Man muß aus Böhmen kommen, man muß aus der gesegneten Saazer Gegend in das allmählig immer waldigere und steilere Gebirge Böhmens kommen um die Verschiedenheit des Klimas und der Natur selbst kennen zu lernen; um sehen zu können, wie der fruchtbarste Boden nach Abnahme der Meilen minder fruchtbar und endlich ein steiniges Riesengethürm wird, wie die gefällige, ährenwogende Gegend, nach der Grenze zu, ernster, finstrer und wilder wird; wie die seufzenden Obstbäume am Ende in dunkle Tannenforste sich verwandeln, wie das flache Land in deutlichen Stufen zum großen Gebirge anwächst. Es ist sehr interessant, diesen abgestuften Uebergang vom Gefälligen und Fruchtbaren zum minder Gefälligen und minder Fruchtbaren wahrnehmen zu können. Aber es ist auch wiederum um so interessanter, den stufenweisen Abfall des minder Gefälligen und minder Fruchtbaren wahrzunehmen; zu sehen, wie die finstern, waldigen Gebirge allmählig sich erheitern und mit freundlichem Fuße das flache Land berühren; wie der steinige Boden nach und nach fruchtreich sich endigt, wie die ernsten wildromantischen Gegenden allmählig heiter und freundlich werden und endlich den gefühlvollen Naturfreund entzücken. – Dieses nun ist der Fall mit dem sächsischen obern Erzgebirge und vorzüglich mit dem, welches sich an die waldigen Gebirge Böhmens anschließt.
Ich glaube daher besser zu thun, wenn ich den Leser zuerst von Johanngeorgenstadt aus führe, sodann über Schneeberg nach Zwickau zu, oder über Geyer und die Gegenden nach Annaberg und Chemnitz. Denn so bemerkt man sehr deutlich, wie allmählich das Klima milder und der Boden besser wird, wie die Gegenden sich nach und nach in lachende und gefällige verwandeln. Es wird daher nicht unzweckmäßig seyn, wenn ich zuerst von Johanngeorgenstadt und der umliegenden Gegend im Allgemeinen spreche, da dieser Ort durch seine Entstehung, seine Lage, seinen Bergbau und durch das Spitzenklöppeln zum Theil nicht unbekannt und uninteressant seyn wird. –
Eine hohe Bergkette, welche in einem schrägen Halbzirkel von Mittag gegen Mitternacht sich fortzieht, nennt man in der dasigen Gegend den Fastenberg und theilt ihn ein in den vordern, mittlern und hintern. Auf diesem Fastenberge nun ist Johanngeorgenstadt gebaut und zwar auf dem vordern, hart an der böhmischen Gränze. Zur Zeit nämlich, als der lutherische Religionsbegriff in Sachsen der herrschende geworden war und in allen Provinzen dieses Landes der Wahrheit himmlisches Licht die Nächte des Irrwahns zu verscheuchen angefangen hatte; zur Zeit, als noch finstre, dichte und ungeheure Waldungen den Fastenberg bedeckten und noch (nach eines alten Schriftstellers Ausdrucke) die Bären brummten, die Wölfe heulten, die Füchse bellten, zu dieser Zeit waren an Böhmen die ehemals Schwarzenbergischen Städte Platten und Gottesgabe abgetreten worden. Doch der Religionshaß der Katholiken drückte die lutherischen Einwohner auf alle mögliche Art, und ungeachtet der vom Kaiser Ferdinand in dem errichteten Vertrage mit Johann Georg I. versprochenen Religionsfreiheit, kam schon 1653 der kaiserliche Befehl: daß die Lutheraner entweder römischkatholisch werden, oder mit Zurücklassung ihrer Haabe und Güter das Land meiden sollten. – Es war dieses ein nicht unerwartetes, aber hartes Gebot, und es fragt sich, ob die Lutheraner jetziger Zeiten das würden thun, was ihre ältern Brüder damals thaten. – Die meisten trennten sich von ihrem Eigenthum, von der häuslichen Ruhe, von den zurück bleibenden Blutsverwandten und Freunden, flohen bei Nacht, ohne Aussicht, ohne Mittel, sich irgendwo in die alten Familienverhältnisse wieder zurückzubringen, wieder Haus, Vieh und Feld besitzen zu können. Dennoch um der erkannten Wahrheit willen ließen sie Alles zurück und zogen über die Gränze, ließen sich mitten in einem grausen Walde, in der wildesten Gegend Sachsens, auf den Fastenberge nieder, wo seit dreißig Jahren von Bergleuten aus Platten und Eibenstock ein kleiner Zinn- und Eisenstein-Bergbau getrieben wurde. Da die meisten dieser Ausgewanderten nach den Kenntnissen der damaligen Zeit erfahrne und geschickte Bergleute waren, so untersuchten sie an einigen Stellen den Fastenberg und sieh da! sie fanden bald das gediegenste Silber. – Voll Freude und den Fingerzeug der Gottheit darin erkennend, berichteten sie es an den damaligen Churfürst Johann Georg I., welcher ihnen sogleich die Fortsetzung des Bergbaues gestattete, daß sie sich unterdessen einigermaßen anbauen konnten. Da ich aber nicht die eigentliche Geschichte Johanngeorgenstadts schreiben will, so werde ich das nöthigste nur kurz erzählen.
