Zacharias Hasenmeier's Abenteuer.

Erstes Kapitel.
Die Matrosenkneipe.

Da lebte einmal vor langen Jahren ein Handwerksbursch, und den freute die Welt nicht mehr, denn anders wurde es wohl mit der Zeit, wohin er auch kam, aber nie und nimmer besser.

Früher ja, da ließ sich's aushalten, da marschirte so ein armer Handwerksbursch nach Herzenslust im lieben deutschen Vaterland herum, Chaussee auf und ab, ging in den Dörfern fechten, schlief Nachts auf der Streu oder in einem Heuschober, setzte sich, wenn er unterwegs müde wurde, auf einer vorbeirollenden Extrapost hinten auf und dachte gar nicht daran, die Beine je lang unter einen Arbeitstisch zu strecken. Das ließ schon die Wanderlust nicht zu, und geschah es je einmal ausnahmsweise, so erfaßte ihn rasch die unbezwingbare Sehnsucht nach einer Pappelallee, der er nicht widerstehen konnte und wollte.

Da erfanden böse und hinterlistige Menschen, aus reiner Bosheit gegen die armen Handwerksburschen, die Eisenbahn, und mit dem lustigen Marsch auf der Landstraße war's vorbei. Extraposten und Lohnkutschen – wo bekam man sie noch zu sehen? der Dampf hatte die Zügel ergriffen und bei einem davonbrausenden Bahnzug – mit den groben Condukteuren – war kein Gedanke mehr hinten aufzusitzen.

Das macht zuletzt den besten Menschen verdrießlich und so war denn auch Zacharias Hasenmeier, ein »wasserdichter Hutmachergesell,« endlich zu dem verzweifelten Entschluß gekommen – nicht etwa seinem Leben ein Ende zu machen, nein – dazu besaß er zu viel Religion und zu wenig Courage – aber auszuwandern und sich irgend einen Platz auf der Welt zu suchen, wo es erstlich einmal keine Eisenbahnen gab, und wo ein reisender Handwerksbursch auch noch leben konnte, »wie sich's gehört und gebührt,« d. h. wo er ein Terrain zum fechten und hinten aufsitzen fand.

Mit dem Entschluß erst einmal im Reinen, hielt er sich denn auch nicht lange bei der Vorrede auf, packte seinen Tornister, mit ein paar neuen Stiefeln oben d'rauf, daß die blinkenden weißen Sohlen rechts und links unter der Klappe vorschauten, ließ sich eine neue Zwinge an seinen dicken Knotenstock machen, und ging danach auf die Polizei, um sein Wanderbuch visirt zu bekommen. Ordnung muß nämlich sein, und ob er nun zu den Chinesen oder Menschenfressern kam, sein Wanderbuch wollte er in Ordnung haben, denn den Chinesischen Gensdarmen traute er gerade so wenig wie den Deutschen.

Die Behörde besorgte ihm das auch. Gegen seine Auswanderung hatte sie, merkwürdiger Weise Nichts einzuwenden, und visirte ihm sein Wanderbuch, auf seine Anweisung, daß er nach Amerika, Australien und sonst wohin wollte, gewissenhaft und wörtlich:

»Nach Australien und weiter!«

wonach er dann lustig und wohlgemuth in die Welt hinaus wanderte.

Er hatte, als er die Stadt verließ, in der er zuletzt gearbeitet, den Hut keck auf die eine Seite gerückt, was andeuten sollte, daß er sich aus ganz Europa Nichts mehr mache, und mit dem buntgestickten Tabaksbeutel vorn im Knopfloch baumelnd (einen Orden besaß er nicht, den er hätte hinein thun können, und etwas muß der Mensch doch im Knopfloch haben) mit außerdem zehn Thaler siebenzehn und einen halben Silbergroschen in der Tasche, meinte er, daß er nun die Welt durchwandern könne. – Was weiß so ein wasserdichter Hutmacher überhaupt von der Welt!

Natürlich ging er gerade in einem Strich auf Hamburg zu, weil er gehört hatte, daß von dort ab fast täglich Schiffe nach aller Herren Ländern ausliefen, und man von diesem Hafen aus mit derselben Bequemlichkeit zu den Botokuden wie zu den afrikanischen Baumaffen kommen könne. Wohin? blieb sich aber vollständig gleich – Hüte brauchten Alle oder konnten ihnen doch wenigstens angepaßt werden, und er war von sich selber überzeugt, daß er sein Fortkommen in irgend einem Land der Welt finden würde – er müsse nur erst einmal dort sein.

»Der liebe Gott verläßt keinen Deutschen,« sagte er sich und mit dem schönen Liedchen: »Muß i denn, muß i denn zum Städtle hinaus – Städtle hinaus,« ließ er sich wahrlich kein Gras unter die Sohlen wachsen, und wanderte, jede Eisenbahn von Grund seines gekränkten »wasserdichten Hutmacherherzens« aus verachtend, zu Fuß bis in die ferngelegene Hafenstadt, um sich dort nach einer womöglich wüsten Insel einzuschiffen.

Er fluchte allerdings jedesmal still vor sich hin, wenn ein Bahnzug vorüberrasselte, und die Leute darin aus den offenen Fenstern hinaussahen, und über den wunderlichen Menschen lachten, der zu Fuß hinterd'rein keuchte, während er doch hätte, für ein paar Groschen, so bequem darin fahren können; aber Zacharias setzte den Hut bei solchen Gelegenheiten nur noch immer schiefer, um seine Verachtung bildlich auszudrücken und wanderte trotzig seines Weges, ohne auch nur einmal nach ihnen umzuschauen.

Es ist überhaupt erstaunlich, mit welcher Genauigkeit sich menschliche Gemüthsbewegungen und Charaktere nur allein durch die verschiedene Stellung des Hutes ausdrücken lassen.

»In den Augen liegt das Herz,« lautet ein altes, wunderschönes Lied, aber es ist durchaus nicht wahr. Im Hute liegt es, und der aufmerksame Beobachter kann manchem Menschen nur allein durch den Hut direkt in's Herz sehen.

Wer z. B. den Hut recht gerade und steif auf hat, daß er ihm senkrecht auf dem Wirbel des Kopfes sitzt, das mag ein sehr guter rechtschaffener Mensch sein, aber er ist jedenfalls nach einer Richtung hin Pedant und geht unausweichlich, vielleicht praktisch, doch unter jeder Bedingung steif und trocken durchs Leben mit nicht einer Spur von Poesie. Ich gebe zu, daß er ein ausgezeichneter Beamter und vortrefflicher Geschäftsmann sein kann, aber ein guter Gesellschafter ist er keinesfalls.

Ein klein wenig geneigt – nach rechts oder links bleibt sich gleich – und welch' einem fabelhaften Unterschied begegnen wir hier. – Das sind die besten und interessantesten Menschen, mit gerade genug leichtem Sinn, um liebenswürdig zu sein und über das Nützliche einer Sache auch nicht das Angenehme zu vergessen – aber ja nicht zu viel – den Hut zu viel auf eine Seite bedeutet sehr großen Leichtsinn – ein keckes Herausfordern der Menschheit, um das sich gewöhnlich Niemand kümmert, Rauflust und verschiedene andere schlimme Leidenschaften. Solche Menschen werden auf die Länge der Zeit im Umgang unerträglich.

Der Hut weit hinten verräth Sorglosigkeit, aber auch Behaglichkeit, mit einer kleineren oder größeren Mischung von Eigendünkel. Leichtsinnige Schuldenmacher und Speculanten sind geneigt den Hut in solcher Weise zu tragen, und je weiter er nach hinten gerückt wird, desto gefährdeter ist ihre Position.

Dagegen deutet es Schwermuth und Niedergeschlagenheit, wenn der Hut, im entgegengesetzten Fall, weit in die Stirn gezogen wird: düsteren Groll, ein gepreßtes Herz oder gedrückte Lebensverhältnisse – auch unsaubere Wünsche; kurz der Hut zeigt den Menschen wie er wirklich ist, und Zacharias Hasenmeier, der leichtsinnigste »wasserdichte Hutmachergesell,« der diese Straße je passirt war, strafte mit seinem Hut keck auf dem linken Ohr diese Theorie wahrlich nicht Lügen.

Zacharias machte sich auch wirklich keine Sorgen, und erst nur einmal mit seinem Entschluß im Reinen hielt er alles Andere, was ihn möglicher Weise betreffen, oder ihm hindernd in den Weg treten könne, für Nebensache – und doch hatte er gerade da, wo er die Hauptschwierigkeit fand, keine erwartet.

Seine Begriffe von Reisespesen waren nämlich sehr unvollkommener Art, denn wenn er sonst von einer Stadt zur anderen wanderte – mochte sie auch noch so weit entlegen sein – so brachte er dorthin doch gewöhnlich noch immer ein paar Groschen mehr mit, als er von Hause aus mit genommen, denn er verstand die Kunst des Fechtens aus dem Grunde und wenig Familien, die er ansprach, konnten sich rühmen ihn unbeschenkt entlassen zu haben. Darnach berechnete er also auch die etwa zu zahlende Passage nach einem fremden Welttheil, und fand sich hier in Hamburg sehr enttäuscht, als die Kapitäne dort liegender segelfertiger Schiffe eine weit größere Quantität der landesüblichen Münzsorte verlangten, um ihn als Passagier aufzunehmen, als er im Stande war aufzuzeigen – selbst wenn er gewillt gewesen wäre, sich zu diesem Zweck von seinem ganzen Capital zu trennen.

