Sechstes Kapitel.
Pläne und Gegenpläne.

Bill fuhr wirklich etwas überrascht in die Höh', denn seine Träume hatten ihn wieder weit hinaus in See, an Bord der alten Martha's-vine-yard geführt, und im ersten Moment wußte er nicht gleich, wo er sich befand, wie uns ja das häufig nach festem Schlaf so geht. Uebrigens sah er auch in der That eine Menge Menschen um sich her, die hier gar nicht hergehörten, und war noch viel zu wenig mit den südamerikanischen Sitten bekannt, um das trotzdem natürlich zu finden.

Es war allerdings lichter Tag, aber doch noch sehr früh am Morgen, das schien jedoch verschiedene Herren und Damen aus der Nachbarschaft nicht verhindert zu haben, ihren Besuch zu machen, nur um zu hören – natürlich –, wie es dem neuvereinigten Paar ginge, und dann auch wo möglich etwas über die näheren Verhältnisse zu erfahren, denn mit der Negerin Sarah, der das kleine Haus gehörte, war nichts anzufangen, die erzählte fast nie, und nur das hatte sie ihnen bis jetzt gesagt, daß die junge Frau bis dahin in Tumaco gewohnt habe und von dort, nach der Flucht ihres Mannes, hierher gekommen sei.

Candelaria war schon auf und angezogen und wirthschaftete mit Sarah an dem kleinen Herd, um das Frühstück zu bereiten, während zwei von den Nachbarinnen mitten in dem Zimmer kauerten und eigentlich die Unterhaltung allein führten. Außerdem waren aber auch noch – ebenfalls aus Neugierde, ein paar junge Bursche mit heraufgestiegen, die an den Wänden herumlehnten. Der Eine von diesen rauchte auch seine Papier-Cigarre, während sich der Andere angelegentlich mit einem großen Stück Zuckerrohr beschäftigte, von dem er Streifen mit seinem Messer abhackte, dann in den Mund steckte und aussog und das ausgekaute Rohr ziemlich ungenirt mitten in die Stube warf.

Als sich Bill aufrichtete und erstaunt den Blick in dem belebten Raum umherwarf, nickten sie ihm auch freundlich zu, ohne aber ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen, denn sie wußten ja doch, daß er sie nicht verstand – oder hatte er sich gestern nur verstellt? Die Damen nahmen übrigens nicht die geringste Notiz von ihm und schienen ihn eher mit Verachtung zu strafen. Pfui über einen Mann, der seiner Frau davon lief und erst mit Gewalt wieder eingefangen werden mußte; er sollte wenigstens fühlen, wie verächtlich er sich gemacht hatte.

Leider ging das Alles total an Bill verloren, denn im Anfang beschäftigte ihn die Tageszeit – er konnte doch nicht so lang geschlafen haben – aber nein, die Sonne war kaum aufgegangen und schien noch ganz schräg durch die Spalten der Hütte – es war jedenfalls nicht weit über sechs Uhr – und schon Besuch? – Sein Blick flog nach der jungen Frau hinüber und die Erinnerung an die letzte Nacht stieg in ihm auf und zuckte ihm wieder mit einem recht fatalen, unangenehmen Gefühl durch's Herz. Es war ihm – so fremd ihm die Frau auch immer sein und bleiben mochte – als ob er etwas Liebes auf der Welt verloren habe – und das hatte er auch – er hatte ein Stück Vertrauen eingebüßt und er nahm sich in Gedanken fest vor, sobald als nur irgend möglich das Haus zu verlassen, und dann nicht wieder hierher zurückzukehren – zwingen konnte sie ihn ja nicht, da er ihr Geheimniß wußte.

Und wie unruhig sie heut Morgen war – wie ängstlich sie umher sah und sich doch auch wieder jede nur erdenkliche Mühe gab, gleichgültig zu erscheinen. Oft sogar horchte sie scheu und erschreckt, als ob sie irgend Etwas zu hören glaubte, und sank dann wieder in sich zusammen.

Bill war aufgestanden und hatte seine Jacke angezogen, und die alte Negerin brachte ihm, mit einer ungewöhnlichen Aufmerksamkeit, ein aus einer Kalebasse geschnittenes Waschbecken und ein kleines, aber schneeweißes Handtuch, mit dem er die etwas schwanke Leiter hinabstieg und unter das Haus ging. Er konnte doch nicht dort oben vor den Damen Toilette machen; wäre auch jetzt gleich am Liebsten fortgegangen, aber das Handtuch mußte er jedenfalls erst wieder oben abliefern, daß es da unten nicht gestohlen würde. Weiter hatte er nichts mehr in dem Haus zu thun.

Als er hinauf kam, deckte eben Candelaria wieder den kleinen Tisch und setzte den eisernen Kocher darauf, in welchem sie die Chokolade bereitet hatte – und der Besuch schien nicht zu wanken und zu weichen. Jetzt aber mochte es Sarah auch satt bekommen, von neugierigem Volk belästigt zu werden, dessen Absicht sie noch dazu durchschaute. Daß es weiße Damen waren, machte dabei keinen Unterschied; seit Aufhebung der Sklaverei hatten die Neger dasselbe Recht – und nahmen sich manchmal noch ein wenig mehr heraus – und hier in ihrem eigenen Hause brauchte sie sich nicht ärgern zu lassen.

»Señoras,« sagte sie deshalb ohne weitere Umstände, »bitte, wenn Sie jetzt hinunter gehen, so machen Sie die kleine Thür an der Umzäunung unten zu, die Kühe laufen uns sonst immer unter das Haus und reiben sich an den Pfählen. – Señor, da liegt noch ein Stück von Ihrem Zuckerrohr – vergessen Sie es nicht.«

Das war deutlich genug, und die Angeredeten verstanden auch den Wink und verließen, wenn auch nicht in guter Laune über die Abfertigung, das Haus; und der junge Bursche mit seiner Papier-Cigarre blieb, da er nicht erwähnt worden, ruhig sitzen und begann sogar sich eine neue Cigarre zu drehen. Mit dem machte die alte Frau aber kurzen Prozeß.

»Höre, mein Bursche,« sagte sie, indem sie ihm auf die Schulter klopfte, »hast Du schon heut Morgen Deine Chokolade getrunken?«

»No, Señora,« schmunzelte der Halbindianer, indem er einen vergnügten Blick auf den Tisch warf, denn er folgerte aus der Frage eine Einladung für sich selber – hatte sich aber getäuscht.

»So?« sagte die Alte mit der größten Gemüthsruhe, »na, dann geh' hin und trinke sie, denn in der Stadt unten geht es heut Morgen bunt zu, und Du weißt nicht, ob Du nachher Zeit zum Frühstücken bekommst. Sei so gut und schieb mir einmal den Pfahl ein wenig von unten herauf – willst Du?«

»Gewiß,« nickte der Bursche ganz verdutzt, »gewiß, Señora – mit dem größten Vergnügen,« und die halbfertige Cigarre noch in der Hand, kletterte er an dem Baum hinunter und hob ihn dann auf, daß ihn Sarah bequem nach oben ziehen konnte, wodurch jede weitere Verbindung mit unten abgeschnitten wurde.

»Madame,« sagte da Bill, der diese Vorbereitung mit ansah, »wenn's Ihnen recht wäre, möchte ich Sie bitten, mich auch vorher hinunter zu lassen. Ich möchte gern ...«

»Nun?« sagte die Negerin erstaunt, »wollen Sie denn nicht frühstücken.«

»Lieber nicht,« meinte Bill, »ich habe – keinen rechten Appetit ...«

»O bleiben Sie,« bat da die junge Frau, die in ordentlich fieberhafter Ungeduld die Entfernung der lästigen Fremden erwartet hatte, »ich habe Ihnen so Wichtiges mitzutheilen.«

»Mir, Madame?« sagte Bill verwundert, »das ist wohl ein Irrthum.«

»Bitte, setzen Sie sich,« drängte aber die Frau, »dorthin, wo wir von den Seitenwänden verdeckt sind, daß die Nachbarn nicht sehen, wie wir uns unterhalten. Diese Häuser sind alle so offen.«

»Ja,« brummte Bill, »das stört manchmal, ist aber doch oft auch wieder bequem.« Dabei leistete er übrigens der Einladung Folge – er mußte doch hören, was ihm die Frau zu sagen hatte, und war außerdem auch wirklich hungrig geworden. Auf dem kleinen Tisch dampfte aber die Chokolade, und lockten so verführerisch frisches Brod und goldgelbe Bananen, daß er dem nicht widerstehen konnte.

Kaum aber hatte er sich neben den Tisch niedergelassen, als sich die junge Frau auf der andern Seite zur Erde kauerte und mit leiser, zitternder Stimme sagte: »O, Señor, der Augenblick, wo ich auf Ihre Hülfe zähle, naht rascher heran als ich geglaubt, und Gott selber hat Sie mir zur rechten Zeit hiehergeführt. Sie werden mich doch nicht verlassen ...«

»Madame,« sagte Bill, mit einer Banane und seiner Chokolade beschäftigt, »so viel ich weiß, war doch gestern Abend noch nichts Besonderes vorgefallen; da müssen Sie denn wohl über Nacht etwas Neues erfahren haben?«

»Allerdings – allerdings,« flüsterte ihm die Frau ängstlich zu, »jener Freund meines Mannes, von denen ich Ihnen gestern sagte – jener Franzose, Robert Beaugead aus Karthago, den ich todt oder gefangen glaubte – er war in dieser Nacht hier – in unserem Haus ...«

»Hier?« sagte Bill und vergaß in dem Augenblick Essen und Trinken.

