Es ist eine allbekannte Thatsache, daß viele Kirchen und Klöster, die nur gebaut wurden, um Gott darin anzubeten, ihrem ersten, frommen Zweck nicht immer erhalten werden konnten und die verschiedenste, oft nichts weniger als heilige Verwendung fanden. Besonders in Kriegszeiten geschah das häufig, wo die festen Mauern der Gotteshäuser wie die steinernen Einfassungen der Kirchhöfe als Festungen und Verschanzungen benutzt wurden; aber auch selbst im vollen Frieden trifft man hier und da Tempel und Kapellen, zu denen kein Küster oder Sakristan mehr die Schlüssel führt, sondern ein Markthelfer, weil man sie eben in Lagerhäuser oder Keller umwandelte.
Bei Buenos-Ayres besuchte ich einst, noch zu Rosa's Zeiten, ein in der unmittelbaren Nähe der Stadt gelegenes altes Kloster, das der Dictator einem Stamm der Pampas-Indianer zum Wohnort und zugleich zu einem halben Gefängniß angewiesen hatte, und in der Kapelle selbst lagerten die wilden, halbnackten Gestalten der braunen Krieger, während der Altar noch die Ueberreste einer, wohl zerrissenen und in Fetzen niederhängenden, aber reich gestickten Decke trug. Das Außerordentlichste in dieser Art fand aber doch wohl mit der dicht bei San-Francisco gelegenen californischen Mission Dolores statt; denn so urplötzlich wurde nach der Entdeckung des Goldes das Land von Einwanderern überschwemmt, und so rasend schnell folgte Schiff auf Schiff, daß die Anlangenden gar nicht gleich untergebracht werden konnten und alle Winkel und Räume schon vorhandener Gebäude füllten.
Das alte Missionsgebäude, das bis dahin still und einsam in wenig mehr als einer Wüste, und etwa drei englische Meilen von San-Francisco, der Hauptstadt des Landes, ab gelegen, entging denn auch dieser Umwandlung nicht.
Es war ein mächtiges Gebäude, aus ungebrannten Backsteinen aufgebaut und mehrere Stockwerke hoch, einen großen geräumigen Hof umschließend, während in der Front nach der Bai zu die Kirche selber lag. Das ganze übrige kasernenartige Haus hatten aber bis dahin nur eigentlich drei Menschen bewohnt: der Geistliche, dessen alte Haushälterin, und eine Art Factotum des katholischen Pfarrers, ein Deutscher – und welche Veränderung brachten da wenige Monate zu Stande!
Kaum war das Gold entdeckt und die Nachricht von jenen fabelhaften Schätzen zu gleicher Zeit fast über alle Welttheile verbreitet worden, als die Einwanderung begann, und das benachbarte Mexico und die Vereinigten Staaten zuerst ihre Schaaren hinüber sandten. Dann folgten die Bewohner der Westküste und Sandwich-Insulaner, dann Australier und Europäer, und selbst die Chinesen schwärmten herüber, um ihren Theil von dem Gold zu holen, und reiche Leute zu werden.
In San-Francisco sammelte sich natürlich Alles, aber nicht Jeder führte Zelt oder Wohnung mit, und nun mußte die Nachbarschaft ebenfalls unterbringen, was sie unterbringen konnte, da die einsetzenden Regen ein Lagern im Freien nicht mehr gestatteten. – Was wurde da aus dem alten Missionsgebäude!
Unten in einem der Flügel errichtete ein Deutscher eine Brauerei, mauerte einen Kessel ein und fing an zu kochen. In der vorderen Flanke, zunächst der Kirche, setzte sich ein Amerikaner fest und etablirte eine Restauration, wobei er es bald zweckmäßig fand, eines der alten, großen und öden Zimmer zu einem Tanzsalon umzuwandeln, in dem dann allwöchentlich ein paar Fandangos gehalten wurden.
Hierauf folgte ein Sohn der »grünen Insel« – ein Ire, der an die andere Seite noch eine gewöhnliche Branntweinkneipe setzte, und der Priester mußte es sogar geschehen sehen, daß eine chilenische alte Señora mit fünf jungen Damen, aber keinen Nonnen, in das alte Kloster einzog und nicht wieder zu vertreiben war.
Aber noch nicht genug. Von Buenos-Ayres war ein portugiesischer Arzt nach Californien gekommen, der in San-Francisco ein Hospital gründen wollte, dort aber keinen Platz fand und sich nun ebenfalls auf die Mission angewiesen sah.
Er ritt hinaus, um mit dem Priester eine Verabredung zu treffen, fand ihn aber nicht mehr, denn dem würdigen Herrn war der Lärm doch zu bunt geworden, da sich in den letzten Tagen auf der einen Seite ein Schwarm Indianer, und dicht unter seiner eigenen Wohnung auch noch eine Rotte von Mexikanern eingenistet, die des draußen niederstürzenden Regens wegen gar nicht mehr fortzubringen waren.
Anfangs hatte er, um sich die Lästigen aus seinem eigenen Hause zu halten, und nicht im Stande Gewalt anzuwenden, eine Anzahl Processe angestrengt, aber nur zu bald sollte er die traurigen Folgen derselben kennen lernen, denn er fiel dadurch einer ganzen Schaar von Geiern in die Hände, die alle Zahlung von ihm wollten, ohne daß sie das Geringste für ihn ausgerichtet hätten. Da wurde ihm der alte Platz zu warm, und eines Morgens war er spurlos verschwunden.
Der portugiesische Doctor aber sah das als kein Hinderniß an. Da er Niemanden fand, der ihm ein Quartier vermiethen konnte, nahm er das Gebäude selber in Augenschein, fand die Bodenräume zu einer Aufstellung von Betten passend und quartierte sich dabei ganz ungenirt in der verlassenen Priesterwohnung ein. Er war ein praktischer Mann, der recht gut wußte, daß das Recht des Besitzenden in diesem Land schwer anzutasten blieb. Schon am nächsten Tag trafen auch eine Anzahl von Maulthieren mit Matratzen und wollenen Decken ein, während mit höchster Fluth ein paar Wallfischboote, mit einer Anzahl eiserner Bettgestelle befrachtet, den schmalen Canal, der die Mission mit der Bai von San-Francisco verband, hinauf fuhren. Als Aushülfe hatte sich der Doctor dabei die müßig im Haus liegenden Mexikaner und Indianer gemiethet, und noch vor Sonnenuntergang standen zwanzig Betten dort oben, unmittelbar unter dem schrägen, an vielen Stellen defecten Ziegeldach auf dem offenen Boden, durch den der oft stürmische Wind nach allen Richtungen hin seinen Durchzug hatte. – Das war das Hospital, das jetzt seiner unglücklichen Bewohner harrte.
Die bisherigen Insassen des alten Gebäudes sahen allerdings mit nicht geringem Erstaunen diese Vorbereitungen und schüttelten auch wohl den Kopf, wenn die Vermuthung ausgesprochen wurde, daß dort hinauf Kranke geschafft werden sollten – noch dazu mitten in der Regenzeit, wo man da oben und in dem kalten Wetter nicht einmal ein Feuer anzünden konnte. Aber was war in damaliger Zeit in Californien nicht möglich, noch dazu mit armen Teufeln, die sich selber nicht mehr helfen konnten!
Schon am zweiten Tag traf der erste Kranke ein, – ein junger Matrose, bewußtlos und todtenbleich, der von vier Leuten die steilen Treppen hinaufgeschafft und in ein Bett gelegt wurde, Nr. 1. An dem nämlichen Abend langte noch ein kranker Portugiese an und wurde in No. 2 des Amerikaners Nachbar, und ehe eine Woche verging, waren von den zwanzig Betten schon siebenzehn mit solchen Unglücklichen gefüllt, die in diesem »Hospital« kaum besser als auf offener Straße lagen.
Die Bewohner des Missionsgebäudes wollten jetzt allerdings gegen eine solche Einquartierung protestiren, denn sie fürchteten nicht mit Unrecht durch irgend eine gefährliche und ansteckende Krankheit selber bedroht zu werden; aber es half ihnen Nichts. Das nämliche Recht, in dem alten Gebäude zu wohnen, das die Gesunden für sich geltend machten, mußte auch den Kranken werden, und welchen Ausgang gerichtliche Klagen in Californien nahmen, hatten sie nur zu deutlich an dem eigentlichen Besitzer der Mission, an dem katholischen Priester, gesehen, der durch die Gerechtigkeit des Landes von Haus und Hof getrieben worden war.
Welch ein entsetzlicher Aufenthalt war es aber für die unglücklichen Kranken selber, wenn der Regen auf die unmittelbar über ihren Köpfen befindlichen Ziegel schlug und oft sogar auf ihre Kissen tropfte, und der Wind dann durch all die tausend Ritzen und Spalten heulte und pfiff, denn nirgends war der Ort, an dem sie sich befanden, auch nur durch eine Bretterwand abgegrenzt, ja selber nach unten, zu der Brauerei führte nur die vollkommen offene Bodentreppe, und von dort her stieg, wenn da unten gebraut wurde und Feuer unter dem Kessel brannte, der dicke Qualm empor, und sammelte sich da oben zu solchen Schwaden, daß man kaum seine Hand vor Augen sehen konnte.
Der Doctor wollte diesem Uebelstand allerdings abgeholfen haben und beschwerte sich darüber bei den Brauern; aber was nützte ihm das? Die Brauerei hatte dort früher bestanden als das Hospital, und Niemand ihn gezwungen, seine Patienten dort unterzubringen. Allerdings schien sich die Brauerei verpflichtet zu haben, ihre Abtheilung des Bodens, wenn es je verlangt werden sollte, von der andern abzutrennen, aber es war nicht bestimmt, durch was, und so zogen die Eigenthümer, da eine feste Wand gar nicht zu bezahlen gewesen wäre, einfach dünnen Kattun querüber, und durch den ließ sich der Qualm natürlich nicht abhalten; er drang überall hindurch.
