»Wenn wir noch einmal so dazwischen kommen, wie neulich,« versicherte der Harpunier, »und mit allen vier Booten arbeiten können, so kriegen wir das halbe Schiff voll, so viel ist sicher.«
»Hm ja,« sagte Bill, während er sich mit der linken Hand das Blut vom Kopf herunterwischte, den Blick aber forschend umherwarf, als ob er Jemanden suche – »ich – müßte aber doch eigentlich erst noch einmal nach Haus.«
»Nach Haus?« rief der Harpunier verwundert, »wo zum Teufel hast Du in den zwei Tagen ein Haus herbekommen?«
»Und eine Frau dazu,« rief Bob lachend.
»Eine Frau?« – aber Bill wurde die Antwort erspart. Aus dem Schwarm der umherdrängenden jubelnden Menschen stürzte ein junges blühendes Weib, und sich ohne Scheu an des Matrosen Hals werfend, drückte sie einen heißen Kuß auf seine Lippen.
»Madame!« sagte Bill ganz verdutzt, aber mit leuchtenden Augen den Arm des neben ihr stehenden geretteten Gatten ergreifend, rief das junge Weib: »Euch und Gott habe ich die Befreiung meines Mannes zu danken, o möge Euch einst der Himmel lohnen, was Ihr an uns gethan.«
»Wackere Bursche!« rief auch jetzt der Mann, »wie soll ich euch je Eure Hülfe danken, wo mir die Räuber auch das Letzte genommen haben.«
»War vollkommen gern geschehen, Sirrih,« nickte Bill, der bis hinter die Ohren roth geworden – »die junge Frau da ist ein braves Weib, und kein Amerikaner würde sie im Stich gelassen haben.«
»Und Ihr zürnt mir nicht mehr meines Ueberfalls – meiner Lüge wegen?« lächelte das junge Weib.
»Ich« – sagte Bill, noch viel röther werdend – »ich – ich wollte, es wäre wahr gewesen – aber was kann's helfen! Kommt, Jungen, die Zeit vergeht. Der Alte hat schon die Flagge aufgezogen.«
»Bei Gott!« rief der Harpunier emporfahrend – »dort geht sie auf und nieder! Fort an Bord – an Bord!«
»Und Ihr wollt wieder fort?«
»Matrosenleben,« sagte Bill achselzuckend, indem er ihr seine breite Hand reichte und die ihrige herzlich, aber vorsichtig drückte. »Lebt wohl und – und wenn es Euch wieder gut geht, denkt zuweilen an Euren – zweiten Mann – good bye –« und ohne eine weitere Antwort abzuwarten, sprang er, den Uebrigen voran, zum Boote hinab.
Die beiden Boote waren rasch flott gebracht, und aus dem jetzt vollständig verödeten Wachthaus wollten sie nun ihre Riemen und ihr Segel herunter holen. Zwei von den Riemen waren auch wirklich noch da – weiter nichts. Die drei anderen und das Segel, wie die eine Harpune und Lanze hatten irgendwo einen Liebhaber gefunden. Aber es blieb ihnen keine Zeit mehr, sich danach umzusehen, wäre auch wahrscheinlich nutzlose Arbeit gewesen.
In wenigen Minuten waren die Boote bemannt und stießen vom Lande, um ihrem Schiffe zuzurudern. Wie sie sich vom Ufer entfernten, kam jener Amerikaner, den sie aus den Händen der Godos befreit, und der sich indessen den Verfolgern angeschlossen und das ausgebrochene Feuer mit gedämpft hatte, zum Ufer herabgestürzt und rief ihnen nach.
Einen Moment blieben die Leute auf ihren Rudern liegen.
»Boys, country men!« rief der Landsmann, »fahrt nicht so fort, ich muß Euch erst danken und der General will Euch für Eure Hülfe belohnen.«
»Meine schönsten Grüße an den General!« rief der Harpunier zurück, »aber der Alte wetzt die Flaggenfall da drüben zu Schanden. Das Schiff ist schon wieder unterwegs! Good bye.«
»Good bye denn, God bless you!« rief ihnen der Amerikaner nach. Die Matrosen schwenkten ihre Mützen gegen ihn, und wieder griffen die Ruder ein, und ließen die Stadt bald weit, weit zurück.
Jetzt hatten sie das Schiff erreicht. Ein lauter donnernder Jubelruf begrüßte von dort die geretteten Kameraden – jetzt liefen sie langseit – im Nu lagen die Boote unter den Krahnen und wurden aufgeholt, und fünf Minuten später segelte die Martha's-vine-yard, schwerfällig wie immer, aber auch ihre Zeit dazu benutzend und den gewonnenen Thran auskochend, während eine schwarze Rauchsäule ihre Bahn bezeichnete – in die offene See hinaus.
Der Regierungsrath Braunfeld lebte in den besten und unabhängigsten Verhältnissen, denn er war wohlhabend, ja reich zu nennen, auch noch unverheirathet, und eigentlich nur in die Staatscarrière getreten, um eine Beschäftigung zu haben und einen Titel zu bekommen, denn als einfacher Herr Braunfeld das ganze Leben lang herumzulaufen, ging doch unmöglich an und hätte sich auch nicht geschickt.
Aber er bekam das auch zuletzt satt, denn wenn auch noch in den »besten Jahren,« fingen die regelmäßigen Bureaustunden an, ihm unbequem zu werden. Nachdem er also noch glücklich sein 25jähriges Dienst-Jubiläum gefeiert – war er doch schon mit zweiundzwanzig Jahren in den Staatsdienst getreten – kam er um seine Entlassung ein und erhielt sie auf die ehrenvollste Art bewilligt. Nicht allein wurde ihm zu seinem Regierungsrath noch das Prädicat »geheimer« beigegeben, was aber schon am nächsten Tag öffentlich in alten Zeitungen stand, sondern auch noch der blaue Finkenorden vierter Klasse verliehen, so daß man jetzt eigentlich hätte glauben sollen, der »Geheime« Regierungsrath Braunfeld müsse einer der glücklichsten Menschen auf der Erdkugel sein.
Es ist aber eine allbekannte Thatsache, daß Leute, die keine wirklichen Sorgen und dabei auch nichts zu thun haben, sich dieselben künstlich machen, und dabei nicht selten die größte Erfindungsgabe entwickeln. So setzte sich denn auch in dem Kopf des Geheimen Regierungsrathes nach und nach die fixe Idee fest, daß er an irgend einer unbekannten aber entsetzlichen Krankheit leide und dem Grabe in rasender Schnelle zugerissen würde.
Sein Hausarzt, der Doktor Asmus, war ein ganz vernünftiger Mann, der die Ursache seiner Krankheit bald erkannte, und sie einfach durch eine veränderte Lebensweise des Patienten zu heben suchte. Der geheime Regierungsrath hatte zu schweres Blut; er lebte dazu außerordentlich gut, aß sehr starke und fette Speisen, trank sehr schweren Wein und starken Kaffee und machte sich dazu nicht die geringste Bewegung, ja verschlief sogar noch seinen halben Nachmittag, so daß das Uebel immer hartnäckiger bei ihm auftrat. Verlangte aber der Arzt von ihm, daß er diese täglichen Sünden an seinem Körper unterlassen solle, so war die regelmäßige Antwort, das sei unmöglich und der Körper schon zu sehr daran gewöhnt. Der Geheime Regierungsrath meinte dann auch wohl resignirt: »wozu auch, ich habe doch nur noch eine so kurze Spanne Zeit zu leben, und will mir daher wenigstens nicht unnöthige Entbehrungen auferlegen.«
Der Doktor schlug nun ein anderes, unfehlbares Mittel vor, um ihn allen derartigen Phantasieen zu entziehen und auf andere Gedanken zu bringen – nämlich zu heirathen. Aber auch das wies der Patient entschieden von der Hand, obgleich er mit seinem Alter – er war erst 48 Jahre alt – noch immer Zeit dazu hatte. Erstlich wußte er Niemanden, wenigstens keine junge Dame, die er für würdig befunden hätte, sie auf einmal zur Geheimen Regierungsräthin zu machen und überdies behauptete er, sie würde den Titel »verwittwete« doch augenblicklich dazu bekommen.
Dr. Asmus verlor endlich die Geduld. Erstlich hatte er gerade in dieser Zeit außerordentlich viel zu thun, da ein hartnäckig auftretender Typhus in der Stadt grassirte, und es paßte ihm dabei gar nicht, jeden Augenblick zu einem Patienten gerufen zu werden, der seinem Rath doch nicht folgte, weil er sich über seinen wahren Zustand täuschte. Mit dem mußte er deßhalb ein anderes Mittel versuchen, und ihn dabei auch womöglich auf eine Zeit lang los werden. Aber wohin mit ihm? In irgend ein Bad? Der dortige Badearzt würde augenblicklich gemerkt haben, daß ihm gar Nichts fehle und er durfte sich vor einem Collegen, der die näheren Umstände nicht kannte, keinesfalls soweit blamiren, den Zustand seines Patienten falsch beurtheilt zu haben. Dabei wurde die Quälerei des Geheimen Regierungsraths immer unerträglicher, denn er hatte ihn in der letzten Woche sogar zweimal mitten in der Nacht herausklingeln lassen, weil er behauptete, keine Luft mehr zu bekommen. Dem mußte unter jeder Bedingung ein Ende gemacht werden.
