Beim Anbruch einer neuen Zeit richten wir unsern Blick wieder nach Osten, um eine längst verschollene Kunde, wie sie von fernen reichen Ländern in alter Zeit erklungen, aufs neue zu vernehmen. Die Herrschaft der Araber hatte anfangs den Kenntnissen im Abendlande von den Verhältnissen im Innern Asiens keine Förderung gewährt. Ums Jahr 1000 n. Chr. kannte man thatsächlich von ganz Asien kaum mehr als die heiligen Walfahrtstätten in Palästina, und begnügte sich auch damit. Die Araber ließen die frommen Pilger aus dem Westen gewähren, deren Wißbegierde in dem Rahmen religiöser Traditionen beschränkt blieb. Anders gestalteten sich die Verhältnisse, als Türken und Seldschucken Herren jener heiligen Stätten wurden und in Folge der Bedrückung der christlichen Waller eine gewaltige Bewegung durch Europa ging, welche die Kreuzzüge veranlaßte. Zwar haben dieselben unsere Kenntniß von Westasien nicht über Mesopotamien hinaus bereichert, aber die Berührung mit der arabischen Bildung weckte den Geist der Forschung wieder im Abendlande und trug so wenigstens mittelbar dazu bei, das entschwundene geographische Interesse neu zu beleben. Durch die Araber lernte man wieder die griechischen Schriftsteller, namentlich Aristoteles, kennen und die größten Geister des Abendlandes, Albertus Magnus († 1280) und Roger Bacon († 1292 oder 1294) wandten sich wieder dem Studium der Naturwissenschaften zu.
Den ersten directen Anstoß aber zu bedeutenden Reisen in bisher unbekannten Regionen gab die Bildung des mongolischen Weltreichs. Es war im Beginn des 13. Jahrhunderts, daß der kühne Häuptling Temudschin zahlreiche mongolische und tatarische Stämme der asiatischen Steppe unter seinem Scepter vereinigte und den Namen eines Großfürsten, „Tschingischan“, annahm. Der Name Khan bedeutet einfach „der Herr“ und wird allen tatarischen Häuptlingen beigelegt, mögen sie souverän sein oder nicht. In Indien bildet er noch jetzt den gewöhnlichen Zusatz zu den Namen der Mohammedaner aller Klassen. Ḳaán oder Châḳán (bei den byzantinischen Schriftstellern Χαγάνος) war dagegen der specielle Titel des höchsten mongolischen Fürsten; danach würde der Titel Temudschins richtiger als Tschingischagan bezeichnet werden müssen. In einem verheerenden Völkersturm, wie jener Erdtheil keinen zweiten gesehen und erlitten hat, lag binnen 20 Jahren fast ganz Asien zu seinen Füßen. Die Völkerflut nach Osten überschwemmte Tangut und Nordchina, die Kriegswoge nach Westen und Süden brach über Turan und Iran herein. Throne stürzten zusammen unter seiner unerhörten Wucht, volkreiche Städte verschwanden vom Erdboden, Millionen von Menschen verloren ihr Leben. Auch mit dem Tode Temudschins († 1227) kamen die aufgeregten Massen nicht zur Ruhe. Von den vier Söhnen des Großfürsten gelangte Okkodai zur obersten Nachfolge. Nach Westen drangen seine Heere durch die Ebenen Rußlands bis nach Schlesien vor, Moskau wurde erobert, Kiew ging in Flammen auf. Erst an den Sudeten brach sich die Sturmflut; aber in Westasien wurden Armenien, Kleinasien und Syrien überrannt, in Ostasien wurde Südchina unter der Regierung des Chagan Kublai eine Beute der Mongolen.
Die christlichen Kreuzfahrer, die mit immer weniger Aussicht auf Erfolg gegen die mohammedanischen Staaten in Kleinasien, Syrien und Aegypten um den Besitz des heiligen Landes gerungen hatten, sahen in den Mongolen einen willkommenen Helfer gegen den zähen Erzfeind ihres Glaubens. Sie nahmen aber auch mit besonderer Freude wahr, daß die neuen Weltstürmer aus Innerasien keineswegs den religiösen Fanatismus der Araber und Türken besaßen, sich vielmehr dem christlichen Glauben ebenso geneigt zeigten als der Lehre Mohammeds. Es liegt das schon in der wesentlich verschiedenen Rassenanlage der Mongolen und Semiten begründet.
Man kann sich in religiösen Dingen kein nüchterneres Volk denken als die Chinesen, während dagegen der Semite Westasiens, der Begründer des Monotheismus und leider auch des religiösen Fanatismus, auf religiösen Fundamenten sein geistiges Leben aufbaut. Die Glaubensglut des Islam übertrug sich auch auf türkische Stämme; aber nicht auf die Mongolen. Diese sahen nicht jeden Christen als solchen für einen Feind an. Sie ließen jeden in seinem Glauben gewähren.
Es gab wirklich Christen unter ihnen in nicht geringer Anzahl. Nicht blos, daß einzelne Gläubige mit den großen Völkerwellen vom heimischen Boden weit hinweg gespült worden waren; — trafen doch die Sendboten des Pabstes am Hofe der Chagane in Karakorum, südlich vom Baikal, Franzosen und Ungarn und begegnete dem Marco Polo sogar noch in China ein Deutscher; — nein, ganze Stämme des großen vielsprachigen Reiches neigten zum Christenthum und es wird von manchen Städten im fernen Osten berichtet, daß nestorianische Christen bis dahin ihren Glauben verbreitet. Als Christen galten die Kerai in N.-W. von China; als Nestorianer bezeichnet Rubruck den Stamm der Naiman am obern Irtysch. Viele Christen hatten sich sogar in dem Dienst und Gefolge der mongolischen Fürsten eine geachtete und einflußreiche Stellung errungen und, was besonders betont werden muß, die Großfürsten des Weltreichs selbst waren in die directe Berührung mit dem Christenthum durch eingegangene Ehen gebracht. Die Mongolenkaiser Kublai und sein Bruder Hulaku stammen von christlichen Müttern ab, deren Einfluß nicht zu unterschätzen ist. Gesandtschaften und Briefe gingen hin und her, es entspann sich ein freundschaftlicher Verkehr zwischen den Häuptern der Christenheit und den Chaganen, und mehr als einmal wurde das Interesse des Pabstes lebhaft durch die Aussicht auf ein segensreiches Arbeitsfeld von unermeßlicher Weite im fernen Morgenlande angeregt. Darf man unter solchen Umständen den Plan einer systematischen Missionsarbeit unter den Mongolen absolut verwerfen oder auch nur als gar zu sanguinisch bezeichnen?
artist. Inst., Leipzig-Reudnitz.
G. Grote’sche Verlagsbuchhandlung in Berlin.
Kartenskizze der
Mongolenstaaten im XIII. Jahrhundert.
zu
Sophus Ruge’s Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen.
Von
Henry Lange.