Wo er an Bord kam, schüttelten die alten Seeleute mit dem Kopf und meinten, das reiche nicht, und unnützes Volk könne man nicht Monate lang umsonst an Bord füttern. Von dem Seedienst verstand er aber gar Nichts, Hutmacher wurden nicht unterwegs gebraucht, und so blieb das Resultat auf allen Schiffen dasselbe, so daß Zacharias, am Abend des zweiten Tages, den er auf solche Weise verwandt, mit in die Stirn gezogenem Hut – so keck er ihn auch noch an dem Morgen auf dem einen Ohr getragen, in sein Wirthshaus nahe am Hafen zurückkehrte, und sich mürrisch und der ganzen See grollend hinter ein Glas etwas dünnes Bier setzte.

Es war das eine der sogenannten Matrosenkneipen, in der fast nur Seeleute, oder mit der Schiffahrt zusammenhängende Personen, wie Segelmacher, Reepschläger etc. einkehrten, und es läßt sich denken, daß ein Handwerksbursch mit Tornister und Knotenstock und einer richtigen »Landschraube« auf dem Kopf nicht unbemerkt passiren konnte. Es war etwa gerade so, als ob ein ausgespannter Stier hinaus in den Wald ging, und sich einem Rudel Hirsche beigesellte, und die Matrosen steckten dann auch bald die Köpfe zusammen, und flüsterten und lachten über den wunderlichen Gesellen. Nachdem sie indeß ihren Spaß eine Weile gehabt, ohne daß er weiter Notiz von ihnen genommen, wollten sie ihn auch aufziehen, aber Zacharias war nicht auf den Kopf gefallen, und antwortete ihnen bald so scharf und treffend, daß sie jetzt selber Vergnügen daran fanden, sich mit ihm zu unterhalten – doch freilich nicht bei einem Glas Dünnbier, dem sich ihre ganze Lebensweise nicht zuneigte.

Grog wurde bestellt, und da Zacharias nicht den geringsten Grund sah, seine Absichten, die ihn hierher geführt, zu verheimlichen, so erfuhr die Gesellschaft bald, daß er aus dem inneren Land käme und auswandern wolle, aber kein Schiff finden könne, weil es ihm gerade am Besten fehle.

Die Matrosen, meist immer gutmüthig gegen Fremde, sobald sie keine Gelegenheit mehr finden sich über sie lustig zu machen, schlugen jetzt bald das, bald jenes Schiff vor, das knapp an Mannschaft, vielleicht doch hätte bewogen werden können, ihn mitzunehmen – Zacharias schüttelte aber immer mit dem Kopf, denn auf fast allen war er schon selber gewesen, und wenn auch noch ein oder das andere da lag, auf dem er noch nicht nachgefragt, so konnte er sich doch ziemlich genau denken, welche Antwort er dort bekommen würde. – Es war nicht der Mühe werth, es auch nur zu versuchen.

»Sag' einmal Landsmann,« frug der Wirth, ein breitschultriger, blatternarbiger Gesell, mit einer blauen, goldgestickten, aber entsetzlich schmutzigen Mütze auf den scharf gekräußten braunen Haaren und dabei mit ein paar kleinen verschmitzten Augen – »wo willst Du denn eigentlich hin?«

»Fort – hinaus in die Welt,« erwiederte der wasserdichte Hutmacher – »wohin, ist mir vollkommen gleich, zu den Menschenfressern oder Kannibalen – nur die Welt möcht ich sehen, und die verfluchten Eisenbahnen los werden.«

»So?« sagte der Wirth, »na, hast Du es denn da schon auf einem Wallfischfänger versucht?«

»Auf einem Wallfischfänger?« frug Zacharias erstaunt, »was ist das?«

»Nun ein Schiff, das hinaus in die Südsee fährt und Fische fängt, und dabei an allen Inseln anlegt, die es erreichen kann.«

»Damn it!« rief da Einer der Matrosen, »da liegt gerade die »Seeschlange« draußen im Fahrwasser, vor einem Anker und will morgen früh mit der Ebbe in See gehen – die braucht noch Leute, und nimmt was sie kriegen kann.«

»Aber ich kann gar nicht angeln,« sagte Zacharias.

»Angeln – hell!« rief der Wirth, »zu angeln brauchst Du auch nicht, und die nehmen Dich mit Kußhand, denn an Bord von einem Wallfischfänger brauchen sie Leute zu allerhand und wenn's auch nur wäre, um einen Schleifstein oder Schiemannsgarn zu drehen und Feuer unter den Kesseln zu halten.«

Die anderen Matrosen stimmten dem Wirth bei. Wallfischfänger waren in der That die einzigen Schiffe, die Jeden annahmen, der sich auf ihnen verdingen wollte, und dabei am Weitesten in der Welt herumkamen. An alle Inseln, die sie nur erreichen konnten, fuhren sie hinan und segelten jetzt an der Japanischen Küste – dann wieder im Eismeer, und vier, fünf Monate später zwischen den Corallen-Inseln der Südsee herum. Das aber war gerade was Zacharias wollte, denn hätte er sich an einer bestimmten Stelle niedergelassen, so wäre ihm doch zuletzt nichts Anderes übrig geblieben, als wieder zu arbeiten, und zu diesem letzten verzweifelten Mittel, sich eine Existenz zu sichern, wurde er noch immer zeitig genug getrieben.

Einer oder der andere von den Leuten am Tisch hatte aber auch schon eine Fahrt mit einem Wallfischfänger gemacht, und erzählte dann Wunderdinge, was er da draußen gesehen: von den Meerweibchen und See-Greisen und den Corallenhäusern, die sie in der See hätten, von fliegenden Fischen und Palmen, die mit den langen Blättern in der Luft herum föchten, von Schildkrötenjagd und dann dem lustigen Wallfischfahrerleben selber, wie sie in Booten hinter den großen Fischen herruderten, ihnen die Harpune in den Leib warfen und sie dann endlich todtstachen und einkochten, und den ausgekochten Speck für ein enormes Geld verkauften.

Zacharias saß mit offenem Mund daneben, und so gut wie ihm der Grog mundete, gerade so gefielen ihm auch die wunderbaren Schilderungen dieses fabelhaften Lebens, das die Matrosen – einer solchen Landratte gegenüber – denn auch noch tüchtig auszumalen wußten. Einer erzählte immer tollere Geschichten als der andere, und als sie endlich fort wollten, ließ sie Zacharias nicht und bestellte frischen Grog, nur um noch immer mehr zu hören, und jetzt konnte er schon die Zeit nicht erwarten, daß es wieder Tag würde, um sich auf einem solchen merkwürdigen Fahrzeug einzuschiffen, und all das Wunderbare selbst mit zu erleben.

Ein alter Segelmacher, der den tollen Erzählungen gelauscht, schüttelte zwar mit dem Kopf, denn es that ihm leid, daß sie den armen Teufel mit seinen verworrenen Ideen nur noch verrückter machten, und er meinte einmal:

»Kamerad, nimm Dich in Acht. Wenn das wahr ist, was ich von Wallfischfängern gehört habe, so ist verdammt wenig Vergnügen und heidenmäßige Arbeit dabei, und kriegst Du Einen von den Burschen zum Kapitän, wie sie hie und da auf den Schiffen stecken, so wollte ich lieber an Land irgendwo als Kettenhund in Condition treten, ehe ich mich an Bord eines solchen Schiffes verdingte.«

»Ach Unsinn, Mate,« lachte aber ein Anderer, »wenn das bischen Arbeit nicht wäre, machte Einen ja die Langeweile auf der langen Reise todt.«

»Na, wenn ihn weiter nichts todt macht, als die Langeweile,« nickte der Segelmacher vor sich hin, »so kann er zufrieden sein – mit Deckwaschen, Garnspinnen, Theerstreichen, Kettenklopfen, Thran einschneiden und auskochen und wie die angenehmen Beschäftigungen alle heißen, wird ihn die nicht viel plagen. Aber meinetwegen Kinder,« sagte er, von seinem Stuhl aufstehend und sein Glas zurückschiebend, »wer nicht hören will, muß fühlen, und wenn er's denn nicht anders haben mag, wird ihm eine dreijährige Lehrzeit auf einem solchen blutigen Kasten auch gerade Nichts schaden – viel Glück Mate und einen guten Fang –« und damit stieg er langsam zur Thüre hinaus.

Zacharias war wirklich ein wenig stutzig geworden, aber das Lachen und Erzählen der Anderen trieb bald jeden solchen Gedanken aus seinem Hirn. Das war eine Landratte, die überhaupt nicht mehr auf's Wasser hinaus mochte, und von dem lustigen Leben draußen wenig wußte. Nur ein Bedenken kam ihm noch – er konnte nicht schwimmen, und wenn er nun einmal aus dem Schiff herausfiel! Er theilte es dem neben ihm Sitzenden, der sich überhaupt am Meisten seiner angenommen hatte, mit, der aber lachte gerade hinaus: »Schwimmen?« rief er, »glaubst Du, Kamerad, daß Einer von uns Allen, die wir zur See gehen, schwimmen kann? fällt uns gar nicht ein. Daß wir uns etwa lange quälen müßten, wenn die Geschichte einmal schief geht, nicht wahr? – denken gar nicht daran. Fällt Einer über Bord, dann geht der Steuermann in seine Cajüte und schreibt's in's Logbuch, und damit ist's zu Ende – lustig gelebt und fröhlich gestorben, das hat dem Teufel die Rechnung verdorben,« und jubelnd stießen die wilden Burschen wieder mit ihren Gläsern an, und immer neuen Stoff mußte der Wirth herbeischaffen.