So vergingen Monate. Viele, viele Unglückliche waren in diesen entsetzlichen Aufenthalt geliefert, und nur sehr wenige gesund daraus entlassen worden; oft und oft aber kletterten Morgens mit Tagesanbruch vier oder sechs Männer, einen in eine Decke gewickelten Leichnam zwischen sich tragend, die steile und schmale Holztreppe hinab und legten den Verstorbenen unten auf dem kleinen Kirchhof, den die darüber hängende Dachtraufe in der Regenzeit zu kaum mehr als einem Sumpf wandelte, in sein kaltes, feuchtes Grab – nicht einmal einen Sarg bekam er mit; der hätte zu viel Geld gekostet.
Und immer wilderes Leben füllte die weiten, trostlosen Räume des alten Klosters, dessen Zimmer mehr Ställen und Kellern, als menschlichen Wohnungen glichen. Die Brauerei war allerdings indessen aufgegeben, aber an einen anderen Brauer verkauft, der nur noch nicht Besitz davon ergriffen hatte, und noch zwei neue Schenkstände wurden, der eine von einem Mexikaner, der andere von einem Amerikaner, eröffnet.
Zu dem Amerikaner hatten sich die chilenischen Mädchen gezogen, und hielten dort wilde Fandangos, zu welchen nicht selten das rohe Männervolk aus der Umgegend gezogen kam, während die dort in der Nachbarschaft ansässigen Californier mit ihren Frauen und Töchtern das Lokal des Mexikaners benutzten; denn sie haßten die Amerikaner, die ihnen ihr Land genommen und verkehrten nur wenig mit ihnen. Ohne Tanz konnten sie aber ebensowenig bestehen, denn auf der Mission wohnten doch wenigstens zehn oder zwölf californische Familien mit einer Anzahl erwachsener Töchter, und ganz allerliebste Mädchen unter ihnen, denen die kleinen Füße schon zuckten, wenn sie nur Musik hörten.
Eine der hübschesten unter ihnen, und dabei unstreitig die beste, zierlichste Tänzerin, war aber die Señorita Marequita, die Tochter eines dort ansässigen und ziemlich wohlhabenden Viehzüchters, und sobald sie bei einem der Fandangos zum Tanze antrat, wurden ihr nicht nur jubelnde Bravos zugerufen, sondern es flog sogar, nach californischer Sitte, mancher Silberdollar, ja manches Goldstück zu ihren Füßen nieder.
Es konnte auch in der That nichts Lieblicheres geben, als dies junge, bildhübsche Wesen den Fandango oder einen jener anderen spanischen Tänze auszuführen zu sehen. Da bemerkte man freilich Nichts von dem unanständigen Beinewerfen nachgemachter Spanierinnen, die sich bei uns produciren – jede Bewegung war züchtig, aber auch eben so graciös, und wie eine Elfe glitt sie herüber und hinüber. Die Schönheit und Liebenswürdigkeit der jungen Californierin war auch schon bis nach San-Francisco gedrungen, und häufig kamen die Amerikaner heraus, um sie zu bewundern, ja selbst von den in der Bai ankernden amerikanischen Kriegsschiffen trafen zu Zeiten einzelne Officiere ein, und man erzählte sich, daß Einer von Diesen schon sogar um ihre Hand angehalten habe. Aber er mußte mit einem Korb abgezogen sein, denn er ließ sich seit jener Zeit nicht mehr auf der Mission blicken, und die Californier selber zeigten sich danach nur noch soviel stolzer auf ihre Landsmännin, daß sie in keine Verbindung mit dem verhaßten amerikanischen Stamm gewilligt hatte.
Marequita wußte aber auch noch einen anderen Grund, weßhalb sie den freundlichen Worten des jungen Officiers nicht gelauscht, denn ihr Herz war schon seit Monden nicht mehr frei, und sie erröthete tiefer und tanzte befangener, wenn ein junger Franzose, Jerome – wie er von den Kameraden genannt wurde, den Tanzsaal betrat, und ihr in der ersten Zeit nur mit schüchterner Zurückhaltung die Hand zum Gruße bot. Nach und nach schien er aber doch dreister geworden zu sein, denn er besuchte die Mission häufiger, und jetzt auch sogar das Haus in dem Marequita's Vater wohnte, und faßte zuletzt sogar Muth genug, Diesen um die Hand seiner Tochter zu bitten, was der Californier vor allen Dingen mit einer Frage nach seinen Vermögensverhältnissen beantwortete.
Mit diesen stand es freilich nicht – wenigstens nach californischen Ansprüchen so, daß beide Theile hätten damit zufrieden sein können. Der junge Franzose besaß allerdings ein paar hundert Thaler Geld, aber Du lieber Gott! was wollte das in einem Lande sagen, wo man manchmal ebensoviel zu einem Souper verbrauchte, und das Resultat lautete denn auch demzufolge: der Vater würde gegen eine Verbindung des jungen Mannes mit seiner Tochter nicht das Geringste einzuwenden haben, wenn – Don Jerome nur erst einmal nachzuweisen vermöge, daß er im Stande wäre einen eigenen Hausstand zu beginnen und eine Frau zu ernähren. Das sah Don Jerome denn auch ein, nahm zärtlichen Abschied von dem lieben, unter Thränen zu ihm auflächelnden Kind, kaufte sich Handwerkszeug und schiffte sich frohen Herzens nach Sacramento ein, um oben in den nördlichen Minen sein Glück zu versuchen und so rasch als irgend möglich ein reicher Mann zu werden. Aehnliche Beispiele kamen ja alle Tage vor, und weßhalb sollte ihm das Glück nicht ebenso günstig sein als tausend Anderen, die es noch dazu nicht einmal verdienten oder zu benutzen verstanden, weil sie fast regelmäßig auch das Gewonnene gleich wieder an Ort und Stelle vertranken oder verspielten.
So vergingen wieder mehrere Monate. Der Sommer war vorüber, und die Regenzeit setzte aufs Neue ein, ohne daß Briefe von Jerome gekommen wären, und er hatte doch so fest versprochen dann und wann zu schreiben und Nachricht über sich und seine Erfolge zu geben. Aber das junge Mädchen fühlte sich dadurch eben nicht sehr beunruhigt, denn die Postverbindung zwischen San-Francisco und den Minen war eine noch so unvollkommene, und ruhte außerdem fast ganz in Privathänden, daß man auf den richtigen Empfang eines abgesandten Briefes nie rechnen konnte. Es kam sogar grade in dieser Zeit sehr häufig vor, daß derartige Leute, die übernommen hatten Briefe und Geldsendungen zu besorgen, entweder unterwegs überfallen und todtgeschlagen oder beraubt wurden, oder auch selber mit den ihnen anvertrauten Geldern zu Schiff und durchgingen.
Ja sogar in San-Francisco lag das Postwesen noch derart im Argen, daß irgend ein Fremder, wenn er vorgab beauftragt zu sein, Briefe abzuholen, auf dem Bureau sich aussuchen und mitnehmen durfte, was er wollte, – waren doch die Beamten nur froh, dadurch wieder ein Packet unbestellbarer und ihnen lästig werdender Briefe aus ihren Fächern zu bekommen. Ob die Briefe je an ihre Adressen befördert wurden, was kümmerte es sie, sobald sie nur das Porto dafür erhielten.
Auf der Mission hatte sich indessen Manches in sofern geändert, als die Verbindung mit San-Francisco eine weit bessere und leichtere geworden war. Früher mußte man die drei Meilen durch knöcheltiefen Sand Hügel auf und ab waten oder reiten, während Fuhrwerke nur mit Mühe und Noth ihren Weg durch den schweren Boden verfolgen konnten, und jetzt hatten die unternehmenden, thätigen Yankees eine breite, ebene, mit Planken durchaus belegte Straße gebaut, auf der das Fuhrwerk dahinrollte, wie auf einer Eisenbahn. Ueberall auf dem Weg ließen sich dabei Ansiedler nieder, theils auf den späteren Werth der Grundstücke speculirend, theils um gleich jetzt Wirthshäuser und Branntweinschenken zu errichten.
Auch mit der Mission selber war eine Veränderung vorgegangen, indem sich dort einige amerikanische Ackerbauer niedergelassen hatten und zum erstenmale den Pflug in den Boden brachten. Das Land erwies sich auch in der That viel fruchtbarer als man geglaubt, und es zeigte sich später als eine ganz vortreffliche Speculation, das Getreide, das man bis dahin mit schwerem Geld hatte in weit entfernten Hafenplätzen kaufen müssen, hier gleich an Ort und Stelle selbst zu bauen.
Dabei waren auch, um die Mission herum eine Menge von neuen Häusern theils schon entstanden, theils noch im Bau begriffen und ein reges Leben herrschte auf dem sonst so stillen und einsamen Platz. Nur das alte Missionsgebäude mit seiner buntgemischten, wunderlichen Bevölkerung lag noch wie früher träumend unter seinem defecten Ziegeldach, und wenn es auch seine Bewohner zeitweilig wechselte, blieb die Art des Verkehrs darin doch noch für lange Zeit die nämliche.
Der Besuch des Hospitals war allerdings ein geringerer geworden, weil man indessen in der unmittelbaren Nähe der Hauptstadt ein anderes und besseres gebaut hatte. Da übrigens der Doktor von seinen bis dahin enormen Preisen herunterging und billigere Bedingungen stellte, so wurden ihm doch noch von Zeit zu Zeit einzelne Patienten ausgeliefert, deren Mittel entweder nicht ausreichten, oder für welche Andere zu sorgen hatten, wobei sie die Vorsicht nicht versäumten, so wenig als möglich Auslagen zu haben.
In den Minen waren auch grade außergewöhnlich viel Krankheiten vorgekommen, denn so gesund das californische Klima an und für sich sein mochte, so trug doch die wilde, unregelmäßige Lebensart, wie die schwere, für Tausende ungewohnte Arbeit viel dazu bei, besonders hitzige Fieber zum Ausbruch zu bringen, die für die davon Betroffenen nur zu häufig aus Mangel an Pflege und ärztlicher Behandlung einen schlimmen und tödtlichen Ausgang nahmen.
