3.
Die Eisenburg bei Willbach.

Der Weg von Schneeberg bis Willbach, einem schönen Dorfe, ungefähr eine starke Stunde von der Stadt gegen Mitternacht zu, hat allerlei Angenehmes. Man geht nämlich bei dem Schießhause vorbei jener Anhöhe zu, die wir schon betraten, wo der kleine Fels ragt und nicht weit davon das Gerichtswäldchen liegt; ein breiter Fahrweg führt uns ziemlich eben dann eine Strecke bis an die Gebüsche des Waldes fort. Hier wenden wir uns rechts auf den Pfad, welcher sich drüben am Saume des Waldes als breiterer Weg die Anhöhe hinan zieht. Das Gerichtswäldchen, das Hammerholz und die ganze Gegend gewinnt eine neue, auffallende Ansicht; vorzüglich schön nimmt sich der Anblick des, zwischen dem Fels und dem Gerichtswäldchen, hinter der Höhe hervor blinkenden Kirchthurms, so wie des daneben hoch ragenden, fast überall sichtbaren Kleesberges aus.

So gehen wir weiter und kommen auf die Willbächer Felder, welche sich freundlich über das breite Gebirge ausbreiten. Hier haben wir nun wieder eine herrliche Aussicht; Schlösser sehen wir auf Bergen ragen, worunter vorzüglich das Hartensteiner Schloß mit seinem umgebenden Buchenhain sich mahlerisch auszeichnet, – die Berge werden kleiner, wenige Wälder sehen wir, aber desto mehr fruchtbare Gefilde, und wo wir Wälder erblicken, bestehen sie meist aus Laubholz. So breitet sich an einem Gebirge der große Buchenwald hinab, in welchem man die Prinzenhöhle antrifft. Kurz, hier sehen wir das Fruchtbare, Gefällige und Freundliche des Erzgebirges beginnen; es fängt ein ganz neuer Styl der Gegend an, das heißt aber, jenseits der Mulde, welche hinter Willbach in dem tiefen Thale herab nach dem Schlosse Stein zu fließt. So finden wir in der Gegend um Willbach viel Interessantes. –

Um nun die Eisenburg zu finden, gehen wir nach der Kirche zu, also an das Ende des in einem seichten Thale herab sich ziehenden Dorfes, wo sich dann eine wilde Schlucht hinab dehnt und in den schwärzlichen Forst verliert. Willbach ist ein hübsches, schönes Dorf, wohin man aus Schneeberg vorzüglich zur Zeit, wenn die Kirschen reif sind, häufig wallfahrtet und auch außerdem hier eine Milch einnimmt. Was mir auffiel, weil ich es noch nie sah, war der Glockenstuhl; denn da kein Thurm auf der Kirche ist, (er müßte vor Kurzem darauf gebaut worden seyn) hängen die Glocken in einem besondern Schuppen neben der Kirche. Aber mir fiel blos ein, daß eine Kirche, welche Glocken besitzt, wenigstens einen zweckmäßigen Platz dazu, einen Thurm haben sollte, – wär er auch klein oder ein quid pro quo. Der Characterstuhl kam mir vor, wie ein neuer Dichter oder Schriftsteller; seine Werke haben vielleicht einen reinen und schönen Klang, – aber er kann sie nicht hoch genug hängen, um die literärischen pias fraudes zu läuten, daß der sehnsüchtig ausgestreckte Klingelbeutel von der Neugierde der selten kommenden Eingepfarrten und Filialdörfler desto schwerer werde. – Bei dem großen Pfarrhause und der kleinen Kirche gehen wir jetzt vorbei und bald sehen wir uns im Freien. Vor uns dehnt sich ein dunkler Wald aus und ein dahin führender Weg zieht sich am Rande der erwähnten, wilden Schlucht eine Strecke fort; dann kommen wir auf einem alten, rasigen Fahrweg, welcher hin zur nahen Eisenburg führt. Ein Schauer überfällt einen, wenn man in das schweigende Dämmergrün des Waldes tritt und unfern zwischen den Tannen und Fichten die Ruine der Burg und den dicken, verfallenen Thurm ragen sieht.

Diese Eisenburg war vor alten Zeiten ein Raubschloß und soll durch einen unterirrdischen, tiefen Gang, welcher sogar unter der Mulde weggehen soll, mit dem Schlosse Stein in Verbindung gestanden haben. Man hat aber noch keine Spuren dieses unterirrdischen Ganges entdecken können. Als der Kaiser Maximilian viele solcher Raubschlösser schleifen ließ, hatte auch die Eisenburg dieses Schicksal. Sie liegt auf einer Gebirgsecke an der Mulde, rings herum ist hoher Wald; aber man möchte fragen, ob dieser Wald auch sie in jenen alten Zeiten umgeben haben mag? – Ich glaube, nach der Beschaffenheit der Gegend und des Bodens, daß, wenn auch nicht dieser Wald sie umgeben hat, sie dennoch in einem dichten Walde versteckt gelegen habe, wie viel andre dieser Raubschlösser.

