Das europäische, das am Mahmudiehkanal, das auf dem Ras-el-tin und die Observationshütten.
Das europäische Krankenhaus ist für die Europäer bestimmt, wie schon der Name bezeichnet. Es liegt, von kleinen Araber-Hütten auf der einen Seite umgeben, unweit des Frankenquartiers. Das Gebäude, nach europäischem Geschmack, nimmt sich für das Auge recht gut aus[4]. So weit mir ein Blick in das Krankenhaus, das wenigstens eine gute Verwaltung ankündigt, vergönnt war, schöpfte ich die Ueberzeugung, daß der Europäer in seinen kranken Tagen hier gut verpflegt wird, und in dieser Beziehung Europa ihn nicht mit schmerzlichen Erinnerungen quält. Diejenigen, welche mehr (täglich einen levantischen Thaler) bezahlen, bekommen ein eigenes Zimmer, damit ihren Wünschen noch besser entsprochen werden könne. Was vielleicht am hemmendsten auf die Unternehmung einer Reise ins Morgenland wirkt, ist die Vorstellung von der Verlassenheit und den Scheusalen in den kranken Tagen; die Bemerkungen über die Krankenanstalt aber können kaum verfehlen, diese irrige Vorstellung zu verdrängen.
Das Mahmudiehkrankenhaus steht nahe am Mahmudiehkanale, den großen Baumwollenmagazinen gegenüber. Ehe man zum Gebäude kommt, geht man durch ein Gitterthor, womit eine Art Verschlag oder ein Pfahlzaun geschlossen wird. Der Eintritt durch diesen ist Jedermann gestattet. Von der Gitterthüre bis zum Krankenhause beträgt die Entfernung nur wenige Schritte. Den Zwischenraum kleiden, dem Auge sehr wohlthuend, Garten- und Wildgewächse. Am Thore des Krankenhauses selbst stieß ich auf Schwierigkeiten. Der Soldat, welcher Wache hielt, wies mich zurück, doch nicht unsanft. Ich wurde eben einen Mann gewahr der schrieb, und der mir ein Arzt zu sein schien. Ich redete ihn in französischer Sprache an. Es war ein französischer Arzt, mit Namen Etienne, der mir sogleich die Gefälligkeit erzeigte, mich im Krankenhause herumzuführen.
Von allen Krankheiten interessirte mich am meisten die egyptische Augenentzündung. Die daran Leidenden füllen mehrere Säle. Sie ist beinahe ein größeres Uebel zu nennen, als Pest und Cholera. Denn entweder genesen die an diesen beiden Krankheiten Leidenden, wie meistens, ganz, oder sie sterben — ganz. Der letztere Fall kann für die Betreffenden im Grunde nicht unglücklich sein. Welch ein Uebel dagegen ist es, völlig blind zu werden. Von zehn Arabern wird man einen entweder Halb- oder Ganzblinden finden. Ich sah weniger blinde Weiber, als blinde Männer, und die Krankheit scheint den Erwachsenen feindlicher als den Unerwachsenen.
Aus den Krankenzimmern trug ich die Ueberzeugung, daß die Leidenden, wo nicht auf eine glänzende, doch auf eine befriedigende Weise behandelt werden. Meine Erwartung ward übertroffen. Mag ein Anderer das Krankenhaus eine Nachäfferei der europäischen heißen, es wird in demselben so zu sagen Alles geleistet, was sich unter den obwaltenden Umständen thun läßt. Davon, wie Diät und Regimen gehalten wird, kann ich übrigens nichts mittheilen, wenn nicht das Wenige, daß in der Küche Reinlichkeit und guter Geruch mich bewillkommten. Das Haus ward von etlichen neunzig Kranken bewohnt. Beiläufig erwähne ich, daß diejenigen, welche außer dem Bette sich aufhielten, Achtung für Etienne erwiesen, indem sie militärisch sich stellten. Ich konnte nicht umhin meine Glossen zu machen, wenn der Eingeborene gegen den Fremden sich so unterwürfig geberdete.
Geht man zu dem Palaste des Vizekönigs, so sieht man rechts, in der Nähe des Residenzschlosses, ein dem Umfange nach großes, aber niedriges, einstöckiges Gebäude, das von Pallisaden umzingelt ist: wie das letzte, ein Militärspital. Es ist das Krankenhaus auf dem Ras-el-tin (Feigenkap) oder das Tasikispital. Früherhin eine Kaserne, bildet es mehrere Höfe, und ich konnte keine regelmäßige Bauart wahrnehmen. In der Bade- und Dampfbadeanstalt, deren Pracht mich überraschte, begegnet das Auge allenthalben weißem, geschliffenem Marmor bis an die Kuppeln, welche von zahlreichen, runden, mit Glasscheiben verstopften Oeffnungen zum Einlassen des Lichtes durchbrochen sind. Auch dieses Krankenhaus erfreut sich einer Einrichtung, welche den Bedürfnissen abhelfen dürfte.