Vor allem zog aber mächtig die geheimnißvolle, halb in sagenhafte Züge gehüllte Gestalt eines großen Königs an, der im Abendlande allgemein unter dem Namen des Priesterkönigs oder Presbyter Johannes bekannt war, und der über ein durchaus christliches Volk herrschen sollte. Das eigenthümliche Dunkel, das über dieser Gestalt liegt, ist noch nicht völlig gelichtet; es scheint aber, als ob nach einander mehrere bedeutende historische Persönlichkeiten des Morgenlandes mit einander verschmolzen wären und nach einander für den Priesterkönig gegolten hätten.
Die erste Nachricht über ihn bringt der deutsche Geschichtsschreiber Otto von Freising, der Stiefbruder Kaiser Konrads III. Derselbe erzählt, er habe im Jahre 1145 in Viterbo den Bischof von Gabula (Jibal im nördlichen Syrien) getroffen, der unter Thränen von den Gefahren erzählt, welche seit dem Falle von Edessa die christliche Kirche bedrohe. Vor wenigen Jahren, erzählte der Bischof, sei im fernen Osten jenseit Armenien und Persien ein gewisser Johannes, Priester und König zugleich über ein nestorianisches Volk, aufgetreten, habe erst die medische Hauptstadt Egbatana erobert und dann die Samiardischen Bruderkönige, die in Persien und Medien herrschten, in dreitägiger Schlacht besiegt und sei weiter nach Westen gerückt, um der bedrängten Kirche in Jerusalem beizustehen. Aber der Tigris habe seinem Zuge Halt geboten und ihn zur Umkehr genöthigt.
Die hier erwähnten Ereignisse sind von Professor Bruun[20] auf Johann Orbelian (Ivané Orpel), den Großwürdenträger und siegreichen Feldherrn des georgischen Königs David gedeutet, der den Türken um 1123 oder 1124 die Stadt Ani in Armenien abgewann. — Das Geschlecht der Orbeliane besaß zwar in seinen außerordentlichen Privilegien fast königliche Macht und namentlich Johannes Orbelian war der Stolz der Georgier; allein seine Thaten sind doch nicht gewaltig und seine Stellung nicht unabhängig genug, um ihn kurzweg als Priesterkönig bezeichnen zu können, und der große blutige Sieg über die Samiardischen Brüder bleibt auch ohne entsprechenden Beleg. Die Identität des Priesters Johannes mit Johann Orbelian bleibt daher unerwiesen, wenn auch, abgesehen von dem zutreffenden Namen Johann und der Existenz eines christlichen Volkes und Fürsten, für diese Hypothese noch die Thatsachen sprechen, daß Groß-Armenien als der ferne Orient angesehen wurde und daß georgische Könige den Christen in Palästina mehrfach Hilfe zu bringen suchten.
Auf der andern Seite muß aber darauf hingewiesen werden, daß die christlichen Sendboten und Kaufleute, welche in Asien eindrangen, seit dem 13. Jahrhundert den Priesterkönig viel weiter im Osten suchten und an Armenien nicht dachten. Und in der That leiten auch die Nachrichten Ottos von Freising über die Nachbarländer Syriens hinaus. Den Kern der Untersuchung muß die verhängnißvolle Schlacht bilden, in welcher der Beherrscher Persiens unterlag. Es wird sich dabei zwar ergeben, daß in Ottos Berichte Irrthümer mit unterlaufen und andere dunkle Punkte, namentlich die angebliche Eroberung von Ekbatana und der Zug an den Tigris, unerledigt bleiben; allein das Endresultat fällt doch befriedigender aus als bei der ersten Hypothese.
Jene Niederlage nun der Perser, welche nach der Angabe des Bischofs von Gabula nur wenige Jahre vor 1145 erfolgte, fällt ins Jahr 1141. Etwa hundert Jahre früher hatten seldschuckische Sultane die Herrschaft in Persien gewonnen und ihre Macht bis Kleinasien und Aegypten ausgedehnt. Um 1105 theilte sich das große Reich in zwei Staaten unter den Brüdern Mohammed und Sandschar. Das sind die Samiardischen (richtiger Saniardischen) Brüder, nach dem mächtigeren und weit länger regierenden Sandschar (Saniard) benannt; denn Mohammed starb bereits 1118, Sandschar aber erst 1157. Sandschar behauptete als Sultan das Uebergewicht im Osten, während seine Neffen, die Söhne Mohammeds, von ihm abhängig wurden. Es ist demnach ungenau, wenn noch um 1145 Otto von Freising von Saniardischen Brüdern spricht.
Zu den von Persien abhängigen Staaten gehörte damals auch Chowaresmien am untern Amu-Darja; dieser Staat strebte nach Selbständigkeit. Der Sohn des dortigen Schahs Atsis war von Sandschar getödtet worden; aus Rache rief Atsis die sogenannten Karachitanen oder Khata zur Hilfe herbei.
Der älteste arabische Schriftsteller, welcher über diese Ereignisse berichtet, ist Ibn-el-Athir (1160–1233). Derselbe erzählt, Atsis habe, aufgebracht über die Ermordung seines Sohnes, zu den Khata gesandt, welche in Ma-vera-el-nahr (Transoxanien) wohnten, und in ihnen die Hoffnung auf Landgewinn erregt. Indem er ihnen die Sache sehr leicht vorstellte, reizte er sie, in Sandschars Reich einzufallen. Demzufolge brachen sie mit 300,000 Reitern auf, Sandschar ging ihnen mit seiner Armee entgegen und erlitt in der Nähe von Samarkand eine blutige Niederlage, in welcher 100,000 fielen, darunter 12,000 Vornehme und 4000 Weiber. Sandschar floh nach Balch.[21]
Diese Khata werden auch als ungläubige Türken bezeichnet. Ihren Anführer nennt der arabische Historiker einen Chinesen, dessen Titel Ku-chan, richtiger Kur-chan, war.
Mit zusammengerafften tatarischen und chinesischen Völkern war also dieser Heeresfürst im Westen erschienen und in die islamitischen Länder eingebrochen, wo er dem bisher stets siegreichen Sandschar den ersten empfindlichen Schlag versetzte.
Welche Bewandtniß es mit dieser Völkerbewegung hatte, erfahren wir aus chinesischen Quellen.
Ein wahrscheinlich zur Gruppe der Tungusen gehöriger Volksstamm in der Mandschurei, den die Chinesen Chitanen benannten, hatte sich im Laufe der Jahrhunderte aus rohen Zuständen allmählich zu einer gewissen Kultur emporgearbeitet und so gekräftigt einen Staat gebildet, der, die Nachbargebiete beherrschend, im Jahre 907 bereits über Nordchina hin bis zum Lop-nor reichte und bald darauf Nordchina selbst unterwarf. Dieses Reich der Chitanen wurde weiter im Westen unter dem Namen Khitai, Khathay bekannt und bestand bis zum Jahre 1123. Dann wurde es aus dem chinesischen Besitze wieder verdrängt. Der Vetter und Oberfeldherr des letzten Kaisers der Chitanen, Yeliutasche, gründete im Westen vom Lop-nor ein neues Reich, das sich durch glückliche Eroberungen über das Pamirhochland hinaus bis an den Oxus in West-Turkistan erstreckte, wo der Sohn des ersten Fürsten, Yeliuyliui († 1153) bei Samarkand den Sultan Sandschar im September 1141 besiegte. So rückte dieses Reich fast bis ans kaspische Meer vor und erscholl sein Name auch in Europa. Die Fürsten trugen den Titel Korchan oder Gurchan (woraus allmählich durch Umgestaltung Johannes wurde) und ihr neugegründetes Reich hieß das Reich der Karachitanen oder schwarzen Chitanen. Dort im Osten des kaspischen Meeres suchten die abendländischen Reisenden zuerst den Priesterkönig, und als man ihn nicht mehr vorfand, denn das Reich war schon 1215 von Temudschin zerstört, floh es vor dem suchenden Blick immer weiter nach Osten, bis man China selbst mit dem Namen Kithai oder Cathay, Cathaya belegte, und an dieser Benennung Jahrhunderte lang festhielt.
