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Die Teufelskanzel oder der Schneiderfels.

Es wird in Johanngeorgenstadt eine Gegend des Himmels, nämlich nach Mitternacht hin, der Jungfernwinkel genannt, woher diese Benennung stamme, weiß ich nicht; man erblickt ihn, wenn man bei dem Rathhause gegen die Gasse neben dem Brauhause hingerichtet steht. Dieser Jungfernwinkel dient den Einwohnern zum Wetterpropheten, indem man gewisse Erscheinungen an demselben entweder für günstig oder ungünstig hält, welches nicht ein leerer Glaube, sondern eine natürliche, durch die Erfahrung bestätigte Gewißheit ist. Gerade in dieser Richtung nun liegt der Schneiderfels oder die Teufelskanzel genannt, welchen man bei dem Ende der Gasse und Stadt deutlich wahrnehmen kann.

Der Fremde glaubt hier fast gewiß, daß dieses die Ruinen irgend eines alten Schlosses seyn müssen, weil die Gestalt dieser Felsen einem solchen Dafürhalten entspricht. Es ist ein überraschender Anblick, wie hinten am Horizonte auf einer unten herum waldigen Anhöhe oben ein graues, von einzelnen Tannen umgebenes Felsengethürm aufragt. – Es ist bisweilen auch interessant, Wege nach gewissen Gegenständen zu beschreiben, daher soll dieses jetzt geschehen.

Man geht nach dem Rosengartner-Stolln zu, daß das neu angelegte Bergmagazin-Gebäude14 zur Rechten bleibt; auf der Halde vor dem Stolln nun hat man eine allerliebste Aussicht hinab in das schon erwähnte kleine Thal, welches von dem Schieferbächel durchschnitten wird. Hier, am Ende des Bleiersbergs, wo man jetzt mehrere begraßte Vertiefungen wahrnimmt, waren ehedem eine Anzahl kleiner Teiche, von schattigen Ahornbäumen an der Wegseite herab umgeben; aber man ließ sie vertrocknen und benutzte die Grasung, sowie man auch die Ahornbäume vermißt.

Von der Rosengärtner-Halde weg gehen wir nach dem Eleonorer-Stolln zu. In dem dabei befindlichen Zechenhause wohnt ein Mann,15 Namens Unger, welcher allerlei kleine Modelle vom Bergbau und Darstellungen desselben schnitzt, welche ein einfacher Mechanismus lebendig macht, überhaupt besitzt er ziemliche Fertigkeit im Schnitzeln, obgleich seine Figuren keinen feinen Geschmack verrathen. –

Nun steigen wir von da eine kleine Anhöhe hinauf und halten uns rechts auf dem Wege, welcher zu einer hohen, starken Tanne und der dabei befindlichen Zeche, Elias genannt, führt. Hier findet man ein Wasser, welches in den heißesten Tagen von siberischer Kälte ist und dem reinsten Krystall gleicht; es entspringt aus Felsen und ist sehr gesund. – Ueber dem Elias oben dehnt sich der bebuschte Glockenklang hin, auf welchem hie und da eine schlanke Tanne emporragt.

Wir gehen nun weiter und kommen an ein mittelmäßiges Guth, von welchem nicht weit davon, weiter hinten, ein kleines Haus stehet, welches mit seiner Wirthschaft einem gewissen Kohlbrenner Schneider gehört, wovon der nicht weit abgelegene Schneiderfels16 seinen Namen erhielt.

Nun richten wir unsern Weg weiter nach dem Walde hin, aber unsern Blicken ist der Fels gänzlich entschwunden. So wie wir einige Schritte in diesem Walde oder vielmehr Wäldchen gethan haben, wenden wir uns links und betreten einen Fußsteig, der durch Gebüsche dahin sich windet; über uns singen die Vögel, wir wandern vergnügt weiter, beugen die Zweige der Gebüsche auseinander und steigen jetzt auf einem schmalen Pfade den Hügel hinan; noch erblicken wir keinen Fels, immer weiter steigen wir, kriechen durch die dichten Gebüsche hindurch, und – welche Ueberraschung! – wir stehen plötzlich nahe bei einem röthlich grauen, ernsten Felsengethürm, um welches in einem dünnen Kreise hie und da einige hohe Tannen hervorragen. Noch blicken wir es staunend an, und die Einsamkeit und Stille, nur vom Gekrächze aufgeschreckter Raben unterbrochen, wirken, daß ein unwillkührlicher Schauer die Glieder überläuft. – Ueber Gestrippe und abgerollte Steine steigen wir nun näher hinauf.