»Regierungsrath!« sagte der Doktor eines Tages zu ihm, als er ihn wieder besuchte, denn er ließ den »Geheimen« immer hartnäckig weg, »Ihr Zustand fängt an, mir selber Besorgniß zu erregen.«
»Und Sie haben es mir immer nicht glauben wollen, Doktor,« wimmerte der Kranke erschreckt, »ach, ich fühlte den Wurm, der an mir fraß.«
»Ein Wurm?« sagte der Doktor ernsthaft, indem er ihn stier ansah – »Sie haben eine Million Würmer in sich. Sie stecken voll Trichinen.«
»So bin ich verloren,« stöhnte der Unglückliche und sank wie vernichtet auf seinen Stuhl zurück.
»Bah, deßhalb noch lange nicht,« erwiederte aber der Arzt, indem er ein chirurgisches Besteck aus der Tasche nahm – »jedenfalls muß ich Sie untersuchen, um vorher Gewißheit zu bekommen.«
»Aber, bester Doktor,« fuhr der Geheime Regierungsrath wieder in die Höhe, denn er hatte einen heiligen Respekt vor der Harpune, »das ist ja doch rein unmöglich, denn ich habe von dem Moment an, als das erste Mal das entsetzliche Wort Trichine in einer Zeitung stand, keinen Bissen Schweinefleisch mehr genossen.«
»Das ist gleichgültig,« sagte der Doktor ruhig, »Sie können sie auch in anderem Fleisch von einem nicht ordentlich gereinigten Hackklotz bekommen haben; das ist schon mehrfach vorgefallen. Kommen Sie nur her, es thut nicht weh; es hilft eben Nichts, wir müssen die Gewißheit haben, nachher kurire ich Sie rasch genug.«
»Sie mich kuriren?« sagte der Geheime Regierungsrath wehmüthig, »es gibt ja noch gar kein Mittel dagegen.«
»Wir hatten noch keines entdeckt,« nickte der Doktor »aber die Amerikaner, praktisches Volk wie immer, sind der Sache auf die Spur gekommen. Ich wette einen Korb Champagner mit Ihnen, daß ich Sie in vier Wochen, wenn Sie meinen Rath genau befolgen, vollständig wieder hergestellt habe. Verlangen Sie mehr? Aber ich kann mich hier nicht eine Stunde lang zu Ihnen hersetzen, denn meine andern Patienten warten. Ziehen Sie einmal den Rock aus und streifen Sie Ihren Hemdärmel in die Höhe.«
»Aber ist das wirklich unumgänglich nothwendig?«
»Machen Sie doch keine Umstände wegen einem solchen Quark,« sagte der Doktor und ließ dabei dem Patienten auch gar keine Zeit mehr, sich zu besinnen. Er half ihm selber den Rock ausziehen und hatte in wenigen Minuten ihm ein Stück Fleisch mit der Harpune aus dem Arm geholt, das er dann sorgfältig in ein Stück Papier wickelte und erst dann dem leise vor sich hin Wimmernden einen Verband umlegte.
»So,« sagte er dabei, »jetzt machen Sie sich keine Sorgen weiter. Sobald wir nur erst einmal Ihre Krankheit constatirt haben, wollen wir ihr schon auf den Leib rücken. Das Gefährliche an der Sache war, daß wir bis jetzt nicht wußten, wo wir sie angreifen sollten und glauben Sie mir, zahllose Menschen sind schon an dieser Ungewißheit zu Grunde gegangen.«
»Aber welch' ein Mittel halten Sie für –«
»Erst muß ich mich überzeugen, daß meine Vermuthung wirklich begründet war,« unterbrach ihn der Arzt, indem er seinen Hut ergriff; »heut' Nachmittag komme ich wieder her und bringe Ihnen Gewißheit. Trinken Sie gewöhnlich Wein bei Tisch?«
»Das ist noch das Einzige, womit ich mich bis jetzt am Leben erhalten habe,« seufzte der Kranke.
»Was für welchen?«
»Sie kennen ja meine Schwäche,« lächelte der Geheime Regierungsrath wehmüthig – »Bocksbeutel.«
»Ja, den schwersten, den es giebt – nun bis ich mich nicht überzeugt habe, will ich Nichts sagen, ist aber, was ich befürchte, wirklich der Fall, so müssen Sie dem entsagen oder Sie sind – ein verlorener Mann.«
»Aber Spirituosen sollten doch gerade –«
»Nachmittag komme ich wieder her,« brach der Doktor kurz ab, »und noch Eins – sprechen Sie mit keinem Menschen darüber. Ich möchte nicht gern, daß Sie das Gerede der Stadt würden und Ihr Fall nachher mit vollem Namen und Titel als Trichinenkranker durch alle Zeitungen liefe. Die Presse spannt jetzt so auf solche eklatante Beispiele, und Sie wären außerdem noch der Gefahr ausgesetzt, daß Aerzte von allen Seiten Deutschlands herbei kämen und Sie um ein Stück Fleisch bäten, um ihre Untersuchungen daran zu machen.«
»Na, weiter fehlte mir gar Nichts,« stöhnte der Arme, »diese verfluchten Harpunen, ich habe an dem einen Mal genug.«
»Ja, aber Sie könnten es nachher im Interesse der Wissenschaft doch nicht gut verweigern, denn man würde es für Feigheit auslegen.«
»Aber, ich soll mich doch wahrhaftig nicht von der ganzen Welt harpuniren lassen?«
»Gerade deßhalb rathe ich Ihnen mit Niemanden über Ihren Zustand zu sprechen,« sagte der Arzt, »und nun leben Sie wohl, lieber Regierungsrath – gleich nach Tisch komme ich wieder zu Ihnen und haben Sie nur Vertrauen zu mir; ich kurire Sie, darauf können Sie sich verlassen.«
»Leben Sie wohl,« hatte der entsetzliche Doktor gesagt, während er mit einem Stück Menschenfleisch in der Tasche von dem unglücklichen in Verzweiflung zurückbleibenden Patienten Abschied nahm.
»Trichinen!« Ja wohl, das war es auch; daß er nur selber noch nicht auf diesen furchtbaren, aber so nahe liegenden Gedanken gefallen sein sollte; fühlte er doch die gräßlichen Geschöpfe in all' seinen Gliedern. Und daher also die ewige Beängstigung, dieses Prickeln in allen Theilen seines Körpers. Das war die unheimliche Thätigkeit jener Myriaden von Geschöpfen, die sich durch seine Muskeln bohrten und darin Quartier nahmen? Und er, ein geheimer Regierungsrath, jetzt hatte er geheime Trichinen – sogar wirklich geheime, denn er durfte es noch nicht einmal Jemanden sagen, durfte sein Leid, seinen Jammer nicht in die Welt hinausschreien, wenn er nicht fürchten wollte, daß sie von allen Seiten blutgierig mit ihren Harpunen herbeiströmten und ihn um eine »Portion« bäten.
Er verbrachte ein paar entsetzliche Stunden, und nicht einmal der Wein, den ihm der Doktor heute noch erlaubt, oder den er vielmehr nur geduldet hatte, wollte ihm schmecken – Fleisch konnte er gar nicht sehen, denn es erinnerte ihn nur noch mehr an sein Elend, und er ließ sich in aller Verzweiflung ein paar Pfund Karpfen absieden, um nicht auch noch bei lebendigem Leibe zu verhungern.
Nach Tisch schlief er gewöhnlich zwei Stunden, um sich später den ganzen Abend matt und unbehaglich zu fühlen. Der Arzt hatte ihm das auch schon lange verboten, aber er behauptete immer, er dürfe seine gewohnte Lebensweise nicht unterbrechen, oder er ginge zu Grunde. Heute fand er keine Ruh; er lief die ganze Zeit im Zimmer auf und ab und blieb nur manchmal erschreckt stehen, wenn er die Bewegung der Thiere in seinem mißhandelten Körper zu fühlen glaubte.
Endlich – endlich kam der Doktor, nach welchem er indessen selber schon zweimal aber immer vergebens geschickt. Er war sehr ernst, wickelte aus einem Tuch, das er in der Hand hielt, ein Mikroscop heraus, stellte es, legte ein Präparat hinein und bat den Geheimen Regierungsrath dann feierlich einmal hindurch zu sehen.
Zitternd beobachtete ihn der Unglückliche, denn er wußte genau, was ihm bevorstand – was er da zu sehen bekam – seine Trichinen – die entsetzlichen Verwüster seines eigenen Körpers, die selbst in diesem Augenblick noch eifrig beschäftigt waren, ihn bei lebendigem Leibe zu verzehren. Er streckte auch abwehrend die Hand aus, aber der Doktor ließ nicht nach.
