Zweites Capitel.
Die Bahn der Spanier nach Westen und die Entdeckung der neuen Welt.

1. Die Bedeutung der italienischen, namentlich genuesischen Nautik und das frühere Leben des Christoph Columbus.

Noch ehe die Portugiesen das Ziel ihrer langjährigen Anstrengungen zur See, Indien, zu erreichen vermochten, ja noch ehe sie das ihnen in den Weg geworfene Hinderniß, die plumpe Masse des ungegliederten Erdtheils Afrika, durch glückliche Umschiffung endlich überwunden hatten, tauchte ein anderes Project auf, das durch seine Kühnheit alle Welt stutzig machte und deshalb naturgemäß überall auf Widerspruch stieß, ein Project, das in seinem Kern von ganz richtigen Grundsätzen ausging und unter der damals nicht mehr bestrittenen Annahme von der Kugelgestalt der Erde den geraden Weg nach Westen über das völlig unbekannte Weltmeer als den nächsten und bequemsten Weg nach Indien oder überhaupt nach dem Ostrande der alten Welt vorschlug, deren Gestade, wie man aus den Erzählungen Marco Polos und seiner Nachfolger wußte, gleichfalls von einem unendlich scheinenden Ocean bespült wurden. Der Träger dieses Projects, wenn auch keinesweges der Schöpfer desselben, war ein Italiener Christofero Colombo oder, wie er mit der latinisirten Form seines Namens allgemein genannt wird, Columbus.

Italienern verdanken wir im Mittelalter den ersten folgenreichen Aufschwung der Nautik, Italiener waren die Lehrmeister der Portugiesen gewesen, ein Italiener entwarf zuerst den kühnen Plan einer Westfahrt nach Indien, ein Italiener führte den Gedanken aus, nach einem Italiener erhielt die neue Welt ihren Namen; Italiener waren zur selben Zeit auch die Leiter der Seeunternehmungen, welche von Frankreich und von England aus im westlichen Meere Entdeckungen machen sollten. Aber daß sie niemals in der Heimat eine hochherzige Unterstützung für ihre Pläne fanden, und ihre Ideen nur im Auslande verwerthen konnten, wo sie, nur von Fremden umgeben, und von nationaler Eifersucht bewacht, vielfach auf Widerstand stießen, hat mannigfache Verwicklungen und manche Wechselfälle in dem Leben der leitenden Persönlichkeiten veranlaßt; vor allem in dem tragischen Ausgange des berühmtesten von allen, des Columbus selbst.

Werfen wir zunächst einen Blick auf das frühere Leben dieses merkwürdigen Mannes, auf die Zeit, in welcher er das Schicksal so mancher seiner Zeitgenossen und Landsleute, die sich dem Seegewerbe widmeten, theilte.

Auf die Ehre, die Geburtsstätte des Columbus gewesen zu sein, haben viele Orte Italiens Anspruch erhoben: Albisola, Bogliasco, Chiavara, Cogoleto, Nervi, Oneglia, Pradello, Quinto, Savona, Genua; aber Columbus selbst bezeugt in seinem Testamente zweimal, daß er in der Stadt (ciudad de Genova) geboren sei, so daß damit die rechtmäßige Entscheidung gegeben ist.

Er stammte also aus derjenigen Seestadt, welche den weitgehendsten Einfluß auf die Entwicklung des Seewesens in Westeuropa bereits seit mehreren Jahrhunderten gehabt hatte. Denn schon in den Jahren 1116 und 1120 waren genuesische Schiffsbaumeister und Seeleute nach Spanien gerufen, um die Küsten des Landes vor den maurischen Seeräubern zu schützen, und im 13. und 14. Jahrhundert wurden Genuesen zum Range castilischer Admirale erhoben.

Genuesen hatten bereits gegen Ende des 13. Jahrhunderts (s. o. S. 23) den Versuch gewagt, einen Seeweg nach Indien, um Afrika herum, aufzufinden, und hatten vielleicht um dieselbe Zeit schon die canarischen Inseln wieder aufgefunden. Der König Diniz III. von Portugal stellte 1307 einen Genuesen an die Spitze der Flotte und noch unter Heinrich dem Seefahrer zeichneten sich die Söhne Genuas bei den Entdeckungsfahrten aus: Perestrello, ein Vorfahr des Schwiegervaters des Columbus, wird als der Wiederentdecker von Porto Santo genannt, Antonio de Noli fand 1460 die capverdischen Inseln (s. o. S. 96).

Auch in Frankreich und England nahmen seit dem 13. und 14. Jahrhundert die Könige genuesische Seeleute in ihren Dienst und vertrauten ihnen die Führung von Seegeschwadern an.[151] Diesem selben Zuge der genuesischen Jugend, in den westlichen Ländern am Ocean und auf dem Ocean selbst ihr Glück zu suchen, folgte auch Columbus.

Ueber sein Geburtsjahr ist viel gestritten worden. Man hat dafür die Jahre 1436, 1446 und 1456 angenommen. Die Ursache dieser auffälligen Schwankungen liegt in den einander widerstreitenden Angaben, wobei, je nach der Berechnung der Zeiträume, auch noch die geringeren Abweichungen bezüglich der Jahre 1435 bis 1437 oder 1445 bis 47 vorkommen. Der Beweis für das Jahr 1436 stützt sich vornehmlich auf die Aussage eines zeitgenössischen Geschichtschreibers, welcher persönlich mit Columbus bekannt war, auf Andres Bernaldez (Historia de los Reyes catolicos D. Fernando y Da. Isabel, Sevilla 1870), welcher von 1488 bis 1513 Geistlicher im Städtchen Los Palacios bei Sevilla war, und den Entdecker der neuen Welt bei seiner glücklichen Heimkehr von seiner zweiten Reise als Gast bei sich sah. Bernaldez schreibt, daß Columbus in gutem Greisenalter, im Alter von 70 Jahren etwa gestorben sei. (Murió in senectute bona de edad de setenta años poco mas o menos.) Nach dieser Angabe wäre Columbus also etwa 32 Jahre älter gewesen als sein jüngster Bruder Diego, welcher bestimmt im Jahre 1468 geboren ist. Aber Bernaldez hat sich durch das graue Haar des Entdeckers täuschen lassen und wußte nicht, daß Columbus schon mit 30 Jahren ganz weiß geworden war.

