Drittes Capitel.
Die Landung.

Bill hatte nicht ganz Unrecht gehabt. Das Boot war so nahe gekommen, daß man schon das Weiße im Auge der am Ufer Stehenden erkennen konnte, die sämmtlich in einer nichts weniger als friedlichen Bewegung schienen. Soldaten – ruppiges Volk, es ist wahr, mit bloßen Füßen und zerlumpten, schmutzigen Uniformen, aber doch mit Seitengewehren und Musketen, oder Lanzen und Messern bewaffnet, sprangen am Ufer hin und wieder, und an der Stelle, auf welche das fremde Boot zuhielt, sammelte sich ein Theil von ihnen und schien in der That, ihre Gewehre im Anschlag, eine Landung der Fremden auf das Entschiedenste verhindern zu wollen. Dazu schrie Alles durcheinander, Keiner hatte da, wie es den Matrosen vorkam, zu gehorchen, Alle nur irgend etwas zu befehlen, und dabei hielten sie die Mündungen der jedenfalls geladenen Gewehre den Seeleuten so drohend entgegen, daß diese, unter anderen Umständen, wahrscheinlich von einer Landung abgesehen und sich irgend einen anderen, friedlicheren Platz dazu ausgesucht hätten. Aber der Durst peinigte sie so furchtbar, daß sie sich eben durch nichts zurückschrecken ließen, und wie nur Bob mit dem Steuerruder Grund fühlte, rief er den Kameraden zu, das Segel niederzuwerfen, und ließ dann, unbekümmert um alle weiteren Folgen, den scharfen Bug ihres Wallfischbootes gerade auf den Sand hinauflaufen. Da waren sie, und eine ganze südamerikanische Armee hätte sie nicht wieder weggebracht, wenn man ihnen nicht vorher zu trinken gab.

Ein rasendes Geschrei entstand jetzt am Ufer, und einen Augenblick war es wirklich, als ob sich die dunkelhäutigen Bursche – von denen die Meisten aber viel mehr vom Neger als vom Indianer hatten – über sie herstürzen wollten, so wie toll geberdeten sie sich, und dabei schwenkten sie ihre Lanzen und Säbel und schossen sogar einige Gewehre in die Luft ab. Niemand wußte freilich, ob das nur geschah, um sich selber Muth zu machen, oder um die kecken Fremden einzuschüchtern. An das Boot wagte sich aber Keiner, denn die beiden Matrosen, die scharfgeschliffenen Wallfischlanzen in der Hand, standen noch immer regungslos, aber drohend genug im Bug desselben, während ihr finster dreinblickendes Gesicht der Waffe überdieß noch Nachdruck gab.

Endlich schüttelte Bill den Kopf und sich halb zur Seite wendend sagte er: »Hat nun schon Jemand im Leben einen solchen Haufen verrückter Kerle auf einem Platz beisammen gesehen? Verdammt will ich sein, wenn sie selber wissen, was sie wollen, und ich glaube, sie sind nur hier herunter gekommen, um sich einmal ordentlich schreien zu hören.«

Der Bootssteuerer hatte sich indessen aufgerichtet, um irgendwo zwischen den Versammelten einen Menschen zu entdecken, der so aussehe, als ob er ihre Sprache reden könnte, denn eine Verständigung mußte erst erfolgen, ehe sie das Land betreten durften. Da war aber auch nicht Einer von Allen, der eine anständig weiße Hautfarbe gehabt hätte, und Alle trugen krauses, rabenschwarzes Haar und entweder Panamahüte oder Soldatenmützen.

Das Hin- und Herlaufen der Leute am Ufer schien aber doch einen bestimmten Zweck gehabt zu haben, denn aus der inneren Stadt heraus – oder wenigstens die Straße herab, in die sie hinein sehen konnten, kamen ein paar Officiere in Begleitung eines kleinen, sehr geschäftigen Mannes, der wenigstens volle Mühe hatte, mit seinen kurzen Beinen ebenso rasch über den weichen Boden fortzukommen, als seine weit längeren und dazu besser eingerichteten Begleiter.

Jetzt endlich legte sich der Lärm etwas, und Bill, der wohl merkte, daß die Neuankommenden eine Entscheidung herbeiführen würden, hob seine Lanze, stellte sie neben sich in's Boot und stützte sich mit dem rechten Arm daran, während er die Nahenden erwartete.

Wie sich auch bald herausstellte, war jener kleine Mann gerade der Dolmetsch – ein geborner Neugranadienser zwar, aber auch der Einzige in der ganzen Stadt, der etwas Englisch sprach – sich wenigstens mit den Fremden verständigen konnte.

Bob wurde indessen von den Matrosen, da er schon einmal an dieser Küste gewesen und deßhalb auch vielleicht in etwas deren Sitten kannte, zum Sprecher gewählt, und nach einigem Hin- und Herschreien am Ufer, aus dem sie natürlich nicht klug wurden, schien man doch endlich wenigstens zu einem Resultat zu kommen.

Der Dolmetsch war eine kleine dicke, kugelrunde Gestalt, der schon seines Fettes wegen entsetzlich schwitzte, und auch wohl in der Aufregung ein wenig gelaufen war; er kam wenigstens wie gebadet am Ufer an und frug hier, während er sich fortwährend die Stirn, den Nacken und die Handknöchel abwischte, in etwas mürrischem Ton und einem schauderhaften Englisch die Matrosen, wo sie herkämen und was sie hier wollten.

»Wasser!« sagte da Bill lakonisch, »bless your old soul, mate, wir sind so verdurstet, daß uns die Zunge am Gaumen klebt.«

»Aber wo Sie her kämen?«

Bob nahm hier das Wort und erzählte dem kleinen Mann, während die Soldaten neugierig herbeidrängten, mit kurzen Worten ihre Leidensgeschichte – daß sie nämlich ihr Schiff im Nebel an der Küste verloren hätten und dann an das Ufer angelaufen wären, um nicht in See draußen zu verschmachten. Wo sie sich hier befänden, wüßten sie nicht einmal, eben so wenig wie der Platz hieße. Sie wären friedliche Seeleute und bäten nur um einen Trunk Wasser.

Der Kleine wandte sich jetzt gegen die Uebrigen und theilte ihnen das Gehörte mit, wobei eine lebhafte Unterhaltung entstand, denn augenscheinlich hatte man sie Anfangs für etwas ganz anderes gehalten als verschlagene Matrosen – ja man schien ihnen selbst jetzt noch nicht einmal recht zu glauben, und wieder frug sie der Dolmetscher, wie ihr Schiff hieß und wo es wäre. Jetzt aber riß Bill die Geduld und mit trotziger Stimme rief er aus: »Ei zum Wetter auch, Mate, wenn wir wüßten, wo es wäre, säßen wir nicht hier, und glaubt Ihr, daß Leute, die am Verschmachten sind, sich hier herstellen und eine Stunde lang Eure albernen Fragen beantworten sollen? Hat Keiner von Euch einen Schluck zu trinken bei der Hand?«

»Si, Si, Señor, Si!« sagte der kleine Dolmetscher jetzt geschäftig, »Caramba, daran habe ich gar nicht gedacht – arme Teufel haben Durst,« und er rief dabei etwas auf Spanisch den Umstehenden zu, von denen Einige geschäftig fortgingen, um Wasser und Früchte herbeizuholen. Bob übrigens, der wohl sah, daß sie jetzt nichts mehr für ihre Sicherheit zu fürchten hatten, da die Soldaten sich gar nicht weiter um sie bekümmerten, und nur die Frauen und Kinder herbeidrängten, um sie neugierig zu betrachten, rief Bill zu, seine Lanze in's Boot zu legen. Ein Paar sollten dann als Wache darin zurückbleiben und er selber wollte hinauf in die Stadt gehen, um zu sehen, was sich thun ließe und ob nicht doch irgend ein Landsmann, oder wenigstens ein Engländer aufzutreiben wäre, mit dem sie sich besser verständigen könnten.

»O, Señor,« redete da der Bootssteuerer den kleinen Dolmetscher an; »wie heißt denn der Ort hier eigentlich?«

»Die Stadt!« rief dieser erstaunt; »Caramba, Señor, wissen Sie nicht, daß Sie hier in Buenaventura sind?«

»Buenaventura, hm?« brummte Bill, »jetzt sind wir so gescheidt wie vorher, und wo liegt das?«

»Wo das liegt? – Hier,« sagte der Dicke.

»Holzkopf,« brummte Bill vor sich hin; der Bootssteuerer, der aber etwas mehr geographische Kenntnisse hatte und doch wenigstens die ungefähre Höhe wußte, in welcher sie sich auf der Knote befanden, frug noch einmal: »Und sind wir da auf Ecuadorischem oder Neugranadiensischem Gebiet?«

»Ecuador?« rief aber der Kleine mehr entrüstet als erstaunt. »Caracho, amigo, Ecuador wird bald in Neugranada liegen, aber nicht Neugranada in Ecuador. Sobald wir hier im Lande fertig sind, gehen wir hinüber und nehmen uns so viel von Ecuador, wie wir brauchen – aber da kommt Wasser. Nun trinkt, Ihr Leute, wenn Ihr so durstig seid.«

In der That kamen in dem Augenblick eine Anzahl von Frauen, Negerinnen und Indianerinnen, oder wenigstens Mischlingsrace – braune, nicht unschöne Frauen in sehr leichter Kleidung zum Ufer herunter, und während Einige Calebassen mit Trinkwasser trugen, brachten Andere kleine Körbe mit Früchten, Orangen, besonders Bananen, Papayas und sonstige Erzeugnisse des reichen Landes. Die Seeleute sprangen auch mit Jubelruf aus ihrem Boot hinaus und Bill, der eine der Calebassen erfaßt hatte, hob sie an die Lippen und leerte sie fast auf einen einzigen, mächtigen Zug.