»Bitte, lieber Regierungsrath, Sie müssen sich selber mit eigenen Augen überzeugen, daß meine Vermuthung, daß der Verdacht, den ich geschöpft, nur zu gegründet gewesen. Sie stecken voll bis an die Haarwurzeln und es ist die höchste Zeit, daß wir eine ernste Maßregel dagegen ergreifen.«
»Und glauben Sie wirklich, daß da noch Hülfe möglich ist, Doktor?«
»Bah, möglich? Ich habe Ihnen nicht umsonst eine Wette angeboten. Wollen Sie meinem Rath folgen – aber sehen Sie sich nur erst einmal selber die Beester an – so stelle ich Sie in vier Wochen so vollständig her, daß Sie so gesund wie ein Fisch im Wasser – und auch ebenso frei von Trichinen sind – bitte, überzeugen Sie sich nur erst einmal.«
Der Geheime Regierungsrath folgte mit einem schweren Seufzer der Aufforderung und da waren sie richtig – nicht mehr geheim, sondern klar und offen in ihrer natürlichen Scheußlichkeit spiralförmig gewunden und zusammengerollt. Ein solches kleines Ungethüm hatte sich sogar in seiner ganzen Länge ausgestreckt.
»Es ist entsetzlich!« stöhnte der Unglückliche – »und die sind von mir?«
»Auf frischer That ertappt, ja,« schmunzelte der Doktor, denn er fühlte sich jetzt seines Opfers sicher, »und nun hören Sie aufmerksam zu und weichen Sie keinen Finger breit von meinen Vorschriften ab, oder Sie sind in vier Wochen, anstatt gesund und kräftig ein neues Leben zu beginnen, ein rettungslos verlorener Mann.«
»Und was soll ich um Gottes Willen thun? ich will Ihnen ja so gern folgen, wenn ich nur –«
»Sie reisen morgen früh« –
»In ein Bad?«
»Nein, das hilft Ihnen Nichts – in den Thüringer Wald müssen Sie, oder in irgend einen anderen, denn auf die besondere Gegend kommt Nichts an – der Thüringer ist uns aber der nächste und auch sonst vortrefflich geeignet. Dort stehen oben in den Bergen eine Menge Pirschhäuser, die aber nicht alle benutzt werden – ich bin dort bekannt; ich werde Ihnen einen Brief an den dortigen Forstmeister mitgeben. Unten im Thal im nächsten Wirthshaus quartieren Sie sich ein und bleiben dort vier Wochen. In der ganzen Zeit dürfen Sie keinen Tropfen Wein oder Bier trinken, hören Sie? Nichts als Wasser oder vielleicht einmal zur Abwechselung etwas verdünnte Milch. Fische können Sie essen, auch Fleisch, aber kein Brod – auch keine Kartoffeln und Gemüse und jeden Mittag ein weich gekochtes Ei – aber nur eins und jeden Mittag Wassersuppe.«
»Oh Du großer Gott,« stöhnte der Geheime Regierungsrath, »das wird gut werden.«
»Dabei,« fuhr der Doktor unerbittlich fort, »dürfen Sie den Trichinen keine Ruhe lassen – schlafen Sie Nachmittags, so sind Sie rettungslos verloren, denn in der Zeit gerade erholen sie sich wieder, wenn sie sonst angegriffen werden. Morgens mit Sonnenaufgang – nicht später, steigen Sie langsam zu dem Pirschhaus hinauf, was Sie sich so aussuchen müssen, um etwa zwei bis drei Stunden Entfernung dahin zu haben. Oben angekommen ruhen Sie sich zwei Stunden aus und kühlen sich ordentlich ab – Sie dürfen sich auch frische Wäsche mitnehmen.«
»Ich danke Ihnen,« sagte der Geheime Regierungsrath, dem sich Herz und Leber bei der Verordnung umdrehte.
»Und dann –,« fuhr der Doktor fort, »nehmen Sie dort oben ein Luftbad!«
»Ein was?« frug der Kranke rasch und erschreckt.
»Ein Luftbad,« wiederholte ruhig der Doktor, »es ist das Einzige was Sie wieder herstellen kann.«
»Aber, wie um Alles in der Welt soll ich denn das machen?« rief der Unglückliche – »Luftbad? Was ist denn das eigentlich?«
»Die Sache ist unendlich einfach,« erwiederte Doktor Asmus, »denn darauf beruht gerade jene amerikanische Entdeckung. Die Trichine ist nämlich ein Geschöpf, das Alles ertragen kann, bis zur ausgesprochenen Siedehitze, mäßiges Räuchern, Salzen, oberflächliches Kochen, unter Wasser setzen, kurz Alles, wodurch sie nicht in direkter Verbindung mit frischer Luft kommt – wird sie aber dieser ausgesetzt, so ist sie rettungslos verloren und muß sterben.«
»Aber ich begreife Sie noch immer nicht.«
»Sie sind furchtbar schwer von Begriffen, Regierungsrath,« sagte der Doktor mit dem Kopf schüttelnd. »Sie sollen sich oben im Wald – und bei der Hitze, die wir diesen Sommer haben, kann Ihnen das nur behaglich sein – vollkommen nackt ausziehen – eine sehr schmale Schwimmhose mögen Sie meinethalben anbehalten – und eine volle Stunde lang im Wald spazieren gehen. Nachher ziehen Sie sich wieder an und steigen langsam und ohne sich zu erhitzen, in Ihr Hotel hinab. Haben Sie mich jetzt verstanden?«
»Und das soll die Trichinen tödten – unbegreiflich.«
»Lieber Freund,« sagte der Doktor, »es liegen noch eine Menge von Geheimnissen in der Natur, die wir mit unsern groben Sinnen nicht gleich fassen können und oft bleibt es nur dem Zufall vorbehalten, solche geheimnißvolle Wirkungen zu erkennen und festzustellen. Uebrigens machen Sie, was Sie wollen; das sage ich Ihnen aber, es ist Ihre einzige und letzte Rettung, und wenn Sie nicht unverzüglich an die Kur gehen, stehe ich Ihnen selbst nicht einmal dafür, daß selbst das Ihnen etwas nützen kann.«
Der Geheime Regierungsrath sah wieder in das Mikroscop hinein, um sich noch einmal vor seinen zahllosen Quälgeistern zu entsetzen. Der Anblick war aber zu furchtbar, als daß er ihn hätte lange aushalten können.
»Wie Gott will,« stöhnte er endlich – »aber noch Eins, Doktor, schreiben Sie mir meine Verhaltungsregeln etwas auf, denn es sind deren so mancherlei, daß ich sie am Ende nicht im Gedächtniß behalten könnte.«
»Von Herzen gern.«
»Und wenn ich dort nun – wenn ich dort nun einen Arzt finden sollte – glauben Sie nicht, daß es gut wäre, ihn ebenfalls um Rath zu fragen?«
»Warum nicht?« sagte Doktor Asmus ruhig, »schaden kann es auf keinen Fall. Er wird Sie dann jedenfalls zuerst harpuniren –«
»Aber das ist ja doch schon geschehen!« rief der Regierungsrath schnell.
»Das bleibt sich gleich,« entgegnete ruhig der Doktor, »kein Arzt auf der Welt kann sich und darf sich auf die bloße Aussage eines Patienten verlassen. Er muß die Sache selber und gründlich untersuchen und wenn er und sein Hülfsarzt dann die feste Ueberzeugung Ihres Zustandes erhalten haben – werden sie Ihnen das Nämliche sagen, was Sie von mir gehört.«
»Und wohin also soll ich reisen?« stöhnte der Geheime Regierungsrath in Verzweiflung.
»Direkt nach Gotha und von da nach Reinhardtsbrunn. Dort sind Sie mitten im Wald, und für ein bequem gelegenes Pirschhaus werde ich selber Sorge tragen – ich gebe Ihnen einen Brief mit.«
Dabei blieb es; der Geheime Regierungsrath, das Herz zum Brechen voll und noch immer in peinlichster Ungewißheit, ob ihm die wunderliche Kur überhaupt etwas nützen werde und er nicht trotzdem ein »verlorner Mann« sei, packte noch an dem nämlichen Abend seine Sachen zusammen. Aber noch ein anderer Gedanke beunruhigte ihn. Er war nämlich nicht gewohnt baarfuß zu gehen – selbst im Sommer beim Baden, was er aber auch nur sehr spärlich betrieb, genirte es ihn immer ungemein, wenn er die wenigen Schritte in bloßen Füßen machen mußte, und jetzt sollte er eine ganze Stunde baarfuß im Wald und auf den scharfen Fichtennadeln herumlaufen; das ging unmöglich und er mußte deßhalb den Doktor fragen, ob er seine kurzen Stiefel anbehalten dürfe. Das gestand ihm dieser denn auch zu; auch seinen Strohhut durfte er aufbehalten.