Rubruck und Marco Polo hielten den Fürsten „Ungchan“ der Keraiten in der östlichen Mongolei für den Johannes und verwechselten denselben mit Yeliutasche. Die Verwechselungen und Verschiebungen dieser mythischen Gestalt eines Priesterkönigs dauerten auch im 14. Jahrhundert weiter, wo man ihn in dem christlichen König von Habesch glaubte richtig entdeckt zu haben; im 15. Jahrhundert wurde er dort von Heinrich dem Seefahrer gesucht. Es gingen noch am Ende dieses und selbst im nächsten, im 16. Jahrhunderte, portugiesische Gesandte an den Priester Johannes ab. Im Abendlande hat man sich lange an dieser Erscheinung erbaut und fand etwas tröstliches darin, fern im Osten einen unbekannten, aber mächtigen Bundesgenossen sich vorzustellen, der den bedrängten Christen Hilfe bringen könne.
Der Plan, mit der mongolischen Welt direct in Verkehr zu treten, wurde zuerst vom Pabste Innocenz IV. auf dem Concil zu Lyon 1245 gefaßt. Er entschloß sich, zwei verschiedene geistliche Gesandtschaften nach dem Morgenlande abzuordnen. — Werfen wir zur Orientirung zunächst einen Blick auf die politische Gestaltung der mongolischen Staaten.
Nach Tschingischagans Tode verblieb die oberste Gewalt seinen Söhnen, einer unter ihnen empfing den Titel Kaan (Chagan), die andern hießen Chan. Das Weltreich zerfiel in vier Staaten.[22] Ostasien umfaßte das Gebiet des Kaan. Dazu gehörte China, Tibet, die östliche Mongolei und die Mandschurei. Die Residenz war Kaanbaligh, d. h. die Stadt des Kaan, jetzt Peking. Der Name wurde im Abendlande bald in Cambalich, bald in Kambalu verändert.
Westlich von diesem Staate lag auf beiden Seiten der Hochebene Pamir, also Theile von Ost- und West-Turkestan umfassend, das Reich Dschagataï oder das Reich der Mitte. Dasselbe erstreckte sich vom Altai bis zum westlichen Himalaja und obern Indus, schloß Afghanistan ein und reichte bis zum Amu-Darja im Südwesten. Die Hauptstadt Almalik lag am obern Iliflusse, der sich in den Balchasch ergießt, in der Nähe der heutigen Stadt Kuldscha. Noch weiter gegen Südwesten lag das persisch-medische Reich der Ilchane. Dasselbe umfaßte Persien, Armenien, Mesopotamien und Theile von Kleinasien; seine Hauptstadt war Tebris. Dieser Staatencomplex zerfiel am schnellsten. Den äußersten Westen nahm das Reich der goldnen Horde (Kiptschak) ein, welches sich über die Flachlandschaften Asiens und Europas ausbreitete und sich vom Westfluß des Altai durch die Kirgisensteppe über Südrußland bis an den Waldgürtel der Karpaten ausdehnte. Der Fürst residirte in Serai an der untern Wolga. Durch dieses Reich zogen die meisten abendländischen Gesandtschaften an den Hof der Mongolenkaane und gingen belebte Handelswege durch das Herz Asiens bis zum Ostrande der alten Welt. So bildete Kiptschak den willkommenen Vermittler zwischen Abend- und Morgenland.
Es war um die Mitte des 13. Jahrhunderts, als verschiedene Umstände den wohl schon früher gehegten Gedanken verwirklichen halfen, von Seiten des Abendlandes direct mit dem Weltreich der Mongolen in Verbindung zu treten. Zunächst war die asiatische Steppenmacht 1241 am weitesten nach Westen, bis nach Schlesien, also ins Herz Europas vorgedrungen. Dann traten in den nächsten Jahren wiederum die schwersten Bedrängnisse für den christlichen Besitz im heiligen Lande ein, indem von Osten her aus Turan türkische Söldnerschaaren vor den Mongolen zurückweichen mußten, über Syrien hereinbrachen und Jerusalem im Jahre 1244 eroberten.
In Folge dieser Ereignisse beschloß Pabst Innocenz IV. auf dem denkwürdigen Concil zu Lyon 1245 zwei Gesandtschaften auf verschiedenen Wegen ins Morgenland zu entsenden.
Man bezeichnete damals die Mongolen allgemein mit dem Namen Tartaren (richtiger Tataren) nach einem ihrer tapfersten Stämme, den Tata; ursprünglich verstand man darunter eine kleine Horde, welche zwischen dem Kuku-nor und den Quellen des Hwangho ihren Sitz hatte, und in Europa als die Avantgarde des Mongolenschwarms sich durch Verwüstung und Brand einen gefürchteten Namen gemacht hatte. Sie galten als eine Ausgeburt der Hölle, als dem Tartarus entlaufene Teufel und wurden demnach in doppelter Beziehung Tartaren genannt. Aber indem man dann alle ins christliche Abendland eingebrochenen turanischen und mongolischen Stämme unter dem einen Namen zusammenfaßte, hat man auf lange Zeit die ethnologischen Verhältnisse Asiens verwischt und durch diese falsche Auffassung eine wahre Völkerverwirrung herbeigeführt.
Zu diesen Tataren entsendete nun der Pabst zwei Botschaften, eine aus Dominikanern, die andere aus Franziskanern bestehend.
Beide brachen in demselben Jahre auf, die Dominikaner zogen der Richtung entgegen, aus welcher die türkischen Söldner über Syrien hergefallen und Jerusalem geplündert hatten; die andern durch die Steppen Rußlands und durch jenes große Völkerthor, aus welchem seit alter Zeit die beweglichen innerasiatischen Steppenhorden über die Kulturlandschaften des Westens ausgebrochen waren.
Beide Missionen zielten nach der Hauptstadt der Großchane, nach Karakorum, in der Nähe des Baikal. Die Dominikaner-Gesandtschaft bestand aus Ascelin, Simon von St. Quentin, Alexander und Albert, mit denen sich auf der Reise noch Andreas von Lonjumel und Guichard von Cremona verbanden. Ascelin ging mit seinen Gefährten über See nach Syrien und drang durch Mesopotamien und Persien bis an die Grenze von Chowaresmien vor. Dort traf er mit dem Mongolengeneral Batschu zusammen und wandte sich dann zur Rückkehr, so daß die ganze Reise nur 59 Tage währte. Alles was wir über diesen Zug wissen, beschränkt sich auf die Mittheilungen, welche der berühmte Vincentius von Beauvais, nach den Aussagen des Simon von St. Quentin, in sein Speculum historiale aufgenommen hat. Für die Erdkunde ist wenig Gewinn daraus geflossen.