Eigentlich sind es zwei Granitfelsen, hie und da von kiesigen Adern durchschnitten; jedoch die Verschiedenheit ihrer äußerlichen Form ist so auffallend, als merkwürdig. Der eine nämlich scheint aus lauter abgestumpften Cylindern zusammengesetzt zu seyn, hebt sich hoch empor und da, wo diese Quasicylinder an einander sich fügen, sind tiefe Ritze und Klüfte; dieser ganze Fels scheint nur leicht und flüchtig auf einander geschichtet zu seyn und jeden Augenblick einstürzen zu wollen. Man wird von einer sonderbaren Angst befallen, wenn man nahe bey demselben steht; denn unten herum liegen große Granitblöcke, daß man glaubt, sie wären von ihm abgerollt und also müsse der Fels größer gewesen seyn. Aber der ganze Hügel, worauf er emporragt, ist ein Granitgebirge, welches die Zeit mit Moos, und Bäumen überzog.

Der andere Fels ist kleiner, aber nicht so geformt; er scheint aus mehrern Trapezoiden schräg auf einander geschichtet zu seyn, daß man ebenfalls befürchten könnte, er werde mit jedem Augenblicke einstürzen; wenn man vorzüglich darauf steht, wird man von einer solchen Furcht beängstigt, – doch er wird nie fallen. Uebrigens ist er nicht so nackt und kahl, wie sein Nachbar, sondern mit dem grünsten Moose fast ganz überzogen.

Hier stelle man sich nun zwischen diese zwei Felsenmassen, und man wird einem jeden von beiden einen gewissen Character (um mich so auszudrücken,) beilegen können. – Der große nämlich ist ein Bild des Ernstes, des Muthes, der Standhaftigkeit und jeglicher Größe; ihn vermochte kein Wetter, kein Sturm zu rühren, er blieb sich gleich; Blitze umkreutzten und berührten ihn, er stand, – und waren die Wetter vorüber, so verweilte mild und belohnend der Abendsonne Purpurblick aus seinem Scheitel, denn sein Streben war groß, wie des Mannes feuriges Streben, es gehörte dem Himmel an. –

Der andere neigt sich schon mehr an die Erde, ein Bild der Schwachheit, der allzugroßen Nachgiebigkeit, nicht vermögend, sich muthvoll empor zu schwingen, nur für die Erde lebend. – Die tiefe Stille nun, welche um diese Felsen herrscht, vermehrt die schauerliche Einsamkeit, die nur bisweilen ein Raubvogel oder ein Windstoß in den hohen Wipfeln der ästigen Tannen unterbricht. Der größere Fels aber ist die eigentliche Teufelskanzel. Auf meinen Wanderungen fand ich in der Nähe einen alten Holzhacker im Walde, welcher mir folgende, nach seinem Ausdrucke wahrhafte, Geschichte von diesem Felsen erzählte, welche ich hier beifüge, wie ich sie hörte, da so etwas nicht uninteressant seyn kann.

»Zu Anfange, als Johanngeorgenstadt erbaut wurde, kamen häufig Katholiken herüber und suchten die Lutheraner abfällig zu machen; sie wendeten Alles an, Ueberredung, Versprechungen, Bitten, und, da dieses nichts zu fruchten schien, auch Drohungen, welche sie in der Folge nicht unerfüllt ließen, indem man einigemal Feuer angelegt und manches ruinirt fand.