»Hier,« bestätigte aber die junge Frau. »Sie schliefen und haben ihn nicht gehört, aber mit Lebensgefahr schlich er sich durch die Posten der Feinde, um hier Sarah aufzusuchen, von der er wußte, daß sie allein ihm Auskunft über uns und unser Schicksal geben könne.«

Bill erwiderte nichts, aber die Tasse stellte er hin und über den Tisch hinüber reichte er seine breite, harte Hand der Frau, die nicht wußte, wie sie sich die Bewegung deuten sollte. Aber vorsichtig drückte er nur ihre zarten Finger, und fiel dann mit einem wahren Feuereifer wieder über die Bananen und Chokolade her.

Candelaria sah ihn erstaunt an, da er aber in seiner Beschäftigung fortfuhr und nur aufmerksam zu ihr hinüber sah, erzählte sie weiter: »Er brachte uns gute und schlimme Nachricht: gute, daß Mosquera mit einer ziemlich bedeutenden Macht schon in unmittelbarer Nähe von Buenaventura steht – schlimme, als dadurch das Schicksal der Gefangenen auf das Furchtbarste gefährdet wird, denn bis jetzt haben es sich die Godos fast zur Regel gemacht, sobald ihre Lage verzweifelt erschien, die Gefangenen entweder in die Wildniß mit hineinzuschleppen oder, wenn das nicht anging, zu tödten.«

»Bestien,« brummte Bill zwischen den Zähnen durch.

»Das wird die Zeit sein,« bat Candelaria mit angstbewegter Stimme, »in der Sie und Ihre Freunde uns beistehen müssen, wenn wir nicht Alle verloren sein sollen.«

»Das ist eine verfluchte Geschichte,« sagte Bill, sich hinter dem Ohre kratzend; »Daß wir uns gestern Alle bei den Godos angeworben haben, wäre das Wenigste, und ich würde mir auch nicht das geringste Gewissen daraus machen, der blutigen Gesellschaft ein Schnippchen zu schlagen; aber wie soll ich es nur den Kameraden beibringen, daß sie eigentlich gar nicht auf diese, sondern auf die andere Seite gehören? Ja, wenn ich sie einmal hierher bringen könnte, daß sie mit Ihnen sprechen und sich Alles erzählen lassen könnten: aber das geht nicht, da merkten die barfüßigen Lumpen am Ende Lunte und die Sache wäre noch schlimmer als vorher.«

»Aber sie haben auch einen Amerikaner gefangen genommen,« sagte Candelaria rasch.

»Einen Amerikaner?« rief Bill verwundert, »wo denn?«

»Jener Franzose Beaugead brachte die Nachricht mit. Gar nicht weit von der Stadt entfernt, auf dem Wege in's Innere, hatte Jener eine Kakaopflanzung angelegt und baute dabei Zuckerrohr und brannte Agua ardiente, das er zum Verkauf nach Buenaventura sandte. Dort scheinen die Godos unterwegs, kurz vorher, ehe sie diese Stadt nahmen, bös gewirthschaftet zu haben, denn einige der Gebäude fand ich, als ich den Platz passirte, niedergebrannt, und die Zuckerrohrfelder, in die sie wahrscheinlich ihre Pferde getrieben hatten, arg verwüstet. Der Amerikaner, wie Beaugead berichtet, muß sich aber widersetzt haben, ja die Neger auf der Estancia erzählten sogar, er hätte einen der Offiziere niedergeschossen und einen Anderen schwer verwundet, dann wurde er übermannt, ebenso, wie sie es in Karthago gethan, in eine frische Kuhhaut gebunden und von den übermüthigen Godos hierherzu nach Buenaventura geschleift. Möglich ist, daß sie ihn sogar getödtet haben, aber nicht leicht thun sie das mit Fremden; lebt er übrigens noch, so schmachtet er auch jedenfalls in dem nämlichen Gefängniß mit meinem Gatten.«

»Ein Amerikaner?« sagte Bill erstaunt, »ein richtiger Yankee hier in dem Loch von einer Calebouse?[2] Na, wenn wir dahinter kommen könnten, ich glaube, dann hielt es eben nicht schwer, die Anderen auf unsere Seite zu bringen. Sie stürmten das Nest am hellen lichten Tag.«

[2]: Calabozo, spanisches Wort für Kerker, aber auch in Nordamerika, besonders unter den Seeleuten, sehr gebräuchlich, wo die trunkenen und streitsüchtigen Matrosen, besonders in New-Orleans, sehr häufig die Bekanntschaft dieses dort sogenannten Ortes machen.

»Und gewiß ist er dort gefangen, wenn er noch lebt,« sagte Candelaria.

»Wenn wir nur wüßten, wie wir's herausbekommen könnten,« nickte Bill vor sich hin, »aber lassen Sie mich nur machen,« fuhr er plötzlich empor, »ich weiß ein Mittel, ihn dazu zu bringen, daß er Antwort giebt, wenn er wirklich drinnen steckt, und davon müssen wir uns so bald als möglich überzeugen.«

»Sie wollen fort?«

»Ja,« sagte Bill entschlossen, indem er sich mit einiger Mühe von seinem niederen Sitz emporhob, »gewiß will ich fort, denn hier kann ich weiter nichts mehr nützen, und auch keinen Schaden mehr thun,«[3] setzte er mit einem Blick auf das Frühstück hinzu, »aber draußen muß ich jetzt die Kameraden sprechen und wenn,« – er horchte hoch auf, denn schrille Trompetensignale schallten in dem Augenblick von der Straße herauf und kündeten jedenfalls irgend etwas Außergewöhnliches.

[3]: I've done all the dammage I could (ich habe allen Schaden gethan, den ich thun konnte) sagen die Amerikaner im Westen sehr häufig, wenn sie noch zum Essen genöthigt werden und satt sind.

»Sie haben von der Annäherung des Feindes Kunde bekommen,« rief Candelaria, rasch emporfahrend.

»Aller Wahrscheinlichkeit nach,« nickte Bill, »und jetzt können wir bei den Fallen stehen, wie es an Bord heißt. Also good bye, Madame – leben Sie wohl,« setzte er, ihr die Hand hinüber reichend, hinzu, »machen Sie sich keine Sorge, so lange es nicht nöthig ist, und – wenn's nöthig werden sollte, na dann – dann thun Sie's noch immer nicht. Bring' ich die Anderen dazu, daß sie uns helfen, so haben Sie fünf tüchtige Kerle auf Ihrer Seite, und die können schon was zu Wege schaffen, wenn sie zusammenhalten, und geht's wirklich am Ende schief – hol's der Henker, wir können nur einmal sterben, und draußen, hinter den schmierigen Wallfischen her, riskiren wir unser Leben doch alle Tage. – Leben Sie wohl, Madame.« – Er hatte mit der Rechten ihre zarten Finger ergriffen und strich ihr mit der breiten linken Hand leise und weich, wie einem Kind, über die dunklen Locken – dann wandte er sich ab, zog sich, nach Matrosenart, den Hosenbund in die Höhe und kletterte, ohne sich noch einmal umzusehen, an dem eingekerbten Baumstamm auf die Straße hinunter.

Und dort schien allerdings etwas Außerordentliches vorzugehen, denn von allen Seiten sprangen Soldaten vorüber, ihrem Sammelplatz zu, während die Frauen auf der Straße standen und auf's Lebhafteste mit einander gestikulirten.

Die Amerikaner sagen freilich: »Bindet einem Franzosen die Hände auf den Rücken, und er kann kein Wort mehr reden.« Ebenso ist es aber mit den Südamerikanern, die ihre Hände auf das Nothwendigste zur Unterhaltung brauchen, während sie der Engländer gewöhnlich dazu in die Taschen steckt. Es ist ein lebendiges Volk, sobald nur einmal seine Leidenschaften erregt sind, und hier standen in der That sämmtliche Interessen der ganzen Stadt auf dem Spiel, da sie mit ihren leichten, luftigen und blättergedeckten Häusern bei einer wirklichen Beschießung der Stadt auch der fast sicheren Gefahr ausgesetzt waren, den ganzen Ort durch Feuer zu verlieren. Entstand nur irgendwo ein Brand, so war auch an Rettung kaum mehr zu denken, und ganz Buenaventura wäre vielleicht in einer halben Stunde von der Erde verschwunden.

Und für was? – Bloß damit ihr in Panama oder Bogota residirender Präsident einen andern Namen trug, denn einen weiteren Nutzen hatten sie doch nicht dabei. Ihre Steuern mußten sie der oder jener Regierung zahlen, wie sie auch hieß, und welche Versprechungen sie ihnen jetzt machte, das Resultat blieb immer und ewig dasselbe. Daß aber die Geistlichen jetzt den gegenwärtigen Besitzhaltern das Wort redeten und des Himmels Strafen auf sie herab prophezeiten, wenn sie die Godos im Stich ließen? Lieber Gott, die predigten auch nur für ihr eigenes Interesse, denn sie wußten, daß sie Mosquera des Landes verwiesen hatte, gerade ihrer ewigen, revolutionären Predigten wegen. Und welches Gute war ihnen je durch die Pfaffen geworden? Die eigentlichen Bewohner von Buenaventura neigten auch in der That viel mehr der Partei Mosquera's als seines Gegenkandidaten zu, aber was konnten sie machen, wo der Feind ihre Stadt besetzt und sie so gewissermaßen in Händen hielt? Sie mußten ruhig abwarten, wie sich des Krieges Glück gestalten würde, und nur der wirkliche Sieger durfte auf ihre Hülfe rechnen.