Das schmeckte – wenn auch das Wasser eben nicht besonders war – aber nur der, der sich einmal tagelang auf offener See in einem Boot herumgetrieben, oder in dürrer Sandwüste fast verschmachtet ist, weiß, was so ein Trunk Wasser zu bedeuten hat, und wie das durch alle Adern rieselt und zuckt und ordentlich neues Leben in den Körper gießt. Bill hatte auch – während die Uebrigen just gierig über das gebotene Labsal herfielen – eben nur abgesetzt und sich den Mund mit dem Aermel gewischt, als plötzlich eine der Frauen, ein bildhübsches, junges Weib, lichtbraun von Farbe zwar, aber mit vollen und üppigen Gliederformen und doch dabei so zart gebaut, auf ihn zusprang, seine Schulter mit ihrer Hand erfaßte, ihn etwas zurückschob, und als er sie erstaunt ansah, mit zitternder aber lauter Stimme rief: »Guillelmo! o querido! war es recht, daß Du mich so lange verlassen hast?« – und ehe sich Bill von seinem Erstaunen erholen oder nur ein Wort sagen konnte, um das Mißverständniß aufzuklären, warf sie sich an seinen Hals, umschlang ihn stürmisch und küßte ihn wieder und wieder.

»I'll be damned,« sagte Bill ganz verdutzt, während Tom und die übrigen Matrosen laut herausplatzten vor Lachen. Eine Weile mußte er sich auch die Liebkosungen der noch jungen und ganz hübschen Frau gefallen lassen, weil er sie doch nicht mit Gewalt von sich stoßen wollte; endlich aber, wie er nur einigermaßen Luft bekam und fühlte, daß sie etwas in ihrer fast krampfhaften Umarmung nachließ, nahm er ihren einen Arm herunter und sagte, sich in aller Verzweiflung an den noch neben ihnen stehenden Dolmetsch wendend: »Now you Sir, kommen Sie einmal her und sagen Sie der Frau, daß sie unter einem ganz verkehrten Baume bellt.«

»Daß sie was?« sagte der kleine Neugranadienser erstaunt, da er die Redensart weder begriff noch verstand.

»Ich bin gar nicht ihr Mann,« schrie jetzt Bill, der vielleicht glaubte, er höre nur schwer; »ich kenne sie gar nicht, heiße auch nicht Jelmo oder wie sie sagt, und bin überhaupt in meinem Leben noch nicht in der Nachbarschaft hier gewesen. Nun komm', Schatz, und nimm sie mir einmal vom Halse.«

Die Frau hatte ihn noch immer nicht losgelassen, wie aber der Dolmetsch ihr den Sinn der Worte erklärte, die der Weiße gesprochen, fuhr sie erschreckt zurück, sah ihn mit wild verstörten Blicken an und rief: »Was sagt er? – er will mich nicht mehr kennen – dann verläugnet er wohl auch sein Kind? – O, Guillelmo, habe ich das um Dich verdient?«

Bill verstand die Worte nicht, aber die Bewegung der Frau verrieth nur zu deutlich den Sinn derselben – kaum aber hatte der Dolmetsch das Kind erwähnt, während in diesem Augenblick auch eine Negerfrau mit einem prächtigen, couleurten Jungen von vielleicht acht Monaten auf dem Arm herbeisprang, als die übrigen Matrosen in ein wahrhaft diabolisches Gelächter ausbrachen, und Tom, der gerade eine Apfelsine geschält hatte und in die saftige Frucht hineinbiß, daß ihm der Saft an beiden Seiten in den Bart lief, rief lachend aus: »Avast Bill, old fellow, glücklicher Familienvater, und was für eine hübsche gelbe Puppe. – Wer hätte das in ihm gesucht?«

»Ah picaro!« sagte da der kleine Dolmetsch, indem er Bill mit dem ausgestreckten Zeigefinger an die Schulter stieß, »thut so, als ob er kein Spanisch verstünde und will seine eigene Frau nicht einmal kennen. Schelm – aber ist nicht hübsch,« setzte er kopfschüttelnd hinzu, »gar nicht hübsch.«

»Aber ich bin ja in meinem ganzen Leben noch nicht an dieser Küste gewesen,« rief Bill in Verzweiflung, während die junge Frau das Kind seiner Wärterin abnahm und ihm mit einem bittenden Blick entgegen hielt; »verdammt noch einmal, wenn man doch nun gar nicht verheirathet ist und soll dann auf einen Zug eine braune Frau und ein gelbes Kind kriegen.«

»Picaro, Picaro!« schüttelte aber der kleine Neugranadienser noch einmal, nachdem er ein paar Worte mit der Frau gesprochen: »Wie heißt Ihr?«

»Bill,« sagte der Matrose trocken, »oder William, wenn das deutlicher ist.«

»Gut – gut!« nickte der Kleine, »stimmt! – William ist Guillelmo. – Wo kommt Ihr her?«

»Von einem Wallfischfänger, der noch irgendwo in See herumschwimmt – der Teufel weiß, oder kümmert sich darum, wo.«

»Stimmt auffallend,« wiederholte aber der Neugranadienser, »und ist vollkommen richtig – auch dieser Señora Mann stammt aus einem Wallfischfänger, und wir können natürlich nicht wissen, Señor, was Euch früher bewogen hat, auszukneifen, so viel aber ist sicher: das Meer hat Euch wieder zurück in die Arme Eurer Frau geworfen, und unsere Gesetze sind darin viel zu streng und gewissenhaft, um einen Mann nicht zu verpflichten, auch für Weib und Kind zu sorgen. Nehmt also Euer Weib an den Arm, Freund, und geht ruhig mit ihr nach Hause; es ist das Beste, was ich Euch rathen kann.«

»Verdammt will ich sein, wenn ich's thue,« rief aber auch Bill jetzt, der ebenfalls ärgerlich wurde; »was zum Henker schiert mich denn die Person? Ich habe mit dem braunen Frauenzimmer nichts zu thun und kann überhaupt gelbe Kinder nicht leiden.«

»Aber Bill,« sagte da Bob, dem die Sache ungeheuren Spaß zu machen schien, »das ist nicht hübsch von Dir, daß Du Deine Frau verläugnest – pfui, schäme Dich.«

»O, geh' zu Gras,« brummte Bill, der Neugranadienser aber rief: »Seht Ihr wohl? Eure eigenen Kameraden finden das schlecht, Señor. Wenn Ihr aber auch ein Fremder seid, sobald Ihr Euch in Neugranada verheirathet, steht Ihr unter unseren Gesetzen, und daß diese mit leichtfertigem Volk nicht spaßen, davon, dächte ich, hätten wir gestern ein Beispiel gehabt, wo hier in Buenaventura drei Mosqueraner erschossen wurden. Die Stadt ist in Belagerungszustand erklärt, und viel Umstände werden eben nicht gemacht.«

Noch während er sprach, hatte sich eine Menge Frauen jeder Farbe um das junge Weib gesammelt und mit Theilnahme ihren Bericht angehört, daß sie hier unter den Fremden ihren verloren gegangenen Mann wiedergefunden habe, der sie aber jetzt verleugne und nichts von ihr wissen wolle. Frauen nehmen unter solchen Umständen natürlich augenblicklich Partei, und es gibt Dinge, in welchen das schwache Geschlecht besonders stark ist.

»Was?« schrieen ein paar Negerfrauen, »so ein schlechter Kerl will nichts von seiner Frau wissen – und mit solch' einer Puppe von einem Kind, und thut auch noch, als ob er sie nicht einmal kennte? Ah, so ein Rabenvater! so ein Scheusal!«

Die Aufregung wuchs unter den Bewohnern; außerdem strömten immer mehr Soldaten hinzu, und das Ganze fing schon an den Charakter eines Volksaufstandes zu tragen, der für die Fremden die schlimmsten Folgen nach sich ziehen konnte. Der Bootssteuerer, der einmal in Panama ein paar Monate »becalmed«[1] gelegen und den hitzigen, jähzornigen Charakter des Volkes kannte, hatte bis jetzt kein Wort darein gesprochen. Nun aber schien es ihm doch Zeit, sich in's Mittel zu legen, und Bill's Arm ergreifend sagte er rasch und leise: »Kennt Ihr die Frau wirklich nicht, Mate?«

[1]: Becalmed, wenn ein Schiff wegen Windstille nicht segeln kann.

»Verdammt will ich sein, wenn ich sie je mit Augen gesehen habe!« rief der Matrose – »ich war ja in meinem ganzen Leben nicht in Südamerika, außer einmal acht Tage in Rio de Janeiro.«

»Dann ist es ein Mißverständniß, das sich lösen wird,« fuhr der Seemann fort, »jetzt aber macht keine Umstände – nehmt die Frau am Arm und geht mit ihr nach Hause; es wird sich Alles finden.«

»Na, das nehme mir aber Keiner übel,« rief Bill erstaunt aus. »Ich soll hier Familienvater spielen – und das mit dem gelben Balg –«

»Es hilft Euch nichts, Kamerad,« lachte aber der Bootssteuerer. »Wäret Ihr an Bord der Martha's-vine-yard geblieben, so hättet Ihr jetzt keine Frau.«

Die Bewegungen der Umstehenden wurden indeß immer drohender. Bill warf einen trotzigen Blick nach seinem Boot hinunter und schien nicht übel Lust zu haben, dort hinein zu springen und eine der Lanzen aufzugreifen; aber von denen waren sie schon abgeschnitten, denn eine Masse Volkes hatte sich zwischen sie und das Boot gedrängt, und wohin er auch den Blick warf, starrten ihm wilde, drohende Blicke entgegen. Den übrigen Matrosen wurde selber nicht wohl bei der Sache; was hätten sie auch, unbewaffnet wie sie waren, und außerdem erschöpft und abgemattet, gegen den Menschenschwarm ausrichten wollen! Selbst Bob redete jetzt dem Kameraden zu, sich in das Unvermeidliche zu fügen, und als sich die Frau, in der Angst, daß sie dem Mann etwas zu Leid thun könnten, jetzt noch einmal an seine Brust warf und ihn dringend bat, mit ihr zu kommen, rief er in komischer Verzweiflung aus:

»Well, ob das nicht zu toll ist – aber meinetwegen denn, Jungens, wenn's nicht anders sein kann. So komm', Alte, und vergiß auch den saffranfarbenen Jungen nicht – es ist nur wegen der Couleur, und eigentlich gefiele er mir noch besser, wenn er grün wäre –.« Damit nahm er den Arm der Frau in den seinen, und während ein Theil der Weiber noch über ihn schimpfte, ein anderer aber ihn lobte, daß er seinen Fehler eingesehen, zog Bill, von einer Schaar halb und ganz nackter Jungen gefolgt, seine neue Frau am Arm in die Stadt hinein.