Nach einer zweiten Ansicht, welche besonders von Peschel vertreten wurde,[152] soll Columbus 1456 geboren sein. Columbus schreibt nämlich am 7. Juli 1493, er sei in einem Alter von 28 Jahren in den Dienst der spanischen Krone getreten,[153] und erwähnt am 14. Jan. 1493, daß er den kommenden 20. Januar den katholischen Majestäten gerade 7 Jahre gedient habe.[154] Sein Eintritt erfolgte demnach 1486 und sein Geburtsjahr würde um 1458 zu setzen sein. Andererseits sagt aber der Entdecker am 21. Dec. 1492, er sei fast ohne Unterbrechung 23 Jahre auf See gewesen,[155] also seit 1470. Nimmt man dazu die Angabe der „vida del Almirante“, welche selbst behauptet[156] von seinem Sohne Ferdinand geschrieben zu sein, daß der Vater schon in seinem 14. Jahre auf die See gegangen sei, so mußte Christoph Columbus 1456 geboren sein.

Allein dagegen ist mit Recht eingewendet, daß Columbus von 1483 bis 1492 fast gar keine Seereisen mehr gemacht hat und seit 1486 sich beständig in Spanien aufhielt, daß demnach der Ausgangspunkt, von dem die 23 Jahre ununterbrochener Seefahrten an rückwärts zu zählen sei, in das Jahr 1483 zu setzen sei, so daß also Columbus seit 1460 etwa das Seegewerbe betrieben habe. Dazu stimmt ferner, daß Columbus 1501 erklärt, er befahre nun bereits seit mehr als 40 Jahren das Meer. Kam er nun sehr jung, im 14. Jahre, aufs Schiff, so müßte er 1446 geboren sein.

Diese Ansicht vertheidigt besonders d’Avezac.[157] Den Widerstreit gegen die eigene Angabe des Columbus, er sei in seinem 28. Jahre in spanische Dienste getreten, löst d’Avezac scheinbar gewaltsam, indem er, wie vor ihm bereits Navarrete, die Zahl 28 für einen Schreibfehler erklärt und behauptet, Columbus hätte schreiben müssen, im 38. Jahre.[158]

Aber d’Avezac verstärkt seine Hypothese durch den Hinweis auf eine gerichtliche Urkunde vom Jahre 1472, in welcher Columbus zweimal als Zeuge vor dem Gericht in Savona, wo sein Vater damals wohnte, aufgeführt wird als: Christopherus Columbus, lanarius de Janua, annos Laetoriae legis egressus. Da nun das Lätorische Gesetz sich auf das 25. Lebensjahr bezieht und Columbus 1472 dieses Jahr bereits überschritten hatte, so kann er unmöglich 1456, wohl aber 1446 geboren sein. Auch in den Jahren 1473 und 1476 wird Columbus zusammen mit seinem Bruder noch in den Gerichtsacten Genuas genannt. Es ist immerhin möglich, daß er, wenn er auch zeitweilig das Handwerk seines Vaters, die Wollweberei betrieb, doch daneben auch kleinere Seereisen unternahm, von denen er nach seiner Vaterstadt zurückkehrte.

Ueber seine Jugendzeit wissen wir wenig, die Angabe der „Vida“, welche sogar seinen Sohn Fernando als Verfasser nennt, aber sicherlich nicht von ihm geschrieben ist, sind theils legendenhaft, theils geradezu unglaublich, so daß sie vor der historischen Kritik beanstandet worden sind.[159] Man hat ohne Bedenken danach angenommen, daß Columbus die Universität Pavia besucht habe, aber seine Jugend und die für diese Studien verfügbare Zeit sprechen dagegen, da er bereits mit dem 14. Lebensjahre auf die See ging.[160]

Den Ocean scheint er erst im 30. Jahre kennen gelernt zu haben. Es wird nämlich erzählt, daß er im Jahre 1477 und zwar bereits im Februar, wahrscheinlich von Bristol aus, hundert spanische Meilen über Tyle (Thule) hinaus gesegelt sei (vgl. oben S. 28). Thule identificirte man mit den Faröern, welche damals unter dem Namen Friesland bekannt waren. Columbus suchte also, wie auch andere seiner Landsleute, sein Glück im Auslande zu machen. Von England begab er sich später nach Portugal, wahrscheinlich zu Ende der Regierung Alfons V., welcher 1481 starb, und machte von hier aus eine Fahrt nach der Küste von Guinea. Da er bei dieser Gelegenheit die portugiesische Niederlassung von St. Jorge de la Mina besuchte, so kann diese Fahrt nicht vor 1482 fallen, in welchem Jahre das genannte Fort an der Goldküste erst angelegt wurde. In Lissabon verheirathete er sich mit der Donna Felipa Muñiz-Perestrello, und zog mit ihr nach dem Besitzthum ihres Vaters auf der Insel Porto Santo. Dort lernte er auch die auf das Seewesen bezüglichen Karten und hinterlassenen Papiere seines bereits verstorbenen Schwiegervaters Perestrello kennen. Aus ihnen schöpfte er wohl auch die ersten dunklen Nachrichten von Inseln und Ländern, welche im westlichen Meere liegen sollten, von denen er dann selbst mit Eifer neue Kunde sammelte.