Wie mancher arme Teufel, der mit goldenen Hoffnungen und Träumen in das Land gekommen, erhielt dort oben Nichts als sechs Fuß Erde und einen Steinring um das enge Grab, auch wohl noch ein rohes Kreuz mit dem Beil in den nächsten Baum eingehauen – das war Alles. Und daheim seine Lieben sorgten und ängstigten sich vielleicht noch Jahre lang um den Geschiedenen, mit sehnenden Herzen seiner Rückkehr harrend, und schrieben und frugen an bei Behörden und Regierung. Umsonst – wer kannte die Namen der Todten, die überall zerstreut unter den Eichbäumen des weiten Landes lagen – wer hatte je nach ihnen gefragt!
Glücklich waren noch Solche zu schätzen, welche Krankheit nicht allein und einsam in der Wildniß traf, und welche Freunde fanden, um sie aus den Bergen und Schluchten hinaus wieder in den Bereich der Civilisation und ordentlicher Pflege zu bringen. Allen aber half das freilich auch nicht; Viele starben schon unterwegs, Andere lebten gerade lange genug, um den Hospitalkirchhof zu erreichen, und Wenige, o wie entsetzlich Wenige von alle den armen hülflosen und gebrochenen Menschen konnten wieder soweit gebracht werden, mit gekräftigtem Körper ihre Arbeit auf's Neue zu beginnen!
Eins aber büßten Alle ein: das mitgebrachte Gold – denn eben nur mit Gold wurden in damaliger Zeit Arzneien aufgewogen und ein tüchtiger Arzt hatte seine beste und einträglichste Mine in den Krankheiten seiner Patienten. Was lag den Kranken auch an dem ausgewaschenen und erbeuteten Gold? – wo sie das gefunden, gab es mehr, und wenn ihr Körper nur seine alte Kraft wieder erlangte, alles Andere war nicht der Rede werth.
Draußen am langen Werft hatte auch heute wieder das von Sacramento kommende Dampfboot angelegt, und nachdem die Passagiere das Schiff verlassen, schafften die Matrosen noch ein paar schwer kranke Miner an's Land, oder vielmehr auf die Spitze des über eine halbe Meile langen Werftes hinaus, legten sie dort, in eine wollene Decke gewickelt, auf die Planken und kehrten dann an Bord zu ihrer Arbeit zurück. Die Freunde oder Kameraden der Leidenden mochten jetzt sehen, wie sie allein mit ihnen fertig wurden.
Zwei der Unglücklichen waren Amerikaner und ihr Kamerad lief das Werft entlang, um irgendwo eine Karre aufzutreiben, auf der er sie in ein Kosthaus, oder auch vielleicht in das Hospital schaffen konnte. Der Dritte schien ein Fremder, – sein Begleiter, der sich zu ihm überbog und einige Fragen an den halb Bewußtlosen richtete, sprach französisch mit ihm. Ein paar Yankee's, die auf dem Werft herumschlenderten, blieben neben den Beiden stehen und frugen endlich theilnehmend, was dem Armen fehle.
»O Gentlemen,« sagte der Franzose in sehr gebrochenem Englisch, »Fieber – schweres Fieber – Phantasieen, viel Phantasieen. Hab' ihn gefragt – Landsmann von mir – wohin er gebracht sein will – bin selber fremd hier – vor einem Jahr nur zwei Stunden in San-Francisco gewesen – Er sagt Nichts – nur Mission Dolores – weiter kein Wort.«
»Ist es Dein Kamerad?«
»Nein – habe ihn gefunden auf Dampfboot krank – sehr krank – weiß nicht, wie er heißt – aber Landsmann –«
»Also Mission Dolores sagt er?« frug der andere Amerikaner.
»Toujours – ever – kein anderes Wort.«
»Dann will er auch in das Hospital auf der Mission geschafft sein,« sagt der Andere – »dort ist ein Hospital, das ein Fremder hält, ich weiß nicht, ein Spanier oder Franzose – er spricht jedenfalls französisch und hat Viele von Euren Landsleuten oben.«
»Und wo liegt die Mission?«
»Gleich dort drüben, um die Landspitze herum – rechts hinein geht ein schmaler Kanal, in den Ihr bei Fluthzeit einfahren könnt. Wenn ihr ein Boot miethet, bringt Euch das ganz bequem bis ziemlich dicht an's Missionsgebäude, und dort fragt nur nach dem Hospital – jedes Kind zeigt Euch den Weg dahin.«
»Dank' Euch – dank' Euch vielmals,« nickte der Franzose, der sich des armen todtkranken Landsmanns in der That erst unterwegs angenommen hatte, weil er sah, daß sich Niemand sonst um ihn bekümmerte. Keine Seele an Bord wußte auch, wie es schien, etwas von ihm. Er war allein und allerdings schon krank auf den Dampfer gekommen und hatte sich, nachdem er seine Passage bezahlt, in seinen Mantel gewickelt, auf Deck niedergeworfen; dort mußte das hitzige Fieber erst in ihm ausgebrochen sein, und von da ab war er auch nicht recht wieder zur Besinnung gekommen, um Rechenschaft über sich zu geben.
Sein Landsmann aber ließ ihn nicht im Stich, wie denn überhaupt die Franzosen in fremden Welttheilen besonders treu zu einander halten und uns Deutschen dabei mit einem – freilich selten beherzigten – guten Beispiel vorangehen. Er miethete ohne Weiteres eines der dort am Werft liegenden Boote, und da es gerade die günstige Zeit war, um die Mission Dolores zu Wasser zu erreichen – fast die höchste Fluth, – so hoben sie den Kranken in das Boot hinab und ruderten ihn, von der Strömung noch außerdem begünstigt, rasch die Bai hinauf, um Rincons Point hinum und in den schmalen Kanal hinein, dessen Landungsplatz kaum mehr als zweihundert Schritt von der Mission selber entfernt lag.
Der Franzose wußte sich hier, da er keine Seele am Ufer fand, auch nicht anders zu helfen, als daß er den Kranken noch unten im Boot ließ und indessen selber hinauf zum Arzt ging, um mit Diesem Rücksprache zu nehmen.
»Konnte der Kranke für seine Pflege und ärztliche Behandlung zahlen?« war die erste, vorsichtige Frage Desselben, die der Franzose dahin beantwortete, daß er an dem Gürtel seines Landsmannes, unter der Blouse, einen Lederbeutel mit Gold gefühlt habe. Der Mann kam aus den Minen und führte jedenfalls das dort Erworbene bei sich. Das genügte. Der fremde Arzt wußte recht gut, daß er sich im Fall einer mißlungenen Kur selbst bezahlt machen konnte, und hatte in solchen Fällen schon die Erbschaft von verschiedenen Kranken angetreten, deren Familien nicht ausfindig gemacht werden konnten – wenigstens nicht ausfindig gemacht wurden. Er sandte auch augenblicklich seine Krankenwärter hinunter, die den Patienten herauf holen mußten, und der junge Franzose begleitete den Armen dann noch die Treppe hinauf bis an sein Bett und schauderte freilich, als er den elenden Aufenthalt entdeckte, der dem Armen von jetzt ab Heilung geben sollte.
Das Hospital hatte sich auch in der That nicht – seit der Errichtung desselben – zu seinem Vortheil verändert, denn damals waren die Betten doch noch wenigstens neu und reinlich gewesen – und wie sahen die jetzt aus!
Es war vorgekommen, daß einzelne Kranke, die noch die Kräfte besaßen, wieder die Treppe hinunter schwankten und dann erklärten, lieber wollten sie auf Gottes freiem Erdboden, als dort oben in jenem entsetzlichen Aufenthaltsort liegen bleiben – aber das geschah doch nur im Verhältniß sehr selten und da Eines von diesen verwöhnten Subjekten eines Abends wirklich den Platz verließ und noch ein Stück den Hang hinan unter einen einzeln stehenden Baum kroch und dort in der Nacht starb, so wurde dieses Beispiel später etwa Widerspenstigen immer mit dem besten Erfolg vorgehalten.
Der junge kranke Franzose sah Nichts von seiner ganzen Umgebung; er wurde bewußtlos die Treppe hinan- und auf ein Bett getragen, dort genau von dem Doktor untersucht und dann zugedeckt. Der oben auf Wache befindliche Wärter bekam hierauf die Ordre, den Doktor augenblicklich zu rufen, sobald der letztgekommene Patient – Nr. 14, wie er nach seinem Bette genannt wurde – erwache; aber der Doktor brauchte nicht wieder an dem Tage gestört zu werden, denn Nr. 14 kam nicht zur Besinnung, phantasirte nur stark und schwatzte eine Menge tollen Zeuges, rief auch ein paarmal einen spanischen Frauennamen, und lag dann Stunden lang regungslos mit geschlossenen Augen da. Ein furchtbares Fieber schüttelte seine Glieder, und der Kopf glühte ihm, daß es fast seine Stirnadern zu sprengen drohte.
Am nächsten Tag erwachte er allerdings, zeigte sich aber als ein sehr unruhiger und auch unbequemer Gast, denn sein Geist schien zu wandern und er wollte auf und davon. Die Wärter hielten ihn zurück und der Doktor wurde gerufen; er verordnete, daß man den Patienten an sein Bett festbinden und ihm kalte Umschläge machen solle. Er wehrte sich dabei wie rasend, aber es half ihm Nichts; es wurde weitere Hülfe herbeigeholt, und kaum eine Viertelstunde später lag er, an Händen und Füßen festgeschnürt, auf seinem Schmerzenslager, während ihm einer der Wärter, mit einem Stalleimer voll Wasser neben sich, nach der Verordnung des Arztes nasse Tücher um den Kopf legte.