Endlich fingen sie an zu singen – ganz schrecklich lange Balladen, die mit ihren zahllosen Versen gar kein Ende nehmen wollten, und Zacharias wurde schläfrig und wäre richtig eingenickt, wenn sich nicht eines der Schenkmädchen, die bis dahin mit den Matrosen gelacht und getrunken, zu ihm gesetzt und mit ihm geplaudert hätte. Die erzählte ihm jetzt aber auch, daß der eine Wallfischfänger, der im Hafen läge – und es war in der That nicht der einzige – nur auf Tageslicht und Ebbe warte, um die Elbe hinunter und hinaus in See zu fahren, und wenn er die Zeit verpasse, könne er nicht mit und müsse hier bleiben.

Das machte ihn geschwind wieder munter, denn die Gelegenheit durfte er nicht ungenutzt vorüber lassen; sie bot sich vielleicht so bald nicht wieder. Das Mädchen wollte ihm noch einmal zu trinken geben, aber er fühlte, daß er genug hatte, denn da draußen dämmerte schon wieder der Tag – so lange geschwärmt zu haben erinnerte er sich gar nicht, verlangte aber jetzt noch eine Tasse Kaffee, nahm sich dann ein reines Hemd aus dem Tornister, um anständig vor dem Kapitän zu erscheinen, und ging, als es vollständig hell geworden war, mit einem der Matrosen, der ihn begleitete, zu dem bezeichneten Schiff.

Zweites Kapitel.
Zacharias Hasenmeier hält es nicht an Bord aus.

Hatte er aber früher Angst gehabt, daß es ihm hier wie auf den anderen Fahrzeugen gehen und der Kapitän ihn abweisen würde, so fand er sich angenehm getäuscht, denn der brauchte allerdings Leute, und wenn er zuerst auch genau so ein Gesicht schnitt, wie die Uebrigen, als er den Handwerksburschen mit seinem Tornister und Knotenstock sah, so schien er es doch wenigstens für möglich zu halten, einen Matrosen aus ihm zu machen. Er sagte, er wolle es jedenfalls versuchen. Zacharias wurde sein Platz angewiesen, wo er schlafen konnte, und mit dem Bewußtsein, jetzt endlich sein Ziel erreicht zu haben, und einem neuen Leben entgegen zu gehen, hing er dort seinen Rock an einen Nagel, hakte den Tornister darüber und – war eingezogen.

Aber es schien auch die höchste Zeit für ihn gewesen zu sein, an Bord zu kommen, denn in demselben Augenblick schon fast wurden die Segel ausgespannt, und das Schiff fuhr den Strom hinunter und in die See hinaus. – Wie das aber tanzte und schwankte und der arme Hutmachergesell, der schon so viel von der Seekrankheit gehört, sich aber noch nie eine richtige Idee davon gemacht hatte, sollte jetzt erfahren, wie das thue.

Die ganze Welt schien sich mit ihm zu drehen; Alles wirbelte im Kreis herum – er wußte nicht mehr was oben oder unten war, ob er auf dem Kopf oder auf den Füßen stand. – Er warf sich auf Deck nieder und breitete die Arme und Beine aus, um nicht noch tiefer zu fallen, kurz, er befand sich in einem Zustand, der sich wohl bedauern, aber nie im Leben beschreiben läßt.

Wie lange er so gelegen, wußte er gar nicht, und nur das einzige Bewußtsein war ihm dabei geblieben: der Wunsch zu sterben, um dieser Höllenpein, diesem qualvollen und unerträglichen Zustand ein Ende zu machen. – – Aber auch das ging zuletzt vorüber, das Schiff lag ruhiger, oder er fühlte vielleicht auch die Bewegung nicht mehr so stark, und als er eigentlich erst wieder ordentlich zu sich kam, befanden sie sich schon so weit draußen in See, daß er, wohin er auch blickte, kein Land mehr erkennen konnte. Er hatte seine Reise angetreten und ein Rückschritt war nicht mehr möglich.

Aber ob er sich eine Seefahrt anders gedacht haben mochte; er fühlte sich keineswegs behaglich und sehnte sich fortwährend danach, das ewig schwankende Schiff nur erst einmal wieder unter den Füßen los zu werden, und festen, sicheren Boden zu betreten. Reisen – war das Reisen, wo man in einemfort, wie ein Sack, hin- und hergeworfen wurde, und den einen Fuß nie vom Boden heben konnte, ohne der Gefahr ausgesetzt zu sein, auf die Nase zu fallen? Da marschirte sich's anders in seinen festen soliden Pappelalleen und er bekam wieder das alte Heimweh nach seinem früheren Leben.

Und wenn sie ihn jetzt noch wenigstens zufrieden gelassen hätten, daß er sich ordentlich ausruhen und das häßliche schwindliche Gefühl überwinden konnte – aber Gott bewahre; kaum machte er die Augen wieder auf, so kam auch schon der Steuermann und stellte ihn an die Arbeit, und keine Entschuldigung half, daß er noch hundeelend sei.

Jetzt erfuhr er, daß der alte Segelmacher Recht gehabt, der ihm ganz genau prophezeiht hatte, was ihn hier erwartete. Wo er schon außerdem schwindlich war, mußte er noch eine große Schiemannsgarn-Winde oder gar einen schweren Schleifstein drehen, daß ihm der Kopf immer mit dabei herum ging – und dazu sollte er fetten Speck essen und harten Schiffszwieback kauen – so ein Leben – der Böse hätt's holen können, wenn es ihm recht gewesen wäre, aber es war ihm nicht recht.

Arbeiten – nun ja, er hatte in seinem Leben schon oft gearbeitet, und einen Hut zu walken und zu bügeln thaten ihm vielleicht Wenige gleich, aber was half ihm das hier? Statt des Bügeleisens bekam er einen alten schmutzigen Sandstein in die Hände und mußte damit das Verdeck abschleifen, und wenn das Deck nur wenigstens ruhig gelegen hätte, aber Gott bewahre; auf und nieder gings und im Kreis herum mit ihm und dann kam auch noch der Steuermann und hieb ihm mit einem Ende Tau eins hinten über, wenn er nicht rasch genug kratzte, daß er die dicken Striemen fühlen konnte.

O wie sehnsüchtig sah er jetzt über Bord, ob er nicht irgendwo Land erkennen und aussteigen könne, denn die Vergnügungstour hatte er schon bis oben hin satt; aber nichts war zu entdecken als Himmel und Wasser und immer weiter fuhren sie dabei in den großen Ocean hinein.

Wenn er dabei auch geglaubt hatte, er würde sich mit der Zeit an die Seereise gewöhnen, so fand er doch bald, daß er sich da schmählich geirrt. Je länger er fuhr, je schlechter wurde es ihm zu Muthe, der Kopf brannte ihm, als ob Feuer drinnen wäre, sein Magen revoltirte gänzlich gegen den ekelhaften Speck und er hielt sich um so mehr für schlecht und nichtswürdig behandelt, als es ausdrücklich in seinem Paß stand, daß alle Civil- und Militärbehörden unterwegs ersucht wurden, ihn frei und ungehindert passiren, auch ihm nöthigenfalls Schutz angedeihen zu lassen – und hier sollte er sich behandeln lassen wie einen Hund?

Er ging jetzt direkt zum Kapitän und verlangte wieder an Land gesetzt zu werden, aber der sagte weiter nichts als: »geh zum Teufel!« und drehte ihm den Rücken, und die Matrosen verhöhnten ihn und lachten ihn aus.

Und jetzt begann der Sturm wieder zu toben; die Segel mußten eingenommen werden, und das Schiff fing an zu tanzen, daß Zacharias manchmal meinte, es müsse sich überschlagen, so hoch hob es sich vorn in die Höhe und fuhr dann wieder in die Tiefe hinab, bis ihm ordentlich der Athem ausging und er Luft schnappen mußte.

Er wollte sich jetzt in sein Bett legen, denn auf den Füßen konnte er sich doch nicht mehr halten, aber was half es ihm? Kaum war er hineingekrochen und machte die Augen zu, so schlenkerte das Schiff nach der andern Seite hinüber, und warf ihn wie ein Bündel alte Kleider an die andere Wand, daß ihn alle Rippen im Leibe schmerzten. Wieder kletterte er hinein, hatte sich aber noch nicht einmal ordentlich fest gelegt, als er noch unsanfter als vorher hinaus geschleudert wurde, und jetzt bekam er's satt.

»Nein,« schrie er, »so ein Hundeleben soll ja der Teufel holen – ich thu' nicht mehr mit,« und zugleich fuhr er in seine Kleider, zog sich fertig an und nahm dann auch seinen Tornister vom Nagel, um ihn zu packen.