General Oran, der jetzige Befehlshaber der Stadt, kannte auch seine Leute recht gut und zeigte ihnen nicht mehr Vertrauen, als er nothgedrungen mußte. Waffen gab er ihnen deßhalb gar nicht, und nur draußen an den Schanzen mußten sie – sehr gegen ihre Neigung – unter der Aufsicht seiner Offiziere arbeiten und die Befestigungswerke verstärken helfen, die sie am Liebsten ganz wieder niedergerissen hätten, um es zu gar keinem Kampfe kommen zu lassen. Aber es half ihnen eben nichts, und wenn sie sonst fast zu lässig waren, ihre eigenen Papier-Cigarren selber zu drehen, so mußten sie jetzt mit Hacke und Schaufel im Schweiße ihres Angesichts den Grund durchwühlen, wenn sie nicht als »Vaterlandsverräther« angeklagt und in's Gefängniß geworfen werden wollten.

Bill kümmerte sich indessen wenig um die verschiedenen kleinen Trupps, die mit ihrem Werkzeug auf den Schultern hinaus zu den frisch aufgeworfenen Schanzen zogen. Er suchte das Gouvernementsgebäude, wo er seine Kameraden wußte, und brauchte sich nicht einmal lange danach umzusehen, denn schon unterwegs traf er Soldaten, die ausgeschickt waren ihn zu holen, und ihm mit Zeichen bedeuteten, daß er ihnen folgen solle.

Vor dem Gouvernementsgebäude wimmelte es auch wirklich von bewaffneten Menschen, die man aber eigentlich kaum Soldaten nennen konnte, da sie aus allen Ständen des Lebens zusammengewürfelt schienen und nur in ihrer großen Minderzahl Uniformen trugen – und was für Uniformen! – alte blaue Jacken, hier eine mit einem rothen Aufschlag, dort mit einem blauen, da mit gar keinem. Gewehre hatten allerdings die Meisten und auch Patrontaschen, oder wenigstens Beutel zu ihren Patronen anhängen. Viele trugen aber auch nur Lanzen von der verschiedensten Länge, oft bloße Bajonnete auf eine Gartenstange oder ein Bambusrohr gesteckt. Manche waren auch nur mit Kavalleriesäbeln und Pistolen bewehrt – aber zu Fuß; doch ein vollständiges Musikkorps mit großer Trommel, Cymbeln und Pauken spielte dazu einen lustigen Marsch und hatte besonders eine Menge von Frauen und Mädchen um sich her versammelt, die den schmetternden Tönen mit Wohlgefallen lauschten. Was kümmerte sie der Bürgerkrieg, waren sie doch von Jugend auf daran gewöhnt und fast nur auf solche Scenen zu ihrer Unterhaltung angewiesen.

Bill hielt sich nicht lange unten auf, sondern sprang die Treppe hinan, wo er denn auch richtig die Kameraden fand, an welche man ebenfalls Waffen austheilte. Bob besonders hatte schon einen großen Säbel umhängen und bekam jetzt noch eine Patrontasche nebst einer entsetzlich schweren Muskete, schien aber – wie auch die Uebrigen – nichts weniger als erbaut von der neuen südamerikanischen Beschäftigung.

Gestern, ja, von dem reichlich – und vielleicht zu reichlich genossenen Grog angeregt, hatte ihnen die Abwechslung im Leben und vielleicht auch der Gedanke, in Südamerika einmal Soldat zu spielen, Spaß gemacht; heute aber, wo sie nüchtern geworden waren und auch die Kehrseite des Bildes betrachteten, gefiel es ihnen gar nicht mehr so außerordentlich, und sie wären heute vielleicht viel lieber wieder in ihr Boot gesprungen und die Küste weiter hinauf gesegelt, als hier in der glühend heißen Sonne und durch den Schlamm eine alte Muskete herum zu schleppen – denn, daß es zu irgend einem Kampf kommen würde, glaubten sie nicht einmal.

»Well, Bill!« rief Bob diesem entgegen, als er ihn erblickte, »glücklich endlich unter den »Marines« angelangt. Hol's der Teufel, jetzt fehlte weiter gar nichts, als daß sie uns auch noch ein paar Stunden in der Sonne draußen einexerzirten.«

»Hallo, Jungens,« lachte Bill, »ihr seht wirklich ordentlich martialisch aus, aber – habt ein Bischen Acht auf Euch. Es geht los.«

»Das alte Ding von Muskete hier?« sagte Bob, »ich glaub's nicht.«

»Nein, draußen – die andere Partei rückt an.«

»Na, dann wünsch' ich nur, daß sie eine einzige Granate in das blutige Nest hier werfen,« brummte Dick, »und nachher ist die Geschichte gleich vorbei, denn wenn keine Stadt mehr da ist, brauchen wir sie auch nicht mehr zu vertheidigen.«

»Ja, wenn wir noch an Bill's Stelle wären,« sagte Tom, »und eine Familie hätten, aber so elende Junggesellen, daß die sich für ein ganz fremdes Volk vielleicht die Knochen sollen voll Blei schießen lassen, ist mir außer dem Spaß.«

»Na, Jungens,« meinte da der Bootsteuerer, der sich aber ein wenig gedrückt fühlte, denn er hatte vom gestrigen Tag furchtbare Kopfschmerzen, »wir schlagen uns immer für Republikaner.«

»Ja,« nickte Bill, ohne auf Tom's Spott zu antworten, »und gegen Republikaner auch, und ich denke, wenn wir das gewollt hätten, so konnten wir zu Hause bleiben, wo es gerade in dem Geschäft alle Hände voll zu thun giebt, aber wißt Ihr wohl,« er sah sich vorher um, und dicht hinter sich ihren kleinen Dolmetsch stehen, der ihnen vergnügt zunickte.

»Das ist recht, Señores,« rief dieser, »bewaffnen Sie sich für das Vaterland, aber suchen Sie sich um Gottes willen gute Musketen aus, denn es sind welche darunter, bei denen die vermaledeiten Mosqueraner Nägel in die Zündlöcher geschlagen haben, die kein Teufel wieder herausbringt. Die schnappen nachher bloß.«

»Ja, aber zum Henker,« rief Bob, »auf wen schießen wir denn? es ist ja gar kein Feind da: oder sollen wir auch noch in's Land hineinmarschiren?«

»Das nicht,« sagte der Kleine, »aber wir haben Kunde erhalten, daß ein Guerillatrupp der Mosqueraner, die Gott vernichten möge, gegen uns anrückt, um wahrscheinlich bei Nacht einen Ueberfall zu wagen und dann, wie sie es gewöhnlich thun, wieder in die Berge zu flüchten. Denen wollen wir diesmal die Zeche heimzahlen, amigos, daß sie das Wiederkommen vergessen. »Muera Mosquera!« ist unser Feldgeschrei, und wenn wir den Usurpator erwischten, ich glaube, die Republik zahlte den Fang mit seinem Gewicht in Gold.«

»Hm!« sagte Bill, der ihm aufmerksam zugehört hatte, denn man mußte aufpassen, wenn man Alles verstehen wollte, was der kleine eifrige Mann heraussprudelte, da er noch eine Menge von spanischen Wörtern hineinmischte; »ich dachte, Sie hätten ihn gefangen, und er säße mit in dem breiten Gefängniß da drüben hinter den Eisengittern.«

»O Gott nein,« sagte der Kleine, »das sind nur Einige von seinen Anhängern – traidores – Verräther am Vaterland, die wir mit den Waffen in der Hand ergriffen, und die ihrer gerechten Strafe nicht entgehen sollen.«

»Die haben Sie wohl mit aus dem innern Land gebracht?« frug Bill noch einmal.

»Ach, was kümmern uns die,« wich aber der Kleine der Frage, die ihm nicht angenehm zu sein schien, aus, indem er unter einem Haufen von dort liegenden Gewehren herumkramte; »he,« sagte er dann, »hier ist ein gutes Stück – nichts im Zündloch und vollständig mit Bajonnet versehen – hier, Don Guillelmo, das nehmen Sie – da liegt auch eine Tasche, versuchen Sie aber erst, ob die Patronen hineinpassen. – Und Sie, Señor,« wandte er sich dann noch einmal an Tom, »haben ja auch kein Gewehr – da ist noch eines.«

»Danke vielmals,« knurrte Tom, »ich kann mit den Dingern nicht umgehen und habe mir dort die Wallfischlanze heraufgeholt. Mit der weiß ich Bescheid, und wenn's zum Treffen kommt, richte ich mehr mit der, wie mit solch' einem nichtsnutzigen Schießeisen aus, von dem man überhaupt nie weiß, ob es los geht.«

»Nun, machen Sie das, wie Sie wollen,« rief der Kleine, indem er plötzlich auf die Veranda hinaussprang und auf die Straße hinab sah. Dort mußte er aber etwas bemerkt haben, was ihn interessirte, oder seine Gegenwart vielleicht nöthig machte, denn er eilte die hölzerne Treppe wieder in aller Hast hinunter, die Matrosen sich selber überlassend. Kaum aber war er fort, als Bill, der rings herum nur die schwarzbraunen Bursche bemerkte, die hier ebenfalls mit den Waffen zu thun hatten, den Kameraden auch mit kurzen bündigen Worten seine Erlebnisse erzählte und ihnen zugleich mittheilte, daß man sie hier auf eine ganz verkehrte Seite pressen wolle, und er wenigstens gesonnen sei, gegen diesen Mosquera keinen Schuß abzufeuern.