Der Gebundene lag eine Zeitlang still; die kühlen Umschläge schienen ihm gut zu thun – aber das dauerte nicht lange. Sobald er sich nur wieder einmal regte und die ihn haltenden Bande fühlte, so brach auch seine Wuth von Neuem aus. Er tobte und wand sich umher und schrie dabei, daß man es weit über die ganze Mission hören konnte, und die Frauen und Kinder sich davor fürchteten. Dieser Zustand dauerte viele Tage und Wochen und Jedermann dort wußte und erzählte sich, daß ein sehr bösartiger Geisteskranker oben im Hospital untergebracht sei und dem Doktor viel zu schaffen mache. Wo er herstamme und wer er sei, darum kümmerte sich Niemand; wer hätte auch all die Leute kennen wollen, die von Ost und West und Süd und Nord nach Californien geströmt waren, um dem Boden seine Schätze zu entreißen? Es war eben ein »Fremder«, und das Wort entsprach in damaliger Zeit allen Bedürfnissen, die man sonst vielleicht empfunden hätte, nach Namen und Stand zu forschen.
Auf das eigentliche tolle Leben in der Mission hatte dieser unheimliche Gast jedoch nicht den geringsten Einfluß. In beiden Flügeln des großen Gebäudes wurde ruhig fort musicirt und getanzt, und wenn auch einmal in einen ihrer Fandangos ein wilder, gellender Schrei hineintönte, so schraken die jungen Mädchen wohl zusammen und sahen sich scheu einander an, aber die Instrumente fielen dann nur um so rauschender und tönender ein und der Tanz verlangte sein Recht. Was hätte es auch dem armen Kranken da oben geholfen, wenn sie ihre Lust unterbrechen wollten? Dort wo er lag, konnte er nicht einmal die Musik hören, keinenfalls aber dadurch gestört werden.
Marequita hatte sich indessen in der ersten Zeit, nachdem Jerome sie verlassen, ziemlich fern von den sonst so häufig besuchten Fandangos gehalten. Sie kam wohl dann und wann hinüber und tanzte ein- oder zweimal, ließ sich aber nie verleiten länger zu bleiben, und verließ selbst ihr Haus nur selten. – Aber wie monoton war das Leben auf der Mission, wenn man sich auch noch die so spärlichen Vergnügungen versagen wollte, die von Zeit zu Zeit ein unschuldiger Tanz bot. Jerome ließ gar Nichts von sich hören; er hätte doch gewiß einmal schreiben können, wie es ihm ging, und ob er Hoffnung habe, bald zurückzukehren. Von allen Minen trafen außerdem Händler oder Goldwäscher in San Francisco ein, und wie leicht wäre es ihm gewesen, Einen von Diesen zu bewegen, ihnen Nachricht zu bringen. Aber Niemand ließ sich sehen – Niemand, und der Vater Marequita's frug viele Menschen aus den verschiedensten Distrikten; Keiner von alle Diesen wußte freilich etwas von einem Franzosen Jerome, oder hatte je von ihm gehört; war es denn ein Wunder, daß ihr zuletzt die Zeit lang wurde und sie den Bitten ihrer Freunde und besonders des jungen tanzlustigen Volkes nicht mehr so hartnäckig widerstand? Und wie jubelten ihre Landsleute nicht allein, nein, auch die Fremden, wenn sie sich wieder im »Saale« zeigte! Welche Triumphe feierte sie! und manchen Abend mußte sie die ihr geworfenen Dollarstücke sogar in der Mantille nach Hause tragen, weil sie das viele Geld gar nicht mehr in den Händen halten konnte.
Heute war der Vater wieder in San-Francisco gewesen und hatte dort, zum ersten Mal, so oft er sich auch schon erkundigt, einen Franzosen gesprochen, der Jerome genau kannte und sogar mit ihm gearbeitet hatte. Der aber behauptete, Jerome sei glücklich in den Minen gewesen und schon vor langen Wochen nach San-Francisco zurückgekehrt, wo er, wie er ihm erzählt, heirathen und ein kleines Hotel gründen wollte. Seit dem Tage aber habe er ihn natürlich nicht mehr gesehen, und wenn er sich jetzt nicht in der Stadt befinde, müsse ihm doch am Ende ein Unglück zugestoßen sein.
Du lieber Gott! aus den Minen zurückkehrende Goldwäscher wurden aber gar nicht etwa so selten von nichtsnutzigem Gesindel angefallen, todtgeschlagen und beraubt; Dampfbootkessel waren außerdem geplatzt, Boote zusammengerannt und gesunken. Er konnte auch San-Francisco glücklich erreicht und dort sein ganzes gewonnenes Gold am ersten Abend verspielt haben – wie oft geschah das! – und dann stak er jetzt vielleicht schon wieder oben in den Bergen, um sein Glück von Neuem zu erzwingen. Das Letztere schien auch in der That das Wahrscheinlichste, denn leicht gewonnenes Geld wird selten geachtet, und verschwindet oft rascher als es erlangt wurde, und die also Betrogenen schämen sich dann stets, ihren Leichtsinn einzugestehen.
Marequita weinte, als ihr der Vater die Kunde brachte – also das wäre die Liebe gewesen, die ihr Jerome geschworen, daß er das schon in den Händen gehaltene Glück auf trügerische Karten setzte, und ihr nicht einmal Kunde von seiner Rückkehr gab? Dann aber brauchte sie sich auch nicht mehr um den leichtsinnigen Menschen zu grämen, oder ihm gar ihre Jugend zum Opfer zu bringen. – Heute Abend war großer Fandango – die Offiziere eines in der Bai ankernden spanischen Kriegsschiffes hatten zugesagt, die Mission zu besuchen – lag es doch auch gerade dem Kanal gegenüber, und das junge Mädchen beschloß, sich heute Abend dem Tanz wieder mit der alten, unermüdeten Lust hinzugeben wie vordem.
Allerdings machte der Wirth auch die größten und ganz außergewöhnliche Anstalten, um die einst weiß gewesenen, trostlos nackten Wände seines Lokals für das Fest so freundlich als möglich zu decoriren, und ein Dutzend Indianer waren schon seit Tagesanbruch beschäftigt gewesen, grüne Büsche jenes lorbeerartigen Baumes, der in Masse an den nächsten Hängen wuchs, herbeizuschleppen, und den ganzen Raum in eine Laube zu verwandeln. Ueberall wurde gehämmert und gebohrt und recht unheimlich drang zu diesen Vorbereitungen einer frohen Lust manchmal das Geheul des Wahnsinnigen herunter, so daß sich der Wirth noch für den Abend eine große Trommel und zwei Trompeter extra bestellte, um mit der rauschenden Musik die unglückseligen Laute zu übertäuben. Er hätte das aber nicht nöthig gehabt, denn schon gegen elf Uhr schwiegen die Aufschreie – kein Ton wurde mehr gehört und bald brachte auch ein Krankenwärter die Nachricht herunter, der Unglückliche, der ihnen die letzten Wochen so viel zu schaffen gemacht, sei vor etwa einer halben Stunde plötzlich auf sein Lager zurückgefallen und gestorben.
»Grazias a Dios!« rief der Wirth, »Gott sei seiner armen Seele gnädig und gebe ihr den ewigen Frieden, aber ich bin froh, daß wir ihn los sind, amigo, denn das Geschrei war kaum noch zum Aushalten und ich selber schon im Begriff, den sonst so bequemen Platz zu verlassen, um mich wo anders anzusiedeln. Jetzt stört er uns auch heute Abend die fremden Gäste nicht, und die jungen Damen besonders werden dem Himmel danken, daß sie sich nicht mehr vor dem Tollen zu fürchten brauchen.«
Das war auch in der That ein reges Leben heute auf der Mission, und noch dazu Sonntag und prachtvolles Wetter, so daß ganze Schwärme von Lustwandelnden und Reitern und Wagen aus San-Francisco herüber kamen, um den Nachmittag hier draußen zuzubringen.
Und wie stolz betrachtete sich indessen der Wirth seinen so stattlich herausgeputzten Ballsaal, in welchem höchstens die Mittel zur Beleuchtung etwas zu wünschen übrig ließen. Aber Gas gab es freilich nicht, und Stearinkerzen, auf Leuchter mit Reflectoren von weißem Blech gesetzt, mußten da aushelfen.
Uebrigens dachte das tanzlustige Volk gar nicht daran, den Abend zu erwarten, um die Lustbarkeit zu beginnen; wozu sollten sie den ganzen schönen Tag versäumen? und der Wirth hatte wirklich Mühe, sie nur so lange zurückzuhalten, bis er seine nöthigsten Arbeiten im Innern beendet hatte, denn daß er nachher keinen Moment Zeit dafür behielt, wußte er gut genug.
Es war vier Uhr Nachmittags, als zwei Jöllen mit Offizieren von dem spanischen Kriegsschiffe abstießen und dem Lande zuruderten, und zugleich begannen auch die Musici als Introduction einen lustigen Marsch zu spielen, um die willkommenen Gäste damit zu empfangen. – In derselben Zeit drückte der Arzt da oben dem Todten die Augen zu und die Krankenwärter lösten ihm die bis jetzt noch immer gefesselten Arme und falteten ihm die Hände auf der stillen Brust, wuschen ihn auch und kämmten sein volles, lockiges Haar, das ihm bis jetzt wirr und wild um die Schläfe gehangen hatte. Dann wurden die Wärter hinunter auf den Kirchhof gesandt, um ein Grab für den Unglücklichen auszuwerfen. Heute war es schon zu spät geworden, aber morgen mit dem Frühesten sollte er beerdigt werden, denn länger konnte man ihn unmöglich dort oben zwischen den Lebenden lassen.