Die alten Matrosen, die ganz gemüthlich in ihrer Hängematte schaukelten, lachten, und frugen ihn, ob er an Land wolle und auch tüchtig lange Wasserstiefeln habe – aber er antwortete ihnen gar nicht, schnallte seinen Tornister, mit den noch unbenutzten hellglänzenden Stiefelsohlen oben, fest, knöpfte sich seinen Rock bis oben hin zu, setzte seinen Hut auf und zog ihn sich vorn tief in die Stirn, holte seinen Knotenstock vor und hing ihn sich mit dem Lederriemen an's rechte Handgelenk, sagte »adjes miteinander« und stieg an Deck.

Gegen Alles, was ihn nach Außen umgab, schien er völlig blind geworden, nur an sich selber dachte er und die ihm hier gewordene nichtswürdige Behandlung, und so schritt er denn auch fest und entschlossen auf den Kapitän zu, der in seinen wasserdichten Kleidern auf dem Quarterdeck auf- und abging, und die Augen auf das kleine Segel gerichtet hielt, das sie in dem Wetter noch führen konnten.

»Herr Kapitän, ich wollte Ihnen man blos Adjes sagen,« bemerkte hier Zacharias, indem er seinen Hut abnahm und eine Verbeugung machte.

»Junge,« rief der Kapitän, »wie siehst Du denn aus? Bist Du verrückt geworden?«

»Bitte,« sagte Zacharias, »wollte nur fragen, ob Sie sonst noch etwas zu bestellen hätten.«

»Aber wo willst Du denn hin? – gehst Du etwa so schlafen?« lachte der Seemann.

»Auf die Wanderschaft will ich,« erwiederte aber Zacharias Hasenmeier, indem er seinen Hut jetzt wieder keck auf ein Ohr stülpte, »also Adjes Kapitain, leben Sie recht wohl, denn die Wirthschaft hier hätt' ich satt,« und damit drehte er sich um, der See zu, wo gerade eine riesige Woge heraufgestiegen kam, daß sie mit dem hohen Hinterdeck vollkommen gleich lief. Dort trat er auch ganz ruhig, als ob er ein festes Stück Grund und Boden unter sich gehabt, auf das Wasser hinaus, und sank natürlich in demselben Augenblick, wo er die Welle nur berührte, mit ihr in die Tiefe.

Er wollte jetzt schreien, aber das ging nicht mehr – oben hörte er nur noch den wildverstörten Ruf: Mann über Bord, und wußte jetzt, daß der Steuermann nun in seine Coje gehen und in sein Tagebuch schreiben werde: Mittwoch den 13. August Nachmittags halb vier – soviel Grad Länge, soviel Grad Breite, Mann über Bord gegangen – Zacharias Hasenmeier – das war seine Grabschrift und damit fuhr er ab – tiefer und immer tiefer.

Drittes Capitel.
Wie Hasenmeier den ersten Seegreis trifft.

Eigentlich war er selber sehr überrascht worden, als er hinaus aus dem Schiff trat, dort erst merkte, daß er auf gar nichts mehr stand und zu gleicher Zeit fühlte, wie ihm das Wasser nicht allein in die Stiefeln, nein auch schon in die Halsbinde lief, und gleich darauf über seinem Kopf zusammenschlug.

»Du meine Güte,« dachte er, »das ist doch hier eine verzweifelte Einrichtung mit den Chausseen, und wenn ich nach Hause komme« – weiter dachte er aber nichts, denn so rasch schoß er in die Tiefe, daß ihm Luft und Gedanken ausgingen, während er umsonst versuchte, sich irgendwo festzuhalten. Nicht einmal der bekannte Strohhalm war bei der Hand, nach welchem sonst ein Ertrinkender gewöhnlich greifen soll, und er kam eigentlich erst wieder zur Besinnung, als er sich gar nicht mehr besinnen konnte, wo er sei und was mit ihm vorging.

Da er aber keinen festliegenden Gegenstand mehr um sich her erkennen konnte, fühlte er auch nicht mehr, daß er sank, und die ganze Welt kam ihm nur in dem Augenblick wie eine riesige, grüne Glasflasche vor, in welcher er eingestöpselt herumschwamm. – Er wollte dabei Athem holen, aber das ging nicht, denn sobald er den Mund aufmachte, lief ihm das Salzwasser hinein, und trotzdem befand er sich wohl dabei, und es beschlich ihn eine Empfindung, als ob er kaum so viel wiegen könne, wie ein Schneidergeselle gleichen Alters.

Wenn ihn aber während dieser Zeit nicht eine – wie bisher irrthümlich berichtete – purpurfarbene, sondern weit eher Bouteillenglasfarbene Finsterniß umgeben hatte, so bemerkte er jetzt zu seinem Erstaunen, daß sich die Dämmerung augenscheinlich lichtete, Gegenstände umher wurden sichtbar – hie und da begegnete er einem riesigen Seeungeheuer, das sich faul in seinem Element herumwälzte, und keine Ahnung von der Nähe eines fremden Hutmachergesellen zu haben schien – unangenehme Quallen und Blasen trieben sich dort umher, und Fische sah er hier und dorthin schießen – ob die aber aufwärts fuhren, oder er abwärts, war er nicht im Stand zu sagen, denn seine ganze Aufmerksamkeit blieb in diesem Augenblick auf den, unter ihm befindlichen Raum gerichtet, der mit jeder Secunde mehr aus der dichten Finsterniß heraustrat, und mit einem ganz eigenthümlichen Licht übergossen schien.

So mußte es einem Menschen zu Muthe sein, der aus hoher Luft in einem Ballon zur Erde niedersank, so daß unter ihm, je tiefer er kam, das weite Land heller und klarer sichtbar wurde, bis sich endlich die einzelnen Baumgruppen und Ortschaften und zuletzt Häuser und Menschen klar und genau erkennen ließen.

Dort lagen weiße, zackige Flächen, aus denen er nicht klug werden konnte, denn sie sahen aus wie beschneit – dort breiteten sich weite grüne Ebenen, mit Thieren auf der Weide, dort standen Häuser, die in jenem wunderbaren Licht funkelten und blitzten und in rasender Schnelle zu wachsen schienen. Ehe Zacharias aber nur einen Ueberblick über das Ganze gewinnen konnte, fuhr er plötzlich bis über die Kniee in weichen Sand hinein, blieb aber nicht darin sitzen, sondern wurde wie von selber wieder herausgehoben. – Und was das für eine curiose Gegend war, in der er sich befand!

»Jetzt – wenn ich nicht auf Reisen wäre,« brummte er leise vor sich hin, »sollt' ich meiner Seel' denken, die Pappelallee führte nach Halle hinein – aber puh, wo liegt Halle!«

Er befand sich in der That in einer langen, schnurgeraden Allee, die freilich aus den wunderbarsten Bäumen bestand. Sie sahen wohl so aus wie Pappeln, hatten aber gar keine Blätter, sondern nur dünne elastische und sich fortwährend bewegende Zweige. Gar nicht weit voraus aber lag ein Haus – er konnte das Dach im Lichte blitzen sehen und ohne sich lange zu besinnen, marschirte er darauf zu. – Aber sein Blick fiel dabei unwillkürlich auf den Weg, in dem er auch nicht die Spur von einem Wagengleis bemerkte – mit den Extraposten sah es jedenfalls windig aus.

Zu solchen Betrachtungen blieb ihm jedoch keine lange Zeit, denn viel rascher als er gedacht, erreichte er das Haus. Und wie sonderbar leicht sich das hier ging; den Tornister fühlte er fast nicht auf den Schultern, die Füße nicht auf dem Boden, und der schwere Knotenstock hob sich bei jedem Schritt immer ganz von selber wieder.

Und da lag das Haus: es war aus rauhen Korallenblöcken aufgeführt, aber mit den herrlichsten Perlmutterschalen gedeckt, und hatte Thüren und Fenster, wie die Häuser an der Oberwelt – die Fenster bestanden aber nicht aus Glas, sondern aus Hausenblase und der Thürgriff war aus Bernstein, wie der Thürklingelgriff aus einem Zahn des Spermacetiwals gemacht.

Aber nur einen Blick warf er auf diese äußeren Baulichkeiten, denn zu seinem Erstaunen bemerkte er jetzt, daß vor dem Haus, auf einer dort angebrachten Austerbank, ganz gemüthlich ein menschenähnliches Individuum saß, das ihn, anscheinend eben so überrascht, betrachtete.

Es war eine kleine dicke Gestalt mit einer runden Schuppenmütze auf, aber sonst wohl ganz kahlem Kopf und einem Gesicht, das weit eher einem Karpfen, als einem menschlichen Wesen glich. Uebrigens hatte es Arme und Beine, nur daß der untere Theil derselben an den Seiten Flossen zeigte, auch trug es eine Art Schlafrock aus irgend einer Seegrasart geflochten, der um den Leib mit einem Korallengürtel festgebunden war.