Aber noch eins – er litt nicht selten an Halsschmerzen und war ebenso wenig gewohnt im bloßen Hals wie in bloßen Füßen zu gehen – wenn er nur noch wenigstens seine Cravatte –
Der Doktor bekam den Quälgeist, der ihm keinen Moment Ruhe ließ, satt:
»Meinetwegen behalten Sie auch die Cravatte um,« rief er endlich ärgerlich, »aber das ist das Aeußerste, was ich Ihnen erlauben kann, und nun machen Sie, daß Sie fortkommen, denn wenn Sie das schöne warme Wetter nicht benutzen, wird es zu spät in der Jahreszeit und Sie sind nicht mehr zu retten.«
Damit ging der Doktor, nachdem er dem Patienten noch vorher ein genaues Verzeichniß seiner nächsten Lebensweise eingehändigt, und der Geheime Regierungsrath blieb mit dem nagenden Wurm im Herzen zurück, um seine Angelegenheiten zu ordnen und den nächsten Morgenzug nicht zu versäumen.
Ein Luftbad! Es war ein schrecklicher Gedanke, eine volle Stunde in der Schöpfungstracht umher zu laufen, nur um seine Trichinen an die Luft zu setzen – und wo hatte er je gelesen, daß irgend ein ähnliches Mittel gegen diese unseligste aller Krankheiten erprobt oder gar nur erwähnt sei. Und wenn er nun noch vorher einen andern Arzt deßhalb zu Rathe zog? – aber die verfluchten Harpunen! Er hatte an der einen Operation vollständig genug und dachte nicht daran, sich einer zweiten auszusetzen. Ueberdies konnte er ja kaum noch mehr zweifeln; er war nicht allein durch das Mikroscop selber überzeugt worden, nein – er fühlte auch im eigenen Körper die furchtbare Wahrheit der Entdeckung, und es ließ ihm jetzt selber keine Ruhe mehr, nur so rasch als irgend möglich den Ort seiner Bestimmung zu erreichen und dort seine Kur zu beginnen.
Die Reise selber verlief ohne weitere Fährlichkeiten und wäre bei dem herrlichen Wetter wirklich ein Genuß gewesen, dem sich aber der unglückliche Patient nicht mit ganzer Seele hingeben konnte, da er nur immer und ununterbrochen an seinen trostlosen Zustand denken mußte. Er war reich und im Besitz aller Lebensgüter; er war sogar Geheimer Regierungsrath und hatte den blauen Finkenorden vierter Klasse: aber wie beneidete er selbst die armen Weichensteller, die niedrigsten Handlanger an der Bahn, die armen Menschen, die zerlumpt und schmutzig ihren verschiedenen Beschäftigungen nachgingen, nur um ihr dürftiges Brod zu verdienen, denn sie waren wenigstens gesund – sie hatten keine Trichinen und sahen nicht ein offenes Grab vor sich, wo sie gingen und standen.
Wie oft kam ihm dabei der Gedanke: oh, wenn Du diesen Menschen ihren gesunden Körper abkaufen könntest – wenn Du ihnen drei-, vier- – ja zehntausend Thaler dafür bötest, sicherlich gingen sie mit Freuden den Handel ein und Du – aber es war ja nicht möglich. Geld kann alle Genüsse des Lebens kaufen, aber nicht das Leben selber, wo gäbe es auch sonst einen kranken reichen Mann und einen gesunden Armen! nein, er war verdammt, sein Leiden selber zu ertragen und keine Schätze der Welt konnten ihn davon befreien – wenn auch die vorgeschriebene Kur Nichts nutzte. –
»Trichinen!« stöhnte er dabei vor sich hin – »es ist unglaublich – fabelhaft – Tausende von Jahren steht die Welt schon und wer hat je in seinem ganzen Leben oder in irgend einem anderen Jahrhundert etwas von solchen Bestien gehört und wie viel Millionen Schweine sind in der Zeit verzehrt worden. Moses war aber gescheidt; der hat seinen Juden das Fleisch gleich verboten, der muß auch gewußt haben weßhalb, ob der sie schon damals entdeckt hat! – aber anstatt nachher das Maul aufzuthun und zu sagen so und so – hütet Euch vor dem Fleisch, es sind kleine Beester darin, kommt er mit seinem verfluchten Geheimniß und seiner Wichtigthuerei – mit seinem: Gehorcht nur meinen Befehlen, Ihr braucht gar nicht zu wissen weßhalb. Daß Dich der –«
Der Geheime Regierungsrath war ganz im Geheimen, denn ihm gegenüber saß ebenfalls eine Geheime Commerzienräthin im Coupé erster Classe – wüthend auf sich, auf die ganze Welt und besonders auf Moses – gewiß der unschuldigste von Allen an seinem Leiden, und als sie endlich in Gotha anlangten und ein sehr hübsch frisirter Kellner ihm durch das Wagenfenster einen Teller mit Würstchen präsentirte, und die Geheime Commerzienräthin ihm entsetzt zurief: »Essen Sie um Gottes Willen keine davon; es sind Trichinen darin!« gab es ihm ordentlich einen Stich in's Herz.
Es sind Trichinen darin – Du lieber Gott, er hatte selber mehr als die kleine Wurst und wenn er sie auch im Stillen trug, in diesem Augenblick fühlte er jede einzelne sich bewegen und drängen und bohren.
Luft! er verging fast in dem engen Coupé und den Kellner mit seinem Teller, auf welchem ganz friedlich Würste, Malzbonbons und Apfelsinen lagen, bei Seite drängend, stürmte er an die Kasse, um sich ein Billet nach Fröttstett zu lösen und von da mit der Pferdebahn weiter zu gehen.
Abends spät langte er endlich in Reinhardtsbrunn an und wurde – nachdem er seinen Brief abgegeben hatte, weiter nach Tambach dirigirt und der Förster dort angewiesen, den Herrn am nächsten Tag zu einem bestimmten und nicht mehr benutzten Pirschhaus zu bringen, wozu er ihm auch den Schlüssel übergeben konnte.
Der Geheime Regierungsrath begann jetzt seine Kur zuerst mit einem entsetzlich dünnen Kaffee und trocknem Weißbrod, dann wanderte er in Begleitung eines Forstgehülfen, der aus dem wunderlichen Menschen gar nicht klug werden konnte, in die Berge hinein, bis sie das allerdings versteckt genug gelegene Pirschhaus erreichten. Der junge Forstmann, der selber im Wald zu thun hatte, versprach in etwa drei oder vier Stunden wieder vorzukommen und ihn abzuholen, damit er sich nicht am ersten Tag und in dem fremden Wald verirre, denn auf dem Rückweg sehe so ein Platz immer ganz anders aus, als auf dem Hinweg, und ließ ihn dann allein.
Eine bessere Gelegenheit, um eine ähnliche Procedur vorzunehmen, wie sie der Geheime Regierungsrath beabsichtigte, hätte sich freilich auf der ganzen Welt nicht finden können. Das kleine Bretterhäuschen war versteckt in den Wald hineingebaut, auf einer schmalen Lichtung, die, wenn das Auge derselben thalwärts folgte, einen ganz reizenden Fernblick über das weite, wie mit einem blauen Duft übergossene Land gewährte. Und der würzige Harzgeruch hier oben, das Zwitschern der Vögel, das zuweilen nur durch den heiseren Schrei eines Raubvogels unterbrochen wurde – und diese Einsamkeit. Hier allerdings hatte er keine Störung zu befürchten, denn ohne des jungen Forstmanns Führung würde er sich nie allein hier heraufgefunden haben. Auch der lange Marsch hatte ihn wohl erschöpft, aber that ihm doch gut und er ging jetzt vor allen Dingen daran, das Terrain selber ein wenig zu sondiren.
Das Pirschhaus bestand nur aus vier einfachen Bretterwänden, mit einem guten Dach und einem kleinen, eisernen Ofen darin, um an rauhen Tagen den Ort behaglicher zu machen. Gespaltenes Holz lag ebenfalls in Vorrath darin. Sonst stand noch dort eine Bettstelle aus weißem Holz mit einer reinlichen Seegrasmatratze und einer wollenen Decke darauf, auch ein Wasserkrug und ein Glas, wie ein paar irdene Töpfe, falls einmal einer der Forstbeamten genöthigt wäre, dort oben ein paar Tage zuzubringen.
Der Geheime Regierungsrath benutzte aber von alle dem Nichts als das Bett; er war müde geworden und streckte sich jetzt behaglich darauf aus, um ein wenig zu ruhen.
Sonderbar – zu Hause hatte er eine Stahlfeder- und darüber eine Roßhaarmatratze und die weichsten Kissen, und doch war ihm sein Lager immer zu hart gewesen und hier auf der festgestopften Seegrasmatratze lag sich's so merkwürdig bequem. Aber seine Gedanken ließen ihn nicht ruhen: Ein Luftbad – es war das Außerordentlichste, von dem er je gehört, und Trichinen, die kaum durch Siedehitze getödtet werden konnten – und selbst darüber war man noch in Zweifel – sollten umkommen, wenn er über Tag eine Stunde nackt im Wald herumlief? Er hätte doch noch eigentlich einen andern Arzt fragen sollen, denn er begriff die Möglichkeit nicht – aber die verfluchten Harpunen. Und wenn ihm das Alles nun Nichts half? Wenn er kränker nach Hause zurückkehrte als er gekommen und dann seinen Tod – den furchtbarsten Tod, den sich ein Mensch nur denken oder ausmalen kann, rettungslos vor Augen sah? Aber Doktor Asmus hatte mit solcher Zuversicht von seiner Kur gesprochen – von Amerika waren überhaupt schon so merkwürdige Entdeckungen herübergekommen – der Versuch mußte jedenfalls gemacht werden, es war ja auch seine letzte, verzweifelte Hoffnung.