Draußen schaufelten, unmittelbar neben dem alten Missionsgebäude, die Männer das schmale Grab aus, und inwendig spielten mit Trommeln und Trompeten die Musici den lustigen Marsch und plauderten und lachten die jungen Mädchen mit einander, sich des schönen Tages freuend. Auch zu ihnen war wohl die Kunde gedrungen, daß der Wahnsinnige gestorben sei, aber auch sie freuten sich darüber, denn lange genug hatte er sie fürchten gemacht und auch wohl bös erschreckt, wenn manchmal mitten in der Nacht sein gellender Aufschrei zu ihnen herübertönte. Das war jetzt vorbei – aber es dachte Keine von ihnen länger als einen flüchtigen Augenblick an den Unglücklichen; andere Dinge gingen ihnen im Kopf herum, denn dort kamen die fremden Offiziere in ihren prächtigen Uniformen schon über den niederen Küstenhang vom Ufer herauf, und der Tanz nahm ihre ganze Aufmerksamkeit vollständig in Anspruch.
Indessen sammelte sich das »Volk« vor dem alten Missionsgebäude, und es war in der That wunderlich anzusehen, welche bunte Mischung von Stämmen und Trachten sich hier zusammen gefunden hatte. Das schienen auch nicht die Bewohner einer einzigen Stadt, die sich hier an einem Sonntag Nachmittag versammelten, das glich weit eher einem Carneval, der die Repräsentanten aller Zonen und Welttheile für kurze Zeit vereinigte, und alle Zonen, – mit Ausnahme vielleicht der kalten – waren wirklich vertreten.
Hier stand eine Gruppe von Yankees, in dem unvermeidlichen schwarzen Frack, den hohen Cylinderhut weit nach hinten auf den Kopf gedrückt, die Hände in den Taschen und goldene Uhrketten, Tuchnadeln, Hemdknöpfchen und Berloques eingehakt. Dazwischen drängte sich ein kleiner Schwarm von Chinesen herum, in ihren blauen Kattunjacken und weiten weißen Hosen, die langen Zöpfe wohl geflochten und gepflegt. Südsee-Insulaner waren da, die scheu und verwundert auf dem fremden Boden umhergingen, und oft nur in ihrer eigenen Sprache zusammen plauderten und lachten, wenn ihnen etwas gar zu Absonderliches in die Augen sprang – Mexikaner mit den, an der Seite bis oben hin aufgeschlitzten und mit silbernen Knöpfen besetzten Sammethosen und den kurzen, ebenfalls so garnirten Jacken, den breitrandigen Wachstuchhut auf dem Kopf; Californier mit ihrem langen, in den prachtvollsten Farben gewebten Ponchos, die ihnen fast bis auf die Knöchel hinabreichten und die ganze Gestalt verhüllten. Deutsche, Engländer, Franzosen, Irländer, Backwoodsmen in ihren ledernen Jagdhemden, die lange Büchse noch auf der Schulter, wie sie gerade über die Felsengebirge gekommen waren; Chilenen in den kurzen Ponchos, Neger und Mulatten in allen Schattirungen, und dazwischen die aus den Minen oft mit schweren Beuteln voll Gold zurückgekehrten Goldwäscher in den phantastischsten Costümen, die sich nur denken lassen – abgerissen in ihren Kleidern auf das Entsetzlichste, mit geflickten Hosen und Jacken, mit zerrissenen Stiefeln, und Hüten, die Monate lang am Tag der Sonne und dem Regen getrotzt und Nachts dann als Kopfkissen gedient hatten. Und in kleinen Gruppen standen dabei die Eingebornen des Landes, die eigentlichen, rechtmäßigen Herren des Bodens, und doch vielleicht die einzigen, vollständig Besitzlosen in der ganzen Masse, die ihr Leben jetzt durch Tagelohn kärglich fristen mußten.
Welch bunte Völkermischung trieb sich auf dem engen Platz umher, und dieser schlossen sich nun auch noch die spanischen Marine-Offiziere in ihren blitzenden, goldgestickten Uniformen an und vollendeten eigentlich erst das bunte, wunderliche Bild. Aber die rauschende Musik zog sich auch bald zu dem eigentlichen Knotenpunkt des Vergnügens hin, und so öde der Platz da drinnen sonst gewöhnlich aussah, so freundlich schien er ihnen heute nicht allein durch das frische Grün der Zweige, das die Wände deckte, nein auch durch die vielen, lieben Mädchengestalten, die sich hier versammelt hatten und jetzt nun verschämt und doch auch wieder mit vor Vergnügen blitzenden Augen des Tanzes harrten.
Wo alle Theile so willig waren, dauerte es aber auch nicht lange, bis er begann, und wie nur die kriegerischen Töne des Marsches schwiegen und in die allbeliebte muntere Weise des Fandango übergingen, hatten sich rasch einige gleichgesinnte Paare gefunden, die zusammen antraten – und Marequita war unter ihnen und ihr Tänzer einer der jungen Offiziere.
Es gab allerdings damals noch wenig Frauen in Californien, denn das wilde Leben im ganzen Lande bot noch keinen rechten Grund und Boden für eine Familie. Was deshalb von Amerika oder Europa an weiblichen Wesen herüber gekommen war, gehörte nur den Klassen an, die sich darin wohl fühlen konnten, und dazu hatte Chile die größte Zahl gestellt. Die Fremden, wenn sie wirklich anständige Damengesellschaft suchten, blieben deshalb allein auf die hier ansässigen Californierinnen angewiesen.
Zu diesem Fandango hatte übrigens auch die weite Nachbarschaft ihre schönen Gesandtinnen hergeschickt. Die Mission selber stellte fünf allerliebste Mädchen, und nicht allein befand sich gerade ein Besuch von Pueblo San-José hier, der drei reizende junge Damen aufweisen konnte, es waren auch noch flinke und hübsche Tänzerinnen theils vom Präsidio, theils von Sanchez Rancho angekommen. Ja selbst von der Mission San-Rafael hatten sich zwei junge Damen eingefunden.
Allerdings wären wohl noch immer am heutigen Tage auf eine Tänzerin mehr als zwanzig Tänzer gekommen, wenn sich Alle hätten dabei betheiligen können, aber die »Fremden« verstanden ja nicht den Fandango und seine verwickelten und doch so graziösen Touren, und nur die Chilenen, deren Sambacueca die größte Aehnlichkeit damit hat, durften es wagen, Theil daran zu nehmen. Sonst blieb der Boden, mit Ausnahme einiger Franzosen, die sich rasch hineingefunden, den Spaniern, Californiern und Mexikanern, und da stellte sich denn doch kein so bedeutendes Mißverhältniß in der Zahl heraus.
Kopf an Kopf gedrängt standen aber die Zuschauer wenigstens auf der einen Seite des Saals und im hinteren Theil desselben, nur eben genügend Raum für die Paare lassend, während die andere Seite, an welcher sich auch die Musici befanden, der einen Thür wegen, frei bleiben mußte, da der Wirth nur durch diese aus- und eingehen konnte. Seine durstigen Gäste verlangten Erfrischungen, denn die Hitze im Saal war fast erstickend. Wie aber die Nacht einbrach, änderte sich das, denn die meisten heutigen Besucher der Mission kehrten in ihre Wohnungen nach San-Francisco zurück, und die Yankees besonders bekamen es auch satt, allein ruhige Zuschauer bei einem Tanz abzugeben, den sie nicht einmal verstanden und deshalb auch nicht schön finden konnten. Dies ruhige Herüber- und Hinüberschweben gefiel ihnen nicht; es war, so anmuthig die Damen es auch ausführen mochten, doch viel zu monoton für sie und sie vermochten nicht einmal dem Takt zu folgen – ja wenn es ein tüchtiger »Reel« oder eine »Hornpipe« gewesen wäre, der hätten sie mit Hacken und Fußspitze schon Nachdruck geben wollen!
Die Miner und das übrige Volk hielten ebenfalls nicht viel länger aus, denn es gab keine Spielzelte auf der Mission, keinen Platz, auf dem sie ihr Glück versuchen, und das mühsam ausgegrabene Gold in leichter Weise verdoppeln – oder auch verlieren konnten, und sie verließen einzeln oder in Trupps die Mission wieder, um zu den Spielhöllen der Plaza zurückzukehren und sich der Aufregung des Monte hinzugeben. Viele Mexikaner thaten das Nämliche, aber die Chilenen, obschon dem Hazardspiel ebenso ergeben, hielten aus, auch die Offiziere der spanischen Fregatte wichen nicht vom Platze, ebensowenig die dort ansässigen oder benachbarten Californier, und der Raum blieb immer noch gefüllt, wenn er auch nicht mehr wie den Nachmittag über, gedrängt war.
Je mehr dabei die spanischen Gäste mit den jungen californischen Damen bekannt wurden, desto lebendiger gestaltete sich der Tanz, und Alles schien zu wetteifern, um neue und piquante Touren zu erfinden. Die Königin des Festes blieb aber, trotz vieler bildhübschen Rivalinnen, Marequita, der ihr Tänzer fast nicht mehr von der Seite wich, und bald war sie die Ausgelassenste und Lebendigste von Allen, und übertraf sich selber. Aber die spanischen Offiziere sollten sie heute Abend nicht blos tanzen sehen, sie sollten auch noch einige von den californischen Sitten und Gebräuchen kennen lernen, und Marequita flüsterte deshalb ihrem Bruder zu, rasch nach Hause zu springen und eine Anzahl von ausgeblasenen Eiern, die zu dem Zweck schon immer vorräthig gehalten wurden, in der bekannten Art zu füllen – galt es doch eine Ueberraschung.
Oben im Hospital des Missionsgebäudes herrschte tiefe Dunkelheit. Das Wetter war den ganzen Tag über schön und klar gewesen, und noch jetzt funkelten die Sterne in heller Pracht vom Himmel nieder, aber der Wind hatte sich erhoben, der über die niederen Küstenberge fast unablässig mit solcher Gewalt herüberweht, daß die dort einzeln wachsenden Bäume ihr Laub alle nach der entgegengesetzten Seite hinüber gedrückt tragen, und auch selber dorthin neigen, als ob sie den steten Stürmen entfliehen wollten und sich von ihnen abwendeten.