»Gu'n Morgen,« sagte der Fischschwänzige ruhig, und Zacharias erschrak ordentlich über die deutsche Anrede, aber alte Gewohnheit ließ vor der Hand kein anderes Gefühl in ihm aufkommen, und seinen Hut schnell herunterreißend, erwiederte er höflich:

»Armer reisender Handwerksbursch; seit drei Tagen keinen warmen Löffel im Leibe gehabt.«

»Jemine Junge,« lachte da der kleine Dicke vergnügt, ohne aber in die Tasche zu greifen, »das ist eine lange Zeit, seit ich keinen Handwerksburschen hier gesehen habe. Wo kommst Du denn her? Bist Du erst kürzlich ersoffen?«

»Bitte,« sagte Zacharias, »so viel ich mich erinnere, noch gar nicht – ich habe meinen ordentlichen Paß bei mir, und wollte nur einmal sehen wie's hier unten ausschaut – sehr hübsche Gegend.«

»So?« sagte der Kleine, aber dabei ungläubig mit dem Kopf schüttelnd, »also Du bist nicht ersoffen – das ist doch eigentlich merkwürdig. Woher kannst denn Du das Wasser vertragen?«

»Entschuldigen Sie,« sagte Zacharias, der die Möglichkeit eines Geschenkes noch nicht aufgab, und deshalb seine Höflichkeit bewahrte, »ich bin wasserdichter Hutmachergesell und da –«

»Ja so, das ist was Anderes,« nickte der Kleine, »aber Du bist noch nicht lang hier, wie? – gefällt's Dir hier bei uns?«

»Muß schon sagen, daß mir's gefällt,« meinte der Hutmacher, »nur ein Bischen feucht kommt mir die Gegend vor.«

»Aber man gewöhnt's,« meinte der Kleine wieder, »ich wohne nun jetzt schon etwas über zweitausend Jahr hier und befinde mich ganz wohl –«

»Donnerwetter, das ist eine schöne Zeit,« rief Zacharias, »und darf man fragen, was Sie eigentlich für ein Geschäft hier treiben, und wo Sie so gut deutsch gelernt haben?«

»Geschäft,« sagte der Kleine, »gar keins, ich bin Seegreis und beziehe meine jährliche Pension, und Deutsch hab ich von meinen neuen Nachbarn gelernt, die gar nicht weit von hier wohnen.«

»Deutsche?« rief Zacharias erstaunt aus.

»Ja wohl,« nickte Jener, »vor etwa fünfzig Jahren versank grad' über uns ein großes Schiff mit lauter Deutschen, die nach Amerika hinüber wollten, und die kamen denn grad herunter und siedelten sich da an. Wollen wir einmal hinüber gehen?«

Zacharias hätte gar nichts Erwünschteres angeboten werden können, denn der kleine komische Kauz hatte ihm noch nicht einmal einen Schluck Branntwein angeboten und er wußte, daß er bei Landsleuten jedenfalls besser behandelt würde. Der Kleine stand aber indessen auf, schwamm in's Haus hinein, kam aber gleich darauf wieder heraus und hatte, zu Zacharias' unbegrenztem Erstaunen einen Regenschirm unter der einen Flosse, den er dann aufspannte und sagte:

»So, nun kann's losgehen.«

»Aber entschuldigen Sie,« meinte der Hutmacher, »brauchen Sie denn hier im Wasser einen Regenschirm?«

»Regenschirm?« sagte sein Begleiter, »einen Schirm gewiß. Es fahren hier jetzt in letzter Zeit so eine Menge Schiffe drüber weg und die Leute darauf kehren sich den Henker darum, was sie über Bord werfen, so daß man nie sicher ist einmal unterwegs einen zerbrochenen Teller, oder sonstige Porzellan- und Glasscherben, alte Nägel und Gott weiß was, auf den Kopf zu bekommen. Ich gehe deshalb nie ohne Schirm aus.« Und damit schwamm er ganz behaglich die Allee entlang.

»Was sind denn das nur für komische Bäume,« sagte Zacharias, der nebenherkeuchte und kaum mitkommen konnte, »solche hab ich doch mein Lebtag noch nicht gesehen.«

»Bäume?« sagte der Seegreis, »da drüben stehen Bäume – Korallenbäume – andere haben wir hier unten nicht. Das hier sind Polypen, die in Reihen gepflanzt werden, weil's hübscher aussieht.«

»Polypen – 's ist die Möglichkeit,« rief Zacharias erstaunt aus, »wenn ich wieder nach Hause komme, glauben sie mir's gar nicht.«

»Nach Hause kommen,« sagte der Seegreis mit dem Kopf schüttelnd, »ich lebe nun hier unten über zweitausend Jahr, kann mich aber nicht besinnen, daß jemals irgend wer, der uns hier besuchte, wieder nach Hause gekommen wäre.«

»Das ist bei uns gerade so,« rief Hasenmeier, »die ältesten Leute in einem Orte wissen sich nie auf etwas zu besinnen – aber entschuldigen Sie, verehrter Seegreis, was ist denn das da drüben – das sind ja komische Thiere.«

Rechts, wohin er zeigte, dehnte sich eine weite grüne Seegraswiese aus und Hasenmeier bemerkte jetzt zu seinem Erstaunen, daß dort ein paar Hundert große Schildkröten auf der Weide herumgingen, während der Hirt, oder die Hirtin vielmehr, ein junges allerliebstes Seenixchen, wie er sie schon oft hatte abgemalt gesehen, mit einem Seehund neben sich, sie überwachte.

»Das ist ja ein allerliebstes Mädel,« fuhr der galante Hutmachergesell fort, der sie schmunzelnd betrachtete, denn sie gefiel ihm ausnehmend, »können wir nicht einmal dort vorüber gehen.«

»Warum nicht?« erwiederte der Seegreis gefällig, »wenn wir nachher schräg durch den Korallenwald halten, schneiden wir sogar ein tüchtiges Stück Weges ab, denn die Colonie liegt gerade dort hinüber,« und ohne Weiteres bog er rechts durch die Grasebene ein und hielt auf die kleine Nixe zu, die neugierig aufschaute, als sie den komischen, wunderlichen Fremden bemerkte.

Es läßt sich nicht leugnen, sie war eigentlich unanständig einfach gekleidet, und trug nichts als ihre langen grünen mit Meerrosen durchflochtenen Haare, aber die klugen großen Augen funkelten wie ein paar Sterne, und der Arm, den sie ihnen entgegenstreckte, war weiß und zart wie Elfenbein. Zacharias Hasenmeier fühlte auch, daß er hier die Gesetze der Höflichkeit nicht außer Acht lassen dürfe. Er nahm also den Hut ab, und das ihm schon aus alter Gewohnheit und mit der Bewegung zusammenhängende und auf den Lippen schwebende »Armer reisender Handwerksbursch« gewaltsam hinunter schluckend, sagte er mit größter Artigkeit:

»Mein schönes Fräulein, äußerst angenehm ihre werthe Bekanntschaft zu machen.«

Die kleine Nixe sah ihn lächelnd an, was ihm Muth zu einer größeren Freiheit machte: er hob also den Arm und wollte ihr mit dem Finger unter das Kinn greifen, zog aber die Hand blitzschnell zurück, denn das kleine Hirtennixchen, dessen Augen plötzlich einen grünen Schein annahmen, schnappte danach mit den Zähnen und der Seehund knurrte und fuhr ihm auch zu gleicher Zeit nach den Beinen.

»Donnerwetter,« rief Hasenmeier zurückspringend, und hatte eben noch Zeit, seinen Stock vorzuhalten, um wenigstens von dem Hund frei zu kommen.

»Ja, die beißt,« lachte der Seegreis, »Du darfst ihr nicht zu nahe kommen.«

»Das ist aber doch hier ganz anders als bei uns,« sagte Hasenmeier bestürzt, »bei uns beißen die Mädels nicht.«

»Ländlich, sittlich,« bemerkte der Seegreis, »aber laß uns weiter gehen, siehst Du, dort fängt schon der Wald an.«

Zacharias war nicht böse darüber, denn die kleine Nixe hatte auf einmal alle Reize für ihn verloren, und er warf nur noch einen Blick auf die wunderliche Heerde von Schildkröten, die auf ihren platten Bäuchen im Seegras herumkrochen und unter Obhut der kleinen bissigen Hexe standen. Vergebens sah er sich aber nach einem Wald um, denn das, worauf sie jetzt zuschritten, glich weit eher einer überzuckerten Hecke, als was er sich bis jetzt unter einem Wald gedacht. Als er aber hinein kam, sah er doch, daß es große stämmige Korallenbäume waren, die ihre zackigen laublosen Aeste nach allen Seiten hinausstreckten, so daß man kaum seine Bahn hindurch finden konnte.

Da blieb der Alte plötzlich unter einem der Bäume halten und zankte hinauf und als Zacharias erstaunt dorthin sah, bemerkte er oben in den Zweigen ein paar kleine Jungen, die sehr verdutzt zu sein schienen und sich hinter den Aesten zu verstecken suchten.

»Nichtsnutziges Gesindel,« schimpfte aber der Seegreis, »Ihr glaubt wohl, ich seh Euch nicht? Wollt Ihr machen, daß Ihr herunter kommt, und wenn ich Euch noch einmal dabei erwische, häng ich Euch bei den Flossen auf und laß Euch eine Woche zappeln,« – und rechts und links glitten die scheuen Bengel jetzt, wie blitzende Fische, durch die Wipfel hinaus, in deren Gewirr sie bald verschwanden.

»Aber was haben denn die da oben gemacht?« sagte Zacharias erstaunt.