Nur das Eine wissen wir, daß Andreas von Lonjumel seine Wanderung weiter fortsetzte und um 1248 oder 1249 wirklich nach Karakorum gelangt ist.
Die Franziskaner-Gesandtschaft bestand aus Laurentius von Portugal, Benedict von Polen und Giovanni Piano di Carpine (in französischer Form: Plan Carpin). Von letzterem rührt der ausführliche Reisebericht. Sie erhielten den Auftrag, durch Mitteleuropa zum Batuchan, dem Fürsten von Kiptschak zu gehen und auf ihrem Weiterzuge möglichst viel Erkundigung über die asiatischen Völker, namentlich über die Tataren einzuziehen. Ihr Creditiv war am 5. März 1245 in Lyon ausgestellt. Am Ostersonntage verließen sie diese Stadt und reisten in einem weiten nördlichen Bogen über Troyes, Lüttich, Cöln, Dresden nach Prag, besuchten den König Wenzel von Böhmen, der sich bei dem Herrannahen der Mongolen 1241 so außerordentlich thätig und umsichtig bewiesen und alle Nachbarfürsten rechtzeitig auf die drohende Gefahr aufmerksam gemacht hatte. Er konnte gewiß schon mancherlei Auskunft ertheilen. Von Prag wandten sie sich nach Breslau, wo Benedict sich mit ihnen vereinigte und gingen über Krakau nach Kijew.
Von hier zogen sie sich den Dnjepr hinab nach Canove (Kaniew) und erreichten daselbst die Grenze des Tatarenreiches, durch welches sie zum Hauptquartier Batuchans nach der Wolga weiter zogen. Hierbei lernen wir von ihnen die modernen Namen jener großen Ströme Nepere (Dnjepr), Don, Wolga und Jaik (Ural) kennen.
Batu versah sie mit sicherem Geleite nach der Hauptstadt Karakorum. Diese Reise nahm 3½ Monate in Anspruch und dauerte bis zum 22. Juli. Dabei machten sie die Bekanntschaft der Kangiten oder Kanglen (Petschenegen) östlich vom Uralflusse, ritten durch die Kirgisensteppen, berührten Omyl, eine von den Karachitanen gegründete Stadt, welche östlich vom Balchaschsee am Steppenflusse Emyl oder Jemil lag, der sich in den Alakul ergießt. Von hier wandten sie sich zum Kysylbasch oder Ulungursee, an dem zu jener Zeit die Naimanhorde ihre Weideplätze besaß, und erreichten Ende Juli die Residenz des Chagan, welcher damals ½ Tagereise von Karakorum weilte. Sie trafen zu einer sehr bewegten Zeit dort ein, Kuyuk, der Sohn Okkodais, war zum Großfürsten ausgerufen und aus ganz Asien trafen die Abgeordneten der dem Weltreich einverleibten Völker und Stämme, sowie der benachbarten Fürsten ein. Es waren an 4000 Gesandte zugegen, welche dem neuen Herrn ihre Huldigungen darbrachten und Tribut zahlten. Es war also für Piano di Carpine und seine Gefährten eine sehr günstige Gelegenheit, von allen Seiten Erkundigungen einzuziehen, aber Irrthum und Wahrheit mischen sich in seiner Darstellung ineinander; verwechselte er doch selbst das schwarze und kaspische Meer. Hier lernten die Missionare auch zuerst Chinesen kennen, welche ihnen ein mongolenähnliches Gesicht zeigten, wenn dasselbe auch nicht so breit war wie bei den Mongolen. Piano gedenkt in rühmlicher Erwähnung der guten Sitten der Chinesen und der Geschicklichkeit ihrer Handwerker.
Im Frühling des nächsten Jahres kehrten sie ziemlich auf demselben Wege zurück, trafen im Mai wieder bei Batuchan ein und vollendeten über Kijew ihre Reise nach Lyon. Piano di Carpine erstattete ausführlichen Bericht über die Sitten und Lebensweise der Tataren, über ihren Cultus und Staatsorganismus. Seine Mittheilungen werden ergänzt und vervollständigt durch die Angaben, welche nach den Erzählungen seines Genossen Benedict von Polen niedergeschrieben wurden. Die ganze Reise hatte etwa zwei Jahre gedauert.
Um dieselbe Zeit machten auch mehrere Mitglieder des königlichen Hauses von Armenien bedeutende Reisen nach dem innern Hochlande von Asien. Das damals noch selbständige Königreich von Klein-Armenien war, von den Seldschucken in Kleinasien und den ägyptischen Ehubiden eingeengt, auf den östlichen Theil der Südküste Kleinasiens beschränkt. Der König Hayton oder Hethum I. beschloß, um sich mit der immer näher drohenden mongolischen Macht friedlich abzufinden, seinen Bruder Sempad oder Sinibald abzusenden, um den Großchan Kuyuk bei seiner Thronbesteigung ebenfalls zu begrüßen. Prinz Sempad war vier Jahre unterwegs. Ein Brief von ihm, wahrscheinlich von Samarkand aus an den König von Cypern gerichtet, ist uns erhalten. Darin wird erzählt, daß die mongolische Macht sich schon über fast ganz Asien ausgedehnt habe, und daß verschiedene Chane in Indien und China (Chata), in Kaschgar und Tauchat (Tangut) herrschen. Dieses letztere Land hielt Sempad für dasjenige, aus dem die drei Könige des Morgenlandes nach Bethlehem gekommen seien, um das Christkind anzubeten.
Acht Jahre später, 1254, machte sich König Hayton selbst auf den Weg, und brachte dem Nachfolger Kuyuks, Mangkukaan zu seiner Thronbesteigung seine Glückwünsche dar, um sich auch ferner ein gutes Einvernehmen mit den Mongolen zu sichern. Hayton schlug den Weg durch Kleinasien und Armenien ein, besuchte erst den mongolischen Heerführer Batschu (Batschu Noian) in Kars, wandte sich dann zum kaspischen Meere, umging den Kaukasus durch den Paß von Derbend und traf mit Batu und seinem Sohne Sartasch an der Wolga zusammen. Von hier nahm der König einen etwas nördlicheren Weg als Piano di Carpine und der Sendling Ludwig des Heiligen, Rubruck, der mit ihm in demselben Jahre die weite Steppenreise nach Karakorum vollendete. In der mongolischen Residenz, wohin er am 13. September gelangte, ward ihm eine ehrenvolle Aufnahme zu Theil; nach einem Aufenthalte von 6 Wochen nahm er am 1. Nov. Abschied und kehrte auf dem südlichen Wege durch die Dsungarei, über Otrar, Samarkand und Bochara und weiter durch Nordpersien und Armenien in seine Heimat zurück. Hayton weiß manches Interessante über die Völker Ostasiens zu berichten, natürlich stehen die Chinesen (Chataier) in erster Reihe. Von ihrem Cultus weiß er, daß sie ein Götzenbild, namens Schakemonia (Sakya-Muni), d. h. also Buddha anbeten.