Wie das da oben auf dem dunklen Boden pfiff und zog! Die alten, moosbewachsenen Ziegel klapperten ordentlich dumpf und klanglos zusammen, und nur das Stöhnen und Aechzen der unglücklichen Fieberkranken mischte sich mit dem unheimlichen Laut.
Und dazwischen lag der Tod. Kalt und starr auf seinem Schmerzenslager ausgestreckt, ruhte der »Wahnsinnige«, wie er überhaupt seit den letzten Monaten von den Krankenwärtern nur genannt worden. Man hatte ihm eins von seinen neuen rothen Hemden und ein paar weiße Beinkleider angezogen – denn die Decke war augenblicklich zum Waschen gegeben, um wieder verwandt zu werden – und mit gefalteten Händen träumte er der Ewigkeit entgegen.
Träumte er? – die Betten rechts von ihm (denn man hatte ihn zunächst der Treppe gelegt, um ihn so fern als möglich von den übrigen Kranken zu halten, die er bis jetzt durch sein wildes Schreien nur zu oft gestört und erschreckt) standen leer. Das Hospital barg jetzt nicht so viele Patienten, um nicht Raum genug für die Anwesenden zu finden. Der arme Doktor hatte in dem Stadthospital Concurrenz bekommen, und sich doch so viele Mühe gegeben, seine Kranken behaglich unterzubringen.
Und wie still das heute Abend dort oben war! Ein paar Leidende wimmerten allerdings leise vor sich hin, aber sonst hörte man Nichts, als das dumpfe Rauschen und Pfeifen des Windes und gelegentlich mit dem Luftzug, die von unten herauf schallenden munteren Weisen der Trompeten und Violinen, wie zuweilen das dumpfe Hämmern der großen Trommel, die ein Mulatte mit unendlicher Ausdauer bearbeitete. Da unten herrschte Jubel und frische Lebenshoffnung – hier oben kauerte der Tod und zählte die ihm verfallenen Opfer.
Die alte Missionsglocke schlug die zehnte Stunde, und kein Wärter ließ sich sehen, obgleich der eine Fieberkranke schon lange nach einem Trunk Wasser gewimmert hatte. Wer konnte es ihnen auch verdenken, daß sie nicht da oben zwischen Jammer und Elend blieben, wo nur ein paar hölzerne Stufen sie mitten unter Lust und Freude brachten? Es war Fandango auf der Mission und ein paar Gläser agua ardiente (Branntwein) konnten ihnen gewiß nicht schaden, um den Körper zu erwärmen, und die lange mühselige Nachtwache nachher auszuhalten. Außerdem war der »Doctor« gerade heute nach der Stadt geritten, und sie brauchten deshalb nicht zu fürchten, daß er sie bei einer Vernachlässigung ihrer Pflicht ertappe, über welche sie sich selber wenig genug Gewissensbisse machten. Hatten sie doch seit Wochen fast den oberen Raum nicht verlassen dürfen, so lange der »Wahnsinnige« dort tobte und an seinen Banden riß. Heute war der erste freie Abend, den sie bekamen, und den wollten sie denn auch nach besten Kräften nutzen.
Hei, wie das durch die Ziegel pfiff! und drüben in der Lorbeerwaldung, die in der Richtung nach San-Francisco zu lag, hatten dazu die Wölfe ihr Abendconcert begonnen, die großen, braunen californischen Wölfe, und die Cayotas, das kleine Steppengesindel, das mit seinen feinen Stimmen den Diskant zu dem Grundbaß der ersteren heulte. Und wie deutlich konnte man das hier oben hören, da der Luftzug die Laute gerade herübertrug, und wie sonderbar das zu der Musik und dem Pfeifen des Sturmwinds klang!
Die Glocke draußen hatte eben ausgeschlagen, als ein heftiges Zittern den Körper des »Todten« überflog. Der Nachtwind wehte auch kalt genug, und dem von Krankheit abgeschwächten Körper fehlte die schützende Decke, die ihn sonst wenigstens warm gehalten.
Der Kranke hob staunend den Kopf und horchte den fremden, wunderlichen Lauten, die zu ihm herüberdrangen. Hatte er in einem Starrkrampf gelegen, der bis dahin seine Glieder gefesselt hielt? Er fuhr sich mit der Hand nach der Stirne – auch die Hand war nicht mehr gebunden – er hob sich vom Lager und fühlte seinen Körper frei und unbehindert – aber dunkle Nacht umgab ihn – er war nicht im Stande zu sehen, wo er sich befand, noch hatte er eine Ahnung, an welcher Stelle das sein könnte.
Wie schwach er auch geworden war! – als er zum ersten Mal wieder auf den Füßen stand, vermochten ihn seine Kniee kaum zu tragen, und er mußte sich zurück auf das Bett setzen, um nicht umzusinken. – Und wie das in seinem Kopfe hämmerte, und pochte, und mit wilden, unheimlichen Gedanken herüber- und hinüberzuckte! Aber die Musik da unten? – er horchte hoch auf – was war das? wohin hatte ihn das Schicksal geführt?
Er versuchte noch einmal aufzustehen, und als er herumtappte, trafen seine Finger auf einen dünnen Kattunvorhang, hinter welchem er ein festes Geländer fühlte. Er hob den Vorhang auf und glitt darunter durch; wie er aber vorsichtig weiter tappte, trat sein Fuß ins Leere und er merkte bald, daß er an einer Treppe stand. Einen Augenblick überlegte er, aber munterer als vorher ertönten in diesem Moment wieder die Instrumente von unten herauf, und ohne sich länger zu besinnen, stieg er hinab.
Wie das da unten lachte und jubelte und seiner unschuldigen Lust und Freude folgte! Die Eier waren angekommen, und Marequita's Tänzer erschrak nicht wenig, als ihm seine Tänzerin plötzlich, mitten im Fandango, die Mütze ein wenig zurückschob, und er gleich darauf einen wahren Schauer von Eau de Cologne an sich niederrieseln fühlte.
»Caramba, Señorita« rief er aus, indem er erschreckt zurücksprang, »was ist das?« – Aber lautes Jubeln und Lachen beantwortete seine bestürzte Frage und Marequita's Bruder hatte jetzt wirklich Mühe, nur noch einen Theil seiner sorgfältig präparirten Eier für die Schwester zurückzubehalten, denn von allen Seiten stürmten die jungen Mädchen auf ihn ein, um ihm ein paar abzubetteln, oder auch, wenn das nicht ging, durch List oder Gewalt zu entreißen, und jetzt brach der Muthwillen der jungen Damen voll und entfesselt los.
Und wie schön Marequita in dieser ungezwungenen Fröhlichkeit war – wie bildschön! Der arme Marineoffizier, der Jahre lang draußen auf öder See herumgeschwommen, und hier zum ersten Mal wieder dem Reiz weiblicher Liebenswürdigkeit begegnete und von dessen Zauber umsponnen wurde, war ganz hingerissen.
Der Tanz hatte einen Moment aufgehört, und jetzt begann ein neuer Fandango, noch lebendiger als der vorige.
»Marequita,« flüsterte er, indem er seinen Arm um ihre Taille legte, und sie leise an sich zog, – »Du bist eine Sirene, Mädchen, und ich könnte verrückt werden, wenn ich mir nur die Möglichkeit denken müßte, Dich je wieder zu verlieren – von Dir vergessen zu sein. Sei mein, Marequita – in kurzer Zeit kehre ich zurück, und dann folgst Du mir in mein schönes Vaterland!«
Marequita sah zu ihm auf, ihre Blicke begegneten sich, aber in dem ihrigen lag vielmehr Schelmerei als Liebe – sie hob ihre Hand, und im nächsten Moment fühlte er, wie sie sich aus seinen Armen wand, zugleich aber auch seine Mütze ergriff, sich aufsetzte, und damit einem andern Tänzer entgegenhuschte, mit dem sie im nächsten Augenblick den Fandango begann. Der junge Offizier wollte ihr nach, ein alter Californier aber, der schon den ganzen Abend die rauschende Musik mit seiner kaum hörbaren Guitarre begleitet hatte, hielt ihn zurück und rief aus:
»Caramba, Señor, das geht nicht – das ist ein Recht der californischen Señioritas beim Fandango, und wenn Ihr die Mütze wieder haben wollt, müßt Ihr sie auslösen.«
»O, wie gern!« rief der junge Mann, indem er einen Ring vom Finger zog und jetzt die Zeit nicht erwarten konnte, wo die Geliebte einen Augenblick vom Tanz zurücktrat.
Marequita hatte aber nur das Zeichen zu dem neuen Scherz gegeben, denn die andern jungen Damen folgten bald ihrem Beispiel, und allerliebst sahen sie in der That in den kecken Seemannsmützen aus.
Jetzt hielt Marequita dicht an der Thür, die in das Innere des Hauses führte, und der junge Galan war im Nu an ihrer Seite.
»Meine theure Marequita,« flüsterte er ihr zu, »wie glücklich machen Sie mich, daß Sie mir Gelegenheit geben, Ihnen ein Andenken zurücklassen zu dürfen – wollen Sie es tragen?« – Und dabei schob er ihr leise den kleinen goldenen, mit einem Brillant gezierten Reif an den Finger; »darf ich, Marequita?«
Hinter Marequita trat ein Mann in einem rothwollenen Hemd in die Thür. Das braungelockte Haar hing ihm aber über eine alabasterweiße Stirn – sein Antlitz selber sah todtenfahl aus, und nur die großen dunklen Augen überflogen erstaunt den sich vor ihm öffnenden, buntgeschmückten und hellerleuchteten Raum. Da traf der letzt geflüsterte Name sein Ohr, und rasch und wie erschreckt schaute er auf das vor ihm stehende junge Paar.
Marequita erröthete tief, als sie den Ring an ihrem Finger führte, und flüsterte leise:
»Tausend Dank, Señor, – ich – werde ihn tragen,« und der junge Mann, in der Erregung des Augenblicks selbst die Umgebung vergessend, zog sie an sich und preßte einen heißen Kuß auf ihren Nacken.