Uebrigens befolgte er jetzt getreu die Anweisung des Doktors, dessen Zettel er in seiner Brieftasche immer bei sich trug. Er war, nach einer Rast von etwa anderthalb Stunden vollständig abgekühlt, entkleidete sich deßhalb, zog nur seine Schwimmhosen an, band sich die Cravatte wieder um, damit er seinen Hals nicht erkälte, setzte den Strohhut auf und stieg dann in seinen Halbstiefeln etwas verschämt in den grünen Wald hinaus, dessen Schatten er der brennenden Sonne wegen nothwendig brauchte. Es war dort aber Alles so offen – er konnte so weit zwischen die hohen schlanken Bäume hineinsehen – wenn da nun plötzlich Jemand heraufgekommen und ihm in diesem Zustand begegnet wäre – aber es kam Niemand. Der Wald lag hier öde und einsam und nur in der ersten Zeit überraschte und erschreckte ihn dann und wann einmal ein Eichhörnchen, das vielleicht von Stamm zu Stamm sprang, oder auch wohl ein, keine Gefahr ahnendes Reh, das über die Lichtung wechseln wollte und scheu der wunderlichen, hier oben sicher nicht vermutheten Gestalt entfloh.
Allerdings hörte er einmal einen Schuß fallen – aber weit weg, der Jäger kam nicht her zu ihm, und allmählich fing er an, sich sicherer zu fühlen. Auch die warme Luft that ihm wohl; er hatte mäßig gegessen und einen langen Spaziergang gemacht; er fühlte sogar, daß er wieder Hunger bekam, und wanderte behaglich seine ihm aufgegebene Zeit im Freien hin und her. Dann ging er in das Pirschhaus zurück, zog sich wieder an, packte, was er hier oben behalten wollte, zusammen und erwartete nachher, auf dem schwellenden Moos ausgestreckt und eine gute Cigarre rauchend – denn das hatte ihm der Doktor glücklicher Weise nicht verboten, den Forstgehilfen, der auch ziemlich genau zur versprochenen Zeit eintraf und mit ihm zu Thal stieg.
Von jetzt an besuchte er jeden Morgen regelmäßig das Pirschhaus, und da ihn auch das Wetter außerordentlich begünstigte – denn nur ein einziger Regentag unterbrach einmal für 24 Stunden die Kur – so durfte er sich selber wahrlich keine Vorwürfe machen, irgend etwas versäumt zu haben, was ihm aufgegeben war. Die Lage des alten Pirschhauses schien außerdem vortrefflich gewählt, daß sich Niemand in diese abgelegene Gegend, an der gar kein begangener Pfad vorüberführte, verstieg. Es war auch allerdings nur in früheren Jahren für die Auerhahn-Balz gebaut, da es damals, gerade an diesem Hang sehr viele Auerhähne gab. Wie das aber mit diesem wunderlichen Geflügel so häufig geht, daß sie Jahre lang irgend einen bestimmten Stand haben und Nacht um Nacht den nämlichen Baum zu ihrem Ruheplatz wählen, dann aber plötzlich die Gegend verlassen, um sich an irgend einen anderen entfernten Hang hinüberzuziehen, so war es auch hier geschehen. Die Forstung des Holzes hatte es nöthig gemacht, in der Nachbarschaft einen Schlag anzulegen und das mußten die Auerhähne übel genommen haben. Im nächsten Frühjahr balzte dort nicht ein Einziger mehr, und das Pirschhaus wurde von da ab nur noch zu Zeiten von Forstleuten benutzt, die dann und wann einmal jene Waldstrecke begehen und überwachen mußten, um etwaigem Wildfrevel zu begegnen.
Der geheime Regierungsrath zweifelte allerdings noch immer im Stillen an der Möglichkeit seiner Kur; es kam ihm zu merkwürdig vor, daß ein so einfaches, äußerliches Mittel den inneren Feind bezwingen solle, aber er konnte sich auch nicht verhehlen, daß sich sein Zustand in den wenigen Wochen wesentlich gebessert habe. Seine quälenden Beängstigungen hatten ihn vollständig verlassen; schlaflose Nächte kannte er gar nicht mehr, und wenn er sich Abends, allerdings ziemlich ermüdet, auf sein Lager warf, lag er im Nu in Morpheus' Armen, ja der Hausknecht hatte sogar jeden Morgen Mühe, ihn nur wieder wach zu bekommen. Und was für einen Appetit entwickelte er selbst gegen die sonst so verachtete Wassersuppe. Ebenso fühlten sich seine Glieder freier; er empfand kein Prickeln und Stechen mehr, kein Wühlen und Bohren, er war mit einem Wort ein anderer Mensch geworden, und wenn er sich jetzt die Möglichkeit dachte, daß er sogar von seinen geheimen Quälgeistern befreit sein könne, so hätte er laut aufjubeln mögen vor lauter Seligkeit.
Auch in seinen Bewegungen dort oben an dem Berghang war er freier geworden, denn er fühlte sich jetzt sicher, daß er nicht gestört werden könne. Einmal allerdings hatte er im Wald ein paar Kinder angetroffen, die nach Heidelbeeren suchten und sich ausnahmsweise dort hinauf verloren haben mochten. Diese aber erschracken so furchtbar bei seinem Anblick und stürzten sich in so wilder Flucht den ziemlich steilen Hang hinunter, daß er sie gar nicht über seine Ungefährlichkeit beruhigen konnte. Er bekam sie von da an auch nie wieder zu sehen.
Und wo war sein Bauch geblieben, wo sein Halsleiden? Den Hals hielt er sich allerdings noch immer warm und die Cravatte legte er nicht ab, aber er spürte nicht das Geringste mehr von seinen sonstigen Schmerzen und war selbst keinen Erkältungen mehr ausgesetzt.
Wo hätte er sonst es wagen dürfen, Abends nach Sonnenuntergang an irgend einem der Nachtluft zugänglichen Ort zu verweilen? Jetzt saß er regelmäßig jeden Abend bis zehn oder halb elf Uhr mit dem Förster in dessen Garten, wobei ihn nur das genirte, daß der Förster Bier trank und dieses noch bei ihm zu den verbotenen Genüssen zählte.
Aber Gott sei Dank nicht lange mehr – morgen war seine monatliche Kur um, dieselbe gewissenhaft zu dreißig Tagen gerechnet. Selbst den einen Regentag hatte er sich nicht geschenkt, sondern dafür eben diesen letzten zugegeben, sonst würde er sich schon heute als freier – als trichinenfreier Mensch haben betrachten können. Seine Gewissenhaftigkeit ließ das aber nicht zu; er hatte dem Doctor sein Wort gegeben und wollte es halten – nur heute noch, dann hatte er ja doch Alles überstanden.
Uebrigens wurde es auch Zeit, daß er hier fortkam, wenn er sein Incognito – denn er reiste unter dem unscheinbaren Namen Müller – hier noch länger bewahren wollte, da fast mit jedem Tage neue Fremde ankamen. Reinhardtsbrunn und Friedrichsroda waren nämlich schon so überfüllt von Gästen, daß dort kaum noch Einzelne untergebracht werden konnten, und die Folge davon die, daß sich die Fremden über die nächsten kleinen Orte in der Nachbarschaft und natürlich im Wald zerstreuten. Tambach hatte denn auch schon fünf oder sechs Berliner Familien als Einquartierung erhalten. Er verkehrte übrigens gar nicht mit ihnen. Es lag ihm Nichts daran, hier neue Bekanntschaften anzuknüpfen; trug er doch nicht einmal seinen Orden, denn er war als wirklicher Geheimer Regierungsrath hierher gekommen. Was kümmerten ihn auch die Berliner, die nur hierher gefahren schienen, um sich über Alles lustig zu machen. Auf heute Abend schon hatte er sich eine Extrapost nach Gotha zur nächsten Eisenbahnstation bestellt und mit diesem beruhigenden Gefühl trat er zum letzten Mal seine Wanderung in die Berge an.