Ich ritt eines Nachmittags dahin; allein der Arzt war noch nicht eingetroffen. Ich ging unterdessen zum Mahmudiehkrankenhause, welches, dem Meere etwas näher, den Observazionshütten gegenüber liegt. Dr. Etienne ritt eben auf einem Esel daher. Kaum unterhielt ich mich mit ihm, als ein Kranker plötzlich umfiel. Ich sagte: Es ist ein Cholerakranker. Dr. Etienne verneinte, wahrscheinlich weil er glaubte, er könne mir einen Schrecken ersparen. Seine Geschäfte riefen ihn hinweg, und ich begab mich zu den Observazionshütten. Hören wir später das Weitere.
Diese Hütten sind mit einer Pallisadirung umgeben. Man lasse aber den Pinsel der Einbildung fallen, welcher schöne Gemälde entwirft; zur Seltenheit ist ein Pfahl genau so dick, und so hoch wie der andere. Die Pallisadirung fesselt durch ihre Unordentlichkeit schon von weitem das Auge, und wenn ein Europäer das Militär noch nicht kennte, welches, mit dem schwarzbraunen Gesichte, zwar einen Säbel und ein Kleingewehr trägt, aber sonst in Wenigem einem der europäischen Krieger gleich, oder auch bloß ähnlich sieht, so würde er schlechterdings die Hütten für Alles eher, als für ein Staatsgebäude erklären. Die Pallisadirung wird vom Militär bewacht, und dieses läßt Niemand, wenigstens den Europäer nicht, durchschlüpfen. Ich wartete wenige Minuten am Gatter der Observationshütten, und es kam der Arzt, Herr Gallo, ein Grieche, auf dem Esel geritten. Ich machte schon in einem geselligen Kreise seine Bekanntschaft, und so durft’ ich auf seine wohlwollende Aufnahme zählen.
So eben trug man einen Kranken daher über die Gatterschwelle. Plötzlicher Lärm entstand. Die Wärter eilten mit Pestzangen herbei, seinen Träger zurückzustoßen. Nun wurde der Kranke auf den Boden gestellt; allein zu schwach, um sich aufrecht halten zu können, sank er auf die Erde nieder: Der nämliche Kranke, welchen ich an der Pforte des Mahmudiehkrankenhauses umfallen sah. Er war wirklich cholerakrank.
Die Observazionshütten sind nichts, als Hütten, und zwar elende, fensterlose, schlecht ausgezimmerte, daß zwischen den Bretern, woraus die Wände bestehen, Licht eintrat, und zu einer andern Zeit unzweifelhaft Wind und Regen eindringen werden. Die Thüren werden mit einem Vorlegeschlosse gesperrt. Der Boden ist die nackte Erde, und Brutus hätte nur den Spitalboden küssen dürfen, um den Götterspruch von Delphi zu erfüllen. Das Ganze stellt eine Art Dörfchen vor. Die Hütten sind dazu bestimmt, eines pestartigen Uebels verdächtige Fälle, Pest- oder Cholerakranke, so wie auch kranke Sträflinge aufzunehmen. Einen schauderhaften Anblick für mich erregte die Kette, welche von einem Krankenbette zum andern, von einem Leidenden zum andern in gesenktem Halbbogen hinüberlangte. Die Bettstellen sind ein hölzerner Käfich, welchen ich zum ersten Male im Krankenhause auf dem Ras-el-tin wahrnahm. Wenige lagen nur auf einem Strohteppich, und auf etwas Wollenzeug, welche die Blöße der Erde zudeckten.
Die erste Hütte, in die ich geführt wurde, war zur Observazion bestimmt. Nicht Bettstellen darf man hier suchen, noch Sönderung. Cholerakranke und ein von Wechselfieber Befallener waren neben einander auf nackter Erde ausgestreckt; einer der erstern kreuzte seine Beine über den andern. Im Ganzen fanden sich drei neu hereingebrachte Kranke zur Observazion, wovon einer als nichtcholerisch erklärt wurde. Ueberdieß sah’ ich noch etwa sechs andere Choleristen.
Ich nahm die Weltcholera in den Hütten zum ersten Male wahr, und ich werde nun bei dieser Seuche ein wenig mich aufhalten. Man setzt in denselben voraus, daß die Cholera sich durch einen Ansteckungsstoff fortpflanze, und es werden gegen sie ungefähr die nämlichen Maßregeln ausgeführt, wie gegen die morgenländische Pest. Ehe Herr Gallo einem Kranken den Puls fühlte, ließ er sich die Hände mit Baumöl begießen, ohne daß jedoch die Schuhsohlen beölt worden wären.