Zu Anfange des Stadtbaues, giengen einst früh Morgens drei Bergleute aus, um die umliegenden Gebirge zu untersuchen, wobei sie sich zugleich des Ruthenschlagens bedienten. Diese kamen nun auch zu dem Felsen, welcher damals höher und stärker gewesen seyn soll; müde und abgemattet setzten sie sich hier nieder, um auszuruhen. Sie erzählten sich manches und unter andern fiengen sie auch an, von dem Baue der Stadt und ihrem Vorhaben zu sprechen und äußerten oft den Wunsch, daß Gott den Katholiken die schwere Sünde vergeben möge, die sie durch so manche Kränkungen an den Lutheranern begiengen. Plötzlich rauschte es hinter ihnen, – erschrocken kehrten sie sich um und sahen einen langen, dicken Mönch aus einem Busche hervortreten, welcher, den Zeigefinger der rechten Hand emporgestreckt, ihnen dreimal winkte. – – Sie geriethen in Verlegenheit und wußten nicht, was sie thun sollten; endlich entschlossen sie sich und giengen näher hinzu, worauf der Mönch langsam auf den Fels gestiegen sei, gleichwie auf einer Treppe, und jeder Tritt seines Fußes hätte eine solche Stufe gebildet, wie man heutiges Tags noch sieht. Von oben herab hätte er nun zu ihnen mit einer schauerlichen, besondern Stimme gepredigt, ihnen Gold und Silber und alles was sie wünschen würden versprochen, wenn sie katholisch würden, aber den Namen Gottes und des Heilands hätte er nie erwähnt. Doch sie blieben standhaft! Wie er endlich anfieng, durch große Verheißungen und glatte Worte ihr Herz zu bestricken, so riefen sie laut in ihrer Angst: »Heiliger Gott, sei uns gnädig und barmherzig!« – Sogleich krachte es fürchterlich, der Mönch verschwand und in der Luft hörten sie ein gräßliches Gewinsel. Getrost und muthig giengen sie zurück und unterweges schon erhielten sie die frohe Nachricht: daß so eben wieder ein reichhaltiger Silbergang gefunden worden sei, welches sie für einen Lohn Gottes ansahen und Danklieder anstimmten, u. s. w.«

Da, wie ich merkte, den meisten in der Gegend dieses Mährchen nicht bekannt ist, so ist ihnen auch der Name Teufelskanzel weniger bekannt; denn der Mönch, welcher hier predigte, war, nach ihrer Meynung, kein anderer, als ††† Gott sei bei uns! Herr Lurian! –

Auf dem größern Felsen nun kann man von hinten wirklich wie auf einer Treppe, nur nicht gar so bequem und ein wenig gefahrvoll, emporklettern, und oben nach Mittag hin ist eine Art von Brustwehr, kurz dieser Fels ist einer Kanzel in der That nicht unähnlich.

O! man steige hinauf und sehe sich um, und predige die Wunder der Natur! – Welch eine erhabene, entzückende Aussicht auf diesem Felsen! Stärke mich, Muse, daß ich es jetzt wage, der lieblichen Aussicht meinen Gesang zu weihen! –