»Was sie gemacht haben?« rief der Alte, »die Nester der fliegenden Fische nehmen sie aus und saufen die Eier aus – aber wartet, ich passe Euch auf den Dienst, darauf könnt Ihr Euch verlassen. Jetzt sind wir übrigens gleich durch den Wald, – siehst Du, dort drüben stehen schon die Häuser Deiner Landsleute, und denen wollen wir nun einmal einen Besuch abstatten. – Die werden sich freuen, wenn sie Einen aus ihrem Lande zu sehen bekommen.«

Der kleine Korallenwald wurde hier schon lichter und bald betraten sie wieder eine offene Ebene, in der auf einem flachen Hügel, ganz nahe bei dem Wald, die Ansiedelung der damals gescheiterten deutschen Auswanderer lag. Daß sie aber zu Deutschen kamen sah Zacharias augenblicklich, denn die Wege waren hier nicht allein vortrefflich in Ordnung gehalten, sondern er kam auch bald darauf zu einem weiß und grün angestrichenen Wegweiser, dessen Arm gerade nach dem Dorf hinüberdeutete, und auf dem die Worte standen:

»Nach Seeburg, eine halbe Pfeife Tabak«

was die Entfernung andeutete, in welcher sie sich von dem Ort noch befanden. Hasenmeier mußte freilich die Beine tüchtig unter den Arm nehmen, um mit dem Seegreis Schritt zu halten, der trotz seiner zweitausend Jahre noch vortrefflich auf den Füßen schien, sie rückten dadurch aber auch rasch näher, und nach kaum einer halben Stunde, nachdem sie den Wald verlassen, erreichten sie die äußeren Einfriedigungen des Dorfes, das mit seinen reinlichen Straßen vor ihnen lag.

Allerdings hatten sie unterwegs noch ein paar Heerden von Seekühen mit ihren Kälbern und auch Schildkröten getroffen, die ebenfalls von kleinen allerliebsten Nixen gehütet wurden; der Hutmachergesell schien aber jede Lust verloren zu haben mit ihnen anzubinden, und es drängte ihn jetzt selber, wieder in »gesittete Gesellschaft« zu kommen.

Viertes Kapitel.
Der Kampf mit der Seeschlange.

Was unseren Handwerksburschen wunderte, war, daß er noch gar keinen Menschen auf der Straße sehen konnte, und er wollte sich eben deßhalb gegen seinen Begleiter aussprechen, als hinter einer Korallenhecke, die hier zum Einfassen der Gärten benutzt zu werden schien, plötzlich ein Gendarm hervortrat, und den Handwerksburschen mit barscher Stimme nach seinem Wanderbuch frug.

»Herr, du meine Güte,« rief Hasenmeier überrascht aus, »haben sie denn hier unten auch Gendarmen?«

»Hast Du schon ein deutsches Dorf gesehen, mein Bursche,« rief aber der Mann des Gesetzes trotzig, »wo keine gewesen wären?« – und in der That konnten sich weder der zweitausendjährige Seegreis noch der Hutmachergesell auf eins in der Geschwindigkeit besinnen – »also mach' rasch, denn ich habe keine lange Zeit.«

»Das ist merkwürdig,« murmelte der Handwerksbursch erstaunt vor sich hin; aber nicht gewohnt einer solchen Persönlichkeit gegenüber irgend eine Widersetzlichkeit zu zeigen, warf er seinen Tornister ab, schnallte ihn auf und suchte das Buch.

»Ei du mein Herrgottchen,« rief er dabei, »Alles klatsche naß – wenn hier nur ein Platz wäre, wo man sein Zeug ein Bischen trocknen könnte.«

»Trocknen?« sagte der Seegreis erstaunt, während der Gendarm es unter seiner Würde hielt, mit dem reisenden Handwerksburschen ein Gespräch anzuknüpfen, ehe sich dieser nicht vollständig legitimirt hatte – »was ist denn das?«

»Was trocknen ist?« rief Zacharias, »das nehmen Sie mir aber nicht übel –«

»Na wird's bald!« rief der Gendarm.

»Entschuldigen Sie gütigst,« meinte der Handwerksbursch, »hat ihm schon – hier verehrter Herr Gerichtsbehörde ist mein Paß – Alles in Ordnung – Civil- und Militärbehörden werden ersucht, mich gefälligst –«

»Schon gut,« unterbrach ihn der Mann des Gesetzes, indem er das Papier wieder zusammenfaltete und seinem Eigenthümer zurückgab, »können sich hier aufhalten, müssen den Paß aber beim Bürgermeister vorher visiren lassen.«

»Beim Herrn Bürgermeister, haben Sie denn hier auch einen Bürgermeister?«

»Ist das wieder eine dumme Frage,« brummte der Gendarm, »wo sechs Deutsche zusammen wohnen, brauchen sie doch auch eine Obrigkeit; wofür sollte man denn sonst nur Steuern erheben? – Alles hier wie oben – Alles genau so!«

»O du lieber Himmel,« seufzte Hasenmeier, aber ganz im Stillen, denn was er jetzt dachte, durfte er nicht laut werden lassen, »und deshalb die schreckliche Seereise gemacht.«

»Hutmachergesell?« frug der Gendarm lakonisch.

»Wasserdichter,« bestätigte Hasenmeier ebenso.

»Gut – können einmal meinen alten Filz wieder aufbügeln – ist ein wenig lappig geworden hier unten.«

Zacharias warf einen prüfenden Blick auf den besagten Toilette-Gegenstand und bemerkte allerdings, daß die Krempen des alten dreieckigen Filzhutes, der einmal mit silbernen Borden besetzt gewesen, eine sehr trübselige Form angenommen hatten.

»Wird mir eine Ehre sein,« erwiederte er höflich, »aber wo finde ich den Herrn Bürgermeister?«

»Ist gerade auf der Jagd,« sagte der Gendarm, »können so lange in's Wirthshaus gehen – zum goldenen Haifisch.«

»Wirthshaus?« rief Hasenmeier rasch, »alle Wetter, ist hier auch ein Wirthshaus im Ort?«

»Na, wenn ein Bürgermeister da ist, wird doch auch ein Wirthshaus da sein,« sagte der Gendarm, »gleich dort neben der Kirche – dem Haus mit dem kleinen Thurm.«

Hasenmeier schulterte vergnügt seinen Ranzen wieder und faßte seinen Knotenstock fester, denn jetzt fing ihn sein Leben an zu freuen. Das Eine nur genirte ihn, daß der Seegreis fortwährend um ihn herum schwamm, und ihn dabei immer über die Achsel ansah. Was sollte denn das eigentlich heißen? ob er sich vielleicht über ihn lustig machte, weil er sich hatte von dem Gendarmen so anfahren lassen? Bah, was verstand so ein Seegreis davon; wie Gendarmen behandelt sein wollten, das wußte er besser, und sich an den Alten gar nicht mehr kehrend, wanderte er vergnügt der bezeichneten Stelle zu.

Rechts und links standen Häuser, alle aus Korallenblöcken aufgebaut, und mit breiten Muscheln, wie mit Schindeln gedeckt. Auch Trottoirs hatte das Dorf, gar künstlich von Austernschalen gelegt, und an einer großen Oekonomie kam er ebenfalls vorüber, wo in einem mächtig breiten Stall eine Menge Seekühe mit ihren Kälbern standen, aber keinen einzigen Menschen konnte er entdecken – nirgends die Spur von Leben oder Thätigkeit, und das Ganze fing schon an ihm unheimlich vorzukommen. War das Dorf ausgestorben, und der Gendarm ganz allein zurückgeblieben?

Jetzt hatte er das Wirthshaus erreicht – fehlen konnte er's nicht, denn ein großes Schild mit einem goldenen Haifisch verrieth den Platz schon von Weitem, und rasch schritt er darauf zu, blieb aber ganz erstaunt in der Thür stehen, als er das ganze Gebäude, das etwa noch einmal so groß wie die gegenüberliegende Kirche sein mochte, gedrängt voll fröhlicher zechender Menschen sah.

»Ja, alle Wetter!« rief er erstaunt aus, »da wundert's mich freilich nicht mehr, daß ich Niemanden in den Häusern gesehen habe, wenn sie Alle im Wirthshaus sitzen.«

»Mach' die Thür zu!« rief ihn aber der Wirth an – eine große breitschultrige Gestalt mit Pockennarben, dessen Gesicht ihm merkwürdig bekannt vorkam – »Donnerwetter das ganze Wasser läuft ja herein.«

Hasenmeier zog rasch die Thür hinter sich zu und den Hut vom Kopf.

»Armer reisender Handwerksbursch,« sagte er dabei mit kläglicher Stimme, »bittet allerseits um ein kleines Geschenk.«

»Hurrah, ein Handwerksbursch!« lachten und schrien aber die Gäste durcheinander, und ein Toben entstand jetzt, wie es auf der Oberfläche der Erde nicht natürlicher hätte aufgeführt werden können.