2. Das allmähliche Reifen des Planes einer Westfahrt.

Es lag im Glauben der Zeit, hinter jeder am Horizonte auftauchenden Nebelbank im Ocean ein noch unbekanntes, reiches und gesegnetes Land zu vermuthen. Die Canarien, Açoren und Capverden waren in den letzten Jahrzehnten genauer bekannt geworden, die Fortschritte der portugiesischen Entdeckungen wirkten auf die Seeleute geradezu fieberhaft. Die Matrosen erzählten einander von den Geheimnissen des westlichen Weltmeeres, und Columbus lauschte aufmerksam auf solche Berichte. Die Vida del Almirante führt (Cap. 8) eine Reihe solcher Schiffernachrichten auf, welche gerade durch das Nebelhafte ihrer Umrisse die Phantasie aufzuregen vermochten. Danach hörte Columbus über die Nähe der den westlichen Gestaden der bekannten Welt gegenüberliegen sollenden Küsten mancherlei von solchen Seeleuten, welche häufig die Meere jenseit Madeira und der Açoren befahren hatten. Der portugiesische Pilot Martin Vicente erzählte ihm, er habe 450 Leguas (spanische Meilen) westlich vom Cap S. Vicente ein geschnitztes Holz aufgefischt, welches unter dem mehrere Tage anhaltenden Westwinde herangetrieben sei. Es müsse also in nicht zu großer Entfernung im Westen Inseln oder größeres Land geben. Sein Schwager Pedro Correo theilte ihm mit, daß ein ähnlich bearbeitetes Holz auch in Porto Santo angeschwommen sei. Auf den Açoren waren Stämme von Fichten, wie sie dort nicht wachsen, angetrieben. Auch ein mächtiges Schilfrohr, wie es nur in Indien wachsen konnte, und welches von Knoten zu Knoten 9 Karaffen Wein fassen sollte, war aufgefunden. Auf der açorischen Insel Flores hatten die Bewohner zwei Leichen einer unbekannten Menschenrasse gefunden. Die Ansiedler in der Nähe des Cap de la Virga wollten sogar gedeckte Barken, s. g. Almadias mit fremdartigen Menschen besetzt gesehen haben.

Antonio Leme von Madeira erzählte dem Columbus ferner, er habe 100 Meilen weit gegen Abend drei Inseln gesehen. Dieselben Inseln wurden 1484 wiederum von einem Schiffscapitän aus Madeira gesehen, der sich in Folge dessen nach Portugal begab, um sich von der Regierung eine Caravele zu erbitten, mit welcher er jene Inseln entdecken wollte.

Ein anderer Pilot erzählte ihm in Puerto de Sta. Maria, daß er auf der Reise nach Irland Land gesehen, welches er für den Theil der Tatarei gehalten; schlechtes Wetter habe ihn aber abgehalten daselbst zu landen. Ebenso wollte auch ein Galicier, Pedro Velasques (oder Velasco), westlich von Irland Anzeichen von Land bemerkt haben. Und endlich kam auch der Portugiese Vicente Dias aus der Stadt Tavira in Algarbien mit der Nachricht heim, er habe auf der Rückfahrt von Guinea nach Madeira im Westen unbekanntes Land gesehen. Mit Unterstützung eines reichen Genuesen, Lucas de Cazzana, wurden in Folge dessen mehrere vergebliche Versuche gemacht, dieses Land aufzufinden.

Ob Columbus von der Fahrt des Johann von Kolno[161] gehört hatte, welcher 1476 von dem König Christian I. von Dänemark abgesandt worden, um die Verbindung mit Grönland wieder herzustellen, und welcher wahrscheinlich Labrador und den Eingang der später sogenannten Hudsonstraße sah, ist sehr fraglich, wenn sich auch später die Nachricht von dieser Entdeckung bis nach Spanien und Portugal verbreitete, wie daraus zu ersehen ist, daß Gomara in seiner Geschichte von Indien (Zaragoza 1553, S. 20) dieselbe erwähnt.[162]

Alle diese und ähnliche Mittheilungen über Inseln, welche im fernen westlichen Meere liegen sollten, gehörten aber nicht allein dem Zeitalter des Columbus an, sondern lassen sich bis ins classische Alterthum rückwärts verfolgen, wie bereits oben S. 22 angedeutet ist.

Wichtiger noch war es, daß solche Angaben auch von den Verfertigern der Seekarten im 14. und 15. Jahrhundert mit verwendet wurden. Vor allem waren es die Italiener, welche, wie sie den Fortschritt der portugiesischen Entdeckungen mit größter Aufmerksamkeit verfolgten, auch die von ihren Landsleuten zuerst gesehenen Canarien und Açoren in die Karten einzeichneten (oben S. 24). Gradezu überraschend wirkt die Wahrnehmung, daß Andrea Bianco schon 1448 auf seiner Karte eine Andeutung von den Capverden machte, noch ehe dieselben, nachweisbar, von den Portugiesen betreten waren.[163] Aber daneben erscheinen auch andere Gebilde von Inseln, welche nur einer Sinnestäuschung der Seefahrer ihre Existenz verdankten. Zu diesen gehört namentlich die Insel Antilia, welche seit dem Anfange des 15. Jahrhunderts auftauchte und uns zuerst auf einer im Jahre 1424 gezeichneten und in der großherzoglichen Bibliothek zu Weimar aufbewahrten Karte entgegentritt.[164] Ebenso findet sich diese Insel auf den Karten des Battista Beccario vom Jahre 1426 (in München) und vom Jahre 1435 (in Parma). Westlich von den Açoren und etwa 15° vom Cap Finisterre in Galicien erstreckt sich auf der letztern (vom Jahre 1435) eine Inselkette von Norden nach Süden, vom Parallel der Gironde bis zu dem von Gibraltar, und führt die Inschrift: Insule de novo reperte. Von den zwei größeren Inseln ist die südliche Antilia genannt.[165] Auch Andrea Bianco wiederholt 1436 das Bild von Antilia (ya de antillia) und fügt hinzu, daß nach der Inselgruppe spanische Schiffe gelangt seien (questoxe mar de spagna). Ihm folgt 1476 Andrea Benincasa von Ancona und zeichnet das Bild der Insel wie Bianco, während Martin Behaim dieselbe auf seinem Globus (siehe Beilage) weiter südlich hart an die Grenzlinie der heißen Zone versetzt.

Diese Insel hat eine gewisse Bedeutung in dem Plane des Columbus gehabt und hat, wenn auch nicht ihre damals bereits ziemlich unbestimmte Existenz, so doch wenigstens ihren Namen gerettet und auf die westindische Inselflur vererbt.