»Marequita,« sagte eine hohle, tonlose Stimme, und das junge Mädchen wandte bestürzt den Kopf. Da fiel ihr Blick auf die bleiche Gestalt und begegnete den stieren, entsetzlichen Augen, die glühend und wie verzehrend auf ihr hafteten.
»Ave Maria Purisima!« schrie da eine entsetzliche Stimme; es war einer der Krankenwärter, der sich in den Saal geschlichen, um hier zuzusehen: »der Wahnsinnige – der todte Wahnsinnige!«
»Jerome!« stöhnte Marequita und schlug, ehe der Offizier nur zuspringen konnte, um sie aufzufangen, schwerfällig und bewußtlos zu Boden nieder.
»Der Wahnsinnige!« von Mund zu Mund lief der Schreckensschrei, und entsetzt drängten die Mädchen von der Stelle hinweg, dem hinteren Theil des Zimmers zu.
Ob Jerome begriff, was hier geschah? Einen Moment stand er selber regungslos, und wie scheu und erstaunt flog sein Blick über den inneren Raum – über die wild vor ihm fliehenden Gestalten der Mädchen. Da schrie der Wärter wieder:
»Haltet ihn, um der Mutter Gottes willen laßt ihn nicht fort!« und als ob nur der Ton dieser Stimme ihn zum Leben zurückgerufen hätte, so zuckte der Unglückliche empor. Sein Auge glühte, seine ganze Gestalt hob sich – fast unwillkürlich öffnete er dabei den Mund und zeigte seine beiden Reihen blinkender Zähne, daß selbst die ihm nächsten Offiziere scheu davor zurückwichen.
»Haltet ihn! haltet ihn!« schrieen jetzt auch Andere, und drängten vor – nur der junge Offizier kniete, gar nicht auf den unheimlichen Fremden achtend, an der Seite der ohnmächtigen Geliebten und suchte sie zum Leben zu erwecken.
»Haltet ihn?« kreischte da Jerome, dessen ganze Wildheit bei dem Rufen auf's Neue erwachte – »haltet ihn?« und ehe ihn Jemand daran verhindern konnte, riß er den kurzen Schiffsdolch, den der spanische Seeoffizier an der Seite trug, aus seiner Scheide; »haltet ihn?« gellte er noch einmal, die Waffe mit einem entsetzlichen Lachen schwingend – »Raum da vorn!« und zum Stoß ausholend, warf er sich mit wildem Muth mitten auf den dichtesten Schwarm, der kaum so rasch zur Seite konnte, um ihm Bahn zu machen.
Wohl streckten sich hie und da Arme nach ihm aus, um ihn zu halten, aber nach rechts und links hinüber – unbekümmert, wen er traf, stieß der scharfe Stahl – nach rechts und links stürzten die Männer übereinander, zwei oder drei von ihnen schwer verwundet – wer hätte sich ihm entgegenwerfen wollen? und jetzt war er draußen im Freien, in der dunkelen Nacht.
»Marequita!« schrie seine gellende Stimme – »Marequita!« und sein Fuß berührte kaum den Boden, als er, die blutige Waffe noch immer in der Faust, an der Mission hin dem Ufer der Bai entgegenflog.
Einzelne der Tänzer und Zuschauer folgten ihm allerdings, oder thaten wenigstens so, als ob sie ihm folgen wollten, aber es holte ihn Niemand ein, und wenige Minuten später war er in der da draußen lagernden Finsterniß verschwunden.
Die Verwirrung, die jetzt in dem bis dahin noch so belebten Raum entstand, war nicht zu beschreiben, und an eine Fortsetzung des Tanzes kein Gedanke mehr. Zitternd und nur unter hinreichender Begleitung suchten die Mädchen ihre Wohnungen zu erreichen, und Fackeln wurden dann angezündet, um den entflohenen Kranken, bei dem es ein Räthsel blieb, wie er wieder vom Tode erwacht sei, doch noch vielleicht aufzufinden – aber vergebens. Der Boden war zu sehr von Menschen zertreten, um irgend einer bestimmten Spur folgen zu können, und unverrichteter Dinge kehrten die Männer erst spät in der Nacht zu der Mission zurück. Auch die Offiziere der spanischen Fregatte waren indessen wieder an Bord gerudert.
Am nächsten Morgen mit Tagesanbruch begannen die Bewohner der Mission alle ihre Nachforschungen von Neuem und jetzt mit besserem Muth, denn es blieb immer ein unbehagliches Gefühl, in Nacht und Nebel einem bewaffneten Wahnsinnigen hinaus in die Dunkelheit zu folgen – war auch wohl Keinem von ihnen am letzten Abend rechter Ernst gewesen. Jetzt aber gestaltete sich die Sache anders; mit Sonnenlicht war wenigstens die Gefahr beseitigt, daß der entsetzliche Mensch im Finstern auf sie einspringen könne, und auf und ab durchsuchten sie die Nachbarschaft und selbst den sandigen Waldrand, wo sich die Fährten leicht erkennen ließen. Sogar nach San-Francisco wurden Boten gesandt, um das Geschehene zu melden und dort nach dem Flüchtling zu forschen.
Sie hätten nicht nöthig gehabt, so weit nach ihm zu suchen. Als die Fluth ablief, fanden Fischer seinen Leichnam auf dem Schlamm unmittelbar am Ufer in der See und zwar genau in der Richtung, die er gestern Abend auf seiner Flucht genommen, als er aus der Thüre des Missionsgebäudes sprang. Es war auch damals gerade Fluth gewesen und ob er im Dunkeln von dem steilen Ufer hinab in die See gestürzt, ob er absichtlich den Tod dort gesucht – wer hätte es sagen können?
Er wurde still in das schon für ihn ausgeworfene Grab gelegt, und drei Tage später verließ auch die spanische Fregatte die Bai von San-Francisco wieder, um einer nur ihrem Kapitän bekannten Richtung zuzusteuern.
Der junge Lieutenant war allerdings noch zweimal an Land und in dem Hause von Marequita's Eltern gewesen, wo er das arme Mädchen bleich und in Thränen fand.
Und wann kehrte er wieder? – Wer konnte es sagen; denn sein Weg ging durch eine weite Strecke – aber mit den heißesten Schwüren betheuerte er der Jungfrau seine Liebe, und als er sie endlich verlassen mußte, barg sie laut schluchzend ihr Antlitz an der Brust des Vaters. – Es war zu viel für das arme Kind gewesen; zu rasch war Schlag auf Schlag gefolgt. Von dem Tage an – tanzte sie nicht mehr, vier volle Wochen lang. Als ich aber – etwas nach dieser Zeit – Californien verließ, blüheten ihre Wangen wieder wie vordem, und sie war unstreitig das schönste Mädchen und die beste Tänzerin auf der Mission Dolores.
Eine so friedliche und geschäftige Stadt das halb von Deutschen bewohnte Cincinnati ist, so hat sie doch trotzdem ihr »schlechtes Viertel,« und da sich mir die Gelegenheit bot, es eines Abends zu besuchen, so versäumte ich sie nicht.
In den Hauptstraßen der Stadt und im ganzen übrigen Theil derselben herrscht nämlich volle Sicherheit und man kann dort zu jeder Stunde der Nacht ungefährdet passiren; dieses Viertel aber dürfte von einem anständig gekleideten Menschen doch lieber zu vermeiden sein, denn der Auswurf der Bevölkerung hat dort seinen Wohnsitz aufgeschlagen, und wer sich dahinein mischt, hat sich die Folgen selber zuzuschreiben. Ermordungen fallen dort wenigstens gar nicht so selten vor, und noch am letzten Abend war ein Bootsmann in einer dieser Winkelgassen erstochen worden, ohne daß man bis jetzt im Stande gewesen wäre, den Thäter zu ermitteln.
Ein Fremder, der sich dort allein hineinwagte, würde außerdem nichts weiter zu sehen bekommen, als die der Straße zunächst gelegenen Trinklokale, und man ihm nie gestatten, weiter in diese Höhlenwirthschaft einzudringen. Dazu aber hat die Polizei das volle Recht und macht denn auch davon zu unregelmäßigen Zeiten Gebrauch, um hie und da einmal einem dort vielleicht versteckten Verbrecher auf die Spur zu kommen, oder die Insassen der verschiedenen, ihnen wohlbekannten Cabachen zu revidiren.
Einem solchen Streifzug, den zwei Polizeilieutenants (der Eine von ihnen ein Deutscher) unternahmen, schloß ich mich mit einem Freunde an, und etwa um acht Uhr Abends trafen wir uns auf der einen Polizeistation, die an sich schon manches Interessante bot.
Es sind das nämlich die Plätze, wo aufgegriffene Vagabonden oder auch Verbrecher festgehalten werden, bis ihre Untersuchung eingeleitet und ihre Strafe bestimmt werden kann, und die Art, wie man sie dort unterbringt, ist so eigenthümlich wie praktisch. Man sperrt sie nämlich keineswegs in kleine, aus dicken Mauern bestehende Zellen, mit eisenbeschlagenen Thüren und Schlössern und sorgfältig verwahrten Oefen, durch welche sie aber noch trotzdem manchmal ihren Weg zur Flucht suchen, sondern in einem großen Saal, am Tag durch Fenster, Nachts durch Gas erleuchtet, stehen vier oder fünf große viereckige, eiserne Käfige, aus starken Eisenblechbändern zusammengenietet und ebenfalls mit einem eisernen Boden versehen, zerstreut, und in ihnen befinden sich die verschiedenen Gefangenen. Die Zwischenräume zwischen den Eisenblechstreifen sind aber so weit, daß man überall leicht einen Arm durchstrecken kann, und gewähren dadurch über das Innere einen durch nichts gehemmten Blick. Polizeileute gehen außerdem fortwährend zwischen den verschiedenen Käfigen hin und her, und keiner der Insassen kann sich auch nur bewegen, ohne daß es bemerkt wird. An ein Ausbrechen ist deßhalb nicht zu denken, und ebensowenig können sie durch Feuer Unheil anrichten – das Eisen brennt nicht.