»Hell!« sagte Tom, als er mit ihr wegging, und sein Gesicht verzog sich zu einem breiten Grinsen. »Das ist doch rein zum Todtschießen – und er kennt sie gar nicht?«

»I Gott bewahre!« lachte Bob – »das Kind ist höchstens acht oder neun Monat alt, und seit drei Jahren fahre ich jetzt mit Bill zusammen. Ehe wir auf die Martha's-vine-yard gingen, waren wir Beide auf einem Newyorker Packetschiff, das zwischen dort und Southampton fuhr, und ich weiß genau, daß dies seine erste Fahrt in die Südsee ist.«

»Wunderbar!« sagte Tom noch einmal, voller Erstaunen, »wie geschwind ein Mensch zu einer Frau kommen kann, und noch dazu gleich zu einer braunen.«

Es blieb ihnen aber nicht mehr viel Zeit zu weiteren Betrachtungen, denn sobald sich die Menschenmenge überzeugt hatte, daß der Frau ihr Recht geschehen war, bekümmerte man sich auch um die übrige Mannschaft, die hungrig und durstig an ihre Küste gekommen war. Das gutmüthige Volk wollte sie jetzt erquicken, und man forderte sie nun von allen Seiten auf, mit in die Stadt zu kommen und zu essen und zu trinken. Bob aber wie der Bootssteuerer wollten das nicht eher thun, als bis sie auch ihr Boot, oder wenigstens was darin lag, gesichert hatten, denn Ruder wie Segel sind immer verführerische Dinge zum Stehlen, die man nicht über Nacht frei durfte draußen liegen lassen. Oben an der Landspitze sahen sie aber ein Wachtlokal der Soldaten, und ohne weiter Jemanden um Erlaubniß zu fragen, stiegen sie in ihr Boot, nahmen Ruder, Dollen und Segel heraus, zogen das Boot dann hoch auf den Strand hinauf und trugen das Geräth nun mit dem Uebrigen die Uferbank hinauf und in die Wacht hinein. Dort stellten sie es ein und waren nun bereit, ihren gastlichen Wirthen zu folgen, wohin man sie eben führen würde.

Viertes Kapitel.
Bill »zu Hause.«

Indessen hatte sich aber auch der Himmel dicht umwölkt und der »tägliche Regen« fing an einzusetzen, der in einem soliden Schauer – daß man gar keine Tropfen sah und nur feste Wasserschnüre zur Erde hingen – von oben niederschüttete. Die Straße selber bestand auch eigentlich nur aus weichem Schlamm, in dem sich die Eingebornen – wie die Krabben in ihren Manglarensümpfen – mit ihren bloßen Beinen ganz behaglich herumbewegten und darin zu Hause zu sein schienen; aber die Fremden bemerkten auch, daß selbst die Gebäude einem solchen Klima entsprechend aufgerichtet waren. Es sah aus, als ob die ganze Stadt in dem furchtbaren Morast auf Stelzen herumging, denn alle Häuser standen auf langen dünnen Pfählen und besaßen natürlich nur eine Etage, zu welcher dann eine schmale Leiter oder auch wohl nur ein rechts und links eingekerbter und angelehnter Baumstamm hinaufführte. Uebrigens wimmelte es in dem ganzen kleinen Ort von Soldaten oder wenigstens Bewaffneten, und da ihr Dolmetsch sie jetzt in seine eigene Wohnung führte, um sie dort, wenigstens für die erste Nacht, unterzubringen, erkundigte sich der Bootssteuerer nach der Ursache solch' kriegerischer Bewegung, die ihm auch mit wenigen Worten gegeben wurde.

Das Land war in Aufruhr – wie sich das eigentlich von selbst verstand, denn Neugranada, vor allen südamerikanischen Republiken, scheint die Revolution in Permanenz erklärt zu haben. Der Staat ist außerordentlich ausgedehnt, mit fast keinen Verbindungswegen im Innern, da die ewigen Regen den Boden stets aufgeweicht halten; dadurch scheiden sich die Interessen der Küstenstädte und des innern Landes auf das Schärfste ab, so daß der eine Theil stets Ursache zur Unzufriedenheit behält, sobald man sie unter ein Gesetz bringen will. Hat aber wirklich ein General oder Präsident einmal über die feindliche Partei gesiegt und das Land, wie er glaubt, erobert, und sich eben in einer großen Stadt festgesetzt, so bricht an einem andern Punkt sicher wieder eine neue Revolution los, und der Tanz beginnt von Frischem.

Dießmal hatte Mosquera, während er im Innern die Hauptstadt Bogota eroberte, durch ein paar kleine, zu Kriegsschiffen umgewandelte Küstenschooner die am Meeresstrand gelegenen Hauptplätze Neugranadas, Buenaventura und Tumaco besetzen lassen, und die Fahrzeuge waren dann wieder in See gegangen – angeblich um Panama zu nehmen; in Buenaventura wußte man wenigstens nichts Weiteres darüber. Sobald sich aber die Schiffe entfernt hatten, brachen die Godos oder Adlingen, die Gegenpartei Mosquera's, in einer starken Guerillabande aus dem Innern vor, besetzten Buenaventura, füsilirten eine Anzahl der obersten Beamten Mosquera's und brachten zugleich wieder einen Schwarm von Jesuiten in die Stadt, denen Mosquera das Land verboten hatte.

So standen die Sachen jetzt; die Godos waren Herren in Buenaventura, und als man heute das Boot anrudern sah, hatte sich das Gerücht verbreitet, Mosquera's Schiffe kehrten zurück. Man hielt es ja nur für einen Vorläufer der Flotte und fürchtete natürlich, in einen neuen Kampf verwickelt oder vielmehr zu einer neuen Uebergabe gezwungen zu werden, denn Kämpfe hatten eigentlich noch gar nicht stattgefunden, da die Bewohner von Buenaventura mit ihren schilfgedeckten Häusern weder eine Beschießung noch einen Sturm gegen solch' gefährliches Material abwarten durften.

Ueberhaupt herrschte eine große Unruhe in der Stadt, denn in diesen Zeiten, wo die Sieger oft in einem Monat zwei- oder dreimal wechselten, war Niemand seines Eigenthums, ja seines Lebens sicher, und gern hätten die friedlichen Bewohner der kleinen Stadt Mosquera oder Herran oder irgendwen – es blieb sich ja vollkommen gleich – zum Präsidenten angenommen, wenn damit nur Frieden und Ruhe gewesen wäre. Aber Gott bewahre – was half es ihnen, daß sie dem einrückenden Sieger freundlich entgegenkamen, und weiter nichts von ihm verlangten als Schonung der Stadt? Von der Gegenpartei wurde ihnen das als Verrath und Treubruch ausgelegt, und wenn sie sich wieder oben wußte, hielt sie sich auch in ihrem vollen Recht, Vergeltung zu üben, das heißt zu brandschatzen und zu plündern, ja sogar Einzelne erschießen zu lassen oder in's Gefängniß zu werfen.

Die Südamerikaner sind nun, was Revolutionen anbetrifft, ein außerordentlich langmüthiges Volk und eigentlich auch an Revolutionen so gewöhnt, daß sie dieselben als vollkommen natürliche Ereignisse betrachten. Diesmal aber wurde den Neu-Granadiensern die Sache doch zu arg, denn das Kriegsglück zwischen den beiden Parteien hatte zu oft herüber und hinüber geschwankt, und da Mosquera sich besonders ihre Sympathie gewonnen, so neigten sie schon im Innern weit mehr zu der sonst nicht eben sehr beliebten Militairherrschaft des alten tapfern Generals hinüber. Trotzdem mußten sie sich aber, wenigstens für die nächste Zeit, den Umständen beugen und gegen die gerade siegreichen Godos freundlich sein, wenn sie sich nicht deren Rache und Uebermuth aussetzen wollten.

Die Ankunft der fremden Matrosen war übrigens dem gerade bestehenden Regiment nicht unangenehm, denn fünf kräftige Fremde, die besonders gut mit Schießwaffen umzugehen wußten – wie man das von Europäern oder Amerikanern immer voraussetzt – konnten ihnen in einem vielleicht bald wieder bevorstehenden Kampf von größtem Nutzen sein, besonders wenn je wieder einer der kleinen Schooner ansegeln und die Stadt bedrohen sollte. Deshalb zeigten sich die Behörden auch freundlich gegen sie, und Don Manuel, wie ihr kleiner Dolmetsch genannt wurde, war angewiesen worden, ihnen reichlich Speise und Trank zu geben und ein Haus zum Schlafen anzuweisen. Daß sie bei den Godos Dienste nehmen würden, verstand sich von selbst. Was wollten auch verschlagene Matrosen, mit keinem Real Geld in der Tasche, ohne Kleidung und sonstigen Unterhalt anders machen? Sie mußten froh sein, wenn sie gleich einen Platz fanden, auf dem sie sich ihr Brod verdienen konnten.

In einer höchst wunderlichen Position fand sich indessen Bill, der Matrose, der, wie er glaubte, hier gewissermaßen als Opfer fiel, um die Uebrigen zu retten, und deßhalb seine Gatten- und Vaterschaft ruhig mußte über sich ergehen lassen.