Das Bild der Cholera ist dasselbe wie in Europa. Gänzliche oder fast gänzliche Abwesenheit des Pulses an der Hand, die Haut kalt, über den Phalangen schrumpfig, wie bei einer Wäscherin, der Abgang einer wässerigen, weißlichen Flüssigkeit sursum et deorsum, das Auge gläsern, wie erstorben, der Blick stier und bedeutungslos, die Nase dünn und spitzig, die Löcher mit Staub, die Lippen trocken und bläulich, die Zunge beinahe starr und wird vom stoßweise Lallenden nur mit Mühe gezeigt, die Backen zu eckigen Vertiefungen eingefallen u. s. f. Kurz, im höhern Grade der Krankheit hat man einen lebendigen Todten vor sich. Der Anblick von Cholerakranken ergriff mich nicht besonders; denn die schwarzbraune Farbe der Araber ist nach europäischen Begriffen ohnehin widerlich, und sie veränderte sich nicht bedeutend, außer daß sie schmutziger wurde. Die Kranken schienen mir keineswegs auffallend zu leiden; sie gaben kein Gestöhne oder irgend einen Schmerzlaut von sich. Die asphyktisch Cholerischen waren vom tiefen Schlafe trunken. Diejenigen, welche in den Hütten untergebracht werden, ziehen beinahe Alle das traurige Loos eines frühzeitigen Todes.
So angenehm das Mahmudieh- und Ras-el-tin-Krankenhaus meine Erwartungen übertrafen, so sehr ich auch geneigt wäre, ein günstiges Urtheil zu fällen, so wenig kann ich der Observazionsanstalt Lobsprüche ertheilen. Es stellt sich in der That zwischen einer solchen und keiner Anstalt wenig Unterschied heraus. Dagegen lauten die Forderungen, daß gerade das Pestlazareth auf dem humansten Fuße stehe. Wo ist die Hülfe dringender, als bei Pest und Cholera? Wo ist es für einen Kranken, mag er selbst ein gefesselter Sträfling sein, peinlicher, als zwischen oder doch in der Nähe solcher Kranken, welche der ganze Rüstzeug der Regierung und die öffentliche Meinung der Franken für ansteckend ausgibt? Wie leicht werden die Erkältungen in der Regenzeit. Es ist für den Ruhm nicht genug gesorgt, daß man einen Obersten des Landes reich besolde, oder einen fremden Marschall mit Ehrenbezeugungen überhäufe, so lange die Noth armseliger und beladener Unterthanen aus einem Krankenstalle schreit.
Nach der einmal gefaßten oder vorgefaßten Meinung von dem ansteckenden Karakter der Cholera sperren sich die meisten Europäer in Alexandrien gegen diese Seuche, wie gegen die Pest, ab. Ich kann nicht umhin, das völlig umgekehrte Verfahren der Kontagionisten in Europa, ins Gedächtniß zurückzurufen, nach welchem die Kranken selbst isolirt werden. Ein sicheres und das beste, aber das inhumanste, die Pflichterfüllung und Berufstreue schnurstracks verhöhnende Mittel, sich vor der Cholera zu schirmen, ist die zeitige Entfernung vom Orte, wo die Krankheit herrscht, an einen solchen, welcher davon frei ist.
Ebenso betrachten die europäischen Alexandriner die Pest durchaus als kontagiös. Sie schließen sich ihretwillen ein, doch nicht überall so, daß gar nicht mehr ausgegangen wird. So besorgte ein Handelsmann die Geschäfte außer dem Hause, in welchem seine Mitarbeiter und das Gesinde stets eingesperrt waren. Er stülpte unten die Beinkleider auf, beölte die Schuhsohlen und, mit einem großen Stocke bewaffnet, machte er sich auf der Gasse Bahn, damit ihn Niemand berühre. Der Araber weicht ohne Anstand aus. Jener Mann, den ich zum Beispiele wählte, rettete sich durch die Pestzeit[5].
Wenn sonst auf der Straße die häßlichsten Weiber jeden Augenblick erhaschen, ihr Antlitz vor dem Europäer zu verhüllen, so überraschte es mich, in einer der Pesthütten kranke Weiber unverschleiert zu sehen. Sie verriethen beim Erscheinen des Arztes, seines Assistenten und meiner Person nicht die mindeste Verlegenheit, und rollten ihre schwarzen Augen rechts und links, so oft es sie gelüstete. Unter den Kranken befand sich, wie sich etwa der Pariser vornehm ausdrücken würde, auch eine Galante.
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Die Gesundheitspolizei würde in der Stadt noch Manches aufzuräumen haben. Dem Garstigsten vom Menschen begegnet man an den meisten Orten. Ueber dem Bassar, nämlich auf den Deckbretern, häufen sich Unreinigkeiten fast jeder Art, die wohl selten weggeschafft werden. Aeser erblickte ich wenige. Wie dem auch sei, so werden immerhin einige Gassen gekehrt und etliche Plätze mit Wasser besprengt[6]. Gleichwie die Unreinigkeiten am Gesichte auf Nachlässigkeit und schlechte Gesundheitspolizei des Mikrokosmus schließen lassen, so zeigen die Unreinigkeiten an den Gebäuden und auf den öffentlichen Plätzen mit der Gewißheit der Uhr an, wie wenig sich der Staat um das öffentliche Gesundheitswohl bekümmere.