Da die Anbrüche sich mehrten, so erhielten sie endlich die Erlaubniß eine Stadt anzubauen, welche sie auch nach dem Namen ihres huldvollen Beschützers Johanngeorgenstadt nannten; dieß geschah 1654, ein Jeder mußte ein Stück Wald urbar machen, welches dann sein eigen war. Denn die ganze Gegend war, wie ich schon erwähnt habe, dichter, finstrer Wald und man muß die außerordentliche Betriebsamkeit, die schwere Arbeit und den unablässigen Fleiß dieser Leute bewundern, die es, und in der Folge ihre Nachkommen, dahin brachten, daß man jetzt beynahe eine Stunde weit im Umkreise anstatt Waldung, Felder und Fluren erblickt! – –
In der Ansicht von Morgen nimmt sich die Stadt vorzüglich gut aus, indem sie sich auf dem allmählich aufsteigenden Rücken des Fastenbergs in ihrer Länge gleich emporlehnt und man den Durchschnitt der Gassen wahrnehmen kann, deren jede in gerader Richtung fortläuft; und dann da, wo die Häuser nach der Morgenseite zu sich endigen, zieht sich der Berg schroff und steil herab, daß es scheint, als würden die Häuser herabstürzen, daß man auch, um von Wittichsthal aus in die Stadt kommen zu können, die Wege schneckenförmig im Zickzack angelegt hat. Uebrigens ist es in Johanngeorgenstadt recht hübsch und lebhaft, die Einwohner sind gutmeinende, treuherzige Leute und die Liebe der dasigen Bergleute vorzüglich gegen ihren Friedrich August ist auffallend. –
Man bemüht sich außerordentlich, den Boden zu kultiviren und es fängt auch an, zu gelingen. Freilich sind Erdäpfel das meiste, was man baut, aber diese sind auch das Hauptproduct, indem sie immer gut und in Menge gerathen, Vieh und Menschen ernähren müssen und den niederländischen gar sehr können vorgezogen werden. Die vielerley Speisen, welche man daraus bereitet, lassen sich nicht aufzählen. Ueberhaupt thut dem erzgebirgischen Ackerbau die Witterung den meisten Schaden, denn der Boden an und für sich selbst, durch das häufige Düngen, ist wirklich besser, als man ihn zu finden wähnt und die Erzgebirger können hoffen, daß er in Zukunft gut werde werden, da man durch häufiges Abschlagen der dichten Waldungen dem Klima gewissermaßen zu Hülfe kommt. – Korn baut man auch bei Johanngeorgenstadt, aber freylich ist dieser Feldbau riskanter; weniger riskirt man mit dem Hafer. Das Obst geräth nicht so gut, und wenn es ja zur gehörigen Reife gedeiht, behält es immer noch einen scharfen Geschmack. –