Endlich haben wir hier noch eines dritten Mitgliedes der königlichen Familie zu gedenken, des Prinzen Hayton von Gorigos, der auch durch politische und kriegerische Verhältnisse weit nach Osten geführt wurde, später nach einem bewegten Leben sich in ein Kloster auf Cypern zurückzog und von hier aus als Mönch dem Pabste Clemens V. in Avignon einen Besuch abstattete. Der Pabst verlieh ihm die Prämonstratenser Abtei in Poitiers. Dort dictirte er dem Nicolaus Salconi eine Geographie von Asien und eine Geschichte der Mongolenfürsten in französischer Sprache, worauf Salconi dieselbe 1307 ins Lateinische übersetzte. Es ist die erste systematische Geographie von Asien, die wir aus dem Mittelalter besitzen; und da dieselbe im Abendlande niedergeschrieben war, fand sie bald weitere Verbreitung, namentlich in den Klöstern, wo man sich für die Thaten der Ordensbrüder lebhaft interessirte. Der prinzliche Mönch beginnt mit China. Dieses erste Capitel darf als das wichtigste bezeichnet werden, wenn auch die Züge der Darstellung allgemein gehalten sind. Cathai ist danach das größte Reich der Welt, voll Volks und voll Reichthums und liegt am Gestade des Oceans, welcher mit unzähligen Inseln besäet ist. Die Chinesen sind überaus geschickt und verachten alle andern Nationen, welche an Kunstfertigkeit ihnen nachstehen. Darum behaupten sie auch, sie allein hätten zwei Augen, die Lateiner, das heißt die Völker des Abendlandes, besäßen nur ein Auge und alle andern Nationen seien blind. Ihre Geschicklichkeit ist ganz erstaunlich und die Erzeugnisse ihres Gewerbfleißes sind bewunderungswürdig. Die Cathaier haben kleine Augen und von Natur keinen Bart. Ihre Schrift hat Hayton nicht verstanden, denn er meint, die chinesischen Buchstaben kämen an Schönheit der lateinischen Schrift gleich. Besser ist sein Urtheil über das religiöse Leben; treffend bemerkt er, die Chinesen hätten kein Verständniß für geistliche Dinge. Auch ihre Tapferkeit kann er nicht rühmen. Merkwürdig ist das Papiergeld, das mit dem rothen kaiserlichen Stempel versehen, überall im Lande cursirt und wenn es abgenutzt ist, in der Staatsbank gegen neues Papier eingewechselt wird.
Westlich von China liegt das Reich Tarse. Da dasselbe als von Uiguren bewohnt bezeichnet wird, so läßt sich die Localität mit ziemlicher Gewißheit angeben, wenn der Name auch noch nicht befriedigend erklärt ist. Tarse liegt zwischen China und Turkestan, demnach im Gebiet des Tarim. Hayton kennt die eigenthümliche uigurische Schrift, welche bei den Chinesen bereits seit dem 6. Jahrhundert Erwähnung gefunden, bewundert die großen Tempel im Lande und rühmt die Städte und die Fülle des Getreides. Weiter westwärts folgt das Hirtenland Turkestan und die von Wüsten umgebene Oase Chorasmien (Chiwa); sodann wird das kaspische Meer für den größten Landsee der Welt erklärt und ausdrücklich hervorgehoben, daß dasselbe keine Verbindung mit dem Ocean habe. Das Hauptland im südlichen Asien ist Indien; die dazu gehörigen Inseln sind reich an Edelgestein, Gold, Perlen und Specereien, besonders reich ist die Insel Selan (Ceylon).
Die Halbinselgestalt des Landes wird richtig angedeutet, auch ist dem Armenier bekannt, daß im südlichen Indien schwarze Menschen (Dravida) leben. Combaech (Cambaya) gilt als bedeutender Handelsplatz.
Auf die westlichen Länder Asiens richten wir den Blick nicht weiter; es genügt, zu zeigen, daß sich der Osten der alten Welt wenigstens in allgemeinen Zügen wieder zu entschleiern begann.
Bedeutender als alle bisher geschilderten Missionen war die Entsendung des Franziskaners Wilhelm Rubruck nach Karakorum. Zwar wurden die bereits betretenen Gebiete wiederum durchstreift und somit räumlich keine namhafte Erweiterung der Erdkunde erzielt; allein der Werth liegt hier in dem vortrefflichen Reiseberichte, der an Schärfe der Beobachtung, Sicherheit des Urtheils und Treue der Darstellung, unbeirrt durch falsche Vorstellungen oder Vorurtheile, als die vollendetste Leistung mittelalterlicher Reiseberichte zu bezeichnen ist.
Die Veranlassung zu dieser erneuten Botschaft an den Hof der Mongolenfürsten gab der Kreuzzug Ludwig des Heiligen 1248–1254. Nach dem verhängnißvollen Feldzuge gegen Aegypten hatte sich der französische König nach Palästina gewendet. Hier beschloß er zwei Gesandtschaften zum Großchan abzuordnen, die auf verschiedenen Wegen durch Armenien, Persien und Turan einerseits und durch Südrußland und die Kirgisensteppe andererseits demselben Ziele zusteuerten. Die erste Sendung führte der Ordensbruder Andreas, von dessen Reise sich leider kein Bericht erhalten hat, die zweite ging unter Rubruck und Bartholomäus von Cremona ab.
Wilhelm von Rubruck (Ruysbruck, Rubruquis), gebürtig aus dem Dorfe Rubruck im Departement du Nord in Nordfrankreich, erhielt die Leitung und empfing die königlichen Briefe zu St. Jean d’Acre. Zunächst sollte er den tatarischen Fürsten Sartasch, der mit seiner Horde diesseits der Wolga lagerte, aufsuchen. In Palästina ging damals die Rede, Sartasch sei Christ. Ludwig der Heilige sprach in seinem Briefe den Wunsch aus, die Lehre Christi weiter in Asien verbreitet zu sehen. Rubruck schiffte sich im Frühling 1253 in St. Jean d’Acre ein nach Konstantinopel, segelte über das schwarze Meer und landete im Hafen Soldaia (jetzt Sudak) an der Südküste der Krim, südwestlich von Kaffa. Das war der gewöhnliche Ausgangspunkt abendländischer Kaufleute, welche mit den unter mongolischer Herrschaft stehenden Ländern verkehrten. Hier bot sich darum die beste Gelegenheit, die geeigneten Vorbereitungen zu einer längeren Steppenreise zu treffen. Auf Anrathen der Kaufleute kaufte sich Rubruck hier vier von Ochsen gezogene, gedeckte Reisewagen für sein Gepäck, für Vorräthe und Geschenke. Auf diese Weise, hieß es, sei er der Mühe überhoben, die Lastthiere alle Morgen beladen und alle Abend entlasten zu müssen. Allerdings erforderte auf diese Art die Reise die doppelte Zeit, um nach Sartasch zu kommen, nämlich zwei Monate statt eines.
Am 1. Juni brach die Karawane auf, die Reisenden selbst mit ihren Dienern zu Pferde, unter den letzteren ein Turkomane als Dolmetscher.