Und jetzt that es ihm fast leid, daß er den schönen Wald wieder so bald verlassen sollte. Früher hatte er allerdings nicht begriffen, wie man an Bäumen ein solches Vergnügen haben könne, wenn sie nicht gemalt im Zimmer hingen oder als Coulissen auf dem Theater standen; er war bis jetzt ein reiner »Stadtmensch« gewesen, der nur eine Existenz in regelmäßigen Straßen und Alleen für möglich und erträglich hielt. Jetzt hatte sich das geändert und er sogar gelernt, Freude an dem geheimnißvollen Rauschen der Wipfel zu finden und dem Zwitschern der Vögel fast mit ebenso viel Vergnügen zu lauschen, als sonst irgend einer berühmten Sängerin oder einem Virtuosen. Auch das »Luftbad,« vor dem er sich früher gefürchtet, war ihm liebgeworden und dabei, mit dem Wald dort oben, ja mit jedem Baum in der langen Zeit bekannt geworden, hatte er den anfänglichen Kreislauf um das Haus, mit dem er begonnen, nach und nach zu einem wirklichen kleinen Spaziergang ausgedehnt. Besonders zog ihn dabei eine Stelle an, die tief versteckt im Dickicht lag und wo er, von einem vorspringenden Felsen aus eine dicht unter ihm liegende kleine, nicht sehr verwachsene Dickung, mit offenen Rasenflecken darin, übersehen konnte. Dort drinnen stand regelmäßig in dieser Tageszeit ein Rudel Rehwild, und da er sich wohl hütete, sie je zu stören, sondern immer vorsichtig hinter seinem Versteck, einem dichten Busch blieb, so konnte er sie von dort aus auch stets in ihren harmlosen Spielen beobachten und sich an ihnen freuen. Ja, er hatte sich dort sogar einen kleinen »Sperrsitz« hergerichtet, wie er es nannte, und zwar einen Platz mit weichem Moos so dick aufgepolstert, daß er wie in einem Lehnstuhl darin saß. Dabei strömte der glatte Felsen um ihn her eine wohlthuende Wärme aus und wenigstens eine Viertelstunde an jedem Tag besuchte er die Stelle und freute sich an dem Anblick des harmlosen Wildes.
Auch heute hatte er natürlich den Platz besucht, um Abschied von seinen Rehen zu nehmen – aber auch nur heimlichen, denn stören wollte er sie nicht oder gar erschrecken, und so saß er denn heute, nachdem er seinen gewöhnlichen, ärztlich befohlenen Spaziergang gemacht, auch wohl ein klein wenig länger als gewöhnlich, auf seinem Lieblingsplatz. Da scheuten die Rehe plötzlich – der Bock sicherte empor und dann verschwanden sie alle in der nächsten Dickung. Hatten sie ihn gewittert? Das war nicht gut möglich, denn er saß so vollkommen gedeckt, und der Luftzug schlug schräg über den Hang hinüber – aber es kam ihm jetzt fast selber so vor, als ob er Stimmen und Lachen in nicht zu großer Entfernung höre. Sollten wirklich Menschen in der Nähe sein?
Der Geheime Regierungsrath sprang etwas erschreckt von seinem bequemen Sitz auf, da er noch dazu nicht einmal Rücksicht mehr auf die schon entflohenen Rehe zu nehmen brauchte. Er horchte auch aufmerksam, ob er vielleicht eine genauere Richtung bestimmen könne, von welcher das Geräusch herüberschalle, aber jetzt war Alles wieder ruhig – irgend ein anderer Laut hatte ihn vielleicht getäuscht – aber weßhalb waren die Rehe da unten flüchtig geworden? Doch wer wußte, was die gewittert hatten; vielleicht einen Fuchs, vielleicht einen Holzhauer – vielleicht auch Kinder, die da unten Heidelbeeren suchten. Trotzdem wurde es Zeit, daß er sich auf den Rückweg machte; er durfte heute überdies nicht zu spät in seinem Wirthshaus eintreffen, da er noch mit der Post weiter wollte und immer noch außerdem einer kurzen Zeit bedurfte, seine Rechnung durchzusehen und zu zahlen und einen Abschiedsbesuch bei dem Förster zu machen. Ohne sich deßhalb länger aufzuhalten, warf er noch einen letzten Blick in das freundliche kleine Thal hinab und wandte sich dann direkt dem Pirschhaus wieder zu.
Dort hatte sich indessen Einiges verändert und der kleine abgeschiedene Platz lag heute nicht so still und einsam wie gewöhnlich, denn eine Berliner Picknick-Partie war an diesem Morgen auf Entdeckungsreisen in den Wald gezogen und zufällig in diesen reizenden Waldwinkel gefallen, wo denn auch augenblicklich beschlossen wurde, Halt zu machen und zu frühstücken.
Berliner sind aber nur in sehr seltenen Ausnahmsfällen blöde, und so kam es denn auch, daß sich die jungen Herren der Gesellschaft, als sie den Schlüssel der Pirschhütte im Schloß fanden, augenblicklich daran machten, das Innere derselben zu untersuchen. Einer von ihnen klopfte an, ein Anderer rief »Herein« und als so allen Formen genügt worden, betraten sie den kleinen Raum, wo ihnen dann vor allen Dingen des Geheimen Regierungsraths Garderobe auffallen mußte.
Dieser war nämlich – von Jugend auf an ein Junggesellenleben gewöhnt – sehr ordentlich und hatte also auch seine ausgezogenen Kleidungsstücke in schönster Reihe auf den Tisch gelegt; zuerst den Rock, dann die Weste, dann die Unaussprechlichen – ober und unter – und zuletzt sogar das Hemd, so daß es aussah, als ob sich da eben erst Jemand entkleidet habe, der nur in die Nebenstube in ein Bad gegangen sei. Aber das Pirschhaus hatte gar keine Nebenstube, ringsumher im Wald waren sie schon gewesen – wo um Gotteswillen befand sich also das Menschenkind, das sich hier ausgeschält und seine »irdische Hülle« dann zurückgelassen?
Die Damen zogen sich allerdings augenblicklich scheu zurück, als sie merkten, daß gar Nichts an der Garderobe fehle. Die Herren wurden aber dafür um so begieriger auf die Lösung des Räthsels und Einer stellte sogar die Vermuthung auf, daß hier ein Verbrechen vorliegen könne, und irgend ein unglückliches Menschenkind erschlagen und seiner Kleider beraubt worden sei, um nicht später durch sie erkannt zu werden, und seine Mörder dadurch in Gefahr zu bringen. Doch dem widersprachen die sorgfältig geordneten Gegenstände.
Eine Uhr fand sich freilich nicht, denn zu der hatte sich der Geheime Regierungsrath eine Tasche in seine Schwimmhose machen lassen, da er doch immer wissen mußte, wie lange er ausblieb – aber in der Westentasche stack Geld und auf dem Tisch lag neben den Sachen auch noch eine Brieftasche, eine silberne Schnupftabaksdose und eine Brille – jedenfalls also Gegenstände, die einem ältlichen Herrn gehören mußten – auch ein Regenschirm lehnte in der Ecke.
»Meine Herrschaften,« rief da der eine junge Mann, ein losgelassener Schnittwaarenhändler aus der Metropolis, »jedenfalls ist die Entdeckung, welche wir hier gemacht haben, außerordentlich und es dabei unsere verfluchte Pflicht und Schuldigkeit, jede mögliche Kunde und Aufklärung darüber zu gewinnen. Ich schlage also vor, daß wir die Brieftasche untersuchen, um darin vielleicht den Namen des Unglücklichen zu erfahren, der gewiß irgendwo draußen im Walde an einer Eiche hängt, oder unter einer Buche ermordet liegt. Assessor, Sie sind ein Theil des Gerichts – ein angehender Tribunalrath – kommen Sie einmal als Zeuge her, ob wir nicht eine Briefadresse oder Visitenkarte finden.«
Ohne Weiteres öffnete er auch die Brieftasche und schon im ersten Fache entdeckten sie drei oder vier Karten, die alle den Namen G. Braunfeld, Geheimer Regierungsrath, trugen.
»Das ist merkwürdig,« sagte der junge Schnittwaarenhändler, »ein Geheimer Regierungsrath, der hier aus der Schale gekrochen ist.«
»Zeichen in der Wäsche stimmt – G. B.,« berichtete der Assessor, der indessen das fragliche Stück untersucht hatte.
»Und was nun?«
»Ja, was nun? Anzeige müssen wir jedenfalls von dem Funde machen, aber ich weiß nicht, ob wir die Sachen an uns nehmen können, denn wenn der betreffende Herr doch am Ende zurückkehren sollte, so –«
»Aber er kann doch nicht in dem Zustand in den Wald gelaufen sein,« rief der junge Schnittwaarenhändler.
»Und wenn er nun in der Nähe ein Bad nähme?«
»In der Nähe?« rief ein junger Buchhändler aus der Metropolis, »hier oben auf dem hohen Berg? Der nächste Bach fließt wenigstens eine halbe Stunde weit, unten im Thal.«
»Stiefel und Hut fehlen,« sagte der Assessor, »jedenfalls, meine Herren, müssen wir zuerst frühstücken, denn das ist das Wichtigere der beiden Momente. Bis dahin behalten wir aber auch Zeit, uns die Sache reiflich zu überlegen und zu einem Entschluß zu kommen; außerdem erwarten uns die entflohenen Damen da draußen mit Schmerzen, um Nachricht über das Außerordentliche zu vernehmen. Spannen wir sie nicht länger auf die Folter.«
Darin hatte er in der That Recht, denn das Corps der Damen erwartete schon in peinlichster Ungeduld die Rückkehr der Herren. Leider konnten ihnen diese aber auch keine weitere Aufklärung bringen, da ein Unglücksfall kaum denkbar war. Keinenfalls lag eine Ermordung vor, denn weder an Wäsche noch Kleidern hatten sich die geringsten Blutspuren gezeigt, ja Alles sah frisch und neugewaschen aus und nicht einmal die Falten schienen zerknittert.