Bill, ein baumstarker Bursche mit ein paar Fäusten, mit denen er einen Ochsen hätte können zu Boden schlagen, besaß übrigens bei einer großen Quantität Gutmüthigkeit, die allen starken Leuten eigen ist, auch eben genug Humor, um das Komische seiner Lage einzusehen, und schien selber neugierig zu sein, wie sich das Ganze entwickeln würde. Wie er vermuthete, so mußte er eine fabelhafte Aehnlichkeit mit jenem Andern haben, der hier seiner Frau davongelaufen war; das schien ihm wenigstens das einzig Wahrscheinliche, wenn es auch ein unendlich wunderlicher Zufall blieb, daß er dann gerade an diesen Punkt der Küste geworfen werden mußte, um der verlassenen Frau in den Weg zu rennen – und nicht einmal verständigen konnte er sich mit ihr.

Indessen sah er sich in einem Geleit von einigen zwanzig Frauen, die ihn alle zu seiner neuen Wohnung begleiten wollten; auch eine Menge Soldaten und andere Neugierige hatten sich dem Zug angeschlossen, und er fühlte dabei recht wohl, daß er gute Miene zum bösen Spiel machen mußte, wenn er sich nicht lächerlich machen wollte. Lange konnte das Mißverständniß ja doch überdies nicht dauern – aber seine neue Frau überraschte ihn noch mit einer frischen Zumuthung. Kaum waren sie nämlich die entsetzlich schlammige Straße etwa zweihundert Schritt hinabgegangen und zu einer Stelle gekommen, wo dieselbe um eine Art Hügel bog, als sie ihren Begleiterinnen einige Worte zurief und ihm dann ohne Weiteres das Kind in den Arm legte.

Dagegen wollte Bill nun allerdings auf das Entschiedenste protestiren, da war es ihm plötzlich, als ob ihm die Frau leise auf Englisch zuflüsterte: be silent (sei ruhig), und ehe er sich von seinem Erstaunen erholen konnte, hatte er richtig den kleinen gelben Jungen auf dem Arm, während die Eingeborne, ohne sich weiter um ihn zu bekümmern, seitab und in eines der Häuser hineinglitt.

»I'll be damned,« murmelte der Matrose wieder in den Bart und blieb verdutzt mitten im Schlamm mit seiner kleinen Last stehen. Er sah sich auch im Kreise um, weil er nicht anders glaubte, er würde jetzt von den Umstehenden auf das Schmählichste ausgelacht werden. Seine Kameraden aber, bei denen ihm das sicherlich geschehen wäre, befanden sich nicht in der Nähe, und die gegenwärtigen Damen schienen das Alles so in der Ordnung zu finden, daß keine von ihnen auch nur eine Miene verzog. Sie bedeuteten ihn, nur ruhig fortzugehen, und gaben ihm durch Zeichen zu verstehen, daß seine Frau augenblicklich wiederkommen und ihnen folgen würde.

»Be silent?« hatte denn die Frau wirklich die Worte gesagt, oder er nur einen ähnlichen Klang der fremden Sprache damit verwechselt? »Be silent?« die Warnung wollte ihm nicht aus dem Sinn, während er, fast ohne zu wissen, was er hielt, das fremde, ihn erstaunt ansehende Kind im Arm die Straße entlang ging. Jetzt stockte der Zug. Vier Geistliche in langen schwarzen Röcken, die sie aber in dem Schlamm hochaufgeschürzt trugen, waren ihnen begegnet und hatten sich jedenfalls erkundigt, was diese wunderliche Prozession bedeute. Die Frauen erzählten denn auch bereitwilligst das Geschehene, und die frommen Herren nickten dazu höchst bedeutungsvoll mit den Köpfen. Einer von ihnen richtete auch ein paar Worte an den Matrosen, fand aber hier wenig Aufmerksamkeit.

»Go to grass!« brummte Bill in den Bart, und ohne Notiz von dem schwarzen Trupp zu nehmen, verfolgte er seinen Weg, dessen Ziel er gar nicht kannte; die Frauen holten ihn aber bald wieder ein, und auch das junge Weib, seine Frau, kam ihnen nachgesprungen und hielt in dem einen Arme ein paar Flaschen, während sie in der andern Hand einen Korb mit allerlei Gegenständen trug, die Bill's Herz viel milder gegen sie stimmten. Er bemerkte da mit einem flüchtigen Blick eine Büchse Sardinen, Früchte, Chokolade mit einem großen Stück Käse, auch feinen Schiffszwieback und noch mehr andere, in Papier gewickelte Dinge, und da er gerade genug Hunger hatte, um einem jungen Wolf keine Schande zu machen, lief ihm schon das Wasser bei der voraussichtlichen guten Mahlzeit im Mund zusammen.

Jetzt schienen sie aber auch das eigentliche Ziel ihrer Wanderung erreicht zu haben, ein kleines ganz neues Haus am äußersten Ende der Stadt, das ebenso wie die übrigen auf neun Pfählen stand, mit eingekerbtem Baumstamm als Leiter, und oben so dünn und luftig gebaut wie nur irgend möglich.

Dort hinauf kletterte auch die junge Eingeborne gewandt hinan, während Bill bedenklich unten am Baumstamm stehen blieb, denn mit seiner kleinen Last und den vom Schlamm schlüpfrigen Schuhen getraute er sich, da der Baumstamm nicht einmal befestigt war, sondern nur locker an dem unteren Balken lehnte, nicht einmal hinauf. Eine der Frauen nahm ihm aber das Kind ab und trug es, und etwas langsamer als sie, folgte er ihr jetzt – immer noch kopfschüttelnd, denn er wußte nicht, wie dies Abenteuer enden würde, und kam sich auch höchst unbehaglich in dem Geleite all' der Weiber vor.

Uebrigens schien die ganze Gesellschaft, die sie hierher begleitet hatte, eingeladen zu sein, denn Eine nach der Andern – wenigstens alle weiblichen Individuen, folgten auf dem schwanken Steg, ja selbst ein paar von den Soldaten, neugierige Bursche, die sich da oben doch auch einmal umschauen wollten, stiegen mit hinan, bis der Raum endlich gedrängt voll Menschen stand, und Bill in der That schon befürchtete, der leichte Boden von gespaltenen jungen Palmen würde die übergroße Last kaum tragen können. Das elastische, wenn auch dünne Holz hielt aber vortrefflich, ob es sich auch unter dem Gewicht bog, und einige der Frauen beschäftigten sich jetzt damit, ein Feuer auf dem kleinen Herd anzumachen, während Andere das Kind in einer von den Dachbalken niederhängenden Hängematte unterbrachten.

Auch der männliche Besuch schien sich nützlich machen zu wollen, denn Einige von ihnen kletterten wieder nach unten und kamen bald darauf mit kleingespaltenem Holz zurück, das sie aber jedenfalls mußten irgendwo gestohlen haben, denn in der unmittelbaren Nähe der Stadt war alles derartige Brennmaterial schon lange verbraucht. Das Feuer loderte auch bald lustig empor und ein Topf, um Chokolade darin zu kochen, war angesetzt.

Und wie das schwatzte und schnatterte um ihn her, und Alles in der unglückseligen Sprache, von der Bill kein Wort verstand. Niemand bekümmerte sich dabei um ihn, und einmal kam ihm wohl der Gedanke, leise und vorsichtig die Leiter wieder hinabzusteigen und den ganzen Schwarm sich selber zu überlassen – aber was hätte es ihm geholfen, sie würden ihn bald wieder überholt und zurückgebracht haben, und Gewalt – wenn er auch die Kraft in sich fühlte, es mit einem oder ein paar Dutzend dieser ausgemergelten braunen Bursche aufzunehmen, gegen die ganze Stadt konnte er ja doch allein nicht ankämpfen, und ein solcher Versuch hätte seine Lage jedenfalls verschlimmert. – Abwarten – es blieb ihm nichts Anderes übrig, und mit Aussicht auf eine gute Mahlzeit beschloß er denn auch, dem Verhängniß ruhig die Stirn zu bieten.

Unbehaglich war es ihm freilich mit den vielen Menschen hier oben, von denen sich nicht einmal einer um ihn bekümmerte. Ja er schien sogar überall im Wege zu sein und wurde bald da- bald dorthin geschoben, ohne daß selbst »seine Frau« auf ihn geachtet oder ein weiteres Wort an ihn gerichtet hätte. Was würde ihm das auch freilich geholfen haben, er verstand sie ja doch nicht – und nicht einmal einen Platz zum Sitzen konnte er finden, denn in der Hängematte lag das kleine gelbe Ding, das sich übrigens in all' dem Lärm und Wirrwarr merkwürdig ruhig verhielt und mit den großen dunklen Augen nur erstaunt umherblickte. Manchmal wurde es auch gestoßen und schaukelte dann eine Weile hin und her, aber es schrie nicht und schien das Ende dieses Lärmens ebenso geduldig und resignirt abzuwarten wie der ihm kürzlich zugetheilte Vater Bill.

Endlich – endlich machte wenigstens ein Theil der zudringlichen Gäste Anstalt zum Gehen. Draußen ertönte ein Trompetensignal, und die Soldaten sprangen die Leiter hinab um zu sehen, was es da gebe. Auch die Mahlzeit war so weit vorgerückt, daß ein kleiner Tisch gedeckt werden konnte. Jetzt nahmen auch die Frauen Abschied, erst einzelne, dann mehrere zusammen – nur eine Negerin, ein großes stämmiges Frauenzimmer von Rabenschwärze, kauerte noch am Herd und machte keine Miene den Platz zu räumen.

Bill's Frau schien sich aber noch immer nicht um ihn zu kümmern und stand, während die Negerin auf den Herd Achtung gab, oben an ihrer »Treppe,« um sich noch mit den unten einen Augenblick verweilenden Damen zu unterhalten, bis ein plötzlich einsetzender Regenschauer jede solche Unterhaltung abbrach. Der Besuch mußte selber eilen, um unter Dach und Fach zu kommen.