Eine Wahrnehmung, welche Rubruck noch an der Südküste der Krim machte, hat ethnologisches Interesse. Damals lebten an jenem malerischen Strande noch Gothen, welche auch ihre Sprache noch beibehalten hatten. Rubruck selbst, von der Grenze germanischer Zunge stammend, hat sicher ganz recht gehört, wenn er die Sprache jener Gothen teutonisch nennt. Der germanische Laut scheint erst im 18. Jahrhundert dort gänzlich verstummt zu sein. Ueber das wald- und wasserreiche Gebirge und eine weite Steppe kamen die Sendboten des heiligen Ludwig in 5 Tagen zur Landenge von Perekop. In der Steppe erschienen die ersten Tataren. Ihre Lebensweise, die Einrichtung der Zelte, die Theilung der Arbeit zwischen Männern und Frauen werden genau beschrieben. Wir lernen als Lieblingsgetränk der Nomaden den Reisbranntwein und Cosmos (Kumis) kennen. Trachten, Sitten und Gebräuche werden eingehend geschildert und geben ein gelungenes ethnologisches Gemälde. Die Fahrt ging weiter ums asowsche Meer herum über ein tafelgleiches Land, ohne Wald, ohne Berg, aber dicht begrünt. Der Don gilt unserm Gewährsmann noch als die Grenze zwischen Asien und Europa. Der Strom war an der Fähre etwa so breit, wie die Seine bei Paris. Von hier bis zur Wolga rechnete man 10 starke Tagereisen. Am letzten Juli langten sie in der Residenz des Sartasch an. Weiter nach Norden war das Land waldreich und von Flüssen durchzogen. Dort wohnte in Holzhäusern das Volk der Moxel oder Maxel und noch weiter nordwärts die Merdas (Mordwinen).
Das Lager des Sartasch lag damals nach drei Tagereisen diesseit der Wolga. Hier hörte Rubruck schon die Sage vom Priesterkönig Johannes, den er in der Gestalt des Bruders des Unkchan der Naimanhorde zu erkennen glaubt. Von Sartasch zogen sie weiter zur Wolga; dieselbe erschien 4mal so breit als die Seine bei Paris. Rubruck erfuhr, daß der Strom sich nicht in den Ocean, sondern in das Meer von Sirsan (Dschorschan) d. i. das kaspische Meer ergieße. Unter letzterem Namen, fügt Rubruck hinzu, kennt es Isidor von Sevilla. Isidor galt also im 13. Jahrhundert noch als geographische Autorität.
Es ist für die Geschichte der Erdkunde von Bedeutung, daß Rubruck mit großer Sicherheit einen Irrthum Isidors berichtet, wonach das kaspische Meer ein Meerbusen des nördlichen Eismeers sein solle, ein Irrthum, dem bekanntlich im Alterthum alle Geographen zwischen Aristoteles und Ptolemäus, also auch Strabo, verfallen waren. „Bruder Andreas hat zwei Seiten dieses Meeres umzogen, im Osten und Süden, und ich habe die beiden andern Ufer umwandert,“ setzt Rubruck hinzu, um seine Ansicht zu erhärten. Auch gibt er getreu die umwohnenden Völker an, erwähnt, daß man im O., S. und W. Gebirge finde, nur im Norden nicht; und trotzdem konnte der alte Wahn von der Meerbusengestalt dieses Sees sich noch bis in den Anfang des 18. Jahrhunderts wieder beleben.
Der Hof und das Lager Batuchans machte auf die Reisenden den Eindruck einer großen Stadt, da sich die Zelte der Tataren einige Meilen weit hinzogen. Bei der Audienz, die ihnen Batu gewährte, verlangten die Hofleute, die Mönche sollten, wie es alle Gesandten zu thun pflegten, die Knie beugen. Trotzdem traten sie aufrechten Ganges ein und sangen das Miserere. Als man ihnen aber alles Ernstes bedeutete, sie hätten niederzuknien, folgten sie zwar dem Gebote, um weiter keine Schwierigkeiten zu bereiten, brauchten aber die List, statt mit einer Anrede an Batu mit einem Gebete zu beginnen, so daß sie sich einreden durften, sie hätten sich vor Gott, aber nicht vor Menschen gebeugt. Danach hieß der Mongole sie aufstehen, fragte nach dem Zwecke ihrer Reise und ließ ihnen zum Zeichen seiner besonderen Gunst Milch zu trinken reichen. Dann erhielten sie die Erlaubniß mitzuziehen, denn Batu brach sein Lager bald ab und zog nomadisirend 5 Wochen an der Wolga hin. Erst am 16. September erfolgte ihr neuer Aufbruch nach Osten. Ihre Priesterornate ließen sie zurück und kleideten sich für die winterliche Reise in die landesübliche Pelztracht. Auch die Wagen blieben zurück und die Weiterreise wurde zu Pferde gemacht. Nach zwölf Tagen kamen sie von der Wolga an den Fluß Jagat (Jaik, i. e. Ural), welcher im Norden, im Lande der Pascatir (Baschkiren) entspringt. Dieses Volk redete die nämliche Sprache wie die Ungarn. Diese und andere Mittheilungen erhielt Rubruck von Predigermönchen, die bis zu diesem Hirtenvolke vorgedrungen waren. Täglich wurde nun eine Strecke zurückgelegt, wie zwischen Paris und Orleans, zuweilen auch noch mehr; denn sie erhielten gute Pferde und wechselten dieselben wohl auch, wenn sie ein Lager trafen, zwei bis drei Mal. Dafür mußte der officielle Begleiter sorgen, den ihnen Batu mitgegeben hatte; für Rubruck suchte man stets das stärkste Reitthier aus, weil er sehr schwer und wohlbeleibt war. „Was wir da an Hunger und Durst, Kälte und Erschöpfung gelitten haben,“ ruft er aus, „läßt sich nicht beschreiben. Nur des Abends gab es eine ordentliche Mahlzeit, am Morgen dagegen nur Hirse und Milch.“ Und trotz alledem fasteten die beiden Geistlichen noch alle Freitage bis zur Nacht.
Die Natur des Landes blieb sich lange Zeit gleich, immer derselbe Steppenboden, nur hie und da an den Flußrändern von kleinen Gehölzen unterbrochen.
Am Tage vor Allerheiligen schlug man eine südliche Richtung und ritt 8 Tage durch hohe Gebirge. Der Winter hatte schon seit Michaelis seinen Einzug gehalten, und sie reisten immer nur über Eis.
Aus den allgemein gehaltenen Angaben der Reiseroute dürfen wir schließen, daß der Weg durch die Kirghisensteppe nach Südosten führte und daß man vom östlichen Ufer des Sir Darja, den man nicht zu Gesicht bekam, den Karatau überstieg und in das Thal des Talas gelangte. Hier lag in der gut bewässerten und gartenähnlich angebauten Ebene damals der mohammedanische Ort Kenschak, wo sie nach Landessitte von dem Haupte der Stadt als Abgesandte Batus empfangen wurden. Nach der Stadt Talas selbst kamen sie nicht, dieselbe lag weiter südlich und sollte, nach eingezogenen Erkundigungen, noch aus Deutschland fortgeschleppte Gefangene bergen.