»Höre einmal, Mate,« sagte da Bob, »das ist ein wunderliches Ding mit der Politik dieser Länder, und der Henker mag sich hineinfinden; ich werde wenigstens nicht klug daraus und gedenke auch gar nicht, mir den Kopf darüber zu zerbrechen. So viel aber ist sicher, daß wir zu der Partei halten müssen, in die wir hineingeworfen sind. Ob sie nun recht oder unrecht hat – geht uns auch gar nichts an; das ist ihre Sache, und mögen sie mit ihren Landsleuten ausmachen.«

»So?« sagte Bill, »und wenn wir also noch mit dazu helfen sollen, einen Landsmann von uns, einen Amerikaner, im Kerker zu halten und vielleicht gar dabei zusehen, wenn er todt geschossen wird, dann geht uns das auch nichts an?«

»Einen Amerikaner?« riefen die Matrosen rasch, »wo?«

»Hier, in dem Loch von einem Gefängniß natürlich,« entgegnete Bill, »und wer weiß denn, wer es ist und wie sie ihn indessen behandelt haben? Das müßten wir doch jedenfalls vorher herausbekommen, ehe wir uns für die Gesellschaft todtschlagen lassen, und sitzt da wirklich ein richtiger Yankee fest, so will ich auch verbrannt werden, wenn ich nicht zusehe, wie ich ihn wieder herauseisen kann.«

»Ja, Mate,« meinte der Bootsteuerer, »und wir Alle ebenfalls; wie aber wollen wir es erfahren? denn wenn wir den kleinen, kurzbeinigen Kerl darum fragen, der hier allein englisch spricht, so sagt uns der im Leben nicht die Wahrheit.«

»Gut, dann giebts auch noch ein anderes Mittel, um es herauszubekommen,« nickte Bill vor sich hin, »zu thun haben wir doch jetzt noch nichts, denn sie scheinen gar nicht zu wissen, was sie vor der Hand mit uns anfangen sollen, und indessen wollen wir einmal einen Spaziergang durch die Stadt machen – mit unseren Gewehren müssen sie uns so überall durchlassen.«

»Können wir auch thun,« sagte der Bootsteuerer, »meine Schuh sind überdieß noch nicht ganz entzwei, und in dem Schlamm weichen sie desto besser von den Füßen herunter – aber wohin?«

»Am Gefängniß vorbei,« sagte Bill; »dort treiben wir uns dann eine kleine Weile umher, und es müßte mit dem Henker zugehen, wenn wir den da drin Sitzenden nicht bemerkbar machen könnten, daß Amerikaner draußen sind.«

»Aber dann auch fort,« rief Dick, »ehe der Kleine wieder kommt, denn der weiß jedesmal etwas zu bestellen. Hat denn Einer von Euch heute einmal nach unserem Boot gesehen, ob es noch im Stand und an der alten Stelle ist?«

»Ich war vorhin unten, als ich die Lanze holte,« nickte Tom, »Alles in Ordnung. Wer weiß auch, ob wir's nicht einmal nächstens brauchen werden? denn daß ich hier an Land gekommen wäre, um Soldaten zu spielen, ist blos ein Irrthum von den braunen Lumpen.«

»Und nun vorwärts,« sagte der Bootsteuerer, »da unten fangen sie schon wieder an, Signale zu blasen. Eine schöne Ordnung halten sie aber, das ist wahr; Keiner weiß, wer Koch oder Kellner ist, und die Waffen scheinen hier zu beliebigem Gebrauch aufgestellt zu sein – nicht einmal eine Schildwacht daneben und kein Offizier, der sich darum bekümmert. Kuriose Welt.«

Damit stiegen die neu »eingekleideten« Matrosen, ihre Gewehre oder sonstigen Waffen auf der Schulter, ruhig die Treppe hinunter und wieder auf die Straße, und Niemand kümmerte sich in der That um sie, wohin sie gingen oder was sie trieben.

Siebentes Kapitel.
Yankee Doodle.

Der Bootsteuerer hatte recht, es schien eine merkwürdige Unordnung unter der ganzen Mannschaft zu herrschen, wie denn auch der ganze Trupp nicht aus einexerzirten Soldaten, sondern nur aus zusammengelesenen Freiwilligen bestand, die unter dem Versprechen der Plünderung geworben waren und zusammengehalten wurden. Von einem Exercitium sahen dabei die Offiziere vollständig ab, denn in dem Sumpf- und Waldland wäre dasselbe auch gar nicht möglich gewesen; was brauchten die Guerillas auch ein solches, wenn sie nur einen Hinterhalt zu benutzen und einen Ueberfall rasch und kräftig auszuführen verstanden. Auch mit der Subordination sah es nicht besonders aus, und General Oran, der diese Bande befehligte, hatte schon ein paar Mal Exempel statuiren müssen, um das wilde Volk nur ein wenig im Zaum zu halten; oft genug schlugen sie aber trotzdem noch über die Stränge, und nur dringende Gefahr konnte sie zu einem einigermaßen festen Ganzen zusammenbringen.

Aber was kümmerte das die Seeleute, die jetzt von Bill geführt, die Straße hinabschlenderten, wo sie denn auch, ohne von irgend Jemandem befragt oder nur beachtet zu werden, links abbiegend das Gefängniß bald erreichten.

Hier standen allerdings Posten genug, und sie wußten recht gut, daß man ihnen nie erlaubt haben würde, das Haus selber zu betreten. Das lag aber auch noch gar nicht in ihrem Plan, und sie begnügten sich vor der Hand damit, es von Außen in Augenschein zu nehmen.

Unheimlich genug sah es aus, besonders im Vergleich zu den übrigen auf Pfählen gebauten, luftigen und verhältnißmäßig auch reinlichen Häusern, wie es da im Schlamm, niedrig und mit ziemlich flachem Dach – wie eingesunken und breitgedrückt lag. Steine hatte man aber nicht zu seinem Bau verwandt, nur mächtige Stämme jenes eisenfesten Biguarriholzes, das in diesen Wäldern in Masse wächst, die fest ineinander gefügt nicht einmal der Luft einen Durchzug gestatteten, während winzig kleine, dicht unter dem Dach angebrachte Fenster mit dicken, neben einander stehenden Eisenstäben eben so wenig den Gefangenen hinaus, wie einen Sonnenblick hinein in seinen dunklen Kerker ließen.

Es mußte ein entsetzlicher Aufenthalt dort im Innern sein, noch schrecklicher durch das feuchte heiße Klima für den daran nicht Gewöhnten, wenn er verdammt wurde, seine Tage da zu verbringen.

»Bless my soul,« sagte der Bootsteuerer schaudernd, als sie daran vorüberschritten; »in das Loch werden sie doch wahrhaftig keinen Amerikaner geworfen haben? Nur eines von unseren kleinsten Kriegsschiffen schösse ja das ganze Nest in Zeit von fünf Minuten in Grund und Boden zusammen.«

»Und wie wollen sie's erfahren und wo sind sie?« brummte Bill; »so viel weiß ich aber, ganz rein ist die Geschichte nicht, denn unser gelbbrauner Dolmetsch wollte gar nichts davon wissen, als ich auf das Gefängniß zu sprechen kam, und steuerte geschwind einen andern Kurs.«

»Und wie kommen wir dahinter?«

»Verdammt leicht,« sagte der Matrose mit einem trotzigen Lachen. »Hinein dürfen wir nicht, und wer da drinnen sitzt, wird uns auch nicht wohl sehen können, aber jedenfalls hören, und wer kann uns hindern, hier den Yankee Doodle zu singen?«

»Bei Gott!« rief Tom rasch, »das ist wahr, und wenn ein Amerikaner hinter den Stäben sitzt und das Lied hört, dann weiß er auch, daß Freunde in der Nähe sind und wird sich schon melden.«

»Denke so,« nickte Bill, »und nun fangt an – Du, Dick, hast ja eine so verwünscht gellende Stimme, daß Einem ordentlich die Ohren weh thun; jetzt lass' sie einmal los.«

Dick ließ sich auch in der That nicht lange bitten und begann plötzlich – sehr zum Erstaunen der Wachtposten – mit so kreischender scharfer Stimme die höchst eigenthümliche Melodie des Yankee Doodle zu singen, daß ein paar gerade dort vorbeikommende Frauen erschreckt umdrehten und in das nächste Haus flüchteten. Die Soldaten lachten aber, denn das Lied gefiel ihnen, wenn sie auch die Worte nicht verstanden, und die übrigen Matrosen stimmten jetzt mit ein:

Yankee Doodle came to town
To buy a pair of trowsers,
There were so many tailorshops
He could'nt see the houses.[4]
[4]:
 Yankee Doodle kam zur Stadt,
 Weil ihm Hosen nöthig thaten,
 Konnt' aber keine Häuser sehen
 Vor lauter Kleiderladen.

Nach dem ersten Vers schwiegen sie – aber sie brauchten nicht lange auf Antwort zu warten.

»Hülfe!« tönte gleich darauf aus einem der Löcher eine hohle Stimme in englischer Sprache – »helft mir, Jungens, hier sitzt ein Amerikaner! – Helft mir –«

Aber die Wachtposten hatten die Zurufe ebenfalls gehört, und mit dem strengen Befehl, keine Unterhaltung der Gefangenen mit Außenstehenden zu gestatten, sprangen sie rasch zu und bedeuteten die Fremden, weiter zu gehen und da nicht stehen zu bleiben.

»I'll be« – wollte Bill schon zu fluchen anfangen, der Bootsteuerer aber, der das Nutzlose eines Widerstandes in diesem Augenblick recht gut voraussah, ergriff rasch seinen Arm und rief: »Ruhe, Bill, Ruhe! wir müssen unsere Zeit abwarten und wissen ja doch jetzt, was wir wissen wollen – komm' – da drüben marschirt eben ein ganzes Bataillon Soldaten die Straße herunter; wenn wir jetzt Lärm machen, haben wir im Nu die ganze Gesellschaft auf dem Hals. Wir müssen uns erst bereden, was wir thun wollen.«

»Gut,« sagte Bill, der ebenfalls die Soldaten bemerkte und das Nutzlose eines Widersetzens in diesem Augenblick einsah – »dann kommt; aber ein Zeichen soll er doch haben,« und sich gegen das Fenster drehend, rief er aus: »Freunde in der Näh'! hab' guten Muth!« und gleich darauf fielen die Anderen wieder jubelnd ein:

He met a man with gingerbread
Another one with honey,
But when he was to pay for it
He found he had no money –[5]
[5]:
 Er traf 'nen Pfefferkuchenmann
 Und kaufte sich zu essen,
 Doch als er dafür zahlen wollt',
 Hatt' er sein Geld vergessen.

und damit zogen sie, ohne sich weiter um die Wachtposten zu bekümmern, die Straße hinab.

