Physiologischer und psychologischer Karakter der Einwohner.

Die Bevölkerung Egyptens ist ein Mischmasch aus Türken und Mamelucken, aus Kopten und Mohren, aus Arabern und Beduinen, aus Juden und Franken und aus andern Fremdlingen. Erstände Adam aus dem Grabe, er würde sich verwundern, daß so viele Enkel von verschiedenen Hautfarben, Religionen und Sprachen im Frieden beisammen wohnen.

Der Kopte, der wahrscheinliche Abkömmling der alten Egypzier, und noch im Besitze einer eigenthümlichen, wenn auch todten, Sprache, ist nicht groß, aber wohl untersetzt; der Teint weißgelblich; Haupthaare, Augenbraunen und Iris schwarz; das Gesicht voll, kurz, breit; die Stirne breit, nicht hoch; die Augen etwas tief liegend, der Blick mehr brütend, als lebhaft, mehr ernst, als lieblich; die Nase kurz und ausgebogen; der Mund ziemlich weit gespalten und die Lippen dünn; die Zähne senkrecht und schön weiß; der Unterkiefer hervorstehend und stark. Die Koptinnen, so viel ich sah, haben roth gefärbte Fingernägel, und tragen auf der Haut des Kinnes und in der Nähe des Handgelenkes blaue Figuren. Sie treffen, unter uns gesagt, den europäischen Geschmack nicht ganz genau. Man muthmaßt, daß etwa 200,000 Kopten Egypten bewohnen.

Der Araber bildet weitaus die größte Anzahl der Egypzier. Unter diesem letztern Namen sind auch vorzugsweise die Araber begriffen, welche den meisten Boden anbauen. Die Masse der egyptischen Bevölkerung ist daher kein alter eingeborener Volksstamm, sondern ein im Laufe der jüngern Zeit eingewanderter und fremder, der sich selbst als fremde zu betrachten scheint.

Der Araber, in der Regel nicht schön, ist mittelgroß; die Leibesfarbe schwarzbraun oder auch kaffeebraun; das Haar, wenn es nicht wegrasirt wird, klein gelockt (doch nicht wollig) und schwarz; der Schädel nicht geräumig, das Hinterhaupt etwas zugespitzt; die Stirne ziemlich hoch, nicht breit; die Regenbogenhaut schwarz, die Augenlieder meist dick, wie aufgewulstet; die Augenbraunen nicht stark; die Nase kurz, die Flügel weit aus einander gesprengt; der Rücken gerade oder ein wenig konkav, der Rand der Scheidewand etwas aufwärts geneigt; der Mund groß, die Lippen dick und auswärts geworfen; die Zähne ein wenig auswärts stehend, weiß, an einander geschlossen; das Kinn etwas hervorragend, die Kinnbacken stark; das Ohr wulstig; die Linie von der Nase bis zum Kinne lang; der Gesichtswinkel demjenigen der Aethiopen sich nähernd. Das Fleisch ist sehr derbe, der Fettapparat unbedeutend, und die Formen nehmen einen Grad von Niedlichkeit an, welcher bei den europäischen plumpen Gebilden, die noch für Vollkommenheiten gehen, vermißt wird. Also der eigentliche Typus der Araber, welche mit den Weißen unvermischt sind.

Der schwarzbraune Araber hält das Uebergangsglied zu den Mohren. Die Mischung dieses Arabers mit Weißen artet in unzählige Mittelformen aus, welche zuerst den Beobachter verwirren. Des Arabers tiefgelbe Farbe, seine gebogene Nase, seine breite Stirne, sein starker Gesichtswinkel u. s. f. zeugen offenbar von der Vermischung und Verwischung der Typen.

Die Weiber werden von den Männern an Schönheit übertroffen, und der häßlichere Theil ist mithin das schöne Geschlecht.

Es gibt Mädchen, die schön genannt zu werden verdienen, allein zu der Lieblichkeit einen eigenthümlichen Schmerz ausdrücken; dieser aber vermehrt nur ihr anziehendes Wesen. Der eigenthümliche Zug, den ich sonst nirgends wahrnahm, liegt in den Mundwinkeln.