Jenseits Talas begann das Reich Mangkukaans. Nachdem noch ein Gebirge überstiegen war, kamen sie wieder in eine große Thalebene; über den Tschu mußten sie in Böten übersetzen und betraten darauf die von persisch redenden Mohammedanern (also von Tädschick) bewohnte Stadt Equius, welche dem heutigen Tokmak gegenüber gelegen haben wird. Dann wurden die Ausläufer der südlichen Hochgebirge, die Mainakkette, traversirt und es folgte das dritte Thalbecken, das des Ili-Flusses. Die von vielen Bächen durchzogene Ebene war im Norden von einem großen See (dem Balchaschsee) begrenzt. Hier in dieser fruchtbaren Ebene erhoben sich einst zahlreiche Ortschaften, aber sie waren durch die Mongolen größtentheils zerstört, welche die Triften nur als Weidegrund benutzten. In Cailac (Kayalik der mongolischen Schriftsteller, wahrscheinlich nahe bei Kopal, am Fuße des Dsungarischen Alatau) war den Reisenden endlich eine Rast von 12 Tagen gegönnt. Am St. Andreastage, 30. Nov., brachen sie wieder auf, wurden am Alakul von einem jener furchtbaren Winterstürme, welche über die Steppen fegen, überfallen, zogen wahrscheinlich über das Tarbagataigebirge weiter ins Thal des obern Irtysch und von da am Dsabgan aufwärts. Der Weg wurde öder, mühsamer, die Gegend steril, das Futter für die Thiere seltener. Die einzige Bevölkerung der mongolischen Hochebene bestand hier aus den an der großen Weglinie stationirten Leuten, welche für die Weiterbeförderung der Gesandten und fürstlichen Boten zu sorgen hatten. Am 26. December trafen sie in einer meergleichen Ebene auf das Lager Mangkukaans, am 4. Januar 1255 hatten sie die erste Audienz beim Großfürsten. Auch hier wieder begegneten sie noch einzelnen Europäern, die von der großen mongolischen Flut bis in diese entfernten Lande verschlagen waren: so einer aus Metz gebürtigen Frau, die aus Ungarn geraubt, sich hier mit einem russischen Handwerker verheiratet hatte, und einen geschickten Goldschmied, Wilhelm Buchier aus Paris.
Am Sonntag vor Himmelfahrt kamen sie mit der Wanderhorde zur Residenz Karakorum. Dieselbe machte, mit Ausnahme des Palastes, nur einen unbedeutenden Eindruck; Ort und Kloster St. Denis bei Paris erschien im Vergleich mit Karakorum, weitaus bedeutender. Doch gab es 12 Götzentempel, 2 Moscheen und eine Kirche, ein Zeichen der religiösen Indifferenz der Mongolen. Tataren, Sarazenen und Chinesen waren in der von einem Erdwall umgebenen Stadt ansässig.
Facsimile der drei ersten Zeilen des uigurisch geschriebenen Briefes von Argunchan an Philipp den Schönen; 1289. (Im Archive von Paris.)
(Die schraffirten Zeichen des chinesischen Siegels sind im Original von rother Farbe.)
Mangku übergab den Priestern ein Antwortschreiben an den König von Frankreich. Er bezeichnete sich darin als den Herrn der Erde an Gottes Statt und forderte die Franzosen auf, ihm zu huldigen, wenn sie vor ihm in Frieden leben wollten.
Bartholomäus von Cremona mußte dort bleiben, es gab ja auch in Karakorum eine kleine christliche Gemeinde und die Franziskaner hatten Gelegenheit gehabt, sechs Seelen zu taufen, darunter befanden sich drei Kinder eines armen Deutschen.
Im Sommer 1255 kehrte Rubruck mit dem Dolmetscher allein zurück. Sie schlugen diesmal einen etwas nördlicheren Weg ein, so daß der Balchaschsee ihnen zur rechten Hand blieb, berührten nicht eine einzige Stadt und vollendeten die Reise bis zu Batuchan in zwei Monaten und sechs Tagen. Einen ganzen Monat zogen sie dann mit der Wanderhorde Batus umher, ehe sie einen Führer erhielten, und konnten erst 14 Tage vor Allerheiligen, also in der Mitte des October nach Sarai aufbrechen. Zu Schiffe setzten sie dort über die Wolga und wandten sich dann nach Süden um das westliche Ufer des kaspischen Sees herum nach dem Gebirge der Alanen, d. h. nach dem Kaukasus. Durch das eiserne Thor von Derbend, das Hochgebirge zur Rechten lassend, kam Rubruck über Schemacha in die Mogansteppe, überschritt den Kur am Einflusse des Aras und zog an diesem Strome aufwärts nach Naxua (Nachitschewan) und am Ararat vorbei nach Etschmiadzin. Der durch die Sündflutsage ehrwürdige Berg mit seinem Doppelgipfel hat von jeher auf die christlichen Reisenden einen gewaltigen Eindruck gemacht. Auch Rubruck weiß den Legendenkranz um ein Blatt zu vermehren. Viele Reisende haben den Berg zu ersteigen gesucht, aber stets vergebens. Nun hatte auch ein Mönch in dem nahen Kloster ein heftiges Verlangen, den Gipfel zu erreichen, um womöglich die Arche Noah zu entdecken, welche nach dem allgemeinen Glauben noch auf der Höhe des Gebirges liegen sollte. Da aber ein menschlicher Fuß diese weihevolle Stätte nicht betreten durfte, so habe ein Engel dem frommen Mönche ein Stück von dem Holze der Arche herabgebracht. Dieses Holz sah Rubruck als besonders werthvolle Reliquie im Kloster aufbewahrt. Bekanntlich wird dasselbe gegenwärtig noch gezeigt.
Von Etschmiadzin ging die Wanderung weiter über Ani, die alte, 1319 durch ein Erdbeben zerstörte armenische Königsstadt am Arpatschai, einem Nebenflusse des Aras, und über Ersirum am Euphratthale hinab nach Ersingan und Kamach, einer von der Natur gebildeten Felsenburg, nach Sebaste (Siwas), Cäsarea (Kaisarie) und Iconium. Hier traf Rubruck einen genuesischen Kaufmann, in dessen Begleitung er nach Süden zur Küste wanderte und im kleinen Hafenorte Kurch, dem westlichsten Orte des Königreichs Armenien, das mittelländische Meer erreichte. Ueber Cypern, Antiochia und Tripolis vollendete Rubruck seine mühevolle mehrjährige Reise nach dem Kloster in Akkon, wo er um Pfingsten 1256 anlangte.