Gleich unten im Thale an der Stadt liegt das Hammerwerk Wittichsthal, welches einem kleinen Dorfe gleicht und durch die fast immer im Gange sich befindenden Eisen- und Blechhütten, durch Fuhrwerk, Mühlen und mehrere rauschende Bäche sehr viel Lebhaftes erhält. Ueberhaupt liegt Wittichsthal recht angenehm, und man hat einen erfreulichen Anblick, wenn man es oben von der Stadt herab betrachtet. Hinter dem sogenannten Herrenhause dehnen sich lange Wiesen und Aecker aus, an deren Ende hinten das Schwarzwasser vorbei sich schlängelt, welches zwischen den böhmischen Gebirgen aus dunklem Forste hervorfließt und so einen schönen Anblick gewährt. An dem jenseitigen Ufer desselben erhebt sich allmählich, mit Aeckern und Feldern an seinem Fuße, der Rabenberg, eine Gebirgskette, die sich von der böhmischen Gränze an längs dem Schwarzwasser bis gegen Breitenbrunn hinabzieht; doch nennt man nur einen gewissen Theil derselben den Rabenberg. Weiter oben am Saume der Waldung, welche sich in Mischung mit Buchen und Birken, und grotesken Felsentrümmern, auf dem Rücken dieses Gebirgs ausdehnt, liegt ein kleines Pachtgut, welches zu Wittichsthal gehört. Nun aber wollen wir ein wenig umkehren und durch Wittichsthal bei mehrern Zechen vorbei nach dem kaiserlichen Zollhause zu und von da bei Gelegenheit auf eine kurze Zeit über die Gränze gehen, damit wir Alles besehen. Dieses Zollhaus liegt hart an dem Gränzbache, dessen Wasser roth sieht und weiter unten, wo es in das Schwarzwasser sich ergießt, ein angenehmes Farbenspiel erblicken läßt. Hinter dem Zollhause steigt das sogenannte Kaiserwäldchen (Kaserwalle nach gebirgischer Mundart) auf, welches sich bis gegen ein böhmisches Blaufarbenwerk fast hindehnt, ungefähr eine kleine Viertelstunde weit. Dieses Blaufarbenwerk (sein jetziger Besitzer ist ein Herr Bürgermeister Elster) liegt in einem engen, allmählich sich erweiternden Thale, von Felsen und schwarzem Forste zur Seite und hinten umgeben, indem ein hoher Berg sich hinter dasselbe herabzieht, der sich in einer mit grauen Felsen bespitzten Zunge bei der böhmischen Hammermühle endigt und den Zusammenfluß des Breitenbachs und des Rothenbachs geschehen läßt. Diese sogenannte Hammermühle präsentirt sich sehr abstechend und freundlich. Von da gehen wir nun weiter und sehen, wie das Elstersche Haus aus dem dunklen Hintergrunde so angenehm hervorblickt. Ihm gegenüber, ungefähr dreißig Schritte, erhebt sich ein waldloser, grüner Gebirgstheil, worauf hie und da einige Häuser stehen, davon eines der obersten man die Marianne benannt, welches von den Johanngeorgenstädtern fleißig wegen des da zu habenden guten, böhmischen Bieres und der herrlichen Aussicht besucht wird. Wir wollen auch einmal einkehren, da uns das Bergsteigen sauer geworden ist; wir wollen uns erst durch einen Trunk und dann durch die Aussicht laben. –
Nun, lieber Leser, du hast dich gelabt, hast die Reinlichkeit bewundert, welche in diesem Hause herrscht, und willst nun der entzückenden Aussicht genießen. Komm und sieh, und freue dich!