Weit kamen sie übrigens nicht, da schoß plötzlich aus einer Seitengasse, oder vielmehr zwischen ein paar Häusern hindurch, ihr kleiner Dolmetsch auf sie zu und rief, ganz außer Athem: »Aber Señores, wo stecken Sie denn? ich suche Sie wie ein Stück Geld in der ganzen Stadt – der General hat nach Ihnen gefragt und will Sie sprechen.«

»Der General?« frug der Bootsteuerer, der stillschweigend das Kommando über seine vier Matrosen wieder übernommen hatte – »na denn man zu, Jungens; wir müssen doch wenigstens hören, was der alte Herr zu sagen hat.«

»Alte Herr?« lachte der Kleine, »ist gerade einundzwanzig Jahre alt.«

»Bravo, dann kann er's noch zu was bringen – wenn er nicht früher gehangen wird,« lachte Bob; »aber kommt – Zwei und Zwei, wie es die Landsoldaten auch machen – Sie voran, Mr. Sikes, und Du, Tom, halt Deine Lanze ein Bischen hoch, daß Du Niemanden damit zu nahe kommst – vorwärts marsch!« und der kleine Trupp, dem das wilde Leben anfing Spaß zu machen, marschirte ernsthaft hinter ihrem Führer her.

Der General – in der That ein ganz junges Bürschchen, das nur die Guerillabande errichtet und sich den Titel dann, der ihm besser als »Capitano« klang, zugelegt, hatte sein Hauptquartier eigentlich in einem Privathaus genommen, war aber jetzt auf das Regierungsgebäude gekommen, um »sein Heer« zu mustern und eine Ansprache nicht allein an seine Truppen, sondern auch an die Einwohner von Buenaventura zu halten.

Natürlich verstand er kein Wort Englisch und der Dolmetsch mußte die Matrosen begleiten, die sich gleich darauf dem eigentlichen Herrn der Stadt gegenüber fanden.

Und was für ein grüner Bursche war es! Er sah genau so aus, als ob er eben hinter einem Ladentisch vorgesprungen wäre und sich nur geschwind einen Säbel umgeschnallt hätte, trug aber eine mit Goldstickereien fast bedeckte Uniform, und Epauletten, die sich durch ihr Gewicht ordentlich herunterbogen. Er machte ein sehr ernsthaftes und wichtiges Gesicht und schien den Fremden dadurch besonders imponiren zu wollen, erreichte seinen Zweck aber allerdings nicht, denn die Matrosen waren nicht so leicht eingeschüchtert, und als er mit solchem Pathos vor ihnen stand, flüsterte Tom seinem Nachbar Bill in's Ohr: »Nun sieh' Einer den jungen Truthahn an, wie er sich spreizt und schleift. Ich hätte verdammt Lust, ihm mit meinem Lanzenschaft eines auf den Schädel zu geben.«

Der Dolmetsch übersetzte ihnen jetzt den etwaigen Sinn der Rede, der ungefähr darauf hinauslief, daß der Feind anrücke und der Augenblick gekommen sei, wo sie die Freiheit einer großen Nation mit ihrem Blute sollten besiegeln helfen. Die Amerikaner wären auch ein freies Volk und Republikaner und deßhalb die Brüder der Neugranadienser.

»Well old fellow,« unterbrach ihn da Bill, »wenn das Alles wahr ist, weßhalb haltet Ihr denn da Einen von diesen Republikanern und Brüdern in Eurem nichtswürdigen Loch von Gefängniß hinter den Eisengittern, he?«

»Wat de debie!« rief der kleine Mann erstaunt und fast erschreckt aus, »was wißt Ihr denn von einem Amerikaner?«

»Was wir davon wissen?« sagte der Bootsteuerer – »wir wissen, daß er in dem Loch sitzt, und wollen ihn heraus haben – weiter nichts.«

»Was sagen sie?« frug der General erstaunt, und der Kleine übersetzte ihm mit lebhaften Gestikulationen das eben Gehörte. Der General blieb aber vollkommen ruhig und erwiederte nur, wie ihnen der Kleine zurückübersetzen mußte, daß das kein Amerikaner, sondern ein Engländer und ein Verräther sei, der sich heimlich gegen die rechtmäßige Regierung des Landes verschworen und dann mit den Waffen in der Hand versucht habe, die Truppen seiner Excellenz des Präsidenten zu überfallen und zu vernichten. Er werde aber seiner gerechten Strafe nicht entgehen, denn er solle mit dem nächsten hier landenden Regierungsschiff nach Panama gesandt und dort vor ein Kriegsgericht gestellt werden.

»So,« setzte dann der kleine Dolmetsch hinzu, »nun wißt Ihr die ganze Geschichte, und wenn ich Euch einen guten Rath geben soll, so haltet Ihr die Mäuler und mischt Euch nicht in Sachen, die Euch nichts angehen. Ihr seid jetzt neugranadiensische Soldaten, denn Ihr habt das Handgeld genommen, und der General spaßt nicht. Sowie Ihr Euch widersetzt, werdet Ihr einfach todtgeschossen. Das ist Kriegsrecht, bei Euch so gut wie bei uns – und nun vorwärts marsch!«

Die Matrosen waren selber unter sich noch zu keinem rechten Entschluß gekommen, sahen aber auch ein, daß sie vorläufig nichts ausrichten konnten, denn das Regierungsgebäude stak gedrängt voll bewaffneter Menschen. Sie folgten also dem Befehl. Wie sie aber unten auf die Straße kamen, sprengte ein mit Schlamm ordentlich bedeckter Reiter vor die Thür, warf sich vom Pferd und eilte die Treppe hinauf, während die Leute unten durcheinander stürzten und von den verschiedensten Zurufen allarmirt waren.

Etwas mußte im Werk sein, aber was? – Sie verstanden kein Wort von dem Aufruhr, und da sie zu gleicher Zeit ein Offizier bedeutete, in eine der dort formirten Kolonnen einzutreten, so blieb ihnen auch keine Zeit, selber nachzusehen. Wenige Minuten später marschirten sie die Straße hinauf in Reih und Glied, um – wie sie nicht anders vermutheten – irgendwo an den Schanzen postirt zu werden. Jedenfalls mußte der reitende Bote die Kunde gebracht haben, daß der Feind anrücke.

Da sah Bill die Negerin an der Seite stehen und forschend die Reihen betrachten. Wie sie aber die Fremden unter der Truppe entdeckte, schritt sie quer über die Straße hinüber, als ob sie an die andere Seite hinüber wollte, und blieb jetzt dicht neben den Vorderen stehen, um den Zug erst vorüber zu lassen. Jetzt kamen die Matrosen, und Bill, der erhaltenen Warnung eingedenk, that auch gar nicht, als ob er sie kenne – die Negerin sah ihn ebenfalls nicht an – wie er aber an ihr vorüberschritt, murmelte sie leise, aber doch so, daß er die Worte deutlich verstehen konnte: »Ship in sight« (Schiff in Sicht) und schritt dann langsam an der vorbeidefilirenden Reihe herunter und auf die andere Seite hinüber.

»Alle Teufel!« rief Bill leise vor sich hin, »hast Du gehört, Tom, was die Alte da eben sagte?«

»Versteh' ich Spanisch?« knurrte dieser – »verdamm' das Kauderwelsch!«

»Aber es war gutes Amerikanisch und hieß Ship in sight

»Hell!« rief Tom erstaunt aus – »jetzt fehlte weiter gar nichts, als daß der alte Blubberkasten, die Martha's-vine-yard, hinter uns hergekommen wäre und uns wieder an Bord haben wollte. Ha! das war ein Schuß!«

»Es geht los, Jungens,« sagte Bob, sich nach ihnen umdrehend, »das war gerade von der Schanze her, und wir wissen jetzt nicht einmal, für was wir uns sollen todtschießen lassen.«

»Du, Bob – ein Schiff in Sicht.«

»Ein Schiff! der Teufel auch – was für eines?«

»Ja weiß ich's – nur eben erst hab' ich's gehört.«

»Von dem Hügel da aus muß man das Wasser sehen können – da stehen auch Menschen oben.«

»Ja, aber wir dürfen nicht hinauf. Wetter noch einmal, wenn das unser Alter wäre – o Sikes – Schiff in Sicht – Martha's-vine-yard –«

»Den Teufel auch!« rief der Bootsteuerer – »dann geh' ich meiner Seel' wieder an Bord, denn den Morast hier hab' ich satt, und da fängt es auch schon wieder an zu regnen. Das ist ein vermaledeites Land.«

Die Aufmerksamkeit der Matrosen wurde aber doch jetzt ausschließlich auf ihre unmittelbare Umgebung gerichtet, denn wieder fielen drei, vier Schüsse dicht hintereinander, während der Offizier der Kolonne ein Kommando gab und die übrigen Soldaten jetzt im Sturmschritt weiter liefen – immer durch den Schlamm. Dabei fing es wirklich an zu regnen, und sie sahen sich im nächsten Augenblick vor den Schanzen, in deren Nähe der Boden durch die Erdarbeiten fast grundlos geworden war. Ein Feind ließ sich aber nicht blicken, und die Schüsse waren wohl auch nur von den tapferen Vaterlandsvertheidigern abgefeuert worden, um sich selber Muth zu machen – wenigstens hatte sich noch kein Gegenstand gezeigt, auf den sie wirklich zielen konnten – ein Schwarm von Papageien ausgenommen, der aber kreischend in den Wald abstrich.

