn und blicken uns um und haben eine neue Ansicht der Gegend; obgleich zwar die Aussicht nicht weit ist, so ist sie doch immer schön genug und abwechselnd.

Vor uns gegen Mittag sehen wir Schneeberg ausgebreitet, hinter welchem der Rücken des nahen Gebirges hervorblickt und weiter hinten am Horizonte ragt aus der Mitte waldiger Berge in ungewissem Grünblau der Auersberg auf. Rechts hinter dem ausgebreiteten Keilberge blinkt die Griesbächer Kirche von der waldbekränzten Höhe herüber, hinter uns breitet sich die schon erwähnte Fläche bis an den aufsteigenden Wald hinab. Links aber nicht weit von uns sehen wir das Gerichtswäldchen, hinter welchem in größerer Entfernung der auf einer Seite waldige Kleesberg mit seinen zwei Tannen sich erhebt und dann als ein, mit Feldern und Häusern sich ausbildendes, minder steiles Gebirge sich hinabzieht und Schlema auf der Morgenseite einschließt. Gegen Morgen zu liegt das Hammerholz und hinter demselben dehnen sich allerlei Berge dahin, auf und an welchen man theils Wälder und Fluren, theils einzelne Häuser und Dörfer wahrnimmt, unter welchen letztern sich wiederum das hohe Bernsbach ausgezeichnet darstellt. Im Ganzen enthält diese Aussicht hier genug Angenehmes und Abwechselndes. Bei dem Felsen, auf welchem wir stehen, finden sich mehrere Vertiefungen und Halden ähnliche Hügel, woraus man sieht, daß hier in den ältern Zeiten eine Zeche gewesen seyn muß.

Nun steigen wir wieder herab und gehen auf einem sparsam betretenen Fußsteige auf das nahe Gerichtswäldchen zu, welches, wenn es auch kalten und gefühllosen Modeseelen gleichgültig scheinen mag, dennoch für den Freund der Natur viel Anziehendes hat. –

Es dehnt sich dieses Wäldchen auf dem höchsten Puncte der Anhöhe gegen Morgen hinab und ist rings herum von Aeckern und Feldern umgeben. Oben ist der Boden felsig und man hat eine angenehme Aussicht daselbst: der übrige Boden ist zum Theil begraßt und mit Blumen und Beersträuchern bewachsen. Die Bäume auf der obern Seite sind hohe Kiefern und alte Buchen, in welchen letztern man viele Namen und Buchstaben eingeschnitten findet; auf der untern Seite breitet sich eine Anpflanzung junger Kiefern aus und fast in der Mitte erblickt man schattige Buchengebüsche, worin man Lauben mit Moosbänken antrifft. Dieses Gerichtswäldchen hat sehr viel Romantisches, und Liebende haben gewiß oft hier gewandelt und geweilt, wenigstens lassen dieses manche eingeschnittene Namensbuchstaben und die Beschaffenheit dieses Haines vermuthen. Uebrigens hat man eine herrliche, freie Aussicht hier und daher einen doppelten Genuß.

Nun gehen wir von da den breiten, begraßten Weg hinab bis an das vorliegende Guth und dann hinter dasselbe an dem lebendigen Zaune fort gegen das Hammerholz zu. Dieses Hammerholz ist ein in ein kleines Thal hinab- und auf der andern, hohen Seite wieder hinauf sich ziehender, Wald, von Fichten, Kiefern, Tannen und Buchen. Doch wir sind jetzt am Ende des erwähnten Zaunes, wo der Weg bergab geht und bald stehen wir vor dem Walde. –