Man sieht noch den innern Hof, Pforten, Treppen und Hallen, so wie einen starken, nicht hohen Thurm, aber freilich zerstört und im Ruin. Aber diese Burg muß sehr fest gewesen seyn, welches man noch aus den traurigen Ueberresten wahrnehmen kann. Besondere Gefühle regen sich in der Brust, wenn man im trauernden Kreise dieser Ruine sich sieht, und wem Matthisons meisterhafte Elegie in den Ruinen einer alten Bergveste bekannt ist, erinnert sich hier gewiß lebhaft derselben. Doch, wenn es den Leser nicht belästigt, wage ich jetzt, ein Gedicht hier einzurücken, welches ich einst in den Ruinen der Eisenburg nieder schrieb.

Empfindungen in den Ruinen der Eisenburg.

Jahre schwinden, ewig durch die Räume
Wandeln Sonnen ihre alte Bahn;
Einmal währen nur der Menschen Träume,
Einmal dauert nur des Lebens Wahn.
An der Schande grausen Mälern nagt der Zahn der Zeit,
Aus des Ruhmes Diamant blitzt nur Vergänglichkeit. –
Banger Ernst umdunkelt dieß Gemäuer,
Einst ein fester Sitz der Tapferkeit
Wilder, raubbegier'ger Ungeheuer, –
Jetzt die Beute der allmächtgen Zeit;
Eulen wimmern hier um Mitternacht ihr Schauerlied,
Sturmwind beugt die Distel, die aus der Ruine blüht.
Wildes Moos grünt an den öden Wänden,
Wo mit ihrem Haus die Schnecke schleicht;
Frech Gestripp verstrickt mit seinen Enden
Jene Treppe, die dem Fuße weicht;
Aus dem feuchten Schutte schlüpft der Molche Brut hervor,
Hagedorn blüht aus des Fensters lockern Sims empor.
Auf des Thurmes tief gespaltner Mauer
Dehnet sich ein junger Fichtenwald; –
Dieß war sie, die einst geträumte Dauer,
Dieß der Thurm, der unzerstörbar galt,
Dieß der Trotz der oft Belagerten und ihre Macht; –
Und nun steht zerborsten er, bemooßt und unbewacht!
Manche Beute ward einst hier vergeudet,
Manches Wandrers Haabe hier verzehrt;
Manche Jungfrau, manches Weib erbeutet
Und beim üpp'gen Mahle frech entehrt;
Ketten rasselten und Seufzer stöhnten im Verließ,
Rieden bellten, wenn zur Jagd ihr Herr ins Hifthorn stieß.
Und ein frommer Pfaff vergab die Sünden
Jährlich für ein wohl besorgtes Mahl;
Wußte selbst den Himmel nicht zu finden,
Dessen Gnade Andre er empfahl, –
Kannte seines Klosters Weine und Gebete nur,
Fühlte glücklich sich bei seiner mästenden Tonsur. –
Oder wandelte im Grün der Tanne
Eine Jungfrau einsam durch das Moos,
Seufzte glühend nach dem schönen Manne,
Dessen Bild entzückend sie umfloß: –
Und nun trat er plötzlich kosend aus dem Busch zu ihr,
Bat um Liebe, und – bald standen sie verschlungen hier. –
Aber jetzt herrscht um die grausen Trümmer
Dumpfes Schweigen, ew'ge Dämmerung;
Geister wandeln in des Mondes Schimmer, –
Schwerdt und Lanze zischt in wildem Schwung',
Rosse stampfen vor dem halb verfallnen Bogenthor:
Wer ist da? – »Der Tod und sein Gefolge!« schallt's empor.
Und es spornt der Tod herein den Rappen,
Seine Schwester fliegt voran, die Zeit;
Ihn bedienen tausend bleiche Knappen,
Ihre Zofe heißt Vergänglichkeit.
Moder rieche ich und Blut erblick' ich überall,
Särge folgen, krachend hör' ich der Trophäen Fall.
So durchstürmen ewig sie die Erde,
Schrecken und Entsetzen ihre Bahn;
Nichtseyn zuckt aus jeglicher Geberde,
Alles wird Ruin, was sie nur sah'n.
Was des Menschen Hand gebaut, ist endlich doch sein Grab,
Dann ist alle Kunst vergebens und er sinkt hinab! –
Lehre du, begraßtes Burggemäuer,
Dieses Lebens Unbeständigkeit!
Alles, sey es uns auch noch so theuer,
Alles morden dennoch Tod und Zeit! –
Hänge nie an dieser Erden Güter je dein Herz,
Tobe in der Freude nicht, verzage nicht im Schmerz! –