Indessen regnete es »tropisch.« Wie mit Bindfaden kam es herunter; dabei wehte kein Luftzug, was es erdrückend schwül machte, und Ordonnanzen liefen herüber und hinüber, und brachten Meldungen und nahmen Befehle wieder mit, so daß sich die Seeleute, die kein Wort davon verstanden, wie verrathen und verkauft dazwischen vorkamen. Außerdem wurden sie in diesem Augenblick von dem einen Offizier hier hinübergeschickt, und dann kam im nächsten ein anderer und frug, was sie denn da um Gottes willen wollten, und dann mußten sie wieder den eben gemachten Weg zurückmarschiren.

»Das ist eine reine Heidenwirthschaft,« sagte der Bootsteuerer, der zuletzt ungeduldig wurde, »und kein Mensch scheint hier ein Oberkommando zu führen. So viel ist sicher, hat dieser Mosquera nur eine Idee von einem Angriff, so sind wir Alle miteinander verloren.«

Indessen befanden sich die »obersten Behörden« von Buenaventura in nicht geringer Aufregung, denn das ansegelnde Schiff beunruhigte sie im höchsten Grad, da sie nicht wußten, was sie daraus machen sollten. Jedenfalls war es ein größeres Fahrzeug, als sie hier gewöhnlich zu sehen bekamen, und wenn es zu Mosquera's Partei gehörte, so kamen sie dadurch zwischen zwei Feuer und sahen sich den Rückzug nach allen Seiten zu abgeschnitten.

Nun behaupteten allerdings einige Personen am Land, daß es ein vollkommen friedlicher Wallfischfänger sei, der hier zufällig anlaufe, und mit ihren Parteien nicht in der geringsten Verbindung stünde. Dicker Rauch stieg sogar vom Schiff auf, ein Beweis, daß es ganz ruhig seinen gewonnenen Speck auskoche – die schon jetzt deutlich bemerkbaren Schießlucken an Bord seien nur gemalt. Andere bestritten das aber wieder. Der Rauch an Bord würde, wie sie meinten, nur unterhalten, um sie über den Charakter des Schiffes irre zu führen, damit sie sich sicher fühlen sollten, bis es nahe heran wäre, dann würde es seinen wahren Charakter schon zeigen. Wenn es wirklich ein Wallfischfänger sei, weßhalb führe es denn nicht seine Flagge, wie es alle Schiffe thun, wenn sie sich einem Hafenplatz nähern?

Unter der Zeit waren die Matrosen bald hier- bald dorthin geschickt worden, als der General den Befehl gab, sie zum Ufer zurückzurufen, da man sie hier, falls sich das fremde Fahrzeug wirklich als ein feindliches zeigen sollte, besser zu verwenden hoffte, als draußen bei den Schanzen. Kaum erreichten sie aber den ersten offenen Platz, von dem aus sie einen Blick über See gewinnen konnten, als Bob überrascht ausrief: »I'll be damned – the Martha's-vine-yard! – Jetzt ist der Teufel zu zahlen und kein Pech heiß!«

»Und sie kocht aus!« rief der Bootsteuerer – »beim Himmel, sie haben Fische gefangen und mehr an Deck, als sie gleich unterbringen können. – Da drüben hängt noch ein langer Streifen Speck am Blubberhaken, was lange herunter wäre, wenn sie nicht den Raum voll hätten.«

»Und was will die hier in Buenaventura?«

»Nach uns aussehen, natürlich,« sagte der Bootsteuerer. »Der »Alte« kennt die Küste hier gut genug und wird wahrscheinlich wissen, daß wir nirgends anders stecken können, wenn wir an Land gerudert sind.«

»Was ist das für ein Schiff?« frug jetzt der eine Offizier die Fremden, indem er mit dem Arm hinausdeutete. Sie verstanden wenigstens, was er meinte, bei seiner Bewegung.

»Wenn wir klug sind, halten wir die Mäuler,« brummte Bob, der noch immer keine Lust verspürte, an Bord zurückzukehren, »was geht uns der alte Kasten an?«

»Wird uns nichts helfen, Mate,« meinte aber der Bootsteuerer, indem er gegen den Offizier nur als Antwort die Achseln zuckte: »denn sicher schicken sie ein Boot herüber, um sich zu erkundigen. Jedenfalls werden wir aber da hören, wie's drüben steht, und ich glaube nur nicht, daß uns das Volk hier wieder fort läßt, Dich nun einmal gar nicht, Bill, als Familienvater.«

»Unsinn!« brummte der Matrose – »aber da hinten geht's los – das wird Ernst. Jetzt knattern die Schüsse von allen Seiten.«

»Und da drüben geht auch schon ein Boot nieder,« rief der Bootsteuerer; »wenn die ihre Lanzen mitbrächten, könnten wir am Ende das Nest von Gefängniß stürmen und den Amerikaner herausholen. Der ganze Schwarm steckt jetzt an den Schanzen.«

»Es ist nur der Teufel,« brummte Bob, »daß ein an Land fahrendes Boot keine Lanzen und Harpunen mitnimmt. – Jungens, die müssen wahrhaftig schmählichen Thran an Bord haben.«

»He holla, amigos,« rief jetzt der kleine Dolmetsch, der von Schweiß und Regen triefend auf sie zusprang – »was für ein Schiff ist das da drüben? Wallfischfänger?«

»Ja wohl,« nickte Bob, denn er hielt es für unmöglich, das abzuleugnen – ein Kind konnte es ja von hier mit bloßen Augen erkennen.

»Nicht Mosquera, heh?« fuhr der Kleine fort.

»Mosquera? was hat Mosquera mit der Martha's-vine-yard zu thun,« brummte der Matrose.

Der Kleine wandte sich jetzt an den Offizier des Trupps und schien, seinen Bewegungen nach, diesen veranlassen zu wollen, die Leute wieder nach den Schanzen zu dirigiren, wo indessen das Feuer lebhafter wurde. Der aber zuckte die Achseln. Er hatte jedenfalls Befehl erhalten, hier zu warten, und schien selber keine übergroße Lust zu haben, an dem Gefecht Theil zu nehmen.

Da plötzlich brach es von allen Seiten los. Hier und dort knallten und knatterten die Schüsse, und wildes Geschrei tönte von dort herüber: ja einzelne Kugeln schlugen sogar über die Häuser hinweg bis hier herüber, und eine alte Frau wurde kaum zehn Schritt von den Seeleuten getroffen, als sie eben an diesen vorübereilte.

»Caramba, Señor!« schrie da ein herbeisprengender Adjutant den Führer des kleinen Trupps an, der noch immer an seiner Stelle hielt. – »Hören Sie denn nicht, daß wir von allen Seiten angegriffen werden? Vorwärts – gleich dort drüben am Gefängniß vorüber scheint der Platz, auf den sich der Feind besonders geworfen. Im Sturmschritt! marsch!«

Dem Befehl mußte gehorcht werden. Die Seeleute warfen wohl noch einen Blick nach dem immer näher kommenden Boot hinüber, aber die Kolonne setzte sich in Bewegung, und in der nächsten Minute schon verbarg ihnen die Biegung der Straße den Blick nach der See hinüber.

Achtes Kapitel.
Der Kampf.

An den Schanzen ging es indessen wild genug her, denn ohne daß der Feind einen wirklichen Sturm mit der Lanze oder Bajonnet versucht hätte, beunruhigte er die Linie vollkommen, indem er, von dem dichten Unterholz dieser Wälder gedeckt, bald von da, bald von dort heraus ein plötzlich heftiges Feuer eröffnete, so daß die Belagerten glaubten, er würde mit jeder Minute dort herausbrechen, während dann plötzlich an einer andern Stelle das Spiel auf's Neue begann.

Jedenfalls erreichte er dadurch seinen wahrscheinlichen Zweck, die Godos zu ermüden, die unter einem mehr erfahrenen Führer ihre Kräfte auch sicher besser zusammengehalten und auf den eigentlichen Kampf verspart hätten. So aber wurden sie ganz unnöthiger Weise in Schlamm und Regen hin und her gehetzt, um ununterbrochen gegen einen versteckten Feind zu kämpfen, dem sie dabei nicht einmal einen sichtbaren Schaden zufügen konnten.

Ein junger feuriger Offizier schlug allerdings vor, einen Ausfall zu machen und die Guerillas zu Paaren zu treiben, denn er vermuthete ganz richtig, daß der Feind sich nicht stark genug fühle, sie schon anzugreifen, und jedenfalls weitere Zuzüge erwarte, oder auch vielleicht selber wieder abziehe. »General« Oran aber wollte nichts davon wissen, denn er fürchtete einen Theil seiner Leute in einen Hinterhalt zu bekommen, und fühlte sich der eigentlichen Bewohner von Buenaventura noch lange nicht sicher genug, um sich auf ihren späteren Beistand zu verlassen.

Da plötzlich hörte das Feuern auf. Hatte sich der Feind einen andern Platz zum Angriff ausersehen? – Kein Schuß fiel mehr, aber das jetzige Schweigen war noch viel unheimlicher als der frühere Lärm, denn nun quälte die Ungewißheit die Vertheidiger, wie lange es anhalten und wo und wann sie der Feind zuerst wieder angreifen würde.

General Oran war selber an Ort und Stelle, und mit richtigem Gefühl, daß er all' seine Soldaten nicht vorn lassen dürfe, sondern einen Theil in Reserve behalten müsse, um sie rasch dorthin senden zu können, wo sie nöthig werden sollten, beorderte er die Letztzugerückten an den Hang der Erderhöhung, in unmittelbare Nähe der Stelle, an welcher das Gefängniß stand. Dort konnten sie auch unter die nächsten Häuser treten, um wenigstens gegen den Regenguß geschützt zu sein – oder vielmehr um ihre Gewehre trocken zu halten, denn um die Soldaten selber würde er sich wenig gekümmert haben.