»Aber wo war der Eigenthümer?«
Ja, wer konnte das sagen; jedenfalls erklärten die Herren, daß sie – unmittelbar nach dem Frühstück – nähere Nachforschungen anstellen und den Wald nach allen Richtungen in der Nachbarschaft durchstreifen wollten – aber jedenfalls erst nach dem Frühstück, denn jetzt seien sie alle so ausgehungert, daß sie nicht daran denken könnten, eine derartige anstrengende Pflicht noch vorher zu übernehmen.
Dabei blieb es, und es galt nun, sich einen hübschen und passenden Platz dafür auszusuchen. Allerdings schlug der junge Schnittwaarenhändler vor, sich mitten in den Wald zu lagern, daß man Nichts sehen könne als Bäume, denn das sei so romantisch – aber er wurde überstimmt und zwar aus verschiedenen Gründen: Erstlich war die Sonne plötzlich verschwunden – leichtes Gewölk zog darüber hin, und dahinter her kam eine dicke schwarze Wolke. Plötzliche Gewitter sind auch in diesen Bergen gar nicht etwa so selten und treten dann mit nicht geringer Heftigkeit auf; deßhalb schon war es besser, sich in der Nähe der für diesen Fall sehr zweckmäßigen Hütte zu halten. Dann aber hatte man auch auf diesem Fleck und nicht mehr von der Sonne belästigt, eine ganz reizende Aussicht auf das weite Land; ringsumher standen herrliche Tannen mit einzelnen Buchen dazwischen, und vor der Hütte auf der kleinen Lichtung dehnte sich ein herrlicher, schwellender Grasteppich aus, den man sich nicht hätte besser und weicher wünschen können. Außerdem konnte man im Haus selber ein Feuer anzünden und die mitgebrachte Chocolade kochen, kurz der Platz schien wie gemacht zu einem Picknick und jubelnd und lachend ging man daran, sich vor dem kleinen Pirschhaus auszubreiten und zu lagern. Ein Paar der jungen Leute übernahm dabei das Geschäft, die Chocolade zu bereiten und kaum eine Viertelstunde später waren die mitgebrachten Lebensmittel, die der Träger in einem Korb mitführte, auf einem großen, weißen Tischtuch ausgebreitet und die kleine muntere Gesellschaft, die sich – Berlin gewohnt – hier im Walde wie im Himmel fühlte, lachte und schwatzte lustig durcheinander.
Dabei tauchte freilich immer wieder der Gedanke an den räthselhaften Fremden zwischen ihnen auf – was aus ihm geworden sei – was ihn bewogen haben könne, ohne Kleider den Platz zu verlassen und eine junge Dame warf sogar die entsetzliche Vermuthung auf, daß er am Ende gar wahnsinnig wäre und ihnen noch irgendwo im Walde begegnen könne.
Der Assessor hatte auch – späterer Beweismittel wegen – eine der Visitenkarten mitgenommen, und diese ging jetzt von Hand zu Hand. Ja den Namen des Unglücklichen besaßen sie, wo aber war dieser selber?
Gar nicht so weit – ganz in der Nähe, hinter einer kleinen Gruppe von Tannenbüschen kauerte er, und betrachtete sich in wahrer Verzweiflung die vor dem Haus gelagerte Gruppe von Herren und Damen, die ihm den Rückweg zu seinen Kleidern rettungslos abschnitten und noch keine Miene machten, den Platz in der nächsten Stunde wenigstens wieder zu verlassen.
Durch den Laut menschlicher Stimmen aufmerksam gemacht, hatte er sich beeilt, von seinem Lieblingsplätzchen aus das Pirschhaus wieder zu erreichen, ehe er etwa in seinem Zustand Fremden in den Weg liefe. Aber mit jedem Schritt, den er weiter vorwärts that, wuchs der gefaßte Verdacht, daß er heute, auf seinem letzten Spaziergang, gestört werden würde, und als er die Lichtung endlich vor sich sah, und leise vorwärts kroch, um das Terrain vorher zu sondiren, fand er seine schrecklichsten Befürchtungen noch weit, weit übertroffen und das Entsetzlichste, was ihm überhaupt begegnen konnte, eine Berliner Picknick-Gesellschaft unmittelbar vor der Thür gelagert, die ihn von seinen Kleidern trennte – und was nun?
So konnte er doch nicht vor ihnen erscheinen! schon der Gedanke war furchtbar, und durfte er hier länger in seinem Versteck bleiben, wo er die ihm gestellte Zeit seines Bades schon überschritten hatte? Außerdem fing es an kühl zu werden – die Sonne schien nicht mehr und der Wind begann über die Höhe zu ziehen; er konnte ihn schon oben in den Wipfeln rauschen hören; kam aber wirklich ein Gewitter – etwas keineswegs Unmögliches – so flüchtete natürlich die ganze Gesellschaft in das Pirschhaus und was wurde dann aus ihm? Ein paar Mal reifte allerdings in ihm ein verzweifelter Entschluß, aber er wagte nicht, ihn auszuführen – noch lag die Möglichkeit vor, daß diese entsetzlichen Berliner vielleicht einen Spaziergang machten – vielleicht nur etwas weiter nach vorn auf die Rasenkuppe traten, um sich von dort die Aussicht besser betrachten zu können, und dann wäre er, wie ein Wiesel, wie eine Erscheinung, in das Haus geschlüpft, – aber nein sie rührten sich und wankten nicht und es wurde immer später.
Er überlegte, um einen andern Ausweg zu finden. Wenn er nun das Haus umging und durch das Fenster kletterte? – aber gerade heute hatte er den Laden geschlossen gehalten, der inwendig eingehakt war und nur mit großem Geräusch würde er ihn haben losbrechen können – selbst angenommen, daß er das gedurft.
Jetzt wurde die Gesellschaft davorn auch noch lustig – sie sang. Der junge Schnittwaarenhändler machte den Vorsänger und der Assessor – an zweite Stimmen gewöhnt – setzte zu dieser ein; es schadete auch nicht, daß er ein klein wenig neben hinauskam – er verschwand im Chor. Aber der Wind wehte schärfer, wenn man ihn unten auch noch nicht so stark fühlte; den geheimen Regierungsrath begann es ganz in's Geheim zu frösteln. Lange konnte er diesen Zustand auch nicht mehr ertragen – und welche Leidenschaften bewegten dabei sein Herz! Er ballte insgeheim die Faust – er bekam eine geheime Wuth auf diese Berliner – ja auf alle, obgleich die Mehrzahl vollkommen unschuldig an dieser Situation war – er hätte ihnen den Wein vergiften können – wenn sie damit nur gleich beseitigt gewesen wären. Auch die Wolken waren schwärzer geworden und jetzt – wie ein Dolchstich traf es ihn in's Herz – fühlte er einen schweren, kalten Tropfen auf seiner nackten Schulter.
»Es fängt an zu regnen!« riefen ein paar Damen, die wahrscheinlich ebenfalls die ersten Vorboten gefühlt, und sprangen in die Höhe – »wir müssen in's Haus.«
Das Schreckliche sollte geschehen, der Geheime Regierungsrath von seinen Kleidungsstücken abgeschnitten und in dem Sturm in diesem Zustand hinausgesetzt werden. Das aber ging unmöglich an, und man kann wohl mit Recht behaupten, daß in diesem Moment sein Verstand zu arbeiten aufhörte, seine Ueberlegung und Besinnung, sein Gefühl für das, was er sich und der Welt und besonders seinem Stand schulde, schwand, daß aber dafür sein menschlicher Instinkt – das Gefühl der Selbsterhaltung um so stärker wurde und hervorbrach.
Hier galt rasches und entschiedenes Handeln oder er war verloren – der eine und einzige Grundgedanke erfüllte in diesem Augenblick seine Seele, und sich hinter seinem Busch emporschnellend, und ehe noch eine der jungen Damen im Stande gewesen war, nur einen Schritt gegen das Haus zu thun, sprang er mitten zwischen die laut aufkreischende Gesellschaft hinein.
Allerdings verließ ihn, selbst in diesem furchtbaren Augenblick seine ihm angeborene Höflichkeit nicht.
»Sie entschuldigen,« sagte er, während er artig den Hut abnahm und zu allem Anderen auch noch seine Glatze zeigte; dabei schoß er aber wie ein sich nach beiden Seiten neigender Pfeil auf die Thür des Pirschhauses zu, von der er, während er sie aufstieß, den Schlüssel abzog, sie hinter sich zuschlug, den Schlüssel wieder einsteckte und herumdrehte – und jetzt war er gerettet. Er hörte allerdings hinter sich das plötzlich aufschlagende Lachen der Männer und eine feine Stimme rief – es war der boshafte Schnittwaarenhändler: »Na, wenn das ein jeheimer Regierungsrath ist, so möchte ich einmal einen öffentlichen sehen« – aber die Töne schwammen ihm in einem wilden Chaos vor den Ohren und noch nie im Leben hatte er so rasch Toilette gemacht wie heute. Er fuhr nur so in seine Kleider hinein.