Hasenmeier sah auch hier zu seinem Erstaunen, wie reichlich mit Getränken und Speisewaaren versehen die Bewohner dieser unterseeischen Station sein mußten, denn rings an den Wänden waren Massen von Fässern, mit allen nur denkbaren köstlichen Weinen und Spirituosen aufgeschichtet, während neben an, ein anderes weites Lokal die Speisekammer zu sein schien. Lange Zeit ließen ihm aber die Insassen nicht zum Umschauen, denn von allen Seiten wurden ihm Krüge und Gläser entgegengehalten, und Hasenmeier wußte gar nicht, wo er zuerst zulangen sollte.

»Wo habt Ihr nur alle die guten Sachen her?« rief er dabei, »Ihr lebt ja hier wahrhaftig, wie der liebe Gott in Frankreich.«

»Woher?« lachte der Wirth, »glaubst Du denn mein Bursch, daß alle die guten Sachen verloren gehen, die uns die Schiffe herunter schütteln – Ladungsweise bekommen wir sie, daß wir manchmal gar nicht wissen wohin damit – aber jetzt trink aus, denn wir müssen fort.«

»Fort? wohin?« frug der Handwerksbursch, der gar nicht daran dachte, sobald wieder fortzugehen, »hier ist's doch hübsch genug.«

»Ja es wird Zeit,« riefen aber auch die Anderen und holten jetzt aus Ecken und Winkeln alle nur erdenkbare Arten von Mordwaffen, Lanzen, Spieße, Flinten, Säbel, Pistolen und wer weiß was hervor.

»Aber was ist denn nur los?« rief Hasenmeier, »wollt Ihr in den Krieg? – Donnerwetter, halten Sie mir die Flinte nicht so auf den Leib; das Ding kann losgehen.«

»Was los ist, Kamerad,« sagte der Wirth, »das sollst Du gleich wissen. Hier ganz in der Nähe läßt sich nämlich seit einigen Monaten die Seeschlange blicken, und holt uns unsere Kühe und Kälber von der Weide, ja, hat neulich sogar ein kleines Nixchen, das mit einer Muschel nach ihr warf, mit Haut und Haaren aufgefressen.«

»Und hat denn das der Gendarm gelitten?« frug Hasenmeier.

»Ja, die kehrt sich wohl an einen Gendarm,« lachte der Wirth, »nein, wo wirklich etwas los ist, da müssen wir immer selber hinaus und uns Ruhe schaffen, denn solche Bestien giebt's leider nur zu häufig in unserer Gegend. Der Bürgermeister ist auch schon heut Morgen in aller Früh mit seinen Hunden ausgegangen, um einmal abzuspüren und wenn wir dann wissen, wo sie sich versteckt hält, wollen wir sie nachher schon kriegen.«

»Na, dann will ich derweile ein Bischen hier bleiben und mich ausruhen,« sagte Hasenmeier, dem Nichts ferner lag, als hier unten mit einer Seeschlange anzubinden, da diese allen früher gelesenen Beschreibungen nach ja ein ganz entsetzliches Beest sein sollte.

»Möchtest Du wohl,« meinte der Wirth lachend, »ne mein Bursche, wenn Du hier unten bei uns leben willst, gehörst Du auch mit zur Landwehr und mußt ausrücken.«

»Aber ich bin militärfrei,« rief Zacharias, »der Doctor hat mich untersucht und erklärt, ich hielte die dreijährige Dienstzeit nicht aus – und dann bin ich auch auf dem linken Ohr taub.«

»Papperlapapp!« riefen aber die Anderen, »das macht hier Alles Nichts – gebt ihm einmal eine Lanze oder sonst was und nun vorwärts, sonst schimpft der Herr Bürgermeister.«

Alle weiteren Gegenvorstellungen, daß er sich eine Blase unter den rechten Fuß gelaufen, und den Rheumatismus im Knie hätte, halfen ihm in der That Nichts. Sie schnallten ihm einen furchtbar großen Säbel um, der wohl einen Fuß hinten nach schleifte und ihm, wenn er sich umdrehen wollte, zwischen die Beine kam, und dann brach die ganze Gesellschaft auf, sammelte sich draußen auf der Straße und marschirte nun in Reih und Glied, während ein paar Jungen vorneweg auf Muscheln bließen, zum Dorf hinaus.

Hasenmeier war bei der Sache nicht recht wohl.

»Wenn ich das gewußt hätte,« dachte er bei sich, »so wäre ich lieber noch einen Tag an Bord geblieben,« aber es nützte ihm Nichts. Als Vaterlandsvertheidiger mußte er mit in Reih und Glied marschiren, und dabei auch noch vergnügt aussehen, wenn er nicht von seinen Nebenmännern verhöhnt sein wollte.

So zog der kleine Trupp, etwa vierzig Mann stark, durch die stillen Straßen der Stadt, und Hasenmeier bemerkte wohl, daß hie und da verstohlen ein Frauenkopf an die Fenster kam, um nach einem oder dem anderen der jungen Lieutenants hinunter zu schielen; aber es blieb ihm auch nicht viel Zeit zu solchen Betrachtungen, denn schon öffnete sich vor ihnen das weite Feld, eine mit hohem Seegras bewachsene Wiese, in der ihnen jeden Augenblick die gefürchtete Seeschlange unter den Füßen herausfahren konnte.

Dort draußen bewegte sich jetzt eine menschliche Gestalt, die ihnen zuzuwinken schien – das mußte der Bürgermeister sein und die Muschelbläser vorn wurden bedeutet, ruhig zu sein, denn man konnte ja nicht wissen, wie nahe die Bestie versteckt lag.

So rückten sie leise und geräuschlos vor, aber das Seegras war hier so tief und verwachsen, daß Hasenmeier kaum darin fortkonnte und immer ärger stöhnte und schwitzte.

Der Herr Bürgermeister, der seine Flinte in der Hand hielt, suchte indessen das nächste Feld ab und hielt plötzlich still und sah vorsichtig voraus. Zacharias bemerkte jetzt, daß er ein paar große Seehunde bei sich hatte, und der eine stand – der Bürgermeister winkte, daß sie sich ruhig verhalten sollten, und schritt leise vor. Der eine Seehund zog vortrefflich an – plötzlich fuhr ein Volk fliegender Fische aus dem Gras heraus und der Bürgermeister machte eine famose Doublette nach rechts und links, während die beiden Seehunde vorsprangen und jeder seinen Fisch apportirte.

Hasenmeier, von dem ermüdenden Marsch durch das Seegras vollständig erschöpft, war froh genug, einen, wenn auch nur kurzen Ruhepunkt zu gewinnen, wischte sich den Schweiß von der Stirn und setzte sich dann auf einen der nahebei befindlichen Korallenblöcke, die hier überall aus dem Gras hervorschauten. Mit einem lauten Aufschrei sprang er aber auch schon in demselben Moment wieder in die Höh', denn er hatte sich den Platz, auf den er sich niederlassen wollte, vorher nicht genau angesehen, und sich dabei mitten auf einen Meerigel gesetzt, der dort zusammengerollt lag.

Die Anderen lachten, aber es war jetzt doch keine Zeit zur Kurzweil mehr, denn der Bürgermeister kam heran und theilte den Leuten mit, daß er das Versteck des Meerungeheuers aufgespürt habe. Es sollte zusammengeknäult in einem kleinen Dickicht von Algen und Korallenbäumen liegen, die etwa tausend Schritt von dort entfernt standen und deutlich von hier aus zu erkennen waren.

»Wer ist der Neue da,« sagte der Bürgermeister plötzlich und streng, als sein Blick auf Hasenmeier fiel, »wo kommt er her?«

»Bitte um Entschuldigung, Herr Bürgermeister, ich wollte nur –« stammelte der Handwerksbursch.

»Paß in Ordnung?« fragte der Beamte.

»Alles – wenn Sie erlauben –«

»Nachher – jetzt ist keine Zeit dazu,« wehrte aber der Bürgermeister ab, der übrigens wie ein ganz gewöhnlicher Mensch aussah, nur daß er Schwimmhäute zwischen den Fingern trug – und Hasenmeier überzeugte sich jetzt, daß dies bei allen Uebrigen ebenso der Fall war. Der Bürgermeister aber fuhr fort: »Wir müssen das Dickicht umzingeln und dann zwei Mann hineinschicken – denn meine Hunde wollen nicht dran und ich mag sie auch nicht riskiren. – Zwei Mann, die das Beest aufstören und hinaus in's Freie treiben – und nun vorwärts marsch, damit wir nicht zu spät zum Essen kommen.«

Er hatte dabei sein Gewehr wieder auf eine ganz eigenthümlich rasche Art geladen und fort ging's auf's Neue, gerade auf das furchtbare Dickicht zu, dem Hasenmeier viel lieber, so weit er nur irgend gekonnt hätte, ausgewichen wäre. Es lag ihm auch jetzt gar Nichts daran, daß sie so rasch vorrückten, aber all diese verzweifelten Seemenschen schienen auf einmal eine ganz entsetzliche Eile zu haben, und ehe eine Viertelstunde verging, befanden sie sich dicht vor der Dickung, in welcher das Ungeheuer seinen Mittagsschlaf halten sollte.

Da winkte der Bürgermeister mit der Hand, denn die Seehunde drückten sich scheu zwischen seine Füße – ein sicheres Zeichen, daß die Bestie in der Nähe sei.