Vergleicht man die Reiselinie Rubrucks mit derjenigen Piano’s, so scheint der Gewinn für die Erdkunde nicht sehr wesentlich; allein wir müssen die Erkundigungen und Beobachtungen mit berücksichtigen, wenn wir dem Verdienst Rubrucks vollständig gerecht werden wollen. Zunächst die Erscheinungen der physischen Geographie. Von dem Augenblicke an, wo er den Uralfluß überschritten hatte, traf er auf keinen Fluß mehr, welcher, wie Don, Wolga, Ural die südliche Richtung einschlug. Seitdem der Karatau überstiegen war, folgten die Flußläufe in ununterbrochener Folge der Richtung nach Nordwest: Talas, Tschu, Ili, Irtysch u. s. w. bis nach Karakorum. Der Weg führte über eine Reihe von Gebirgsketten und dann wieder eine Zeitlang an den Flüssen aufwärts: aus alledem schloß Rubruck mit Recht, daß Asien nach Osten, oder genauer nach Südosten, sich zu einem mächtigen Hochlande erhebe. Es ist dies im Mittelalter die erste Andeutung der Erkenntniß des innerasiatischen Plateaus. Im Gegensatz zu den furchtbaren Schneestürmen in der niedrigen turanischen Steppe, verlief auf dem Hochlande von Karakorum der Winter ohne Stürme, aber der Frost, mit wenig Schnee, dauerte bis in den Mai.
Durch sorgfältige Erkundigungen war Rubruck ferner in den Stand gesetzt, die Länder- und Völkergruppirungen in einem großen Theile Asiens in allgemeinen Zügen anzugeben. Nordwärts drang sein forschender Blick im europäischen Tieflande bis zu den Wohnsitzen der Russen, Wolgabulgaren und Baschkiren und weiter östlich in Sibirien bis zu den Kirghisen, die damals zwischen der oberen Tunguska und dem Jenisseï saßen. Er weiß von den polaren Völkern, daß sie mit Hundeschlitten und Schneeschuhen fahren, daß wegen der Kälte die mächtigen Schneemassen nicht mehr schmelzen; aber das Ende des Polarlandes im Norden, die Begrenzung Nordasiens durch ein Eismeer kennt er nicht. Dagegen gibt er mit Bestimmtheit an, daß Cathai gegen Osten an das Weltmeer reicht. Die Wohnsitze der Caule (Kaoli, Korea) und Manse (Mantschu) hält er aber noch für Inseln. Er spricht die Vermuthung aus, daß die Serer des Alterthums identisch seien mit den Cathaiern und charakterisirt ihre mit einem Pinsel gemalte Schrift unter allen Reisenden jener Zeit am treffendsten, wenn er sagt, ein einziges Schriftzeichen begreife mehrere Buchstaben in sich und drücke ein ganzes Wort aus, bei der Aussprache habe das Chinesische einen näselnden Ton. Auch die Schreibweise der Tibetaner, Tanguten, Uiguren faßt er in ihrem Unterschiede von der abendländischen Schrift richtig auf. Ueber den Glauben, die Sitten und Gebräuche dieser Völker fließen seine Beobachtungen mit ein, wie er auch der Zucht der Yakochsen ausführlich gedenkt; unverkennbar tritt das Bestreben hervor, die Fülle neuer Eindrücke ruhig zu prüfen und mit den Nachrichten der alten Schriftsteller zu vergleichen, beziehentlich dieselben zu verbessern.
Einen noch größeren Erfolg als die Glaubensboten erzielten die Kaufleute in der Aufschließung des fernsten Orients. Daß hierbei vorherrschend Italiener thätig waren, erklärt sich aus der Entwickelung des Handels am Mittelmeer. Als nach dem Falle des weströmischen Reiches der Seeverkehr eine Zeit lang ganz darniedergelegen, traten die ersten Regungen in Beziehungen mit Byzanz unter dem Gothen Theodorich wieder hervor, der in der Hauptstadt des oströmischen Reiches erzogen war und die byzantinische Pracht und Kunst liebte. So entstanden von seiner Hauptstadt Ravenna aus die ersten Handelsverbindungen mit dem Osten, die aber in den Gothenkriegen unter den Nachfolgern Theodorichs wieder erstarben. Neue Keime bildeten sich bei dem völligen Zerfall einer einheitlichen Macht in Italien erst seit dem neunten Jahrhundert in einigen freien Städten und zwar zunächst in Amalfi am Golf von Salerno. Die Amalfitaner verfügten über eine ziemlich beträchtliche Flotte, besuchten Aegypten und Palästina, ja sie besaßen sogar ihre eignen Quartiere in Konstantinopel. Ihre Seegesetze (Tabula Amalphitana) erwarben sich allgemeine Geltung bei allen Schiffahrt treibenden Städten am Mittelmeer. Aber die Blüte Amalfis währte nur kurze Zeit; unfähig, auf den steilen Felsstufen sich auszudehnen und zu erstarken in Volkszahl, erlag die Stadt der mächtigen Rivalin Pisa. Pisa, Genua, Venedig rangen um die Wette, gewannen durch die Kreuzzüge einen ungeahnten Aufschwung und konnten sich so zuerst in den Ländern der Levante festsetzen. Im 12. Jahrhundert legten die Venetianer in den Häfen Syriens Factoreien an. Aber die Verbindung mit Indien, die bisher ihren natürlichen Weg übers rothe Meer und Aegypten gefunden hatte, erlitt seit der Eroberung des Nillandes durch Saladin um 1171 einen plötzlichen Abbruch. Die abendländischen Kaufleute suchten in Folge dessen einen andern Weg ins Morgenland, sie steuerten über das schwarze Meer zum Don, wo der Hafenplatz Tana aufblühte und reisten von hier zu Land nach Astrachan und durch die Steppen nach Inner-Asien. Auch der Hafenplatz Sudak in der Krim (Soldaja, Saldachia, Sugdaia, Sodaja) blühte auf mit seiner fast ausschließlich christlichen Bevölkerung. Ibn Baluta bezeichnete diesen Hafen als einen der schönsten der Welt. Griechische und italienische Handelsfamilien waren hier ansässig.
Ein anderer Weg nach dem Orient nahm seinen Anfang an der nordsyrischen Küste, in der Nachbarschaft des christlichen Königreiches von Kleinarmenien, welches den Abendländern sich stets gastfreundlich erwies. Vom Mittelmeer her landeten die Reisenden in Lajazzo (Layas), einem vortrefflichen Hafen, der neben den Trümmern des alten Aegae sich erhob und auf der Seeseite durch zwei Citadellen gedeckt war.
Als durch den lateinischen Kreuzzug 1204 Byzanz in die Gewalt der Venetianer fiel, wußten diese den Handelsweg über das schwarze Meer zu monopolisiren und schlossen die Nebenbuhlerin Genua vom Markte aus. Aber diese Handelspolitik rächte sich, als 1261 die Genuesen dem Paläologen Michael III. wieder den Thron in Byzanz verschafften und zum Dank dafür die Vorstädte Pera und Galata erhielten, welche sich zu genuesischen Städten umgestalteten. Nun besaßen sie den Schlüssel zum schwarzen Meere und verdrängten die Venetianer, welche wieder auf den südlichen Weg über Lajazzo angewiesen waren.
Dieser Herrschaftswechsel spricht sich auch in den verschiedenen Handelswegen aus, welche die venetianischen Kaufleute, die Gebrüder Poli einschlugen, um nach dem Innern Asiens zu gelangen. Die Poli gehörten zu den Patriziern, denn in Venedig nahm auch die Aristokratie an den Handelsunternehmungen Theil.