Bill hatte indessen Zeit und Gelegenheit gehabt, die junge Frau näher zu betrachten, und mußte sich gestehen, daß es wirklich ein reizendes Wesen sei. Sie war allerdings braun und möglicher Weise eine reine Indianerin, obgleich auch Viele der Mischlingsrasse die nämliche Färbung tragen, aber von zartem und doch vollem Gliederbau, mit langem, weichem, gelocktem, vollkommen schwarzem Haar und großen dunklen Augen, gerade wie sie das Kind auch hatte, die von mächtig langen Wimpern überschattet wurden. Sie ging dabei sehr einfach, ja fast ärmlich in ein dunkles, an vielen Stellen schon zerrissenes Kattunröckchen gekleidet, und doch bewegte sie sich in demselben mit Anstand, und Bill selber war erstaunt über das fast würdevolle Benehmen, mit dem sie ihre zudringlichen Besuche verabschiedete.

Jetzt wandte sie sich zu ihm, und der sonst so kecke und zuversichtliche Matrose gerieth wirklich in Verlegenheit, wie er sich gegen die junge Frau benehmen solle, die er da drunten am Strand nichts weniger als freundlich angelassen hatte – und dann die zwei englischen Worte, die sie ihm zugeflüstert. Sie selber schien aber nicht zuversichtlicher als er, denn noch an der Schwelle blieb sie stehen und warf wie scheu den Blick zurück und umher in dem jetzt leeren Raum, als ob sie sich erst noch einmal überzeugen wolle, daß sie wirklich allein seien. Erst jetzt ging sie auf den Matrosen zu und ihm die Hand entgegenstreckend sagte sie mit vor innerer Bewegung gepreßter Stimme, aber in vollkommen gutem, reinem Englisch: »Was müßt Ihr von mir denken, Fremder, daß ich Euch auf solche Weise in mein Haus geführt?«

»I'll be« – Bill verschluckte das rauhe Wort, das ihm, alter Gewohnheit nach, unwillkürlich herausschlüpfte, denn er war wirklich überrascht. Erstlich erstaunte er über das fertige Englisch, das die braune Frau sprach, und dann wäre es ihm vielleicht nicht einmal so unangenehm gewesen, wenn sie ihn jetzt noch etwas länger als ihren Mann behandelt hätte. Fast ohne daß er es selber wußte, flog auch sein Blick nach der am Herd kauernden Negerin hinüber; die junge Frau aber, der das nicht entging, sagte rasch:

»Wir haben nichts zu fürchten – Sarah ist eine treue Freundin und versteht, was wir sprechen. Aber vor Allem bin ich Euch eine Erklärung über mein wunderliches Verhalten schuldig, und die will ich so kurz fassen, wie nur irgend möglich – Setzt Euch – Ihr werdet von Eurer langen Fahrt hungrig und ermattet sein, und darin wenigstens kann ich Euch helfen – Sarah, laß uns das Essen haben, wenn es fertig ist – Setzt Euch, Freund!«

Bill sah sich etwas verlegen in dem Haus um – es war keine Spur von irgend einem Stuhl zu entdecken, und der gedeckte Tisch, der mitten im Haus stand, höchstens einen Fuß hoch vom Boden. Die junge Frau aber ließ sich ohne Weiteres daneben auf einer kleinen Matte nieder, und der Seemann, mehr um nicht unhöflich zu sein, als weil es ihm etwa bequem gewesen wäre, folgte ihrem Beispiel.

»Aber, Madame,« sagte er dabei, indem er sie selber verlegen halb lächelnd von der Seite ansah, »haben Sie mich denn wirklich für Ihren Mann gehalten?«

Ueber die lieben Züge der jungen Frau flog ein leises, wehmüthiges Lächeln, als sie erwiederte: »Wenn Sie meinen Gatten kennten, würden Sie das nicht für möglich halten, denn er ist viel kleiner wie Sie und hat rabenschwarze Haare und dunkle Augen.«

»Ja, aber da – nehmen Sie es mir doch nicht übel –«

»Ah bitte, hören Sie mich erst an,« bat die Frau, »Sie sollen ja Alles wissen, Alles erfahren und werden mir dann gewiß nicht böse sein.«

»O,« sagte Bill gutmüthig schmunzelnd, »ich – ich bin gar nicht böse und – wenn es nicht anders sein könnte –«

»Ich weiß nicht,« unterbrach ihn aber die Frau, »ob Sie die traurigen Verhältnisse unseres Landes kennen. Der Bürgerkrieg wüthet auf das Furchtbarste darin, Revolution folgt auf Revolution, und während ehrgeizige Menschen unaufhörlich die Leidenschaft des Volkes aufstacheln, fließt unschuldiges Blut in Strömen, und brave, ruhige Menschen werden unglücklich und elend gemacht.«

»Eine schöne Wirthschaft scheint hier zu sein,« nickte Bill, die Erzählung interessirte ihn aber doch nicht so sehr, als daß er nicht auch zugleich einen verlangenden Blick nach dem Herd hinüber geworfen hätte, und die junge Frau, die es bemerkte, sagte rasch: »Wie ist es mit dem Essen, Sarah, unser Gast ist hungrig.«

»Es ist fertig,« erwiederte die Negerin, »wir können anfangen.«

»Wenn Sie denn nichts dagegen haben,« meinte Bill, indem er aufstand, »so darf ich mir wohl den Tisch ein Bischen an die Wand rücken, ich breche mir sonst hier das Kreuz mit Krummsitzen ab – so,« fuhr er fort, indem ihm die Frau rasch willfahrte und er den kleinen Tisch hinüberhob und sich wieder daneben niederließ, »jetzt geht es schon ein ganz Theil besser, wenn man sich anlehnen kann – die Wand wird sich doch nicht hinausdrücken?« – Die elastische Wand hielt aber, und da die Negerin jetzt auch das Essen: Reis mit darin gekochtem Wildpret, Sardinen, Brod, Früchte und Käse auf den Tisch setzte, und die Flasche Wein mit einem Glas dazu stellte, ließ sich Bill nicht lange nöthigen und griff wacker zu.

Die Frau indessen, die, wie es schien, nur aus Artigkeit ein paar Bissen verzehrte, was aber an dem Matrosen spurlos vorüberging, fuhr leise fort: »Wir sind in der That hier recht unglücklich in Neu-Granada, und nur die Hoffnung, daß Mosquera, der schon fast an allen Punkten siegreich gewesen ist, endlich diesem Treiben ein Ende machen würde, hatte uns bis jetzt noch aufrecht erhalten. Wir lebten auch in einem kleinen Städtchen, Karthago genannt, und oben in den Kordilleren so zurückgezogen und entfernt von dem eigentlichen Kriegsschauplatz, daß wir wenig von den steten Unruhen hörten. Mein Mann, ein geborner Venezuele, war Alkalde im Ort und mit der Mehrzahl der Bevölkerung Mosquera ergeben, der nur ein einziges Mal mit seinen Truppen durchzog und von uns auf das Freundlichste empfangen wurde. Da plötzlich, als er sich eben nach Bogota gewandt, um dort den Herd der Rebellion zu ersticken, brach eine starke Guerillabande der Godos aus den Bergen nieder, überfiel Karthago, plünderte und brandschatzte die Stadt, beging außerdem eine Menge Grausamkeiten und schleppte einen Theil der unglücklichen Beamten, unter ihnen meinen Gatten, mit sich fort und hier an der Küste hinunter, wo sie Buenaventura in gleicher Weise überfielen und besetzten.

»Zufällig war ich selber gerade an dem Tag, an welchem Karthago genommen wurde, bei Freunden auf dem Lande. Denken Sie sich mein Entsetzen, als ich zurückkehre und unsere Heimath verwüstet und Leichen überall umher gestreut finde. Es war ein schwacher Trost zu hören, daß mein Gatte nur gefangen sei, denn mit unmenschlicher Grausamkeit hatten sie die Gefangenen behandelt. In rohe Häute genäht – um den Zurückbleibenden Entsetzen einzuflößen – waren sie aus der Stadt hinausgeschleift worden. Ob sie noch lebten, wer konnte es sagen, und in Todesangst um den Geliebten folgte ich den Spuren der Mörder. Welche furchtbare Zeit ich damals durchlebt, ich könnte es nicht schildern, und will auch Ihre Geduld nicht ermüden, aber von Niemanden gekannt, erreichte ich Buenaventura und fand hier nur eine Freundin – meine alte Sarah dort, die früher in dem Haus meiner Eltern gewesen. Mit ihrer Hülfe erfuhr ich auch – während mein Name streng geheim gehalten wurde – daß mein Gatte noch lebe, aber fest im Kerker und geschlossen liege, und die Räuber unter sich nur noch nicht einig seien, ob sie ihn wie Andere, die man mit den Waffen in der Hand ergriffen, erschießen wollten, oder ob er langsam in seinem Kerker verderben solle.«

»Hm,« brummte Bill, dem die Erzählung höchst wunderbar vorkam, während er aber noch immer nicht begriff, was für eine Ursache die junge Frau gehabt haben konnte, ihn vor allen Andern als ihren Mann herauszugreifen und mitzuschleppen. »Das scheint ja recht hübsch hier zuzugehen. Und giebt es denn da gar keine Obrigkeit?«

»Du lieber Gott,« sagte die junge Frau, »die Behörden haben keinen eigenen Willen, und wo die Godos herrschen, setzen sie auch ihre eigenen Beamten ein. Es sind lauter Verräther an ihrem Vaterland, und welche Rücksicht würden sie auf ein armes, schwaches Weib nehmen!«

»Ja aber –« sagte Bill, der jetzt fertig gegessen und getrunken hatte und sich in einer viel wohlwollenderen Stimmung fühlte. Er empfand mit dem Unglück der bildhübschen jungen Frau ihm gegenüber wirkliches Mitleid, wenn er auch nicht recht begriff, wie und auf welche Art er ihr helfen könne – »das ist soweit recht gut – oder eigentlich wollte ich sagen recht niederträchtig, denn das muß ein schönes Gesindel sein, das mit Morden und Rauben im Lande herumzieht; aber was um Gotteswillen kann ich dabei thun? Ja, wenn wir ein amerikanisches Kriegsschiff hier hätten, so ließe sich noch eher ein Wort darüber reden, aber wir paar Matrosen, was wollen wir gegen die ganze, mit Musketen und Lanzen bewaffnete Bande anfangen? Hinausjagen können wir sie doch nicht, und sie schössen uns einfach vor den Kopf.«