Verfolgen wir nun weiter die verschiedenen Anregungen, welche Columbus in sich aufnahm, so müssen wir neben den Schifferberichten und den dieselben beglaubigenden Seekarten auch eines damals verbreiteten geographischen Werkes gedenken, welches der Genuese schon während seines Aufenthaltes in Portugal sehr fleißig las und auch später auf seinen Reisen mit sich führte. Es ist die Imago mundi (Weltbild) des Cardinal von Cambray, Pierre d’Ailly (Petrus de Alliaco), welche um 1410 geschrieben ist. Dieses Werk stellt sich als eine ziemlich mittelmäßige Compilation aus früheren scholastischen Arbeiten heraus, ex pluribus auctoribus recollecta, wie der Titel der ältesten Ausgabe besagt. d’Ailly bemühte sich, das Wissen der Vergangenheit zusammenzufassen und citirte sowohl Lateiner und Griechen als auch Araber, von jenen den Seneca, Plinius, Solinus, Osorius, Augustin, Isidor und Beda, ferner den Aristoteles, Ptolemäus, Hegesippus, Johannes Damascenus, von diesen den Alfragani und Albategna. Aber er schreibt ziemlich ohne eignes Urtheil und stellt die Ansichten der classischen Autoren höher, als die Resultate neuerer Forschung. Den Namen Marco Polos erwähnt er nirgend. Aus ihm aber schöpfte Columbus den ganzen Vorrath seiner kosmographischen Vorstellungen, namentlich seine Auffassung von der Größe der Erde, von der Schmalheit des Oceans, von der Lage und Natur des Paradieses und von dem bevorstehenden Weltuntergange.[166]

Vor allem auffällig ist die Abhängigkeit des Columbus zu erkennen, wenn wir das 8. Capitel der Imago, über die Größe der bewohnbaren Erde, prüfen. Aus diesem Abschnitte entlehnte der Genuese in seinem Briefe aus Haiti, auf seiner dritten Reise (1498), einen längeren Abschnitt. d’Aillys Darstellung ist etwa folgende.[167] Wenn man wissen will, wie viel von der Oberfläche der Erde bewohnbar ist, so hat man theils das Klima, theils das Wasser zu berücksichtigen. Ptolemäus meinte, etwa ein Sechstel der Erde sei Land, das übrige mit Wasser bedeckt. Im Almagest (lib. II.) modificirte er seine Ansicht, und hielt ¼ der Erdoberfläche für bewohnbar. Aristoteles nahm einen noch größeren Länderraum an und lehrte, daß zwischen der Westküste Spaniens und der Ostküste Indiens das Meer (unser atlantischer Ocean) nur schmal sei. Ueberdies sagt Seneca im 5. Buche der Naturgeschichte, daß man bei günstigem Winde in wenig Tagen über dieses Meer segeln könne. Aehnlich spricht sich auch Plinius aus, so daß man daraus folgern darf, daß das Meer unmöglich ¾ der Erdoberfläche bedecken kann.

Dazu kommt noch der gewichtige Ausspruch Esra’s (Esdra) im 4. Buche, welcher behauptet, es sei nur 17 der Erdoberfläche mit Wasser bedeckt.

Im 49. Capitel, welches von der Verschiedenheit der Gewässer und namentlich vom Ocean handelt, kommt d’Ailly noch einmal auf dieses Thema zurück und betont, daß sowohl Aristoteles als auch sein Commentator Averroes darauf aufmerksam gemacht, daß der Abstand zwischen der Westküste Afrikas und der Ostküste Indiens (d. h. Asiens) nicht sehr groß sein könne, weil man in beiden Ländern Elephanten finde. Wie groß aber der Abstand ist, weiß man noch nicht, denn er ist weder in unseren Zeiten gemessen, noch finden wir darüber bei den alten Schriftstellern genauere Angaben. Aber, fügt er im 51. Capitel hinzu, soviel ist gewiß, daß die Ausdehnung der bewohnten Erde von Spanien ostwärts bis Indien viel größer ist als der halbe Umfang der Erde.

Mit diesen und ähnlichen Gründen wollte Columbus später die leichte Ausführbarkeit seines Planes einer Westfahrt erhärten. Mit Recht bemerkt Humboldt (Kosmos II, 281) dazu: „Sonderbares Zeitalter, in welchem ein Gemisch von Zeugnissen des Aristoteles und Averroes, des Esra und Seneca über die geringe Ausdehnung der Meere im Vergleich mit der der Continentalmasse den (spanischen) Monarchen die Ueberzeugung von der Sicherheit eines kostspieligen Unternehmens geben konnte.“

Außer diesen Hauptstellen hatte Columbus auch noch andere Vorstellungen aus den Lehren d’Ailly’s sich angeeignet. Dahin gehört die Behauptung des Cardinals (Cap. 12), daß, wie schon Augustin gelehrt habe, die heiße Zone von menschlichen Ungeheuern belebt sei. Es geht dies hervor aus einer Aeußerung aus dem Tagebuch der ersten Reise des Entdeckers, wo derselbe verwundert bemerkt, die erwarteten Ungeheuer habe er noch nicht gefunden. Ferner die Auffassung von der Lage des irdischen Paradieses. Dasselbe liegt, schreibt d’Ailly Cap. 55, nach der Angabe des Isidor, Johannes Damascenus, Beda u. a. in der lieblichsten Gegend des Ostens, weit von unserm bewohnten Gebiet entfernt auf einem erhabenen Ort, so daß es fast bis in die Mondsphäre reicht und von den Wassern der Sündflut nicht bedeckt werden konnte. Von diesem hohen Berge stürzen nun die Gewässer mit gewaltigem Brausen herab und bilden einen großen See. Eine ebenfalls von Columbus benutzte Ansicht und eine Ergänzung des obigen über die Natur des Paradieses finden wir bereits im 7. Capitel, wo gelehrt wird, daß das im Osten gelegene Paradies, auch wenn es in der Nähe des Aequators liege, doch wegen seiner bergehohen Lage ein sehr mildes Klima besitze.