Hauptsächlich um die Schönheit zu erhöhen, zeichnen beide Geschlechter, nach alter Sitte, verschiedene blaue Figuren auf die Haut des Vorderarmes und des Handrückens, meist Sterne, z. B. in Zirkelform, manchmal auch im Zikzak laufende Striche, etwa drei an der Zahl. Die Weiber haben überdieß blaue, senkrechte Striche auf dem Kinne, manche — gefärbte Augendeckel. Es gibt Männer, welche auch auf jeder Seite der Brust mit blauen Punkten bezeichnet sind. Alle Zeichnungen auf der Haut erschienen in meinen Augen höchst überflüssig, um nicht zu sagen, sehr häßlich, und niemals konnte ich mich in den sonderbaren Geschmack finden. Das Sprichwort freilich will, daß man über den Geschmack nicht hin- und widerreden dürfe.

Der Kopf der Männer ist, wie beim Morgenländer überhaupt, bis auf die Haut geschoren. Nur ausnahmsweise tragen gewisse Religiose oder Heilige[15] fliegende Haare auf dem ganzen Kopfe. Die Muselmänner lassen übrigens nicht den ganzen Kopf scheren, sondern auf dem Scheitel eine kleine Scheibe groß Haar wachsen, das manchmal geflochten, bis zum Nacken herabfliegt, und unter der rothen Mütze mitunter hinten hervorguckt. Mit diesem Büschel Haare könnte man genau die Tonsur der römisch-katholischen Priester decken[16]. Ich geißele die Kopfschur als eine abscheuliche Mode, mögen ihre Bequemlichkeit auf dem heißen Erdgürtel immerhin manche Franken aus eigener Erfahrung preisen. Wenn wahr ist, daß das Barbieren unter den Abendländern deswegen aufkam, weil die gütige Natur, die hoch über die Fürsten erhabene, einmal einem französischen Könige einen Bart zu schenken vergessen hatte, so dürfte man mit eben so viel Recht glauben, daß die Morgenländer ihre Kopfschur einem kahlköpfigen Großen verdanken. Man weiß auch, wie gerne Julius Cäsar seinen Kopf vertauscht hätte, nämlich seinen kahlen an einen haarichten, und wie sehr der große Geist sich abmühte, die ausfallende Kleinigkeit zu ersetzen. Der Bart des Arabers ist schwarz, undicht, und wird nicht lang. Er zerschiert ihn zu den wunderlichsten Dingen. Es lassen die Wenigsten ihn ganz stehen; Andere rasiren bloß einen Halbmond über dem Adamsapfel; die Meisten tragen nur den Schnurrbart und den Bart neben den Ohren und über dem Kinnbacken, den Kinntheil nicht ausgenommen. Dies thut so üble Wirkung, als wenn man einem Hahne den Kragen abschneiden würde.

Die Bewegungen der Araber sind leicht und angenehm, man dürfte beinahe sagen, graziös. Der Mann geht in gerader Stellung und mit Schnelligkeit; ebenso das Weib, welches dabei die gebogenen Arme, mit einer niedlichen Haltung der Finger, ein wenig emporzuheben pflegt. Die antikförmigen Wasserkrüge trägt es sehr leicht und zierlich. Es nimmt keine Lasten auf den Rücken, selten auf die eine Schulter. So darf das Kind ihm wie ein Reiter auf die Achsel sitzen, indem es ein Bein über die Brust, das andere über den Rücken hängen und mit den Händen ihren Kopf umklammern läßt. Von dem Weibe selbst wird das Kleine nicht gefaßt, und ich mußte mich ordentlich wundern, wie sich kleinere Kinder in dieser Stellung gut zu erhalten wußten, während die Tragende davon eilte. Der Kopf ist der eigentliche Träger, und sogar winzige Dinge müssen auf demselben getragen werden. Kauft ein Mädchen in einer Bude für einen Piaster Kaffee, so wird es ihn auf dem Kopfe nach Hause bringen. Es wurde in Alexandrien auf eine Mauer, die man eben aufführte, einmal über das andere so wenig Mörtel und am Orte der Nachgrabungen so wenig Schutt auf dem Kopfe weggetragen, daß fast jede Europäerin sich weigern würde, die Wenigkeit zu tragen. In Kairo wird übrigens so spärlich gebaut, daß man diese Wahrnehmung nicht immer leicht wiederholen könnte. Der Mann schafft die Lasten am liebsten so fort, daß er den Strick über die Stirne anlegt, welcher die Bürde umfängt. Diese liegt am Rücken auf. Er trägt mithin ebenfalls am liebsten auf dem Kopfe, aber zu gleicher Zeit auf dem Rücken. Etwa das Wasser, in ein Ziegenfell aufgefaßt, trägt er über einer Schulter, wie der europäische Jäger seine Waidtasche. Der Lastträger bietet das Eigenthümliche, daß er, außer dem Singen, auch stöhnt. Es ist dieß mit nichten gleichsam das letzte Zeichen der Kraftanstrengung, welches das Mitleiden erregen sollte, sondern der Araber, im Lärmen ein Meister, sucht sich nur durch das Gestöhne das Geschäfte zu erleichtern. Als Lastträger macht sich der Araber eben nicht bemerklich; darin aber thut derselbe es dem Europäer zuvor, daß er leichtere Bewegungen, wie das Gehen oder Laufen, außerordentlich lange ausdauert, ohne daß er Speisen oder Getränke zu sich nehmen muß. Dem Araber sind, wenn ich mich so ausdrücken darf, federleichte Lungen und stählerne Muskelfibern gegeben. Wollte man den arabischen Soldaten nach den nicht selten schlechten Kleidern beurtheilen, man würde zur Einseitigkeit verleitet werden. Zu anhaltenden Märschen, bei kärglicher Nahrung taugt kaum ein Soldat besser, als der arabische. Neben dem Schatten erblickt man immer auch Licht.