»Und doch stehen den Fremden so viel Mittel zu Gebot, die uns vielleicht helfen können,« sagte die junge Frau mit angstbewegter Stimme. – »Ach, als ich Euch an unserer Küste landen sah und dabei wußte, wie ich hier, in meinem eigenen Vaterlande, keinen einzigen Freund, keinen Beschützer hatte, der es wagen würde, sich der Armen, Verlassenen anzunehmen, da war es mir, als ob Gott selber Euch zu meiner Hülfe gesandt, und nicht im Stande, den Fremden zu nahen, ohne Verdacht zu erregen, griff ich zu dem vielleicht unweiblich scheinenden, aber auch verzweifelten Mittel, Eure Hülfe zu erbitten. Darin wußte ich, daß mir die Neu-Granadienser beistehen würden, denn es ist schon oft vorgekommen, daß Fremde an dieser Küste ein Weib genommen und sie dann verlassen haben, um in ihre eigene Heimath zurückzukehren, und nur so konnte ich unverdächtigt mit Euch Verkehr unterhalten und die Mittel bereden, meinen Gatten und Alle, die noch halbverschmachtet in dem hiesigen Kerker ein elendes Dasein fristen, ja in steter Todesgefahr schweben, vielleicht zu befreien.«

»Aber, beste Frau,« sagte Bill jetzt wirklich verlegen, denn sein gutes Herz hätte ihr gern geholfen, wenn er auch nicht die Möglichkeit eines Gelingens sah – »wie in aller Welt sollen wir paar Menschen das erreichen, wenn wir die ganze Stadt dabei gegen uns haben?«

»Aber die ganze Stadt ist nicht gegen uns!« rief die junge Frau rasch – »hier meine treue Sarah hat mich wieder und wieder versichert, daß Buenaventura im Herzen Mosquera anhängt und mit Freuden das Joch der Godos abschütteln würde, sobald sie nur die geringste Aussicht auf Erfolg sähen. Wir sind auch nicht ohne Nachricht von draußen. Sarah's Neffe, ein braver tüchtiger Bursche und ein treuer Anhänger Mosquera's, war nach der Einnahme Buenaventuras zu den Freunden geflohen und hat Mosquera selber die Nachricht von dem feigen Ueberfall der Godos gebracht, wie auch von dem General die Versicherung erhalten, daß er ihm auf dem Fuße folgen würde, um die Stadt zu entsetzen und die Verräther zu züchtigen. Er ist gestern erst zurückgekehrt, um uns die frohe und hoffnungsreiche Kunde zu bringen.«

»Na,« sagte Bill vergnügt, »dann ist ja Alles in Ordnung und die Sache macht sich von selber.«

»Aber die Godos,« fuhr die Frau fort, »müssen durch ihre Spione wohl auch Verdacht geschöpft haben, daß sie in ihrer jetzigen Stellung bedroht werden könnten, denn sie arbeiten seit heute Morgen an festen Verschanzungen, um die Stadt von der Landseite her uneinnehmbar zu machen, und die ersten Opfer, die bei einer Belagerung fallen, sind jedenfalls die unglücklichen Gefangenen, damit diese nicht später als Ankläger gegen sie auftreten können.«

»Dann sind wir wieder so weit wie vorher,« seufzte Bill, »denn wenn uns die Mosquera-Bursche nicht helfen, können wir die verfluchten Kerle doch hier drinnen nicht allein beim Kopf nehmen.«

»So bin ich verloren,« stöhnte die arme junge Frau, und während ihr die großen hellen Thränen an den Wangen niederliefen, senkte sie das Haupt und faltete verzweifelnd die Hände im Schooß.

Bill hatte, wie schon bemerkt, ein gutes, weiches Herz, und er konnte besonders keinen Menschen weinen sehen – die Schiffsjungen vielleicht ausgenommen, die nur auf der Welt zu sein schienen, um schlecht behandelt zu werden – und selbst derer hatte er sich manchmal angenommen. Aber daß das arme junge Wesen da vor ihm Thränen vergießen sollte – Thränen, weil er ihr in ihrer Noth nicht beistehen wollte, schnürte ihm ordentlich die Brust zusammen. Er konnte es auch nicht lange mit ansehen, sondern seine breite, wetterharte Hand ihr über den Tisch hinüberreichend, sagte er gutmüthig: »Weinen Sie nicht, Madame – thun Sie's mir zu Liebe und weinen Sie nicht. Noch ist nicht Alles verdorben und ich weiß jetzt, wo's fehlt. Den Teufel auch – entschuldigen Sie, wenn mir manchmal so ein häßliches Wort herausfährt, an Bord lernt man nicht viel weiter – meine shipmates sind auch noch vier kräftige Bursche, und wer weiß, was sich noch Alles thun läßt. Außerdem haben wir das Boot und – für jetzt freilich kann man nichts versprechen, man muß eben sehen, was kommt. Aber wissen möcht' ich nur, wo das Gefängniß ist, damit man sich im rechten Augenblick nicht erst danach erkundigen muß.«

»Sarah soll Sie nachher, wenn Sie zu Ihren Kameraden zurückgehen, begleiten,« sagte die junge Frau, »und an dem Platz vorüberführen – aber Sie trinken ja gar nicht. Schmeckt Ihnen der Wein nicht?«

»Aufrichtig gesagt bin ich das saure Zeug nicht recht gewöhnt,« sagte Bill etwas verlegen. »Für den Durst ist es wohl gut, es schnürt Einem den Magen zusammen – ein Glas Grog wäre mir lieber.«

Die Frau rief der Negerin Etwas auf Spanisch zu, diese hatte aber schon die andere Flasche ergriffen und geöffnet, und reichte sie jetzt dem Matrosen. Bill roch auch nur daran, als er schon vergnügt ausrief: »Famoser Brandy, by Jingo! Das lass' ich mir gefallen!« und sich ein Glas mischend trank er es auf das Wohl der jungen Frau.

Indessen fing das Kind an zu schreien, mit dem sie sich beschäftigen mußte, und Bill war aufgestanden. Auch die Negerin warf sich ein Tuch um den Kopf, um ihn zu begleiten. Bill hatte aber noch etwas auf dem Herzen – er wollte irgend eine Frage stellen, die er sich jedenfalls scheute auszusprechen – ja er wurde ordentlich verlegen und räusperte sich ein paar Mal, sah auch nach der Frau hinüber und dann wieder nach der Treppe. Die junge Eingeborne merkte es endlich und sagte freundlich: »Sie wollen noch etwas von mir! o bitte, sprechen Sie es aus. Was ich für Sie thun kann, soll ja so gern geschehen.«

»Ja, Madame,« sagte Bill, dadurch nicht gebessert – »zuerst – möchte ich Sie um Ihren Namen bitten. Ich muß doch eigentlich wissen, wie – wie meine Frau heißt.«

»Candelaria,« lautete die Antwort, »mein Vorname, – der Name meines Mannes darf hier nicht genannt werden.«

»Hm, ja – und dann – merkwürdig, wo Sie das gute Englisch gelernt haben – es klingt ordentlich natürlich.«

»Mein Gatte hatte lange mit einer englischen Familie in Venezuela zusammengelebt, und als er später nach Neu-Granada kam und mich kennen lernte, lehrte er mich das Englische. Ja es wurde selbst in Karthago, wo wir einen Franzosen fanden, der ebenfalls desselben mächtig war, fast nur Englisch in unserem Hause gesprochen. Armer Robert – wer weiß, was aus ihm geworden ist, denn er hatte sich, wie ich hörte, den Godos mit den Waffen in der Hand widersetzt und war entweder getödtet oder gefangen genommen.«

»Ja, Madame,« sagte Bill, mit seinen Gedanken aber jedenfalls weit abschweifend, »ja wohl – aber – aber – wenn es nun Abend wird, so – so muß ich doch wieder hierher zurückkommen, denn – denn sonst –«

»Gewiß – gewiß,« sagte die junge Frau unter ihren Thränen lächelnd, während sich aber doch hohe Röthe über ihr liebes Antlitz ergoß – »Sie müssen nun schon mein Gast bleiben. Sarah wird Ihnen Ihr Lager dort in der Hängematte zurecht machen. Die Leute in Buenaventura dürfen keinen Verdacht schöpfen.«

»Gut,« nickte Bill vergnügt vor sich hin, denn es war ihm mit der Erledigung dieser Frage jedenfalls ein Stein vom Herzen genommen – »merkwürdig nur, woher Sie wußten, daß ich Bill hieß –«

»Ich hörte Sie von Ihren Kameraden bei Namen nennen,« lächelte die Frau, »und Ihr Gesicht hatte etwas so Offenes und Ehrliches –«

»Dank Ihnen, Madame, sollen sich auch nicht in mir geirrt haben,« nickte der Matrose, »und jetzt, mein schwarzer Schatz, wollen wir unsern Weg antreten, damit ich den Kameraden sagen kann, woher der Wind weht. Der alte Bob ist ein tüchtiger Kerl und kennt auch das Land hier – vielleicht bring' ich ihn mit, daß wir das Weitere noch mit dem besprechen können« – und ohne sich länger aufzuhalten, stieg er wieder auf die Straße hinab, wohin ihm die Negerin folgte, und schritt mit dieser dann gleich darauf durch die Stadt, um jetzt vor allen Dingen seine Bootsmannschaft wieder aufzusuchen.

Fünftes Kapitel.
Eine Entdeckung.