Endlich gehört hieher noch ein Ausspruch d’Ailly’s, in seinem Vigintiloquium de concordia astronomicae veritatis cum theologia, p. 181, worin er die Dauer der Erde von der Schöpfung bis auf die Geburt Christi, nach Ermittlung Bedas, auf 5199 Jahre berechnet, so daß also bis 1501 nach Christi 6700 Jahre verflossen seien. Da aber das jüngste Gericht 7000 Jahre nach Christi eintreten wird, ist der Weltuntergang nahe bevorstehend. Obwohl Columbus in den Zahlen etwas abweicht, so hat er den Grundgedanken doch in seinen Plan verwebt.

3. Das Project Toscanelli’s.

Wenn nun auch alle diese Meinungen und Lehrsätze d’Ailly’s einen großen Einfluß auf die Gestaltung des Planes gehabt haben, so waren sie, weil im allgemeinen zu verschwommen, nicht kräftig genug, um einen wirklichen Impuls auszuüben, die Fahrt zu unternehmen. Denn welcher Seemann konnte nach solchen allgemeinen, vagen Vorstellungen seinen Cours einschlagen, welcher Fürst und welcher Staat würde zu einem solchen Zuge ins Blaue die Mittel verschwendet haben? Darum kann ich Humboldt darin nicht beistimmen, daß die Imago Mundi mehr Einfluß auf die Entdeckung von Amerika geübt, als der Briefwechsel Toscanelli’s (Kosmos II, 286). Grade die ganz bestimmte Direction, welche dieser ausgezeichnete Astronom und Physiker den Ideen seines Landsmannes gab, man kann sagen, die von ihm ganz genau vorgeschriebene Segelroute war es, welche einerseits den noch unklaren Vorstellungen des Columbus den richtigen Stützpunkt gab und andererseits auch die Monarchen ermuthigte, die Kosten zu wagen.

In dieser Hinsicht muß man entschieden der Ansicht d’Avezacs beipflichten: „Die Ideen des Columbus entstanden aus einer Summe von Notizen, welche er allmählich aus verschiedenen Quellen geschöpft; aber ein bestimmtes Project kam erst durch den Brief Toscanelli’s zur Reife. Dieser monumentale Brief sichert dem Toscanelli das unzweifelhafte Verdienst, die transatlantischen Entdeckungen angeregt zu haben.“[168]

Diesen Brief lernte Columbus wahrscheinlich erst im Anfange der achtziger Jahre kennen. Bis dahin war er einfach ein Seefahrer gewesen, von da an wurde er Entdecker. Danach ist auch die von Las Casas gemachte Zeitangabe zu verbessern,[169] wonach sich Columbus 14 Jahre bemüht haben soll, den König von Portugal für seine Pläne zu gewinnen. Da wir wissen, daß Columbus noch um 1476 in Genua war, und 1484 nach Spanien ging, so ist die Angabe des Bischofs bestimmt falsch. Avezac (l. c. p. 43) stellt die Vermuthung auf, es könne statt 14 Jahre recht wohl 14 Monate heißen und Columbus habe seinen Vorschlag zuerst im September oder October 1483 gethan, und sei dann gegen Ende des nächsten Jahres nach Spanien übergesiedelt. — Doch wenden wir zunächst unsere Aufmerksamkeit dem Briefe Toscanelli’s zu. Paolo Toscanelli, auch, weil er Arzt war, Paolo fisico genannt (geb. 1397 in Florenz, gestorben 1482), gehörte zu den ausgezeichnetsten Gelehrten seiner Vaterstadt und beschäftigte sich namentlich mit Kosmographie. Durch lebhaften Verkehr stets in Verbindung mit berühmten Reisenden, Seefahrern und Kartenzeichnern, hat er wohl zuerst bei dem Studium des Marco Polo und angesichts der durch persönlichen Verkehr mit Nicolo de Conti (s. oben S. 77) weiter bestätigten großen Entfernung Ostasiens von Europa, sowie neuer Beglaubigungen der Berichte von den kostbarsten Produkten, den menschenwimmelnden prachtvollen Städten und großartigen Reichen den Gedanken gefaßt, daß von Portugal oder Italien aus ostwärts die Entfernung bis Quinsay und Zaiton weit mehr als den halben Erdumfang betragen müsse, und weiterhin daraus gefolgert, daß dann der Weg über das Westmeer der nähere sein müsse. Zur Veranschaulichung dieser Idee bedurfte es einer Karte, welche die, wie es scheint, vor ihm noch nie entworfene Wasserseite der Erde darstellte. Denn die Seekarten dienten praktischen Zwecken und stellten daher nur die in der Nähe der großen Handelslinien befindlichen Küsten und Länder dar. Da nun Toscanelli sah, wie sich bereits seit einem halben Jahrhundert die Portugiesen abmühten, die Umfahrt um Afrika zu vollenden, so richtete er 1474 einen Brief an den Canonicus Fernam Martinz in Lissabon, um den König unter Beigabe einer von ihm selbst entworfenen Karte auf seine Idee, das Morgenland durch eine Westfahrt zu erreichen, aufmerksam zu machen. Allein die Portugiesen hatten 1471 glücklich die Goldküste entdeckt (s. oben S. 104) und beuteten dieses Gebiet aus, ohne Neigung, sich in unbestimmte kostspielige Unternehmungen einzulassen. Toscanelli’s Aufforderung fand also keinen Anklang; sein Brief galt wohl mehr als Curiosum, denn daß man ein Staatsgeheimniß daraus machte, von dem nichts verlauten dürfe, um nicht andere Unternehmer in dieselben Bahnen zu lenken. So konnte auch Columbus nach Jahren davon Kunde erhalten und sich eine Abschrift dieses Briefes verschaffen, indem er sich direct an Toscanelli wandte. Wir kennen die Briefe des Columbus nicht, sondern nur die Antworten des Florentiner Gelehrten und auch diese in einer sicher nicht authentischen Fassung, da sie nur in der Vida del Almirante sich finden, welche den Wortlaut nicht nur nicht getreu wiedergegeben hat, sondern durch offenbare Einschiebsel den Zeitpunkt des Schreibens zu verrücken sucht, um Columbus zu glorificiren, indem man die Bedeutung des Briefes als maßgebend für den Impuls zu der Westfahrt verminderte und die Initiative allein dem Entdecker beimaß.