Indessen landete das Boot des Wallfischfängers, und die Leute erkannten augenblicklich das dort auf den Strand gezogene vierte Boot ihres Schiffes, das sie schon halb und halb verloren geglaubt und nun mit einem Hurrahruf begrüßten. Der kleine Dolmetsch, der oben an der Landung stand, um sie zu erwarten, hörte das Hurrahgeschrei, hatte aber keine Ahnung, daß es dem Boot gelten könne, denn seiner Meinung nach sah ein Boot wie das andere aus, und eine besondere Unterscheidung derselben war unmöglich.

Und jetzt kamen die Leute das Ufer herangestürmt und frugen den ihnen entgegen Tretenden in ihrer stürmischen Weise, wo ihre Kameraden wären.

»Kameraden?« sagte der Neugranadienser verwundert, »Kameraden? was weiß ich von Kameraden; wo kommt ihr her, amigos? – Was wollt ihr hier?«

»Wo sind die Leute,« rief aber der erste Harpunier, ohne sich weiter mit einer Beantwortung der an ihn gerichteten Fragen aufzuhalten – »die in das Boot da unten gehören?«

»Die Leute? – was für Leute?«

»Die Amerikaner! Höll' und Verdammniß! Ihr werdet doch wissen, was aus der ganzen Bootsmannschaft geworden ist?«

»Caramba, Señor!« sagte aber der Kleine, »was geht mich Eure Bootsmannschaft an? habe ich sie unter Aufsicht bekommen?«

»Du wärst ein Kerl dazu!« lachte der erste Bootsteuerer. »Seht einmal, Bawlins, dem Burschen wachsen die Waden gleich aus dem Sitztheil heraus.«

Die übrigen Matrosen lachten, der kleine Südamerikaner wurde aber böse, denn wenn er auch den Sinn der Worte nicht ganz vollkommen verstand, so begriff er doch recht gut, daß sich die Fremden über ihn lustig machten, und in seiner Stellung empörte ihn das auf's Tiefste.

»Señores,« rief er deßhalb – »was wollen Sie hier? Unser Land ist in Aufruhr, und wir haben deßhalb keine Zeit und keine Lust, uns mit müßigem fremden Volk abzugeben, das an unsern Küsten herumfährt und unsere Fische wegfängt.«

»Haha, Meister,« lachte aber der Harpunier, »Eure Fische? und weßhalb fangt ihr sie nicht selber? Aber wir wollen hier weiter nichts, als unsere im Nebel verschlagenen Leute wieder abholen, deren Boot wir da unten gefunden haben. Also, wo sind sie? Ausflüchte helfen Euch nichts, denn, verdamm' mich, gebt Ihr sie nicht gutwillig heraus, so lande ich mit unserer ganzen Mannschaft und nehme das blutige Nest mit Sturm.«

Der kleine Mann wollte gerade eine zornige Antwort darauf geben, als eine scharfe Salve von Links herüber knatterte und er sich erschreckt dorthin wandte. Zu gleicher Zeit wurde aber auch das Feuer von der rechten Seite her laut, und es war augenscheinlich, daß jetzt der Angriff auf beiden Seiten eröffnet sei, wo eine Entscheidung nicht lange auf sich warten lassen konnte. Ohne sich auch weiter mit den Fremden aufzuhalten, die, wie er doch jetzt wußte, wenigstens nicht zu Mosquera's Partei gehörten, lief er, so rasch ihn seine kurzen Beine trugen, in die Stadt hinein, es den Matrosen überlassend, selber zu sehen, wie sie ihren Auftrag ausführten.

Diese waren aber deßhalb nicht verlegen, denn wenn ihnen auch nicht entgehen konnte, daß wieder irgend eine der ewigen Revolutionen im Land ausgebrochen sei, so dachten sie doch, mit dem kecken und leichtsinnigen Muth derartiger Leute, viel weniger an die eigene Gefahr, welcher sie sich dabei aussetzten, als an den Spaß, ein solches Treiben einmal in der Nähe zu betrachten.

»Heda, Jungen, was meint ihr?« sagte der Harpunier, »wollen wir an Bord zurückkehren und dem Kapitän Bericht erstatten, oder uns lieber erst da oben die Geschichte einmal mit ansehen? Vielleicht finden wir dort auch unsere Leute, denn wo es was zu raufen gibt, fehlt Bill und Tom sicher nicht.«

»In die Stadt, Sir!« riefen aber die Leute wie aus einem Munde, »unter jeder Bedingung! Der Teufel weiß auch, ob sie unsere Kameraden nicht am Ende eingesperrt haben, und vielleicht können wir dann da oben Luft machen.«

»Na, vorwärts denn, meine Bursche,« sagte der alte Mann, der sein Lebensalter zwischen Wallfischen und wilden Indianern zugebracht. »Waffen haben wir freilich nicht, aber ich denke, wenn wir sie brauchen sollten, werden wir sie schon finden, denn da oben sehe ich einen solchen Haufen bewaffneter Landratten herumlaufen, daß wir ein paar von denen leicht »schälen« können. Vorwärts, damit wir nicht zu spät zum Tanz kommen« – und ohne ein Wort weiter zu sagen, lief er, von seinen Leuten dicht gefolgt, gerade in die Stadt hinein und der Richtung zu, von welcher das schärfste Gewehrfeuer herübertönte.

Die Seeleute brauchten übrigens nicht weit vorzudringen, um mit den »Vaterlandsvertheidigern« in Berührung zu kommen, denn lange vorher noch, ehe sie die Schanzen erreichten, begegneten ihnen Schwärme Bewaffneter, die sich von dem wahrscheinlich zu heiß werdenden Kampfplatz zurückgezogen hatten. Auch einige Verwundete sahen sie vorübertragen, die in die nächsten Häuser gebracht wurden. Ohne sich mit denen aber aufzuhalten, sprangen sie an ihnen vorüber und wollten eben in die nächste Straße einbiegen, als sie an einem großen Hause Getümmel und Stimmen hörten, aus denen deutlich ein englischer Fluch herausklang.

»Alle Wetter!« rief der alte Harpunier, indem er darauf zuflog – »da drüben sind unsere Jungen! Das war Bill's Stimme, und in voller Arbeit, wie ich sehe. Boys! greift euch ein paar Lanzen, oder was ihr sonst kriegen könnt, auf –«

Dem Wort die That folgen lassend, stellte er einem neben ihm vorbeilaufenden Neugranadienser ein Bein, daß dieser wie ein Pfeil nach vorn schoß. Im Nu hatte der Alte auch dessen Lanze aufgegriffen und ihm den Säbel aus der Scheide gerissen. Das Beispiel wirkte. Die übrigen Matrosen, lauter kräftige handfeste Burschen, faßten hier eine Muskete, da ein Seitengewehr, und mit einem wahren Jubelschrei stürmten sie nach vorn.

Hier hatte sich indessen, während draußen noch immer der Kampf wüthete, ein kleines Privatdrama entsponnen, das für einen Theil der Betreffenden recht schlimm ablaufen konnte.

General Oran nämlich, von den meisten aus der Stadt herbeigezogenen Kämpfern verlassen, sah bald, daß der Feind von Stunde zu Stunde durch neue und frische Zuzüge verstärkt wurde und er nicht darauf hoffen durfte, den Platz gegen die Uebermacht zu halten. Viele der Seinigen waren auch schon verwundet und getödtet, und nur ein einziger Ausweg blieb ihm, über den kleinen, dicht unterhalb der Stadt einmündenden Strom, über den er eine leichte Brücke geschlagen, zu entkommen. In den Wald hinein war er auch sicher, nicht verfolgt zu werden, und mit guten Führern versehen, die hier jeden fußbreit Boden kannten, hoffte er schon die Berge wieder zu erreichen und sich dort entweder einer andern Guerillatruppe anzuschließen, oder auch wieder in einem kleinen Binnenstädtchen für kurze Zeit sein Hauptquartier aufzuschlagen.

Aber seine Gefangenen sollten nicht den Triumph feiern können, von ihren Freunden befreit zu werden. Die wollte er mitschleppen und – wenn das nicht ging – dem Feind wenigstens nur die blutigen Leichen derselben zurücklassen.

Die Südamerikaner sind eigentlich kein entschieden grausames Volk, und besonders in diesen Theilen, in Ecuador und Peru, nichts weniger als blutdürstig. Aber mit allen Leidenschaften erregt, mit dem Gefühl, besiegt – geschlagen zu sein, kam zu der Gewißheit, wie die glücklicheren Gegner jetzt jubeln und jauchzen würden, auch das Bedürfniß, Rache und eine theilweise Vergeltung zu üben, und nur an den unglücklichen Gefangenen, an der armen Stadt konnte der Führer der Godos seine machtlose Wuth auslassen.

Sobald er also die Ueberzeugung gewann, daß er den Tag verloren, war sein Plan auch schon entworfen. Noch hielt er ziemlich tapfer mit den Seinen den immer stärker andrängenden Feinden Stand, aber ein Theil seiner Leute wurde rasch zurück zu dem Gefängniß beordert, mit dem Befehl, die Gefangenen über die Brücke zu schaffen und dann die letzten Häuser, von denen aus der Wind über die Stadt schlug, in Brand zu schießen. Das sollte das Signal für ihn selber sein, mit seinen Truppen zu folgen, und Widerstand in der Stadt selber brauchte er, wie er fest überzeugt war, nicht zu fürchten.