Allerdings versuchten einige Herren die Thür zu öffnen und riefen: »Herr machen Sie auf! es fängt an zu regnen.« Aber er lachte nur ingrimmig in sich hinein, steckte Brieftasche, Schnupftabaksdose und Brille in die Tasche, ergriff seinen Regenschirm, hakte jetzt vorsichtig inwendig die Klappe des Fensters auf, an das er schon vorher einen Stuhl gerückt – horchte hinaus – dort war Niemand von der Gesellschaft zu bemerken – sprang dann mit einem kühnen Satz in's Freie und war auch im nächsten Moment schon spurlos im Dickicht verschwunden.
Indessen fing es wirklich an stärker zu regnen; die Damen hatten sich unter die nächsten Bäume geflüchtet, denn sie würden das Haus ja doch nicht – ja nicht um eine Million – betreten haben, in dessen Thür eben erst dieser Regierungsrath verschwunden war. Die Herren dagegen, weniger scrupulös, klopften stärker und als Einer endlich auf den glücklichen Gedanken fiel, hinten herum und an das Fenster zu laufen, um von außen hineinzusehen, fanden sie dieses offen und den Vogel ausgeflogen.
Jetzt wurde mit Jubel Besitz von dem Haus ergriffen, und selbst die Damen folgten zuletzt der Einladung, dort unter ein vollkommen schützendes Dach zu treten – schon ihrer Toiletten wegen, denn dort konnte man ruhig den Regen abwarten, der allerdings sehr heftig auftrat, aber auch nur sehr kurze Zeit dauerte. Es war eben der äußerste Streifen einer Gewitterwolke gewesen, der über sie wegzog, und während es weiter in den Bergen drin noch dunkel und schwarz lagerte und ferner Donner rollte, zeigte sich bald darauf hier schon wieder blauer Himmel und die Sonne trat heraus.
Der Geheime Regierungsrath aber, hier oben seit dem letzten Monat mit jedem Pfad und Busch bekannt, fand sich rasch wieder zurecht, und ohne sich auch nur einen Moment aufzuhalten, verfolgte er seinen Weg bergab, um sein Wirthshaus zu erreichen – und auch wieder zu verlassen, ehe diese Gesellschaft dort eintreffen konnte. Sein Wagen war ja bestellt und alles Uebrige konnte er in kurzer Zeit abmachen.
Allerdings ließ ihn die Extrapost noch etwas warten, aber den Besuch beim Förster durfte er doch nicht versäumen; er mußte ihm ja auch überdies melden, daß er vergessen habe, den Schlüssel am Pirschhaus abzuziehen und den Laden zu schließen. Er ließ deßhalb dort ein reichliches Trinkgeld für einen der Kreiser zurück, den der Forstmann noch lieber heute Abend hinaufschicken konnte, um dort Alles wieder in Ordnung zu bringen, denn im Wald, wie er meinte, schwärme es von Berlinern und die Gegend sei vollständig unsicher.
Das abgemacht, ging er in das Gasthaus zurück, wo er zum letzten Male sein frugales Diner verzehrte und als Nachkur eine halbe Flasche Rothwein darauf setzte. Endlich kam auch der Wagen; es war indessen schon ziemlich spät geworden; der kleine Koffer wurde hinten aufgeschnallt und fort ging es, aus dem Dorf hinaus – aber er war noch nicht erlöst. Vor sich im Weg sah er plötzlich eine ganze Gesellschaft von Herren und Damen, die jedenfalls von einer Waldpartie zurückkamen – das waren heilig die unglückseligen Berliner, und er drückte sich scheu in seine Wagenecke zurück.
Der vielen Menschen wegen, die nicht so rasch auswichen, mußte aber der Wagen langsam fahren und der Schnittwaarenhändler hatte ein Auge wie ein Falke.
»Das ist der carrirte Rock,« rief er plötzlich aus, »und der Strohhut – guten Abend, Herr Geheimer Regierungsrath! Recht glückliche Reise!«
»Zufahren, Kutscher! Zufahren!« rief der Reisende, während er aber doch mit seiner alten Höflichkeit vor den Damen den Hut lüftete und jetzt auch diesen nicht den geringsten Zweifel über seine Persönlichkeit ließ. Aber der Postillon hieb in die Pferde und wenige Sekunden später rollte der leichte Wagen rasch das freundliche Thal hinab, den murmelnden Bach überholend und doch immer wieder verfolgend in das offene Land hinaus.
Am nächsten Tag gegen Abend erreichte er seine Heimath und hatte dem Doktor schon telegraphirt, mit welchem Zug er zurückkehre, damit er ihn gleich in seiner Behausung finden und über seinen Zustand befragen könne. Der Doktor hatte sich auch eingefunden und lachte mit dem ganzen Gesicht, als er ihn frisch und munter und mit rothen Backen aus seiner Droschke springen sah.
»Nun,« rief er ihm entgegen, »hat die Kur angeschlagen?«
»Wunderbar, Doktor!« rief der Geheime Regierungsrath, die Hand des Arztes schüttelnd – »ich bin wie ein neuer Mensch geworden, habe dabei einen Appetit wie ein Wolf, und schlafe Nachts wie ein Bär.«
»Bravo und haben Sie sich streng nach meiner Vorschrift gehalten?«
»Als ob es ein Evangelium gewesen wäre. Aber glauben Sie nicht, daß ich jetzt wieder eine – eine etwas andere Lebensweise führen darf?«
»Die Luftbäder setzen wir hier in der Stadt aus –«
»Nein, ich meine mit Essen und Trinken.«
»Ei versteht sich – Sie müssen jetzt erst wieder etwas zu Kräften kommen, denn ordentlich mager sind Sie in den vier Wochen geworden.«
»Ja aber, Doktor,« sagte der Geheime Regierungsrath scheu, denn ein angstvoller Gedanke schnürte ihm noch die Brust zusammen, »was – was glauben Sie denn über meinen – über meinen eigentlichen Zustand – über meine Krankheit?«
»Ueber Ihre Krankheit? Daß Sie ein gesunder Mensch sind.«
»Nein – ich – ich meine über die – Trichinen –«
Doktor Asmus lachte so laut und anhaltend, daß der Diener hereinstürzte, um zu sehen, ob vielleicht ein Unglück geschehen wäre, augenblicklich auch wieder erschreckt die Thüre schloß.
»Aber Sie lachen, Doktor – es ist doch bei Gott kein Spaß, wenn man –«
»Aber Sie, Geheimer Regierungsrath, Sie,« lachte der Doktor, »Sie haben ja so wenig Trichinen wie ich –«
»Doktor Asmus –«
»Oder auch je nur gehabt« – fuhr der Doktor fort.
»Je nur gehabt? – und das Mikroscop –« sagte der Geheime Regierungsrath, immer noch halb in Zweifel, halb in Hoffnung.
»Bah,« rief der Doktor – »das war ein Stück von einem confiscirten Schwein.«
»Und da haben Sie mich zu einer solchen Kur« – wollte der Patient auffahren.
»Bst!« sagte aber der Doktor ermahnend – »laut darf die Sache nicht werden, sonst würde man Sie schmählich auslachen und das müssen wir verhüten – aber waren Sie auf andere Weise dazu zu bringen, meinen Verordnungen Folge zu leisten? Gott bewahre – Ihre Constitution erlaubte das nicht – Ihre Lebensgewohnheit – Sie konnten Ihren Nachmittagsschlaf nicht entbehren und Ihren schweren Steinwein. Ihr starker Kaffee war Ihnen Lebensbedürfniß und eine Bewegung im Freien unbequem. Wo Sie sich deßhalb einmal draußen blicken ließen, hatten Sie auch richtig eine Erkältung weg und ruinirten Ihren Körper dabei muthwillig. Mit Vernunftgründen richtete ich auch Nichts mehr bei Ihnen aus, soviel sah ich ein, deßhalb mußte ein Parforcemittel angewendet werden. Um Ihnen aber einen heilsamen Schrecken einzujagen, dazu brauchte ich die Trichinen und ich denke, die haben Sie auf den Trab gebracht, wie?«
»Doktor, das war aber grausam,« sagte der Geheime Regierungsrath – »ich habe eine Heidenangst ausgestanden.«
»Geschieht Ihnen Recht,« lachte der Doktor, »aber gesund sind Sie dabei geworden, und das ist die Hauptsache, und wenn Sie jetzt einen Rückfall bekommen, harpunire ich Sie wieder und schicke Sie noch ein Mal in ein Luftbad, das merken Sie sich.«
Und damit schüttelte er seinem gewesenen Patienten die Hand und ließ ihn – noch keineswegs mit sich selber einig, ob er dem Doktor danken oder böse auf ihn sein sollte, mitten in der Stube stehen.
An dem nämlichen Abend noch bekam der Doktor aber einen großen Korb Champagner mit 25 Flaschen in's Haus geschickt, und auf demselben war ein Zettel mit den Worten befestigt: Mittel gegen Trichinen.