Unterwegs sprach die Negerin kein Wort mit ihrem Begleiter, schien aber vollkommen gut zu wissen, was sie zu thun hatte, denn sie führte ihn außen an der Stadt herum, wo eine Menge von Negern und Eingebornen beschäftigt waren, theils Bäume zu fällen und damit Verschanzungen oder Verhaue zu bilden, theils Gräben aufzuwerfen, hinter deren Erdwällen sich die Vertheidiger der Stadt decken konnten. Sie frug auch dort, um keinen Verdacht zu erregen, mehrere Leute nach den Fremden – wohin man sie geführt, und schritt dann wieder durch eine enge Straße quer in die Stadt hinein. Erst als sie dort ein breites und düsteres, mit starken Balken aufgeführtes Gebäude passirten, das unähnlich den übrigen nicht auf Pfählen stand, und dessen Fensteröffnungen mit starken eisernen Gittern verwahrt waren, bog sie sich scheu und flüchtig zu ihm über und flüsterte: »das Gefängniß.« Dann schritt sie weiter, ohne auch nur einen Blick darauf zu werfen.

Desto aufmerksamer betrachtete sich aber Bill dafür den unheimlichen, dumpfen Bau, vor welchem vier Soldaten, mit ihren Gewehren im Arm, auf und ab schritten, und es war ihm gerade kein angenehmes Gefühl, wenn er sich dachte, daß er selber durch irgend ein unbedachtes Vorgehen gegen die nun einmal am Ruder befindliche Macht in diese Höhle hineingeworfen werden könnte. Aber was that's: der leichte Sinn des Matrosen half ihm rasch darüber hinweg, und wenn er sich die Soldaten betrachtete, denen er begegnete, mageres, ausgemergeltes, saftloses Volk, mit Knochen, die man zwischen zwei Fingern zerbrechen konnte, so zuckte ihm ein verächtliches Lächeln um die Lippen und er verfolgte um so viel trotziger seinen Weg.

Angenehm ging es freilich nicht, denn ein nichtswürdiger Schlamm lag in den Straßen, den Eingebornen jedoch nicht hinderlich, da sie mit ihren bloßen Füßen bequem hindurchlaufen konnten, während Bill unwillkürlich daran dachte, daß er sein einziges Paar Schuhe hier in sehr kurzer Zeit wohl auftragen würde. Das ließ sich aber nicht ändern; durch mußte er und begriff nur nicht, wo seine Kameraden hingekommen sein konnten, da die Negerin schon an drei, vier Plätzen vergebens nach ihnen gefragt. Da plötzlich, als er eben wieder vor einem großen Gebäude vorüber ging, an dessen Thüre ebenfalls Wachtposten standen, rief eine lachende Stimme von oben herunter: »O, Bill! Du triffst gerade zur rechten Zeit ein, komm' herauf, mein Junge, und lass' Dich mit anwerben; Handgeld haben wir schon gekriegt, und das wird ein fideles Leben.«

»Den Teufel auch,« brummte Bill zwischen den Zähnen durch, als er nach oben sah und auf einer Art von Holzgallerie Tom entdeckte, der ihm äußerst fidel mit der einen Hand zuwinkte und ihm eine Flasche zeigte, die er in der andern trug.

»La casa del gobierno,« sagte die Negerin in spanischer Sprache, indem sie auf das Haus deutete, und als ob sie ihr Amt jetzt erfüllt habe, wandte sie sich ab und schritt die Straße zurück, durch welche sie eben gekommen.

Bill wußte nicht gleich, was er thun sollte, aber allein konnte er doch nicht unten auf der Straße bleiben, und da jetzt auch noch Bob auf die Veranda kam und ihn anrief, und die Schildwachen ihn ebenfalls bedeuteten hinaufzugehen, zog er sich seinen Hosenbund etwas in die Höhe und brummte entschlossen vor sich hin: »Here goes then – fressen können sie Dich auch nicht –« und betrat das Haus, wo er bald eine schmale hölzerne Treppe fand, die in den oberen Stock hinaufführte.

Dort traf er allerdings die Kameraden, aber in einem etwas sehr munteren und aufgeregten Zustand, was vielleicht ein paar auf dem Tisch stehende geleerte Flaschen entschuldigten. Er wurde auch mit Jubel von ihnen empfangen und augenblicklich nach seiner Frau und dem »niedlichen Gelbling,« dem Kleinen, gefragt, zeigte indessen keine besondere Lust, auf den rohen Scherz einzugehen und empfand auch jenes unbehagliche Gefühl, was uns stets ergreift, wenn wir, vollkommen nüchtern, in eine etwas angetrunkene, oder wenigstens von Wein sehr erregte und bunte Gesellschaft kommen. Wir werden dann selber stumm oder müssen uns gewaltsam in die nämliche Aufregung mit hineintrinken.

Unter anderen Umständen würde Bill auch jedenfalls ohne weiteres Zögern das Letztere gethan haben, denn er verschmähte wahrlich kein Glas Grog, wo ihm das auch geboten wurde; aber eine merkwürdige Veränderung war mit ihm vorgegangen; er mußte immer und immer wieder an die junge unglückliche Frau denken, die all' ihre Hoffnung auf ihn gesetzt, und das schien ihm die Lust am Trinken vollständig verleitet zu haben.

Aber so leicht ließen ihn die Kameraden nicht frei, denn selbst der Bootssteuerer, sonst ein ruhiger, gesetzter Mann, der sich bisher noch immer zu den Leuten in einer reservirten Stellung gehalten, schien die Schranken niedergebrochen und sich mit ihrer Flucht vom eigenen Schiff ausgesöhnt zu haben. Ganz ohne zu trinken kam er auch nicht frei; Bob kredenzte ihm die Flasche, und er mußte wenigstens zum Schein einen langen Zug daraus thun, dann aber rückte ihm auch ihr kleiner Dolmetsch zu Leib und erzählte ihm jetzt – ohne die gefundene Frau weiter zu erwähnen, daß seine Kameraden in das tapfere Heer der Godos eingetreten wären, ihrem Präsidenten gehuldigt hätten und jetzt bereit seien, den schurkischen Mosquera mit aus dem Land hinaus zu jagen.

Bill wollte sich nun freilich mit seinen neuen Pflichten als Familienvater – mit der braunen Frau und dem gelben Kind entschuldigen, aber das half ihm nichts. Sie waren Alle Familienväter, wie der Kleine meinte – Manche mit sechs bis acht gelben Kindern, und gerade um ihr Vaterland und ihre Familien zu vertheidigen, zögen sie in den Krieg. Und was für Aussichten hatten die Fremden dabei! Major und General konnten sie werden, oder wenn sie sich zur See auszeichneten, Kapitän und Admiral – und außerdem, wie er hinzusetzte, befanden sie sich hier in einer vom Feind bedrohten, und in Belagerungszustand erklärten Stadt, wo ihnen schon gar nichts Anderes übrig blieb, als mit der Bevölkerung die Waffen zu ergreifen, um ihr eigenes Leben sicher zu stellen.

Bill wollte ihm schon erwiedern, daß ihn die neugranadiensischen Verhältnisse eigentlich gar nichts angingen, und sie mit ihrem Boot eben so gut wieder abfahren könnten, wie sie angekommen wären, als ihm noch zum Glück die gerade erst vorgeschobene »Familie« einfiel. Jetzt war auch nichts zu machen; die eigenen Kameraden mit dem Grog im Kopf redeten ihm zu, und der kleine dicke Werbeoffizier hatte einige Minuten später die Genugthuung, ihm zehn Neu-Granadische Dollars als Handgeld in die breite Faust drücken zu können.

Damit war er zum neugranadiensischen Soldaten geworben, und die nächste Zeit mußte nun entscheiden, ob er zu den Insurgenten oder Regierungstruppen gehörte, denn das hing allein von dem Erfolg der Waffen ab.

An dem heutigen Tag war übrigens mit den frischen Soldaten nichts mehr anzufangen, denn Bob hatte sich auf eine Bank gesetzt und sang eine der endlosen amerikanischen Balladen, die eine Waffenthat aus ihren Seekriegen feierte, während Tom, dessen musikalisches Talent ebenfalls dadurch angeregt sein mochte, neben ihm Platz genommen hatte und ihn durch den Yankee Doodle in anderer Tonart und anderem Takt begleitete. Keiner störte aber dadurch den Anderen, denn sie hörten sich nur selber, und eine Anzahl südamerikanischer Soldaten sammelten sich um sie und horchte dem wunderlichen Duett mit der gespanntesten Aufmerksamkeit.

Bill versuchte jetzt mit dem Bootsteuerer ein Gespräch anzuknüpfen, aber auch das mißlang. Mr. Sikes war in jenes Stadium gelangt, wo die Menschen gerührt werden; er fiel Bill um den Hals, sagte ihm, daß er ihm keinen Groll nachtrage, weil er im Boot Streit mit ihm gehabt, versicherte ihn, daß er ein seelenguter Kerl wäre, und fing dann bitterlich an zu weinen.

Bill setzte ihn auf die Bank neben die beiden Sänger und stieg dann langsam die Treppe wieder hinunter auf die Straße, ohne daß er von irgend Jemanden daran verhindert oder nur gefragt worden wäre, wohin er wolle. Er war jetzt Einer der Ihrigen, und da man die Fremden heute noch nicht brauchte und in ihrem Zustand auch nicht gut brauchen konnte, mochte er eben hingehen, wohin er wollte; fort lief er ihnen doch nicht mehr, so viel war sicher.

Bill dachte jetzt auch in der That an nichts weniger als an Fortlaufen, aber die Trunkenheit der Kameraden widerte ihn an, und außerdem war es auch Zeit geworden, seine jetzige Wohnung wieder aufzusuchen, die er nie im Leben im Dunkeln gefunden hätte – es machte ihm Mühe genug am hellen Tag. Dabei benutzte er aber gleich die Gelegenheit, sich die »Außenwerke« ein wenig näher zu betrachten und überhaupt das Terrain kennen zu lernen; man wußte nie, wie man das einmal gebrauchen konnte.