Eines der Zimmer übrigens mit eben solchen, aber nicht verschlossenen Käfigen ist für Obdachlose bestimmt, die selber bei der Polizei Schutz gesucht haben, und gerade an dem Abend hatten sich zwei Frauen mit kleinen Kindern da eingefunden, um hier die Nacht zuzubringen – ja vielleicht auch den andern Tag. Du lieber Gott, es war doch immer ein Schutz gegen Wind und Wetter und wer weiß, welches unsagbare Leid die armen Frauen erst durchgemacht, ehe sie diese letzte Hülfe in der Noth benützten.
Wir hielten uns übrigens nicht sehr lange bei der Besichtigung dieser verschiedenen Gruppen auf, sondern traten unseren Marsch an, der uns in die östlich gelegenen Distrikte der Stadt, oder in das sogenannte Negerviertel führte.
Zuerst besuchten wir hier eine Negerkirche, die sich, wenn auch an einem Wochentage, ziemlich stark besucht zeigte. Besonders ragten die »farbigen« Ladies durch bunten Putz und Schmuck hervor, und es sollte mich gar nicht wundern, wenn sie es schon den »weißen« Ladies abgesehen hätten, nur deßhalb nämlich das Gotteshaus zu besuchen, um dort ihren bunten Plunder zur Schau zu tragen.
Der Geistliche – ein dunkler Mulatte, hielt eine schale, nichtssagende Predigt voll lauter Phrasen und dabei ohne jede Begeisterung oder Wärme und etwa mit einer Betonung auf jedem Wort, als ob er immer hätte sagen wollen: »Nun, hab' ich nicht recht? – ist die ganze Sache nicht sonnenklar, und kann irgend ein vernünftiger Mensch irgend etwas dagegen einzuwenden haben?« – Er blieb dabei auf der sehr breiten Kanzel auch nicht etwa stehen, sondern lief darauf hin und her, sich bald an diesen, bald an jenen Theil seiner Zuhörer wendend. Große Ruhe schien aber nicht beobachtet zu werden, denn fortwährend kamen und gingen Leute, und machten oft Lärmen genug dabei.
Uebrigens stand diese Kirche genau an der Grenze des berüchtigten Viertels, und von dort an begannen schon die einzelnen Buden und Trinklokale, aus denen hie und da der Ton einer einsamen Violine heraustönte. Es herrschte auch jetzt gerade kein rechtes Leben zwischen dieser Menschenklasse, denn der Fluß war zu niedrig, die Dampfboote konnten nicht fahren, und gerade die farbigen Dampfbootleute sind es, die hier ihre Orgien feiern und den schmutzigen Strudel in Bewegung halten.
Wir betraten jetzt einige der Plätze, in denen unten, bei der Beleuchtung eines einzelnen Talglichts, oder einer Petroleumlampe, schnöder Whisky und grauenvolle Cigarren feil gehalten wurden, und nicht einmal mehr geschminkte weiße und schwarze Dirnen, durcheinander gemischt, ihr Glas tranken und ihre Cigarre rauchten. Die Herren von der Polizei hielten sich aber nicht lange in diesen vorderen Räumen auf, denn was hier weilte, brauchte das Licht – wenigstens dieser Nachbarschaft – nicht zu scheuen. Sie wußten auch überall schon genau Bescheid, wohin sie sich zu wenden hatten; bald krochen sie, unmittelbar hinter dem Schenkstand, eine steile Treppe empor, die eher einer Leiter glich, bald wandten sie sich der Hinterthür zu, schritten über einen engen, stockfinsteren Hofraum und überraschten dadurch die Bewohner eines baufälligen, halbverfallenen Hinterhauses.
Wir folgten ihnen natürlich auf dem Fuß und: »Jammer, von keiner Menschenseele zu fassen!« hätte ich manchmal ausrufen mögen, wenn wir einzelne dieser höhlenartigen Wohnungen betraten.
Dort, unter Lumpen, lag auf einer schmutzigen Strohmatratze eine menschliche Gestalt zusammengekauert.
»Wer ist das?«
»Meine Schwester,« sagte eine alte, in der Ecke kauernde Frau, die man natürlich keines Grußes gewürdigt hatte, »sie ist krank.«
Auf dem Tisch flackerte ein fast niedergebranntes Talglicht seinen düsteren, unbestimmten Schein durch das Gemach, blies doch der kalte Nachtwind durch drei oder vier losgefaulte Planken in der Wand, aber der amerikanische Polizeilieutenant begnügte sich nicht mit der Antwort – war es doch ein zu gewöhnlicher Kniff dieser Art Leute, irgend Jemanden, den sie verstecken wollten, für einen Kranken auszugeben. Er zog ziemlich unsanft die Decke fort, und scheu und erschreckt schaute ein hohläugiges, bleiches Antlitz zu ihm auf. Es war in der That die kranke Schwester.
»Holla, Betsy, seit wann seid Ihr wieder nach Cincinnati gekommen?«
Die Kranke konnte nicht antworten und zog die Glieder fröstelnd zusammen, so daß der Lieutenant ihr die Decke wieder überwarf. Die Schwester antwortete für sie.
»Ihr Mann hat sie so mißhandelt und die wenigen Cents, die sie verdient, auch noch vertrunken, ohne ihr je nur einen Laib Brod in's Haus zu tragen. Da hat sie sich hier herunter geschleppt, um hier zu sterben.«
Es war ein Bild des Jammers, nicht des Verbrechens und doch lehnte daneben auf einer alten Schiffskiste ein halbtrunkenes schwarzes Mädchen, das nur noch genug Besinnung hatte, um die zerfetzten Oberkleider ein wenig zusammen zu raffen.
Wir gingen weiter. Aus diesem Hintergebäude gleich in ein anderes hinübersteigend – und der Weg war nicht angenehm, denn man sah gar nicht, wohin man den Fuß setzte, – erreichten wir ein niederes, schmales Haus, in welchem oben, in zwei verschiedenen Fenstern Licht brannte. Ohne Zögern stiegen wir die eine, durch die offenstehende, obere Thür matt beleuchtete Treppe hinan und fanden oben in dem Gemach Gesellschaft. Zwei junge, weiße Damen lebten hier in dem ärmlichen Raum, und auf einem dreibeinigen Stuhl saß ein Neger-Elegant, seinen Filzhut etwas verlegen in der Hand herumdrehend.
Der eine Polizeilieutenant trat, ohne die Gruppe mehr als eines flüchtigen Blickes zu würdigen, in das nächste Zimmer und leuchtete hinein – aber es war leer. Eines der beiden Mädchen wohnte wahrscheinlich darin, und war hier auch wohl weiter nichts Verdächtiges zu finden – nichts wenigstens, gegen was die Gesetze des Staates hätten einschreiten können.
Als wir die Straße wieder erreichten, hörten wir in einer der nächsten Negerspelunken Musik und fanden den Raum gedrängt voll Menschen. Ein paar von diesen drückten sich nun wohl ab, als sie die Polizeiuniformen erkannten, denn es giebt Konstitutionen, denen dieselben antipathisch sind; die meisten hielten aber wacker Stand, und wir fanden jetzt im Inneren einen alten Neger, beide Hände auf das Widerlichste verkrüppelt, der mit den Stumpfen eine Art von Banjo spielte und mit dicker, schwerer Stimme ein paar amerikanische Gassenhauer in seinem Negerdialekt sang.
Der eine Polizeilieutenant wünschte mir gern den Genuß eines Negertanzes zu machen, aber die Damen schienen sich zu geniren; es wollte keine den Anfang machen, bis er sich eine aus dem Schwarm herausfing und ihr ein Stück Papiergeld vorhielt, das sie haben sollte, wenn sie eine Jig tanzte. Sie schien allerdings, trotz dem Geld, keine besondere Lust dazu zu haben, sah aber auch, daß sie nicht wieder fortkonnte, denn er hielt sie fest, und griff deßhalb nach dem Gelde. Es war eine kleine dicke, wie es schien, unbehülfliche Gestalt, warf aber jetzt die Füße nach dem Takt der von dem alten Neger gespielten Musik mit außerordentlicher Geschicklichkeit um sich, daß sie mit Hacken und Zehen selbst die Zweiunddreißigstel zu den Achtelnoten schlug. Wie wir aber nun glaubten, daß sie jetzt selber warm in dem Tanz geworden wäre, machte sie plötzlich einen Seitensprung und tauchte mitten zwischen die laut auflachende Zuschauermasse unter, aus der sie natürlich nicht wieder herausgefischt werden konnte.
Das genügte übrigens auch vollständig für eine Probe, und wir schritten über die Straße nach einem anderen Gebäude hinüber, dem die Polizisten nicht recht zu trauen schienen. Dort fanden wir in einem Raum, den ein einzelner Mann fast beanspruchen würde, wenn er bequem leben sollte, eine ganze Kolonie von Familien, und zwar zwei Negerfamilien und – eine deutsche in Schmutz und Unrath dabei, den es nicht möglich wäre zu beschreiben. Ich konnte mir auch nicht helfen und frug den Deutschen, wie er nur im Stande sei, es in einer solchen Pesthöhle mit den Seinen auszuhalten, aber er zuckte die Achseln und meinte: »es wäre ihm hier in Amerika nicht besonders gut gegangen, und die Neger seien nicht so schlimm, als sie gemacht würden; es ließe sich recht gut mit ihnen leben.«
Der deutsche Polizeilieutenant sagte mir übrigens nachher, daß nicht etwa die Noth deutsche Familien in einen solchen Zufluchtsort dränge, sondern daß sich derartiges Volk wahrscheinlich schon daheim in ähnlicher Umgebung herumgetrieben habe, oder hier durch lüderliches Leben dazu gebracht sei. Uebrigens wären die Fälle gar nicht etwa so selten, und ich könnte verschiedene »deutsche Familien« in »ähnlicher Art« gehaust finden.