Vor deinen Füssen senkt sich des Berges grünbegraßter Abhang hinab zum Ufer des rauschenden Breitenbachs, an welchem in silberglänzenden Holzstößen die Bachstelze und der Sperling einträchtig nisten und fröhlich umherschwärmen. Wende dein Angesicht gegen Mittag und sieh die Menge der kleinern und größern waldigen Berge, die, wie Gräber, bald in lichterem bald in dunklerem Grün emporragen und den Himmel zu tragen scheinen. Nun sieh zu deiner Linken, wie der Saum des Kaiserwäldchens sich in einem Bogen herabzieht und endlich weiter unten bei den Felsenblöcken in einzelne Tannen sich verliert. Und unten im Thale erblickst du die Straße nach Platten, immer von Menschen betreten; der Breitenbach bildet nun einen Bogen und zieht sich längs dem schroffen Ende des Berges hinab, silbern blitzend. Gleich hinter den Blaufarbenwerk-Gebäuden erhebt sich steil und hoch ein ernster Berg, hie und da einige Felsenruinen und oben das Ende eines Tannenwaldes, den kein Strahl der Sonne durchdrang. Immer schräger senkt sich der Berg hinunter, wie das grausende Grab eines Giganten, und endigt sich vornen bey der Mühle in felsige Terrassen; die einzelnen, niedrigen Häuschen erhöhen das Romantische. Alles dieses hast du nahe vor dir. – Aber, nun sieh, wie hinter diesem Gigantengrabe sich rechts der mit Aeckern, Feldern und Gebüschen geschmückte, vordere Fastenberg hemisphärisch zeigt, wie im Thale an dem Fuße desselben die Farbmühle4 mit ihren Linden und dem lebendigen Zaune hervorblickt, wie abwechselnd jenes Thal hinauf sich dehnt; sieh, wie links das Weißguth mit seiner Allee hervorguckt, seitwärts die Jugler-Straße und oben am Saume des Waldes, wie die Fensterscheiben einiger kleinen Häuser im Spiegel der Sonne herüberfunkeln; rechts drüben auf dem Fastenberge, wie flimmernd der Wassergöpel so hoch ragt, weiter hin das Neue Leipziger Glück5 und hinten am Walde das Vitriol- und Schwefelwerk mit seinen weißfahlen Rauchsäulen; sieh, wie rund am Horizonte sich sanft eine Kette von Waldungen schlingt, hinter welchen gegen West hin die Spitze des Auersberges im Nebelgrau hervor blickt! – – Und nun wenn kein Kummer, kein Gram in deinem Busen naget, wenn du immer Ruhe hast, o! dann komm, wann auf ihrem Rosengewölk hinten die Sonne sinkt, wann der Dämmrung braune Schleier vor dir die Thäler bedecken und du noch im Abendgolde des scheidenden Tagesfürsten stehst, dessen milder Blick hie und da noch auf den Spitzen der Berge freundlich weilt und hochroth dort oben durch die einzelnen Tannen sich stiehlt, wie der Auersberg im strahlenden Farbenwechsel am Horizonte ragt, wie – – o! ich kann dir nicht alles so schildern, – siehe selbst, fühle selbst! Bist du glücklich, so wirst du dich unendlich glücklich fühlen, und bist du unglücklich, so vergißt du hier all dein Leid, du bist getröstet! Dem Himmel näher fühlst du dich, und der Abendglocke sanfter Schall, der von der Stadt herüber durch den Wald tönt, vermehrt die hohe Rührung deines Herzens, daß du in dem Glauben an einen Vater überm Sternenzelte die reinste Seeligkeit empfindest! –
Wir verlassen nun den Berg6 und steigen durch das Wäldchen wieder hinab, gehen bei der Hammermühle über den Steig und sind wieder auf sächsischem Boden. Nun wollen wir auch das Farbmühler-Thal besehen.
Der Weg führt bey dem Malzhause und der Mühle vorbei, wo links und rechts braune Felsen hervorragen. Jetzt sind wir da, wo man links in ein kleines Thal blicken kann, dessen Mitte der Gränzbach in der Länge herab durchschneidet, welcher hinten aus dem Fichtenwalde hervorfließt, klares, frisches Wasser enthält und wenn ich nicht irre, der Pechhöfer genannt wird. Der linke Theil dieses Thales ist böhmisch, so wie der rechte sächsisch. Es ist sehr angenehm, dieses einsame Thal zu durchwandeln; sonst traf man auch darin eine Anzahl kleiner Fischteiche, welche zu dem sogenannten Weißguthe gehörten, jetzt aber durch die Nachlässigkeit des damaligen Besitzers meist eingegangen und vertrocknet sind. Ueberhaupt, als jenes Guth dem verdienstvollen, seligen Pastor Brunner noch gehörte, soll es sehr angenehm daselbst gewesen seyn. Auch findet man in dieser Gegend weiter oben ein vortreffliches Echo. Nun vorwärts! – Wir halten uns rechts, gehen bey dem kleinen Wehr des Bachs, welcher aus dem Farbmühler-Thale hervorfließt, hinüber auf den Fahrweg, bei den nassen Felsen vorbei und kommen an mehrere Häuser und eine große Mühle, zusammen die Unterjugel genannt. Nun richten wir unsern Weg nach dem sogenannten Gartenhause, ein rothgestrichenes, großes Gebäude, an welchem einige von Kugeln zerlöcherte Scheiben hängen; – eine Erinnerung an daselbst verlebte, frohe Tage, welche ein Zwiespalt des Raths mit dem Bergamte einst unterbrach. –