Der Plan, so teuflisch er sein mochte, war gut ausgedacht, denn schon das Feuer mußte seinen Rückzug decken, da die Truppen Mosquera's nicht daran denken durften, ihn zu verfolgen, wenn sie die ganze Stadt nicht in einen Aschenhaufen wollten verwandelt sehen – aber der Eifer seiner Leute verdarb ihn.

Während sich ein Theil derselben in das Gefängniß warf und den Unglücklichen darin die Hände auf den Rücken band, um eine mögliche Flucht derselben zu verhindern, sprang ein anderer Theil derselben in die letzten Häuser und feuerte von der Straße aus unter das trockene Schilf der inneren Dächer, bis sie in Brand geriethen. Wie ein Schrei des Entsetzens zuckte aber der Ruf dieser Unthat durch die bedrohte Stadt, und was noch Waffen trug, stürmte herbei, um sich dem Frevel zu widersetzen.

Indessen hatten sich die Matrosen, da ihnen ihr Offizier abhanden gekommen war, ebenfalls nach der Stadt zurückgezogen, denn gerade dort, wo sie standen, schien der Feind plötzlich seinen Angriff aufgegeben zu haben, um den Kern seiner Truppen weiter oben auf einen andern Punkt zu werfen. Unschlüssig standen sie hier und beriethen gerade, ob sie ebenfalls dorthin, woher das stärkste Gewehrfeuer drang, eilen oder hier ruhig einen neuen Befehl ihres »Generals« abwarten sollten, als hinter ihnen ein Getümmel laut wurde und eine Stimme deutlich in englischer Sprache rief: »Zu Hülfe! zu Hülfe, Landsleute!«

»Alle Teufel!« schrie Bill herumfahrend, »das sind die Gefangenen. Was haben sie mit denen vor?«

»Vorwärts, Jungen!« rief aber da der Bootsteuerer, »da müssen wir dabei sein« – und in gestrecktem Lauf flogen die fünf Seeleute, Bill vorne seine Muskete, die schon lange nicht mehr in dem Regen feuern wollte, wie eine Handspake in der Faust, auf den Menschenknäuel zu, um den sich indessen auch eine Menge Frauen gesammelt hatten.

»Amerikaner hierher!« schrie er dabei, »hier kommt Hülfe!«

»Hierher, hierher, Landsleute!« rief eine kräftige Stimme, und Bill hatte im Nu die Gestalt erkannt, die sich mit gebundenen Armen unter den Händen der Häscher wand.

Bill wußte aber recht gut, daß er seine Zeit nicht mit unnützen Fragen oder Auseinandersetzungen verlieren durfte, und vollkommen gleichgültig dagegen, ob er es mit Godos oder Mosqueranern zu thun habe, fuhr er mit seinem Kolben dermaßen unter die Bursche hinein, daß ein paar von ihnen betäubt oder todt – wer kümmerte sich darum – zu Boden stürzten. Der Kolben brach auch von dem Schlag, aber das eiserne Rohr blieb eine eben so gewichtige Waffe, und rechts und links mähte er damit hinein, während jetzt der Bootsteuerer mit den Uebrigen herbeisprang, um dem Angriff Nachdruck zu geben. Im Nu hatten sie auch den Amerikaner befreit und seine Bande durchschnitten, und scheu wollten sich die südamerikanischen Soldaten mit ihren übrigen Gefangen zurückziehen – aber Bill ließ sie nicht.

»Da sind noch Andere dabei, die auch frei werden müssen!« schrie er den Gefährten zu – »noch ein Engländer ist darunter – vorwärts Jungen! hämmert den braunen Halunken die Schädel ein, wenn sie nicht Vernunft annehmen wollen.«

Es sah fast wie Wahnsinn aus, daß die fünf nothdürftig bewaffneten Matrosen einen Angriff gegen einige zwanzig Soldaten machen wollten, aber sie zögerten auch nicht einen Moment. Ihr Blut war einmal warm geworden, und während der befreite Amerikaner von einem der Gefallenen eine Lanze aufgriff, warfen sie sich mit keckem Muth auf den Feind.

Da stürmte General Oran mit seinem Trupp die Straße herauf, denn die zu früh gefeuerten Allarmschüsse hatten ihn glauben machen, daß seine Befehle alle ausgeführt seien und die Bahn nun frei läge für seine Flucht. Am Gefängniß vorüberkommend, sah er aber seine eignen Leute noch im Kampf mit den Fremden, und augenblicklich das Ziel errathend, das diese im Auge hatten, warf er sich mit seiner ganzen Macht gegen sie an.

Ein Glück für die Seeleute war es, daß die Neugranadienser unten, ehe sie die Schanzen verließen, sämmtlich die Gewehre, die überhaupt nicht mehr losgehen wollten, auf den Feind abgefeuert hatten, und dann, ohne sich Zeit zu nehmen, wieder zu laden, den vorangegangenen Freunden gefolgt waren. So konnten sie wenigstens nicht in den kleinen Trupp hineinschießen, aber mit Säbeln und Lanzen fielen sie doch über sie her; was konnten auch die paar Menschen gegen ihren Schwarm ausrichten.

Bill erhielt den ersten Säbelhieb über den Kopf, aber der Bursch führte keinen zweiten, denn der Matrose, wenn auch verwundet, zerschmetterte mit seinem Büchsenlauf den Schädel des Unglücklichen. Jetzt aber war Bill's Zorn auch erwacht, und mit einem lästerlichen Fluch sprang er hinein in die Rotte, um sich bis zu dem eben erkannten General durchzuarbeiten.

Da tönte wildes Jubelgeschrei von der andern Seite herüber.

»Ho Bill! – ho Tom! lass' sie's haben. Drauf meine Jungen, hier kommt Hülfe! – Hurrah! Uncle Sam for ever!«

Die Neugranadienser stutzten, den frischen Feind gewahrend; aber eine noch dringendere Gefahr bedrohte sie von der andern Seite, denn die Einwohner von Buenaventura, wüthend über den frevelhaften Versuch, ihre Stadt in Brand zu stecken, und jetzt auch mit der Gewißheit, daß Mosquera doch den Platz besetzen würde, fielen plötzlich ebenfalls über sie her und vereinigten sich mit den Matrosen.

Die Straße herunter tönte wildes Geschrei, und schwarzer Rauch wälzte sich unheimlich drohend von den brennenden Gebäuden herüber, die Wuth der Männer noch zum Aeußersten anstachelnd. General Oran machte einen Versuch, sich durchzuhauen, und hätten er und die Seinen den ganzen Tag so gefochten, so wären sie wahrscheinlich Sieger geblieben. Jetzt kam der Muth der Verzweifelten zu spät. Mosquera's Truppen, keinen Widerstand mehr an den Schanzen findend, hatten die niederen Wälle übersprungen und stürmten jetzt von allen Seiten in die offene, unvertheidigte Stadt hinein.

Tom war vorgesprungen, wo er einen kleinen offenen Raum sah. Der General, der sich auf ein Pferd geworfen, wollte gerade an ihm vorüber, als der lange Matrose mit seiner Wallfischlanze zum Wurf ausholte. Der Offizier sah ihn und drückte seinen Revolver auf ihn ab – aber die Nässe hatte ihn unschädlich gemacht; zwei, drei Zündhütchen versagten, und im nächsten Moment sauste der haarscharfe Stahl gegen ihn vor und traf ihn in die Seite. – Unter ihm sprang das Pferd hinaus in's Freie, und die Godos, als sie ihren Führer fallen sahen, stoben in scheuer Flucht nach allen Seiten auseinander.

Von jetzt ab war an keinen Widerstand mehr zu denken; es gab nur noch Verfolger und Verfolgte, und Wenigen der Schaar gelang es, über die Brücke in den Wald zu entkommen, wo sie sich in den wilden Dickichten verstecken und doch für den Augenblick ihr Leben retten konnten.

Die Matrosen nahmen natürlich keinen Theil an der Verfolgung, der sich aber der befreite Amerikaner auf das Thätigste anschloß. Sowie sie nur die übrigen Gefangenen losgebunden, begrüßten sie mit wirklich herzlicher Freude die so zur rechten Zeit zum Sukkurs herbeigeeilten Kameraden. – Und doch mischte sich auch wieder etwas Verlegenheit hinein, denn eigentlich war es gar nicht ihre Absicht gewesen, an Bord zurückzukehren, wenn ihnen auch das feste Land bis jetzt wenig Verlockendes geboten. Bill hatte einen Säbelhieb über den Kopf, Dick einen Lanzenstich durch das Bein, der Bootsteuerer eine Kugel durch den Oberarm und Bob einen Kolbenschlag bekommen, der ihm die Hälfte des linken Ohres vom Kopfe getrennt und den linken Arm gelähmt. Auch von den Neugekommenen waren Einige verwundet worden, aber keiner von ihnen dachte jetzt an die »Schrammen«, und der Harpunier rief vergnügt aus: »Wetter noch einmal, Jungen, Ihr habt uns beinahe eine heiße Mahlzeit eingebrockt, aber all's well, that end's well, und jetzt müssen wir machen, daß wir an Bord kommen, denn der Alte kocht gewiß schon vor Ungeduld noch ärger als sein Kessel.«

»Ihr habt Fische gefangen?« sagte Bill zaudernd.

»Zwei Mordfische!« rief der Harpunier, »und einen noch draußen liegen, mit der Fahne eingesteckt. Das aber nicht allein, die See scheint da draußen von Spermfischen zu wimmeln, und wir sind nur hier – mit Auskochen beschäftigt und weil wir für den Augenblick nicht mehr bergen konnten – die Küste angelaufen, um nach Euch auszusehen, denn damals im Nebel konntet Ihr kaum anders als hier an Land gehen.«

»Und es gibt wirklich viele Fische draußen?« fragte der Bootsteuerer.