Wanderer, der du mit mir erstiegst in gefährlichen Stufen
Und in Erwartung belohnender Aussicht die felsige Kanzel,
Komm nun, o! komm, und siehe, wie freundlich und gütig der Herr sei!
Siehe nach Mittag hin, welch' ausgebreitete Menge
Freundlicher Felder und Fluren und fleißig durchgrabener Aecker,
Die, am Rande mit Mauer und mancherlei grünenden Sträuchern
Rund umzäunt, wie niedliche Gärten dem Fremdling erscheinen!
Baumbepflanzte Wege und klare Gewässer und Bäche
Schlängeln im Thale sich hin und beugen sich über die Höhen;
Ueberall Hütten und Häuser und Menschen, Alles beleben
Frohsinn, Fleiß und Arbeitsamkeit. – Ha! hörst du die dumpfen
Schläge des mächtigen Hammers, der hinten, vor dir in dem weiten
Wittichsthale, vom Wasser gehoben, Eisen zu Blech schlägt?
Hörst du der Bäche Geräusch und das ferne Klappern der Mühle?
Und wie der Wind den Forst durcheilt und die Thäler und Klüfte? –
Dort auf dem Berge, der schroff sich hinabbeugt ins Thal und ans Wasser,
Siehst du die Stadt, die Liebe zur Wahrheit und Freiheit des Geistes
Bauten, daß jetzt so weit umher Gefilde und Fluren
Sich verbreiten, wo einst die kälteste, grausendste Wildniß
Barg blutdürstige Wölfe und Bären! Daß Menschen da wohnen,
Wo einst der Thiere des Waldes mächtige Anzahl sich mehrete. –
Wo man ein winziges Häuslein vordem mit Mühe aufsuchte,
Dehnet sich jetzt so blühend und menschenvoll eine Stadt aus.
Blicke im halben Kreise umher am Horizonte,
Wie sich aus waldigen, böhm'schen Gebirgen Häuser und Felder,
Felsen und kleinere Hügel nun deinen Blicken darstellen,
Daß die Stadt und ihr Berg im Thale zu liegen dir scheinen! –
Und nun wende nach Morgen dein Antlitz, und siehe die Mischung
Kleiner und größerer Berge, wie kleine und große Regenten:
Einige siehst du das kahle Haupt zum Himmel erheben,
Andere schmückt des Waldes Grün und des Schattens Erquickung.
Und dort drüben auf jenem kugelförmigen Berge
Ragt auf dem nackten Scheitel ein röthliches Felsengethürm auf,
Wie Ruinen irgend eines gothischen Schlosses;
Täuscht mich der Anblick doch so sehr, daß getäfelte Wände,
Stiegen und geränderte Bogen ich wähne zu sehen.
Weiter hinten blickt auf der weitansteigenden Höhe
Silbern die Kirche des Dorfes Breitenbrunn mir entgegen,
Das sich zwischen Gefilde und Aecker hinab in das Thal dehnt,
Und nun weiter dort hinten, wie sich Flecken und Häuser
Auf den schwindenden Bergen schwindend und zaubrisch verbreiten;
Wie an die Erde der Himmel sich anschließt und man empfindet,
Tief in der Brust empfindet, daß die Heimath des Menschen
In dem Himmel nur sei, daß solcherlei Sehnsucht ein Gott nur
In des Erdenbürgers strebenden Busen gepflanzet.
Und so nenne den Fels nicht eine Kanzel des Teufels,
Nach der Vorzeit Fabelerzählung, nenn' ihn nach deines
Herzens Gefühlen die Gotteskanzel! – Hier lehre im großen,
Wundervollen Tempel der heilgen Natur ihren Schöpfer,
Wann dich der scheidenden Sonne Purpur golden verkläret,
Und ein Stern nach dem andern am reinen Azur hervorglänzt,
Zu bezeugen, es sei ein Gott, der die Menschen geschaffen,
Daß moralische Vollkommenheit sei der Schöpfung
Heiligster, höchster Zweck, und Tugend das Mittel der Menschen!
Oder verweile auch hier, wie einst ich mußte verweilen,
Wenn sich am brennenden Himmel wildrollende Donner verfolgen,
Wenn sich die Flammen des Blitzes im zischenden Zickzack verbreiten,
Bänglich durch schlüpfrige Ritze der Wind heult, rauschend die Wipfel
Alternder Tannen erzittern und rings die Söhne des Forstes
Brausen; – wenn sich die ganze Natur im Sturm zu lösen
Droht, wenn Nacht und Dunkel und schlängelnde Blitze dann schrecklich
Dich umzingeln und nirgends ein lichterer Fleck an dem Himmel
Kündet dir an der tobenden Wetter bald nahendes Ende, – –
Dann verweile, o Wandrer, wie ich einst verweilte am Felsen!
Was du empfindest, so lange du lebst, vergißt du es nimmer! –

Nachdem wir uns satt und überall umgesehen haben, klettern17 wir wieder (aber sei ja vorsichtig!) herab von dem Felsen, betrachten ihn unten noch einmal von allen Seiten und steigen von der Anhöhe selbst wieder hernieder. Oft unterweges blicken wir uns um nach der ragenden Kanzel, bis die dichten Fichtengebüsche sie gänzlich unsern Blicken entziehen. Wir kommen zu dem sogenannten Schneiderguthe zurück; hier wollen wir eine Milch einnehmen und uns an dem vielfachen Echo ergötzen, welches man, zwischen Nord und Ost gerichtet, nicht weit von dem Hause am Wege wahrnehmen kann. Fünfmal kann man einen starken Schall ziemlich zurück hören.

Nun richten wir unsern Weg wieder nach der Stadt, um für künftige Wanderungen uns zu stärken und zu erquicken. –