Vor diesem Hause stehen mehrere alte Linden, deren Aeste sich in einander verweben und worunten steinerne Tische und Bänke sind, nebst einem Kegelschube; zu beiden Seiten zieht sich ein lebendiger Fichtenzaun hin, daß es Sommerszeit äußerst angenehm daselbst ist, indem man auch einen guten Trunk Bier haben kann. Das Gartenhaus selbst ist von einem lebendigen Zaune weit eingeschlossen, welcher sich hinter demselben an dem Berge hinauflehnt und oben an ein altes, steinernes Thor sich anschließt, welches Alles, so wie das Terrassenförmige, sich vortrefflich ausnimmt. Ueberhaupt gefällt es hier den Johanngeorgenstädtern und allen Fremden am besten, in Rücksicht eines öffentlichen Vergnügungsortes. Sonntags machen die Berghautboisten gewöhnlich Tanzmusik und der junge Bergmann verjubelt hier in den Armen seines Mädchens die übrigen, wenigen Groschen seines sauer verdienten Lohnes. –
Nun wollen wir weiter gehen. Daher betreten wir den, oben am Ende des Fichtenzaunes mit dem Wasser parallel das Thal durchschneidenden Weg, bei der Vogelstange vorbei, zwischen den Halden,7 auf welchen im Glanze der Sonne hie und da buntfarbige Schwelkiese flimmern, denn gleich am Wege sieht man das verfallene Mundloch8 eines Stollens. In der theuern Zeit bauten reiche Holländer mehrere Gruben in diesem Thale, wodurch eine große Anzahl Menschen dem Hungertode entrissen wurden; die gutmüthigen Holländer schickten Geld auf Geld, durch Vorspiegelung eines reichen Gewinnes vermuthlich verleitet, denn auf ihre Kosten untersuchte man das Jugler Gebirge, welches aber leider! nichts enthielt und voll tauber (welche kein Erz enthielten) Gänge war. –
Auf der linken Seite fängt sich nun ein Wald an, dessen größter Theil der Bringerwald heißt und an dem Berge herab längs dem Bache sich fortzieht; weiter hinten ragen aus diesem Walde majestätische mit Gestrippe behangene Felsen hervor und man findet sogar einen kleinen Wasserfall, der sich über das sammtne, grüne Moos silbern herabstürzt. Rechts erblickt man die Hinterseite des Fastenberges, auf dem man die Felder der Johanngeorgenstädter- und Unterjugler-Einwohner sich herabdehnen und unten kleine, von mehrern Gräben gewässerte Wiesen bilden. Da ein jedes Feld und ein jeder Acker in dasiger Gegend gewöhnlich mit einer ziemlichen, leichtgebauten Mauer umgeben ist, welche die Noth bildete, indem man keine andern Plätze hat, wo man die von den Feldern abgelesenen Steine hinwerfe,9 so fällt es allerliebst in die Augen, wenn man diese mit allerlei Gebüschen bewachsnen, an einander gerichten größern und kleinern Quasischanzen erblickt, belebt von den Schwärmen munterer Vögel. Man trifft diese Mauern um die Felder am häufigsten in der dasigen Gegend.
Während dessen nun sind wir eine hübsche Strecke durch dieses stille, heimliche Thal gewandert und gehen jetzt über eine kleine Brücke, so, daß der Bach uns nun zur Rechten ist. Wir hören ein dumpfes, monotonisches Getöse, – was ist das? – Je weiter wir kommen, desto stärker wird es; jetzt sind wir bei und unter den erwähnten Felsen und sehen vor uns ein hölzernes, ziemlich großes, besonderes Gebäude, woraus das Getöse dringt. Das ist, lieber Leser, wenn du es noch nicht, unkundig des Bergbaues, errathen hast, ein Pochwerk, wo das Erz klar gepocht und zum Schmelzen vorbereitet wird.10 Dieses monotonische Getöse der Pochwerke, welche meistens, da sie das Wasser treibt, in Thälern angelegt sind, erhöht das Romantische der obergebirgischen Thäler ungemein, vorzüglich in der Ferne gehört, wenn man einsam daherirrt. Jetzt kommen wir noch bei einem solchen Pochwerke vorbei und das Thal wird flacher und weiter.