Man betrete den Weg, welcher durch Fichten gerade hinab führt. Zur rechten Seite zieht sich parallel mit dem Wege eine kleine, grüne, von Gewässern durchschnittene und von den, auf beiden Seiten ragenden Bäumen, umdunkelte Schlucht hinab, an deren Ausgang links ein klarer frischer Quell zwischen den Gesträuchern hervor quillt und die Wiese tränkt, auf welche wir jetzt gekommen sind. Es ist ein überraschender Anblick, wenn man den kurzen Weg durch den Wald herab gegangen ist und nun auf einmal auf einer langen, beblumten Wiese sich sieht, welche ein von Hasel- und Erlensträuchern beschatteter Bach murmelnd durchfließt. Links oben ist diese Wiese in einem Oval von Waldung umgeben, hinter welcher sich ein röthlicher, steiler Berg aufhebt, dessen Scheitel ein dunkler Forst krönt; aus dem dunklen Grün der fernen Gebüsche schlängelt sich der Bach herab und belebt durch sein sanftes Murmeln, so wie die aus dem Walde tönenden Gesänge der Vögel, das einsame, freundliche Thal. Uns gegenüber hat sich die Waldung getheilt; eine grünende Anhöhe erhebt sich mahlerisch, auf welcher oben zwei schlanke, hohe Tannen ein schönes Thor bilden. Wo diese Anhöhe beginnt, vor uns rechts, ragt ein hoher bemooßter Fels, von hohen Fichten und Tannen zur Seite umgeben und auch auf seiner Höhe, (denn er ist mit dem dahinter steil aufsteigenden Gebirge verbunden,) breitet sich ein dunkler Wald aus und zieht sich so durch das Thal hinab. Rechts hinunter sehen wir den Ausgang des Thales und der Wiese, wo sich uns ein Theil von Schlema und das drüben mit Güthern und Fluren geschmückte Gebirge darstellt, auf dessen Rücken sich ein schwarzer Wald ausbreitet. O! gefühlvoller Leser, könntest du doch nur selbst dieses erfreulichen Anblicks genießen, was würdest du empfinden, welche Wonne würde deine Brust durchzittern! Die Sprache ist dazu zu arm! –

Nun gehen wir über den Bach und am Saume des Waldes linker Hand die Anhöhe hinan. Auf dieser Seite finden wir oben wiederum, im Gebüschen versteckt, eine kühle Quelle; jetzt wenden wir uns rechts und zwischen zwei vorragenden Waldspitzen, vor welchen die erwähnten beiden Tannen ein Thor bilden, und kommen nun erst auf den breiten Rücken der Anhöhe, wo wir wieder einen angenehmen Anblick haben. Wir sehen hier nämlich einen großen Theil des Schönburgischen Landes, einzelne Häuser und Dörfer, Fluren und Wälder, Berge und Thäler; vorzüglich nimmt sich das auf einer Höhe liegende Lösnitzer Schießhaus sehr schön aus. Wenn wir uns nach Mittag umkehren, sehen wir Schneeberg und einen Theil seiner Gegend, den Kleesberg und gegen Abend hin den hochliegenden Gerichtswald; vor uns breitet sich das Hammerholz in dem Thale aus und der ganze Anblick, den man durch das Thor der Waldung hat, ist ein lebendiges Panorama der Natur.

Wir treten den Rückweg an, wenden uns aber links auf die von allerlei jungen Buchen und Buchengebüschen beschattete Fläche des Berges, welchen wir zuerst im Thale uns gegenüber hatten und aus dessen waldigem Fuße jener Fels ragt.

Hier durch diese Buchengänge wandelt man äußerst angenehm; es scheint hier beinahe, als hätte die Kunst diese schlanken Buchen so angepflanzt und diese Gänge gebildet, lächelte nicht aus Allem die schöpferische Kraft und unnachahmliche Einfachheit der Natur hervor. Von sich selbst beugen und verweben sich junge Buchen zu schattigen Lauben und unverhofft ladet ein bemooßter Stein zur Ruhe; Vögel singen zärtliche Melodien aus versteckenden Grün und Schmetterlinge spielen über nickende Halme. Hier sieht man die Liebe verschlungen weilen, hier sie Blumen pflücken und Kränze in den Tempellauben aufhängen, zur Erinnerung einstiger Seligkeiten. Und wann der Mond sein Zauberlicht über die Gefilde gießt und die Schöpfung ruht, und sehnsuchtsvoll die Brust sich hebt – – Mir fielen Hölty's Worte ein:

Geuß, lieber Mond, geuß deine Silberflimmer
Durch dieses Buchengrün,
Wo Phantasei'n und Traumgestalten immer
Vor mir vorüber fliehn!
Enthülle dich, daß ich die Stätte finde,
Wo oft mein Mädchen saß,
Und oft, im Wehn des Buchbaums und der Linde,
Der goldnen Stadt vergaß! – –

Seitwärts drüben führt durch den Wald ein Weg hinunter nach Schlema, wo man beim Ausgange des Waldes auf dem Berge plötzlich durch den schönen Anblick des durch das Thal ausgebreiteten Dorfes überrascht wird. Der Weg durch Schlema nach der Stadt ist dann sehr angenehm und durch manche Abwechselungen unterhaltend.