»Kameraden,« redete er die kleine Schaar an, »wir sind am Ziel. Da drinnen liegt das Ungeheuer, das unsere Heerden und Hirten frißt, und nächstens auch vielleicht einmal nach Seeburg hinein kommt, um Einen von uns zu holen. Das müssen wir verhüten, denn ein solcher Satan respektirt nicht einmal die Obrigkeit, also zieht Euch jetzt um das Dickicht herum und thut Eure Pflicht, wenn der richtige Moment naht. – Vorher aber zwei Freiwillige vor, die kühn in das Dickicht hineinbrechen und den tückischen Feind zum Weichen bringen – dann läuft er uns nachher von selber in die Hände. – Also habt Ihr mich verstanden? – zwei Freiwillige vor!«

Niemand rührte sich.

»Na?« rief da Bürgermeister entrüstet, und fuhr Hasenmeier an, »Hast Du es nicht gehört, Du Lump! Freiwillige vor! warum kommst Du nicht? soll ich Dir etwa erst Beine machen?«

»Aber bester Herr Bürgermeister,« rief Hasenmeier erschrocken, »als wasserdichter Hutmachergeselle –«

»Wirst Du Dein Maul halten und freiwillig vortreten oder nicht!« schnauzte ihn da noch einmal der Schreckliche an und Hasenmeier sah eben keinen anderen Ausweg als sich für das allgemeine Wohl zu opfern. Nur erst einmal im Dickicht drin, wollte er aber schon Sorge tragen, daß er dem Seeungethüm nicht zu nahe käme, denn es muthwillig aufzustören und böse zu machen, daran dachte seine Seele nicht. – Aber auch hierin sollte er sich getäuscht sehen, da sich der Wirth selber als zweiter Freiwilliger meldete, und jetzt, dem Hutmacher auf die Schultern klopfend rief:

»Und nun komm, Kamerad – es ist Zeit. Donnerwetter, Du hast Dich doch jetzt genug ausgeruht und die Seeschlange geht Dir sonst meiner Seel' durch!«

»Das wär' ein Unglück,« dachte Hasenmeier, aber was half's, vorwärts mußte er, und sich den Hut verzweifelnd in die Stirn rückend, sagte er:

»Na denn man zu, aber wenn das eine Behandlung ist für eine Civil- und Militärbehörde, so will ich Schulze heißen« – und mit den Worten sprang er so rasch in das Dickicht hinein, daß ihm der Wirth kaum folgen konnte. – Am meisten störte ihn aber dabei der lange Schleppsäbel, der bald in den Algen hängen blieb, bald zwischen seine Füße hineinkam, daß er darüber hinstürzen mußte. Aber er achtete das Alles nicht – vorwärts – weiter hatte er in diesem Augenblick gar keinen Gedanken, und ehe er nur recht wußte, wie er dahin gekommen, stak er mitten im Dickicht drin und in einem wahren Gewirr von Korallen und ekelhaften Seegewächsen.

Da raschelte etwas vor ihm, deutlich konnte er sehen, wie sich die langen grünen schleimigen Blätter bewegten, und in den Korallenästen krachte und brach es, daß die bröcklichen Zweige herumstoben. Der Wirth, der dicht hinter ihm war, faßte ihn jetzt an der Schulter und schrie ihm in's Ohr:

»Auf! auf! Hutmacher. Zieh den Degen! sie kommt!«

Hasenmeier wollte seinen Degen aus der Scheide reißen, aber es ging nicht – die verwünschte Klinge war in dem Seewasser fest eingerostet.

»Herr, du meine Güte!« schrie er, »das hat noch gefehlt.«

Vor ihm hob sich ein furchtbares Ungethüm aus dem Gebüsch und sperrte gierig den weiten, mit ganz entsetzlichen Zähnen bewehrten Rachen gegen ihn auf – heißer Dampf schoß daraus hervor, die kleinen grünen Augen blitzten ihn mit funkelnder Wuth an, und schienen das ausersehene Opfer schon voraus zu durchbohren.

Nur den Säbel jetzt heraus, daß er sich gegen das Scheusal wehren konnte – mit der Linken hatte er die Scheide gefaßt, mit der Rechten riß er an dem Griff, daß es ihm die Stirnader zu sprengen drohte – der Säbel saß fest – noch einmal – jetzt brach der Griff ab, als ob er von Glas gewesen wäre, und mit einem jähen Sprung warf sich das Ungeheuer auf ihn und faßte ihn mit den Zähnen.

»Hülfe! Hülfe!« brüllte Hasenmeier und hörte nur noch wie der Wirth ganz ruhig sagte:

»Aber was schreist Du denn so, Hutmacher – Donnerwetter, Mensch, Du alarmirst mir ja das ganze Haus.«

»Ja – ja – wo ist – wo ist denn die Seeschlange?« rief Hasenmeier und richtete sich erschreckt empor.

»Die Seeschlange?« lachte der Wirth, »die soll wohl auf Dich warten, die ist mit der Ebbe ausgesegelt und schon aus Sicht.«

»Die Seeschlange? – aber Du meine Güte – wo bin ich denn?« rief der arme Teufel sich erschreckt die Augen reibend, »wo ist denn der Bürgermeister und – ich war doch? –«

»Der Bürgermeister?« sagte der Wirth schmunzelnd, »von Civil- und Militärbehörden hast Du genug gefaselt, aber jetzt wach' einmal ordentlich auf – es ist bald Mittag und das Mädchen will die Stube rein machen.«

Hasenmeier saß in seinem Bett, aber im Kopf ging's ihm wie ein Mühlrad herum – da stand der Wirth aus dem goldenen Haifisch, und hier lag er in einer fremden Stube im Bett, und von Seeschlangen, Algen und Korallen keine Spur – nicht einmal den Säbel hatte er umgeschnallt.

»Aber wo bin ich denn, Herr Wirth,« rief er mit kläglicher Stimme, »was ist denn nur mit mir vorgegangen?«

»Was mit Dir vorgegangen ist, mein Bursche?« meinte der Blatternarbige, »nichts Besonderes – einen höllischen Rausch hast Du Dir gestern Abend angetrunken und geschlafen wie ein Ratz und das tollste Zeug dabei geschwatzt. – Jetzt mach aber, daß Du heraus kommst, denn das Zimmer soll gelüftet werden.«

Zacharias Hasenmeier war wie vor den Kopf geschlagen. Die Erinnerung an den gestrigen Abend stieg wohl dämmernd in ihm auf, aber Seegreise, Nixen, Schildkröten und Seeschlangen schwammen dazwischen herum, und seine Reise selbst – war denn das Alles nur ein Traum gewesen? – Angezogen wie er gestern in das Wirthshaus gekommen, lag er überdieß im Bett – nur die Stiefeln hatten sie ihm ausgezogen – nicht etwa seiner Bequemlichkeit, sondern des Bettes wegen und fast mechanisch griff er in die Tasche nach seinem Geld. – Herr du meine Güte, das war fort und – das machte ihn munter.

Wie der Blitz sprang er auf und visitirte bestürzt alle Taschen – nicht die Spur davon war mehr zu finden.

»Na was suchst Du Schatz?« sagte der Wirth, der ihn kopfschüttelnd betrachtet hatte, »Deine Brieftasche?«

»Nein, die ist da,« rief der Hutmachergesell – »aber mein Geld – zehn Thaler 17½ Silbergroschen.«

»So?« lachte der Blatternarbige, »einen ganzen Abend zechen und die Gesellschaft traktiren und den Mädels Geld schenken und dann soll am anderen Morgen auch noch die Baarschaft vollständig beisammen sein – wäre nicht übel. Einen solchen Geldbeutel wünschte ich mir auch.«

»Ja aber,« stammelte Hasenmeier, »hab' ich denn Alles bezahlt?«

»Soweit es reichte, ja,« lautete die Antwort, »drei Mark zehn Schilling bist Du aber noch schuldig, mein Bursch, und wenn Du die nicht zahlen kannst, werde ich indessen Deine neuen Stiefeln als Pfand behalten.«

Zacharias Hasenmeier saß, die Hände gefaltet, auf dem Bettrand und starrte wie verloren vor sich hin. Fortwährend schüttelte er dazu mit dem Kopf, und so wenig er im Anfang begriffen haben mochte, wie Alles zusammenhing, kam er doch jetzt endlich zu der Ueberzeugung, daß er der unglückseligste wasserdichte Hutmachergesell wäre, der je einer Pappelallee Fährten eingedrückt. Er machte allerdings einen Versuch seinen Unwillen und sogar einen Verdacht zu äußern, daß vielleicht nicht Alles mit rechten Dingen zugegangen sei, aber der Wirth wurde, nur bei der geringsten Andeutung dahin, so furchtbar grob, daß er das bald in Verzweiflung aufgab.

Und jetzt? – der Wallfischfänger, die »Seeschlange« war allerdings schon an dem Morgen ausgesegelt; wäre er aber auch noch vor Anker gelegen, Hasenmeier hatte, mit der Erinnerung an das Ausgestandene, alle Lust zur Seefahrt und zu fremden Ländern verloren und dankte sogar noch Gott, als er später in Hamburg selber Arbeit fand, um zuerst seine Stiefeln wieder auszulösen und dann neues Reisegeld zu verdienen. Von Schiffen wollte er aber Nichts mehr wissen und hütete sich von da an ganz besonders keiner Matrosenkneipe wieder zu nahe zu kommen.