Nach der jetzt vorliegenden Fassung des Briefes schrieb nämlich Toscanelli folgendermaßen:

„Ich sehe Eurer edles und großes Verlangen, dahin zu reisen, wo die Spezereien wachsen. Daher sende ich Euch zur Beantwortung Eures Briefes die Abschrift eines andern, den ich vor einigen Tagen an einen meiner Freunde, im Dienste Sr. Maj. des Königs von Portugal, vor den castilischen Kriegen, in Beantwortung eines andern schrieb, welchen er im Auftrage des Königs über die betreffende Angelegenheit an mich richtete, und ich schicke Euch eine andere Seekarte (carta da marear), die mit derjenigen übereinstimmt, welche ich ihm sandte.“

Der castilische Erbfolgekrieg fällt in die Zeit von 1474–1479. Es liegt auf der Hand, daß man den Ausdruck „vor den castilischen Kriegen“ nur gebrauchen kann, wenn der Krieg vollständig beendigt ist, aber weder im Beginn noch im Verlauf desselben. Der Brief Toscanelli’s muß also an Columbus nach 1479 geschrieben sein, der Originalbrief an Martinz vor oder um 1474. Das Datum dieses Briefes lautet auch: Florenz, 25. Juni 1474. Steht dieses fest, dann kann Toscanelli aber nicht an Columbus schreiben, er habe erst „vor einigen Tagen“ den Brief an Martinz verfaßt, denn es lag ein Zeitraum von mindestens 5 Jahren dazwischen. Eine der beiden Zeitangaben ist falsch, die Entscheidung fällt unbedingt gegen den Ausdruck „vor einigen Tagen“. Es soll einerseits durch diesen Zusatz der Plan als geistiges Eigenthum des Columbus hingestellt und der Einfluß Toscanelli’s verdeckt werden; denn wenn der florentinische Gelehrte erst „vor einigen Tagen“ den ersten Brief nach Portugal geschickt hat, kann Columbus noch keine Mittheilung von demselben haben, selbst wenn der Brief direct an ihn selbst gerichtet wäre. Es soll dem Entdecker die Priorität des Gedankens gerettet worden. Andererseits wird der Zeitpunkt, in welchem dem Genuesen der Plan reifte, um wenigstens fünf Jahre zurückgerückt, aber leider in eine Zeit verlegt, welche mit dem angeblich früheren, ständigen Aufenthalte des Columbus in Portugal sich nur schwer vereinigen läßt, da sein Name in den Acten Genuas 1472, 1473 und 1476 erscheint. Wenn dadurch auch die Möglichkeit nicht ausgeschlossen ist, daß Columbus 1474 sich zu Lissabon aufgehalten, so doch sicher nur als Seemann vorübergehend, und es bleibt die Frage unerledigt, warum er sich nicht direct von Italien aus an den Physiker in Florenz gewandt. Zudem ist auffällig, daß, nach dem zweiten Briefe Toscanelli’s zu urtheilen, dieser Gelehrte nicht zu wissen scheint, daß Columbus ein Italiener ist. Er hält ihn vielmehr für einen Portugiesen, wie aus der Anspielung auf diese Nation hervorgeht. Wenn Columbus nun nach dieser Seite sich nicht deutlich ausgesprochen hat, ist der Schluß nicht unberechtigt, daß er bereits in Portugal seit mehreren Jahren ansässig gewesen und sich also gleichsam als Portugiese gefühlt habe, wie er ja auch in Spanien später seinen ganzen Namen umänderte. Dann aber fällt die Correspondenz mit Toscanelli bereits in den Anfang der achtziger Jahre,[170] was auch am besten zu dem ganzen Verlauf der Angelegenheit in Portugal stimmt.

Glücklicherweise ist von dem ausgezeichneten Forscher der ältesten amerikanischen Literatur, von Harrisse, eine von Columbus selbst geschriebene Copie des Toscanelli’schen Briefes an Martinz in der Colombinischen Bibliothek zu Sevilla aufgefunden und veröffentlicht. Ein Vergleich dieses lateinisch geschriebenen Briefes mit dem in der Vida del Almirante gegebenen Texte zeigt deutlich, daß auch dieses wichtige Document durch die Hand des Biographen des Entdeckers nicht unwesentliche Veränderungen erfahren hat.

Wegen seiner großen Bedeutung theilen wir den Brief vollständig mit.[171]