Wollen wir nun noch weiter hinter und in den düstern Forst wandern, welchen wir vor uns erblicken? Wollen wir den wilden Löbner Grund durchstreichen? – Ja! Muth gefaßt, vorwärts!
Wir gehen jetzt noch bei einem kleinen Hause vorbei und wenden uns dann rechts. – Hu! welch ein schauerliches Dunkel umfängt uns nun, da wir den hohen Tannenforst betreten, welch ein ernstes Schweigen wohnt hier! – Jetzt setzen wir mit leichter Mühe über den Bach, welcher immer kleiner wird und uns bald zu seinem Ursprunge führen wird, wo er das Schwefelbächel heißt. Wir kommen in eine kleine Wiese, mit allerlei Blumen geschmückt, rund herum von hohen, bärtigen Tannen umsäumt; aber es ist ein wenig sumpfig hier. – Nun müssen wir die Zweige der Fichtenbüsche auseinander beugen, um durchzukommen; müssen über gebrochene Tannen und wildes Gestrippe, über runde schlüpfrige Granitblöcke klettern, müssen hie und da über den Bach springen, um ein wenig bequemer gehen zu können. »O! das wird mir zu sauer, wo kommen wir hin?« – wirst du ängstlich ausrufen. Tröste dich und folge muthig! Sieh, wie es zu unsrer Rechten und vor uns schon lichter wird, wie du rechts schon Rasen und Acker durch die Zweige kannst unterscheiden, jetzt ist das Ende der Beschwerden, – wir stehen vor einer Hütte, wie man sich nur immer eine Einsiedlerwohnung aus den Ritterzeiten vorstellen mag. »Und hier in dieser Wildniß wohnen Menschen?« fragst du theilnehmend. Ja, hier wohnt eine arme Bergmannsfamilie; du wirst überhaupt wenig oder gar keine menschenleere Gegenden im obern Erzgebirge finden, auch sorge nicht, es sind ehrliche Leute. –
Nun blicke einmal links den hohen, mit Tannen bedeckten, finstern Berg hinauf, von welchem sich plätschernd der Gießbach herabstürzt; rechts erblickst du einzelne Fichtengebüsche und das Ende der Fluren, zwischen welchen ein Fußsteig in dieses Thal herabläuft. Vor uns gegen Nordwest öffnet sich das Thal zu einer gleichansteigenden Anhöhe, und zwei hohe Tannen bilden gleichsam ein Thor, durch welches wir nun weiter wandern und unsern Weg nach dem Schwefelwerke richten wollen, welches oben vor uns liegt.
Auf freundliche Wiesen kommen wir nun, rechts umgeben uns wieder Aecker und Felder, so wie links das Gebirge waldig sich fortzieht. Endlich sind wir bei dem Schwefelwerke, und nun für die überstandenen Beschwerden erfreue dich durch die Aussicht.
Wende dich nach Morgen,11 da siehst du, wie sich kesselförmig eine waldige Bergkette an die böhmischen Gebirge anreiht; Johanngeorgenstadt ist vor deinen Blicken verschwunden, aber weiter hin nach Mittag siehst du mehrere böhmische Waldhäuser, Zechen und einen Theil von Platten; du siehst eine Reihe von kahlen und beholzten Bergen, die endlich am fernsten Horizonte in Nebel schwinden. Näher vor dir siehst du wiederum das Weißguth mit seiner Gegend, einen Theil des Farbmühler Thals, die Marianne und alle die schon erblickten Gegenstände von einer andern Ansicht; und ferner den überall sichtbaren Wassergöpel, die Häuersteige,12 mehrere Zechen und Gebäude und eine ausgedehnte Reihe umbuschter Aecker und Felder. – Hier, und zwar weiter oben, entspringt das Schwefelbächel, welches sich nachher unten im Thale mit einem andern Bache verbindet und so als größerer Bach durch das Farbmühler Thal fließt. –
Man verzeihe mir diese, vielleicht schon mißfallne, Weitläufigkeit, ich halte sie für nöthig und meinem Zwecke angemessener, weil fast gar keine Schriften dieser Art über das obere Erzgebirge existiren. Und wie ich schon erwähnte, will ich nur einen Pfad bahnen, den Andere dann gemächlicher betreten und erweitern können, daher muß ich gründlich und also zu Werke gehen, daß ich Geschichte mit meinen Schilderungen verbinde. –
Wir verlassen nun das Schwefelwerk und gehen querfeld ein über die Eybenstöcker-Straße, über alte Halden und Aecker weg nach dem Glockenklange. Diesen Namen erhält eine von Johanngeorgenstadt aus nordwest liegende, bergige, von Buchengebüschen belebte Gegend von einer eingegangenen Zeche, der Glockenklang genannt; vermuthlich wurde dieser Name der Zeche darum beigelegt, weil an der dahinter aufsteigenden Anhöhe der Klang der Glocken sehr deutlich anprallt, wenn sie Sonntags oder an Festtagen sämmtlich geläutet werden. Hier wollen wir nun ein wenig weilen und uns umsehen.