Merkwürdig, wie das auf den Straßen aussah – der Regen hatte nachgelassen, und der Platz schien ziemlich bewegt, aber von Zehn, die ihm unterwegs begegneten, waren doch Acht sicherlich entweder Soldaten oder katholische Geistliche, und von den Letzteren traf er oft Gruppen von zehn und zwölf zusammen an, die sich auf das Lebendigste in ihrer Sprache unterhielten und nur, wenn er an ihnen vorüber ging, stehen blieben und hinter ihm drein schauten. Er bemerkte auch, daß alle Uebrigen diese frommen Herren ehrfurchtsvoll grüßten, ja selbst die Soldaten zogen, gerade nicht recht militärisch, die Mützen vor ihnen ab, während ihnen sogar die etwa auf der Straße befindlichen Frauen die Hand oder den schwarzen Rock küßten, was sich die Herren auch, als etwas Selbstverständliches, ruhig gefallen ließen. Sonderbar nur, daß sich so viele blutjunge Herren darunter befanden, die gleichwohl alle diese Huldigungen mit dem größten Bewußtsein ihrer Würde hinnahmen. Bill kümmerte sich aber wenig um sie – es fiel ihm nicht einmal ein sie zu grüßen, denn was gingen ihn, als Protestant, die katholischen Geistlichen an; er verfolgte nur ruhig seinen Weg, bis er endlich glaubte, er müsse in der Nähe von Candelaria's Hause sein. Aber die Gegend kam ihm so fremd vor; hatte er sich vielleicht verirrt? Das wäre eine verwünschte Geschichte gewesen, denn er konnte nicht einmal irgend Jemanden nach dem Weg fragen.

Wie er aber noch so dastand und unschlüssig umherblickte, sah er an der anderen Seite der Straße seine Negerin wieder, die ihm zunickte, ihm winkte und dann ohne Weiteres in die nächste enge Gasse einbog. Sie mußte ihn jedenfalls erwartet haben oder ihm vielleicht die ganze Zeit gefolgt sein, wenn er sie auch nicht bemerkt oder auf sie geachtet hatte.

Bill war bisher ein ziemlich derber und eigentlich auch etwas roher Gesell gewesen, wie man denn überhaupt nicht erwarten darf, auf Wallfischfahrern irgendwie feine oder sehr rücksichtsvolle Gesellschaft anzutreffen, und doch überkam ihn ein ganz eigenes, merkwürdiges Gefühl, als er zum zweiten Mal die Leiter an dem kleinen neuen Haus hinanstieg und sich wieder der jungen bildhübschen und doch so unglücklichen Frau gegenüber fand. Schönheit und Unschuld üben aber oft im Leben einen ganz ähnlichen und mächtigen Einfluß aus, und gerade solche derbkräftige Naturen fühlen sich am Leichtesten davon befangen und eingeschüchtert.

Der kleine Bursche war wach, und die Mutter hatte ihn auf dem Schooß und herzte und küßte das Kind, als Bill zum zweiten Mal bei ihr erschien – er war eigentlich gar nicht gelb, wie sich der Matrose jetzt gestehen mußte, sondern hatte nur jenen lichtbronzefarbigen Teint, der den Eingebornen dieser Küstenstriche eigen ist und sie auch in ihrer etwas dunkleren Schattirung vortrefflich kleidet. Und was für ein lieber, herziger Bursche der kleine Kerl war, und wie lieb und madonnenartig die junge Frau aussah, als sie sich über ihn beugte und mit ihm lächelte.

Einem angeschossenen Wallfisch, und wenn er die See im Todeskampf zu Schaum peitschte, wäre Bill mit der größten Ruhe und Entschlossenheit zu Leib gerückt, ja wenn es sein mußte, hätte er den Hai selber mit einem Messer in der Faust in seinem eigenen Element bekämpft. Hier fühlte er sich wie ein Kind, scheu und furchtsam, und als er den oberen Theil des Hauses erreichte und die junge Frau ihm freundlich und unbefangen die Hand entgegenstreckte, wagte er es kaum sie zu fassen, und setzte sich dann in die entfernteste Ecke nieder, um ihr nur ja nicht lästig zu fallen. Und nun erzählte er, was er draußen gesehen, und wie er seine Kameraden getroffen habe, und das arme junge Weib zuckte ängstlich zusammen als sie hörte, daß ihn die Godos in ihre Dienste angeworben hätten.

»Hol' sie der – und jener,« flüsterte aber Bill vor sich hin, als er sah, welchen Eindruck das Geschehene auf die junge Frau machte; »solche Kontrakte gelten nicht, wo die eine Partei die andere erst betrunken machen muß, um sie dahin zu bringen, wohin sie sie haben will. Wenn man gezwungen wird, dient man auch einmal dem Bösen selber – aber nur so lange, als man nothgedrungen muß, und nachher – dreht man den Spieß um.«

»O Du gütiger Gott, wie soll das enden?« seufzte die junge Frau, »wann wirst Du meinem armen Vaterlande den Frieden wieder geben?«

»Machen Sie sich deshalb keine Sorgen, Madame,« sagte aber der Matrose treuherzig, »wenn wir nur Ihren Mann erst wieder aus dem dumpfen Loch heraus hätten, an dem ich heute vorübergegangen bin. Vor der Hand ist aber gar nichts dabei zu thun, denn erst muß ich mit meinen Kameraden Rücksprache nehmen, was keinesfalls vor morgen geschehen kann. Heute sind sie unzurechnungsfähig und wissen nicht einmal etwas von sich selber, viel weniger von der Welt da draußen. – Und jetzt – es fängt an dunkel zu werden.«

»Dort ist Ihre Hängematte,« sagte die Frau schüchtern, »eine Matte und Decke liegt darin – Sie werden gewiß gut schlafen, denn Mosquitos haben wir hier wenig oder gar keine.«

»Und Sie wollen dann mit dem Kind auf dem harten Boden liegen, nicht wahr?« sagte Bill leise und fast wie vorwurfsvoll; »nein, Madame, daraus kann nichts werden. Bis morgen werde ich schon meine eigene Schlafstelle bequem einrichten, dafür lassen Sie mich sorgen, heute aber leg' ich mich dort in die Ecke – bitte, bekümmern Sie sich gar nicht um mich, und seien Sie versichert, daß ich nicht zu Schaden komme. In die Hängematte legen, ja wohl, und Sie draußen auf den Rindendielen lassen? Weiter fehlte gar nichts. So – nun sorgen Sie nur nicht mehr um mich,« fuhr er fort, indem er sich ohne Weiteres in die Ecke warf, dann seine Jacke auszog, ein Stück Holz herbeischob, auf das er den Kopf legen konnte, und die Jacke dann über sich deckte; »jetzt liege ich vollkommen bequem, und wenn Sie mich nicht wieder wecken, schlaf ich in fünf Minuten wie eine Ratze, denn müde bin ich eigentlich geworden.«

»Aber wie kann ich das zugeben?«

»Zugeben? – Sie können's eben nicht verhindern,« lachte Bill, »und wenn's angegangen wäre, hätte ich Sie nicht einmal heut Abend mehr gestört, aber wie die Sache nun einmal steht, muß ich noch eine Weile unter falscher Flagge segeln – thut mir eben leid, daß es eine falsche ist,« brummte er vor sich in den Bart, legte sich dann auf die Seite, zog sich die Jacke über die Augen und war in wenigen Minuten sanft und fest eingeschlafen.

Wie lange er so gelegen, wußte er nicht, aber mitten in der Nacht – wenigstens noch bei vollkommener Dunkelheit, wachte er durch ein ungewohntes, fremdartiges Geräusch auf, und hörte gleich darauf, als er völlig munter wurde – im Hause etwas flüstern und zischeln.

»Hm,« dachte Bill, »ich will gehangen werden, wenn nicht eben Jemand die Leiter heraufgekrochen ist, und jetzt haben wir Besuch im Haus – so viel ist sicher.«

Er horchte wieder – es war kein Zweifel, daß gerade in der Gegend der Hängematte eine sehr belebte, wenn auch fast lautlose Unterhaltung geführt wurde – nur dann und wann konnte er ein leises Zischeln unterscheiden, und zu gleicher Zeit schlich die Negerin Sarah – er kannte sie an dem vorsichtigen Husten, an den Treppenaufgang, und blieb dort stehen, als ob sie sich gegen irgend eine Ueberraschung verwahren wolle.

»O Weiber! Weiber,« brummte der Matrose vor sich hin und zog sich die Jacke fester über den Kopf – aber es ließ ihn nicht. Wieder mußte er horchen und ein recht häßliches, quälendes Gefühl zuckte ihm dabei durch's Herz. War das Eifersucht? – Aber welches Recht hatte er an die Frau? – Und wenn kein Recht, welche Pflicht dann, sich für sie zu sorgen und zu ängstigen? »Ei zum Teufel,« dachte er weiter, »wenn sie dich so an der Nase herumführt, dann kannst Du die Sache auch nur eben gehen lassen, wie sie geht, und brauchst Deinen Finger wahrlich in keinen heißen Brei hineinzustecken. Hol' sie der Henker.« Und damit legte er sich auf die Seite und wollte wieder einschlafen, aber es ging nicht. War der rauhe Boden zu hart? Du lieber Gott, er hatte schon manchmal viel härter und schlechter gelegen – oder störte ihn das Flüstern? Es war so leise, daß er es kaum unterscheiden konnte und dazu aufhorchen mußte. Am Liebsten wäre er ohne Weiteres aufgestanden und fortgegangen, aber es goß draußen wieder in Strömen, und wohin sollte er in dem fremden Ort, in stockdunkler Nacht und in dem Regen und Schlamm? Unwillkürlich seufzte er tief auf – und dann war plötzlich Alles still und ruhig, und wenn er auch eine Weile lang horchte, konnte er keinen Laut mehr vernehmen.

Darüber mußte er zuletzt wieder eingeschlafen sein, denn tolle, wunderliche Traumbilder kreuzten sein Hirn, und als er die Augen endlich öffnete, schien die Sonne hell und warm durch die halb offenen Seitenwände des kleinen luftigen Hauses.