„Dem Canonicus Ferdinand Martinz zu Lissabon sendet der Physiker Paul (Toscanelli) seinen Gruß. Von deinem vertrauten Umgange mit Sr. Maj. dem Könige ist es mir um so angenehmer gewesen Kenntniß zu erhalten, als ich mit dir schon früher gesprochen habe über einen kürzeren Seeweg zu den Gewürzländern, als derjenige ist, welcher über Guinea führt. Der König wünscht nun von mir eine noch mehr durch den Augenschein überzeugende Erläuterung, so daß auch der minder Bewanderte diesen Weg begreifen und verstehen kann. Obgleich ich nun weiß, daß man dies an einer Kugel, welche die Erde vorstellt, zeigen könnte, so habe ich mich doch des leichteren Verständnisses und der geringen Mühe wegen, entschlossen, diesen Weg auf einer Seekarte zu erläutern. Ich sende also Sr. Majestät eine eigenhändig entworfene Karte, auf welcher eure Küsten und Inseln eingezeichnet sind, von denen der Weg, immer gegen Abend, beginnt, und die Orte, zu denen man gelangen muß, und wie weit man vom Pol oder vom Aequator abweichen muß, und durch einen wie großen Abstand, d. h. nach wie viel Meilen, man zu jenen Orten kommen muß, welche die größte Fülle von allen Gewürzen und Edelsteinen besitzen. Und wundert euch nicht darüber, daß ich daswestliches“ Gebiet nenne, wo die Gewürze sind, während es gewöhnlich als östliches bezeichnet wird, weil durch Seefahrten immer nach Westen jene Gegenden durch unterirdische (subterraneas) Fahrten gefunden werden, während sie zu Lande und auf dem oberen Wege immer nach Osten aufgesucht werden. Demnach zeigen die geraden in der Länge der Karte eingetragenen Linien den Abstand von Osten nach Westen, dagegen die transversalen Linien die Abstände von Süden nach Norden. Ich habe aber in der Karte verschiedene Orte eingetragen, zu denen ihr nach den genauern Nachrichten der Schifffahrten kommen könntet; sei es nun, daß man durch (widrige) Winde oder durch irgend einen andern Umstand anderswohin gelangte, als man erwartete, theils aber auch, um den Einwohnern zu zeigen, daß sie (die Seefahrer) bereits eine Kenntniß jenes Landes haben, was um so angenehmer sein muß. Es wohnen aber auf den Inseln nur Kaufleute. Es wird nämlich behauptet, daß dort eine so große Menge von Kauffahrteischiffern, wie sie auf der ganzen übrigen Welt nicht sind, sich in dem einen berühmtesten Hafen, Namens Zaiton finden. Man behauptet nämlich, daß in jenem Hafen jährlich 100 große Schiffe mit Pfeffer abgehen, ungerechnet die anderen Schiffe, welche andere Gewürze laden. Jenes Land ist sehr volkreich und sehr reich an Provinzen, Staaten und zahllosen Städten und steht unter einem Fürsten, welcher der Groß-Kan genannt wird, was so viel als König der Könige bedeutet. Sein Sitz und seine Residenz ist meistens in der Provinz Katay. Seine Vorfahren wünschten mit den Christen in Verkehr zu treten. Schon vor 200 Jahren schickten sie zum Papste und baten um mehrere Gelehrte, damit sie im Glauben unterrichtet würden; aber dieselben stießen unterwegs auf Hindernisse und kehrten wieder um. Auch zur Zeit des Papstes Eugen kam einer zu Eugen[172] und bestätigte das große Wohlwollen gegen die Christen; und ich habe selbst ein langes Gespräch mit ihm gehabt über vielerlei, über die Größe der königlichen Paläste und über die Größe der Flüsse in der Breite und wunderbaren Länge und über die Menge der Städte an den Ufern der Flüsse, daß an einem Flusse gegen 200 Städte erbaut sind und marmorne Brücken von großer Breite und Länge, welche allenthalben mit Säulen geziert sind. Dieses Land ist werth, von den Lateinern aufgesucht zu werden, nicht allein weil ungeheure Schätze von Gold, Silber und Edelsteinen aller Art von dort gewonnen werden können und von Gewürz, welches nie zu uns gebracht wird, sondern auch wegen der gelehrten Männer, Philosophen und erfahrenen Astrologen, und um zu erfahren, mit welchem Geschick und Geist dieses so mächtige und große Land regiert wird und auch Kriege geführt werden. Florenz, 25. Juni 1474.“

„Von Lissabon nach Westen in gerader Linie sind 26 Spatien in die Karte eingetragen, von denen jedes 250 Milliarien umfaßt, bis zu der sehr prächtigen und großen Stadt Quinsay. Dieselbe hat einen Umfang von 100 Milliarien und hat 10 Brücken und der Name bedeutet Stadt des Himmels,[173] und viel Wunderbares wird darüber berichtet von der Menge der Künstler und der Einkünfte. Dieser Abstand beträgt fast den dritten Theil der ganzen Erde. Jene Stadt liegt in der Provinz Mangi, in der Nachbarschaft der Provinz Katay, in welcher die Hauptstadt des Landesherrn liegt. Aber von der auch bekannten Insel Antilia zu der sehr berühmten Insel Cippangu sind 10 Spatien. Jene Insel nämlich ist sehr reich an Gold, Perlen und Edelsteinen, und mit purem Golde deckt man Tempel und Paläste. Und so muß man auf unbekannten aber nicht weiten Wegen den Raum des Meeres durchschneiden.“

Leider ist die Karte Toscanelli’s, welche Columbus auf seiner Reise bei sich hatte und welche später Las Casas in seinem Besitze hatte, nicht bis auf unsere Zeit erhalten. Um ein Bild von derselben zu gewinnen, muß man vor allem die von Toscanelli fixirten Abschnitte oder Spatien prüfen. Es ist besonders wichtig zu betonen, daß der florentinische Astronom nur ein Längenmaß, Milliarien, gebraucht und von diesen römischen Millien 250 auf ein Spatium rechnet. Humboldt[174] und Peschel[175] sind deshalb zu irrigen Resultaten gelangt, weil sie den lateinischen Originaltext des Toscanelli’schen Briefes noch nicht kannten und durch die in den spanischen und italienischen Uebersetzungen jenes Documents eingeschobenen und zum Theil wieder verschriebenen und entstellten Uebertragungen von Millien in Leguas zu falschen Schlüssen verleitet worden.


Gezeichnet von C. Opitz.

G. Grote’sche Verlagsbuchhandlung in Berlin.

Lith. Anst. v. J. G. Bach in Leipzig.

DIE OCEANISCHE SEITE DES BEHAIM’SCHEN GLOBUS VOM JAHRE 1492.

Das Original, im Durchmesser einen pariser Fuß und acht Zoll groß, befindet sich im Familienarchive der Freiherrn von Behaim in Nürnberg. Über die Geschichte der Entstehung des Globus siehe die Inschrift unter dem Circulus antarcticus, über dem nürnberger Wappen.