Wir stehen also gerade nach Morgen gerichtet; uns gegen über dehnt sich der Rabenberg mit seiner vermischten Waldung, mit seinen Blößen und Verhauen längs dem Schwarzwasser hinab, welches an seinem Fuße fließt. Auf seinem Rücken, welcher öfters Strecken weit kahl und grau daher blinkt, sieht man einzelne hohe Felsenruinen von wenigen schwarzen Tannen umzingelt, daß man die Ueberreste einer Ritterburg aus der Vorzeit zu erblicken wähnt. Vor uns unten sehen wir das sogenannte Felshaus, die Bretmühle und seitwärts den am Rande mit Gehölze bekränzten Heimberg und überhaupt, weiterhin eine Menge Felder, Aecker und Gebüsche hinab in die Tiefe des Thales sich senken. Rechts nach Mittag hin erblicken wir Johanngeorgenstadt in seiner Länge auf dem schroffen Abhange des Fastenbergs hingebreitet; wir sehen wie der Bleiersberg herab sich zieht, ein enges Thal bildet, zwischen welchem das Schieferbächel vom Eleonorer-Stolln herabrinnt. Dieses kleine enge Thal hat seinen Ausgang wiederum ins Wittichsthal, unweit dem Schießhause. Der größere Theil des Wittichsthales liegt nun wieder vor uns, wir hören das Geräusch der Bäche und der geschäftigen Menschen, hören des großen Blechhammers dumpfe Schläge, sehen die wechselnde Flamme des Hohenofens13 und die einzelnen, friedlichen Hütten der Thalbewohner. Weiterhin schräg nach Mittag erblicken wir die böhmischen Gebirge mit ihren Waldhäusern und einzelnen Flecken. Denn von hier aus nimmt sich das Wittichsthal unstreitig am schönsten aus! – Links nach Mitternacht hin erheben sich mehrere theils nackte, theils waldige, mit Dörfern und Felsengethürmen sichtbare Gebirge, deren Ende sich in das schwimmende Blau des Horizonts verliert. Näher sehen wir einen auf einem Hügel ragenden, von einzelnen Tannen umgebenen Fels, der Schneiderfels, auch die Teufelskanzel genannt, welchen ich nachher näher beschreiben will. Diese ganze Aussicht ist entzückend, ich wünsche sie jedem Freunde der Natur, jedem guten Menschen; dieser Wunsch faßt viel in sich, er umfängt eine Vereinigung irdischer Gefühle mit dem Himmel! – Und nun, wer so die Gegend um Johanngeorgenstadt durchwandert, wer Alles dieses so erblickt, ich frage ihn, ob diese Gegend kann rauh genannt werden, ob sie uninteressant sei? – Ich frage ihn, ob diese so verschriene Gegend nicht die größte Aufmerksamkeit eines jeden Freundes und Forschers der Natur verdiene? – Ob man nicht die erhabensten Gefühle und Regungen in seiner Brust wahrnimmt? – –
Aber noch ist das Ende der Wanderung nicht da, noch haben wir das Wenigste gesehen und bewundert; nun wollen wir uns erst auf einzelne Gegenstände einlassen und den besondern Schönheiten und Merkwürdigkeiten der Natur unsere Aufmerksamkeit widmen und dann uns unpartheiisch fragen, welch ein Interesse das obere Erzgebirge für jeden patriotischen Sachsen habe und haben müsse! –
Nun, lieber Leser, wollen wir für heute zurück nach der Stadt kehren, denn morgen haben wir mehr zu besehen; heute wollen wir ausruhen und Kräfte sammeln, – heute sind wir gestiegen, morgen werden wir schon klettern müssen. –