Was den psychischen Karakter des Arabers anbelangt, so ist er mohammetanisch finster, und haßt im Grunde seines Herzens den Andersgläubigen. Viele besitzen bemerkenswerthe Geistesfähigkeiten, doch keine ausgezeichnete, wofern man nicht zur Annahme berechtigt ist, daß ein großer Schatz schlummert. Ruhe und Faullenzen geht nicht bloß dem Alexandrinischen- und Deltaaraber, sondern auch andern über Alles. Damit er nicht die Mühe zu denken sich geben müsse, leiert er gedankenlos nach, was seit Jahrhunderten wahrscheinlich schon gesungen war. Er lebt blind in den Tag hinein; blindlings nimmt er Weiber und zeugt Kinder. Wenn ihm die Kunst, durch Ersparnisse eine, wo möglich, sichere Zukunft zu begründen, abgeht, so dürfte man freilich auch anfragen: Wird in einem Lande, wo das Eigenthum vor der Regierung nicht sicher steht, zur Sparsamkeit aufgemuntert? Vielleicht beschleicht den Araber dann und wann der Gedanke, daß er am Ende doch nicht mehr, als Hungers sterben könne. In ihm wohnt eine wahre Diebesseele, aber eine feige. Große Diebstähle begeht er nicht leicht, allein keineswegs aus Gewissensbissen, sondern aus Feigheit oder Trägheit. Am liebsten stiehlt er Eßwaaren; denn, ein Kind des Augenblickes, weiß er, daß dieselben ihm ohne ein Weiteres nützen. Um Anderes als Eßwaaren zu entwenden, wäre schon mehr Ueberlegung erforderlich, z. B. wie man sie an den Mann bringen könnte, um dafür Nahrung zu bekommen. Immerhin schaut man jeden Araber für einen Dieb an, und wenn der Fremde nicht bestohlen werden will, so muß er in Beziehung auf denselben stets auf der Hut sein. Ein ernstes, muthiges, karakterfestes Benehmen hält ihn leicht im Zaum. Im Uebrigen ist er von Natur fröhlich und aufgeräumt; diese Fröhlichkeit und Aufgeräumtheit streift aber mehr an Leichtsinn, selbst an feile, für den Zuschauer ekele Ausgelassenheit.

Ich beobachtete den Beduinen, diesen unsteten Sohn der Wüste, zu wenig ungestört, als daß ich mir erlaube, von ihm ein Karaktergemälde zu entwerfen. Er schreitet oder reitet stolz einher, selten ohne Feuergewehr, Säbel oder Pistolen.

Das Land, wo ein Josef, Moses und Aaron gelebt hatten, zählt immer noch Kinder Israels, aber nicht mehr in jenem Hause der Knechtschaft. Der Mangel an Bekanntschaft mit den Juden Kairo’s nöthigt mich, den Faden eher abzureißen, als mir lieb ist.

Und die Franken in Kairo will ich hie und da, mehr oder minder leise berühren. Bloß mag ich es hier nicht thun; denn da sie überall ihre Besonderheiten, ihr Frankenquartier wollen oder haben, so ist billig, daß ich ihnen auch in diesen Blättern ein Frankenquartier anweise. Einzig die levantischen Christen, welche ich wegen ihres Anzuges zuerst immer für Türken hielt, so wie die Griechen, darf ich, ohne eine große Lücke fühlbar zu machen, mit Stillschweigen übergehen.