GRÖSSERE BILDANSICHT

Ausschnitte aus der obenstehenden Karte:


Die Angaben und Vorschriften Toscanelli’s für eine westliche Fahrt zu den Gewürzländern waren so bestimmt und zuversichtlich gegeben, daß Columbus dieselben nur zu adoptiren brauchte. Und daß er sich in diesem Sinne ausgesprochen hat, läßt sich aus der darauf folgenden Antwort Toscanelli’s erkennen. Da sind keine Zweifel zu beseitigen, keine dunklen Punkte mehr aufzuhellen, keine Fragen zu beantworten. Columbus hat sich bereit erklärt, die Idee Toscanelli’s zu verwirklichen und dieser versichert noch einmal, der Weg sei ganz sicher und führe zum Ziel: „Ich lobe eure Absicht,“ schreibt der Physiker, „nach Westen zu fahren und ich bin überzeugt, wie ihr auf meiner Karte bereits gesehen habt, daß der Weg, den ihr nehmen wollt, nicht so schwierig ist, als man denkt; im Gegentheil der Weg nach jenen Gegenden, welche ich eingezeichnet habe, ist ganz sicher. Ihr würdet keine Bedenken haben, wenn ihr, wie ich, mit vielen Personen verkehrt hättet, welche in jenen Ländern gewesen sind, und seid gewiß, mächtige Könige anzutreffen, viele volkreiche wohlhabende Städte und Provinzen zu finden, welche an jeder Art Edelsteinen Ueberfluß haben; und es wird die Könige und Fürsten, welche in jenen entfernten Ländern herrschen, hoch erfreuen, wenn man ihnen einen Weg bahnt, um mit den Christen in Verbindung zu treten und sich von denselben in der katholischen Religion und in allen Wissenschaften, welche wir besitzen, unterrichten zu lassen. Deshalb und wegen vieler anderen Ursachen wundere ich mich nicht, daß ihr so viel Muth zeigt wie auch die ganze portugiesische Nation, in welcher es immer Männer gegeben hat, die sich in allen Unternehmungen auszeichnen.“

Zwei Momente sind in diesem Schreiben noch beachtenswerth, einmal die besondere Bedeutung der Fahrt für die Verbreitung des Glaubens, auf welche Columbus selbst möglicherweise in seinem Brief angespielt hatte und sodann die Anerkennung des portugiesischen Unternehmungsgeistes. Toscanelli weiß offenbar nicht, daß Columbus Italiener ist, er hält ihn vielmehr für einen Portugiesen, und dieser hat über seine Heimat und sein Vaterland keine Mittheilung gemacht.


Wahrscheinlich im Jahre 1483 trat Columbus zuerst mit seinem Plane hervor. Der König Johann II. forderte darüber das Gutachten einer Commission ein, welche aus den bedeutendsten Gelehrten, Diego Ortiz, Bischof von Ceuta und Beichtvater des Königs, so wie aus den beiden königlichen Aerzten Rodrigo und Joseph bestand. Aber diese Räthe nahmen, wie Barros erzählt[176] die Reden des Genuesen für eitle Prahlerei und erklärten das ganze Project für Träumerei, welche nur in den Berichten Marco Polo’s ihren Grund habe. Und da auch der König sah, daß Columbus ein höchst fantastischer Schwätzer sei, so schenkte er ihm keinen Glauben. Und als bald darauf seine Gemahlin starb, verließ Columbus 1484 Portugal für immer, um in Spanien sein Glück zu versuchen. Man hat das Urtheil der Commission scharf getadelt wegen der rücksichtslosen Abweisung eines Unternehmens, welches noch im Laufe des nächsten Decenniums mit Erfolg gekrönt zu sein schien. Allein man darf nicht vergessen, daß die portugiesischen Ziele bestimmt nach einer andern Richtung wiesen und daß, wenn auch das Südende Afrikas noch nicht entdeckt war, doch die Erforschungen des Weges nach Indien nicht wieder auf einem ganz andern Wege begonnen werden konnten, nachdem man bereits so manchen Erfolg zu verzeichnen gehabt hatte. Es würde die Mittel des Reiches zersplittert haben. Dazu hatten die portugiesischen Räthe im Grunde Recht, den geringen Abstand der Westküste Europas von der Ostküste Asiens zu leugnen; und es ist nicht abzusehen, was aus dem Geschwader des Columbus geworden wäre, wenn er die wirkliche Breite des Weltmeers bis zu den Gestaden Chinas hätte durchmessen müssen.

Das später ausgesprengte Gerücht, der König Johann habe heimlich ein Schiff zur Westfahrt abgesendet, um den Plan des Columbus auszuführen, entbehrt jedes historischen Glaubens.

Auch in Spanien fand Columbus anfangs keinen günstigen Boden, aber er harrte, da sich allmählich die Aussichten günstiger zu gestalten schienen, jahrelang aus, bis die Zeitverhältnisse die Erfüllung seiner heißesten Wünsche, denen er von nun an sein ganzes Leben widmete, gestatteten.

4. Columbus in Spanien.

Es ist ein beachtenswerther Umstand, daß wir kein Porträt von Columbus besitzen, welches erwiesenermaßen als getreu bezeichnet werden darf. Daher weichen die Bildnisse, welche es von dem Entdecker der neuen Welt gibt, so außerordentlich von einander ab. Vielleicht liegt die Ursache darin, daß Columbus nur wenige Jahre sich der höchsten Gunst erfreute und bei seinem Tode unter seinen Zeitgenossen fast vergessen schien. Wenn man indeß die Schilderungen der Mitlebenden prüft, werden die beigegebenen Porträts wohl als die annähernd getreuesten zu erachten sein. Columbus war von hoher und kräftiger Gestalt, aber nach der Eigenthümlichkeit seines Kopfes und seiner Farbe hätte man ihn eher für einen Nordländer als für einen Italiener halten sollen. In dem länglichen, gerötheten, mit Sommersprossen bedeckten Gesichte leuchteten ein Paar hellblaue Augen; auch sein Kopfhaar war röthlich, ergraute aber frühzeitig, weshalb man ihn in der Regel für älter hielt, als er wirklich war. Die älteste Charakteristik verdanken wir dem Italiener Angelo Trivigiano,[177] welcher 1507 die Reiseberichte veröffentlichte. In der deutschen Uebersetzung des Jobst Ruchhamer vom Jahre 1508 lautet diese Darstellung, welche uns zugleich in die Unternehmung des Columbus einführen soll, folgendermaßen: